Messung von Missständen (grievances) in einem Bürgerkriegsland. Vergleich der Studien von Fearon und Laitin und Cederman et al.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
17 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturüberblick
2.1 Greed
2.2 Grievance

3. Hypothesenformulierung

4. Schilderung des Konfliktes in Ruanda
4.1 Vorkolonialzeit
4.2 Kolonialzeit
4.3 Nach der Unabhängigkeit 1962
4.4 Völkermord

5. Vergleich der Messungen
5.1 Messung der ethnischen Hypothesen
5.2 Messung der politisch-ökonomischen Hypothesen

6. Schlussfolgerung

7. Limitationen

8. Referenzen

1. Einleitung

Bürgerkriege treten heute wesentlich häufiger auf als Kriege zwischen Nationalstaaten (Collier & Hoeffler, 2004). Zwischen 1945 und 1999 summierte sich die Anzahl von zwischenstaatlichen Kriegen auf 25 und die von Bürgerkriegen auf 127 (Fearon & Laitin, 2003). Doch Bürgerkriege nehmen nicht nur von ihrer Anzahl zu, sondern haben im Vergleich zu zwischenstaatlichen Kriegen auch eine deutlich höhere Zahl an Kriegstoten (1945-1999: 3,3 Mio. in zwischenstaatlichen Kriegen, 16,2 Mio. in Bürgerkriegen) (Fearon & Laitin, 2003). Während Kriege zwischen Staaten eine Mediandauer von drei Monaten aufweisen, beträgt die Dauer bei Bürgerkriegen im Schnitt sechs Jahre (Fearon & Laitin, 2003). Diese „neuen“ Kriege zeichnen sich durch eine Entstaatlichung und Asymmetrierung kriegerischer Gewalt aus (Münkler, 2011), bei welchen der Fokus auf dem Töten der Zivilbevölkerung liegt (Collier & Hoeffler, 2004). Der Ursprung aller Bürgerkriege findet sich in einem Interessenkonflikt zwischen der Regierung und einer Teilmenge der Bevölkerung (Frieden, Lake, & Schultz, 2013). Dabei unterscheidet die Literatur grundsätzlich zwei verschiedene Ursachen von Interessenskonflikten in Bürgerkriegen: Gier (greed) und/oder Leid (grievances) (Frieden et al., 2013).

2. Literaturüberblick

2.1 Greed

Zu Beginn erfolgt ein Überblick über die Literatur, welche Gier als Hauptursache für den Ausbruch von Bürgerkrieg ausmacht. Gier bezieht sich dabei auf das Bestreben einer Gruppe die ökonomischen Ressourcen eines Landes immer mehr unter ihre Kontrolle zu bringen (Frieden et al., 2013). Wie zum Beispiel Profit aus den natürlichen Ressourcen (wie Öl oder Mineralien) des Landes zu erwirtschaften oder durch deren bevorzugten Zugang zu Arbeitsplätzen (Frieden et al., 2013). Nach der Studie von Collier und Hoeffler (2004) machen Faktoren wie die Finanzabhängigkeit eines Landes durch Rohstoff-Exporte und eine große Emigrantengemeinde (Diaspora) ein Land anfälliger für Bürgerkriege. Während positive ökonomische Faktoren wie Wachstum, Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf oder die Ausbildung von Männern Bürgerkriegen entgegen wirken (Collier & Hoeffler, 2004). Es müssen also die nötigen opportunities bestehen, um eine Rebellion zu organisieren (Collier & Hoeffler, 2004). Fearon und Laitin (2003) konzentrieren sich ebenfalls auf die Bedingungen, die Aufstände in einem Land überhaupt möglich machen. Diese sind nach Fearon und Laitin (2003) Armut, politische Instabilität, widrige naturräumliche Begebenheiten (rough terrain) und eine große Bevölkerung. Fearon und Laitin (2003) schließen ethnische und politische grievances als Bestimmungsfaktor für Bürgerkriege aus.

