Io, Leda, Europa. Ihre Rolle in Ovids "Amores" sowie in den "Metamorphosen"


Hausarbeit, 2017
11 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
1) Von der Elegie zum Epos
2) Nennung der drei mythischen Frauen in den Amores
3) Io in den Metamorphosen, Buch I, V. 568-746
4) Leda in den Metamorphosen, Buch VI, V. 109
5) Europa in den Metamorphosen, Buch II, V. 833-875
6) Unterschiede der Darstellung in den beiden Werken

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Folgenden soll die Nennung und Wahl der drei mythischen Frauen Io, Leda und Europa im Gedicht I,3 in Ovids Amores genauer betrachtet und analysiert werden. Zudem wird Amores I,3 mit den passenden Stellen aus Ovids Metamorphoses verglichen, nämlich für Europa in Metamorphoses Buch II, V. 833-875; für Io Buch I, V. 568-746 und für Leda Buch VI, V. 109.

Hauptteil

1) Von der Elegie zum Epos

Das Gedicht I,1 der Amores beginnt mit den folgenden Versen:

Arma gravī numerō violentaque bella parābam

ēdere, māteriā conveniente modīs.

pār erat īnferior versus; rīsisse Cupīdō dīcitur atque ūnum surripuisse pedem.

Hier erklärt Ovid, in seinen Anfängen seiner Karriere als Dichter, dass er ursprünglich einen Epos anstatt eine Elegie schreiben wollte, ihm Cupido jedoch einen Versfuß weggerissen hätte. Ovid, gemeinhin als lusor bekannt, startet spielerisch somit in seine Liebeselegie, was sich wohl als guten Einstieg eignet1, wobei angemerkt werden muss, dass diese rescusatio seit Vergil2 für Elegiker ein gängiges Stilmittel ist. Dennoch beweist sich Ovid in seiner Elegie eher als „antielegisch“3, was seine Rolle als lusor lediglich unterstreicht.

Dass er in dem viel später geschriebenen Epos Metamorphoses eben jene drei mythischen Frauen, die zu Beginn der Amores genannt werden, aufgreift, wirft die Frage auf, inwiefern er bewusst jene Mythen auserkoren hat, um sie in seinen

Metamorphoses niederzuschreiben, da ein gewisser Rahmen somit um sein Werk gespannt wird.

2) Nennung der drei mythischen Frauen in den Amores

carmine nōmen habent exterrita cornibus Īō

et quam flūmineā lūsit adulter ave

quaeque super pontum simulātō vecta iuvencō virgineā tenuit cornua vāra manū.

In I,3 V. 20-24 werden zuerst Io, dann Leda und schließlich Europa erwähnt. Bemerkenswert ist hierbei, dass lediglich Io namentlich angeführt wird. Leda wird damit beschrieben, dass der ehebrecherische Flussvogel, also Jupiter in Form eines Schwans, mit ihr spielt; Europa ist dadurch gemeint, dass Ovid schreibt: „und die, die gebogenen Hörner mit der jungfräulichen Hand hält, nachdem sie von dem vorgetäuschten Jungstier über das Meer getragen wurde“. Da ein dezidiertes mythisches Hintergrundwissen vorausgesetzt wird, spricht Ovid als poeta doctus den lector doctus an.

In diesen vier Versen will Ovid seiner puella zeigen, dass durch die Dichtung Namen überhaupt erst bekannt werden und dadurch Unsterblichkeit erlangen. Er prahlt hier mit seinen „Dichterfähigkeiten, über welche er als ein elegischer Liebhaber wie Tibull oder Properz verfügt“4. Ovid entwickelt eine subtile Ironie, wenn er in diesem Zusammenhang zwar von drei Frauen spricht, aber lediglich eine - nämlich Io - mit Namen nennt.

Doch nicht nur das verbindet die drei Frauen, sondern auch, dass alle drei von Jupiter verführt werden, wobei „verführen“ eher euphemistisch gemeint ist. Jupiter selbst wird ebenfalls in den Versen, in denen Leda und Europa umschrieben werden, nicht namentlich erwähnt, sondern einmal als fluminea [ … ] adulter ave (V. 21) und als simulato [ … ] iuvenco (V. 22) dargestellt. In Vers 20, der Ios Schicksal kurz benennt, ist gar nicht von einem Verführer oder Liebhaber, geschweige dem Göttervater, die Rede.

Für einen Leser, der die Anspielungen auf die mythischen Stoffe nicht entdeckt, wird somit die aufrichtige Absicht Ovids betont. Der lector doctus aber erkennt sofort die Ironie hinter diesen Versen.

