Gesundheitliche Aspekte des bedingungslosen Grundeinkommens

Welche Auswirkungen hat das bedingungslose Grundeinkommen auf die Gesundheit? Zum Zusammenhang von Gesundheit, Arbeit und sozialer Ungleichheit


Bachelorarbeit, 2017
85 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gesundheit und Krankheit
2.1 Definitionen von Gesundheit
2.2 Sichtweisen auf Gesundheit
2.3 Wissenschaftliche Modelle zur Entstehung von Krankheit
2.4 Wissenschaftliche Modelle zur Entstehung von Gesundheit
2.5 Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung

3 Psychosoziale Einflüsse auf die Gesundheit des Menschen
3.1 Stress und Gesundheit
3.2 Arbeit und Gesundheit
3.3 Soziale Ungleichheit

4 Das bedingungslose Grundeinkommen
4.1 Das bedingungslose Grundeinkommen als existenzsicherndes Einkommen
4.2 Modelle des bedingungslosen Grundeinkommens

5 Gesundheitliche Aspekte des bedingungslosen Grundeinkommens
5.1 Allgemeine Stressreduktion
5.2 Steigerung des Kohärenzgefühls
5.3 Verbesserte Stellung am Arbeitsplatz
5.4 Abschaffung von Armut
5.5 Verringerung sozialer Ungleichheit

6 Grundeinkommen und Gesundheit aus der Sicht der Sozialen Arbeit
6.1 Soziale Arbeit und Gesundheit
6.2 Das bedingungslose Grundeinkommen und Soziale Arbeit

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zusammenfassung des salutogenetischen Konzepts (Franke & Witte 2009, S.70)

Abbildung 2: Stärkung des Kohärenzgefühls (Franke & Witte 2009)

Abbildung 3: Das Anforderungs-Kontroll-Modell psychosozialer Arbeitsbelastungen (Hedlund, Hillert, Koch 2012, S.18 nach Karasek und Theorell 1990)

Abbildung 4: Das Modell beruflicher Gratifikationskrisen (Hedlund, Hillert, Koch 2012, S.20 nach Siegrist 1996)

Abbildung 5: Selbsteinschätzung des allgemeinen Gesundheitszustandes ("weniger gut" oder "schlecht") nach drei Einkommensgruppen 2013 - in Prozent (Bundeszentrale für politische Bildung 2016)

Abbildung 6: Die Gesundheitsdeterminanten (Dahlgren & Whitehead 1991)

Abbildung 7: Der deutsche Sozialstaat (Bundeszentrale für politische Bildung 2013)

Abbildung 8: Übersicht der Grundeinkommensmodelle (Eigene Darstellung*)

1 Einleitung

„Ein bedingungsloses Grundeinkommen kann einerseits dazu beitragen, die gesellschaftliche Stellung erwerbsloser Menschen zu verbessern und nicht erwerbsmässig geleistete Arbeit aufzuwerten; andererseits bringt es […] eine finanzielle Entlastung. Über beide Faktoren leistet das bedingungslose Grundeinkommen einen maßgeblichen Beitrag zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit“ (Hafen 2010, S.152).

Um den Beitrag des bedingungslosen Grundeinkommens zur öffentlichen Gesundheit, sowie zur Gesundheit einzelner Subjekte besser zu verstehen, ist es notwendig sich mit den Themenkomplexen von Gesundheit, Arbeit und sozialer Ungleichheit auseinanderzusetzen, um zu erkennen an welchen Schnittstellen das bedingungslose Grundeinkommen Einfluss darauf nimmt. Erst im Anschluss wird es möglich sein, die Auswirkungen auf die biopsychosoziale Gesundheit zu erörtern, sowie positive oder negative Effekte eines Grundeinkommens ableiten zu können.

Argumentationen für oder gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen, werden in vielen Fällen in ihrer Begründung auf Thesen von sozialer Gerechtigkeit und sozialer Ungleichheit gestützt. Auch die Soziale Arbeit verpflichtet sich im Kernbereich ihrer Ethik dazu, soziale Gerechtigkeit herzustellen. Dieser Grundsatz gleicht der Begründung von Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens, weshalb dieses Thema für die Soziale Arbeit sehr wichtig sein sollte. Denn Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter haben eine Verpflichtung, soziale Gerechtigkeit zu fördern. Sowohl in Bezug auf die Gesellschaft im Allgemeinen als auch in Bezug auf die Person, mit der sie arbeiten (DBSH, 2009, S.2).

Ebenfalls beobachtet die Soziale Arbeit bedeutende Entwicklungen, die in der Erwerbsarbeit stattfinden. Dies befähigt die Soziale Arbeit in besonderer Weise, Erfahrungen und Kompetenzen in den Diskurs über ein bedingungsloses Grundeinkommen mit einzubringen. Deutlich weißt sie auf Phänomene, wie das folgende hin: „Die unbefristete sozialversicherungspflichtige Dauer-Beschäftigung von berufsbiografischer Kontinuität im einmal erlernten Beruf, eingebettet in die Realisierung der Erwartung nach gesellschaftlicher Vollbeschäftigung, löst sich als Faktum wie als realitätstaugliche Vision auf“ (Möller 2002, S.32).

Aber nicht nur die Soziale Arbeit, sondern auch große Wirtschaftsunternehmen beschäftigen sich mit dieser Entwicklung. Diese haben den Gedanken eines bedingungslosen Grundeinkommens bereits aufgegriffen und denken darüber nach, wie sich die Zukunft der Arbeit, Stichwort „Arbeit 4.0“ gestalten lässt. Der Chef und Gründer des Autoherstellers Tesla, als auch des Raumfahrtunternehmens SpaceX, sieht für menschliche Arbeit keine große Zukunft. Elon Musk behauptete auf dem World Government Summit 2017 in Dubai, dass es immer weniger Jobs geben wird, die Roboter nicht besser ausführen könnten. Die zu erwartende Massenarbeitslosigkeit sei für ihn eine massive soziale Herausforderung. Letzten Endes glaubt er, dass die Menschen um eine Form des bedingungslosen Grundeinkommens nicht herumkommen werden (Dörner 2017).

Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein breit geführter Diskurs. In dieser Arbeit möchte ich mich jedoch auf die gesundheitlichen Aspekte fokussieren. Meine Motivation ist es, mit dieser Arbeit weitere Forschungsanstöße zu schaffen, da der Forschungsstand meines Erachtens als niedrig einzuschätzen ist. Empirische Ergebnisse, die einen Zusammenhang zwischen Grundeinkommen und Gesundheit zeigen, wurden vereinzelt im kanadischen Feldexperiment „MINCOME“ im Jahr 1974 bis 1979 gesammelt. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, gingen dort die ärztlichen Besuche, der Empfängerinnen und Empfänger eines Grundeinkommens, signifikant zurück (Forget 2011, S.299).

Volkswirtschaftliche Fragen, wie zum Beispiel, ob ein Grundeinkommen finanzierbar ist oder nicht, würden über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen und werden nicht behandelt. Vielmehr geht es in dieser Arbeit um die biopsychosozialen Auswirkungen, welche ein existenzsicherndes Grundeinkommen (vgl. Kap. 4.1) mit sich bringen würde, um die folgende zentrale Forschungsfrage beantworten zu können:

Welche Auswirkungen sind durch ein existenzsicherndes bedingungsloses Grundeinkommen auf die biopsychosoziale Gesundheit des Menschen zu erwarten?

Dieser Frage möchte ich mich im zweiten Kapitel durch die verschiedenen Definitionen von Gesundheit und Krankheit nähern. Zum besseren Verständnis, beschreibe ich anschließend unterschiedliche Sichtweisen, die in Bezug auf Gesundheit eingenommen werden können. Daraufhin stelle ich einzelne Krankheitsmodelle vor, welche in biomedizinische-, psychosoziale- und soziokulturelle Modelle unterteilt sind. Die Modelle veranschaulichen, wie ein Mensch krank werden kann und erzeugen dadurch eine pathogenetische Sichtweise auf Gesundheit. Ergänzend zeige ich mit Hilfe der Modelle von Gesundheit, dass auch ein salutogenetischer Blickwinkel eingenommen werden kann, um herauszufinden was einen Menschen gesund hält. Zu diesen Modellen zählt das Modell der Salutogenese, das Resilienz-Modell und das Modell der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Abschließend werde ich am Ende des zweiten Kapitels die Begriffe Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung definieren.

Das dritte Kapitel zeigt, welche psychosozialen Einflüsse den Menschen beeinflussen und wie diese sich auf die Gesundheit auswirken. Zunächst geht es um das Thema Stress, seine Wirkung auf die körperliche Gesundheit und Möglichkeiten der Stressbewältigung. Im zweiten Abschnitt stelle ich den Bezug zur Erwerbsarbeit her und gehe auf arbeitsplatzspezifische Auswirkungen ein. Anhand zweier Arbeits-Stress-Modelle, möchte ich zeigen, unter welchen Voraussetzungen gesundheitsförderliche oder gesundheitsschädliche Settings am Arbeitsplatz entstehen können. Anschließend beschreibe ich die Abwärtsspirale von Arbeitslosigkeit und Armut, mit ihren Auswirkungen auf die Gesundheit. Im dritten Abschnitt gehe ich weiter auf Distanz zur menschlichen Persönlichkeit und untersuche globale Unterschiede in der Einkommensverteilung, um besser zu veranschaulichen, wie sich soziale Ungleichheit in der Gesellschaft auf die Gesundheit auswirkt. Außerdem nehme ich die sozialen Determinanten von Gesundheit zur Hilfe, um die Zusammenhänge zwischen Gesundheit, der Gesellschaft und dem Individuum verständlicher zu machen.

Das bedingungslose Grundeinkommen steht im Mittelpunkt des vierten Kapitels. Zunächst geht es um die Definition eines bedingungslosen Grundeinkommens. Um gesundheitliche Zusammenhänge abzuleiten, lege ich daraufhin die Voraussetzungen eines existenzsichernden, bedingungslosen Grundeinkommens fest. Nach der Differenzierung unterschiedlicher Arten von Grundeinkommen, vergleiche ich die bekanntesten Modelle anhand einer Tabelle. Zum Schluss des vierten Kapitels, gehe ich in einem Exkurs nach Finnland, um Einblicke in das aktuelle Grundeinkommensexperiment 2017 – 2018 zu geben.

Im fünften Kapitel arbeite ich die gesundheitlichen Aspekte des bedingungslosen Grundeinkommens heraus. Um die Forschungsfrage dieser Arbeit zu beantworten, gehe ich auf mögliche Veränderungen des individuellen Stressempfindens und Steigerung des Kohärenzgefühls ein. Daraufhin beschreibe ich meine Erwartungen in Bezug auf die Auswirkungen am Arbeitsplatz und die Abschaffung von Armut. Am Ende versuche ich eine Prognose zu erstellen, welche Veränderungen ein Grundeinkommen in Bezug auf soziale Ungleichheit und Gesundheit auslösen könnte.

Gegen Ende dieser Arbeit stelle ich im sechsten Kapitel den Bezug des Themas zur Sozialen Arbeit her. Dazu weise ich zunächst auf das Verhältnis der Sozialen Arbeit zur Gesundheit hin. Anschließend möchte ich unter dem Blickwinkel der Sozialen Arbeit, die Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens kritisch betrachten. Außerdem beabsichtige ich jede Sozialarbeiterin und jeden Sozialarbeiter zu motivieren, sich mit dem Thema eines Grundeinkommens auseinanderzusetzen. Denn so können Diskussionen um Gerechtigkeit und soziale Ungleichheit, optimal ergänzt werden. Damit leite ich abschließend zum sechsten Kapitel über, in dem ich mein persönliches Fazit aus dieser Arbeit ziehe.

2 Gesundheit und Krankheit

Ob ein Mensch gesund oder krank ist, lässt sich aus biomedizinischer Sicht durch eine Diagnose eines Arztes leicht beantworten. Einzelne Kriterien für eine Krankheit sind in der Medizin anhand eines Klassifikationssystems wie zum Beispiel der ICD-10 (International Classification of Diseases) in Deutschland, oder dem amerikanischen DSM-5 festgelegt. Durch einen Arzt werden diese Kriterien überprüft, worauf eine passende Diagnose bescheinigt werden kann. Je mehr die Sichtweise auf Gesundheit und Krankheit jedoch in Richtung psychosozialer oder soziokultureller Dimension erweitert wird, desto schwieriger wird es, zu erklären und zu erkennen, ob ein Mensch gesund oder krank ist. Eine allgemeingültige Definition für Gesundheit und Krankheit wurde deshalb bis heute nicht gefunden, da es sich bei Gesundheit um kein eindeutig definierbares Konstrukt handelt (Hurrelmann & Franzkowiak 2011, S.100).

Für Definitionen von Gesundheit scheint es aber so zu sein, als sei der wissenschaftliche oder gesellschaftliche Kontext ausschlaggebend. Die Art, wie Gesundheit definiert wird, sagt meist mehr über die Sichtweise desjenigen etwas aus, von dem Gesundheit bewertet wird, als über Gesundheit an sich (Blättner & Waller 2011, S.52).

Aus diesem Grund werde ich in diesem Kapitel zunächst verschiedene Definitionen von Gesundheit vorstellen, um einen Überblick zu schaffen, was unter Gesundheit verstanden werden kann und von welchen Blickwinkeln es möglich ist, auf Gesundheit zu schauen. Mit der Beschreibung der Sichtweisen von Gesundheit, möchte ich veranschaulichen, wie Gesundheit funktionieren und erreicht werden kann. Die folgenden Krankheits- und Gesundheitsmodelle bilden den Kern dieses Kapitels und sollen ein weit umfassendes Verständnis von Gesundheit vermitteln. Abschließend gehe ich auf die Begriffe Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention ein. Dieses Kapitel soll dadurch eine Grundlage bilden, um im Anschluss die Auswirkungen, welche ein bedingungsloses Grundeinkommen auf die Gesundheit haben kann, besser zu verstehen.

2.1 Definitionen von Gesundheit

Das Wort Gesundheit wird von der englischen Übersetzung „health“ abgeleitet und geht auf das altenglische Wort für heilen „hael“ zurück und hat die Bedeutung von „vollständig“. Ausgedrückt wird damit ein Gesundheitsverständnis der Integrität, Unversehrtheit und Wohlbefinden des ganzen Menschen (Naidoo & Wills 2010, S.4-5).

Das Wesen und die Bedeutung von Gesundheit, beschäftigen den Menschen schon seit Jahrtausenden. Auch alle „klassischen“ wissenschaftlichen Disziplinen wie Philosophie, Medizin, Jura, Theologie, Geschichtswissenschaft, Psychologie und Soziologie haben sich mit Gesundheit auseinandergesetzt. Schriftsteller und Dichter schreiben über dieses Thema und auch die Politik, das Versicherungswesen und Verwaltungen haben das Spektrum der Gesundheitsdefinitionen erweitert (Franke 2010, S.32).

Die erste und älteste Definition, die ich nennen möchte ist von dem Hochschullehrer und Philosoph Arthur Schoppenhauer (1788 - 1860), aus dem Jahre 1851: „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“. Diese Definition misst der Gesundheit einen hohen Stellenwert zu. Wenn ohne Gesundheit alles nichts ist, kann auch nichts mehr über ihr stehen.

Dem schließt sich auch der Nobelpreisträger für Literatur John Steinbeck (1902 - 1968) mit seiner etwas härter formulierten Definition an: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und säße in deren Besitz mit einem Magenkrebs, Sodbrennen und Prostataschwellung!“. Durch die ersten beiden Definitionen von Gesundheit, wird die Dringlichkeit und Wichtigkeit von Gesundheit in den Vordergrund gehoben, was aber genau damit gemeint ist, wird nicht beschrieben.

Die wichtigste Definition von Gesundheit, insbesondere für die vorliegende Arbeit, ist die bekannteste Definition der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahre 1946: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“ (WHO 1946). Diese Definition geht über die körperliche Gesundheit hinaus und schließt psychische und soziale Faktoren mit ein. Anstelle einer negativen Interpretation von Gesundheit, welche Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit oder Leiden beschreibt, wie es bei medizinischen Modellen der Fall ist (vgl. Kap. 2.3.1), wählte die Weltgesundheitsorganisation eine positive Formulierung. Von zentraler Bedeutung ist dabei, die Gesundheit als Zustand des Wohlbefindens zu interpretieren (Naidoo & Wills 2010, S.5).

Für den Philosophen Ernst Bloch (1885 – 1977) hat die gesellschaftliche Dimension eine große Bedeutung. Seine Definition lautet: „Gesundheit ist überhaupt nicht nur ein medizinischer, sondern überwiegend ein gesellschaftlicher Begriff, Gesundheit wiederherstellen heißt in Wahrheit: Den Kranken zu jeder Art von Gesundheit bringen, die in der jeweiligen Gesellschaft die jeweils anerkannte ist, ja in der Gesellschaft selbst erst gebildet wurde.“ Mit seiner Definition gibt er dem gesellschaftlichen Konstrukt von Gesundheit einen größeren Wert, als der biomedizinischen Sichtweise. Die Sichtweise auf Gesundheit kann sich seiner Ansicht nach auch von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden.

Talcott Parsons (1902 - 1979), ein amerikanischer Soziologe bezieht sich in seiner Definition aus dem Jahr 1967 auf die Funktion des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft: „Gesundheit kann definiert werden als der Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben, für die es sozialisiert worden ist.“ Außerdem macht Parsons auch die gesellschaftlichen Strukturen dafür verantwortlich, ob ein Mensch gesund oder krank ist. Seiner Meinung stellt die Gesellschaft einen bestimmten Erwartungsdruck an ein Individuum. Entscheidend für Gesundheit oder Krankheit ist, wie der Einzelne mit diesen Erwartungen zurechtkommt (Steinbach 2015, S.115).

Klaus Hurrelmann ist Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler. Seine Definition von Gesundheit lautet: „Gesundheit bezeichnet den Zustand des Wohlbefindens des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der gegeben ist, wenn diese Person in den physischen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung in Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen inneren und äußeren Lebensbedingungen befindet.“ Eine besondere Bedeutung hat dabei die Sozialisation, mit dem die produktive Verarbeitung der inneren und äußeren Realität bezeichnet wird. Gelingt diese produktive Verarbeitung, so stellt sich Gesundheit als individueller Zustand der befriedigenden Lebensgestaltung ein. Umgekehrt ist Krankheit, der Zustand, der nicht befriedigenden Lebensgestaltung (Hurrelmann & Richter 2013, S. 8).

Eine offizielle Definition von Gesundheit in den Sozialgesetzbüchern, insbesondere im SGB V, in welchem die Aufgaben der gesetzlichen Krankenversicherung geregelt sind, ist nicht zu finden. In sozialrechtlichen Fragen, zum Beispiel wenn Ansprüche gegenüber der Krankenkasse oder der Rentenversicherung durchgesetzt werden müssen, ist eine juristische Sichtweise auf Gesundheit und Krankheit ausschlaggebend. Ein Leistungsanspruch wird durch Mediziner, Psychologen und Gutachter der Medizinischen Dienste der Krankenkassen geprüft. Das führt dazu, dass die tendenzielle Orientierung der gesetzlichen Sichtweise stark von biomedizinischen und psychologischen Krankheitsmodellen geprägt ist (Bormann 2012, S.34-35).

Die hier beschriebenen Definitionen werfen einen speziellen Blick auf Gesundheit, der meistens aus einer bestimmten Richtung kommt. Um die unterschiedlichen Richtungen nachzuverfolgen, beschreibe ich im folgenden Abschnitt einzelne Sichtweisen auf Gesundheit. Dabei ist es möglich, dass einige der genannten Definitionen, einer oder mehreren Sichtweisen zugeordnet werden können.

2.2 Sichtweisen auf Gesundheit

Mit der der Aufzählung einzelner Sichtweisen auf Gesundheit möchte ich mich dem komplexen Begriff von Gesundheit weiter annähern. Die Perspektive, aus der einzelne Definitionen bestimmt wurden, kann dadurch deutlicher zum Ausdruck kommen. Dabei halte ich mich an die Einteilung von Alexa Franke (2010):

Gesundheit als Störungsfreiheit

Einfach ausgedrückt bedeutet dies: Wer nicht krank ist, ist gesund. Diese Einteilung gehört zu den ältesten Vorstellungen über Gesundheit und ist hauptsächlich durch das westlich-industrielle Medizinsystem geprägt worden. Störungsfreiheit ist an bestimmte Kriterien gebunden, die von Experten aus der Medizinwissenschaft festgelegt werden. Das subjektive Befinden des Individuums bleibt dabei außen vor. In den Gesundheits- und Sozialwissenschaften wird diese rein biomedizinische Sichtweise als zu eng gesehen und oft kritisiert.

Gesundheit als Wohlbefinden

Die Beschreibung von Gesundheit als Wohlbefinden stellt das subjektive Wohlbefinden einzelner Personen in den Vordergrund. Angelehnt an die Definition der WHO, ist Gesundheit aus dieser Perspektive mehr als die reine Störungsfreiheit. Dies macht es möglich, dass sogar objektive Risikofaktoren wie Zuckergenuss und Alkoholkonsum, zum Zweck von Genuss und Freude, zu einem höheren Maß an Wohlbefinden und damit als gesundheitsförderlich bewertet werden können.

Gesundheit als Leistungsfähigkeit und Rollenerfüllung

Aus dieser Sichtweise stehen funktionale Aspekte zur Leistungsfähigkeit und Rollenerfüllung im Vordergrund und sind damit eng verknüpft mit unserer Gesellschaft, in der nach wie vor die Arbeitsfähigkeit als Leistungsfähigkeit gesehen wird. Gesundheit bedeutet den eigenen und fremden Anforderungen nachkommen zu können. Definitionen aus dieser Perspektive, wie zum Beispiel von Talcott Parsons oder Klaus Hurrelmann (vgl. Kap. 2.1) kommen daher aus dem Bereich der Politik, Rechtsprechung und Soziologie und nicht der Schulmedizin.

Gesundheit als Anpassung

Nach dieser Anschauungsweise wird Gesundheit vom Menschen aktiv erarbeitet, indem er Reize, die auf ihn einwirken, aufnimmt und Resistenzkräfte dagegen entwickelt. Dabei geht es auch darum, sich in der eigenen Umgebung so einzurichten, dass eigene Ziele und Wünsche verwirklicht werden können. Gelingt diese Herstellung günstiger Verhältnisse, ist ein solcher Mensch vor dem Ausbruch einer Krankheit geschützt, auch wenn er vom Erreger bereits infiziert ist.

Gesundheit als Gleichgewichtszustand (Homöostase)

Gesundheit als Ausdruck des inneren Gleichgewichts mit sich selbst und dem äußeren Gleichgewicht mit der Umwelt gehört ebenfalls mit zu den ältesten Sichtweisen auf Gesundheit. Erklärt wurde diese Theorie von Hippokrates, nach der die Körpersäfte angemessen verteilt und in richtiger Portion und Proportion vorhanden sein sollen, um als gesund zu gelten. Hierzu gehören auch die östlichen Gleichgewichtstheorien, wie die des Ying-Yang und Ayurveda. Eine Person wird als gesund betrachtet, wenn ihr Zustand ausgewogen ist, und sich nach einem Ungleichgewicht in kürzester Zeit wieder ins Gleichgewicht einpendelt. Gesundheit aus der Perspektive des Gleichgewichtszustandes, steht für Harmonie, Stabilität, Ordnung und Ausgeglichenheit.

Gesundheit als Flexibilität (Heterostase)

Diese Vorstellung ist das Gegenteil des vorherigen Homöostase-Modells. Demnach ist es einem gesunden Menschen möglich, Störungen zu begegnen und zu überwinden. Anstatt sich wieder auf den Ruhezustand einzupendeln, wie bei dem Modell von Gesundheit als Gleichgewichtszustand (Homöostase), geht es bei der Heterostase darum, sich weiterzuentwickeln. Krankheitsrisiken sind ein integraler Bestandteil davon und sogar notwendig und gesund, da ansonsten eine Stagnation eintreten würde, die als ungesund gilt (S.34-46).

2.3 Wissenschaftliche Modelle zur Entstehung von Krankheit

Durch die vielen Definitionen und Sichtweisen auf Gesundheit und Krankheit steht inzwischen fest, dass es sich dabei um komplexe Begriffe handelt, zu denen jeweils unterschiedlichste Erklärungsmodelle vorliegen. In den folgenden Abschnitten möchte ich nun die wichtigsten wissenschaftlichen Modelle zur Entstehung von Krankheit beschreiben. Ausgehend von einer biopsychosozialen Sichtweise auf Gesundheit und Krankheit, teile ich die einzelnen Modelle auf die biomedizinische, psychosomatische und soziokulturelle Ebene auf.

2.3.1 Biomedizinische Krankheitsmodelle

Das vorherrschende Modell in Medizin und allen anderen Bereichen der gesundheitlichen Versorgung ist das biomedizinische Krankheitsmodell. Der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ist in diesem Modell einfach zu erklären. Durch einen Keim entsteht eine Krankheit und umgekehrt müssen bei einer Krankheit Keime vorhanden sein. Der Erfolg des biomedizinischen Modells besteht seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, da damals Todesursachen durch Infektionskrankheiten erstmals eindeutig nachgewiesen werden konnten. Die Konzentration in dem Modell liegt eindeutig auf der Krankheit, da die Entstehung von Gesundheit dabei keine Rolle spielt. Außerdem wird die Krankheit vom betroffenen Menschen getrennt betrachtet. Der Kranke ist somit nur der Träger der Krankheit und hat ansonsten nichts mit ihr zu tun (Franke 2010, S.127).

Bis heute erhält das biomedizinische Modell starke Unterstützung von der Politik, egal ob in der gesundheitlichen Versorgung oder in der Forschung. Das mag einerseits in der Naturwissenschaftlichkeit des biomedizinischen Modells begründet sein. Kritisch betrachtet, passt dieses Modell aber auf der anderen Seite perfekt zur konservativen und liberalen Gesundheitspolitik. Diese schiebt die Verantwortlichkeit sozialer und gesellschaftlicher Faktoren gerne auf die Seite, individualisiert Gesundheit und Krankheit und macht sie damit zur Sache des einzelnen Menschen (ebd. S.131).

Meiner Meinung ist genau deshalb eine ganzheitliche Sichtweise auf Gesundheit besonders wichtig, welche auch gesellschaftliche Ursachen von Gesundheit und Krankheit einblendet. Das würde zum einen dem Individuum den Umgang mit der Krankheit erleichtern, da der einzelne Mensch nicht mehr die ganze Schuld bei sich selbst suchen müsste. Auf der anderen Seite könnte dadurch auch eine größere Kritik, beziehungsweise ein größeres Lob an den gesellschaftlichen Bedingungen geübt werden, wenn sich ein Teil der Verantwortung von Gesundheit beziehungsweise Krankheit vom Individuum auf die Gesellschaft verlagert.

Ein weiteres Krankheitsmodell wurde im Rahmen epidemiologischer Untersuchungen entwickelt. Das Risikofaktorenmodell war eine notwendige Erweiterung des biomedizinischen Modells, da dadurch eine gezieltere Prävention der so genannten Zivilisationskrankheiten möglich geworden ist. Auch chronische und degenerative Erkrankungen konnten durch die Bestimmung von Risikofaktoren gezielter identifiziert werden (Franke 2010, S.131-132). Einzelne Ursachen von Krankheiten wurden nun gegen viele Risikofaktoren ausgetauscht. Bei den Risikofaktoren kann es sich um körperliche Fehlfunktionen handeln, wie zum Beispiel Bluthochduck oder Adipositas. Risikofaktoren können auch sozialer Natur sein, wie zum Beispiel häufiger Stress oder Arbeitslosigkeit oder auf gesundheitsschädliche Verhaltensweisen zurückgeführt werden, wie zum Beispiel das Rauchen oder übermäßiger Alkoholgenuss (Bormann 2012, S. 29). Genau genommen sind die Risikofaktoren aber keine Ursachen, sondern zeigen nur statistisch wirksame Zusammenhänge auf. Das Risikofaktorenmodell orientiert sich genau wie das biomedizinische Modell an Krankheiten, Defiziten und gesundheitlichen Belastungen (Homfeldt & Sting 2006, S.71).

2.3.2 Psychosomatische Krankheitsmodelle

Alle psychosomatischen Ansätze haben die Gemeinsamkeit, dass sie versuchen die körperliche und die psychische Welt miteinander zu verbinden bzw. ineinander zu integrieren. Die psychosomatischen Modelle lassen sich in psychoanalytische-, v erhaltenstheoretische -, kommunikative - und Diathese-Stress-Modelle unterscheiden.

Die psychoanalytischen Modelle gehen im Gegensatz zu den biomedizinischen Modellen nicht von bakteriellen Erregern aus. Die Ursachen werden vielmehr auf unbewusste Vorgänge in der Psyche eines Menschen zurückgeführt (Bormann 2012, S.30). Die psychoanalytischen Modelle gehen von einem triebhaften und affektiven Kern im Menschen aus, der Konflikte verursachen kann und unbewältigt zu Krankheit führt. Ebenso werden frühere Lebensumstände für Störungen und Krankheiten verantwortlich gemacht, wie zum Beispiel traumatisierende Erfahrungen und unbewusste Konflikte in der Kindheit (Franke 2010, S.136-140).

Die verhaltenstheoretischen Modelle fokussieren sich auf das Verhalten von Menschen, sowie auf Kenntnisse über menschliches Lernen. Krankheiten und Störungen können erlernt werden, werden aber gleichzeitig von der Person selbst als störend empfunden. Die verhaltenstheoretischen Modelle unterscheiden sich grundlegend vom biomedizinischen Modell. Das subjektive Befinden und die sozioökonomischen Bedingungen eines Menschen spielen bei der Diagnostik und Behandlung eine erhebliche Rolle. Das eigentliche Krankheitsgeschehen spielt sich bei diesen Modellen im Erleben und Verhalten ab (ebd. S.141-145).

In der Kommunikationstheorie, werden Störungen und Regeln der Kommunikation untersucht, die ursächlich für die Entstehung und Erhaltung psychischer Störungen sind. Die Grundannahmen bestehen darin, dass sich psychische Störungen aus Problemen in der zwischenmenschlichen Kommunikation ergeben und aus gescheiterten Problemlösungsversuchen resultieren (ebd. S.147-148).

Die Diathese-Stress-Modelle werden auch Vulnerabilitäts-Stress-Modelle genannt. Bei diesen Modellen werden anlagebedingte Faktoren in Kombination mit einem Stressor für die Entwicklung einer Krankheit oder einer psychischen Störung verantwortlich gemacht. Als Diathese oder Vulnerabilität bezeichnet werden biologische, psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren, wie zum Beispiel Erkrankungen in der frühen Kindheit, Traumata oder genetische Dispositionen. Bei vielen psychischen Störungen wird angenommen, dass das Einwirken eines Stressors auf eine Person, die eine Diathese für ein bestimmtes Krankheitsbild aufweist, der Auslöser für die Krankheit ist. Alleine das Einwirken des Stressors würde jedoch noch keine Krankheit ausbrechen lassen (Butcher, Mineka, Hooley, Plata, Schleider 2009, S.77).

2.3.3 Soziokulturelle Krankheitsmodelle

Aus soziologischer Sicht geht mit jeder Krankheit auch eine soziale und kulturelle Abweichung einher. Im Zentrum des soziologischen Interesses steht die Aufgabe, die gesellschaftlichen Ursachen einer Krankheit aufzudecken. Die soziologischen Theorien lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen.

In den Konflikttheorien, geht es um Probleme zwischen dem einzelnen Individuum und der Gesellschaft. Um gesund leben zu können, brauchen Menschen Regeln und Normen. Auf Unsicherheiten reagieren Menschen den Theorien nach mit Verwirrung und Störungen. Das heißt, je weniger Sicherheit in einer Gesellschaft vorherrscht, je weniger Dinge die Menschen in einer Gesellschaft kontrollieren können, umso mehr bleibt den Menschen als Reaktion ein selbstschädigendes Verhalten und Krankheit übrig. Durch die Massenarbeitslosigkeit in einigen Teilen von Europa und die steigende Globalisierung können die Konflikttheorien wieder an Aktualität gewinnen (Franke 2010, S.156-157).

Das Strukturfunktionalistische Modell geht auf den Soziologen Talcott Parsons zurück. Der Gesellschaft wird nach seiner Theorie eine große Bedeutung für die Gesundheit des Menschen zugeschrieben. Das Verhalten des Individuums wird nach seiner Überzeugung durch das soziale System der Gesellschaft definiert. Gesundheit entsteht nach Parsons dadurch, dass die menschlichen Bedürfnisse den gesellschaftlichen Bedingungen und Normen übereinstimmen. Kann ein Mensch die Anforderungen an seine soziale Rolle nicht erfüllen, entsteht dementsprechend Krankheit. Krankheit und Gesundheit wird also nicht aufgrund von biologischen Kriterien definiert, sondern sind Produkte, die durch soziale Interaktion entstehen (Bruns 2013, S.32-33).

Interaktionstheorien zufolge entwickeln sich Krankheiten im Verlauf eines sozialen Zuschreibungsprozesses. Psychische Krankheiten stehen hierbei im Vordergrund und entwickeln sich nur dadurch, dass diese nicht als normale Abweichung verstanden, sondern als Krankheit falsch etikettiert werden. Aus diesem Grund kann die Krankheit nicht aus eigener Kraft oder der Hilfe von Fremden schnell überwunden werden, sondern besteht unter Umständen als lebenslang zugeschriebene Rolle. Der Krankheitsfall wird zu einem sozialen Tatbestand und dem Betroffenen wird ein sogenanntes „Label“, eine Zuschreibung zugesprochen, die aber rein gesellschaftlich konstruiert ist (Franke 2010, S.159-162).

2.4 Wissenschaftliche Modelle zur Entstehung von Gesundheit

Die folgenden Modelle zur Entstehung von Gesundheit konzentrieren sich nicht auf die Beseitigung von Krankheit, sondern fragen danach, was den Menschen trotz widriger Lebensumstände und Risikofaktoren gesund hält.

Petzold (2010) begründet die große Notwendigkeit solcher Konzepte damit, dass der modernen wissenschaftlichen Medizin ein ganzheitliches Bild vom gesunden Leben fehlt. Durch Umfragen in unterschiedlichen Kulturen wurde herausgefunden, dass in den westlichen Zivilisationen viele Menschen keine positiv definierte Vorstellung von Gesundheit mehr haben. Sie formulieren Gesundheit als Abwesenheit von Schmerzen, Unwohlsein und Krankheit. Der Grund dafür sei, dass die Sprache und das Bewusstsein wesentlich durch die Wissenschaften geprägt sind. Diese Vorstellungen von Gesundheit resultieren durch die vorherrschende Medizin, die im Zusammenhang mit Gesundheit fast ausschließlich die Frage nach der Ursache von Krankheiten stellt. In China wird Gesundheit beispielsweise noch viel häufiger mit Balance, Harmonie oder mit guten Familienbeziehungen beschrieben (S.14-15).

In dem folgenden Abschnitt stelle ich das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky vor. Dabei gehe ich mehr ins Detail als bei den anderen Modellen, da diese Theorie am besten erforscht ist und für weitere Argumentationen meiner Arbeit die größte Grundlage bildet. Im Besonderen gehe ich auf die Widerstandsressourcen und das Kohärenzgefühl ein. Neben dem Modell der Salutogenese, stelle ich das Resilienz-Modell, sowie das Gesundheitsmodell der WHO vor und halte mich damit ebenfalls an die Einteilung von Alexa Franke (2010).

2.4.1 Das Modell der Salutogenese

Aaron Antonovsky hat das Modell der Salutogenese als Gegenstück zur einseitigen Konzentration auf Krankheitsdiagnosen, Symptome und Risikofaktoren entwickelt. Damit ist seine Theorie auch das Gegenstück zum „Modell der Homöostase, dem er seine salutogenetische Idee und das Modell der Heterostase entgegenstellt“ (Schneider 2010, S.27). Antonovsky fehlte eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Sozusagen ein Gegenmodell zu den klassischen Krankheitsmodellen, dass die Frage stellt: Was hält den Menschen trotz Belastungen und Risikofaktoren gesund?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zusammenfassung des salutogenetischen Konzepts (Franke & Witte 2009, S.70)

Die Modelle der Pathogenese gehen davon aus, dass ein System durch Krankheitserreger aus dem Gleichgewicht gebracht wird und wieder zu diesem zurückfinden muss. Befindet sich ein System im Gleichgewicht (Homöostase), ist es im Normalzustand und wird als gesund bezeichnet. Das Modell der Salutogenese nimmt genau das Gegenteil an. Befindet sich ein System im Ungleichgewicht (Heterostase), ist es im Normalzustand, denn nur so kann eine Weiterentwicklung stattfinden (vgl. Kap. 2.2).

Nach Antonovsky gibt es keine klare Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit. Der Übergang sei vielmehr fließend. Die Einordnung in sein Modell erfolgt durch eine Abwägung zwischen Stressoren, die belastend wirken und Widerstandsressourcen, die schützend für die Gesundheit sind. Im Gegensatz zum biomedizinischen Modell werden Gesundheit und Krankheit nicht als zwei entgegengesetzte Pole betrachtet, sondern diese befinden sich auf einem Kontinuum (Bormann 2012, S.32). Dieses Kontinuum lässt sich außerdem besser in das alltägliche Leben integrieren, da sich ein Mensch meistens nicht völlig gesund oder todkrank fühlt, sondern oft in einer Grauzone dazwischen. Blättner und Waller (2011) machen in Bezug auf das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum deutlich, dass dabei auch immer „subjektives Empfinden, das durch persönliche Wahrnehmung und auf sich selbst bezogenes Wissen entsteht“ mit einfließt (S.15). „Antonovsky bezeichnet die Endpunkte des Kontinuums als „health-ease“ und „dis-ease“, weshalb er das Kontinuum HEDE-Kontinuum nennt. Dieses Wortspiel lässt sich im Deutschen am ehesten mit „Gesundheit“ und „Ent-Gesundung“ übersetzen“ (Franke 2010, S.166).

Ein Mensch ist sozusagen auch noch zu einem gewissen Anteil gesund, solange er lebt, auch wenn dieser sich sehr nahe an dem Krankheitspol befindet und kurz vor dem Tod steht. Der Tod ist nach dem Modell der Salutogenese ein normaler Bestandteil des Lebens (ebd.).

Für Bewegungen auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum sorgen sogenannte Stressoren, die auf das Individuum eintreffen. Stressoren werden als Anforderungen verstanden, auf die der Organismus keine direkte oder automatische Reaktion abrufen kann. Dabei spielt der Umgang mit ihnen eine zentrale Rolle, denn die Stressoren sind nicht ausschließlich schädlich für den Menschen, sondern können auch gesundheitsfördernd wirken. So kann eine erfolgreiche Stressbewältigung zu einer Bewegung in Richtung des positiven Pols auf dem HEDE-Kontinuum führen (ebd. S.167).

Eine entscheidende Rolle bei der Bewegung zum positiven Pol des Kontinuums, spielen sogenannte generalisierte Widerstandsressourcen, welche die Faktoren aufzählen, die nötig sind, für einen konstruktiven Umgang mit Stressoren. Diese werden untergliedert in gesellschaftliche Widerstandsressourcen und individuelle Widerstandsressourcen. Von diesen Widerstandsressourcen hängt es ab, mit welcher Anzahl und Stärke von Stressoren umgegangen werden kann. Das kann entweder durch einen konstruktiven Umgang geschehen, oder durch Vermeidung der Stressoren. Eine Vermeidung kann zum Beispiel durch eine ökonomische Ressource vollzogen werden, die es erlaubt sich dem Stressor erst gar nicht aussetzten zu müssen (ebd. S.168).

Wie beschrieben, können Widerstandsressourcen in gesellschaftliche und individuelle Ressourcen aufgeteilt werden. Bei den gesellschaftlichen Widerstandsressourcen handelt es sich zum Beispiel um politische und ökonomische Stabilität, Frieden, intakte Sozialstrukturen oder funktionierende gesellschaftliche Netze. Die individuellen Widerstandsressourcen beziehen sich auf persönliche Eigenschaften oder Besitztümer eines Menschen und werden in kognitive-, psychische-, physiologische und ökonomische / materielle Ressourcen aufgeteilt. Kognitive Ressourcen sind zum Beispiel Wissen, Intelligenz und Problemlösungsfähigkeit. Zu den psychischen Ressourcen zählen Selbstvertrauen, Ich-Identität, Selbstsicherheit und Optimismus. Die physiologischen Ressourcen beziehen sich auf den menschlichen Körper und bestehen aus Konstitution und anlagebedingte oder erworbene körperliche Stärken und Fähigkeiten. Ökonomischen und materiellen Ressourcen sind zum Beispiel Geld, finanzielle Unabhängigkeit und Sicherheit, Zugang zu Dienstleistungen oder ein sicherer Arbeitsplatz (ebd. S.167).

Ein wichtiger Begriff im Zusammenhang mit dem Modell der Salutogenese ist das Kohärenzgefühl, welches auch als SOC (Sense of Coherence) bezeichnet wird. Das Konzept des Kohärenzgefühls hat sich entwickelt auf der Suche nach einer Erklärung, wie die generalisierten Widerstandsressourcen mit Gesundheit in Verbindung stehen (Antonovsky 1997, S.39). Das Kohärenzgefühl hat Antonovsky (1997) folgendermaßen definiert:

„Das SOC (Kohärenzgefühl) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, daß

1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen zu begegnen;
3. diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen“ (S.36).

Die drei Teilfaktoren der Definition des Kohärenzgefühls werden als Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit zusammengefasst:

Verstehbarkeit entsteht dadurch, dass eine Person interne und externe Stimuli als sinnhaft wahrnehmen kann. Die Person kann die Stimuli als geordnet, konsistent und strukturiert verstehen. Ein hohes Ausmaß an Verstehbarkeit kennzeichnet sich dadurch, dass Stimuli in gewissem Maße vorhersehbar sind oder, sollten sie überraschend auftreten, eingeordnet und erklärt werden können (Franke & Witte 2009, S.12).

Handhabbarkeit erfährt eine Person durch die Wahrnehmung, dass ihr die geeigneten Ressourcen zur Verfügung stehen, um mit den Stressoren und den davon ausgehenden Anforderungen umgehen zu können. Die Ressourcen können von der Person selbst kommen oder von anderen Menschen, auf die sich die Person verlassen kann, wie zum Beispiel der Ehepartner, Freunde oder Kollegen. Verfügt ein Mensch über ein großes Maß an Handhabbarkeit, kann er nicht so leicht in die Opferrolle gedrängt werden und fühlt sich weniger ungerecht vom Leben behandelt (ebd.).

Bedeutsamkeit als Aspekt des Kohärenzgefühls zeigt das Ausmaß, in dem das Leben als sinnvoll empfunden wird und die Probleme und Anforderungen es wert sind, gemeistert zu werden. Konflikte werden dadurch eher als Herausforderungen erlebt (ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Stärkung des Kohärenzgefühls (Franke & Witte 2009)

Kohls (2010) nennt einige Beispiele für persönliche Einstellungen, die zum Kohärenzgefühl beitragen:

- Das Leben als Herausforderung zu begreifen, für das es sich lohnt, Anstrengungen zu unternehmen.
- Die Fähigkeit, sich selbst Ziele zu setzten und darauf hinzuarbeiten, statt sich passiv treiben zu lassen.
- Die Bereitwilligkeit, sich zu engagieren, für sich und andere und so aktiv an der Gestaltung des individuellen und kollektiven Lebens teilzunehmen.
- Den Eindruck zu gewinnen, dass die Umwelt sinnvoll und vorhersagbar ist.
- Das Gefühl zu haben, Einfluss auf wichtige Lebensentscheidungen nehmen zu können.
- Die Überzeugung in sich zu tragen, auch schwierige Lebensphasen meistern zu können und die Kontrolle nicht völlig zu verlieren.
- Optimismus, Neugierde und Offenheit gegenüber Veränderungen im Leben zu haben.
- Die Fähigkeit zu besitzen, Konflikte und schwierige Situationen auszuhalten.
- Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sowie in andere Personen zu haben (S.59).

Um ein starkes Kohärenzgefühl auszubilden, muss die Erfahrung gemacht werden, dass immer wieder ausreichend Widerstandsressourcen zur Verfügung stehen, mit denen man Einfluss auf das Leben nehmen kann und den Anforderungen gewachsen ist. Die folgenden drei Erfahrungen sind besonders wichtig:

Die Konsistenzerfahrung, als die Erfahrung, dass sich Dinge wiederholen und dass Abläufe im Leben ähnlich sind, trägt hauptsächlich zur Verstehbar-keitskomponente des Kohärenzgefühls bei. Die Partizipationserfahrung wächst durch das Erlebnis, Einfluss auf die Umwelt zu nehmen und an der Gestaltung teilnehmen zu können und trägt zur Ausbildung der Bedeutsamkeitskomponente bei. Die Erfahrung der Belastungsbalance meint, im Alltag weder andauernde Überlastung, noch andauernde Unterforderung ausgesetzt zu sein. Ein ausgeglichenes Erleben von Überlastung und Unterforderung, führt zur Ausbildung der Handhabbarkeitskomponente des Kohärenzgefühls (Franke 2010, S.170).

Grundlegend sind außerdem kulturelle Faktoren, wie Frieden und Stabilität in der politischen und sozialen Situation, um das Kohärenzgefühl zu steigern. In ihnen liegt die Basis, sich auf die aktuelle Lebenssituation verlassen zu können und nicht täglich aufs Neue mit bedrohlichen Situationen und unlösbaren Aufgaben konfrontiert zu werden (ebd. S.170-171).

Gerade für die Prävention von Krankheiten bzw. der Förderung von Gesundheit, eignet sich das Modell der Salutogenese besonders gut, denn Antonovsky lässt soziale Werte mit in sein Gesundheitsmodell einfließen (Bormann 2012, S.33). Franke (2010) ist der gleichen Meinung und sieht in dem Modell die theoretische Basis der Gesundheitsförderung, da es individuelle und gesellschaftliche Ressourcen beinhaltet (S.178).

Gerade durch die gesellschaftliche Komponente, liefert das Modell gesundheitliche Gründe gegen die zunehmende Individualisierung, in welcher „Werte wie Autonomie, Selbstwirksamkeit, Selbststeuerung, Kompetenz, Selbstbestimmung und Autarkie hochgehalten werden“ (ebd. S.178-179).

Aus diesem Grund, sehe ich gerade in dem Modell der Salutogenese das große Potential, die gesundheitliche Wirkung zu veranschaulichen, die ein bedingungsloses Grundeinkommen auf die Gesundheit des Menschen haben könnte. Darauf werde ich im fünften Kapitel, nach der Definition des bedingungslosen Grundeinkommens weiter eingehen.

2.4.2 Das Resilienz-Modell

Der Begriff „Resilienz“ kommt aus dem Englischen und leitet sich von dem Wort „resilience“ ab, was mit Spannkraft, Widerstandsfähigkeit und Elastizität übersetzt werden kann. Es bezeichnet die Fähigkeit mit schwierigen Lebensumständen und den Auswirkungen von Stress umgehen zu können. Als Synonyme werden auch die Wörter „Stressresistenz“ und „psychische Robustheit“ verwendet (Wustmann 2004, S.18).

Eine allgemein gültige Definition zu Resilienz gibt es nicht, unter anderen hat Welter-Enderlin (2012) folgende Definition vorgeschlagen:

„Unter Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen“ (S.13).

Im Gegensatz zu den Risikofaktorenmodellen, in denen hauptsächlich auf Defizite und Schwierigkeiten geschaut wird, schaut die Resilienzforschung vermehrt auf die Ressourcen und Schutzfaktoren der Individuen (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse 2009, S.18).

Die amerikanische Psychologenvereinigung hat unter dem Titel „Die Straße zur Resilienz“, zehn Punkte veröffentlicht, die beschreiben, wie es möglich ist, die persönliche Resilienz zu steigern. Die Folgende Aufzählung wurde durch Alexa Franke (2010) ins Deutsche übersetzt:

1. Baue soziale Kontakte auf.
2. Betrachte Krisen nicht als unüberwindbare Probleme.
3. Akzeptiere Veränderungen als einen Teil des Lebens.
4. Bewege dich auf deine Ziele zu.
5. Gehe schwierige Situationen an, vermeide sie nicht und warte nicht, bis sie von alleine vorbeigehen.
6. Achte auf Gelegenheiten, um dich selbst besser kennenzulernen. Gerade Krisen und Tragödien sind oft geeignet, etwas über sich selbst erfahren und das Leben mehr zu schätzen.
7. Pflege ein positives Selbstbild.
8. Betrachte die Dinge in einer längerfristigen Perspektive.
9. Bleibe optimistisch.
10. Pass gut auf dich auf (S.182).

[...]

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Gesundheitliche Aspekte des bedingungslosen Grundeinkommens
Untertitel
Welche Auswirkungen hat das bedingungslose Grundeinkommen auf die Gesundheit? Zum Zusammenhang von Gesundheit, Arbeit und sozialer Ungleichheit
Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
85
Katalognummer
V414481
ISBN (eBook)
9783956874031
ISBN (Buch)
9783956874055
Dateigröße
8435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grundeinkommen, Gesundheit, Biopsychosoziale Gesundheit, Erwerbstätigkeit, Soziale Ungleichheit, Existenzsicherung
Arbeit zitieren
Manuel Schwab (Autor), 2017, Gesundheitliche Aspekte des bedingungslosen Grundeinkommens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414481

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