(Post-) Kolonialer Habitus. Eine Verbindung von Bourdieu und Foucault für den afrikanischen Kontext


Bachelorarbeit, 2016

49 Seiten, Note: 1,50


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung und Handlungen des Subjekts
unter der sozialen Struktur
2.1. Soziale Rahmenbedingungen der Subjektkonstitution
2.2. Subjektivierung und Habitus

3. Habitus/Subjektbildung unter der postkolonialen
Gouvernementalität im afrikanischen Kontext
3.1. Merkmale der postkolonialen afrikanischen Gouvernementalität
3.2. Die Habitusentwicklung unter der postkolonialen

afrikanischen Gouvernementalität

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Philosophie sowie in vielen anderen Bereichen der Humanwissenschaften bildet das Subjekt und seine Entstehung unter den Bedingungen von Gesellschaft ein oft diskutiertes Thema. Die Frage dreht sich meist um die Determiniertheit subjektiven Handelns und um die damit verbundene mögliche Freiheit des Individuums (vgl. Reckwitz 2010). In diesem Kontext wurde bereits der ‘Tod des Subjekts’ ausgerufen und das Subjekt im Rahmen des 'linguistic turn' durch die Struktur der Sprache, d.h. die differentielle Ordnung der Zeichen, in eine determinierte Position gedrängt (vgl. Füssel 2003:143). In diesem Zusammenhang wird immer wieder die Frage gestellt, inwiefern sich das Subjekt unter dem Einfluss gesellschaftlicher Ordnungen frei entfalten und verhalten kann. In dieser Arbeit sollen die Konzepte zweier Wissenschaftler mit einander in Beziehung gesetzt werden, die sich mit dem Thema des ‘Selbst-Werdens’ und des ‘SichVerhaltens’ unter der sozialen Struktur eingehend befasst haben. Dafür werden ihre Darstellungen dieser Struktur und die damit einhergehenden Auswirkungen auf den Prozess des 'Selbst-Werdens' und auf das Subjekt an sich analysiert. Arbeiten zu diesem Thema und vor allem in Bezug zur Subjektkonstitution in modernen ‘westlichen’ Gesellschaften gibt es bereits Zahlreiche (vgl. u.a. Bröckling et.al. 2000). Interessant und vielversprechend im Hinblick auf diese Denkrichtungen scheint jedoch auch die Perspektive auf die Subjektkonstitution in postkolonialen Gesellschaften zu sein, die sich auf der einen Seite stark von den ehemaligen Kolonialmächten unterscheiden, aber auch in einem besonderen Verhältnis zu ihnen stehen.