2.2 Grievance

Nachdem Gier als Ursache für Bürgerkrieg betrachtet wurde soll jetzt dargestellt werden, inwieweit Leid (grievance) in der Literatur als Bedingungsfaktor für Bürgerkrieg dargestellt wird. Schon Aristoteles glaubte, dass politische Unzufriedenheit und Konflikte nicht nur vom aggregierten Level ökonomischer Zufriedenheit abhängen, sondern vor allem von deren Verteilung (Østby, Nordås, & Rød, 2009). Ungleichheit spielt auch in den klassischen Konflikttheorien eine zentrale Rolle (Cederman, Weidmann, & Gleditsch, 2011). Die relative deprivation theory behauptet, dass absolute Armut zu Teilnahmslosigkeit und Untätigkeit führen kann (Gurr, 1970). Jedoch regt erst der Vergleich zu Personen denen es in der gleichen Gesellschaft besser geht, zu entscheidenden Handlungen und auch Gewalt an (Gurr, 1970). Denn diese ethnischen Spaltungen, die oft mit systematischen sozio-ökonomischen Ungleichheiten in der Gesellschaft übereinstimmen, können das kollektive Leid und den Zusammenhalt in einer Gruppe sozial Benachteiligter erhöhen (Østby, 2008b). Durch die gemeinsame kulturelle oder ethnische Identität wird die Frustration und die Möglichkeit der Mobilisierung dieser Gruppe gefördert (Østby, 2008b). Diese Ungleichheit zwischen verschiedenen Gruppen, die dieselbe Identität in einer Gesellschaft teilen, wird in der Literatur als horizontal inequalities (HI) zusammengefasst (Cederman et al., 2011; Østby et al., 2009; Stewart, 2008). Horizontal inequalitie unterscheidet sich dadurch von vertical inequalitie, dass Letztere die Ungleichheit zwischen Individuen bzw. Haushalten misst und nicht Ungleichheit zwischen Gruppen (horizontal inequalities) (Stewart, 2011). Die HI -Hypothese unterscheidet sich in der Hinsicht von der relative deprivation theory, dass nicht nur die relativ Armen einen Konflikt initiieren können, sondern auch die relativ Reichen (Stewart, 2011). In der Literatur wird zwischen ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen horizontal inequalities unterschieden (Stewart, 2011). Ökomische HIs erfassen Ungleichheiten hinsichtlich des Eigentumsrechts, dem Zugang zu Arbeitsplätzen und der Einkommenshöhe (Stewart, 2011). Soziale HIs berücksichtigen den Zugang zu Bildung, dem Gesundheitswesen und der Unterbringung (Stewart, 2011). Politische HIs umfassen Ungleichheiten in der Verteilung von politischen Möglichkeiten, wie politische Partizipation oder der Ausdruck seiner eigenen Bedürfnisse (Stewart, 2011). Kulturelle HIs enthalten Ungleichheiten in der Anerkennung der Sprache, der Religion und der Normen unterschiedlicher Gruppen (Stewart, 2011).

Die Studie von Østby (2008a) untersuchte 55 Entwicklungsländer von 1986-2003 und zeigte eine signifikante Zunahme der Wahrscheinlichkeit eines Konfliktes in Ländern mit starken ökonomischen und sozialen HIs auf. Sie definiert Gruppen nach Ethnizität, Religion und Region und findet einen signifikanten Zusammenhang zwischen HIs und dem Ausbruch eines gewalttätigen Konfliktes (Østby, 2008a). Wimmer, Cederman und Min (2009) stellten globale Daten von 1946-2005 zusammen und zeigen, dass Länder mit einem großen Ausmaß an politischer Ausschließung wahrscheinlicher bewaffnete Konflikte erleben. Cederman et al. (2011) untersuchen in ihrer Analyse 450 Gruppen pro Jahr zwischen 1991-2005 und erfassen dabei insgesamt 52 Konfliktbeginne. Sie zeigen, dass Gruppen mit einem Wohlfahrtsniveau, welches weit von dem Mittelwert des Landes entfernt ist, eine größere Wahrscheinlichkeit haben einen Bürgerkrieg zu erleben (Cederman et al., 2011). Das trifft sowohl auf Gruppen die reicher, als auch welche die ärmer als der Landesdurchschnitt sind zu (Cederman et al., 2011). Des Weiteren zeigen die Autoren, dass politische HIs (definiert als Ausschluss durch die politische Macht der wichtigsten Gruppe) zusammen mit ökonomischen HIs das Risiko eines Bürgerkrieges erhöhen.

3. Hypothesenformulierung

Nach diesem Literaturüberblick über die greed bzw. grievance Theorien ergibt sich jetzt die Frage, wie es möglich ist, dass sich die Ergebnisse der Studien der beiden Theorien so grundlegend unterscheiden. Eine mögliche Antwort liegt in der Art der Messung der verschiedenen Studien. Denn die Studien mit einer umfangreichen Fallzahl (N) (Collier & Hoeffler, 2004; Fearon & Laitin, 2003) testen das Konfliktpotential von vertical inequality (d.h. Einkommensunterschiede zwischen Individuen), obwohl sie eigentlich versuchen Gruppenkonflikte zu erklären (Østby, 2008b). Doch auch hinsichtlich der Daten, die hinter den Messungen stehen, könnten bei den Studien deutliche Unterschiede zu erkennen sein. Denn die Hauptschwierigkeit liegt in der Messung der meist intersubjektiv wahrgenommenen ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Ungleichheiten (Cederman et al., 2011). Mit Hilfe des Konfliktes in Ruanda (1990-1994) sollen die Datengrundlagen zwischen der Studie von Fearon und Laitin (2003) und Cederman et al. (2011) verglichen werden, um mögliche Unterschiede in der Messung aufzuzeigen. Der Konflikt in Ruanda eignet sich deshalb gut als Untersuchungsobjekt, da er oft als „Ausbruch uralten Hasses“ oder „Stammeskrieg“ bezeichnet wird (Hoering, 1997). Das definitive Vorhandensein von horizontal inequalities (Ungleichheit zwischen Gruppen) in dem Konflikt in Ruanda wird bei einer folgenden Analyse aufgezeigt. Sowohl in der Studie von Fearon und Laitin (2003), als greed -Theorie, als auch in der Studie von Cederman et al. (2011), als grievance -Theorie, ist Ruanda größtenteils in der Messung miteinbezogen. Es ergibt sich folgende Hypothese:

H: Der Konflikt in Ruanda (1990-1994) zeigt, dass die Messung der grievances nach Fearon und Laitin (2003), im Vergleich zur Studie von Cederman et al. (2011), unzureichend ist.

Um diese Hypothese zu untersuchen wird im Folgenden der Konflikt in Ruanda beschrieben. Dabei liegt der Fokus auf den politischen und sozialen Ungleichheiten in Form der horizontal inequalities. Im nächsten Schritt werden dann die Messungen der beiden Studien anhand des Konfliktes in Ruanda miteinander verglichen.

4. Schilderung des Konfliktes in Ruanda

Der Konflikt zwischen Hutus und Tutsis in Ruanda, der 1994 in einem Genozid endete, hat seine Wurzeln in einem langjährigen tief verankerten ethnischen Konflikt (Frieden et al., 2013).

4.1 Vorkolonialzeit

Die Bezeichnungen Hutu und Tutsi existierten bereits vor der Kolonialzeit, gaben aber zunächst nur Auskunft über die regionale Herkunft (Hoering, 1997). Mit der Ausbreitung des hierarchisch organisierten politischen Systems im 19. Jahrhundert erhielten diese Kategorien eine soziale und politische Bedeutung und eine Zuordnung zu Tutsi bzw. Hutu wurde wichtig (Hoering, 1997, S. 19). Die Zugehörigkeit wurde zunächst durch Abstammung vererbt (Hoering, 1997, S. 19). Die Tutsi standen sozial, politisch und wirtschaftlich an der Spitze, wohingegen die Hutu den mittleren und unteren Gruppen der Gesellschaft angehörten (Hoering, 1997, S. 19).

4.2 Kolonialzeit

Nachdem Ruanda von 1912 bis 1923 Besitz des deutschen Kaiserreiches war, erhielten anschließend belgische Kolonialherren die Vorherrschaft über Ruanda (Hoering, 1997, S. 17). Erst die Kolonialherren führten die ethnische Bedeutung der Begriffe Hutu und Tutsi ein (Hoering, 1997, S. 19). In dem Bestreben, ihre Kolonie mit möglichst wenig finanziellem und personellem Aufwand zu verwalten, stützten sich die Kolonialherren auf ein Verwaltungssystem, das die vorhandenen politischen und sozialen Strukturen auszunutzen suchte (Hoering, 1997, S. 19). Dabei wurden Vereinfachungen vorgenommen, deren folgenreichste die Ethnisierung der bis dahin sozial definierten Gruppen war (Hoering, 1997, S. 20). Die Minderheit der Tutsi wurde seitdem systematisch als herrschende Schicht im kolonialen System gefördert (Hoering, 1997, S. 20). Es kommt zu einer staatlichen Diskriminierung analog zu den bestehenden sozialen Strukturen (Fearon & Laitin, 2003) und zu einem Verstoß gegen Normen der Gerechtigkeit und der Gleichheit, welcher Gefühle der Wut und der Missgunst in der vernachlässigten Gruppe entfacht (Cederman et al., 2011). Diese Missgunst beschreibt das Gefühl von einer Gruppe politisch dominiert zu werden, obwohl diese kein Recht hat sich in einer höheren Position zu befinden (Horowitz, 1985). Es ist die tägliche Erfahrung mit dieser wahrgenommenen Ungerechtigkeit, dass die negativen Emotionen hervorruft (Horowitz, 1985). Auf diese Weise entstanden hauptsächlich durch die Kolonialzeit ökonomische, soziale, sowie politische horizontale Ungleichheiten zwischen den beiden Gruppen Hutu und Tutsi. Diese Politik änderte sich erst nach dem zweiten Weltkrieg, als sich die Überzeugung durchsetzte, dass die übrige Bevölkerung (also die Mehrheit der Hutu) an Bildungsmöglichkeiten und politischen Prozessen beteiligt werden müsse (Hoering, 1997, S. 21). Um den Vorsprung der bis dahin einseitig geförderten Tutsi auszugleichen, wurde ein Quotensystem für die Verteilung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen eingeführt, sowie eine Eintragung der ethnischen Zugehörigkeit in den Personalausweis (Hoering, 1997, S. 21). Diese beiden Maßnahmen wurden nach der Unabhängigkeit beibehalten und trugen dazu bei ethnische Unterschiede zu besiegeln, obwohl sie offiziell keine Rolle mehr spielen sollten (Hoering, 1997, S. 21).

4.3 Nach der Unabhängigkeit 1962

1959, kurz vor der Unabhängigkeit Ruandas, stürzten die jahrelang diskriminierten Hutus die Herrschaft der Tutsis und übernahmen gewaltsam die Kontrolle über das Land (Frieden et al., 2013). Zehntausende Tutsis flohen in Nachbarländer (Des Forges, 2002). 1962 erlangte Ruanda die Unabhängigkeit und stand seit diesem Zeitpunkt unter der Regierung der Hutu-Mehrheit (Hoering, 1997, S. 17). Der Präsident Habyarimanas (Volksgruppe der Hutu) hatte es seit seinem Machtantritt 1973 unter Verweis auf die Landknappheit abgelehnt, die Tutsi-Flüchtlinge wieder in Ruanda anzusiedeln (Des Forges, 2002). Anfang der 1990er Jahre lebten nach Schätzungen ca. 600.000 Tutsi als Flüchtlinge im Ausland (Eriksson et al., 1996).

[...]

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Details

Titel
Messung von Missständen (grievances) in einem Bürgerkriegsland. Vergleich der Studien von Fearon und Laitin und Cederman et al.
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1.0
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V416743
ISBN (eBook)
9783668667518
ISBN (Buch)
9783668667525
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fearon und Laitin, ruanda, bürgerkrieg, politische gewalt, kolonialzeit, internationale beziehungen, frankreich, Cederman, grievances, greed, vertical inequality, ethnische gruppen, horizontal inequalities
Arbeit zitieren
Pascale-Catherine Kirklies (Autor), 2016, Messung von Missständen (grievances) in einem Bürgerkriegsland. Vergleich der Studien von Fearon und Laitin und Cederman et al., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416743

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