Literatur im Spannungsfeld zwischen Dokument und Fiktion. Michael Herrs "Dispatches" und Ron Kovics "Born on the Fourth of July" als frühe Repräsentation des Vietnamkrieges


Masterarbeit, 2012
78 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I
1. Einleitung
2. Diskussion über die amerikanische Kriegsliteratur seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
3. Der erste Fernsehkrieg der Geschichte
4. Der Vietnamkrieg in der amerikanischen Literatur
5. Die Entstehungsgeschichte des New Journalism
6. Die literarische Verarbeitungsmöglichkeiten des Krieges mit Hilfe des New Journalism

Kapitel II
7. Analyse des autobiographischen Dokuments Born on the Fourth of July
8. Struktur und Erzählperspektive in Born on the Fourth of July
9. Sprache in Born on the Fourth of July
10. Kampf und Krieg in Born on the Fourth of July

Kapitel III
11. Analyse der Reportag Dispatches
12. Struktur und Erzählperspektive in Dispatches
13. Sprache in Dispatches
14. Kampf und Krieg in Dispatches
15. Zusammenfassung
16. Bibliographie

Kapitel I

1. Einleitung

Der Vietnamkrieg stellte das zentrale Ereignis der US-amerikanischen Postmoderne dar und ist bis heute im Bewusstsein der meisten Amerikaner als “ the war that won’t go away “ (Hiebert, S.64) präsent. Die zum Teil sehr kontroverse Debatte um diesen Krieg wurde auch in den Jahren des Krieges und seit dem Ende des Krieges sehr mittelbar in der amerikanischen Literatur geführt. Zwischen 1960 und 1970 wurden nur ganz wenige Romane über den Vietnamkrieg veröffentlicht. Die literarische Auseinandersetzung mit dem Krieg begann erst ab Anfang der frühen achtziger Jahre. Ein Grund für die erst späte literarische Aufarbeitung des Krieges liegt darin begründet, dass die Menschen etwas Zeit brauchten, um sich von dem Krieg zu erholen und zu distanzieren.

Es waren ehemals beteiligte Soldaten und Reporter, die sich als erste mit dem Vietnamkrieg literarisch auseinandersetzten. Diese ersten Autoren waren noch relativ jung und schrieben in ihren Werken meist über ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen. Als bemerkenswerte Memoiren sind Philip Caputos A Rumour of War (1977) oder John Balabans Remembering Heaven’s Face (1991) zu nennen. Eine Art des Schreibens, welche sich zu Beginn der 60-er Jahre entwickelte, ist der New Journalism. Autoren wie Tom Wolfe, Jimmy Breslin oder Gay Talese begannen die traditionellen Regeln von Journalismus und Literatur aufzubrechen. Sie stellten die Spannungsfelder zwischen Objektivität und Subjektivität und zwischen Fakt und Fiktion neu zur Diskussion. Die Reportage Dispatches (1977) von Michael Herr und das autobiographische Dokument Born on the Fourth of July (1976) von Ron Kovic, welche zeitlich am Ende des Krieges angesiedelt sind und auf ein vom Krieg noch sehr betroffenes Lesepublikum zielen, haben einen postmodernen Impuls und lassen sich in den New Journalism einordnen. Beide Autoren haben unterschiedliche Schwerpunktsetzungen. Im Falle von Kovic steht das dokumentarisch Überprüfbare im Vordergrund, wobei Herr seine eigene Person und das Erlebte sofort literarisch verändert. Dadurch legt er den Schwerpunkt auf die Fiktion.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung, warum beide Autoren jeweils andere Wege gehen, was sie dadurch gewinnen oder verlieren, und wie die Texte den Leser in eine Auseinandersetzung um diesen Krieg einbeziehen. Dazu benötige ich zu Beginn eine kurze historische und kulturelle Kontextualisierung, die auf die erste Hälfte der 70-er Jahre zielt, da in dieser Zeit beide Texte geschrieben wurden und der Krieg nachwievor in dem Bewusstsein der amerikanischen Bevölkerung angesprochen und bedrohlich präsent war. Zudem will ich den New Journalism in seinem ästhetischen Konzept zwischen Realismus und Postmodernismus diskutieren und meine beiden gewählten Autoren dort einordnen. Dabei lässt sich das autobiographische Dokument von Kovic stärker auf die realistische und Herrs Reportage auf die postmoderne Seite stellen. Den Nachweis, dass dem so ist, will ich dann an zwei exemplarischen Analysen beider Texte zeigen.

