Stolpersteine des "Empowerments". Selbstbestimmung von Menschen mit Handicaps


Essay, 2015

10 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Hilfe zur Selbsthilfe mit Stolpersteinen

1. Einleitung:

Im folgenden Essay werde ich den Trend „Empowerment“ kritisch darlegen. Diesen Gesellschaftlichen Trend werde ich mit der Sozialpädagogischen Arbeits-Methode dem Biografischen Arbeiten verbinden. In meinem Essay werde ich folgende Frage diskutieren:Welche Stolpersteine bringt der Trend Empowerment mit dem Gedanken der Selbstbestimmung, in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen mit sich?Diese Fragestellung ist relevant aufgrund des immer wiederkehrenden Begriffes „Empowerment“ in der Arbeit mit Menschen mit Handicaps. Immer mehr Einrichtungen schmücken sich mit diesem Konzept, jedoch ist es Fragwürdig ob es noch unter anderem individuell und kreativ ausgeführt werden kann. Im Folgenden werde ich den Trend in Bezug auf der Sozialpädagogischen Arbeit und meiner Praxisarbeit beziehen. Gleichzeitig werde ich die Fragestellung mittels des „Pro- und Contra“- Schemas diskutieren und auf meine genannte Methode eingehen. Es folgt eine knappe Zusammenfassung und eine persönliche Schlussfolgerung.

2. Hauptteil:

Frau C. (34) ist tätig in einer Werkstatt für Menschen mit Handicaps. Sie hat das Down-Syndrom. Frau C. arbeitet im Produktionsbereich und ist Eingeteilt in einer Packstraße. Seit 6 Wochen sitzt sie schon auf demselben Platz und erledigt dieselbe Aufgabe: 10 schrauben in eine Tüte verschweißen. Immer wieder fragt sie ihre Gruppenleitung nach einer anderen Aufgabe, nach einer Aufgabe die sie selber aussuchen kann nach ihren Bedürfnissen. Es ist jedoch momentan nicht anders möglich, da niemand anders die Aufgabe von Frau C. übernehmen kann. Nun sitzt sie auf ihren Platz. Es ist laut, denn alle um sie herum Reden. Jeden Tag dieselbe Aufgabe. Jeden Tag der gleiche Lärm. Sowie jeden Tag dieselbe Frage: „Wann kann ich das machen, was meinen Bedürfnissen entspricht?“

Wann sprechen wir eigentlich von Empowerment?

Wie „Empowerment“ definiert wird, ist abhängig von der Haltung und dem ethischen Positionen des Menschen. Herriger (2010) beschreibt Empowerment als „offene normative Form“, denn Empowerment ist wie ein leerer Behälter der erst durch die individuellen Grundüberzeugungen und Werthaltungen aufgefüllt wird. Die Empowerment Praxis enthält Prozesse der „Selbstbemächtigung“ und „Selbstbestimmung“. Herriger (2010) macht deutlich, dass das Empowerment Konzept als „tragfähiges Handlungskonzept gesehen wird. Es beinhaltet Prozesse der (Wieder-) Aneignung von Ressourcen die den Hilfebedürftigen für ein selbstbestimmendes Leben helfen. Also Hilfe zur Selbsthilfe. Der Hilfebedürftigen soll somit in Zeiten des Mangels, der Benachteiligung oder der gesellschaftlichen Abgrenzung beginnen, seine Angelegenheiten bewusst mit den eigenen Fähigkeiten zu lösen. So kann ein selbstbestimmendes Leben stattfinden (Herriger, 2010). Dort, wo der Mensch diese Erfahrungen erfolgreich hat sammeln können, verfestigten sich nach Herriger (2010) die Prozesse einer „Stärkung von Eigenmacht“. Zusammenfassend „zielt Empowerment auf die Stärkung und Erweiterung der Selbstverfügungskräfte des Subjektes; es geht um die (Wieder-) Herstellung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Alltags“ (Herriger, 1991, S. 222).