3) Io in den Metamorphosen, Buch I, V. 568-746

Nachdem Jupiter Io sieht und sie für sich würdig hält (V. 589: o virgo Iove digna), bittet er sie darum, nicht vor ihm zu fliehen (V. 597: ne fuge me!). Diese Stelle erinnert zumindest sinngemäß an V. 18-19 in den Amores I,3:

tē mihi māteriem fēlīcem in carmina praebē:

prōvenient causā carmina digna suā.

Es wird beschrieben, wie Ovids angesprochene Geliebte wird ihm glückseliges Material für Gedichte liefern wird, für Gedichte, die ihrer würdig (s. digna) sind. Parallelen zeichnen sich zwischen Jupiter und Ovid bezüglich ihrer Geliebten ab - beide Frauen sind für den Mann würdig (s. digna) - dies lässt die Aussagen beider als Versuch einer Umwerbung gelten.

Als Io in den Metamorphoses dann doch zu fliehen versucht, hindert Jupiter sie daran und vergewaltigt sie, er raubt ihr die Scham (V. 600: rapuitque pudorem). Auch diese Stelle lässt sich gut mit I,3 der Amores verknüpfen. In Vers 14 nennt Ovid als eines seiner Attribute die purpurrote Scham (purpureusque pudor), was im Kontext von I,3 „eher suspekt als vertrauenserregend“5 wirkt, aber hyperbolisch im Sinn der Elegie steht.

Dass Jupiter nun in der eben genannten Stelle in den Metamorphosen der Io den pudor raubt, ist ein Paradoxon verglichen mit dem Gedicht aus den Amores, in dem Io erwähnt wird. Wie kann Ovid sich mit purpurnem Scham beschreiben und gleichzeitig mit jemandem vergleichen, den er später als schamraubend bezeichnet? Hier kommt eine gewisse Ironie, die jedoch nicht unbedingt wertend zu verstehen ist6, hervor, vorausgesetzt, dass es sich hierbei um keinen Zufall handelt, da eine nicht unbeträchtliche Zeitspanne zwischen den beiden Werken liegt. Dies würde ein weiteres Mal Ovids Genie und seine ausgefeilte Tätigkeit als lusor porträtieren.

Nach der Vergewaltigung Ios verwandelt Jupiter sie in eine Kuh, um sie vor der rachsüchtigen Juno zu schützen. In den Amores wird Io als exterrita cornibus (V. 20) beschrieben - also ist diese Metamorphose eindeutig negativ und unangenehm für Io konnotiert.

In der weiteren Rezeptionsgeschichte dieses Mythos, allerdings außerhalb der ovidischen Tradition, erfährt man, dass Io in ihrer neuen Gestalt bis ans Nilufer laufen musste, um dort endlich zurück verwandelt zu werden. In Aischylos „Der gefesselte Prometheus“, insofern man dieses Werk Aischylos zuschreiben kann, sieht sie sogar auf dem Weg dorthin den gefesselten Prometheus7.

4) Leda in den Metamorphosen, Buch VI, V. 109

Im Vergleich zu Io und Europa wird Leda in Ovids Metamorphoses lediglich in einem einzigen Vers erwähnt, Vers 109, nämlich in der Sage um Arachne im Wettstreit mit Pallas Athene:

fēcit olōrīnīs Lēdam recubāre sub ālīs;

Dort webt Arachne das Bild der Leda in ihren Wandteppich ein.

Während der Wandteppich der Pallas Athene darstellt, wie die Göttin im Wettstreit gegen Neptun siegt und somit die Schutzgöttin Athens wird, zeigt jener der Arachne Untaten der Götter. Als zweite Szene auf ihrem Teppich wird Leda gewoben. Somit reiht sie Leda als ein Opfer der Götter, impliziter gesagt als ein Opfer des Jupiters, ein.

Die von Arachne gewobene Szene der Leda zeigt, wie sie begattet (vgl. recubare) wird. Diese Darstellung enthält weder Scham noch Liebe, sondern pure Körperlichkeit und Sexualität, ganz im Kontrast zu den Versprechungen und Beteuerungen Ovids in den Amores I,3 seiner puella gegenüber .

Dadurch wird ein großer Interpretationsraum geschaffen. Durch seine „subtile Verwendung von Witz, Humor und Ironie“8 steht es dem Leser offen, dies als Witz oder eher als eine Besinnung zu verstehen - in dem einen Fall wird das klassische Rollenbild hinterfragt, wenn der verweichlichte Mann um die puella dura wirbt, in dem anderen wird pure Virilität zum Ideal stilisiert.

Man darf hierbei aber nicht außer Acht lassen, dass „Elegiker ihr zeitgenössisches Publikum primär erotisieren und amüsieren und ihm auf diese Weise gute Unterhaltung bieten wollten“9 - was den Vergleich dieser Stellen zwar einerseits ironisch hinsichtlich auf die Absichten des amator in den Amores macht, aber auch zutiefst elegisch anmutet.

5) Europa in den Metamorphosen, Buch II, V. 833-875

Dieser Mythos behandelt die Metamorphose der Verwandlung Zeus' in einen weißen, schönen und vermeintlich sanftmütigen Jungstier. Europa, die Tochter eines mächtigen Königs (V. 844: magni filia regis), spielt mit anderen jungen Frauen, als Zeus sie erblickt.

Um sie ent- bzw. verführen zu können, verwandelt Jupiter sich in einen Stier, von dem Europa angetan ist und mit ihm spielt, bis sie schließlich auf seinen Rücken steigt. Daraufhin überquert Jupiter das Meer, um die Jungfrau für sich alleine haben zu können (V. 872-873: inde abit ulterius mediique per aequora ponti fert praedam).

An dieser Stelle ist die Wahl der Vokabel praedam (V. 873) sehr interessant, da Ovid in den Amores I,3 sich zu Beginn selbst als Beute sieht (V.1: I ū sta precor: quae m ē n ū per praed ā ta puella est). Ein weiteres Mal lässt sich hier also ein antithetisches Verhältnis von amator und puella im Vergleich der beiden Werke feststellen. Dies hebt nur die übertriebene Art des Dichters in Amores I,3 hervor und somit den Witz dahinter.

Der Macht- und Sexualdiskurs, der in der Elegie „provokant auf den Kopf

[gestellt wird]“10, was gewiss anti-augusteisch interpretiert11 werden kann, kehrt in den Metamorphoses zu seinem ursprünglichen, etablierten Zustand zurück.

In den Metamorphosen, Buch VI wird in der Geschichte der Arachne, die bereits bezüglich Ledas bereits genannt wurde, ebenfalls Europa erwähnt. Auch sie wird in den Wandteppich der Arachne gewebt (V. 103-108).

Sie ist, genau wie Leda, Opfer eines göttlichen Seitensprungs. Sie wird auch in diesem Text Jupiter unterlegen, von ihm getäuscht (V. 103: designat imagine tauri) und ängstlich (V. 108: adsilentis aquae timidasque reducere plantas) dargestellt.

Ovid verflechtet seine Geschichten miteinander, er webt mit diesen aufscheinenden Parallelen zwischen den Amores und den Metamorphoses einen literarischen Teppich - der textor Ovid entwirft seine Texte wie Arachne ihre Netze. Hier bietet das Wortspiel des Textes und dessen Herkunft im lateinischen tectere ein anschauliches Bild.

6) Unterschiede der Darstellung in den beiden Werken

Geht man also davon aus, dass Ovid seine Metamorphosen an seine früheren Werke, insbesondere an die Amores, angeknüpft hat, so lässt sich eine gewisse Spannung feststellen.

Dadurch, dass Jupiter der Verführer aller drei mythischen Frauen ist und Ovid sich in den Amores mit ihm vergleicht, kommt es zu einer Adaequatio der beiden Männer. Generell lässt sich festhalten, dass Ovid sich der Humanisierung der Götter12 bedient. Gleichzeitig hebt er aber auch den Menschen - wenn nicht sogar sich selbst - auf eine Ebene mit den Göttern. Ovid, der sich seines Talents bewusst ist, beansprucht für sich durch seine Gedichte den Nimbus eines Unsterblichen, ein Titel, der eigentlich nur Göttern und Halbgöttern zusteht13.

Bereits erwähnt wurde die antithetische Darstellung zwischen Frau und Mann innerhalb der Werke.

[...]


1 cf. McKeown 1987, 12.

2 cf. Holzberg 2011, 7f.

3 Glatt 1991, 35.

4 Weinlich 1999, 34.

5 Weinlich 1999, 33.

6 cf. Weinlich 1999, 16.

7 cf. Aischylos 1996, V. 561ff.

8 von Albrecht 2003, 47.

9 Holzberg 2011, 27.

10 Holzberg 2011, 22.

11 cf. Holzberg 2011, 22.

12 cf. Galinsky 1975, 169.

13 cf. Galinsky 1975, 44.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Io, Leda, Europa. Ihre Rolle in Ovids "Amores" sowie in den "Metamorphosen"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V386605
ISBN (eBook)
9783668607262
ISBN (Buch)
9783668607279
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rom, Latein, Antike, Ovid, Amores, Metamorphosen, Metamorphoses, I.3, Io, Leda, Europa, Mythologie
Arbeit zitieren
Rahel Stahmann (Autor), 2017, Io, Leda, Europa. Ihre Rolle in Ovids "Amores" sowie in den "Metamorphosen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386605

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