2. Diskussion über die amerikanische Kriegsliteratur seit dem Ende des 19. Jahrhunderts

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es keine Kriege, in die die USA als Nation verwickelt waren, so dass das Thema Krieg, wenn es denn behandelt wurde und oft, ohne den Begriff “ Krieg “ zu benutzen, auf die amerikanische Revolution oder auf den Bürgerkrieg bezogen wurde. Während die Revolutionskriege eher patriotisch positiv beladen waren, verweigerte die amerikanische Literatur bis ca. 1890 eine Aufarbeitung des Bürgerkrieges, weil die Wunden noch zu frisch waren. Wenn es denn Texte gab, dann waren diese ebenfalls eher positive Geschichten. Dass es die Sklaverei und den Genozid gegenüber den Indianern gab oder den Krieg gegen Mexiko, wurde weitgehend ausgeblendet. Erst mit Stephen Crane und vor allem Ambrose Bierce setzte eine entheroisierende Kriegsliteratur ein, die den Krieg als sinnlos und brutal beschrieb. Diese Tendenz wurde in der Literatur über den Ersten Weltkrieg von Autoren wie Hemingway oder Dos Passos weitergeführt. Der Zweite Weltkrieg gilt in den USA bis heute als “ Good War “ und ein großer Teil der damit verbundenen Literatur konnte also das Heldenhafte in den Vordergrund schieben. Als der Vietnamkrieg begann, war dieses Bewusstsein, dass die USA auf der richtigen Seite stehen, noch voll vorhanden. Viele der amerikanischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gedient hatten, waren noch am Leben und mussten nun mit ansehen, dass viele ihrer eigenen Söhne sich dem Dienst entzogen, demonstrierten oder desertierten. Dies führte oft zu markanten Spannungen in Familien. Hinzu kommt, dass der zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Vietnamkrieg liegende Koreakrieg eher verschwiegen wurde. Insofern stellt die sich entwickelnde Literatur zum Vietnamkrieg in mehrerer Hinsicht etwas Besonders dar: nicht nur, dass an die Antikriegsliteratur bezogen auf Crane, Bierce und den Ersten Weltkrieg angeknüpft wurde, nun stand die eigene Regierung als Kriegstreiber und Verursacher von Leid am Pranger. Das dies zu Spannungen führen musste, war klar. Wie heute auch waren die USA, was den Vietnamkrieg anging, ein zutiefst gespaltenes Land. Der Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern des Vietnamkrieges war auch ein Generationenkonflikt, wie er überall in den 60er Jahren zumindest in der westlichen Welt besonders ausgeprägt war. Das Unverständnis zwischen der Elterngeneration, die den 2. Weltkrieg und meist auch schon die Depression der 30er Jahre durchlebt hatten, und den “ Baby Boomers “, die im Nachkriegswohlstand aufgewachsen waren und ihre Freiheit mit Rockmusik, langen Haaren, Drogen und sexueller Freizügigkeit auslebten, fand in der Haltung zum Vietnamkrieg einen Kristallisationspunkt.

In den USA herrschte bis 1973 noch die Wehrpflicht. Junge Männer, und damit auch ihre Familien, waren also von dem Thema ganz unmittelbar und existentiell betroffen. Vor diesem Hintergrund konnte praktisch niemand sich auf die Position zurückziehen, ihn ginge das Problem nichts an, wie bei den späteren von Berufssoldaten geführten Kriegen der USA.

Eine Vielzahl von Autoren der Vietnamkriegsliteratur benutzt das Motiv der verratenen Unschuld, der “ corruption of innocence “. Bei diesem Schema verlässt der Protagonist sein Umfeld, um in den Krieg zu ziehen. Dieser Krieg bewirkt eine Umwandlung des Protagonisten, der nach der Heimkehr aus dem Krieg physisch oder psychisch verletzt zurückbleibt. Ron Kovics Born on the Fourth of July (1976) und Philip Caputos A Rumour of War (1977) sind zwei Beispiele für dieses Schema, in denen die Kriegsveteranen nach ihrer Heimkehr sich gegen den Krieg richten. Sie sehen sich als Opfer der Politik und des Kampfes der Systeme, die in ihrer Regierung herrschen. Caputo benutzt in seinem Werk A Rumour of War das gleiche Prinzip wie Kovic, wobei Caputo in der Schlussfolgerung keine Hoffnung für eine Regeneration zu sehen scheint. Als Journalist wird er zum wandernden Beobachter der Gewalt und Brutalität auf Erden. Der Titel des Romans von W.D. Erhart Vietnam-Perkasie (1983) betont den Kontrast zwischen dem Paradies des ländlichen Pennsylvania und dem asiatischen Schlachtfeld, der den amerikanischen Jungen in einen verrückten Mörder verwandelt. Im Höhepunkt des Buches nimmt Erhart an der Schlacht in Hue teil und verdeutlicht seine Unschuld in seiner Handlung:

“ I fought back passionately, in blind rage and pain, without remorse, conscience or deliberation. I fought back… at the Pentagon Generals and the Congress of the United States, and the New York Time; at the draft-card burners, and the Daughters of the American Revolution… at the teachers who taught me that America always had God on our side and always wore white hats and always won; at the Memorial Day parade and the daily Pledge of Allegiance… at the movies of John Wayne and Audie Murphy, and the solemn statements of Dean Rusk and Robert MacNamara.“[1]

Anders als Caputos A Rumour of War überzeugt Erharts Buch den Leser von der Tatsache, dass der Autor bestrebt ist, sich von einer schrecklichen Erfahrung zu befreien. Einige Romane erforschen andere Motive und Themen, um die Erfahrung aus Vietnam zu thematisieren. In Chickenhawk (1983) werden andere Themen behandelt als die von Fußsoldaten. So zeigt Mason, dass amerikanische Piloten kompetent und professionell agierten, wenn sie in Gefechten mitten durch feindliches Feuer ihre Helikopter manövrierten. Niemand verlies laut Mason den Kampf ohne Wunden, jeder der Piloten wurde als genialer Held gefeiert, der mit Stolz sein Leben riskierte, um seinem Land zu dienen. Das Bild des Helikopters, welcher in die Gefahrenzone fliegt und anschließend wieder wegfliegt, verleiht dem Buch ein Rhythmus, welcher dem Tempo des Krieges gerecht wird.

Robert Mason’s Chickenhawk ist ebenfalls ein Werk, bei dem das Motiv der verratenen Unschuld zu sehen ist. Dieser benutzt das Motiv, um die Erfahrungen eines Helikopterpiloten zu erforschen. Ähnlich wie andere Unschuldige beginnt Mason damit, die jungenhafte Liebe zum Fliegen zu thematisieren und endet mit dem Geständnis er sei ein Alkohol und Drogenschmuggler. Der Journalist und Poet John Reed kritisiert in seinem Werk The War in Eastern Europe (1916) die entmenschlichende Wirkung der modernen Kriegsführung:

“ The ground between was humped into irregular piles of earth. Looking closer, we saw a ghastly thing: from these little mounds protruded pieces of uniform, skulls with draggled hair, upon which shreds of flesh still hung; white bones with rotting hands at the end, bloody bones sticking from boots such as the soldiers wear. An awful smell hung over the place… We walked on the dead, so thick were they- sometimes our feet sank through into pits of rotting flesh, crunching bones. Little holes opened suddenly, leading deep down and swarming with gray maggots…For six miles…the dead were heaped like that- ten thousand of them.“[2]

In diesem Zitat wirkt die alptraumhafte Darstellung des Todes als Beweis für den Umfang der massiven Kriegsführung. Die freiwillige Krankenschwester, Ellen La Motte, trug mit ihrer Sammlung an Kurzgeschichten während des Ersten Weltkrieges ebenfalls ihren Teil zur Antikriegsbewegung teil. In der Kurzgeschichte The Backwash of War (1916) erklärt sie:

“Well, there are many people to write you of the noble side, the heroic side, the exalted side of war. I must write you of what I have seen, the other side, the backwash. “[3]

Ihr Werk ist voller Beschreibungen über Operationen in Krankenhäusern, übel riechenden Körpern und Kriegsveteranen, die versuchen, ihren Tod etwas hinauszuzögern. Die Männer in ihren Geschichten sind oft abstoßend und widerwärtig, es gelingt ihnen nicht, sich mit dem Tod tapfer und unerschrocken abzufinden. Wie dieses und andere Werke von Autoren zur Schau stellen, begann die Antikriegsliteratur, sich schon bereits während des Ersten Weltkriegs zu verbreiten. Als dominierende Themen in den Texten galten die entmenschlichenden Effekte der massiven Kriegsführung, das Fehlen der traditionellen heldenhaften Tugenden, so wie die Hilflosigkeit und der Horror des Krieges. Trotz der Tatsache, dass die Kriegsführung sich zunehmend änderte, gewann die Antikriegsliteratur immer mehr an Popularität. In den 20-er und den frühen 30-er Jahren des 20.Jahrhunderts dominierte die Antikriegsliteratur zum ersten Mal die amerikanische Kriegsliteratur. John Dos Passos, der als freiwilliger Krankenwagenfahrer im Ersten Weltkrieg diente, veröffentlichte drei Werke, die antikriegerisch sind: One Mans’s Initiation (1917), Classic (1919) und Three Soldiers (1923) .In all diesen drei Arbeiten ist seine verurteilende Einstellung gegenüber dem Krieg unmissverständlich. Gewalt ist blödsinnig und die Moral ist entweder nicht vorhanden oder bleibt ohne Belohnung. In One Man’s Initiation erzählt ein englischer Soldat folgende Geschichte:

“ Before I left the front I saw a man tuck a hand-grenade under the pillow of a poor devil of a German prisoner. The prisoner said, ‘Thank you’. The grenade blew him to hell! “[4]

An einer anderen Stelle betont er bei einem Gespräch mit einer Gruppe von Franzosen:

“ We none of us believe that war is right or useful or anything but a hideous method of mutual suicide. “[5]

An einer anderen Stelle klagt ein weiterer amerikanischer Soldat:

” Oh, God, it’s too damned absurd! An arrangement for mutual suicide and no damned other thing.”[6]

Laurence Stallings, der am Ersten Weltkrieg teilnahm und 1922 - wegen der Wunden aus dem Krieg - ein Bein verlor, schrieb einen autobiographischen Roman mit dem Titel Plumes (1924). In dem Roman wird ein amerikanischer Soldat von einem deutschen Soldaten angeschossen, woraufhin sein Bein amputiert werden muss. Der unromantische Ton der Arbeit kann bei der Betrachtung des folgenden Satzes beurteilt werden:

“ The knee was a demon now, and the bone ends gleefully ground the membranes between them.“[7]

Als ob Stallings seine Meinung zum Krieg unmissverständlich klar werden lassen wollte, lässt er seinen Protagonisten an einer anderen Stelle des Romans folgendes sagen:

“ I grant you that all war is a mistake, a brutal and vicious dance directed by ghastly men. It was the tragedy of our lives that we had to be mutilated at the pleasure of dolts and fools. “[8]

Andere Autoren der Nachkriegsliteratur wie William Faulkner oder Thomas Boyd brachten durch ihre Werke wie Through the Wheat (1923) und Soldier’s Play (1926) ihren eigenen Sinn für Desillusionisierung, Hass und Frust zum Ausdruck. Die zahlreichen Antikriegswerke über den Zweiten Weltkrieg waren sehr stark und treffend, was die Beschreibung des Kriegsgeschehens angeht. Aber die Jahrzehnte, die dem Vietnamkrieg folgten, markierten die wahre Vergötterung der amerikanischen Antikriegsliteratur. Während die Werke von Dissidenten in der Ära des Civil War zensiert wurden, wurden alle diejenigen Autoren, die über den Vietnamkrieg schrieben, gelobt und kanonisiert. Voll von Zynismus, dunkler Ironie und bitterer Desillusionisierung, gefielen diese Werke den Lesern mit ihrer Meinung, dass dieser lange Krieg sehr teuer war und ein unmoralischer Fehler der USA war. Robert Stones Dog Soldiers (1974), Tim O‘ Briens Going After Cacciato (1978) oder Larry Heinemanns Paco’s Story (1986) sind einige der Beispiele für Bücher, die sogar den “ National Book Award ” gewonnen haben. Ein wesentlicher Grund für den Erfolg von Antikriegsromanen in dem späten 20. Jahrhundert liegt darin begründet, dass viele Filme, die den Vietnamkrieg kritisch reflektierten, sehr erfolgreich waren. Unter diesen Filmen sind u.a. Filme wie Coming Home (1978), The Deer Hunter (1978), Apocalypse Now (1989), Casualties of War (1989) und Born on the fourth of July (1989). Der Fernseher war zur Zeit des Vietnamkrieges eines der wichtigsten Medien in den amerikanischen Haushalten und spielte für die Berichterstattung eine wesentliche Rolle.

3. Der erste Fernsehkrieg der Geschichte

Der Vietnamkrieg war die erste militärische Auseinandersetzung, die die Amerikaner von zu Hause aus mitverfolgen konnten. Michael Arlen, ein bekannter Rezensent für The New Yorker, bezeichnet den Krieg als “ first television war[9] “, wobei die Kriegsberichterstattung keiner militärischen Zensur unterlag.

