Der Spanische Bürgerkrieg 1936-39. Ambivalenz anarchistischer Ideologie und Realität


Hausarbeit, 2017
12 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Anarchistische Ideologie und Realitat im Kontext des Spanischen Burgerkrieges (1936-39)
1. Aspekte anarchistischer Ideologie
a) Grundprinzipien
b) Staat
2. Anarchisten im Kontext des Spanischen Burgerkrieges (1936-39)
c) CNT und FAI
d) Situation und Ziele
3. Partizipation am politischen System
e) Wie kommt es zu dieser Partizipation?
f) Soziale Umwalzung und Probleme bei der legalen Umsetzung

III. Fazit

IV. Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Worauf beruht der Staat, wenn nicht auf Gewalt?1

Diese rhetorisch gestellte Frage des deutsch-britischen Schriftstellers und Anhangers der anarchistischen Idee, John Henry Mackay, bringt die Grundeinstellung des Anarchismus wohl am pragnantesten auf den Punkt. Anarchismus, abgeleitet aus dem altgriechischen Wort anarchia, bedeutet so viel wie Herrschaftslosigkeit2. Der Duden beschreibt den Begriff Anarchismus als „Lehre, die eine Gesellschaftsform ohne Staatsgewalt und gesetzlichen Zwang propagiert.“3 Im Zuge des Spanischen Burgerkrieges kam es in den dreiBiger Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer Abkehr von diesem Grundprinzip. Im Kontext der Aufstande in Spanien, die schlussendlich in der franquistischen Diktatur endeten, fasste der organisierte Anarchismus einen Beschluss der in die Geschichte eingehen sollte. Die Grundeinstellung der strikten Ablehnung der Institution des Staates wurde auf die Probe gestellt, indem die Anarchisten zum ersten und bisher einzigen Mal in der Geschichte in eine Regierung eintraten. Diese Arbeit soll die Problematik, sowie die Grunde fur dieses Vorgehen beleuchten und die Ambivalenz zwischen dem ideologischen Grundprinzip der Herrschaftslosigkeit und der Partizipation am sonst so verachteten System naher untersuchen. Dabei wird insbesondere die Entwicklung zu Beginn des Burgerkrieges bis zum Jahr 1937 analysiert.

II. Anarchistische Ideologie und Realitat im Kontext des Spanischen Burgerkrieges (1936-39)

1. Aspekte anarchistischer Ideologie

a) Grundprinzipien

„Anarchismus ist die Lehre von der Freiheit als Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Anarchie, zu deutsch: ohne Herrschaft, ohne Obrigkeit, ohne Staat, bezeichnet somit den von den Anarchisten erstrebten Zustand der gesellschaftlichen Ordnung, namlich die Freiheit jedes einzelnen durch die allgemeine Freiheit. In dieser Zielsetzung, in nichts anderm, besteht die Verbundenheit aller Anarchisten untereinander, besteht die grundsatzliche Unterscheidung des Anarchismus von allen anderen Gesellschaftslehren und Menschheitsbekenntnissen.“4

Jene von dem deutschen Anarchisten Erich Muhsam verfasste, allgemeine Definition greift den Gedanken von der Anarchie als Ordnung ohne Herrschaft heraus. Diese Anschauung kann allerdings als einziger expliziter Konsens aller Anarchisten angesehen werden, da einige weitere extrem unterschiedliche und gegensatzliche Erscheinungsformen existieren. Umstritten sind vor allem die Fragen nach der Definition von Herrschaft und deren Illegitimitat, nach der Umsetzung einer anarchistischen Gesellschaft und mit welchen Mitteln zu dieser gelangt werden kann. Am deutlichsten wird der inneranarchistische Dissens bei der Definition von Freiheit. Wahrend es auf der einen Seite Vertreter gibt, die unter Herrschaft im Wesentlichen die Unterdruckung des Individuums verstehen und daher die Pramisse bei der Befreiung des Individuums von der Gesellschaft sehen, gibt es andere, die der Meinung sind, dass Herrschaft durch die Verhinderung echter Gemeinschaften und Zusammenschlusse gekennzeichnet ist, weshalb eine anarchistische Gesellschaft eine Befreiung des Individuums zur Gesellschaft darstellt. Aus diesen beiden entgegengesetzten philosophischen Pramissen speisen sich schlieBlich unterschiedliche politische Ausrichtungen: auf der einen Seite die individualanarchistische, auf der anderen Seite die kollektivistische und kommunistische Stromung.5 Bei aller Unterschiedlichkeit der Interpretationen und Auffassungen des Anarchismus, bleibt doch die Ordnung ohne Herrschaft die Maxime aller Vertreter. Dieses Grundprinzip der Herrschaftslosigkeit hebt ihn von jeglichen anderen Gesellschaftsformen ab.

