Sprachkontakt in Paraguay


Seminararbeit, 2004
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

0 Vorwort

1 Externe Sprachgeschichte
1.1 Frühe Kolonialisierung und Einfluss der Jesuiten
1.2 19. Jahrhundert
1.3 20. Jahrhundert und heutige Situation
1.4 Zusammenfassung

2 Mögliche Einflüsse des Guaraní im Spanischen Paraguays
2.1 Phonetik/ Phonologie und Lexik
2.2 Morphosyntax am Beispiel der Besitzanzeige

3 Fazit

4 Quellen

0 Vorwort

Der lateinamerikanische Sprachkontakt des Spanischen mit der Sprache der Indígenas findet im Fall Paraguay eine besondere Ausprägung. Der nicht ganz typische Umgang mit der Kultur und somit auch der Sprache der Guaraní schuf eine einmalige Situation, welche einige Autoren – allen voran Germán de Granda – besonders profund untersucht haben.

Die vorliegende Arbeit soll externe und interne Einflüsse auf den Sprachwandel gleichermaßen darstellen. Für die externe Sprachgeschichte ist es durchaus möglich, einen kurzen, aber umfassenden Abriss zu geben, ohne den Rahmen der Arbeit zu überschreiten. Für die innersprachlichen Wechselbeziehungen im Sprachkontakt Spanisch-Guaraní ist dies weitaus schwieriger, weshalb die Betrachtungen dazu an dieser Stelle nicht überblicks- sondern beispielartig angestellt werden sollen. Neben einem kurzen Anriss zu phonologischen und lexikalischen Einflüssen des Guaraní auf das paraguayische Spanisch soll ein morphosyntaktisches Phänomen durchaus tiefgründiger dargestellt werden.

Im Rahmen dieser Arbeit kann nur ein kleiner Überblick dieses viel umfassenden Themas möglich sein. Neben der Anregung, sich intensiver damit auseinanderzusetzen, soll sie vor allem aufweisen, wie vielschichtig die Frage nach dem Ursprung heutiger Normen – sprachintern wie -extern – sein kann.

Robert Krahl

Merseburg, im Januar 2005

1 Externe Sprachgeschichte

1.1 Frühe Kolonisierung und Einfluss der Jesuiten

Die Bevölkerungsstruktur Paraguays ist heute geprägt durch eine nahezu vollständige Mestizisierung, deren Ursachen auch starke und in Lateinamerika fast einmalige Einflüsse auf die Sprachentwicklung ausübten.

Nach der Gründung Asuncións durch Juan Salazar y Espinosa im Jahre 1537 befand sich jener Landstrich bald in einer Randlage des Vizekönigreichs Peru. Ursachen hierfür war neben dem starken Gegengewicht konkurrierender Siedlungen wie Santa Fe (1573), Buenos Aires (1580) oder Corrientes (1588) vor allem die unsichere Lage; ein dauerhafter Handelsweg nach Peru konnte nicht gehalten werden, da die brasilianische Expansion und die Indianergefahr dessen Sicherheit gefährdeten. Eine Folge dieser Randlage war eine geringe Zuwanderung von Spaniern. Die spanische Oberschicht blieb somit recht klein. (cf. Dietrich 2003: 1045 ff.)

Domingo Martínez de Irala betrieb des weiteren in den 1530er Jahren „eine forcierte Heiratspolitik zwischen den wenigen spanischen Beamten und Söldnern und den Frauen der bald verbündeten Guaraní [und schuf somit] die Grundlage für den [...] „mestizaje“ und damit auch für die Sprachentwicklung“ (Dietrich 2003: 1047). Diese Mestizisierung bewirkte eine weitere Verdrängung des ohnehin schon wenig präsenten Spanisch. Die Guaraní-Frauen waren einsprachig und erzogen dementsprechend ihre Kinder, welche mancebos de la tierra genannt wurden. Von jenen waren es vorwiegend die Söhne, welche mit dem Spanischen ihrer Väter in Kontakt kamen. Dieses Spanisch jedoch „zeichnete sich durch sektionale Verarmung und zahlreiche Archaismen aus“ (Dietrich 2003: 1047).

Der Gouverneur Irala, der selber „siebzig ihm ordentlich angetraute Frauen gehabt haben [soll]“ (Fasoli-Wörmann 2002: 21), wollte die Entstehung einer weißen Oberschicht bewusst verhindern, indem er Mestizen in hohe Ämter setzte. Diese Politik, aber auch die Institution der naboria – Kinder von Indígenas wurden in spanische Familien zur christlichen Erziehung und Arbeit gegeben – trugen dazu bei, dass es zu einer „relativ harmonische[n] beidseitige[n] Akkulturation“ (Fasoli-Wörmann 2002: 22) kam. Für spanische Regierungsbeamte „schien es selbstverständlich, Guaraníkenntnisse zu erlangen“ (Fasoli-Wörmann 2002: 23), obwohl das Spanische als Verwaltungssprache (bis heute) nicht in Frage gestellt wurde. Das Guaraní war zu dieser Epoche also die am weitesten verbreitete Sprache, die von allen beherrscht wurde (cf. Fasoli-Wörmann 2002: 24).

Ab 1609 verstärkten die Jesuiten ihre Bemühungen im Gebiet Paraguays. Sie errichteten reducciones, in denen bis zu 10.000 Einwohner lebten. Es waren vor allem die Indígenas aus den von den brasilianischen Siedlern bedrohten Gebieten, welche in diese reducciones gebracht wurden. Diese Siedlungen unter der Aufsicht der Jesuiten wuchsen zu einem ernsthaften wirtschaftlichen Konkurrenten für die zivile Siedlung heran (cf. Dietrich 2003: 1047). Innerhalb der reducciones war das Guaraní die Umgangsprache, aber auch die Unterrichtssprache; so wurde der Katechismus ins Guaraní übersetzt und auch die padres verfügten über „weitreichende Kompetenz in Guaraní“ (Fasoli-Wörmann 2002: 26). Andererseits widmeten sich die Jesuiten dem Studium der fremden Sprache und Kultur. Die erste Grammatik entstand bereits vor 1629 und bis heute von Bedeutung ist der Tesero de la lengua Guaraní von 1639, welcher von Padre Antonio Ruiz de Montoya geschrieben wurde. Die wichtige Rolle der Arbeit der Jesuiten für den Erhalt des Guaraní scheint evident, ist jedoch nicht unumstritten.

Nach der Ausweisung der Jesuiten (1776) und der damit verbunden Auflösung der reducciones strömten nur wenige Indios in die Wälder (cf. Dietrich 1995: 203) zurück oder siedelten als Ackerbauern. Ein großer Teil ging auch in die dichter besiedelten Gebiete um Asunción und Corrientes. Die Folge des etwa 150 Jahre langen Lebens in den „hermetisch abgeriegelt[en]“reducciones (Fasoli-Wörmann 2002: 29) waren zwei Varietäten des Guaraní: ein jesuitisches und ein hispanisiertes. Die jesuitische Varietät assimilierte sich jedoch an die Umgangssprache. Auch wenn in der Folge sich die Kolonialregierung um eine Ausbreitung des Spanischen bemühte, blieb die Zahl der Spanischsprecher gering (cf. Fasoli-Wörmann 2002: 30 f.).

1.2 19. Jahrhundert

Die Region des heutigen Paraguays gehörte ab 1776 zum Vizekönigreich Río de la Plata. Das Gebiet um Asunción war wirtschaftlich unbedeutend und stand in hoffnungsloser Konkurrenz gegenüber Buenos Aires. Aus dieser Rivalität heraus kam es zur Schlacht von Tacuarí. Die Paraguayos siegten und lösten sich aus dem Vizekönigreich; 1813 erfolgte die Unabhängigkeitserklärung von Spanien. José Gaspar Rodriguz de Francia regierte – ab 1816 als Diktator auf Lebenszeit – bis zu seinem Tod 1840.

Die Politik des Diktators war vom Streben nach Unabhängigkeit, Gehorsam und Patriotismus geprägt. Während seiner Regierungszeit riegelte sich das Land ab; jeglicher äußere Einfluss wurde unterbunden. Francia führte außerdem die política de mestizaje fort – und dies auf drastische Weise: das Guaraní wurde Amtssprache; es gab Volksschulpflicht, aber keine Möglichkeiten für höhere Bildung; sämtliche spanische Institutionen und Bräuche aus der Kolonialzeit wurden verboten; die Eheschließung zwischen zwei Weißen war bei Todesstrafe untersagt. Das Land war bis 1840 „kulturell stehengeblieben“ (Fasoli-Wörmann 2002: 32). Für die spanische Varietät in dem stark abgeriegelten Land bedeuteten diese ersten Jahre der Unabhängigkeit die Herausbildung vieler Eigenarten; außerdem unterwarf es „den Gebrauch des Guaraní keinerlei sozialen Ächtung“ (Dietrich 2003: 1048).

Dem Diktator Francia folgten Carlos Antonio López (1852-1862) und Francisco Solano López (1862-1870). Der erstere öffnete die Grenzen und ließ erneut Einwanderer ins Land; diese jedoch „drangen nicht bis Paraguay vor“ und das „Spanische Paraguays [blieb] weitgehend unbeeinflusst“ (Dietrich 2003: 1048)[1]. Der zweite Nachfolger von Diktator Francia, Francisco Solano López, setzte beide Sprachen geschickt für seine Politik ein und förderte Literatur in Guaraní.

Das entscheidende Ereignis für einen Bewusstseinswandel innerhalb der paraguayischen Gesellschaft war der verlustreiche Triple-Allianz-Krieg (1864-1870) gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay. Zwei Faktoren verschafften dem Guaraní im Zusammenhang des Krieges einen Aufschwung. In dem verheerenden Krieg fielen rund 80% der männlichen Bevölkerung (cf. Fasoli-Wörmann 2002: 35); diese schier unglaubliche Anzahl hatte einen Frauenüberschuss zur Folge. Diese sprachen fast ausschließlich Guaraní. Des weiteren wurde das Guaraní zu Propaganda-Zwecken eingesetzt und erhielt somit eine soziale Aufwertung. Unter dem Abwehdruck wurde sehr stark bewusst, dass „das nationale Gefühl [...] immer auf der Einmaligkeit der rassischen und sprachlichen Verbindung des guaranitischen mit dem spanischen Element [beruht hatte]“ (Dietrich 2003: 1049).

Die sprachliche und ethnische Situation des Landes wurde also in Folge einer herben Kriegsniederlage im nationalen Bewusstsein der Paraguayos verankert.

Die Nachkriegszeit war geprägt von (nicht-spanischer) Einwanderung und politisch instabilen Verhältnissen. Es gab dennoch eindeutige Versuche, das Spanische voranzutreiben. Das Schulwesen wurde ausgebaut und 1890 wurde die Universidad Nacional eröffnet. Insgesamt jedoch ging „in sprachlicher Hinsicht das 19. Jahrhundert nahezu unverändert zu Ende“ (Fasoli-Wörmann 2002: 36).

[...]


[1] Fasoli-Wörmann (2002: 32 ff.) verweist jedoch auf leichte Erfolge für das Spanische – so z.B. im Schulwesen. Grund für die Förderung seien Propagandazwecke gewesen. 1845 wurde „die erste Tageszeitung des Landes, El Paraguayo Independiente, in Spanisch“ herausgegeben. Dennoch schreibt auch Fasoli-Wörmann, dass „noch nicht von einer tiefgreifenden Veränderung der Sprachsituation im ganzen Land gesprochen werden [kann]“. Jedoch seien die Zahlen der bilingualen Sprecher in den Städten gestiegen, was „auf gesellschaftliche Veränderungen“ zurückzuführen sei.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Sprachkontakt in Paraguay
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Spanisch im 21. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V40639
ISBN (eBook)
9783638391108
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einblicke in interne und externe Sprachkontakte, also eine kurze Abhandlung zur Sprachgeschichte des Landes und im zweiten Teil Ausführungen zu den möglichen Einflüssen des Guaraní auf das Spanische in Paraguay (ein Schwerpunkt auf dem Beispiel der morphosyntaktischen Ausbildung der Besitzanzeige)
Schlagworte
Sprachkontakt, Paraguay, Spanisch
Arbeit zitieren
Robert Krahl (Autor), 2004, Sprachkontakt in Paraguay, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40639

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