Unterschied zwischen kindlichem und erwachsenem Zweitspracherwerb


Hausarbeit, 2017

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Der Unterschied zwischen kindlichem und erwachsenem Zweitspracherwerb.

Existiert eine altersbedingte kritische Phase, die den Erwerb und das Erlernen hemmt? - Eine Annahrung.

Die Zweitsprache

Mehrsprachigkeit ist in einer globalisierten Welt unentbehrlich. Sie entsteht durch geographischen Sprachkontakt, den globalisierten Handel und selbstverstandlich durch Migration und interkulturelle Partnerschaften, etc.[1] Durch diese Allgegenwartigkeit von zwei- Oder mehrsprachigen Kompetenzmodellen ruckt auch die Frage nach einem gunstigen Erwerbsumfeld immer mehr in den Vordergrund.[2] Ganz problemlos lasst sich zunachst einmal festhalten, dass ein Kind, das in Paris sozialisiert wird, muhelos Franzbsisch, ein Kind, das in Madrid heranwachst zweifelsohne Spanisch lernt. Doch interessanter wird die Betrachtung, wenn man ein anderes Beispiel bemuht:

denn auch ein Kind, das beispielsweise in einer mehrsprachigen Umgebung wie Barcelona[3], in einem zweisprachigen Kontext graft wird, hat wenig Muhe diese Herausforderung zu meistern. Vermeintlich erst mit voranschreitendem Alter erwachsen die Schwierigkeiten im Spracherwerb und Sprachlernprozess. In der Vergangenheit wurden diverse Theorien und Modelle prasentiert, die den erfolgreichen beziehungsweise ungunstigen Zweitspracherwerb erklaren sollen. Grundlage vorausgegangener Analysen ist zunachst eine Gliederung in vier Erwerbsbereiche: simultaner bilingualer (0 bis 1;11 Jahren), sukzessiver bilingualer (2;0 bis 3;11 Jahren), kindlicher (4;0 bis 9;11 Jahren) und erwachsener (ab 10;0 Jahren) Zweitspracherwerb.[4]

In der vorliegenden Arbeit soil nach der Betrachtung des simultanen und sukzessiven Bilingualismus, als exemplarische Erwerbstypen, auf die Beziehung zwischen Alter und Spracherwerbsfahigkeit eingegangen werden.

Erwerbstypen und Alter

Wie eingangs erwahnt lassen sich vier determinierte Typisierungen des mehrsprachigen Erwerbs klassifizieren.[5] Der fruhste Typ, der doppelte Erstspracherwerb Oder der simultane Bilingualismus, nimmt dabei nicht nur chronologisch eine besondere Position ein. Der gleichzeitige - ungesteuerte[6] Spracherwerb, dessen Beginn mit der Geburt korreliert und zwischen dem zweiten[7] und dritten[8] Lebensjahr endet, gilt als besonders erfolgreicher Typ des Zweitspracherwerbs.[9] Diese Annahme stutzt sich vornehmlich darauf, dass der simultane Spracherwerb den selben Mustern wie der klassische monolinguale Erstspracherwerb folgt.[10] Konkreter ist erkennbar, dass Kinder dabei im Bereich der Morphologie und der Syntax die gleichen Entwicklungsphasen durchlaufen, wie gleichaltrige, einsprachige Kinder.[11] Nachweislich ist es also mbglich durch simultanen Bilingualismus in beispielsweise zwei Sprachen auch in eben diesen beiden erstsprachliche Kompetenzen zu erreichen,[12] wenngleich eine nicht statische Dominanz einer Sprache[13], bedingt durch auftere Umstande, der Regelfall ist. Ausgangssituation und Grundlage fur diesen Typ der Mehrsprachigkeit sind vornehmlich die familiaren Sprachkonstellationen[14], „die dem Modell eine Person ... eine Sprache entsprechen"[15]. Davon ausgehend, dass im Sinne eines strukturalistischen Sprachverstandnisses nicht nur das Denken die Sprache, sondern vielmehr umgekehrt, die Sprache kognitive Kategorien formt, erwirbt das Kind durch den simultanen bilingualen Spracherwerb mindestens zwei Perspektiven[16] kultureller Betrachtung. Diese Erkenntnis ist gleichzeitig die Begrundung fur die Spracherwerbsfahigkeit im jungen Alter.[17]

Ab ungefahr dem dritten Lebensjahr gilt der simultane bilinguale Spracherwerb als abgeschlossen, mit Anbruch des vierten Lebensjahrs ist in der Spracherwerbsforschung die Rede von sukzessivem bilingualem Spracherwerb.[18] Anders als im spateren erwachsenen Zweitspracherwerb scheint der sukzessive Spracherwerb ,,auf den ersten Blick“[19] erfolgreicher, was in der Dynamik der Phasen begrundet ist. Es handelt sich bei diesen Termini um flexible Kategorien, sodass der gleichberechtige Erwerb einer Zweitsprache, mitunter bis einschlieftlich zum funften Lebensjahr, mbglich, allerdings nicht selbstverstandlich, ist.[20] Betrachtet man also die kindliche Spracherwerbsfahigkeit mit welcherder Erstund doppelte Erstspracherwerb vollzogen wird, scheint dieser unter Umstanden auch Kindern im sukzessiven Erwerb noch bedingt dienlich zu sein.[21] Ein genaues Alter ist daher nur als Annaherung beziehungsweise Richtwert definiert, zumal auftere Faktoren wie „der Zeitpunkt des Erwerbsbeginns, die Eindeutigkeit des Inputs (...), die Qualitat und der Umfang des Inputs, lebensweltliche Relevanz und Wertigkeit der Sprache (und) die Motivation zum Spracherwerb"[22] eine erhebliche Rolle spielen.

Dennoch ist die kindliche Spracherwerbsfahigkeit bei alteren Spracherwerbenden nicht mehr vorhanden, die Frage nach einer Relation zwischen Alter und Erwerbsfahigkeit steht unumganglich im Raum.[23] Denkbar ware daher, dass ..qualitative Unterschiede zwischen Erstund Zweitspracherwerb, die mit der Annahme einer kritischen Oder sensiblen Phase[24] im Spracherwerb erklarbar werden"[25]. Haupttheorie zur Erklarung dieses Phanomens ist die Critical-Period-Hypothesis[26] nach Lenneberg. Aus der Ethologie ubertragt Lenneberg 1967 den Begriff der „kritischen Periode" in die Linguistik und definiert damit eine epochale Zasur im Spracherwerb. Ihren Ursprung hat die Theorie zunachst in der Beobachtung von Kindern, die in Isolation beziehungsweise in sozialer Deprivation aufgewachsen sind.[27] Die bekanntesten Beispiele wie Kasper Hauser und die sogenannten „Wolfskinder“ beherrschten keine eigene Sprache Oder Grammatik, auch fiel ihnen der spatere Erwerb beziehungsweise das gesteuerte Erlernen der Sprache sehr schwer, im Ergebnis konnten nur muhsam Worte erlernt werden. Eine ausgepragte Sprachkompetenz warfur diese Kinder nicht mehr zu erlernen.[28] Lenneberg leitet aus diesen Beobachtung ab, dass es einen konkreten Zeitraum geben muss, innerhalb dessen der Erwerb gewisser Fahigkeiten abgeschlossen wird Oder unvollendet bleibt.[29] Die Verfugbarkeit der Spracherwerbsmechanismen ist, seiner Auffassung nach, also determiniert. Anfang dieser Phase sei die erste Mehrwortaufterung und als Ende ware die Pubertat zu benennen, da zu dann die Lateralisierung des Hirns, konkreter „die neuroanatomische Ungleichheit und funktionale Aufgabenteilung und Spezialisierung der Grofthirnhemispharen"[30], beendet ist. Fur Lenneberg wird neben einem definitiven onset (Anfang) und offset (Ende), auch die Unabhangigkeit von aufteren Einflussen und Umweltbedingungen in Bezug auf die kognitive Sprachfertigkeit deutlich. Laut Lenneberg ist nun durch die „Verseitigung des Sprachzentrums im Cortex der linken Grofthirnhalfte"[31] ausschlieftlich gesteuertes, regelbasiertes Lernen mbglich anstelle des Erwerbs.[32] Lennebergs Annahme bezuglich der statischen Grenzen fuftt dabei auf den Einteilungen des Gehirns in Brocaund Wernicke-Areal und resultierte aus der Aphasieforschung, die von konkreten separierten Bereichen ausgingen, in denen die Sprachfertigkeit zu lokalisieren ist.[33] Heutzutage wird die Critical-Period-Hypothesis nach Erweiterungen zu folgenden Thesen[34] synthetisiert:

I. Das Alter hat einen uberindividuellen Einfluss auf die menschliche Spracherwerbsfahigkeit.
II. Dieser Einfluss ist auf reifungsbedingte neurobiologische Veranderungen des Gehirns zuruckzufuhren.
III. Die Pubertat markiert den Wendepunkt in der Spracherwerbsfahigkeit des Individuums, da sich in diesem Zeitraum ein neuronaler Plastizitatsverlust ereignet.

i. Postpubertare Anfanger konnen die Sprachkompetenz fruher Anfanger nicht erreichen.
ii. Postpubertare Anfanger konnen reduzierte Varietaten der Zielsprache entwickeln, die kommunikativ funktional sind.
iii. Prapubertare Anfanger konnen hingegen muttersprachliche Sprachkompetenz erreichen.[35]

Die Critical-Period-Hypothesis ist jedoch nicht nur die am weitesten verbreitete, sondern auch die meistdiskutierte und kritisierte Theorie.[36] So wird die Absolutheit und die Widerspruchlichkeit der Befunde von Pagonis mehrfach kritisiert. Das Resultat „Kinder erwerben eine Zweitsprache generell besser als Erwachsene (Homogenitat), doch einige Erwachsene erreichen ebenso gute Endzustande wie Kinder (Heterogenitat)"[37] findet in der Critical-Period-Hypothesis keinerlei Berucksichtigung. Da, wie im Vorfeld beschrieben, die Critical-Period-Hypothesis darauf basiert, dass der Erwerb muttersprachlicher Kompetenzen in der Zweitsprache nur vor der Pubertat mbglich ist, sieht Pagonis die Theorie als falsifiziert[38].

Klein urteilt weniger rigide, dennoch nennt er „zumindest drei weitere substantielle Grunde, die gegen eine rein biologische Erklarung des Alterseffekts im Sinne einer ,kritischen Periode’ sprechen"[39]. Die erste Begrundung, namlich die der Entwicklung, gliedert sich nach Klein in drei Subkategorien: 1. Biologische Entwicklung, 2. Soziale Entwicklung, 3. Kognitive Entwicklung. Der erste Aspekt, die biologische Entwicklung umfasst „alle physiologischen Veranderungen in den zentralen und peripheren Organen"[40], diese beinhaltet naturlich die Modifikation des Sprachenzentrums und damit des Gehirns, jedoch auch die des Gehbrs und des Artikulationswerkzeugs.[41] Probleme der Wahrnehmung und der Muskelkontrolle werden so mbgliche Parameter des Alterseffekts, es wird jedoch nicht davon ausgegangen, dass die Begrundung fur die Probleme ausschlieftlich im Gehirn zu suchen sind.

[...]


[1] Rothweiler, Monika: Bilingualer Spracherwerb und Zweitspracherwerb. In: Steinbach, Markus (Hrsg.) Schnittstellen dergermanistischen Linguistik. Stuttgart [u.a.]. Metzler, 2007. S. 103

[2] Rothweiler2007: 103

[3] Amtssprachen sind sowohl Katalanisch als auch Spanisch

[4] Ruberg, Tobias: Problembereiche im kindlichen Zweitspracherwerb - Problematic Domains in a Child’s Second Language Acquisiton. In: O.V. Sprache Stimme Gehor Zeitschrift fur Kommunikationsstorungen. Stuttgart. Thieme. 2013, S. 182

[5] ebd.

[6] Rothweiler, Monika 2007: 115

[7] Bickes, Hans/ Pauli, Ute: Erst- Und Zweitspracherwerb. Paderborn. Fink, 2009. S. 81

[8] Ruberg,Tobias 2013: 182

[9] Bickes, Hans/ Pauli, Ute 2009: 81

[10] ebd.

[11] Ruberg, Tobias 2013: 181

[12] Rothweiler, Monika 2007: 115

[13] Bickes, Hans/ Pauli, Ute 2009: 84

[14] Rothweiler, Monika 2007: 115

[15] ebd.

[16] Bickes, Hans/ Pauli, Ute 2009: 78

[17] ebd.

[18] Rothweiler, Monika 2007: 122

[19] ebd.

[20] ebd.

[21] ebd.

[22] ebd.

[23] ebd.

[24] Gordon, Neil: The acquisition ofa secound language. European Journal of Paediatric Neurology. 2000, 4.3-7

[25] Rothweiler, Monika 2007:124

[26] Lenneberg, Eric Heinz: Biological foundations of language. New York. Wiley. 1967

[27] Rothweiler, Monika 2007: 125

[28] ebd.

[29] ebd.

[30] http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/lateralisierung/6933, letzter Zugriff: 11.03.17

[31] Bickes, Hans/ Pauli, Ute 2009: 93

[32] ebd.

[33] ebd.

[34] Pagonis, Giulio: Kritische Periode Oder altersspezifischer Antrieb - Was erklart den Altersfaktor im Zweitspracherwerb? - Eine empirische Fallstudie zum ungesteuerten Zweitspracherwerb des Deutschen durch russische Lerner unterschiedlichen Alters. In: Europaische Hochschulschriften. 21. Frankfurt am Main [u.a.]. Peter Lange. 2009. S.54

[35] Auflistung entnommen aus Pagonis 2009

[36] Klein, Wolfgang: Prozesse des Zweitspracherwerbs. Grimm, Hannelore (Ed.) (Hrsg.) Enzyklopadie der Psychologie. 3. Gottingen [u.a.]. Hogrefe. 2000, S.6

[37] Pagonis, Giulio 2009: 55

[38] ebd.

[39] Klein, Wolfgang 2000: 6

[40] ebd.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Unterschied zwischen kindlichem und erwachsenem Zweitspracherwerb
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V415708
ISBN (eBook)
9783668666467
ISBN (Buch)
9783668666474
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spracherwerb, Erstsprache, Zweitsprache, Kritischephase, Neurolinguistik, Linguistik, Fremdsprache, Germanistik
Arbeit zitieren
Stefanie Petruck (Autor:in), 2017, Unterschied zwischen kindlichem und erwachsenem Zweitspracherwerb, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415708

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