“ Niemand hatte Erfahrung im Umgang mit dem neuen Medium und seiner Wirkung als Massenkommunikationsmittel, was bis heute anhaltende Spekulationen und Diskussionen hervorrief. In den USA, dem fortschrittlichsten Fernsehland der Welt, gab es 1941 z.Z. des 2.WK etwa 10.000 Fernsehgeräte, während des Koreakrieges (1950-53) waren es 10 Millionen und auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges hundert Millionen.“[10]

Sehr schnell waren die amerikanischen Bürger von der Qualität, die diese neue Form der Kriegsberichterstattung bot, fasziniert und beeindruckt. Schon 1960 besaßen 89% der Bevölkerung mindestens einen Fernseher. 1962 wurde von den Amerikanern der erste kommerzielle Fernseh-Satellit, der Telstar, eingesetzt. Dieser Satellit ermöglichte eine Beschleunigung der Nachrichtenübertragung, gerade auch für die Vietnamberichterstattung. Jedoch wurde noch nicht live von den Kriegsschauplätzen gesendet.

“ Die Attribute, mit denen der Vietnamkrieg heute bedacht wird, etwa als erster “ Krieg im Wohnzimmer “, erlangte er aber im Wesentlichen erst in der späteren Kriegsphase. Bis Mitte der 60er Jahre war er nur einer von vielen mäßig beachteten Krisenherden und Kriegsschauplätzen der Welt. Erst nach dem “ Tonking-Zwischenfall “ änderte sich die Informationsstrategie.“[11]

Zu Beginn tendierte das Fernsehen dazu die politischen Interessen der Regierung zu unterstützen. Es wurden hauptsächlich positive Ansätze und Fortschritte im Krieg gezeigt. In den Abendnachrichten wurden die Gefechte verharmlost dargestellt. Es gab kaum Bilder von Toten oder zerstörten Dörfern in Vietnam. Aufnahmen von Kämpfen und Toten machten nur 5-7 % der Fernsehberichterstattung über Vietnam aus. Von 2300 Berichten zwischen 1965 und 1970 zeigten nur 76 Berichte echtes Kampfgeschehen[12]. Dazu gab es oft Reden von Pentagonsprechern und Generälen, die optimistische Einstellungen offenbarten. Soldaten wurden in Hubschraubern in mutigen Posen dargestellt. Die kritischen Einwände, die beispielsweise von den New York Times ausgingen, erstickten im Desinteresse und waren zu kraftlos gegen die Bilder und Eindrücke, die das Fernsehen lieferte.

Die Journalisten und Reporter hielten sich in den Kampfzonen auf, um authentische Aufnahmen und Bilder zu liefern. Viele von ihnen mussten diesen waghalsigen Einsatz mit ihrem Leben zahlen, so dass es im Verlauf des Krieges 65 tote Journalisten gab. Die amerikanische Regierung startete eine Kampagne, bei der Führungen und Besichtigungen für die Journalisten organisiert wurden. Hierbei versuchte die US-Regierung bewusst die Berichterstattung zu manipulieren, indem sie nur Gräueltaten der Nordvietnamesen zeigten. Diese Kampagne führte jedoch dazu, dass 1967 rund 700 Journalisten in Südvietnam waren und das Militär keine Kontrolle mehr über ihre Tätigkeiten hatte. Dies hatte zur Folge, dass die Journalisten ohne jegliche militärische Zensur aus dem Kriegsgeschehen Bericht erstatten konnten. Somit ist der Vietnamkrieg der erste und bislang einzige Krieg, in dem es keine offizielle Zensur gab.

“ Im Vietnamkrieg (…) , da waren Informationen über das Kriegsgeschehen selten zensiert, konnten die Journalisten vor Ort meist völlig ungehindert arbeiten und berichten.“[13]

Mit dem Untergang der Glaubwürdigkeit der Regierung den Krieg zu gewinnen, änderte sich die Haltung und Meinung der Öffentlichkeit und somit auch die Haltung und Berichterstattung der Medien. Der Vietnamkrieg wurde nun zum allgegenwärtigen Thema und wurde überall diskutiert.1968 war der moralische Wendepunkt des Krieges, als die Tet-Offensive, bei der die amerikanischen Truppen gegen die nordvietnamesischen Guerillas eine Niederlage erfuhren, die amerikanische Bevölkerung zuhause in einen kollektiven Schockzustand versetzte. Die Amerikaner bekamen nun durch das Fernsehen die ganze Brutalität des Krieges zu sehen. Sie waren es durch die vorherigen manipulierten Berichterstattungen nicht gewohnt, verwundete amerikanische Soldaten, leichenübersäte Straßen und brennende Dörfer zu sehen. Die Menschen an den Fernsehbildschirmen wurden Zeuge, wie brutal, schmutzig und unehrenhaft der Krieg geführt wurde. Außerdem wurde ihnen durch die Fernsehübertragungen klar, dass ihr Präsident Johnson lauter Lügen und bloße Wunschvorstellungen zum Krieg geäußert hatte. Die Wahrheit sah nämlich ganz anders aus. Im Laufe der Kriegsjahre änderten sich die Fotoaufnahmen, so dass die Bilder immer deutlicher zeigten, wie hilflos die USA in dem Vietnamkrieg war. In keinem Krieg der Welt gab es bislang so viel Filmmaterial wie über den Vietnamkrieg. Aus diesem Grund wird heutzutage vermutet, dass die Journalisten durch ihre unzensierte Berichterstattung und das Medium Fernseher den Krieg entschieden haben. Die Wirkung der Fernsehbilder zeigte sich in einer Protestwelle gegen das amerikanische Militär in Vietnam. Daher kann die Vermutung geäußert werden, dass Journalisten durch ihre unzensierte Berichterstattung für die Entschlossenheit der amerikanischen Bevölkerung beigetragen haben, sich dem Vietnamkrieg zu widersetzen und dagegen zu protestieren.

Die Kriegsberichterstatter sahen die Fernseh-Kamera als eine Waffe, die sie im Kampf für eine wahrhaftige Kriegsberichterstattung benutzten, um die amerikanischen Zuschauer wachzurütteln. In diesem Sinne haben sie einen großen Beitrag im Kampf um die öffentliche Meinung geleistet und den Rückzug amerikanischer Truppen aus Vietnam erzwungen. Für den einfachen Zuschauer zuhause waren die Reporter und Journalisten die einzigen verlässlichen Quellen in der Frage der Wahrheit. Nur durch ihr Engagement, welches gefährlich und tödlich zugleich war, konnten die Berichterstatter die falschen Versprechen der Regierung entlarven. Für die Berichterstatter war es sehr reizvoll, über Vietnam zu schreiben und zu zeigen, denn sie hatten quasi keine Grenzen, keine Kontrollen und konnten ungehindert arbeiten. Die Motivation für diesen Einsatz liegt wahrscheinlich in der Dramatik des Kampfgeschehens, das die Reporter erstmals hautnah miterleben durften. Somit steht am Ende fest, dass die öffentliche Meinung in diesem Krieg eine sehr entscheidende Rolle spielte. Die Macht der öffentlichen Meinung kombiniert mit der Macht der Fernsehbilder war stärker als die Macht der Regierung und der Militärs. Vietnam war der erste Fernsehkrieg der Geschichte und niemand hatte Erfahrung mit dem neuen Medium Fernseher und seiner Wirkung als Massenkommunikationsmittel: weder die Regierung, noch die Medienmacher, noch die Bevölkerung. Jedoch wurde die gewonnene Erfahrung aus dem Vietnamkrieg in anderen Kriegen genutzt, um einen Ausgang ähnlich des Vietnamkrieges zu vermeiden. Der Golfkrieg wurde beispielsweise allein von den Zensoren präsentiert.

Zusammenfassend kann die Reaktion der amerikanischen Bevölkerung auf den Vietnamkrieg in vier Phasen geteilt werden. Die erste Phase verdeutlicht, dass ein Großteil der Bevölkerung völlig uninformiert über die Ereignisse in Vietnam war. Das Interesse an dem Krieg brach erst 1964 auf, als die USA in den Krieg eingriffen. In der zweiten Phase war die amerikanische Bevölkerung für den Krieg und unterstützte die Regierung und ihre Politik. Ab 1967 wuchs die Zahl der Kriegsgegner an. Als trotz des mühsamen Einsatzes der US-Regierung kein Ende des Krieges in Sicht war, wurden die Kriegsgegner immer mehr. Daher kann man vermuten, dass ein weiterer Grund für die Antikriegsbewegung das Ausbleiben des militärischen Erfolgs ist. Weitere Ursachen für den Protest sind, dass der Krieg unmoralisch, illegal und gegen die Verfassung gerichtet empfunden wurde. Immerhin hatte der Kongress den Krieg nie erklärt gehabt. Außerdem war die arme Bevölkerungsschicht in den USA bedroht, da der Krieg viel Geld kostete und anstatt in Johnsons “ Poverty Program “ mehr für den Krieg investiert wurde.

Wie man also deutlich erkennen kann, wurden die Menschen durch den Einsatz von Medienbildern geprägt, welche im Fernsehen direkt präsentiert wurden. Ein neues Medium war geboren und erfreute sich an der wachsenden Beliebtheit. Die Literatur ist weniger als das Fernsehen an offizielle Vorgaben gebunden und kann damit stärker grenzüberschreitend funktionieren. Ferner ermöglicht die Literatur, dass mit Hilfe der Fiktion in literarischen Werken die direkte Auseinandersetzung mit dem Krieg angeregt wird. Das Fernsehen bietet bereits fertige Bilder, die das menschliche Gehirn wahrnimmt. Die Phantasie des Menschen wird also kaum beansprucht, da die Ereignisse genauso gezeigt werden, wie sie vorgefallen sind. Die Fiktion lässt Raum für die eigene Phantasie des Menschen und regt den Leser dazu an, sich aktiv mit den Ereignissen auseinanderzusetzen. Somit steht das Fernsehen für eine passive Haltung des Betrachters, wobei die Fiktion den Leser aktiv in die Geschehnisse integriert, den Leser auffordert, mitzudenken und ihn Raum für seine eigenen Gedanken zulässt. Somit kann der Leser auch darüber nachdenken, was in Zukunft geschehen könnte und muss sich nicht nur an der Gegenwart orientieren.

“ I did not want to nail down sights and sounds anymore. I was more concerned with what might have happened. “[14]

Im kulturellen Kontext der sechziger Jahre ist die Frage der Authentizität mit der Vorstellung verbunden, dass eine authentische Repräsentation von persönlichem Erleben eines Ereignisses abhängt:

“ Responses to Vietnam War literature in the review media often depend upon a high valuation of authenticity that would seem to exclude outsiders, making the domain of war literature a warrior’s, or ex-warrior’s, domain.“[15]

Die Grenze zwischen erlebter und fiktionaler Realität ist unscharf, da die Soldaten in ihren Werken die Realität nicht direkt abbilden, sondern vielmehr den Prozessen der Erinnerung, Imagination und Fiktionalisierung unterliegen. Fiktion kann das Leben mit neueren Bildern erklären und den Menschen einen tieferen Sinn für das Dasein geben. Außerdem ermöglicht die Fiktion, dass dem Leser fremde Lebensformen näher gebracht werden und unzählige Welten (wie z.B. Kriege) durchgespielt werden. Mit Hilfe der Fiktion eröffnet sich dem Menschen ein Freiraum, durch den er sein Leben aus einer anderen Perspektive wahrnehmen kann. Dadurch kann er auch einen distanzierten, kritischen oder auch teilnahmsvolleren Blick auf das Leben werfen. So gesehen ist die Fiktion, die in literarischen Werken verarbeitet wird, ein Mittel, mit dessen Hilfe der Mensch Unmögliches erdenken kann. Die Literatur arbeitet narrativ, ihr liegt immer eine Geschichte zugrunde, die erzählt wird, und die um eine oder mehrere Figuren kreist.

4. Der Vietnamkrieg in der amerikanischen Literatur

Die heiße Phase des Vietnamkrieges setzte erst Mitte der sechziger Jahre ein. Seit Mitte der siebziger Jahre sind literarische Texte über den Vietnamkrieg aus der amerikanischen Literatur nicht wegzudenken. Aufgrund dieser Tatsache stellt sich deshalb die Frage, weshalb vor den frühen achtziger Jahren nur so wenige Romane über den Vietnamkrieg erschienen. Warum brauchte die amerikanische Literatur so lange, um sich mit dem Vietnamkrieg auseinanderzusetzen?

Die Wunden des Krieges waren noch frisch und unbearbeitet. Außerdem schien es weniger sinnvoll zu sein über einen umstrittenen Krieg zu lesen, um die USA wieder politisch und sozial wieder zusammen zu bringen. Überdies ist das Verlagsgeschäft abhängig von populären und erfolgversprechenden Büchern. Unpopuläre Bücher lassen sich nur schwer verkaufen. Erst acht bis zehn Jahre später, als der Krieg langsam Geschichte wurde, war die amerikanische Bevölkerung bereit, sich mit dem Krieg auseinanderzusetzen. Die vergangene Zeit ermöglichte einen ausgewogeneren Blick auf den Krieg und erweckte das Verlangen die Fehler zu verstehen, die im Vietnamkrieg gemacht wurden. Die USA war nun bereit, sich mit dem Krieg literarisch auseinanderzusetzen, den sie schon seit Beginn scharf kritisiert hatten. Schließlich stellten die USA fest, dass die Veteranen aus dem Krieg gefeiert werden müssen und die Notwendigkeit der wahrhaften Anerkennung für das, was alles in Südostasien geschehen war.

Ein anderer Grund für die erst späte Beschäftigung mit dem Krieg ist die Tatsache, dass die ersten Werke über den Vietnamkrieg wenig Qualität hatten, wie Anisfield (1969) es beschreibt:

“ The second reason for the time lapse before many Vietnam War novels were published is simply a matter of quality. Good writing takes time. “[16]

Um einen guten Roman zu verfassen, braucht es Zeit. Viele der Werke waren die ersten Ausgaben der noch relativ jungen Autoren, deren Schreibqualitäten noch nicht voll ausgereift waren. Die meisten dieser jungen Autoren waren Reporter, Journalisten oder ehemalige Soldaten, die den Krieg selber erlebt hatten. Aus diesem Grund wurden zahlreiche Werke als persönliche Erzählungen aufgefasst oder als Memoiren verstanden. Es ist weniger kompliziert und anstrengend einen autobiographischen Text zu verfassen als einen fiktionalen Text. Es ist schwierig über Widersprüche in einem Charakter des Romans zu streiten oder ein Ereignis im Roman zu verbildlichen, wenn es sich dabei nur um bloße Fakten handelt. Bei einem fiktionalen Text dagegen lassen sich Vermutungen und Interpretation verwirklichen, da der Autor den Roman fiktional gestaltet. Es ist nicht begrenzt, der Leser hat die Möglichkeit und den Raum seine eigenen Ideen einzubringen. Er kann besser phantasieren, besser nachdenken und erreicht das Ziel, sich mit dem Ereignis auf seine Art und Weise auseinanderzusetzen. In der Fiktion ist eine Flexibilität inhärent, welche die Zweideutigkeit beherbergen kann und den Raum für unterschiedliche Sichtweisen, Geschichten, Philosophien und Psychologien zulässt. Als letzten Punkt sei auf den patriotischen Gedanken der Amerikaner hingewiesen, welche sich vom Vietnamtrauma nicht unterkriegen lassen wollten. Dies ließ sich besonders durch einen robusten Glauben an die USA in zahlreichen Filmen, in der Musik, politische Reden sehen, wobei dem Land die Anerkennung gezollt wurde. Eine Art, um über den Vietnamkrieg zu berichten, ermöglichte der New Journalism, zu dessen Entstehung im Folgenden Bezug genommen werden soll.

5. Die Entstehungsgeschichte des New Journalism

Der New Journalism ordnet sich in eine lange Tradition amerikanischer Dokumentarliteratur ein, die mit den Muckrakern zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einen ersten großen Höhepunkt erreicht hatten. Während die Muckraker das Faktuelle stärker betonen und es dann mit literarischen Methoden untersetzen, arbeiten die New Journalists umgekehrt. Sie betonen das Literarische und untersetzen dieses mit Fakten. Im Kontext der sechziger Jahre ist dies ein postmodernistischer Impuls.

Zu Beginn der 60-er Jahre traten amerikanische Publizisten wie Tom Wolfe, Jimmy Breslin und Gay Talese mit einer neuen Konzeption des literarischen Journalismus auf. Indem sie versuchten die traditionellen Regeln von Journalismus mit literarischen und filmischen Darstellungstechniken zu verbinden, stellten sie die Spannungsfelder zwischen Objektivität und Subjektivität, zwischen Fakt und Fiktion neu zur Diskussion. Die Philosophie des “ New Journalism “ lautet kurz zusammengefasst: “ Erzählung statt Wiedergabe, Intuition statt Analyse, Menschen statt Dinge, Stil statt Statistik “ (Haas/Wallisch, S.298ff.). Die Mittel, die dazu verwendet werden, sind Neologismen, Lautmalereien, eine farbbetonte Sprache und die Wiedergabe von Dialogen. Die Reporter erreichten durch die Befragung von Augenzeugen und durch schnelles Wechseln zwischen diesen eine erzählerische Beweglichkeit, womit sie den Leser durch die dadurch entstehende Unmittelbarkeit emotional in den Text einzubinden wussten. In der Anthologie, die 1973 von Wolfe veröffentlicht wurde, werden viele Autoren und Texte aus dem Umkreis des “ New Journalism “ vereint (vgl. Wolfe/Johnson 1973). Sie ist auch gleichzeitig ein Beweis für den Erfolg des neuen Konzepts in den USA.

