Das Frauenbild bei "Kudrun" im Spiegel der Editionen von Ludwig Ettmüller und Karl Stackmann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Kudrun
a) Die Einführung Kudruns bei Stackmann
b) Die Einführung Kudruns bei Ettmüller

3) Kudruns Leidenszeit
a) Kudrun und Ludwig bei Stackmann
b) Kudrun und Ludwig bei Ettmüller
c) Kudrun und Gerlint bei Stackmann und Ettmüller

4) Kudruns Befreiung
a) Kudruns List bei Stackmann
b) Kudruns List bei Ettmüller

5) Fazit

Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Die „Kudrun“ gehört definitiv „zu den viel umrätselten Werken unserer alten Dichtung“.[1] Bis heute – nach mehr als 200 Jahren Forschung – kann die Entstehungszeit nicht eindeutig datiert werden. Sie ist nur in einer einzigen Handschrift überliefert, dem „Ambraser Heldenbuch“, welches 1504 von Kaiser Maximilian I. in Aufrag gegeben wurde. In dieser prachtvollen Sammelhandschrift findet sich die „Kudrun“ direkt nach dem „Nibelungenlied“, mehr noch, sie orientiert sich in ihrer formal-stilistischen Gestaltung an diesem gewiss bekanntesten Text des deutschsprachigen Mittelalters. Lange galt „Kudrun“ als „wunderbare Nebensonne“[2] des „Nibelungenliedes“ und wird auch heute noch daran gemessen.

Schwierigkeiten bieten die Gattungseinordnung[3] und die Suche nach der stofflichen Grundlage dieses Textes. Trotz aller philologischen Bemühungen blieb diese Suche bislang erfolglos: Bis auf ein paar Hinweise auf die Hildesage konnten keine älteren Fassungen, kein mündlicher Überlieferungshorizont, keine direkten Quellen und keine ‚ursprünglichen‘ Heldenlieder gefunden oder gar plausibel gemacht werden.

Die Geschichte der „Kudrun“-Forschung nimmt 1817 ihren Lauf. Damals entdeckte Alois Primisser die Handschrift in der „Ambraser Sammlung“, welche er betreute. Bald darauf gab er zusammen mit Friedrich Heinrich von der Hagen einen Handschriftenabdruck mit wenigen Verbesserungen und zusätzlichen Konjekturen heraus.

Der Umstand, dass die „Ambraser Handschrift“ im Allgemeinen als zufriedenstellender Textzeuge gelten kann, gilt für die „Kudrun“ nur eingeschränkt. Weder der Wortlaut noch die metrische Form oder die Strophenanordnung sind so beschaffen, dass der Text ohne erhebliche Änderungen in den modernen Ausgaben hätte erscheinen können. Das Durcheinander in der Reihenfolge der Strophen ist oft dadurch „entstanden, dass der Schreiber, irritiert durch den gleichlautenden Anfang zweier oder mehrerer Strophen, ausgelassene Strophen später nachtrug. An anderen Stellen meint man, eine Zufügung aus inhaltlichen Gründen erkennen zu können, die ungeschickt vorgenommen wurde und den Zusammenhang stört.“[4] So stehen etwa Kudrunstrophen neben Nibelungenstrophen, was den Eindruck eines unausgewogenen Textes verstärkt. Die größte Schwierigkeit stellt aber wohl die Sprachform der Handschrift dar. Es handelt sich um ein bairisch-österreichisch gefärbtes Frühneuhochdeutsch des 16. Jahrhunderts. Die Zurückgewinnung der Sprache des Originals ist somit ein schwieriges und komplexes Unterfangen.

Die bisherigen „Kudrun“-Ausgaben lassen sich in zwei Gruppen einordnen. Sie bieten entweder den gesamten erhaltenen Text und normalisieren nur Strophen- und Sprachform oder sie versuchen darüber hinaus, die Urgestalt des Textes durch Ausscheiden von vermuteten Einschüben und Zusätzen zu gewinnen.

Im Jahr 1865 erschien Karl Bartschs Ausgabe in der Reihe „Deutsche Klassiker des Mittelalters“. Bei der Herstellung des Textes berücksichtigte er erstmalig den allgemeinen Charakter der Sprache des „Ambraser Heldenbuches“. Die lange entbehrte Ausgabe steht seit 1965 überarbeitet von Karl Stackmann wieder zur Verfügung, verstehen mit einer ausführlichen Einleitung, die den Forschungsstand wiedergibt, vielen Anmerkungen und einem textkritischen Anhang.

Für die „Kudrun“-Ausgaben, welche versuchen, vermutete epische Lieder wiederherzustellen, aus denen man das Epos zusammengesetzt glaubte, sind die Thesen Karl Lachmanns Voraussetzung. Er hatte angenommen, dass die Heldensagen jeweils in Liedern tradiert wurden, in welchen jedes einen Abschnitt der Gesamthandlung beinhaltete. Ludwig Ettmüller versuchte dies als erster. Die Lachmannsche Liedertheorie wurde erst 1905 durch Andreas Heusler[5] endgültig widerlegt.

Die vorliegende Hausarbeit versucht zu klären, inwieweit sich das Frauenbild der Hauptfigur Kudrun im Spiegel der Editionen von Karl Stackmann und Ludwig Ettmüller unterscheidet. Handelt es sich bei Kudrun um eine höfische Dame, welche nach den Vorstellungen des Mittelalters dargestellt ist, oder kann sie als eine autonom handelnde, untypische Frauengestalt dieser Zeit betrachtet werde?

Dabei soll der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Leidenszeit Kudruns liegen. Zunächst soll der Blick darauf gerichtet werden, wie Kudrun vom jeweiligen Editor der „Kudrun“ vorgestellt wird. Die Passage über die Brautwerbung um Kudrun und ihre Entführung durch Hartmut werden übersprungen und es wird sogleich die Begegnung Kudruns mit Ludwig näher beleuchtet. Des Weiteren wird Kudruns Verhältnis gegenüber Gerlint untersucht, welches im finalen Vergleich Kudruns List mündet. Letztlich wird kurz auf die die abschließende Heiratspolitik Kudruns, welche den Frieden zwischen den verfeindeten Ländern langfristig sichert, eingegangen.

Der Vergleich der ausgewählten Passagen in den unterschiedlichen Editionen dient der Untersuchung des Frauenbildes der Kudrun. Es soll herausgestellt werden, wie und ob sich dieses in den beiden hier behandelten Editionen verändert.

Zugunsten der Übersicht und Lesbarkeit, wird in der vorliegenden Arbeit, angesichts der Namensvarianz auf die normalisierte Schreibweise zurückgegriffen.

2) Kudrun

‚Ditz puech ist von Chaudrun‘ – die Titelgebung des „Ambraser Heldenbuches“ erscheint richtungsweisend. Denn die Fokussierung auf die weibliche Hauptfigur ist für ein Werk in heldenepischer Tradition keineswegs selbstverständlich.[6] Die gattungsdominierenden Kampfgeschehen formieren dort vielmehr eine ‚männlich‘ geprägte Sphäre, in welcher Frauen traditionell nur eine passive Rolle zukommt. Der „Kudrun“ muss demnach eine Sonderstellung eingeräumt werden.

a) Die Einführung Kudruns bei Stackmann

Inmitten der 9. Aventiure wird die schöne Kudrun, neben ihrem Bruder Ortwin, als weibliche Hauptfigur eingeführt. Diese Einführung folgt einem Muster, das sonst dem männlichen Brautwerber vorbehalten ist und folgende Elemente beinhaltet: Nennung der Eltern, Erziehung und Schwertleite.

So wird Kudrun nicht nur als Inbegriff der Schönheit gepriesen und ihre Eltern und ihr Großvater genannt, sondern auch ihre Erziehung in Dänemark erwähnt: „si was geheizen Kûdrûn unde wart erzogen in Tenelande“ (Str. 575).[7] Die Erziehung Kudruns am Hof eines Vasallen und die Art der Angabe ihres Alters ist ebenfalls nach dem ‚männlichen‘ Erzählmuster gestaltet: „si wuohs ouch in der mâze, daz si wol trüege swert, ob si ein ritter wære. Dâ von wart gegert“. (Str. 577,1f.)

Somit steht nicht der männliche Werber sondern die Braut selbst im Mittelpunkt der Erzählung.

b) Die Einführung Kudruns bei Ettmüller

Im Unterschied zu Stackmanns Edition tritt bei Ettmüller gleich zu Beginn der 3. Aventiure Kudrun, die Tochter Hildes, auf. Durch Streichung der Strophe 574 entfällt die Einführung von Ortwin, Kudruns Bruder. Dabei waren, wie Theodor Nolte schreibt, die Töchter im Mittelalter bei Weitem nicht so begehrt wie die Söhne, welche das Familienerbe – im ökonomischen und emphatischen Sinn – fortführen konnten.[8] Entsprechend wird im Gegensatz zu Stackmann für Kudrun nicht das traditionell-männliche Erzählmuster verwendet sondern das ‚weibliche‘ Muster von der Schönheit der umworbenen Braut: „Diu vil sch œne tohter bî namen wart genant Gûdrun diu schœne von Hegelinge lant:“ (Str. 2,1-2).

3) Kudruns Leidenszeit

Da Kudrun bereits Herwig versprochen ist, weigert sie sich nach ihrer Entführung mit stæte, Hartmut zu heiraten: „ ê ich Hartmuoten næne, ich wolte ê wesen tôt.“[9] Zum einen geht es Kudrun um ihr schon Herwig gegebenes Eheversprechen, zum anderen ist sie darauf bedacht, nicht unterhalb ihres Standes zu heiraten. Sie hält Hartmut nicht für einen würdigen Ehemann:„ im wære ez von dem vater geslaht, daz er mich solte minnen, den lîp wil ich verliesen, ê ich in ze friunde welle gewinnen.“[10] Kudrun verteidigt hier aber nicht die Bindung zu ihrem aus freien Stücken eigenständig gewählten Ehemann „sondern ihre Bindung an die eigene Sippe, deren Rechts- und Normengefüge“.[11] In diesem Fall kann man nämlich nicht von einer Liebesheirat sprechen, die ein vehementes Ablehnen der Eheschließung mit Hartmut begründen würde. Stattdessen von Bedeutung ist „das Recht, der einmal geschlossene Ehevertrag, auf den Kudrun sich beruft und an den sie sich gebunden fühlt“.[12] Damit erfüllt sie das Gebot der Sippentreue, das einer jungen Frau der damaligen Zeit auferlegt war.

a) Kudrun und Ludwig bei Stackmann

Die Misshandlung durch Ludwig markiert den Beginn von Kudruns Leid. Als er aus ihrer Rede eine unversöhnliche Haltung seinem Sohn gegenüber heraushört, ergreift er Hildes Tochter an den Haaren und schleudert sie gnadenlos ins Meer (Str. 960). Dies kann als ein Versuch der Züchtigung für die Ehrverletzung gedeutet werden.

Theodor Nolte schreibt, dass in der Realität ein solches Züchtigungsrecht dem Ehemann zustand.[13] Es wurde in der Praxis auch mehr oder weniger unbefangen ausgeübt.

Hartmut in der Rolle des Minneritters stürzt sich ins Wasser, rettet Kudrun und tadelt seinen Vater. An dieser Stelle treten höfische Idealvorstellungen als Zensurinstanz auf und wirken als Korrektiv (Hartmut vs. Ludwig)[14].

b) Kudrun und Ludwig bei Ettmüller

Ettmüller streicht alle Strophen, die diese Szene beschreiben. Vielmehr beginnt Kudruns Leidenszeit erst mit dem Eintreffen am Hofe Hartmuts und der Begegnung mit seiner Mutter Gerlint.

c) Kudrun und Gerlint bei Stackmann und Ettmüller

Beide Editoren zeichnen das gleiche Bild des Verhältnisses zwischen Kudrun und Gerlint: Nach der Entführung sieht sich Kudrun Hartmuts Mutter Gerlint gegenüber. Zunächst zeigt sich Gerlint als angenehme Gastgeberin, die ihre Schwiegertochter herzlich empfängt (Str. 970). Auch als Kudrun Gerlint und ihre Gastfreundschaft zurückweist, bleibt Ludwigs Frau ihr wohlgesonnen. Als Gerlint allerdings erkennt, dass Kudrun sich nicht fügen und Hartmut heiraten wird, entpuppt sie sich als eine tiuvelinne (Str. 996, 1). Gerlint drängt ihren Sohn dazu, Kudruns Erziehung ihr zu überlassen, was er ohne böse Absichten tut (Str. 994). Seine Mutter hat allerdings andere Pläne. Sie lässt Kudrun dreizehn Jahre lang harte Arbeit verrichten und fügt ihr damit nicht nur körperliches sondern auch seelisches Leid zu, da diese Tätigkeit für eine Königstochter nicht angemessen ist. Sie wendet eine Art „Zermürbungstaktik“[15] an.

[...]


[1] de Boor, Helmut: Die höfische Literatur. Vorbereitung, Blüte, Ausklang. München 11 1991 (= de Boot/Newald: Geschichte der dtsch. Lit. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. 2), S. 190.

[2] Friedrich Heinrich von der Hagen in seinem Vorwort zur ersten Ausgabe der „Kudrun“, 1820, S.VII.

[3] Siehe dazu in Kerstin Schmitts „Poetik der Montage – Figurenkonzeption und Intertextualität in der „Kudrun““, Kapitel 2.2.1. Zur Gattungseinordnung der „Kudrun“, S.33ff.

[4] Wisniewski, Roswitha: Kudrun. Stuttgart 2 1969, S. 3.

[5] Siehe dazu in Andreas Heuslers „Lied und Epos in germanischer Sagendichtung“, o.O. 1905, fotomechan. Neudruck 1956.

[6] Siehe dazu Kerstin Schmitt, Kapitel 2.1.1. Zur Rezeption der „Kudrun“ als `weibliche‘ Dichtung und `Frauenroman`, S.13ff.

[7] Vgl. auch die folgende Strophe 576, in der erneut Kudruns Schönheit und ihre Erziehung in Tenelande angesprochen werden.

[8] Nolte, Theodor: Das Kudrunepos – ein Frauenroman?, Tübingen 1985, S. 26ff.

[9] Stackmann, Karl (Hg.): Kudrun. Tübingen 2000 (ATB 115). S. 195, Str. 959, 2.

[10] Ebd., S. 195, Str. 959, 3-4.

[11] Nolte, S. 53.

[12] Ebd.

[13] Nolte, S. 46.

[14] Vgl. ebd., S. 47.

[15] Ebd., S. 48.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Frauenbild bei "Kudrun" im Spiegel der Editionen von Ludwig Ettmüller und Karl Stackmann
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V414508
ISBN (eBook)
9783668651654
ISBN (Buch)
9783668651661
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauenbild, kudrun, spiegel, editionen, ludwig, ettmüller, karl, stackmann
Arbeit zitieren
Alexandra Mildenberg (Autor), 2015, Das Frauenbild bei "Kudrun" im Spiegel der Editionen von Ludwig Ettmüller und Karl Stackmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414508

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