Was konnte Empowerment in Bezug auf die Soziale Arbeit verändern?

Bei dem Trend Empowerment handelt es sich um einen Megatrend, der enormen Einfluss auf die Gesellschaft und das soziale Arbeiten hat. Ende der siebziger Anfang der achtziger Jahre wurde das erste Buch zum Empowerment-Konzept veröffentlicht und eine neue Kultur des Helfens entstand in den Köpfen der Gesellschaft und des Pädagogen (Herriger, 2010). Eine neue Soziale Bewegung konnte angetrieben werden, die Prozesse der „Selbstermächtigung“ und die „Eroberung von Stolz“ anstößt und unterstützt (Herriger, 2010). Das defizitorientierte Menschenbild weicht einer Stärkenperspektive, die gegründet wird auf die Würdigung der positiven Eigenschaften (Heindel, 2008). Alle Menschen haben nun eine Vielzahl an Talenten, Fähigkeiten, Stärken und auch Bedürfnisse. Menschen wachsen nicht durch die Konzentration auf ihre Schwächen sondern im Gegenteil, durch das Vertrauen auf seine eigenen Fähigkeiten, sich auf selbstreflektierende Weise zu entwickeln (Heindel, 2008). Auch der DBSH beschreibt (2015), dass die Soziale Arbeit in die Stärken der Menschen vertraut, ihr Leben selbstständig zu gestalten. Die Sozialpädagogen ergreifen dort Partei, wo diesem Anspruch gesellschaftliche Rahmenbedingungen entgegenstehen (DBSH, 2015). Hilfe zur Selbsthilfe lautet nun das Stichwort. Die Findung eigener Ressourcen befähigt den Hilfebedürftigen sich selbstbestimmend zu entwickeln. In Hinblick auf die heutige Soziale Arbeit stelle ich mir nun die kritische Frage: „Wo liegen die Grenzen und Möglichkeiten von Selbstbestimmung?“

Was konnte Empowerment in Bezug auf die Arbeit mit Menschen mit Handicaps verändern?

Empowerment in Bezug auf die Arbeit mit Menschen mit Handicaps konnte einiges bewegen und verändern. Die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Menschen mit Handicaps hat sich verändert. Auf einmal hatte dieser Mensch der vorher nichts hatte, Interessen und Bedürfnisse. Es ist ein Individuum das genau wie jeder andere die Chance hat, sich selbst gesteuert zu Entwickeln. Auch die Haltung des Pädagogen gegenüber dem Hilfebedürftigen hat sich verändert. Es wird eine Wertschätzende und respektvolle Haltung gepflegt, in der die Machtverteilung ausgeglichen ist (Herriger, 2010). Ich bin tätig in einer Werkstatt für Menschen mit Handicaps und sehe jeden Tag die Grenzen und Möglichkeiten des Empowerment gerichteten Konzepts. Nun frage ich mich: „Wie sieht das empowern bei Menschen mit einer geistigen Behinderung aus die ein gewisses Alter erreicht haben, aber in Bezug auf ihre emotionale und kognitive Entwicklung viel jünger sind?“

Stolpersteine des Empowerment Konzeptes

Empowerment zielt darauf ab, ein selbstbestimmendes Leben führen zu können. Grundsätzlich gilt, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung genauso ein Recht auf eine selbstbestimmende Gestaltung des eigenen Lebens haben, wie nicht behinderte Menschen (Kleine Schaars, 2009). Selbstbestimmung hat für einen Menschen mit Behinderung die gleiche Bedeutung, wie für alle anderen Menschen auch. Allerdings ist für geistig Behinderte Menschen ein selbstbestimmendes Leben in vielen Hinsichten erschwert, worauf ich nun auf meine Frage eingehen möchte: „Welche Stolpersteine bringt der Trend Empowerment mit dem Gedanken der Selbstbestimmung, in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen mit sich?“

Stolpersteine die am Krankheitsbild liegen

Dadurch, dass die intellektuelle Entwicklung bei geistig behinderten Menschen beeinträchtigt ist, sind sie im Vergleich zu „nicht-behinderten“ Menschen im verstärkten Maße auf Unterstützung zur Bewältigung des Lebensalltags angewiesen (Theunissen & Plaute, 2002). Einigen geistig behinderten Menschen ist es nicht möglich, sich ohne Hilfe zu versorgen und letztendlich zu überleben. Je stärker ein Mensch von anderen Menschen abhängig ist, desto geringer ist schließlich der Grad der Selbstbestimmung. So kann ein geistig Behinderter Mensch der beispielsweise eine andere Arbeit ausüben möchte, nicht selbst bestimmen wann er damit anfangen kann. Er ist gezwungen mit dem Pädagogen einen Zeitpunkt aushandeln. Dieser richtet sich nach dem Auftrag, der abgeschlossen werden muss. Meist sind geistig behinderte Menschen aufgrund ihrer intellektuellen Beeinträchtigung nur in der Lage „Ja-Nein“ Fragen zu treffen. Dies ist in meiner Praxis jedoch nur sehr selten der Fall. Was jedoch öfter vorkommt ist, dass die Adressaten mit dieser plötzlichen Selbstbestimmung nicht umgehen können. Dies liegt zum einen daran, weil sie es nicht gelernt haben schrittweise damit umzugehen und zum anderen weil sie kognitiv und emotional viel jünger sind als es scheint. Nach Heindel (2008) ist es von Bedeutung im Laufe seiner Entwicklung schrittweise mehr Selbstständigkeit zu erfahren indem gewisse Freiräume gegeben werden, denn nur so kann der Klient lernen wo seine Grenzen liegen. Anhand des folgenden Beispiels aus meiner Praxis, möchte ich dies näher verdeutlichen:

Herr B. (48), hat laut ärztlicher Diagnose eine geistige Behinderung. Er ist dazu in der Lage sich akustisch mitzuteilen und kann mir somit auch auf komplexere Fragen Antwort geben. Er ist Mitglied in einer Sondergruppe für älter werdende Menschen. In dieser Gruppe liegt der Schwerpunkt in der Gestaltung des Lebensalltages auf kreative Weise. An diesem Tag herrscht eine ruhige Atmosphäre bei Musik und Kaffee. Herr B. kann nun selbstbestimmend entscheiden, was er gerne machen möchte. Er schaut mich fragend an und ich merkte schnell, dass er Überfordert war. Ich stellte ihm eine Reihe von Angeboten. Er entschied sich für das was er immer gerne macht, Malen.

In diesem Beispiel fand zwar Selbstbestimmung statt, jedoch war der Grad der Selbstbestimmung gering. So entschied sich Herr B. für das Malen, jedoch aus meinen gestellten Angeboten. Er malt immer sehr gerne und oft. Herr B. hat aber nicht Verstanden dies zu äußern, ohne dass ich ein Angebot stelle.

Stolpersteine, die im sozialen Umfeld liegen

Die hohe Fallzahl, das knapp kalkulierte Zeitbudget, der hohe Falldurchlauf machen es schwer in jedem individuellen Fall eine auf Person und Hilfefrage spezifische Hilfeform zu realisieren. Die Dienste für geistig Behinderte Menschen sind eingebunden in berufsalltäglichen Zwängen und entwickeln vielfach soziale Fertigprodukte die sie ihren Klienten präsentieren. Phantasie und Kreativität bleiben dabei auf der Strecke und der Klient wird zum Konsument von mundgerechten Versorgungspaketen. Gronemeyer (1988 nach Herriger, 2010) beschreibt, wenn wir auf die Gegenstände nur noch in ihrer „endgültigen Gestalt“ treffen, wird nahezu jede Freiheit, jedes Experimentieren und Probehandeln des Klienten vorweggenommen. Durch die Festlegung dieser Fertigprodukte, wird das selbstbestimmende Lernen des Klienten verhindert (Gronemeyer, 1988 nach Herriger, 2010). Standardisierte Hilfeleistungsformen erkenne ich auf in meiner Einrichtung zum Teil wieder. Für die Erstellung eines Förderplans gibt es Vorgefertigte Informationszettel und Beobachtungssysteme, wie der Pädagoge welches Ziel einordnen und formulieren muss. Das individuelle Ziel wird zum Standardisierten Ziel wo vorgegebene Methoden und Maßnahmen herhalten müssen. Der Grund ist das geringere Fachpersonal, wo vorgefertigte Hilfeformen notwendig werden.