Inspiriert wurde Wolfe zu dieser neuen Art des Journalismus durch die neuere russische und französische Literatur. Das primäre Ziel des neuen Konzepts war es dabei den Faktenjournalismus zu überwinden. Sicherlich wurde der “ New Journalist “ auch kritisiert, da er sich nicht mehr wie vorher als objektive Instanz ansah, sondern als persönlicher Begleiter sah, der die Erlebnisse und Ereignisse so erzählen wollte, wie er sie aufgenommen hatte und zwar auch mit allen subjektiven Eindrücken. Dabei galten Glaubwürdigkeit und Authentizität als wichtigster Maßstab für die Qualität der Texte:

“ The reader knows all this actually happened “ ( Wolfe/Johnson, S.34). Ein wichtiges Prinzip des New Journalism war auch das Ziel zu verfolgen sich mit Fakten und nicht mit Fiktion zu beschäftigen. Die Literatur sollte auf das Fundament der harten Recherche gestellt werden, damit sie die Glaubwürdigkeit zurückgewinnt, welche sie durch den Rückzug in das rein Fiktionale verloren hatte. In Dispatches schreibt Herr :

“ Conventional journalism could no more reveal this war than conventional firepower could win it. All it could do was take the most profound event of the American decade and turn it into a communication pudding. “[17]

Ronald Weber schreibt in seinem Überblick zum New Journalism:

“ It became the overarching term for such subtypes as saturation reporting, advocacy journalism, participatory journalism, underground journalism, journalist, and the nonfiction novel. It became, in short, the term, and whatever difficulties it offered in precise definition it referred clearly enough to a significant stir in American writing “[18]

Für die Journalisten war es sehr schwer, in Vietnam mit der geforderten Objektivität über den Krieg zu berichten. Die Tatsache, dass Fakt und Fiktion, Realität und Spekulation, sowie Wunschdenken und Mythen sich andauernd vermischten, erschwerte den Journalisten ihre Arbeit:

“ The record of controversy about the truth and falsity of information concerning the American experience in Vietnam seems still to be open. And the tension in the record between fact and fiction is its single most reliable feature. Writers about what was real in the American experience in Vietnam seem unable to represent reality except by imagining it “, schreibt McInerney[19] Aufgrund dieses Grundproblems änderten viele Journalisten ihre journalistischen Methoden, indem sie sich der fiktionalen Schreibweise zuwandten. Laut Herr war es “ as impossible to know what Vietnam looked like from reading most newspaper stories as it would be to know how it smelled “ (Dispatches, S.79). Daher öffnete der New Journalism Autoren wie Herr eine neue Gelegenheit, mit der sie eine subjektive Perspektive einnehmen konnten. Herrs Ambition war es die bloße Beobachterposition der Ereignisse im Vietnamkrieg zu verlassen und stattdessen selber in den Geschehnissen involviert zu sein. Außerdem konnte Herr durch den New Journalism das Dokumentarische mit der kreativen Schreibweise kombinieren. Hellmann (1984) argumentiert, dass es Herr durchaus gelingt, durch die Kombination von Reportage und literarischer Fiktion, die beiden Bereiche gegeneinander auszuspielen:

“ With the combination of a first-person journalistic contract and innovative fiction techniques, Herr was free to develop a form that would present the actual experience of the Vietnam conflict while also offering a meaningful way to explore its significance. […] Rather than merely reporting and thus exacerbating strange facts, or laboring over the construction of a credible fictional representation of an inherently incredible actuality, Herr is able to engage his subject directly and innovatively. He avoids the need to restrict himself to the plausible world of the realistic novelist by working from a journalistic author-reader contract that promises a content of pure fact, and he makes the objective goals of the conventional journalist irrelevant by constructing his book not as a direct report on the Vietnam War, but rather as an exploration of his memory of the war “[20]

John Hollowell untersucht und beschreibt die Entstehung des New Journalism folgendermaßen:

“ The dominant mood of America in the 1960s was apocalyptic.[…] Increasingly everyday ‘reality ‘ became more fantastic than the fictional visions of even our best novelists. Perhaps more than at other times in American history public events were bewildering, chaotic, almost random, and without meaning. “[21]

Angesichts dieser Tatsache wurde die Ratlosigkeit unter den Autoren immer größer, die nicht mehr genau wussten, wie sie mit den neuen schriftstellerischen Phantasien Schritt halten sollten, die der New Journalism brachte. Philip Roth verdeutlicht in seinem Text den Frust, den die Autoren empfanden:

“ The American writer in the middle of the 20th century has hands full in trying to understand, then describe, and then make credible much of the American reality. It stupefies, it sickens, it infuriates, and finally it is even a kind of embarrassment of one’s own meager imagination. The actuality is continually outdoing our talents, and the culture tosses up figures almost daily that are the envy of any novelist. “[22]

Ronald Weber argumentiert, dass der New Journalism eher ein literarisches Genre als ein journalistisches Genre sei: “ To draw literary effect from nonfiction materials, to render literature from reporting, art from fact in that while dealing with factual rather than invented material and using traditional ( though often intensified) methods of reporting it draws its most characteristic techniques from the legacy of realistic fiction “ ( Weber, 1974. S.14-15).

