State-Building im Kosovo. Über den Aufbau von demokratischen Strukturen und rechtsstaatlichen Institutionen


Diplomarbeit, 2017

41 Seiten, Note: 1,65


Leseprobe

I
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis ... III
1
Einleitung ... 1
1.1
Einführung ... 1
1.2
Forschungsfragen ... 2
1.3
Forschungsmethode ... 2
2
Theorie ... 3
2.1
Nation und Nation-Building ­ Eine Begriffsabgrenzung ... 3
2.2
State-Building ­ Ein theoretischer Ansatz ... 4
2.2.1
Definition und Merkmale von Staatlichkeit ... 4
2.2.2
Das Problem des Staatszerfalls ... 5
2.3
Der Aufbau eines funktionierenden Staatsapparates ... 9
2.3.1
Ziel und Formen der Intervention von State-Building ... 9
2.3.2
State-Building als Mittel der Friedenskonsolidierung ... 10
2.3.3
Die Grundprobleme von State-Building ... 11
2.4
Zwischenfazit ... 13
3
Geschichtliche Entwicklung des Konflikts ... 14
3.1
Frühgeschichte des Konflikts ... 14
3.2
Kosovo als Teil Serbiens ... 15
3.3
Aufhebung des Autonomiestatus und Bürgerkrieg ... 17
3.4
Friedenssicherung und der Weg in die Unabhängigkeit ... 18
4
State-Building und Demokratisierung im Kosovo ... 20
4.1
Sicherheitslage ... 20
4.2
Demokratische Strukturen ... 21
4.2.1
Das politische System... 21
4.2.2
Menschen- und Minderheitenrechte ... 22

II
4.2.3
Demokratische Grundrechte ... 25
4.3
Rechtsstaatliche Institutionen ... 26
4.3.1
Parlament und Regierung ... 26
4.3.2
Verwaltung ... 28
4.3.3
Justizwesen ... 30
5
Diskussion und Fazit ... 32
Literaturverzeichnis ... 34

III
Abkürzungsverzeichnis
Abkürzung Abkürzungsbezeichnung
AAK
AKR
BND
BRD
BTI
DDR
EMRK
EU
EULEX
FSK
GIZ
JIAS
KFOR
KTC
LAA
LDK
OSZE
PAN
PDK
PISG
RAE-Minderheit
TMK
UÇK
UN
UNMIK
Allianz für die Zukunft des Kosovo
Allianz für ein neues Kosovo
Bundesnachrichtendienst
Bundesrepublik Deutschland
Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung
Deutsche Demokratische Republik
Europäische Menschenrechtskonvention
Europäische Union
European Union Rule of Law Mission of Kosovo
Security Force of Kosovo
Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit
Joint Interim Administration Structure
Kosovo Force
Kosovo Transitional Council
Wahlbündnis aus LDK und AKR
Demokratische Liga Kosovos
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa
Wahlbündnis aus PDK, AAK und weiteren Parteien
Demokratische Partei Kosovos
Provisional Institutions of Self-Government
Roma, Ashkali und Kosovo-Ägypter
Sicherheitskräfte des Kosovo
Befreiungsarmee des Kosovo
United Nations
United Nations Interim Mission of Kosovo

1
1
Einleitung
1.1
Einführung
Das Kosovo ist eine Region in Südosteuropa, die mit einer Fläche von 10.908 km²
etwa halb so groß ist wie das Land Hessen und ca. 1.9 Mio. Einwohner hat. Histo-
risch betrachtet ist das Gebiet, wie auch die anderen Länder des westlichen Balkans
von Gewalt und politischer Instabilität geprägt. Aus der Konkursmasse des unterge-
henden osmanischen Reiches hervorgegangen, wurde das mehrheitlich von Albanern
besiedelte Kosovo in der Londoner Botschafterkonferenz von 1913 Serbien zuge-
sprochen. Mehr als sechs Jahrzehnte hatte das Kosovo nicht mehr Rechte als eine
Gemeinde. Durch die Verfassungsreform von 1974 wurde das Gebiet zu einer auto-
nomen Provinz innerhalb Serbiens erhoben, womit es faktisch den anderen Teilre-
publiken im föderalen Jugoslawien gleichgestellt war. Infolge nationalistischer Be-
strebungen wurde die Autonomie 1989 wieder aufgehoben und das Kosovo unter
serbische Zentralverwaltung gestellt. Als Reaktion auf die Unterdrückungspolitik
wurde der Schattenstaat Kosovo gegründet, der abgesehen von Albanien, internatio-
nal keine Anerkennung fand. Aufgrund der unzufriedenstellenden Ergebnisse des
gewaltlosen Widerstands gründeten die Albaner die Befreiungsarmee des Kosovo
(UÇK). Die bewaffnete Auseinandersetzung eskalierte und führte zu einem Bürger-
krieg, bei dem die Zivilbevölkerung massiv in Mitleidenschaft gezogen wurde. Trotz
diplomatischer Bemühungen konnte der internationalisierte Konflikt erst auf Initiati-
ve der USA durch Luftangriffe der NATO im Jahre 1999 beendet werden. Das Ko-
sovo wurde gemäß der Resolution 1244 ein UN-Protektorat, blieb jedoch formell
weiterhin Teil von Serbien. Die Verwaltungshoheit der Vereinten Nationen hatte
neben der Friedenssicherung und dem Wiederaufbau auch die Aufgabe, den Demo-
kratisierungsprozess voran zu bringen. Dieser völkerrechtliche Schwebezustand en-
dete erst mit der Unabhängigkeitserklärung im Februar 2008. Die EU hat mit der
Rechtsstaatsmission EULEX die führende Rolle der UN im Stabilisierungsprozess
übernommen und soll die Implementierung von demokratischen und rechtsstaatli-
chen Standards sicherstellen.
1
Mehr als 18 Jahre nach der Beendigung des Bürgerkrieges und fast zehn Jahre nach
der einseitigen Unabhängigkeitserklärung ist die Eigenstaatlichkeit der Republik
Kosovo von 114 Staaten der 193 UN-Staaten, davon von 23 der 28 EU-
Mitgliedsstaaten, anerkannt.
2
Trotz des gewaltigen Mitteleinsatzes der internationa-
len Akteure wird das Land in den westlichen Medien überwiegend als fragil darge-
stellt. In diesen Zusammenhang werden u.a. schwache Institutionen, informelle
Netzwerke und Korruption genannt. Die prekären Umstände rückten erst im Januar
2015 in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit, als hunderttausende Kosovaren
1
Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (2017)
2
Auswärtiges Amt der Republik Kosovo (2017)

2
in Deutschland Asyl beantragten in der Hoffnung, so Perspektivlosigkeit und Armut
zu entgehen.
1.2
Forschungsfragen
Die folgende Arbeit stellt eine analytische Untersuchung der Arbeit der internationa-
len Gemeinschaft im Kosovo dar. Als Basis sollen diverse Fragen im Verlauf der
Arbeit ausführlich behandelt werden, um Antworten zu ergründen und Schlussfolge-
rungen zu treffen. Die grundlegende Fragestellung lautet:
,,War das bisherige Engagement im State-Building-Prozess erfolgreich?"
Es wird untersucht, ob der Staat durch die institutionelle Ausgestaltung seine Kern-
funktionen erfüllt. Für die Beantwortung dieser Frage muss folgender weiterführende
Aspekt bedacht werden:
,,Wurde der Weg in Richtung einer westlichen Demokratie eingeschlagen?"
Hierfür muss analysiert werden, ob eine freiheitliche Form von Rechtsstaatlichkeit
implementiert wurde und welche demokratischen Standards verwirklicht werden
konnten. Darüber hinaus soll untersucht werden, welche Hindernisse einem erfolg-
reichen Demokratisierungsprozess entgegenstehen könnten. Hierfür steht folgende
Frage im Fokus:
,,Welche Faktoren behindern die demokratische und rechtsstaatliche Entwicklung?"
1.3
Forschungsmethode
Die Analyse des Untersuchungsgegenstandes stützt sich überwiegend auf Primär-
und Sekundärliteratur. Für eine detaillierte und differenzierte Beantwortung wird
neben der Fachliteratur auch auf Dokumente, Berichte und Beschlüsse zurückgegrif-
fen. Diese sind bspw. die kosovarische Verfassung, Berichte der UN, der EU, des US
State Departments oder auch ein ursprünglich als streng vertrauliches BND-
Dokument. Darüber hinaus auch Beiträge aus wissenschaftlichen Instituten, NGO-
Berichte, Zeitschriften und Zeitungsberichte.
Als Methode zur Analyse und Auswertung der Dokumente und zur Interpretation der
Literatur findet die hermeneutisch-interpretative Herangehensweise Anwendung.
Im theoretischen Teil der Arbeit wird ein konzeptioneller Rahmen erstellt, in dem der
Begriff des State-Building und die aufgeworfenen Fragen eingeordnet werden. Kapi-
tel 2 liefert somit die Gesichtspunkte und Kriterien anhand derer Kapitel 4 struktu-
riert und analysiert wird. Die Begriffe Nation-Building und State-Building werden
vor allem im anglo-amerikanischen Sprachraum synonym verwendet und müssen
deshalb im ersten Abschnitt voneinander abgegrenzt werden. Im Anschluss wird der
theoretische Ansatz des State-Buildings umfassend aufgearbeitet. Zu Beginn wird
der Begriff ,,Staat" definiert und es erfolgt eine Schilderung der Merkmale und Kern-

3
funktionen von Staatlichkeit. Staatszerfall als eine zentrale Konfliktursache wird
hierbei ebenso behandelt, wie auch die Funktionen und Grundprobleme von State-
Building. An diesem Punkt wird auf die Notwendigkeit der Konfliktnachsorge, die
Annahmen der externen Akteure sowie die Rolle der Interessen eingegangen. Der
theoretische Teil endet mit einem Zwischenfazit, in dem das Wichtigste kurz festge-
halten wird. In Kapitel 3 wird die geschichtliche Entwicklung des Konflikts anhand
der herausragendsten Meilensteine chronologisch dargestellt. Dieses Kapitel dient
der erweiterten Problemdarstellung und ist wegen des begrenzten Umfangs der Ar-
beit relativ kurz gehalten. Aus diesem Grund wird die Frage der Legitimität und Le-
galität der Sezession ausgeklammert. Im empirischen Teil wird als erstes die Sicher-
heitslage als Grundlage des Staatswerdungsprozesses untersucht, bevor im Anschluss
auf die politische Kultur und die gesellschaftlichen Praktiken (informelle Netzwerke,
Clanstrukturen) eingegangen wird. Nachfolgend werden die demokratischen Struktu-
ren sowie die Rechtsstaatlichkeit untersucht. Die Arbeit endet mit einer Diskussion,
in der die aufgeworfenen Fragen beantwortet werden, sowie einem Ausblick.
2
Theorie
2.1
Nation und Nation-Building ­ Eine Begriffsabgrenzung
Der Begriff ,,Nation" entbehrt einer allgemein anerkannten Definition. Die Nation als
eine gemeinschaftsbildende Ideologie kann u.a. auf Kriterien wie Sprache, eine ge-
meinsame Vergangenheit oder die ethnische Zugehörigkeit beruhen. Politische
Grundwerte können als sinnstiftende Elemente ebenfalls konstitutive Attribute einer
Nation sein. Es existieren jedoch auch Nationen, auf die diese Merkmale nicht zu-
treffen.
3
Deshalb wird überwiegend die subjektive Definition herangezogen.
,,Nationen sind geistige Wesen, Gemeinschaften, die existieren, solange sie in den
Köpfen und Herzen der Menschen sind, und die erlöschen, wenn sie nicht mehr ge-
dacht und gewollt werden."
4
Das Konzept des Aufbaus einer Nation hatte seine erste Blütezeit in den 1950er und
1960er Jahren. In dieser Phase der Entkolonialisierung wurde Nation-Building als ein
Entwicklungsprozess angesehen, durch diesen die Länder der Dritten Welt moderni-
siert und ihre Gesellschaften strukturell an die westlichen Nationalstaaten herange-
führt werden. Nation-Building blieb kein postkoloniales Phänomen, sondern kam in
den 1990er Jahren u.a. im Rahmen des Auseinanderbrechens Jugoslawiens erneut zu
zum Tragen. Der widersprüchlich verwendete Begriff gilt als Schlüsselkonzept der
Krisenprävention und als Element der Friedenskonsolidierung. Hinter dieser außen-,
sicherheits- und entwicklungspolitischen Strategie steht ein langandauernder sozio-
politischer Prozess, der aus locker verbundenen Gemeinschaften eine gemeinsame
3
Hobsbawm (1991) S. 16 f.
4
Schulze (2004) S. 111.

4
Gesellschaft mit einem entsprechenden Nationalstaat werden lässt. Ein nationalstaat-
lich verfasstes politisches System soll also geschaffen oder gestärkt werden. Es las-
sen sich drei wesentliche Elemente für den erfolgreichen Aufbau einer Nation unter-
scheiden; eine gemeinschaftsbildende Ideologie, die Integration in die Gesellschaft
und ein funktionsfähiges Staatswesen.
Unter letzterem versteht man die Schaffung
eines funktionierenden Staatsapparates, welcher das Gewaltmonopol auf dem gesam-
ten Territorium dauerhaft erfolgreich durchsetzt und allgemein akzeptiert wird. Hie-
raus folgt, dass State-Building als ein zentrales Element des Nation-Building-
Konzeptes anzusehen ist. Dies ist auch nur logisch, wenn man bedenkt, dass in der
Geschichte der Entstehung von Nationen meistens die Existenz eines Staates der ei-
ner Nation vorausging.
5
Der nächste Abschnitt liefert eine Definition des Staatsbe-
griffs und soll ein Bild über die wesentlichen Merkmale und Funktionen des moder-
nen Staates vermitteln.
2.2
State-Building ­ Ein theoretischer Ansatz
2.2.1 Definition und Merkmale von Staatlichkeit
Der rechtliche und am häufigsten verwendete Staatsbegriff, auch bekannt als Drei-
Elemente-Lehre, setzt für das Vorhandensein eines Staates die Merkmale Staatsvolk,
Staatsgebiet und Staatsgewalt voraus. Die soziologische Definition wurde von Max
Weber um den Begriff der Legitimität ergänzt. Danach ist der Staat die politische
Gemeinschaft die ,,innerhalb eines bestimmten Gebietes [...] das Monopol legitimer
physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht. Unter Staatsvolk ist
dabei die Gesamtheit der durch die Herrschaft vereinigten Menschen zu verstehen.
Das Staatsgebiet umfasst den Raum, auf dem die Gebietshoheit ausgeübt wird. Hier-
unter fällt neben der Erdoberfläche, auch die darunter liegenden Bodenschätze, die
Gewässer sowie der Luftraum. Unter Staatsgewalt ist die Herrschaftsmacht des Staa-
tes über sein Gebiet und die auf ihm befindlichen Personen gemeint. Die innere Ord-
nung und Legitimität ist jedoch nicht entscheidend. Als Kernmerkmal des Staatsbe-
griffs setzt das Völkerrecht vielmehr auf die Effektivität von Herrschaft, als auf de-
ren Legitimität. Nur der Staat hat das Monopol zwangsbewehrte Institutionen und
Behörden bereitzuhalten und den rechtlichen Rahmen festzusetzen.
6
Neben dieser De-facto-Staatlichkeit ­ charakterisiert durch die Drei-Elementen-
Lehre ­ ist die De-jure-Staatlichkeit von Bedeutung. Für die formale Existenz ist der
juristische Aspekt sogar wichtiger. Denn ohne diese Anerkennung können weder
diplomatische Beziehungen unterhalten werden, noch kann der Staat Mitglied in in-
ternationalen Organisationen werden. Einige postkoloniale Staaten sind im Wesentli-
chen nur juristische Gebilde, während anderen faktischen Staaten aus politischen
5
Hippler (2004) S. 16-25.
6
Stütz (2008) S. 34-36.

5
Gründen die internationale Anerkennung verwehrt bleibt.
7
Aus diesem Grund wird
die De-jure-Staatlichkeit in der vorliegenden Arbeit ausgeklammert.
Der Staat hat drei Kernfunktionen, die unterschieden werden müssen. Die wichtigste
Funktion ist die der Sicherheit. Der Staat soll das Gewaltmonopol auf dem gesamten
Territorium durchsetzen und somit die Sicherheit gewährleisten. Die zweite Stufe
stellt die Legitimität- und Rechtsstaatsfunktion dar. Hierzu gehört die politische Par-
tizipation, Qualität des Rechtsstaats oder auch die Funktionsfähigkeit des Justizwe-
sens und der öffentlichen Verwaltung. Die Wohlfahrtsfunktion ist die dritte Kern-
funktion eines Staates. Dieser Bereich umfasst staatliche Dienst- und Transferleis-
tungen und betrifft die gesamte Sozial- und Wirtschaftspolitik. Die drei Kernfunktio-
nen korrelieren miteinander und können sich positiv als auch negativ verstärken.
Ohne die Erreichung der vorherigen Stufe kann die nächste nicht oder nur unvoll-
ständig gewährleistet werden. Gemäß dem Motto ,,keine Entwicklung ohne Sicher-
heit" ist die Gewährleistung von Sicherheit die elementare Voraussetzung für eine
dauerhafte Entwicklungsperspektive. Für eine nachhaltige Konsolidierung müssen
jedoch alle drei Kernfunktionen entwickelt werden.
8
Die Rechtfertigung staatlicher Existenz als eine wünschenswerte politische Gesell-
schaftsform basiert also im Wesentlichen auf dessen Zweckerfüllung. Aus dem
Wunsch nach einem ,,guten" Leben, frei von existenzieller Angst, wo sich die eigene
Persönlichkeit entfalten kann, findet der Staat seine Daseinsberechtigung.
9
Neben der Ordnungsfunktion für seine Bevölkerung hat der Staat eine weitere wich-
tige Funktion. Staaten sind Träger der globalen Ordnung. Somit basiert das internati-
onale System auf Staaten.
10
Auch aus diesem Grund beschäftigt sich der nächste Ab-
schnitt mit dem Problem des Staatszerfalls.
2.2.2 Das Problem des Staatszerfalls
Durch die täglichen Meldungen über Bürgerkriege und Flüchtlingsströme wird deut-
lich, dass das Phänomen des Staatszerfalls als eine zentrale Konfliktursache zu den
größten Herausforderungen der heutigen Weltpolitik zählt. Nach Schätzungen sind
mehr als fünfzig Staaten von diesem Problem betroffen. Unter Staatszerfall versteht
man alle Formen fragiler Staatlichkeit. Neben schwachen Staaten, auch versagende
Staaten, die vom Zerfallsprozess akut bedroht sind, sowie gescheiterte, also bereits
zerfallene Staaten. Abhängig vom Ausmaß der Fragilität kann nur eine oder sogar
keine der beiden Ordnungsfunktionen mehr erfüllt werden. Ein failure state kann auf
nationaler Ebene die Sicherheit als Kernfunktion nicht länger gewährleisten und
7
Schneckener (2004) S. 18.
8
Schneckener (2004) S. 21-23.
9
Stütz (2008) S. 53-56.
10
Schneckener (2004) S. 9.

6
grundlegende Verwaltungsstrukturen bereitstellen, während er auf internationaler
Ebene seinen Verpflichtungen gegenüber der Staatengemeinschaft nicht nachkom-
men kann.
11
Wie am Beispiel Somalias deutlich wird, können gescheiterte Staaten nicht nur eine
soziale und ökologische Bedrohung darstellen, sondern auch Flüchtlingsströme aus-
lösen, Nachbarländer destabilisieren, den internationalen Handel gefährden und die
organisierte Kriminalität kann sich ausbreiten. Spätestens seit den Anschlägen von
9/11 veränderte sich die Perspektive und die sicherheitspolitischen Aspekte fragiler
Staatlichkeit rückten in den Vordergrund. Dementsprechend sieht die neue Sicher-
heitsstrategie der USA wie auch der EU nicht länger militärisch starke Staaten als die
größte Sicherheitsbedrohung, sondern Staaten, die vom inneren Zerfall bedroht sind.
Zerfallene Staaten sind ein begünstigender Faktor für die Entstehung und Ausbrei-
tung von Terrorismus. Da die Staatsgewalt in diesen Gebieten entweder nicht mehr
existiert oder den Terrornetzwerken nichts entgegenzusetzen hat, können die Akteure
des internationalen Terrorismus von solchen Staaten aus agieren und sie als Rück-
zugsgebiete nutzen.
12
Neben weiteren gravierenden Bedrohungen, die im Zusammenhang mit fragiler
Staatlichkeit stehen, wird das Problem von Fluchtbewegungen ­ vor allem für die
Europäische Union ­ schnell deutlich, wenn man bedenkt, dass die meisten der vom
Zerfall bedrohten Staaten in Afrika und im Nahen Osten liegen. Der Zerfall staatli-
cher Institutionen und die daraus resultierende existenzielle Not der Bevölkerung ist
die Hauptursache für Migration und Flüchtlingsströme. Wenn ein Staat seiner Wohl-
fahrtsfunktion nicht nachkommt, wird der Migrationsdruck neben den innerstaatli-
chen Konflikten auch durch den Faktor Armut erhöht. Die Bekämpfung von Flucht-
ursachen und des internationalen Terrorismus verdeutlicht die Bedeutung staatlicher
Ordnung.
13
Der vollständige Zerfall eines Staates ist eher eine Besonderheit. Dysfunktionalität in
bestimmten Kernfunktionen oder in Teilen des Territoriums bildet dagegen die
Norm. Da der Zerfallsprozess weder linear abläuft noch unumgänglich ist, lassen
sich im Niedergang begriffene Staaten nur schwer erfassen und systematisieren.
14
Die wesentlichen Ursachen für die Erosion von Staatlichkeit werden durch eine Viel-
zahl von Faktoren beeinflusst. Die Einflussfaktoren werden zwischen Struktur-, Pro-
zess- und Auslösefaktoren sowie zwischen internationaler/regionaler, nationaler und
substaatlicher Ebene unterschieden. Die folgende Tabelle soll einen Überblick über
die Ursachen dieses Phänomens schaffen.
11
Büttner (2004) S. 2.
12
Schneckener (2004) S. 10.
13
Riedel (2015)
14
Mair (2004) S. 83.

7
Tabelle 1: Destabilisierende Faktoren für Staatlichkeit
Quelle: Schneckener (2004) S. 29.
Je nach Funktionsbereich des Staates (Sicherheit, Legitimität/Rechtsstaatlichkeit und
Wohlfahrt) kann sich die Zuordnung der im Erosionsprozess beteiligten Akteure un-
terschiedlich verhalten. Zu den Change Agents gehören westlich orientierte Reform-
kräfte, die durch eine Neuerung staatlicher Strukturen Missstände beseitigen möch-
ten. Die zweite Gruppe ist die der Status-quo-Kräfte. Hierbei handelt es sich um Ak-
teure, die im bestehenden System Karriere gemacht haben und vom aktuellen Status
quo profitieren und deshalb den Verlust an Macht oder Einkommen fürchten. Diese
Personen stehen Veränderungen ablehnend gegenüber bzw. versuchen den Reform-
prozess zu blockieren. In die Gruppe der Störer (spoiler) fallen alle militanten und
radikalen Kräfte, die eine Stärkung der Staatlichkeit sabotieren. Zu den nichtstaatli-
Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
State-Building im Kosovo. Über den Aufbau von demokratischen Strukturen und rechtsstaatlichen Institutionen
Hochschule
Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung Brühl - Fachbereich Allgemeine Innere Verwaltung
Note
1,65
Autor
Jahr
2017
Seiten
41
Katalognummer
V387934
ISBN (eBook)
9783668621688
ISBN (Buch)
9783668621695
Dateigröße
1063 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
State-Building, Nation-Building, Kosovo, Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit, EULEX
Arbeit zitieren
Nehat Veseli (Autor), 2017, State-Building im Kosovo. Über den Aufbau von demokratischen Strukturen und rechtsstaatlichen Institutionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387934

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