b) Staat

Fur Anarchisten, egal welcher Stromung, ob individualistisch, kollektivistisch oder kommunistisch, ist der Staat der Inbegriff illegitimer Herrschaft des Menschen durch den Menschen.6 Nach Immanuel Kant ist die Anarchie „Gesetz und Freiheit ohne Gewalt“, die „wahre burgerliche Verfassung“ hingegen „Gewalt mit Gesetz und Freiheit.“7 Die prinzipielle Abneigung von Gewalt in der Ideologie des Anarchismus implementiert die Abneigung des Staates in all seinen moglichen Formen. Erklart sich die Abneigung gegen einen autoritaren Staat durch die AnmaBung der Regelungskompetenz eines Menschen uber die Angelegenheiten eines anderen von selbst, so ist aus anarchistischer Sicht auch ein sog. demokratischer Rechtsstaat illegitim, weil der Staat die Gewalt in Form von Gesetzen institutionalisiert und legitimiert um seine Vorstellung von Ordnung zu realisieren, ohne die Zustimmung aller Menschen dafur zu haben.8 Somit ist die - oftmals durch Wahlen bestimmte - Representation, das heiBt die Annahme, dass die Menschen von anderen Menschen vertreten werden konnen auch kein legitimes Mittel, da dadurch die Freiheit des Einzelnen bzw. einer Minderheit unterdruckt wird.9

2. Anarchisten im Kontext des Spanischen Burgerkrieges (1936-39)

c) CNT und FAI

In Spanien existierten im Jahr des Ausbruchs des Spanischen Burgerkrieges 1936 zwei bedeutende anarchistische Organisationen. Die 1910 gegrundete, revolutionar- syndikalistische Gewerkschaft Confederacidn Nacional del Trabajo (CNT) und die 1927 gegrundete anarchistische Federacion Anarquista Iberica (FAI). Beide Organisationen lehnten den bestehenden Staat ab und erstrebten laut einer gemeinsamen Prinzipienerklarung die Reorganisation des gesamten gesellschaftlichen Lebens auf der Basis des freien Kommunismus durch die direkte revolutionare Aktion der Unterdruckten.“10 Die CNT lehnte gemaB den Charakteristika des Anarchismus die partei- und verbandsformige Einflussnahme auf politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse strikt ab und sah die Befreiung der Arbeiterklasse durch die Arbeiter selbst. Innerhalb der CNT kam es zu Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Flugeln uber den Kurs der Organisation. Die extremistische Fraktion war von Dogmatismus gepragt und forderte die bedingungslose Durchsetzung ihrer Ideologie, wahrend die gemaBigtere Linie versuchte, durch Pragmatismus voranzukommen. Diese Heterogenitat in der anarchistischen Bewegung druckte sich im unterschiedlichen Kampf fur das Ideal einer herrschaftsfreien Welt aus. Durch revolutionare Streiks und betrieblichen Kampf verfolgten die Syndikalisten eine durchaus gemaBigtere Strategie die als radikal-anarchistischen Krafte, die auf terroristische Mittel setzten. Aus diesem Zwist loste sich schlieBlich die radikalere FAI heraus.11 Der spanische Sozialphilosoph, Heleno Sana scheibt dazu in seinem Buch Die libertare Revolution'. „Die FAI war ins Leben gerufen worden, um die Massen der CNT ideologisch zu beeinflussen und fur ihre revolutionaren Umsturzplane zu gewinnen.“12 Diese Einschatzung ist durchaus gerechtfertigt, wenn man die Mitgliederzahlen von mehreren Hunderttausenden auf Seiten der CNT mit den rund 3000013 der FAI vergleicht und den ideologischen Einfluss der FAI auf das 1936 ausgearbeitete Konzept der CNT berucksichtigt.

