Johann Wolfgang von Goethe: "Seefahrt"


Seminararbeit, 2004
12 Seiten, Note: 1-

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Text: „Seefahrt“

2. Einleitung

3. Historisches
3. 1. Entstehung
3. 2. Textgestalt

4. Analyse des Gedichts
4. 1. Analyse der Form, Erzählperspektive und Sprechsituation
4. 2. Sprachliche und inhaltliche Analyse
4. 3. Analyse der Raumstruktur

5. Deutungsansätze

6. Literaturhistorische Einordnung

7. Bibliographie

1. Der Text: „Seefahrt“

Taglang nachtlang stand mein Schiff befrachtet,[1]

Günst’ger Winde harrend saß mit teuren Freunden

- Mir Geduld und guten Mut erzechend -

Ich im Hafen.

Und sie wurden mit mir ungedultig: 5

Gerne gönnen wir die schnellste Reise,

Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle

Wartet drüben in den Welten deiner,

Wird Rückkehrendem in unsern Armen

Lieb’ und Preis dir. 10

Und am frühen Morgen ward’s Getümmel,

Und dem Schlaf entjauchzt’ uns der Matrose,

Alles wimmelt, alles lebet, webet,

Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.

Und die Segel blühen in dem Hauche, 15

Und die Sonne lockt mit Feuerliebe;

Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken,

Jauchzen an dem Ufer alle Freunde

Hoffnungslieder nach im Freudetaumel

Reisefreuden wähnend wie des Einschiffmorgens 20

Wie der ersten hohen Sternennächte.

Aber gottgesandte Wechselwinde treiben

Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab,

Und er scheint sich ihnen hinzugeben,

Strebet leise sie zu überlisten, 25

Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.

Aber aus der dumpfen grauen Ferne

Kündet leise wandelnd sich der Sturm an,

Drückt die Vögel nieder auf’s Gewässer,

Drückt der Menschen schwellend Herze nieder; 30

Und er kommt. - Vor seinem starren Wüten

Streckt der Schiffer weis’ die Segel nieder;

Mit dem angsterfüllten Balle spielen

Wind und Wellen.

Und an jenem Ufer drüben stehen 35

Freund’ und Lieben, beben auf dem Festen:

Ach, warum ist er nicht hiergeblieben!

Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke

Soll der Gute so zu Grunde gehen?

Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter! 40

Doch er stehet männlich an dem Steuer.

Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,

Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen.

Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe 45

Und vertrauet, scheiternd oder landend,

Seinen Göttern.

2. Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich mich mit dem Gedicht „Seefahrt“ von Johann Wolfgang von Goethe beschäftigen. Beginnen werde ich mit seiner Entstehung und Textgestalt, anschließend werde ich die Form, die Erzählperspektive und die Sprechsituation des Gedichts beschreiben. Nach einer inhaltlichen und sprachlichen Analyse und einer Deutung der Raumstruktur werde ich mich mit verschiedenen Deutungsansätzen befassen. Zum Abschluss werde ich eine literaturhistorische Einordnung vornehmen.

3. Historisches

3. 1. Entstehung

Das Gedicht „Seefahrt“ ist am 11. September 1776 entstanden. Etwa ein Jahr zuvor war Goethe gegen den Willen seiner Eltern nach Weimar gegangen, um dort am Hofe seines Freundes Herzog Carl August zu arbeiten. Im Jahr 1776 wurde er zum Geheimen Legionsrat des Herzogs ernannt, das heißt, er wurde oberster Beamter im Staate Sachsen-Weimar. Zu seinen Aufgaben gehörte neben der Tätigkeit als Kriegs- und Finanzminister auch die Verwaltung des Staates.

Trotz seiner vielen Aufgaben war Goethe immer noch weiter als Schriftsteller tätig, obwohl seine literarische Arbeit „quantitativ drastisch“[2] zurückging. Überzeugt von den Ideen des Sturm und Drang glaubte Goethe, „alles wagen zu müssen, um etwas zu erreichen“[3].

„Seefahrt“ entstand in dieser für Goethe sehr aufregenden Zeit. Bis in die heutigen Forschungen hinein wird das Gedicht „als Ausdruck oder Reflex der lebensweltlichen Umstände seines Eintritts in den Weimarer Kreis“ gedeutet, in dem „in der Tat […] einige mehr oder weniger genau benennbare biographische Züge nachweisbar zu sein“[4] scheinen. Anhand des Erscheinungsdatums kann man vermuten, was Goethe zu dem Gedicht veranlasst hat: Seine Gefühle waren aufgrund persönlicher Umstände aufgewühlt. Anfang September 1776 lud seine „Liebe“ Charlotte von Stein Goethes Freund und Rivalen Jakob Michael Reinhold Lenz als Englischlehrer und Gesellschafter zu sich ein. Goethe war eifersüchtig und schrieb ihr einen Brief, der das Datum „10.-12. September 1776“ trägt. „Seefahrt“ ist also parallel zu diesem Brief entstanden. Zu Beginn des Briefes ist Goethe noch sehr aufgebracht und schreibt an Charlotte von Stein, dass er sie nie wieder sehen möchte, wird aber zum Ende hin ruhiger und schreibt in der Nachschrift vom 12. September 1176 sogar „Addio, mein Herz ist doch bey Ihnen, liebe einzige die mich glücklich macht ohne mir weh zu thun. doch – freylich auch nicht immer ohne Schmerz.“[5]

Goethe hatte sich vorgenommen, seine Gefühle in einem Gedicht niederzuschreiben. Dies gelang ihm am 11. September mit dem Gedicht „Seefahrt“, weshalb ihm dieses Datum auch sehr wichtig war und er es sogar zunächst als Überschrift wählte (siehe Abschnitt 3. 2. Textgestalt).

Bereits einige Monate vorher hatte Goethe an Lavater geschrieben: „Ich bin nun ganz eingeschifft auf der Woge der Welt – voll entschlossen: zu entdecken, gewinnen, streiten, scheitern, oder mich mit aller Ladung in die Luft zu sprengen.“[6] Schon hier entdeckt man das Motiv des Seefahrers, das das Gedicht „Seefahrt“ prägt, obwohl Goethe selbst zum Entstehungszeitpunkt des das Meer noch nie gesehen hatte.

„Seefahrt“ hatte mehrere literarische Vorbilder[7]: Zum einen „die kurze Prosadichtung ‚Der Sturm‘, die Salomon Gessner 1772 in der Sammlung ‚Moralische Erzählungen und Idyllen von Diderot und S. Gessner‘ veröffentlicht hatte“[8], zum anderen den Psalm 107 der Bibel, in dem von einem Sturm überraschte Seefahrer zu Gott beten und durch ihn errettet werden. Mit den Prosaübersetzungen Luthers und einer kommentierten deutschen Fassung dieses Psalms war Goethe „bereits im Frankfurter Elternhaus“[9] in Kontakt gekommen und hatte sie mit großer Aufmerksamkeit gelesen.

3. 2. Textgestalt

Das Original des Gedichts befindet sich in der Handschrift für Frau v. Stein von 1777, in die „eine fremde Hand hineinkorrigiert“[10] hat (aus „Taglang, nachtlang“, V.1, wurde „Tag lang, Nächte lang“ gemacht). Es existiert außerdem eine Abschrift des Gedichts von Goethes Vater. „Seefahrt“ ist das einzige Gedicht seines Sohnes, das er persönlich abgeschrieben hat.

Das Gedicht wurde erstmals im Jahr 1777 im „Erstdruck des neunten Stück des ‚Deutschen Museums‘“[11] veröffentlicht. Damals stand anstelle des heutigen Titels das Entstehungsdatum („G. den 11ten Sept. 1776“[12]), was auf bibliographische Gründe zurückzuführen ist (siehe Abschnitt 3.1. Entstehung). In dem achtbändigen Werk „Goethes Schriften 1789“ erschien das Gedicht dann ganz ohne Titel, außerdem lassen sich dort auch kleine Unterschiede zur heutigen Version feststellen (in den Versen 1, 5, 30, 32)[13].

In Veröffentlichungen des Jahres 1781 findet man das Gedicht zum ersten Mal mit dem heutigen Titel.

4. Analyse des Gedichts

4. 1. Analyse der Form, Erzählperspektive und Sprechsituation

Das Gedicht besteht aus acht Strophen, die aus unterschiedlich vielen Versen bestehen: Die erste Strophe besteht aus vier Versen, die zweite aus sechs, die dritte wieder aus vier, die vierte aus sieben, die fünfte aus fünf, die sechste aus acht und die siebte und achte Strophe jeweils aus sechs Versen. Auffällig ist, dass jeweils der letzte Vers der Strophen 1, 2, 6 und 8 kürzer ist als die restlichen Verse der Strophen. Als Beispiel möchte ich hier einmal die erste Strophe zitieren:

Taglang nachtlang stand mein Schiff befrachtet,

Günst’ger Winde harrend saß mit teuren Frenden

- Mir Geduld und guten Mut erzechend -

Ich im Hafen.

[...]


[1] zitiert nach: Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte. Hg. Erich Trunz. Jubiläumsausgabe auf der Grundlage der Hamburger Ausgabe, Verlag C. H. Beck, München 1999, S. 49.

[2] Nicolas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Band 1, 1749-1790. Verlag H. C. Beck, München 1995, S. 331.

[3] Rüdiger Görner: Goethes „Seefahrt“. Eine verkannte Genie-Hymne. in: ders.: Goethe: Wissen und Entsagen – aus Kunst. Iudicum Verlag, München 1995, S. 18.

[4] Ebd. S. 4.

[5] Ebd. S. 19.

[6] Karl Otto Conrady: Goethe. Leben und Werk. Erster Band, Hälfte des Lebens. Athenäum Verlag GmbH, Königstein 1982, S. 329.

[7] Vgl. Ralph Häfner: Konkrete Figuration. Goethes „Seefahrt“ und die anthropologische Grundierung der Meeresdichtung im 18. Jahrhundert. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2002, S. 9-53.

[8] Ebd. S. 9.

[9] Ebd. S. 46.

[10] Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte. Hg. Erich Trunz. Jubiläumsausgabe auf der Grundlage der Hamburger Ausgabe, Verlag C. H. Beck, München 1999, S. 489.

[11] Johann Wolfgang von Goethe: Poetische Werke: Gedichte und Singspiele. Berliner Ausgabe Band 1. Aufbau-Verlag, Berlin 1976.

[12] Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte (Hamburger Ausgabe), S. 489.

[13] Vgl. ebd. S. 489.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Johann Wolfgang von Goethe: "Seefahrt"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Einführung in die Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1-
Autor
Jahr
2004
Seiten
12
Katalognummer
V38781
ISBN (eBook)
9783638377492
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Johann, Wolfgang, Goethe, Seefahrt, Einführung, Neuere, Deutsche, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Claudia Roeder (Autor), 2004, Johann Wolfgang von Goethe: "Seefahrt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38781

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