In dieser Arbeit sollen die Gedanken Pierre Bourdieus und Michel Foucaults zu diesem Thema herangezogen werden. Gerade in Bezug auf Foucault, der Begriffe wie ‘Diskursanalyse’ und 'produktive Macht' maßgebend geprägt hat, gewinnt eine Fragestellung immer mehr an Bedeutung: Wie kann man soziale Strukturen, unter denen sich Subjekte entwickeln und verhalten, beschreiben und wie können diese Strukturen aussehen? Um dieser Frage nachzugehen, möchte ich mich der Analyse postkolonialer gesellschaftlicher Strukturen in Afrika widmen und der Frage nachgehen, die sich daraufhin aufdrängt. Wie entwickelt und verhält sich das Subjekt unter den Bedingungen moderner Lebensführung und vor allem: Welche Formen des ‘Selbst-Werdens’ bzw. des ‘Sich-Verhaltens’ können sich unter den Bedingungen postkolonialer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen im afrikanischen Kontext entwickeln? Um diese Frage adäquat beantworten zu können, soll im Folgenden das Konzept der Gouvernementalität und der Subjektivierung von Michel Foucault und der soziale Raum und der Habitus nach Pierre Bourdieu geschildert und mögliche Verbindungsansätze herausgearbeitet werden. Nach der Klärung dieser Begriffe um die Konzepte Foucaults und Bourdieus und dem Versuch, sich aus ihren Vorstellungen der Subjektwerdung und der sozialen Praxis eine Art theoretisches ‘Werkzeugset’ zusammenzustellen, nimmt die Suche und die Analyse der postkolonialen Gouvernementalität speziell in Afrika einen entscheidenden Stellenwert in dieser Arbeit ein, da es darum geht, die Strukturen zu untersuchen, unter denen sich ein möglicher postkolonialen Habitus formieren kann. Dabei ist natürlich auch Afrika als einheitliches, operationalisierbares Konstrukt zu diskutieren und das Konzept der Gouvernementalität auf seine Tauglichkeit in Bezug zu nicht westlichen Gesellschaftstypen zu prüfen, da die Gedanken Foucaults diesbezüglich eher auf die neoliberale westliche Gesellschaft ausgerichtet waren. In dieser Arbeit soll also das Konzept zur Beschreibung der 'Rahmungen des Selbst' durch Verinnerlichung äußerer Machtstrukturen von Michel Foucault mit dem Konzept des Habitus von Pierre Bourdieu verbunden werden, welcher in groben Zügen als die Summe von Verhaltenstendenzen eines Subjekts bezüglich bestimmter Situation verstanden werden kann. Auf diesem theoretischen Werkzeugkasten aufbauend soll nach einem postkolonialen Habitus im afrikanischen Kontext gefragt werden, der sich unter einer möglichen postkolonialen afrikanischen Gouvernementalität herausgebildet haben könnte. Was u.a die Dependenztheorie für die wirtschaftliche Entwicklung der ehemaligen Kolonialstaaten aufzeigt, soll nun auch auf der Ebene der Subjektentwicklung analysiert werden. Um das hierarchische Verhältnis der Industrienationen und der ‘Entwicklungsländer’ in seinen Konsequenzen zu erforschen, genügt es nicht, sich lediglich auf den wirtschaftlichen Aspekt zu konzentrieren. In dieser Arbeit soll jenes Subjekt ausgemacht werden, welches in seiner Entwicklung von diesem postkolonialen Verhältnis geprägt ist.

Während Arbeiten zum Thema Habitus, Gouvernementalität und Subjektivierung ein mittlerweile sehr großes wissenschaftliches Feld abstecken, bleiben verbindende Ansätze in der Unterzahl. In den Postkolonial Studies haben die Denkrichtungen Foucaults bereits breiten Anklang gefunden (vgl. u.a. Castro Varela/Dhawan 2005, Ziai 2006), während der Blick auf bestimmte Habitusformen im postkolonialen Kontext eher selten ist. Abhandlungen zu diesem Thema und unter der verbundenen Analyse auf Basis von Pierre Bourdieu und Michel Foucault gibt es folgendermaßen verhältnismäßig wenig (u.a. Seukwa 2006/ Kajetzke 2008 in Bezug auf Bildung), obwohl auch die empirische Forschung von diesem Ansatz sehr profitieren kann und er eine Perspektive einzunehmen erlaubt, die das Subjekt sowohl aus der top-down (Foucault) sowie aus der bottom-up Betrachtung (Bourdieu) zu erforschen zulässt. In diesem Sinne versteht sich die Arbeit auch als Anreiz, genauere empirische Forschung auf diesem Feld durchzuführen.

2. Entwicklung und Handlungen des Subjekts unter dem Einfluss der sozialen Struktur bei Pierre Bourdieu und Michel Foucault

Dieses Kapitel beschreibt das Fundament, auf dem eine Fragestellung nach einem postkolonialen Habitus überhaupt erst aufgebaut werden kann und soll gleichzeitig einen Versuch darstellen, die Gedanken Michel Foucaults und Pierre Bourdieus in einem Sinnzusammenhang zu vereinen. Um einen auf die Fragestellung dieser Arbeit hin ausgerichteten theoretischen Werkzeugkasten zu formulieren, werden im Folgenden die Konzepte und Begriffe Foucaults sowie Bourdieus um ihre Gedanken über das Subjekt unter sozialen Rahmenbedingungen erläutert, um auf dieser Basis eine Verbindung herauszuarbeiten, die den Blick auf das soziale Subjekt fruchtbar machen kann und Erklä rungspotential für derartige Prozesse bieten soll. Ausgehend von den Konzepten Bour dieus werden zu den Teilelementen seiner Gedanken jeweils die Überlegungen Foucaults gegenübergestellt, um auf diese Weise eine Verbindung der Konzepte zu ermöglichen. Beginnend mit den Konzepten der beiden Theoretiker zur sozialen Struktur sollen ihre Überlegungen bis zur ‘Subjektwerdung’ und Habitusbildung herausgearbeitet werden.

In beiden Werken, sowohl von Michel Foucault als auch von Pierre Bourdieu, richtet sich ein Hauptaugenmerk auf die Konstitution von Subjekten. Inwieweit lässt sich das Subjekt noch als autonom handelndes, souveränes Selbst betrachten, wo und „auf welche Weise gelingt es der kulturellen Ordnung, in die scheinbare Privatheit und Einzigartigkeit der Individuen einzudringen und dort Strukturen zu installieren, in denen sie zu dem werden, was sie scheinbar immer schon gewesen sind” (Reckwitz 2011:41)? Um diese Konstitution des Subjekts zu untersuchen, bedienen sich Foucault und Bourdieu verschiedener Terminologien. Mit Blick auf die „kulturelle Modellierung des Individuums” (ebd.) vermeidet Bourdieu bewusst den Begriff des Subjekts und ersetzt ihn durch das Konzept des Habitus, während Foucault die Formierung des Individuums als Subjektivierung bezeichnet. Bei beiden Autoren lässt sich zunächst eine spezifische Sichtweise auf das Subjekt als sich unterordnendes oder unterwerfendes Selbst erkennen, welches als Träger objektiver Strukturen diese verinnerlicht und durch sich heraus wirken lässt. Das Subjekt tritt weniger durch eine individuelle Identität in den Fokus, sondern vielmehr durch seine Reaktionen und Umsetzungen der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

2.1. Soziale Rahmenbedingungen der Subjektkonstitution

Nun soll es zunächst darum gehen, wie die soziale Struktur oder der soziale Raum, wie Bourdieu ihn nennt, konkret aussieht. Nach Bourdieu definiert sich dieser Raum u.a. durch das Beziehungsnetzwerk der Mitglieder einer Gesellschaft (vgl. van Essen 2012:18). Diesen sozialen Raum kann man zunächst als Raum mit möglichen sozialen Positionierungen beschreiben, die ein Subjekt einnehmen kann. Dieses Modell veranschaulicht, „in welchem Zusammenhang die Mitglieder einer Gesellschaft zueinander stehen.” (ebd.). Bourdieu unterteilt den sozialen Raum in verschiedene soziale Felder. Unter diese Felder ordnet er die klassischen gesellschaftlichen Teilbereiche wie z.B. den der Wirtschaft, der Politik, der Kultur oder der Bildung als relativ autonome Teile ein. Ein soziales Feld gleicht einem Spielfeld, „auf dem Macht- und Positionskämpfe ausgetragen werden” (ebd.:28), um in der feldeigenen Hierarchie aufzusteigen und die Autonomie des jeweiligen Feldes im sozialen Raum zu stärken. Diese interne Hierarchie wird bestimmt durch die Kapitalverhältnisse der ‘Mitspieler’, wobei meist eine bestimmte Kapitalsorte „Gleich Trümpfen in einem Kartenspiel” (Bourdieu 1991:10) ”die Profitchancen im entsprechenden Feld” (ebd.) determiniert. Jedes soziale Feld entwirft eine Illusion, von Bourdieu Illusio genannt (vgl. Barlösius 2011:100), welche die Beteiligten als eine gewisse Wirklichkeit anerkennen und teilen . Diese Illusion entsteht durch die „feldeigenen Logiken und Dynamiken” (van Essen 2012:29). Van Essen zieht hier als Beispiel das Schulsystem heran, welches die Chancengleichheit propagiert und auch nur durch diese legitimiert wird. Durch diese Illusion wird dem Spielfeld ein Sinn zugeschrieben, es wird sozusagen in seinem Eigensinn legitimiert und stellt so sein Weiterbestehen durch das 'Mitspielen' der Beteiligten sicher. Auch wenn sich die sozialen Felder innerhalb des sozialen Raumes relativ autonom entwickeln, ist es doch oft so, dass bestimmte Felder Einfluss auf andere ausüben können. Deutlich wird es bei Feldern wie dem Bildungssystem oder der Kunst, die immer mehr von Marktmechanismen durchzogen werden. Bei dieser Beeinflussung wird die „Relativität der Autonomie sozialer Felder deutlich” (ebd.).

Als Letztes soll im Bezug zum sozialen Raum und den sozialen Feldern noch einmal darauf hingewiesen werden, dass der soziale Raum nicht als Metakategorie oder Sammelbegriff zu begreifen ist, in dem alle sozialen Felder vereint sind. Am sozialen Raum nehmen zwangsläufig alle Mitglieder einer Gesellschaft teil. In ihm gelten andere Kapitalsorten als aufstiegsrelevant, als in den einzelnen sozialen Feldern, an denen nur Teile der Gesellschaft teilnehmen und sich relativ autonom entwickeln. So wirkt sich zum Beispiel eine hohe Position im Raum der Positionen positiv auf Positionen in den sozialen Feldern aus, aber nicht zwangsläufig anders herum (vgl. ebd.:33).

Bei Bourdieu bilden nicht nur gesellschaftliche Metakategorien eigene Felder, die Mitglieder der Gesellschaft stehen auch in einem Verhältnis zueinander und bilden Klassen. Dabei ist es Bourdieu überaus wichtig, dem ‘selektiven’ und rein materialistischen Marx´schen Blick auf die objektiven Lebensbedingungen und damit entstehenden Klassenstrukturen um einen praxisbezogenen Aspekt zu erweitern. Für Bourdieu sind die Marx´schen Klassenanalysen lediglich auf dem Papier entstandene, in der sozialen Praxis nicht existente Kategorisierungen (vgl. ebd.:23). In Bourdieus Fokus steht das Verhalten und die Wahrnehmungsweisen der Akteure des sozialen Raums relational zueinander. Diese Verhaltens- und Wahrnehmungsweisen der einzelnen Akteure in den verschiedenen sozialen Feldern werden durch den Habitus des jeweiligen Akteurs miteinander in Beziehung gesetzt, der jegliche Dispositionen in einem kreativen „einheitsstiftende(n) Erzeugungsprinzip” (Bourdieu 1993a:283) vereint und so den Lebensstil formt, der sich in der sozialen Praxis niederschlägt. Die Lebensstile mehrerer Akteure ähneln sich natürlich zunehmend, wenn sich Akteure in vergleichbaren und ähnlichen Lebensbedingungen/Positionierungen befinden. Die Positionierung im sozialen Raum erhöht also die Wahrscheinlichkeit, dass Akteure in ähnlichen Positionen auch ähnliche Geschmäcker, Verhaltensweisen und Einstellungen teilen, "bedeutet aber nicht, dass sie eine Klasse im Sinne von Marx bilden, das heißt eine für gemeinsame Ziele und vor allem gegen eine andere Klasse mobilisierte und [...] (organisierte) Gruppe werden" (Bourdieu 1998:24). Bourdieu ist es wichtig, dies zu unterscheiden und darauf hinzuweisen, dass sich Gruppen durch ihre Positionierung im sozialen Raum nur anhand ihrer Verhaltensweisen in der sozialen Praxis ähneln und gemeinsame Merkmale innehaben können (vgl. van Essen 2012:23). Die Lebensstile innerhalb des sozialen Raumes und der sozialen Felder entstehen durch die Verbindung der Positionierung des Akteurs, seinem Kapitalbesitz und seinem Habitus, die sich jeweils gegenseitig bedingen, und somit zu „Chancen und Grenzen kollektiver und individueller Lebensgestaltung” (ebd. 2012:18) werden. Um diese Chancen und Grenzen der Lebensgestaltung zu erkennen und somit das „ M ö glichkeitsfeld” (Bourdieu 1993a:188 Herv. i. Orig.) abzustecken, muss also nach diesen gerade erwähnten Aspekten gefragt werden.

Das objektive Möglichkeitsfeld ist im Zusammenhang mit den auf das Subjekt einwirkenden Strukturen wichtig zu betrachten. Es beeinflusst das Subjekt durch die primären Lebensbedingungen (hauptsächlich familiärer/erzieherischer Kontext) in seiner sozialen Laufbahn (Veränderung der Position im sozialen Raum) und ist definiert und „eingegrenzt durch Umfang und Struktur verfügbarer Kapitalien" (van Essen 2012:25). Diese Kapitalkonfigurationen bedingen die Chancen und Grenzen der Lebensgestaltung und die Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte soziale Laufbahn, die von den Akteuren verinnerlicht und somit zum Rahmen ihrer Handlungshorizonte werden. Somit selektieren die Akteure in den meisten Fällen unterbewusst ihre eigenen Möglichkeiten zur Lebensgestaltung. Im Kontext der Suche nach einem postkolonialen Habitus scheint es also überaus interessant zu sein, danach zu fragen, wie diese Möglichkeitsfelder speziell unter postkolonialen afrikanischen Strukturen konstruiert werden, da sie ein elementarer Bestandteil dessen sind, was man Subjekt nennen kann. Hier werden also zwei Komponenten in dem Denken Bourdieus erkennbar. Die vorstrukturierten Möglichkeitsräume bieten zum einen den Anlass, Bourdieu eine „deterministische Denkweise” (ebd. 2012:26) zu unterstellen, andererseits betont er auch gerade die Produktivität und die Möglichkeiten der individuellen Lebensgestaltung, die so eine Struktur erschaffen kann. Bourdieu vermeidet jedoch von einem Subjekt zu sprechen, welches sich unter diesen Strukturen und in diesem Möglichkeitsfeld kristallisiert. Er verwendet den Begriff des Habitus und lenkt damit den Blick auf das Verhalten im sozialen Raum, also die soziale Praxis.

Bevor der Habitus näher erläutert wird, sollen nun jedoch zunächst die Gedan ken Foucaults zu den subjektkonstituierenden Strukturen näher beleuchtet werden. Dabei fallen zunächst die unterschiedlichen Vorgehensweisen auf. Beide Autoren beschreiben „ein Feld der Machtrelationen und untersuchen das Verhältnis von Akteur/Subjekt und objektiven Strukturen” (Kajetzke 2008:76), gehen jedoch mit verschiedenen Blickwinkeln und Zielsetzungen an ihre Untersuchungen heran. Über den Blick auf die Konstitutionen der Akteure durch einverleibte objektive Strukturen will Bourdieu die Machtrelationen innerhalb der Gesellschaft analysieren, während Foucault als Kern seiner Arbeit die Subjektkonstituierung über den Umweg der Analyse von Machtbeziehungen erforschen möchte. Diese Machtrelationen im Kontext der Moderne verdichtet Foucault anhand des Konzepts der Gouvernementalität. Die Konzepte der Gouvernementalität und des sozialen Raumes sind nicht wirklich komplementär, da die Gouvernementalität nicht den Anspruch erhebt, einen Raum zu beschreiben, sondern vielmehr Machtrelationen- und Wirkungen innerhalb eines Raumes zu analysieren, den Foucault so jedoch nicht explizit benennt. Nachdem die soziale Struktur, in der das Subjekt bei Bourdieu eingebettet ist, ausführlich beschrieben wurde, sollen nun also die Bedingungen nach Foucault näher ausgeführt werden, unter denen sich das Subjekt entwickeln und sein Leben führen kann.

Der Begriff Gouvernementalität, den Foucault geprägt hat, setzt sich aus den französischen Wörtern 'gouverner' (regieren) und 'mentalité' (Denkweise) zusammen und gibt damit den Kerngedanken das Konzepts bereits wieder. Gouvernementalität beschreibt die Summe von Regierungsweisen und Techniken, welche die Denkrichtungen oder Denkarten der Subjekte beeinflussen und generieren. Diese Regierungsweisen haben sich mit der Entwicklung moderner Staatlichkeit zunehmend institutionalisiert. Die moderne Art und Weise des Regierens grenzt sich deutlich in Bezug zu ihren Vorgängern ab, die durch souveräne Macht und oft auch durch Gewaltanwendung das freie Subjekt ‘unterdrücken’ wollte, um es gefügig zu machen. Die „Kunst des Regierens” (Foucault 2000:46), die auf die repressive Macht durch Unterdrückung und Gewaltanwendung folgt, entstand nach dem Aufkommen der „Anti-Machiavelli-Literatur”(ebd.), die die Schriften zur Erhaltung eines Fürstentums ablöste. Durch seine genealogische Vorgehensweise war es Foucaults Anliegen, diskursanalytisch spezifische Brüche in den Beschreibungen von Regierungsweisen/Herrschaftsweisen herauszuarbeiten, um die Auswirkungen von Machtstrukturen auf das Subjekt in seiner Entwicklung zu erforschen. Dabei ist das Phänomen der Macht für ihn nicht personengebunden und intentional, sondern relational und drückt sich nicht in einer graduellen Abstufung von oben nach unten aus. Vielmehr ist sie in den Diskursen, in den Verhandlungen über das, was als wahr anerkannt wird oder als Norm gilt sowie in den Unterscheidungen zwischen normal/anormal, Vernunft/Wahnsinn, auszumachen.

Die Kunst des Regierens umfasste nun mehr, als lediglich geschickt bei der Erhaltung seines Fürstentums zu sein. Der dominante Machtmodus im Zeitalter der Gouvernementalität besteht „in der Verwaltung und Regulierung des Lebens” (Saar 2007:37), nicht in dessen direkter Unterdrückung. Gouvernementale Macht vollzieht sich anders als souveräne Macht, ist „ungleich umfassender und durchdringender“ (ebd.) und „erfasst alle Bereiche des Sozialen“ (ebd.). Die Ressource, auf der die moderne Regierungsweise aufbaut und die als Inbegriff und Verweis auf Macht als komplexes Phänomen den zentralen Erkenntnisgegenstand Foucaults bildet, ist das Wissen (vgl. Kajetzke 2008:33). Da die Regierung moderner Subjekte ihren Endzweck nicht mehr in der Unterdrückung dergleichen sucht, sondern ihren Anspruch ‘erweitert’ hat, soll unter ihrer Führung ein produktives Subjekt entstehen. Um diesen Anspruch zu garantieren und die Verwaltung und Regulierung des Lebens produktiv zu gestalten, wird ein immenses Wissen über den Menschen angehäuft. Dieses Wissen wird von den Individuen als wahr anerkannt, internalisiert und somit zum Teil ihrer Selbst. Durch Disziplinierung, Normalisierung und Fremd- als auch Selbstzwang, werden die Individuen folglich in einer anderen Form zu Sub-jekten, also Unter-worfenen (vgl. Rosa et.al. 2007:285). Diese Prozesse der Subjektivierung, „die er als Regierungstechniken in Gestalt von Formen der Selbstführung und der Führung von Anderen untersucht” (ebd.), fasst er unter dem Begriff der Gouvernementalität zusammen. Durch die Nutzung des Wissens als Machtinstrument erzeugt der Staat „Bedingungen [...], die gesellschaftliche Anerkennung erlangt haben” (Kajetzke 2008:34). Dieses Wissen ist dabei keine objektive Wahrheit, sondern gleicht vielmehr einer innerhalb der Diskurse ausgehandelten Norm (vgl. ebd.). Foucault geht sogar so weit zu behaupten, dass alles Wissen MachtWissen sei, also grundsätzlich mit Macht in Verbindung stehe und die Gesellschaft nur als „durch und durch vermachtete” (Rosa et.al. 2007:287) zu verstehen sei.

Langemeyer bezieht sich auf das allgemeine Feld der Gouvernementalitätsstudien, in denen es darum geht, „wie jenes Wissen und die zugehörigen Praktiken der 'Selbstsorge' im Dienst staatlicher und ökonomischer Interessen stehen. Der moderne Staat habe hiermit eine fundamental neue Regierungsweise durchgesetzt, die sich historisch vom absolutistischen Staat abgelöst hätte. Sie vollziehe sich darin, dass sie den Menschen im Alltag eine Form von Vernunft oder Wahrheit vorgibt, nicht einfach über eine ideelle Beeinflussung oder Manipulation, sondern durch die Herstellung von Bedingungen und Strukturen, wonach sich die Einzelnen erst ‘frei’ verhalten können und zugleich müssen.” (Langemeyer 2007:228). Diese Strukturen, in denen sich das Subjekt frei bewegen kann und zugleich muss, nennt Kajetzke auch das Feld möglicher Handlungsalternativen (vgl. Kajetzke 2008:35). Durch dieses Feld gewinnt Foucaults Konzept der Gouvernementalität einen gewissen produktiven Charakter, den der Wandel der Machtformen von der Souveränitätsmacht (direktes Hindern der Bestrebungen des Subjekts) zum produktiven Machtbegriff hervorbringt. Der produktiven Macht geht es nicht darum, zu verbieten, sondern das Subjekt in seinem Werdegang zu lenken, indem sie ihm Möglichkeiten gibt, die durch gerade erst diesen Machteinfluss entstandenen Bedürfnisse zu befriedigen: „sie ist vielmehr konstitutiv, weil sie Subjekte formt, indem sie ihre Bedürfnisse so definiert, dass die Individuen sie befriedigen dürfen, und ihrem Wollen eine Richtung gibt, die sie verfolgen können” (Rosa et.al. 2007:288). Dieser Punkt in der Rezeption der Foucault´schen Gedankengänge markiert gerade den Punkt der Schilderung des sozialen Raumes von Bourdieu bei der Gemeinsamkeit einer gewissen produktiven Rahmung der Subjektkonstitutionen, die bei Bourdieu als Möglich- keitsfeld und bei Foucault als Feld möglicher Handlungsalternativen behandelt werden. Beiden Theoretikern war es also wichtig, die Elemente zu untersuchen, die das Subjekt in seiner Selbstwahrnehmung und seinem selbst gesteckten Handlungshorizont aber eben auch in seinem Handlungsfeld definieren. Was bei Bourdieu die feldspezifischen Spielregeln und die Illusio ist, ist bei Foucault in der Gouvernementalität zu finden, welche den Raum und die damit einhergehenden Grenzen der Subjektkonstitution zu bestimmen versucht und gleichzeitig diskursiv Normen, Werte und ‘Anleitungen’ für eine ‘gelungene’ Lebensführung generiert. In Bezug auf die Suche nach einem postkolonialen afrikanischen Habitus scheint dieser Aspekt für den theoretischen Werkzeugkasten also überaus relevant, da durch diese Betrachtungen erst die sozialen Bedingungen des ‘Subjektseins’ sichtbar werden.

2.2. Subjektivierung und Habitus

Nachdem nun die sozialen Strukturen erläutert und eine mögliche Verbindung hergestellt wurde, soll nun der Fokus auf die Subjektivierung und den Habitus gelegt werden. Das Konzept des Habitus nach Bourdieu beschreibt im Vergleich zu Foucault weniger einen Prozess der Subjektivierung, sondern vielmehr ein Produkt der äußeren Struktur, welches die Struktur reproduziert aber auch modifizieren kann. Der Habitus eines Subjekts kann in der Art und Weise, wie er auf diese Strukturen reagiert, erkannt werden. Dabei wird der Habitus als ein System betont. Er ist „ein sozial konstituiertes System von strukturierten und strukturierenden Dispositionen, das durch Praxis erworben wird und konstant auf praktische Funktionen ausgerichtet ist” (Bourdieu/Wacquant 1996:154). Der Begriff ‘Disposition’ beschreibt hier eine Verhaltenstendenz oder Neigung, auf bestimmte Situationen in einer gewissen Art und Weise zu reagieren und in vergleichbaren Situationen vergleichbare Reaktionen hervorzurufen.

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Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
(Post-) Kolonialer Habitus. Eine Verbindung von Bourdieu und Foucault für den afrikanischen Kontext
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1,50
Autor
Jahr
2016
Seiten
49
Katalognummer
V412829
ISBN (eBook)
9783668640924
ISBN (Buch)
9783668640931
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postkolonialismus, Habitus, Foucault, Bourdieu, Subjektivierung, Gouvernementalität, Afrika, Diktatur, Soziale Praxis
Arbeit zitieren
Aron Trieb (Autor), 2016, (Post-) Kolonialer Habitus. Eine Verbindung von Bourdieu und Foucault für den afrikanischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412829

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