Der konventionelle Journalist versteht sich als neutraler Vermittler zwischen Ereignis und Publikum, wobei diese Definition auf die Anfänge des professionellen Journalismus zurückgeht. Es gibt aber noch eine zweite Strömung des New Journalism, welcher sich gegen die geforderte Neutralität und Unpersönlichkeitsbedingungen richtet. Wakefield begrüßt diese Entwicklung im journalistischen Bereich:

“ The important and interesting and hopeful trend to men in the new journalism is its personal nature- not in the sense of personal attacks, but in the presence of the reporter himself and the significance of his own involvement. This is sometimes felt to be egoistical, and the frank identification of the author, especially as the “ I “ instead of merely the impersonal “ eye ”, is often frowned upon and taken as proof of “ subjectivity “, which is the opposite of the usual journalistic pretense. “[23]

Tom Wolfe behauptet, dass der New Journalism versucht “ to give the full objective description, plus something that readers had always had to go to novels and short stories for: namely, the subjective emotional life of the characters. “[24]

Weitere Merkmale des New Journalism sind die Freiheit im Umgang mit seinem Material, die Freiheit zum Experiment mit der formalen Darstellung und die sprachliche Freiheit. Diese Freiheit ist jedoch nicht gleichbedeutend mit der künstlerischen Freiheit. Sie ist vielmehr eine Voraussetzung für die Verwirklichung der Verarbeitung und wahrheitsgemäßen Darstellung. In diesem Sinne ist der New Journalism eine große Bereicherung, wenn es um die literarische Verarbeitung des Krieges geht.

6. Die literarische Verarbeitungsmöglichkeiten des Krieges mit Hilfe des New Journalism

Durch den New Journalism ermöglichen sich neue Möglichkeiten, um über den Krieg zu reflektieren. Diese neue Art des Erzählens über die Wahrheit fordert den Leser auf, noch einmal sein Wissen über den Krieg und die Geschichte zu reflektieren und sich zu fragen, wie wir die Realität aufnehmen. Dadurch, dass Herr den traditionellen Pfad des Journalismus und der Geschichte verlässt, gelingt es ihm den Krieg aus einer anderen Perspektive zu betrachten und zu beschreiben. Er realisiert, dass die Wahrheit über Vietnam nur mit Hilfe der Selbstfindung herausgefunden werden kann. Dies bedeutet, dass die Methoden und Mittel, wodurch der Leser sich Zugang zur Wahrheit verschafft, genauso viel zu seiner eigenen Geschichte beitragen als die eigentliche Wahrheit. Die Art, wie wir uns Zugang zur Wahrheit verschaffen, hängt laut Herr von unserem kulturellen Hintergrund, unserer Betrachtungsweise zu Ereignissen ab und wie wir sie gedanklich in unserem Umfeld einordnen.

Mit Hilfe des New Journalism ist es dem Leser möglich sein Bewusstsein zu dekonstruieren. Der Leser erkennt, dass zum Verständnis des Krieges die Anhäufung von Fakten nicht ausreichend ist. Stattdessen ist es viel wichtiger, die Fakten im Kontext der amerikanischen Geschichte, also des Selbstbildes der USA, zu analysieren und zu interpretieren:

[...]


[1] W.D. Erhart, Vietnam Perkasie. Jefferson, N.C.: McFarland Press, 1983, S.246-247

[2] John Reed, The War in Eastern Europe, New York: Scribner’s, 1916, 97-98.

[3] Ellen La Motte, The Backwash of War, New York: Putnam, 1916, S. 105.

[4] John Dos Passos, One Man’s Initiation, 1917(1920; New York: Cornell Press, 1969), S. 92.

[5] Dos Passos,S. 164.

[6] Dos Passos, S.72.

[7] Laurence Stallings, Plumes (New York: Harcourt, Brace, 1924), S. 237.

[8] Stallings, S.126.

[9] Michael Arlen. The New Yorker. New York: Viking, 1969, S.7.

[10] Mira, Beham: Kriegstrommeln, S.87

[11] Martin, Löffelholz: Krieg als Medienereignis,S.44

[12] vgl. dazu: Mira, Beham: Kriegstrommeln, S.88

[13] Martin, Löffelholz: Krieg als Medienereignis, S.163.

[14] Neil Baldwin. Going After the War, Publisher’s Weekly, 11.Feb.1983, S.37-38.

[15] Philip K. Jason. Acts and Shadows: The Vietnam War in American Literary Culture. Lanham, MD: Rowman & Littlefield, 2000, S.41.

[16] Nancy Anisfield. Vietnam Anthology. American War Literature, 1969. S.7.

[17] Herr, S. 175.

[18] Ronald Weber : The Reporter as Artist: A look at the New Journalism Controvery; New York, Hastings House, 1974, S. 14.

[19] Peter McInerney: Straight and Secret History in Vietnam War Literature, Contemporary

Literature, 1981, S.22 (1).

[20] John Hellmann: The New Journalism and Vietnam: Memory as Structure in Michael Herr’s

Dispatches, South Atlantic Quarterly, 1981, S. 142.

[21] John Hollowell: Novelists and the Novel in a Time of Crisis, in: Ders., Fact and Fiction. The New Journalism and the Nonfiction Novel, Chapel Hill, 1977, S.4.

[22] Philip Roth (1961): Writing American Fiction ,1961, Commentary 31, S.234.

[23] Dan Wakefield: The Personal Voice and the Impersonal Eye, The Atlantic, June 1966, S. 87.

[24] In: Tom Wolfe and E.W. Johnson,eds, The New Journalism, 1973, S.21

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Literatur im Spannungsfeld zwischen Dokument und Fiktion. Michael Herrs "Dispatches" und Ron Kovics "Born on the Fourth of July" als frühe Repräsentation des Vietnamkrieges
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
78
Katalognummer
V387471
ISBN (eBook)
9783668636101
ISBN (Buch)
9783668636118
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
new journalism
Arbeit zitieren
Ismail Karahan (Autor), 2012, Literatur im Spannungsfeld zwischen Dokument und Fiktion. Michael Herrs "Dispatches" und Ron Kovics "Born on the Fourth of July" als frühe Repräsentation des Vietnamkrieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387471

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Literatur im Spannungsfeld zwischen Dokument und Fiktion. Michael Herrs "Dispatches" und Ron Kovics "Born on the Fourth of July" als frühe Repräsentation des Vietnamkrieges


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden