Ein Vergleich von Bertolt Brechts "Kinderhymne" und Johannes Bechers "Auferstanden aus Ruinen"


Seminararbeit, 2017

16 Seiten, Note: 5.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografien
2.1 Johannes Becher
2.2 Bertolt Brecht

3. Textanalyse
3.1 Auferstanden aus Ruinen
3.2 Kinderhymne

4. Vergleich

5. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Eine Mauer zieht sich durch Berlin, Familien und Freunde werdenauseinandergerissen. Eine Stadt wird geteilt. Ein so einschneidendes Erlebnis prägtnicht nur die Kultur, die Empfindungen der Menschen, ihre Beziehungenuntereinander und zum Staat, sondern spiegelt sich auch in der Kunst wieder. InZeiten der Separation kommt der Literatur eine stark verbindende Rolle zu. Sieüberschreitet Grenzen, wo andere nicht einmal hinübersehen können. Die reinsteForm von Literatur ist Poesie. Und keine Poesie hätte eine stärker einigendeWirkung als eine Hymne. Sie ist der Inbegriff von Kultur, Identität und Verbundenheitzu einem Vaterland. In der vorliegenden Arbeit werden nun zwei deutsche Hymnenzu Zeiten der Gründung der DDR betrachtet, analysiert und miteinander verglichen:Die „Auferstanden aus Ruinen“ von Johannes R. Becher und die „Kinderhymne“ vonBertolt Brecht. Hymnen sollten einen und dennoch wurde 12 Jahre nach derGründung der DDR die Mauer gebaut: Eine Einigung Deutschlands wurde also nichterreicht. In Anbetracht der historischen Situation, der unterschiedlichen Charaktereund der politischen Lage wird in einem ersten Teil kurz auf die Biografien der beidenAutoren eingegangen um die Fragestellung nicht nur von einem interpretatorischenZugang, sondern auch historisch herleiten zu können. In einem zweiten Teil werdendie beiden Hymnen einzeln analysiert um sie im dritten Teil gegenüberstellen zukönnen. In der Schlussdiskussion soll die Fragestellung abschliessend beantwortetwerden: Inwiefern beziehen sich die beiden Hymnen aufeinander und welcheElemente unterscheiden oder ergänzen sich.

2. Biografien

2.1 Johannes Becher

Während und gegen Ende des Ersten Weltkrieges zeigt sich Becher als Rebell, dersich gegen den Krieg literarisch auflehnt. Er schreibt zahlreiche Gedichte und ruftdarin zu Frieden und Verbrüderung auf.1 Die sozialistische Einstellung Becherszeigt sich also bereits im Ersten Weltkrieg. Obwohl er aus wohlhabendem Hausestammt - der Vater ist Oberlandesgerichtspräsident - begibt er sich in die politischenGefilde der proletarischen Kräfte und wird 1917 Mitglied der „UnabhängigenSozialdemokratischen Partei“ und kurz darauf der neuen „Kommunistischen Partei

Deutschlands“. Becher arbeitet nicht nur an seinen Dichtungen, sondern marschiert an Demonstrationen mit und verteilt Flugblätter, kurzum: Er ist ein Sozialist ersterGüte, der die Revolution nicht nur sprachlich, sondern auch mit Tatkraft unterstützt.Bechers Profil wird weiter geschärft und seine Lyrik sachlicher und kritischer. Damiterreicht er „nicht mehr nur die geschulten Ohren hellhöriger Ästheten undLiteraturfreunde [... auch] die revolutionären Proletarier greifen [nun] zu seinenBüchern.“2 Ende der 20er Jahre bereist Becher mehrmals die Sowjetunion. Kurz vordem zweiten Weltkrieg stellt sich Becher klar gegen den Faschismus: Er verteidigtdie Sowjetunion und wird als Kandidat der Kommunistischen Partei für dieReichstagswahl auf die Liste gesetzt. Danach ist er der NSDAP Hitlers ein Dorn imAuge und es folgen Jahre der Emigration. Nach zwei Jahren lässt er sich in Moskaunieder und in Deutschland werden ihm durch eine Verordnung der Naziregierungdie deutschen Bürgerrechte abgesprochen.

Von 1935 bis 1945 bleibt Becher in der Sowjetunion: Er befasst sich intensiv mit dem Begriff des Vaterlandes und dessen differenzierten Inhalt. Vaterlandsliebe wurde nicht verteufelt, jedoch nicht aus einer faschistischen, sondern einer sozialistischen Perspektive gutgeheissen.

Während dem Toben des Zweiten Weltkrieges bündelt Becher seine literarischenKräfte dafür, den Krieg zu beenden und durch einen Sieg der Sowjetunion diedeutsche Nation von ihrem faschistischen Korsett befreien zu können. Dieunermüdliche Arbeit Bechers endet jedoch nicht mit dem Ende des Krieges.„Deutschland ist rückerobert, wiedergefunden, befreit - und steht nun vor ihm elend,verwahrlost, fordernd.“3 Vor diesen Trümmern wird Becher zum Präsidenten desKulturbundes gewählt und überzeugt die „Ruinenbewohner“ von einem neuenDeutschland. Mit Enthusiasmus ist er der Zukunft Deutschlands verschrieben undin den späteren 40er Jahren schafft er eine Reihe von Volksliedern. Darunterveröffentlicht er auch seine Nationalhymne der DDR, die er mit „Blick über daskünftige Deutschland“4 schreibt. Dieser Auftrag wurde ihm von der SED5-Führungübertragen, denn wer schien besser dafür geeignet als der langjährige, erfahrene Kommunist und Genosse Becher. Sie sollte von „alle[n] Schichten unseres Volkes [...] mit leidenschaftlicher Anteilnahme gesungen werden können.“6

Die westdeutsche Öffentlichkeit nahm die DDR-Hymne Bechers sauer auf: Als „neue sogenannte Nationalhymne“ wurde sie als „Lied ohne Dynamik und ohne tiefgehenden Eindruck“7 abgetan. Später wurde die Hymne sogar als „Spalterhymne“ betitelt.

2.2 Bertolt Brecht

Während des Ersten Weltkrieges verfasst Brecht zuerst patriotisch gefärbte Texteum sich danach wiederum vom Krieg zu distanzieren. Anders als Becher nimmtBrecht durchaus am Krieg Teil. Dies jedoch nicht ganz freiwillig und er tut alles, umnicht an die Front zu kommen. Er „berief sich u.a. auf sein Herzleiden“ und wurdedanach ausgehoben und nicht „unverzüglich ins Feld geschickt“8. Noch in seinemStudium wurde ein letztes Gesuch um Beurlaubung vom Kriegsdienst verworfenund er wird im Oktober 1918 aufgeboten. Den Waffendienst muss er jedoch nieantreten. Stattdessen wird er einer Position als Militärkrankenwärter zugeteilt.Brecht wird hier auf der Abteilung für geschlechtskranke Soldaten „mit derDoppelmoral der Gesellschaft konfrontiert, waren doch die meisten Patienten Opfervon [L] Frontbordellen [L]“.9 Die Doppelmoral wiederholt sich auch wieder inAnbetracht dessen, dass der Erste Weltkrieg für Deutschland längst verloren ist, dieOberste Heerleitung jedoch noch immer Durchhalteparolen verkündet und Soldatenan die Front schickt.

Brecht schreibt neben Gedichten auch Dramen und Theaterstücke. Seine ersteUraufführung gelingt ihm in München mit „Trommeln in der Nacht“.Mitte der 20er Jahre nähert sich Brecht definitiv dem Kommunismus an, tritt abernie wie Becher der Kommunistischen Partei bei. Die Undurchdringbarkeitgesellschaftlicher Strukturen begründeten seine weiterführende Arbeit. Bereits 1918schreibt er die „Legende vom toten Soldaten“, welche mit einer kalten, zynischenSprache die damalige Handlungsweise der Kriegsverantwortlichen beinaheprotokolliert. Die Ballade soll denn auch „der massgebliche Grund dafür gewesen sein, dass die Nationalsozialisten schon 1923 [L] Brechts Namen auf die Liste der Personen setzten, die nach einer Machtergreifung zu verhaften seien“.10

Ab 1930 werden die Stücke Brechts denn auch unterbrochen oder zumindest massiv gestört. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand flüchtet Brecht nach Prag. Das Exil tut seiner schriftstellerischen Tätigkeit keinen Abbruch. Die Jahre 1941 bis 1947 verbringt Brecht in den USA. Bisher ist unklar und auch in der Forschungsliteratur nicht zu finden, wie er sich damals über Wasser hielt. Anders als Becher war er zwar Kommunist, flieht aber nicht nach Moskau. Seine Flucht vor seinen eigenen Landsleuten, die ihn auch im Exil verfolgten, dauerte 15 Jahre. Nach Ende des Krieges kehrt er 1948 nach Berlin zurück, eine Einreise in den westlichen Teil ist jedoch nicht möglich. Bereits zuvor in der Schweiz hat sich Brecht gegenüber dem vom Krieg gebeutelten Deutschland geäussert: „Es ist klar aus allem, daß Deutschland seine Krise noch gar nicht erfaßt hat. [L] Weitermachen ist die Parole. Es wird verschoben und es wird verdrängt. Alles fürchtet das Einreißen, ohne das das Aufbauen unmöglich ist.“11

Diese Aussage bildet wiederum einen Bezug zur von ihm erlebten Doppelmoral während des Ersten Weltkrieges. Auf die Verdrängung und damit verbundeneAntriebslosigkeit für einen Neuanfang wird im zweiten Teil der Textanalyse nocheingegangen.

Aus dieser kurzen Biografie geht hervor, dass Brecht den politischen Aktivitäten desKommunismus kritischer gegenüberstand als Becher. Zwar als solcher bekannt,war ihm der eigene Erfolg wichtiger als der Dienst für den Kommunismus. Es kannaufgrund dessen auch erwartet werden, dass er in seiner Kinderhymne einepolitisch objektivere und gesellschaftskritischere Position einnehmen wird alsBecher.

3. Textanalyse

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges herrschte in Deutschland ein Vakuum. Dieersten beiden Strophen der Hymne „Das Lied der Deutschen“ von Hoffmann vonFallersleben waren von den Nazis missbraucht worden und das Lied wurde zwarnicht verboten, dennoch musste sich das neue demokratische Deutschland vonseiner Vergangenheit lösen. Nach der Gründung der BRD musste eine neue Hymne gefunden werden. In der Debatte darum hatte der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer überraschend die dritte, von den Nazis nicht verwendete Stropheangestimmt und damit einerseits einen politischen Skandal losgetreten undandererseits bereits eine tendenziöse Vorentscheidung getroffen. DieserHymnenstreit und die Entscheidung für die dritte Strophe des „Deutschlandliedes“war unmittelbarer Anlass für die Entstehung der Brechtschen Dichtung. Zudementstand sie ein Jahr nach der Einführung der Becher-Hymne in der DDR, welchesich ebenfalls gegen das „Deutschlandlied“ richtete, und wird auch als Gegenstückzu dieser gesehen. Alle drei Hymnen lassen sich mit derselben Melodie vertonen.Becher schrieb seine Hymne wie erwähnt auf Bitten von Wilhelm Pieck der SED,der ihm dafür eine Empfehlung angab: „Der 1. Vers sollte die Demokratie in Verbindung mit der Kultur haben. Der 2. Vers die Arbeit in Verbindung mit dem Wohlstand des Volkes. Der 3. Vers die Freundschaft mit den Völkern in Verbindung mit dem Frieden. Der Refrain sollte die Einheit Deutschlands zum Inhalt haben.“12

Die Becher Hymne bestand danach 40 Jahre bis zum Fall der Berliner Mauer. Brechts Dichtung wurde zwar als „das schönste Deutschlandlied“13 betitelt, schaffte es jedoch nie, als Hymne wahrgenommen zu werden.

3.1 Auferstanden aus Ruinen

Optisch zeigt sich die Hymne mit drei Strophen.14 Das Versmass ist vierhebig undbeginnt mit einem Trochäus. Zu Beginn jeder Strophe stehen zwei Kreuzreime (a ba b). Die weiblichen Reime vermitteln ein sanftes und klingendes Bild. Darauf folgen 5 weitere Verszeilen, die dem Kreuzreim ebenfalls folgen, wobei jedoch jeweils derzweitletzte Vers sich auf keinen anderen reimen lässt (a b a c b). Die Anzahl Silbenbeträgt, trotz des Reimes, der nicht ins Schema passt, immer abwechselnd acht undsieben. Nur der letzte Reim besteht immer aus nur fünf Silben. Die Form wirddadurch aufgebrochen „und in der [letzten Zeile erhält] jede der drei Schlusssilbenmetrisch einen vollen Takt [erhält], [und] bekommt dadurch etwas weithinHallendes“.15

Von der metrischen Analyse zur inhaltlichen Analyse zeigt sich, dass die jeweilszweitletzten Reime sich auch inhaltlich abgrenzen. So handelt es sich dabei in Strophe eins und drei um „dass die Sonne schön wie nie“ (JB S1,3/Z8)16 und in Strophe zwei „dass nie eine Mutter mehr/ihren Sohn beweint.“ Mit dem Durchbrechen des Reimschemas verdeutlicht sich die Botschaft dieser Zeilen: So wie nie, also nicht wie gewohnt. Es soll nicht in den üblichen Alltag, hier das Reimschema, passen. Genauso, dass eine Mutter nie mehr ihren Sohn beweinen soll, hebt sich der Reim von allem bisherigen ab. Becher wiederspiegelt also diese Veränderung, die er anstreben will, auf zwei Ebenen.

Im Titel und gleich damit beginnend ist das Wort „Auferstanden“ prominent. DieseWortwahl ist überraschend, lässt sie sich doch in einen christlichen Kontexteinbinden, was in einem sozialistischen Staat nicht angestrebt wird. Dieserchristliche Kontext wird durch die Verwendung von „emporsteigen“ (JB S3/Z4) nochverstärkt. Eine religiöse Ausrichtung Bechers lässt sich in der Forschung nichtfinden. Ich interpretiere dies jedoch als eine Form von Pathos, ein Mittel um derHymne Erhabenheit einzuhauen. Mit der Zukunft soll es nicht nur nach vorne gehen,sondern in diesem Sinne auch nach oben. Bechers Hymne ist damit fest in denhistorischen Begebenheiten der damaligen Zeit verankert: Man ist der Zukunftzugewandt und möchte die Vergangenheit überwinden und hinter sich lassen. DenFaschismus, die sinnbildliche „alte Not“ (JB S1/Z5), gilt es zu bezwingen. DieTeilung Deutschlands und Berlins wird nicht explizit erwähnt. In der zweiten Stropheschlägt Becher jedoch versöhnliche Töne an: Hände sollen einander gereicht undbrüderliche Einigkeit angestrebt werden. Deutschland als abstraktePersonifizierung, die auferstehen, der man dienen kann und die „Vaterland“ ist, zeigteinen Patriotismus, der sich mit einem Land und nicht mehr mit einer Regierungidentifiziert.

Diese Verbrüderung ist aber mit Vorsicht der Teilung Deutschlands zuzuschreiben.Die Zeile „schlagen wir des Volkes Feind“ (JB S2/Z6) kann zweideutig interpretiertwerden. Entweder ist der Feind der Krieg und alle Völker und auch das geteilteDeutschland vereinigen sich dagegen. Doch die Verwendung von „schlagen“ und„Feind“ in Anlehnung an die Kriegsrhetorik irritiert. Es könnte somit auch genausoals einen Zusammenschluss des kommunistischen Blocks gegen den Westeninterpretiert werden.

[...]


1 Vgl. Böttcher 1971, S. 11.

2 Böttcher 1971, S. 13.

3 Böttcher 1971, S. 25.

4 Böttcher 1971, S. 28.

5 Sozialistische Einheitspartei Deutschland.

6 Abusch 1980, S. 83.

7 Amos 1997, S. 70.

8 Knopf 2012, S. 41.

9 Knopf 2012, S. 42.

10 Knopf 2012 S. 49f.

11 Brecht 1995, S. 262.

12 Müller 2010, S. 24.

13 Fetscher 1977, S. 160.

14 Im Folgenden mit Strophen- und Zeilenverweisen auf den Primärtext in Amos 1997, S. 175.

15 Amos 1997, S. 52.

16 Ich beziehe mich auf die Texte mit der Abkürzung Strophe 1, 2, 3 / der Angabe der Zeilen mit SX/ZX und den Initialen JB und BB.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ein Vergleich von Bertolt Brechts "Kinderhymne" und Johannes Bechers "Auferstanden aus Ruinen"
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Note
5.5
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V412586
ISBN (eBook)
9783668637030
ISBN (Buch)
9783668637047
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertold Brecht, Brecht, Johannes Becher, Becher, DDR, Kinderhymne, Auferstanden aus Ruinen, Kriegsliteratur, Kriegsgedichte, Dichter, Mauerfall, Geteiltes Deutschland, Propaganda, Kriegsrhetorik, Hymne, Landeshymne, Volkshymne
Arbeit zitieren
Gioia Porlezza (Autor), 2017, Ein Vergleich von Bertolt Brechts "Kinderhymne" und Johannes Bechers "Auferstanden aus Ruinen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412586

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