Muss erotisch-sexuelle Interaktion grundlegender Bestandteil für die reine Beziehung sein?

Sexualität in Paarbeziehungen


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1 Kurzzusammenfassung
S. 2
2. Einleitung
S. 3
2.1.
Untersuchungshypothese
S. 3
2.2.
Gang der Arbeit
S. 3
3. Formen und Merkmale spätmoderner Beziehungen
S. 4
3.1.
Intimität
S. 4
3.2.
Sexualität
S. 5
3.3.
Die bürgerliche Ehe
S. 6
3.4.
Die romantische Liebe
S. 7
3.5.
Die reine Beziehung
S. 8
3.6.
Serielle Monogamie
S. 9
3.7.
Masturbation
S. 10
4. Zwischenfazit
S. 12
5. Sexueller Stellenwert im Vergleich; Paarbeziehung vs. Ehe
S. 12
6. Sexuelles Klagen - was, wenn ,,es" nicht geht?
S. 14
7. Definition Freundschaft und Beziehung; wo ist die Grenze?
S. 16
8. Résumé
S. 17
S. 19
Literaturverzeichnis
1

1. Kurzzusammenfassung
Ich habe diese zwei Freunde, beide um die 30 Jahre alt. Seit fast einem Jahr kennen sie sich.
Erst haben sie sich regelmäßig getroffen, dann telefoniert, sich Nachrichten geschrieben.
Dann schlief er bei ihr, immer wieder. Sie waren sich von Anfang an sehr nah, auf einer
,,Wellenlänge". Sie wollte immer mehr, fühlte sich zu ihm hingezogen, vor allem körperlich.
Als seine ,,Weggefährtin" bezeichnet er sie. Seit vier Monaten führen sie offiziell eine
Beziehung miteinander. Jetzt hat sie ihr Studium beendet, hat die Stadt verlassen, er ist noch
eine Weile hier. Die Beziehung wollen sie fortführen. Er lebt seit geraumer Zeit, wie er sagt,
,,abstinent". Sie hatten bis heute keinen Sex, sie küssen sich nicht, kein ,,Fummeln". Sie darf
in seinem Arm schlafen, sich ankuscheln, wenn sie im Bett liegen. Das ist alles. Sex mag er
nicht, er hat ,,da keinen Spaß dran", fühlte sich dazu immer gezwungen, will es deswegen
,,erst mal nicht mehr". Zu Beginn fand sie das aufregend, ,,nicht gleich miteinander ins Bett
steigen, sich erst kennen lernen". Sie hat sehr gern Sex; dieses ,,sich fallen und gehen lassen,
den Kopf ausschalten" liebt sie. Sie verzehrt sich nach ihm. Er kann und will ihr das
,,körperliche" nicht geben und es tut ihm leid, aber verlieren will er sie nicht und vor allem
nicht die Beziehung beenden. Wie es in der neuen Situation weiter gehen soll - sie in einer
anderen Stadt mit all' den Menschen, potenziellen Sexualpartnern, wie wolle er sie halten?
Trennung kommt auch für sie eigentlich nicht in Frage. Nach vielen langen Gesprächen voller
Verzweiflung und Unsicherheit auf der Suche nach einer Lösung kamen sie zu einem
Kompromiss: er erlaubt ihr, in der neuen Stadt mit anderen Männern zu schlafen. Aber sie soll
ihn darüber informieren, offen mit ihm darüber sprechen, wenn es dazu kommt. Aber nur
unter der Prämisse, dass es rein um den Sex geht und nicht um den Menschen. Sie soll ihm
treu bleiben. Sie wollen es versuchen.
Ist dieses Beispiel tatsächlich das, was wir unter einer ,,Beziehung" verstehen? Gibt es ein
bestimmtes Schema, nach dem sich die reine Beziehung der Spätmoderne aufbaut, gibt es
gewisse Regeln, die zu beachten sind? Und was ist überhaupt diese ,,reine Beziehung"? In
dieser wissenschaftlichen Arbeit soll es um die Frage gehen, ob Sexualität der Kern der reinen
Beziehung
1
ist. Inwieweit funktioniert eine Beziehung, wenn besonders junge Paare, die noch
am Anfang der Beziehung stehen, weitestgehend aus Gründen von persönlicher Einstellung
1
Vgl. Schmidt, Gunter (2011): Das neue Der Die Das. Über die Modernisierung des Sexuelle. Gießen:
Psychosozial-Verlag
2

oder auch sexueller Funktionsstörungen auf ihre Sexualität verzichten und was bedeutet dies
für den weiteren Verlauf? Wie verhält sich der Tatbestand bei Langzeitbeziehungen von
Älteren ohne gemeinsame Sexualität? Welche Lösungsansätze gibt es und inwieweit sind
diese von Nöten? Wie ausschlaggebend sind, trotz des historischen Wandels in der
Beziehungswelt, vergangene Generationen für die eigene Sexualität im Alter und wo liegen
die Unterschiede zwischen einer nichtehelichen Beziehung und der Ehe? Und wie sieht es mit
der Treue aus?
2. Einleitung
,,Wenn ein Paar beginnt, sexuell zu interagieren, wird es kompliziert."
2
Mit diesem Satz
beginnt Martina Löw ihren Aufsatz über Sexualität in dem ,,Handbuch Soziologie". Doch was
ist das eigentlich - Sexualität, sexuell sein? Dieser Frage und der Frage, welchen Stellenwert
diese Sexualität für und in Beziehungen unserer spätmodernen Gesellschaft hat, werde ich in
der folgenden Arbeit nachgehen. Hinzugezogen habe ich die wissenschaftlichen Studien
verschiedener Soziologen und Sexualwissenschaftler sowie eine klinische Aufklärung über
sexuelle Funktionsstörungen. Zudem werde ich einen historischen Vergleich der letzten 40
Jahre anstellen, inwieweit sich die Wertvorstellungen in der Ehe verändert haben und welchen
Stellenwert die Ehe heute hat, was die Individualisierung des Einzelnen mit sich bringt und in
einem kurzen Abriss den Unterschied zwischen Freundschaft und Beziehung erläutern.
2.1. Untersuchungshypothese
Muss erotisch-sexuelle Interaktion grundlegender Bestandteil für die reine Beziehung sein?
2.2. Gang der Arbeit
Zuerst werde ich das Thema anhand der zentralen Begriffe und Definitionen genauer
untersuchen, um den Gegenstandsbereich eingrenzen und bestimmen zu können und die
Beziehungskonstrukte transparenter zu machen. Der nächste Schritt wird dann sein, den
Stellenwert der Sexualität in der Paarbeziehung und der Ehe zu vergleichen und darauf
folgend wird es einen klinischen Abriss geben, in dem ich genauer auf sexuelle
2
Löw, Martina (2008): Sexualität. In: Baur, Nina/ Korte, Hermann/ Löw, Martina/ Schroer, Markus (Hrsg.):
Handbuch Soziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 431
3

Funktionsstörungen eingehe. Einen thematischen Bruch gibt es anschließend mit einer kurzen
Auseinandersetzung zu den Grenzen zwischen Freundschaft und Beziehungen. Zum Schluss
geht es, um den Kreis zu schließen, noch einmal in Bezug auf das Beispiel um die zu
untersuchende These meiner Arbeit mit einem persönlichen Fazit.
3. Formen und Merkmale spätmoderner Beziehungen
Will man sich mit einem Themenbereich wie der Sexualität in der Soziologie auseinander
setzen, ist es sinnvoll zunächst den Gegenstandsbereich der Untersuchung inhaltlich,
begrifflich und definitorisch ein- und abzugrenzen. Dies erfolgt hier anhand zentraler
Begrifflichkeiten und Definitionen. Das, was Anthony Giddens als ,,reine Beziehung"
bezeichnet, soll hier Gegenstand der Untersuchung sein. Andere Autoren und Wissenschaftler
kreisen mit ähnlichen Begrifflichkeiten um das Phänomen von sich wandelnden
Beziehungsformen. Hier tauchen die unterschiedlichsten Bezeichnungen und Beschreibungen
auf, wie ,,Enttraditionalisierung von Lebensformen" z.B. bei G. Schmidt, Beck-Gernsheim
und A. Giddens, ,,spätmoderne Beziehungswelten" bei G. Schmidt, A. Dekker, S. Matthiesen,
K. Starke, ,,Wegwerfbeziehung", ,,Beziehung pur", ,,Diesseits der Ehe", ,,Sexuelle
Liberalisierung", ,,Sexuelle Selbstbestimmung", ,,Neosexuelle Revolution", ,,Rückkehr der
Normalität der Vielfalt", ,,Beziehungsfluktuation", ,,nichtkonventionelle Lebensformen",
,,Pluralisierung des Sexualverhaltens", ,,fuzzy matrix", ,,Microdots", ,,Lovemaps",
,,Sexualkodex", ,,Wandel der Intimität", ,,soziale Konstruktion der Liebe", ,,Postmoderne
Familie, Postmodernes Paar" usw. Was hierdurch und durch ähnliche Begrifflichkeiten erfasst
und beschrieben werden soll, und es handelt sich dabei um Begrifflichkeiten soziologischer
Erklärungsversuche, bezieht sich vor allem auf die von G. Schmidt, R. Peukert und A.
Giddens aufgestellte These, dass Sexualität in heutigen Beziehungen nicht mehr den
Stellenwert hat, der ihm häufig zugesprochen wird. Hier wird sogar eine dominanter Trend
ausgemacht, dass in modernen Beziehungen Sex wichtig sei, aber nicht das wichtigste.
An den Eckpfeilerbegriffen soll aus pragmatischen Gründen der Gegenstandsbereich im
Folgenden weiter spezifiziert und verdeutlicht werden.
3.1. Intimität
Nach Gunter Schmidt wird Intimität im Bezug auf 'intimate citizenship' ,,breit definiert und
4

umfasst sexuelle Präferenzen, Orientierungen und Vorlieben, Beziehungsformen, Formen des
Zusammenlebens mit Kindern, Formen der Elternschaft, Versionen von Männlichkeit und
Weiblichkeit. (...), alle finden sozusagen ihre Heimat in der Vielfalt."
3
Die Individuen
bestimmen ihre Intimität also frei und selbstständig, müssen aber auch die Grenzen der
anderen achten. Somit ist Intimität alles das, was das Individuum innerlich und äußerlich und
sein engstes soziales Umfeld anderer Individuen betrifft. Hierbei geht es nicht nur um seine
Sexualität sondern um seine ganze Gefühlswelt und Emotionalität, sinnlich wie auch
körperlich.
3.2. Sexualität
Rüdiger Lautmann gab Ende der 80er-Jahre folgende Definition für ein soziologisches
Wörterbuch: ,,Sexualität ist eine kommunikative Beziehung, bei der Akteure Gefühle erleben,
die eine genitale Lust zum Zentrum haben, ohne sich darauf zu beschränken. Für das sexuelle
Erleben ist ein Orgasmus weder notwendige noch hinreichende Bedingung, und extragenital
festgemachte Emotionen gehören dazu."
4
Die Sexualität hat in den letzten 40 Jahren einen
starken Wandel durchlebt. Wo sie früher ausschließlich in der Ehe vollzogen wurde und als
eheliche Pflicht galt, hat sich sich in den letzten Jahrzehnten von sexualmoralischen Zwängen
frei gemacht. Dieses Phänomen liegt einer Veränderung des gesellschaftlichen Wertesystems
zugrunde. Durch diverse revolutionäre Bewegungen, welche eine Enttraditionalisierung der
Geschlechterrollen, wie auch der Lockerung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung mit
sich brachten, hat die Sexualität heute an neuer Bedeutung gewonnen. Ihre Prämisse ist die
Befriedigung aller Beteiligten in Form eines gemeinsamen, intimen Erlebnisses. ,,Sexualität
als Ausdruck der Liebe, als intimes Erlebnis und als unverzichtbare Basis einer Beziehung"
5
war der Stellenwert in der Phase der romantischen Liebe. Der Dreischritt von der Etablierung
der institutionalisierten (bürgerlichen) Ehe über das Konstrukt der romantischen Liebe" bis
zur ,,reinen Beziehung" wird von Matthiesen als sozialhistorischer Wandel bezeichnet ,,von
einer formal-institutionellen zu einer intersubjektiven und prozessualen Definition von
Beziehungen, in deren Verlauf Sexualität in den Mittelpunkt moderner Beziehungen gerückt
3
Schmidt, G. (2011): S. 18
4
Lautmann, Rüdiger (2002): Sexualität, eine soziale Tatsache. In: ders.: Soziologie der Sexualität. Erotische
Körper, intimes Handeln und Sexualkultur. Weinheim: Beltz Juventa
5
Matthiesen, Silja (2007): Wandel von Liebesbeziehungen und Sexualität. Empirische und theoretische
Analysen. Gießen: Psychosozial-Verlag. S. 83
5

ist".
6
Damit begann der historische Transformationsprozess bzw. der Prozess der
Dekonstruktion des Eheinstitutes, das vor allem durch das jüdisch-christliche Denken und
Augustinus geprägt war, schon mit der sogenannten romantischen Liebe, in der Liebe und
Emotionen und damit die Liebesheirat ,,ins Zentrum von Familien- und Paarbeziehungen
gerückt sind". Seit den 1960er-Jahren wird Ehe nicht mehr von Interessen der beteiligten
Familien oder ökonomischen Aspekten bestimmt, sondern von freier Wahl unter dem
Gesichtspunkt des Gefühls, ,,sich zu lieben und zu begehren". Diese Emotionalisierung der
Beziehungen bildet nun die Basis der modernen Sexualität. Die Kleinfamilie wird zum Ort
von Liebe und intimen Erlebnissen, die Emotionalität zur Basis der Beziehung und Sexualität
zum Ausdruck der Liebe. Der Deinstitutionalisierung der Ehe aufgrund der Abnahme
ökonomischer Abhängigkeiten der Ehepartner voneinander folgt eine Eroberung immer
weiterer Lebensbereiche durch eine säkularisierte, liberalisierte Sexualität, die sich nicht mehr
an ökonomisch, soziale oder religiöse Werte, Regeln und Abhängigkeiten, sondern ,,an die
Befriedigung emotionaler Bedürfnisse gebunden fühlt".
7
Von hieraus hat sich ein neues
Konstrukt entwickelt, das der ,,reinen Beziehung", die sich nicht nur von der romantischen
Liebe abgrenzen lässt, sondern diese Transformationsimpulse weiter entfaltet. In ihr ist die
Sexualität ,,für den Beziehungsaufbau als auch als Indikator für Qualität und Lebendigkeit der
Beziehung"
8
zu sehen. Weiteres hierzu in 3.5. Die reine Beziehung und 5. Sexueller
Stellenwert im Vergleich; Paarbeziehung vs. Ehe.
3.3. Die bürgerliche Ehe
Der Wandel der Sexualität ging nicht spurlos an der Institution Ehe vorbei. Mit Beginn der
sexuellen Revolution Ende der 60er Jahre verlor die Ehe über den gesamten zeitlichen Verlauf
bis heute größtenteils ihren Stellenwert in der Gesellschaft
9
Zu erst verlor sie die
Berechtigung sexueller Aktivitäten, nun schwindet auch die Identifikation von Beziehung und
Familie mit dem Begriff der Ehe. Inzwischen sinkt die Heiratsneigung sogar sowie die
Wahrscheinlichkeit auf mindestens eine Heirat pro jungem Erwachsenen und wenn dann doch
6
Matthiesen, S (2007): S. 83
7
Ebd.: S. 83-85
8
Ebd.: S. 86
9
In der Untersuchung über die Sexual- und Beziehungsbiographien in ,,Spätmoderne Beziehungswelten.
Report über Partnerschaft und Sexualität in drei Generationen" von u.a. Gunter Schmidt (2006) kann man im
Kapitel 'Sexualleben' anhand einer Statistik erkennen, dass aus dem Geburtsjahrgang 1972 nur noch 22% der
Befragten zum Zeitpunkt der Studie verheiratet waren. Sie waren zu dieser Zeit bereits 30 Jahre alt.
6
Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Muss erotisch-sexuelle Interaktion grundlegender Bestandteil für die reine Beziehung sein?
Untertitel
Sexualität in Paarbeziehungen
Hochschule
Universität Kassel  (Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Soziologie der Sexualität (oder Soziologie des Körpers)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V387297
ISBN (eBook)
9783668615670
ISBN (Buch)
9783668615687
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Beziehung, Paarbeziehung, reine Beziehung
Arbeit zitieren
Elisa Beier (Autor), 2014, Muss erotisch-sexuelle Interaktion grundlegender Bestandteil für die reine Beziehung sein?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387297

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