d) Situation und Ziele 1936

Auf dem Zaragoza-Kongress der CNT im Mai 1936 wurde durch die Ausarbeitung eines „konfoderalen Konzepts uber den freiheitlichen Kommunismus“ eine Art idealistische Zukunftsvision einer staatenlosen Gesellschaft erkennbar. Hierbei wurde eine Welt als Bund freier und autonomer Assoziationen der Industrie und des Agrarwesens angestrebt. Als geeignetstes Realisierungsmittel einer Gesellschaft ohne Staat, Privateigentum, Autoritatsprinzip und Klassen wurde die anarchistische Revolution gesehen. Nach der erfolgreichen Revolution sollte der Reichtum sozialisiert werden und die freien Organisationen der Produzenten die direkte Verwaltung der Produktion und des Konsums ubernehmen. Die Gesellschaft solle auf der freien Kommune und dem Syndikat basieren, der Produktionsbereich neu organisiert werden und stehende Heere abgeschafft werden.14

[...]


1 Cantzen, Rolf: Weniger Staat - Mehr Gesellschaft, Grafenau 1995, S.61.

2 Vgl. Loick, Daniel: Anarchismus zur Einfuhrung, Hamburg 2017, S. 10.

3 http://www.duden.de/rechtschreibung/Anarchismus (abgerufen am 3.9.2017)

4 Muhsam, Erich: Befreiung der Gesellschaft vom Staat, Berlin 1988, S. 9.

5 Vgl. Loick, Daniel: Anarchismus zur Einfuhrung, S. 11-12.

6 Vgl. Loick, Daniel: Anarchismus zur Einfuhrung, S.119.

7 Cantzen, Rolf: Weniger Staat - Mehr Gesellschaft, S. 61.

8 Vgl. Loick, Daniel: Anarchismus zur Einfuhrung, S. 120-121.

9 Vgl. Ebd.

10 Vgl. Bernecker, Walther L.: Arbeiterbewegung und Sozialkonflikte im Spanien des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1993, S.77.

11 Vgl. Bernecker, Walther L: Anarchismus und Burgerkrieg. Zur Geschichte der sozialen Revolution in Spanien 1936-1939, Nettersheim 2006, S. 21-24.

Und Schauff, Frank: Der Spanische Burgerkrieg, Gottingen 2006, S. 44-45.

12 Sana, Heleno: Die libertare Revolution. Die Anarchisten im spanischen Burgerkrieg, Hamburg 2001. S. 28.

13 Bernecker, Walther L.: Arbeiterbewegung und Sozialkonflikte im Spanien des 19. und 20. Jahrhunderts, S. 86.

14 Vgl. Ebd., S.81-82.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der Spanische Bürgerkrieg 1936-39. Ambivalenz anarchistischer Ideologie und Realität
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,00
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V417348
ISBN (eBook)
9783668672932
ISBN (Buch)
9783668672949
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spanische, bürgerkrieg, ambivalenz, ideologie, realität
Arbeit zitieren
Niccolo Jurkoweit (Autor), 2017, Der Spanische Bürgerkrieg 1936-39. Ambivalenz anarchistischer Ideologie und Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417348

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Spanische Bürgerkrieg 1936-39. Ambivalenz anarchistischer Ideologie und Realität


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden