Hagiographische Quellen und Armut im Mittelalter - Episkopale Caritas und Memoria an den Beispielen der Bischofsviten Meinwerks von Paderborn, Annos II. von Köln und Otto I. von Bamberg


Hausarbeit, 2003

15 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Hagiographie

3. Die Caritas der Bischöfe
3.1. Die Caritas Meinwerks von Paderborn
3.2. Die Caritas Annos II. von Köln
3.3. Die Caritas Ottos I. von Bamberg

4. Die Memoria der Bischöfe

5. Zusammenfassung

6. Literatur

1. Einleitung

Bei der Beschäftigung mit dem Thema ‚Armut im Mittelalter‘ eröffnen sich von Beginn an diverse zentrale Fragen, deren Beantwortung unablässig ist, um ein sozial- und wirtschaftsgeschichtliches Bild des Mittelalters zeichnen zu können. Eine davon ist, inwieweit die Kirche als wohl einflußreichste Institution der Zeit, der sozialen, aber auch der moralischen Verpflichtung aus ihrem eigenen Ideal heraus nachkam, für die Armen bzw. Schwachen der Gesellschaft da zu sein.[1] Besonders aber, warum sich die Kirche in der Regel damit begnügte, einen Teil der Armen stellvertretend für die gesamte Schicht der Armen zu versorgen (pars pro toto), anstatt die Ursachen der Armut zu bekämpfen.[2]

Diese Frage kann zwar im Rahmen dieser Hausarbeit nicht beantwortet werden, jedoch soll es Ziel sein, zumindest einen Beitrag dazu zu liefern.

Dazu soll anhand der Lebensbeschreibungen, also den Viten dreier Bischöfe des 11. und 12. Jahrhunderts beispielhaft untersucht werden, wie diese hohen kirchlichen Würdenträger ihrer Verpflichtung zur Caritas, aber auch zur Memoria, nachkamen.

Demnach liegt der Arbeit die Quellengattung der Hagiographie zugrunde, welche im ersten Abschnitt kurz vorgestellt werden soll. Im speziellen wird mit einer Untergruppe der Hagiographie, nämlich den Bischofsviten, gearbeitet, welche ebenso in Abschnitt eins in aller Kürze charakterisiert werden soll.

Im Anschluß daran werden in einzelnen Abschnitten sowohl die Caritas, als auch die Memoria der drei ausgewählten Bischöfe untersucht. Zuvor sollen aber in den einzelnen Abschnitten die Wesenszüge von Caritas und Memoria im Allgemeinen herausgearbeitet werden.

Als wichtigste Literatur für die oben geschilderte Zielsetzung der Hausarbeit dient mir zum einen Marie-Luise Laudages Dissertation ‚Caritas und Memoria mittelalterlicher Bischöfe‘ (besonders für die Darstellungen zu Anno II. von Köln und Otto I. von Bamberg), als auch Stephanie Haarländers Werk ‚Vitae episcoporum‘[3] (besonders für den systematischen Zugriff zur Quellengattung Bischofsviten).

2. Zur Hagiographie

Im Allgemeinen versteht man unter Hagiographie die Quellengattung der auf Wunder wirkende Personen oder Gegenstände bezogenen Darstellungen des Mittelalters. In diese Gruppe fallen besonders die Viten (Lebensdarstellungen von Heiligen), Miraculae (Wundergeschichten, Darstellung der nach dem Tod der Heiligen gewirkten Wunder) und Translationsberichte (Wundergeschichten der auf dem Transport von Reliquien geschehenen Wunder). Da das Wunderwirken als zentrales Element dieser Quellengattung hervorgehoben wird, müssen hagiographische Quellen stets mit der nötigen Vorsicht verwandt werden. Der Grad zwischen glaubhafter Historiographie und Wundererzählungen ist oft schmal. Für den mittelalterlichen Schreiber gehörte das Wunderwirken zur historischen Wahrheit und steht deshalb gleichrangig neben der empirisch-historischen Wahrheit.

Zudem haben hagiographische Quellen im Allgemeinen das Ziel, die dargestellte Persönlichkeit als besonders tugendhaft und vorbildlich darzustellen, weshalb Charaktereigenschaften, Handlungen usw. übermäßig positiv zum Ausdruck gebracht werden. Oft liegt dem Verfassen einer hagiographischen Schrift ein unmittelbarer politischer Zweck zugrunde (etwa die Heiligsprechung), weshalb sie oft rechtfertigende und positiv stilisierende Züge aufweist.

Nichtsdestotrotz kann der Quellenwert einer hagiographischen Quelle durchaus hoch sein, da sich häufig Detailinformationen, aber auch größere Zusammenhänge historisch korrekt wiederfinden. Die Aufgabe des Historikers ist es hierbei, zwischen dem hagiographischen und dem historiographischen Teil einer solchen Quelle zu unterscheiden und dies möglichst mit anderen Quellengattungen (Urkunden etc.) abzusichern.[4]

Wie bereits erwähnt stellen die Bischofsviten in der Unmenge der gesamten überlieferten Viten (die Acta Sanctorum, die größte Vitensammlung, umfaßt rund 4000 Viten von etwa 2500 Heiligen) eine im Vergleich zum Rest doch recht übersichtliche Gruppe, deren Spezifika hier kurz dargestellt werden sollen.

Wenn die meisten der überlieferten hagiographischen Quellen z.T. einen politischen Zweck verfolgen, wie es oben dargestellt wurde, so ist diese Eigenschaft für die Bischofsviten besonders von Bedeutung. Der Bischof war nicht nur oberster geistlicher Führer seines Bistums, sondern auch, wenn nicht sogar vielmehr, ein politischer Führer. Fast immer entstammten Bischöfe einer adligen Familie mit zahlreichem weltlichen Besitz und so wurde der Bischof zu einem weltlichen Territorialfürsten und häufig ein wichtiger Verbündeter des jeweiligen Kaisers. Der Bischof nahm eine herausragende politische Funktion in der mittelalterlichen Gesellschaft wahr, und so kann es nicht verwundern, daß die Viten, die einem Bischof gewidmet wurden, einen besonders politischen Zweck erfüllten. Typisch hierbei ist etwa die positive Abgrenzung zu dem oder den jeweiligen Nachfolger/n des Bischofs[5] oder die Vorbereitung oder Rechtfertigung der Heiligsprechung.[6]

Typische Motive einer Bischofsvita sind außerdem die Rechtfertigung gegen mögliche Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden könnten,[7] sowie die Hervorhebung des Bischofs als Gründer und/oder Förderer eines/ mehrerer Klöster oder Stifte,[8] als auch die Hervorhebung der Bautätigkeiten des Bischofs am Bischofssitz.[9]

All diese Elemente haben zum Ziel, den Bischof in das rechte Licht zu rücken, das Bild eines Herrschers zu zeichnen, der sich vorbildlich um sein Bistum kümmert und dessen Macht und Wohlstand mehrt, sich aber gleichzeitig den christlichen Idealen verbunden fühlt. Dazu gehört eben auch die Armenfürsorge, die seit jeher zu den zentralen Aufgaben des Bischofs gehört:

[...]


[1] Vgl. Diss. Laudage, Marie-Luise: Caritas und Memoria mittelalterlicher Bischöfe. (Münstersche Historische Forschungen, Bd..3), Köln, Weimar, Wien 1993, S.13: Daß der Einzelne für das Heil seines Nächsten verantwortlich sei, wird als Novum der christlichen Religion gegenüber der Antike bezeichnet.

[2] Freilich muß hier hinzugefügt werden, daß den Armen im Gegensatz zur heutigen Gesellschaft durchaus eine Funktion für die Gesellschaft des Mittelalters beigemessen wurde. Als Teil der dritten Schicht, der oratores, war es ihre Aufgabe, für das Seelenheil der Zugehörigen der beiden anderen Schichten der mittelalterlichen Gesellschaft zu beten, wofür sie Gegenleistungen in Form von Almosen erhielten. Die Bekämpfung der Armut als gesellschaftlichen Mißstand war deshalb nicht vordergründig nötig. (zur Dreiteilung der mittelalterlichen Gesellschaft in laboratores, bellatores und oratores siehe: Oexle, Otto Gerhard: Die funktionale Dreiteilung der ‚Gesellschaft‘ bei Adealbero von Laon. Deutungsschema der sozialen Wirklichkeit im frühen Mittelalter. In: FMSt, Bd12 (1978), S.1-54, S.40.

[3] Haarländer, Stephanie: Vitae episcoporum. Eine Quellengattung zwischen Hagiographie und Historiographie, untersucht an Lebensbeschreibungen von Bischöfen des regnum teutonicum im Zeitalter der Ottonen und Salier. (Monographien zur Geschichte des Mittelalters, Bd.47), Stuttgart 2000.

[4] Vgl. Haarländer: Vitae episcoporum. S.3-8 und Goetz, Hans-Werner: Proseminar Geschichte: Mittelalter. Stuttgart 1993 S.105-111.

[5] Vgl. Haarländer: Vitae episcoporum. S.95-102.

[6] Vgl. ebd. S.102-114.

[7] Vgl. ebd. S.90-1002, z.B. wurde Anno II von Köln ein zu regides Vorgehen gegen die Bürger Kölns während eines Aufstandes am 4. Dezember 1075 vorgeworfen, was in den Anno-Viten verteidigt wird. (Vgl. Haarländer: Vitae episcoporum. S.91f. und Laudage: Caritas und Memoria. S.200.)

[8] Vgl. Haarländer: Vitae episcoporum. S.118-126, 187-197. Hierauf wird später noch einzugehen sein (Abschnitt 4 Memoria).

[9] Vgl. ebd. S.200-202, 224.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Hagiographische Quellen und Armut im Mittelalter - Episkopale Caritas und Memoria an den Beispielen der Bischofsviten Meinwerks von Paderborn, Annos II. von Köln und Otto I. von Bamberg
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V40156
ISBN (eBook)
9783638387361
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hagiographische, Quellen, Armut, Mittelalter, Episkopale, Caritas, Memoria, Beispielen, Bischofsviten, Meinwerks, Paderborn, Annos, Köln, Otto, Bamberg
Arbeit zitieren
Andreas Braune (Autor), 2003, Hagiographische Quellen und Armut im Mittelalter - Episkopale Caritas und Memoria an den Beispielen der Bischofsviten Meinwerks von Paderborn, Annos II. von Köln und Otto I. von Bamberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40156

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hagiographische Quellen und Armut im Mittelalter - Episkopale Caritas und Memoria an den Beispielen der Bischofsviten Meinwerks von Paderborn, Annos II. von Köln und Otto I. von Bamberg



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden