Abweichendes Verhalten. Psychoanalytische Ansätze zur Kriminalität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Vorbetrachtung
1.1 Psychoanalytische Persönlichkeitstheorie nach Sigmund Freud
1.2 Psychoanalytische Entwicklungstheorie nach Sigmund Freud

2 Psychoanalytische Ansätze zur Erklärung von kriminellen Handlungen
2.1 Vergehen zur Minderung des Schuldgefühls
2.2 Kriminelle Handlungen der psychopathischen Persönlichkeit

3 Praxisrelevanz der psychoanalytischen Erklärungsansätze

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gehen nicht nur die Schaffung, Vertretung und Modifizierung von Grundkonzepten, wie Normen, Regeln und Gesetze, sondern auch nonkonforme Verhaltensweisen einher, die zu einem Verstoß gegen die gesellschaftlichen Verhaltenserwartungen führen. In verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen gewinnt dieses Thema zunehmend an Bedeutung. Es wird versucht Verhaltensabweichungen zu ergründen und Erklärungsversuche zu finden. So gibt es, vor allem in der psychologischen, soziologischen oder kriminologischen Literatur, eine Reihe von Theorien des Abweichenden Verhaltens.

In dieser Arbeit sollen die psychoanalytischen Ansätze zur Kriminalität erläutert, und, vor allem beruhend auf der Anwendung der Erkenntnisse der Lehre Freuds, die Bedeutsamkeit der Psychoanalyse für die Kriminologie erklärt werden.

1 Vorbetrachtung

Da das Thema weitgehend auf Kenntnissen der Theorien Freuds aufbaut, sollen an dieser Stelle die Hauptaussagen der Psychoanalyse kurz erläutert werden, um so das Verständnis für den eigentlichen Sachverhalt der Arbeit zu erleichtern. Freuds Aussagen basieren hierbei auf seinen Annahmen, dass im Seelenleben nichts rein zufällig und ohne Grund geschieht, jedoch die meisten Vorgänge, die unser Handeln und unsere Emotionen beeinflussen, unserem Bewusstsein verborgen bleiben. Dementsprechend unterteilt er die Persönlichkeit des Menschen Bewusstem, Vorbewusstem und Unbewusstem, beziehungsweise in die Instanzen des „Es“, „Ich“ und „Über-Ich“.

1.1 Psychoanalytische Persönlichkeitstheorie nach Sigmund Freud

Freud hatte ein theoretisches Grundkonzept entwickelt, unbewusste Verhaltensweisen bewusst werden zu lassen und anhand der Persönlichkeitsentwicklung zu deuten.

Auf dem aus dem naturwissenschaftlichen abgeleiteten Energieerhaltungssatz (dass Energie zwar umgewandelt werden, aber nicht verschwinden kann) und dem thermodynamischen Satz (dass der Druck innerhalb eines Gasbehältnisses gleich verteilt ist) konzipierte er seine Theorie der Triebenergie: Diese Libido, die im lebenden Organismus existiert, kann nicht vernichtet, sondern nur umgewandelt oder abgeführt werden, wodurch sie sich in verschiedenen Formen äußern kann und immer den Weg des geringsten Widerstandes zur Abfuhr sucht.

Freud strukturiert die Persönlichkeit in „Es“, „Ich“ und „Über-Ich“. Die Vorgänge des „Es“ sind unbewusst. Freud definiert dies als die, hinter Bedürfnisspannungen stehenden, ererbten Triebe eines jeden Lebewesen (Libido), dessen Bestreben es ausschließlich ist, Lustgewinn durch einen Abbau dieser Triebspannungen zu erzielen (Lustprinzip). Da das Es innere Körperspannungen nicht erträgt, sollen diese schnellst möglich entladen werden. Die Libido drängt durch ihr zielgerichtetes Streben nach sofortiger, unüberlegter Befriedigung nach Verhalten. Flammer erläutert dazu:

„Das Es ist irrational, unlogisch, hat keine Moral und unterliegt nicht den Grenzen von Raum und Zeit. Der Spannungsabfall oder die Triebentladung ist lustvoll, die Spannungserhöhung wird als Unlust empfunden...“

(Flammer 1988, S.77)

Das Verhalten sei also in seinem Ursprung dem grundlegenden Prinzip der Triebreduktion unterworfen. Das Verschieben der Energie der Triebe ist von zwei entgegengesetzten psychischen Kräften abhängig, den Grundtrieben: Zum einen dem Lebenstrieb/ Eros (Erhaltung des Lebens) und andererseits dem Todestrieb/ Thanatos (Zerstörung, Aggressivität). Dies geschieht durch das Wirken des „Ichs“. Das „Ich“ ist, im Gegensatz zum „Es“ mit seinen Primärprozessvorgängen, die bewusste Instanz, also Ort der Sekundärprozesse. Seine Aufgabe ist es, zwischen dem Triebbefriedigungsbestreben des „Es“ und den in der Realität verinnerlichten Normen der sozialen Gesellschaft des „Über-Ichs“, zu vermitteln. Das „Über-Ich“ entwickelt sich im Laufe der Sozialisation durch frühe Identifizierungen mit Maßstäben der Bezugspersonen und Anforderungen der sozialen Umwelt (Moralitätsprinzip). Das Ich stellt somit die vernunftbezogene, zentrale Entscheidungsinstanz (Realitätsprinzip) dar.

„Das Ich ist ein Konfliktort. Sein Status ist sehr problematisch, sowohl theoretisch als auch in seiner ihm zugedachten Rolle. Es funktioniert nach dem Realitätsprinzip, steht aber im Dienst des Es und hat von daher seine Energie [...] Das Ich zeigt diese Konflikte mit Angst an. Die klassische Form, mit der das Ich ‚unpassenden Triebansprüchen’ Widerstand leistet, ist die Verdrängung.“

(Flammer 1988, S.78)

Lassen sich für das „Ich“ geforderte Triebansprüche und Über-Ich-Verbote nicht vereinbaren, so reagiert dieses mit Abwehrmechanismen, um sich selbst zu schützen, indem zum Beispiel Wunschvorstellungen oder Triebe vom Bewusstsein, durch Verdrängung ins Unterbewusstsein, ferngehalten werden. Diese normale Schutzfunktion kann bei Überforderung jedoch zur Belastungen der Psyche führen, da die Inhalte des Verdrängten nicht an ihrer Wirkung verlieren und sich letztendlich störend auf Leistungsfähigkeit, organische Funktionen oder Verhalten auswirken können.

„Diese Verdrängung kann aber nicht endgültig sein, da einerseits die entsprechende Libido nicht abgeführt und andererseits wegen fortlaufender Libido-Produktion der Druck vonseiten des Es immer größer wird und er sich notwendigerweise irgendwie einmal durchsetzen wird.“

(Flammer 1988, S.79)

Einem starken "Ich" ist es möglich die Balance zwischen dem "Es" und dem "Über-Ich", also der Außenwelt herzustellen. Ein schwaches "Ich" kann diesen Ausgleich, das heißt eine Versöhnung zwischen „Es“ und „Über-Ich“ nicht erzielen. Wenn die Balance fehlt kann dies zur Folge haben, dass das Individuum nur dem Drang seiner Triebansprüche des „Es“ folgt (psychotische Reaktion), oder zum anderen das "Ich" zum reinen Exekutivorgan des "Über-Ich" bzw. der Umweltforderungen wird (neurotische Reaktion), wenn das „Über-Ich“ zu starr ausgeprägt ist. Ist das "Ich" zu schwach sich gegenüber beiden Instanzen zu behaupten, so ist es möglich dass es die potentiell widersprüchlichen Impulse des "Es" und "Über-Ich" nebeneinander existieren und ausleben lässt.

1.2 Psychoanalytische Entwicklungstheorie nach Sigmund Freud

Freud unterteilt die Entwicklung der Persönlichkeit in fünf Stufen, die einher gehen mit der Entwicklung der Sexualität. Beim Durchlaufen der Phasen wechseln die Quellen der Triebe, demzufolge werden verschiedene erogene Zonen im Laufe der Entwicklung aktiviert. Die Orale Phase (im 1. Lebensjahr) kennzeichnet sich durch Triebbefriedigung und Lustgewinn im Zusammenhang mit dem Mund (Lutschen und Saugen), mit dem Bedürfnis der Einverleibung. In der zweiten, der analen Phase (2. bis 3. Lebensjahr) der Sexualentwicklung, erfolgt eine Konzentration auf die Ausscheidungsfunktion und das Verweigern (Zurückhalten).Erstmals aufkommende ambivalente Gefühlsregungen des Kindes führen diesbezüglich zu Konflikten mit den Eltern. Die anschließende phallische Phase (vom 3. bis 6. Lebensjahr) ist bestimmt durch die Aktualisierung der Genitalregien, in welcher die Geschlechtsorgane die erogene Zone bilden und die Reizung dieser zur Quelle sexueller Lust werden, wobei die Mutter in die sexuellen Phantasien einbezogen wird.

Dies ist, durch das Wahrnehmen geschlechtsspezifischer Unterschiede, die Phase der traumatischen Herausbildung des Ödipuskomplexes bei den Jungen und des Elektrakomplexes bei den Mädchen, welche bei unzureichender Konfliktlösung und misslungener „Über-Ich“-Identifikation den Kern späterer Störungen in der Persönlichkeit darstellen können. Die Namensgebung entstammt der Ödipussage: des thebanischen König Ödipus, der unwissentlich seinen Vater erschlug und seine Mutter heiratete.

Freud bezeichnet so die libidinöse Bindung des Kindes an den gegengeschlechtlichen Elternteil. Eine der Ursachen für das Entstehen von Neurosen oder Perversionen sieht Freud darin, dass dieser Inzestwunsch verdrängt und oft nicht richtig bewältigt wird. Hierin. In der Latenzzeit (vom 5./ 6. Lebensjahr bis zur Pubertät) stehen die Ausbildung intellektueller und kulturspezifischer Fähigkeiten im Vordergrund, sodass der Sexualität in dieser Zeit weniger Bedeutung zukommt. Erst in der genitalen Phase (Pubertät), welche die Reifestufe darstellt, gewinnen die Partialtriebe der früheren Phasen wieder an Bedeutung, im Normalfall mit dem Bestreben, sich an einen Partner libidinös zu binden, um Triebbefriedigung zu erlangen.

Nach Freud ist der Verlauf der Entwicklung in den ersten Jahren entscheidend für die Herausbildung einer stabilen Persönlichkeit. Störungen in diesen Entwicklungsprozessen und Fixierungen an eine bestimmte Phase durch gescheiterte Konfliktlösungsversuche können den Charakter eines Menschen nachhaltig beeinflussen und sein weiteres Leben beeinträchtigen.

Flammer beschreibt dies, in Anlehnung an Freud, folgendermaßen:

„Die Entwicklung über diese fünf Phasen leistet gleichzeitig den Aufbau der Persönlichkeitsarchitektur: Am Anfang gibt es nur Es, dann kommt das Ich dazu und schließlich das Über-Ich. Dieser Aufbau bedeutet, dass die Entwicklung eine Zunahme von Bewusstsein und bewusster Kontrollierbarkeit des Verhaltens mit sich bringt.“

(Flammer 1988, S.82)

Bei einer in diesen Phasen gestörten Persönlichkeitsstruktur können sich, darauf aufbauend, im späteren Leben Merkmale von Verhaltensabweichungen und Beeinträchtigung des emotionalen Erlebens manifestieren, welche letztlich zu einer Behinderung im Umweltbezug führen werden. Somit lässt sich laut den Theorien Freuds das abweichende Verhalten auf Defizite in der Entwicklung in der Kindheit zurückführen.

2 Psychoanalytische Ansätze zur Erklärung von kriminellen Handlungen

Zur Erklärung der Kriminalität bedient sich die Psychoanalyse unterschiedlicher Theorien, welche kriminelles Verhalten auf eine Störung der Persönlichkeit zurückführen, deren Ursachen in frühen Beeinträchtigungen der psychischen Entwicklung gesehen werden. Die „Entstehung“ der Kriminalität wird in der Kindheit begründet.

In der Psychoanalyse wird der Täter als Individuum betrachtet, welches in seiner Entwicklung durch die Gesellschaft, also insbesondere zu erst durch die Familie, geprägt wird. Das bedeutet demzufolge, dass es durch fehlerhafte Erziehung zu Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung kommen kann, die zu Kriminalität führen können.

Die Schwerpunkte der psychoanalytischen Erklärungsansätze von Kriminalität liegen also bei dem Täter als Individuum einerseits und der strafenden Gesellschaft als kollektiven psychischen Mechanismus andererseits.

2.1 Vergehen zur Minderung des Schuldgefühls

Bereits in Sigmund Freuds Schriften aus den Jahren 1913 – 1917 ist in „Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit“ im dritten Absatz von den „Verbrecher(n) aus Schuldbewußtsein“ (S. 389) die Rede. Freud erläutert darin das häufige Auftreten der Ausführung verbotener Taten von Patienten, die dem Zweck dienten, eine „seelische Erleichterung“ (S.390) zu schaffen.

Als Indikator für die verhaltensabweichenden Handlungen beschrieb er ein, bei den Patenten bereits zuvor existierendes, unbekanntes Schuldgefühl, welches durch ein Vergehen gemildert wurde.

„So paradox es klingen mag, ich muß behaupten, dass das Schuldbewußtsein früher da war als das Vergehen, daß es nicht au] als Verbrecher aus Schuldbewußtsein bezeichnen.“ (Freud 1998, S. 390)

Dieses Schuldbewusstsein führte er auf den nicht überwundenen Ödipuskomplex zurück, den er als „Quelle des menschlichen Schuldgefühls überhaupt“ bezeichnet, resultierend aus den „beiden großen verbrecherisches diesem hervorging, sondern umgekehrt, das Vergehen aus dem Schuldbewußtsein. Diese Personen durfte man [...n Absichten, den Vater zu töten und mit der Mutter sexuell zu verkehren.“ (S.390)

Das durch das „Über-Ich“ ausgelöste Schuldbewusstsein deutet im Übertriebenen also auf seelische Störungen hin.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Abweichendes Verhalten. Psychoanalytische Ansätze zur Kriminalität
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V414007
ISBN (eBook)
9783668645875
ISBN (Buch)
9783668645882
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialpädagogik, Psychologie, Kriminalität, Freud, Analyse, Psychoanalyse, Abweichendes Verhalten, Psychoanalytische Ansätze, nonkonforme Verhaltensweisen, Kriminologie, Theorien Freuds
Arbeit zitieren
Katja Donath (Autor), 2003, Abweichendes Verhalten. Psychoanalytische Ansätze zur Kriminalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414007

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