Des Weiteren spielt das vorherrschende Menschenbild eine zentrale Rolle, ob geistig behinderten Menschen das Vertrauen zur Selbstbestimmung erhalten, oder nicht. Geistig behinderte Menschen werden leider heute noch teilweise als hilfebedürftige Wesen mit „Defiziten“ gesehen. Dies gilt nicht nur für die Gesellschaft sondern auf für den Pädagogen. Oft steht nicht der Mensch mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen im Mittelpunkt, sondern dessen Krankheitsbild, das es zu „behandeln“ gilt und die Anpassung an von wem auch immer festgelegten Normen (Theunissen & Plaute, 2002). Ein solchen Menschenbild und das fehlende Vertrauen in die Stärken geistig behinderter Menschen führt meist zu deren Bevormundung und Überbehütung (vgl. Kleine Schaars, 2009). Pädagogen und Eltern wollen davor schützen falsche Entscheidungen zu treffen was zur Folge hat, dass der Pädagoge oder die Eltern die Entscheidungen treffen. Es sind die anderen die bestimmen, was für den Klienten gut ist (Kleine Schaars, 2009). Die Aussage nach Kleine Schaars, bringt es auf den Punkt. Die Möglichkeiten des geistig behinderten Menschen zur Selbstbestimmung werden damit deutlich eingeschränkt. Dies kann mit folgendem Beispiel aus meiner Praxis belegt werden:

Frau K. (38) hat laut ärztlicher Diagnose eine geistige Behinderung. Sie ist tätig im Produktionsbereich der Werkstatt. In der Werkstatt werden sogenanntem Arbeitsbegleitende Maßnahmen angeboten (ABM) die während den Arbeitszeiten stattfinden. Sie dienen zur individuellen Förderung. Da das Jahr wieder neu Angefangen hat darf Frau K. sich für drei neue Maßnahmen anmelden. Sie wollte sich gerne für „Tanzen, Werken und Arbeitsschutz“ anmelden, musste dies jedoch noch mit ihrer Gruppenleiterin Frau D. absprechen. Frau D. war bis auf „Tanzen“ mit den Maßnahmen einverstanden. Sie wollte gerne, dass Frau K. an der Maßnahme „kleine Spiele“ teilnimmt um sie kognitiv zu Fördern. Frau K. war sichtlich enttäuscht, weil sie gerne Tanzt, trotzdem setzte sich ihre Gruppenleiterin durch.

An dieser Stelle möchte ich auf das Phänomen des „heimlichen Betreuungskonzept“ verweisen, das die Möglichkeit geistig behinderter Menschen zur Selbstbestimmung erschwert. Theunissen und Plaute (2002) bezeichnen damit alle Prozesse und Regelungen, die nebenbei und unbewusst ablaufen, die enorm wirksam sind und eine „heimliche“ Freundsteuerung. Dies bedeutet eine Überbehütung und subtile Überwachung für den geistig behinderten Menschen. Schlussfolgernd kann diese Einschränkung zur „erlernten Hilfslosigkeit“ führen (Theunissen & Plaute, 2002).

Stolpersteine die in den Strukturen liegen

Hinter der Einschränkung von Selbstbestimmung geistig behinderter Menschen verbergen sich oft auch institutionelle Sachzwänge und Vorgaben (Herriger, 2010). Der hohe Zeit- und Ressourcenverbrauch, lange Zeithorizonte der Fallbearbeitung und daran gebunden die nicht Kalkulierbarkeit der im Einzelfall notwendigen Arbeitsressourcen, liegen meist quer im Interesse der Einrichtung an einer sparsamen Fallerledigung (Herriger, 2010). In vielen Einrichtungen gibt es für den professionellen Helfer Vorgaben personeller und zeitlicher Art, in denen die zeitaufwendigen Prozesse des Empowerments und damit zur Selbstbestimmung stören. So werden Entscheidungen des Klienten vorwerggenommen und es entsteht ein Teufelskreis. Die unkalkulierbaren Empowerment Prozesse sind nur schwer mit den Zeitrechnungen der Institution auf einen Nenner zu bringen. Hinzu kommt der institutionelle Zwang, Erfolge vorweisen zu müssen (Herriger, 2010). Empowerment Prozesse vollziehen sich jedoch im Stillen und weisen meist keine geradlinigen „Erfolgsstories“ auf. Nach Herriger (2010) verweigern sie sich vielfach dem Zwang zur Unmittelbarkeit von Erfolg.

Schlussfolgernd finde ich die Stolpersteine des Empowerment Konzeptes enorm. Sie geraten oftmals in den Hintergrund, sollten jedoch nicht vergessen werden. Zusammenfassend können wir festlegen: Bei einem Menschen mit Handicap können die Möglichkeiten zur Umsetzung des Empowerment Konzeptes und damit die Selbstbestimmung aufgrund dessen Behinderung und einer verstärkten Anhängigkeit von anderen Menschen, eingeschränkt werden. Der Schweregrad einer geistigen Behinderung und damit die Fähigkeit Bedürfnisse zu äußern, beeinflusst ebenfalls die Selbstbestimmungsfähigkeit. Ein weitgehend selbstbestimmendes Leben wird auch durch Überbehütung vom sozialen Umfeld erschwert, indem Entscheidungen vorweggenommen werden. Letztendlich erschweren auch institutionelle Sachzwänge und Vorgaben die adäquate Umsetzung des Empowerment Konzeptes.

Chancen und Möglichkeiten des Empowerment Konzeptes

Wie ich oben bereits dargestellt habe, sind Menschen mit einer geistigen Behinderung bei der Bewältigung des Alltags teilweise auf Unterstützung anderer angewiesen. Theunissen und Plaute (2002) schließen daraus, dass daher „auf eine lebensbegleitende pädagogische Assistenz kaum verzichtet werden“ kann. Dies bedeutet eine Geradwanderung zwischen Förderung von Selbstbestimmung gemäß dem Empowerment Konzept und der Erzeugung von Anhängigkeit. Empowerment zielt darauf ab, assistierende Hilfe in einer Qualität und Quantität zu organisieren, dass sowohl Möglichkeiten der Selbstbestimmung in sozialer Bezogenheit als auch mehr individuelle Autonomie realisiert werden können (Theunissen & Plaute, 2002)

Verhältnis zwischen Helfer und geistig behinderter Menschen

Das Verhältnis zwischen dem professionellen Hilfeleister und dem geistig behinderter Menschen hat sich im Sinne von Empowerment verändert. Angestrebt und erreicht wird eine ausgeglichene Beziehung, in der der Pädagoge den Adressaten als Vertrauensperson zur Verfügung steht. Der Pädagoge verzichtet auf seine „Expertenmacht“ und tritt dem Hilfesuchenden mit einer Wertschätzenden und respektvollen Haltung gegenüber (Herriger, 2010). Bei geistig behinderten und „nicht behinderten“ Menschen bestehen Unterschiede in verschiedenen intellektuellen Fähigkeiten. Deshalb haben Menschen mit Handicaps beispielsweise Schwierigkeiten, sich im Alltag zurecht zu finden und Wünsche auszudrücken. An diesen Ungleichheiten lässt sich trotzdem nicht die Wertigkeit von Menschen festmachen- jeder Mensch ist gleich viel Wert (Heindel, 2008). So geben wir den Klienten das Gefühl von Vertrauen und Geborgenheit. Das Vertrauen für ein selbstbestimmtes Leben zu erhalten ist für den geistig Behinderten Menschen von großer Bedeutung. Eigenverantwortlich und Selbstgesteuert handeln war in den sechziger Jahren und weit davor nur möglich, wenn der Mensch selbstbewusst war und einen gewissen Status erreicht hat. So hatte der Mensch mit einer Behinderung kaum oder nie das recht zu sagen, was er selbst kann. Die, die mit diesem Vertrauen nun aufwachsen und lernen schrittweise mit der Selbstbestimmung umzugehen (Heindel, 2008), haben die Chance auf ein weitestgehend selbstbestimmendes Leben. Für ein junges Mädchen mit Handicap ist es also erstmal normal eine Regelschule besuchen zu können, was es bis vor kurzem nicht war. Hier spielt auch der Megatrend Inklusion eine wichtige und entscheidende Rolle. Inklusion ermöglich es in der heutigen Gesellschaft, dass Menschen mit Handicaps Regelschulen besuchen können. Dies hängt mit der veränderten Haltung der Gesellschaft zusammen, das recht selbstständig entscheiden und sich entwickeln zu können gemäß dem Empowerment Konzept. Das selbstbestimmende Handeln ist auch gleichzusetzten mit Freiheit. Wenn der Klient diese Freiheit erfährt in Form von Selbstbestimmung kann er sich Wohlfühlen (Heindel, 2008 nach Wilken, 1999).

Das defizitorientierte weicht dem Stärkenorientiertem

Nun heißt es nicht mehr, was sind deine Probleme? Wo liegen deine schwächen?- sondern es werden die Ressourcen des Klienten ausfindig gemacht, die ihn stärken für ein selbstbestimmtes Leben. Der geistig behinderte Mensch ist ein Individuum mit Wünschen, Bedürfnissen und Interessen der nun das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hat wie ein „nicht behinderter“ Mensch (vgl. Kleine Schaars, 2009). Es wird an die eigene Kraft des geistig behinderten Menschen appelliert die stimuliert wird durch die Eigenregie. Darum geht es in dem Empowerment Prozess: Ausgehend von den erschließbaren Ressourcen des Klienten werden neue Möglichkeitsräume geschaffen, in dem sie ihre Fähigkeiten nutzen und neue Territorien der Unabhängigkeit erschließen (Herriger, 2010). Die Gesellschaft ist nun mehr bemüht, den Menschen mit Handicap zu integrieren. Im Bereich der Behindertenhilfe versuchen immer mehr Träger dieses Anliegen zur Grundlage ihres Handelns zu machen. Es werden damit desintegrierte und entwicklungshemmende Rahmenbedingungen verstärkt aufgehoben.

Differenziertere Angebote

Im Laufe der Jahre herrscht ein weitaus differenzierteres Angebot für Menschen mit Handicaps sei es in Bezug auf Wohnen, Arbeiten oder Freizeit (Heindel, 2008). Es werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, je nach Interessen und Bedürfnisse des Menschen. Immer mehr Einrichtungen nehmen das Empowerment Konzept als Grundhaltung an und differenzieren daher ihre Angebote. Zum einen wollen sie Konkurrenzfähig bleiben und zum anderen wollen sie den individuellen Bedürfnissen der Adressaten nicht nachstehen.

Mit dem folgenden Beispiel möchte ich die Verhältnisse der damaligen Zeit beschreiben und damit die Veränderung durch das Empowerment Konzept verdeutlichen:

Wir befinden uns in den sechziger Jahren. Herr H. (36) hat das Down-Syndrom laut ärztlicher Diagnose. Er lebt in einem Heim mit 30 anderen Mitbewohnern. Er sitzt am Tisch und wartet mit den anderen auf das Abendessen. Er wartet. Das Abendessen wird nicht gemeinschaftlich Vorbereitet, sondern die Betreuer bringen für jeden Bewohner das Essen zum Tisch. Es ist laut. Alle sind ungeduldig und wissen nicht, was ihre Aufgabe ist. Als das Essen zum Tisch kommt wird es noch lauter- alle schreien. Nach dem Abendessen ist es Zeit zu duschen. Herr H. zieht sich mit den anderen Bewohnern aus. Alle sind nackt und die Betreuer sammeln die Wäsche auf. Herr H. wird mit 10 weiteren in die Dusche gescheucht. Die Betreuer waschen jeden mit demselben Waschlappen. Nach dem Duschen zieht Herr H. sich an und geht in sein Bett. Sein Zimmer muss er sich mit 15 weiteren Bewohnern teilen. Er hat kein eigenes Zimmer und er hat kein Recht zu sagen, was seine Bedürfnisse sind.

Werkzeuge der Empowerment Praxis

Herriger (2010) beschreibt, dass sich die Empowerment Prozesse auf vier nur analytisch zu trennende Ebenen vollzieht. Ich möchte jedoch nun auf die individuelle Ebene eingehen mit der Methode des Biographischen Arbeitens. Die individuelle Ebene bezieht sich auf die biographischen Wege des Menschen in eigener Regie aus Situationen der Machtlosigkeit ihr Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen (Herriger, 2010).

Lebensgeschichtliches Erinnern, Erzählen und Lernen- die Biographie Arbeit beschreibt Herriger (2010) als wichtiges Fundament in der Empowerment Praxis der sozialen Einzelhilfe. Zu Recht: Denn Biographie Arbeit ist meiner Meinung nach Notwendig und sollte Bestandteil jeder Dokumentation sein. Die Methode bietet Menschen mit komplexeren Lebenswelten wie zum Beispiel Menschen mit einer geistigen Behinderung die Möglichkeiten „zueinander zu finden“ und dabei „miteinander zu sich selbst“ zu finden (Petzold 2002). Was ist nun eigentlich Biographisches Arbeiten? Es geht um Erinnerungsarbeit. Der Mensch tauscht in seine Erinnerungen ein und erzählt seine Erfahrungen in Gesprächen und persönlichen Materialien, die zum Beispiel mit Fotos, Poesiealben oder ähnliches ausgedrückt werden können (Reich, 2008, S.3). Die Methode unterstützt den Erinnernden bei der Suche oder Festigung der Identität oder rückblickend seinen Lebensweg zu betrachten und von diesem Standpunkt aus neue Definitionen des zukünftigen Lebens aufzustellen (Reich, 2008, S.3). Wir können also sagen, dass der Erzähler bei der Aufarbeitung der individuellen Lebensgeschichte, seine Persönlichkeitsgeschichte erfährt die mit Selbstständigkeit und Eigeninitiative verbunden ist. Straub (2002 nach Petzold, 2002) stellt fest, dass auch in einer Erzählgemeinschaft mit einem guten narrativen Klima, ein Gemeinschaftsgefühl aufgebaut werden konnte und das Vertrauen der Erzähler bestärkt wurde (Petzold, 2002). So können wir auch festlegen, dass das Erzählen von persönlichem in einer Gemeinschaft eine Atmosphäre des guten Miteinanders eröffnet. Allgemein ist die Methode des Biographischen Arbeitens in der Durchführung und Kombination sehr variabel und kann sicher auch mit anderen Trends und Konzepten in Verbindung gebracht werden.

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Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Stolpersteine des "Empowerments". Selbstbestimmung von Menschen mit Handicaps
Hochschule
Hogeschool van Arnhem en Nijmegen
Note
1-
Autor
Jahr
2015
Seiten
10
Katalognummer
V416899
ISBN (eBook)
9783668664029
ISBN (Buch)
9783668664036
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stolpersteine, empowerments, selbstbestimmung, menschen, handicaps
Arbeit zitieren
Christina Hetjens (Autor), 2015, Stolpersteine des "Empowerments". Selbstbestimmung von Menschen mit Handicaps, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416899

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