Schlesisch nach 1945. Eine empirische Untersuchung der Mundart Vertriebener in der Stadt Delmenhorst


Masterarbeit, 2018
116 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Erkenntnisinteresse und Fragestellungen
1.2. Aufbau der Arbeit
1.3. Forschungsstand zur Vertriebenen-Linguistik

2. Der schlesische Dialekt
2.1. Forschungsgeschichte Schlesisch
2.2. Terminologische und dialektgeografische Einordnung
2.3. Flucht und Vertreibung
2.4. Schlesische Dialektmerkmale
2.4.1. Vokalismus I: Mhd. <a>, <o>, <u>
2.4.2. Vokalismus II: Mhd. <e>, <i>
2.4.3. Konsonantismus I
2.4.4. Konsonantismus II: Realisierung von <r>
2.4.5. Morphologie I: Personalpronomen
2.4.6. Morphologie II: Negation
2.4.7. Bemerkung zur Syntax

3. Linguistische Theorien
3.1. Sprachdynamik
3.2. Dialekt und Identität

4. Daten und Methodik
4.1. Gewährspersonen
4.2. Methode I: Wenker-Neuerhebung
4.3. Methode II: Real-Time-Analyse
4.4. Methode III: Sprachbiografische Interviews

5. Darstellung der Ergebnisse
5.1. Objektsprachliche Analyse
5.1.1. Ergebnisse Methode I: Wenker-Neuerhebung
5.1.1.1. Gewährsperson 1
5.1.1.2. Gewährsperson 2
5.1.1.3. Gewährsperson 3
5.1.1.4. Gewährsperson 4
5.1.2. Ergebnisse Methode II: Real-Time-Analyse
5.1.2.1. Gewährsperson 1
5.1.2.2. Gewährsperson 2
5.1.2.3. Gewährsperson 3
5.1.2.4. Gewährsperson 4
5.2. Ergebnisse Methode III: Soziolinguistische und sprachbiografische Analyse
5.2.1. Ergebnisse Gewährsperson 1
5.2.1.1. Dynamische Entwicklung der Varietät und zugehöriger Domänen
5.2.1.2. Äußerungen und Positionierungen zur Identität
5.2.2. Ergebnisse Gewährsperson 2
5.2.2.1. Dynamische Entwicklung der Varietät und zugehöriger Domänen
5.2.2.2. Äußerungen und Positionierungen zur Identität
5.2.3. Ergebnisse Gewährsperson 3
5.2.3.1. Dynamische Entwicklung der Varietät und zugehöriger Domänen
5.2.3.2. Äußerungen und Positionierungen zur Identität
5.2.4. Ergebnisse Gewährsperson 4
5.2.4.1. Dynamische Entwicklung der Varietät und zugehöriger Domänen
5.2.4.2. Äußerungen und Positionierungen zur Identität

6. Interpretation der Ergebnisse

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Anlagen
9.1. Anlage 1: Wiesinger 1983, S. 831. Einteilung deutscher Dialekte
9.2. Anlage 2: Gesamtareal der Untersuchung

I. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Meiner Großmutter Dorothea Grade

„Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft.“ Goethe: Dichtung und Wahrheit, sechstes Buch.

1. Einleitung

1.1. Erkenntnisinteresse und Fragestellungen

„Und dies obwohl die letzten Zeitzeugen dieses Geschehens noch leben und mühelos zu befragen wären.“ (Ehlers 2015, S. 219 f.). So kommentiert Klaas-Hinrich Ehlers die Situation einer „Vertriebenenlinguistik“ dezidiert in seinem Aufsatz zur Forschungsgeschichte sprachlicher Folgen durch Flucht und Vertreibung nach 1945. Zu dieser Problematik betonte Günter Bellmann die genuine Problematik einer „Schlesischen Dialektologie“: „Sie hat es nun schon in der zweiten Sprechergeneration ausschließlich mit der Historie ihres Objektes zu tun. Es gibt für das Schlesische - als Idiom einer Sprachlandschaft - keine Gegenwart.“ (1995, S. 57).

Nach eigenen Erfahrungen ist eher teilweise Bellmann zuzustimmen, da die optimistische Skizze einer „mühelosen“ Befragung nicht ganz der realen Situation einer Vertriebenen-Sprechergemeinschaft entspricht. Gerade deshalb ist dieses vernachlässigte Forschungsdesiderat von hoher Aktualität geprägt, weil es sich nach Rocholl um eine bedrohte Varietät handele (2015, S. 27). In einer späteren Abhandlung wiederholt Ehlers seine Kritik und beurteilt die bisherige Forschungslage als ein versäumtes Desiderat der Linguistik (2017, S. 144). Die Masterarbeit möchte genau dieser Entwicklungstendenz entgegenwirken und neue Impulse zu einer (sozio-) linguistischen Erforschung der Vertriebenenmundarten bereitstellen.

Für meine Bachelorarbeit, Sommer 2016, wurden bereits objektsprachliche Abweichungen von den Wenkerbögen der jeweiligen, intendierten Ortsdialekte von 13 vertriebenen GPn in der Stadt Delmenhorst kontrastiv analysiert und interpretiert. Zu allen Personen wurden die 40-Wenker-Sätze neu erhoben, wovon neun Personen mit jeweils vier ausgewählten Wenker-Sätzen analysiert wurden. Die interviewten schlesischen Vertriebenen sind in den Regionen Grafschaft Glatz und Breslau zu verordnen und unterscheiden sich in ihrer Dialektkompetenz. Für eine Hausarbeit, März 2017, folgte eine lexikalische Untersuchung von vier Vertriebenen. Hier wurden Lexeme und Lemmata aus dem aktiven und passiven Wortschatz von vier Vertriebenen elizitiert. Während der Real-Time-Analyse fiel dabei auf, dass das Paradigma „Identität“ bei den GPn stark beobachtbar ist. Beispielsweise sei einer GP das Denken im Hochdeutschen „zu albern“ und ein anderes Ehepaar unterhalte sich noch in Alltagssituationen in ihrer Mundart. Dabei rechnen sie allesamt dem Schlesischen einen hohen Stellenwert zu. Infolgedessen wurde im August 2017 eine Erhebungsrunde zur Gewinnung weiterer Metadaten mit sprachbiografischen Interviews durchgeführt. Die verwendeten Methoden sollen nun in einen erkenntnistragenden und systematischen Zusammenhang gebracht werden.

Aber welche Sprechlagen und Gebrauchsdomänen des rezenten Schlesischen können identifiziert werden und wie können die noch vorhandenen Wissensbestände erklärt werden? Aus einer Kombination von objektsprachlicher und dialektsoziologischer Analyse sollen die Prozesse der Sprachdynamik und in der Varietätenverwendung der Vertriebenen herausgearbeitet werden. Darüber hinaus werden die Befunde durch die Sprachdynamiktheorie von Schmidt/Herrgen (2011) und soziolinguistische Theorien der sprachlichen Identität interpretiert. Die Verbindung der analytischen Methoden erweitert die bisherigen Ansätze und eröffnet Zugänge zu neuen Erkenntnissen. Stößt man noch zum Beispiel bei den Wenker-Erhebungen auf eine monovarietäre Betrachtung des schlesischen „Idealsprechers“ (Schmidt/Herrgen 2011, S. 176) in den Dialektregionen, können nun die geführten Interviews aufschlussreiche Befunde für vielfältigere Perspektiven ebnen: Bei der Verwendung soziologischer Parameter als Erklärungen von Problemen (Löffler 2016, S. 19 f.) wird gleichzeitig eine Dialektologie der Sprecher anvisiert. Eine Beschäftigung mit dem Zusammenhang von (sozialer) Identität und Varietät forderte überdies schon Klaus Gloy (2010, S. 34).

In dieser Arbeit werden insofern drei kohärente Fragestellungen aufgeworfen, die in der Analyse und Interpretation erneut aufgegriffen und beantwortet werden sollen:

1.) Inwiefern und warum haben sich die Dialektmerkmale (Phonologie, Morphologie, Lexik) verändert? Welche sind stabil und noch vorhanden?
2.) Welche der Dialektmerkmale wurden bzw. werden in welchen kontextabhängigen Alltags- und Kontaktsituationen verwendet und warum?
3.) Inwiefern stiftet der Dialekt die sprachliche Identität und führt zu einer Erklärung der Verwendung in den jeweiligen Sprechlagen und Gebrauchsdomänen?

Erstmalig wird in der Untersuchungsregion Delmenhorst eine empirische Untersuchung durchgeführt. Während des Zeitraums der Erhebungen sind einige GPn invalide geworden oder gestorben, sodass letztendlich vier Vertriebene mit einer umfangreicheren Analyse des Datenmaterials fokussiert werden. Dies ermöglicht eine genauere Analyse der Tiefenschicht der Daten und Wissensbestände.

1.2. Aufbau der Arbeit

Das erste Kapitel widmet sich der terminologischen Darstellung des Schlesischen als Dialekt bzw. Varietät. Daran schließt sich im zweiten Kapitel ein Überblick zur Dialektgeografie, Sprachgeschichte und Historik des Schlesischen an. In diesem werden auch schlesische Dialektmerkmale aus Ortsgrammatiken und älteren Forschungsbeiträgen vorgestellt, die dann in der objektsprachlichen Analyse als theoretische Grundlage dienen werden.

Im dritten Kapitel werden linguistische Theoriengrundlagen dargestellt und diskutiert. Hier werden insbesondere die Forschungsbeiträge von Schmidt/Herrgen (2011) berücksichtigt und als modifizierte „Theoriebrille“ für die Interpretation verwendet. Ferner werden diese Forschungsarbeiten durch eine Aufarbeitung der Literatur zum Forschungsparadigma Identität ergänzt.

Im vierten Kapitel werden die verwendeten Methoden zur Operationalisierung der Fragestellungen thematisiert. Nach einer kurzen Vorstellung der GPn widmet sich das erste Unterkapitel der Wenker-Neuerhebung und diskutiert und validiert sie mit vorhandenen Kritikbeiträgen der Forschung. Die Tonaufnahmen werden in IPA-Lautschrift transkribiert und mit den Übersetzungen aus den Wenkerbögen punktuell nach jeweiligem Ort verglichen und analysiert. Eine zweite Methode soll bei den ausgewählten Gewährspersonen die in der Hausarbeit verwendete Methode II: Real-Time-Analyse sein, die sich primär mit dem Bereich der Lexik beschäftigt, aber auch phonologische Befunde bietet. Eine dritte Methode umfasst das sprachbiographische Interview, das z.T. schon in Methode II zur Geltung kam. Wie auch schon zum dritten Kapitel bietet der Sammelband von Ingrid Schröder und Carolin Jürgens (2017) aktuelle soziolinguistische Perspektiven und Wissensbestände zur methodischen Analyse und Interpretation.

Das fünfte Kapitel klassifiziert und systematisiert die erarbeiteten Forschungsergebnisse. Daran knüpft sich im sechsten Kapitel eine Interpretation der empirischen Befunde durch die aufgestellten Theorien und die eingangs aufgeworfenen Fragestellungen an, um im Fazit mögliche Desiderata aufzuzeigen und die Fragestellungen beantworten zu können.

1.3. Forschungsstand zur Vertriebenen-Linguistik

Zwar liegen zum Untersuchungsgegenstand, der Region und den angesetzten Fragestellungen keine Publikationen vor, jedoch skizzierte insbesondere Klaas-Hinrich Ehlers in seinem 2015 erschienenen Aufsatz den aktuellen und historischen Stand einer „Vertriebenen-Linguistik“. Dieses Profil soll hier dargelegt und von der Forschungsgeschichte der schlesischen Dialektologie zunächst differenziert werden. Er konstatiert, dass bis in die 1980er Jahre lediglich kleinere Beiträge, aber keine Monografien zu den sprachlichen Folgen der Vertriebenen erschienen seien. Erst mit der Veröffentlichung der Studien von Erdmann (1992) und Hobula (2000) sei dieses Problem gemäßigt worden (Ehlers 2015, S. 216).

Erdmann beschäftigt sich insbesondere mit der Frage nach einem Sprachwandel des westdeutschen Dialekts in einem diglossalen Areal (1992, S. 1) und ob die Vertriebenen in eine niederdeutsche Sprachgemeinschaft akkulturiert wurden (Ebd., S. 16). Sie bezeichnet die Vertreibung als Auslöser des Sprachwandels und in diesem Zuge auch für die Lebensdauer einer Varietät in ihrem Untersuchungsgebiet (Ebd., S. 87 ff.). Die Untersuchungen von Holuba widmen sich der sprachlichen Verhältnisse in Neugablonz in Kaufbeuren. Durch die dichte Ansiedlung dieser sudetendeutschen Sprechergemeinschaft sei es zu einem Erhalt des Gablonzer Dialekts mit Verwendung in diversen Gebrauchsdomänen gekommen (Holuba 2000, S. 15 f.). Daneben erforscht sie die jeweilige domänenspezifische Verwendung im Vergleich zum örtlichen Allgäuer Dialekt (Ebd., S. 24 ff.). Sie stellt fest, dass die Heimtatvertriebenen z.T. ihren Vertriebenendialekt noch in unterschiedlichen Situationen benutzen und darüber hinaus ihr Varietätenrepertoire modifiziert haben (Ebd., S. 501 f.).

Weiterhin kritisiert Ehlers ein einseitiges Forschungsprofil einer solchen Vertriebenen-Linguistik, dessen Existenz er thesengeleitet erläutert. Bilanziert wird ein genereller Aktualitätsverlust des Themas, der sich durch die Forschungsgeschichte ziehe (Ehlers 2015, S. 217 ff.). In seinen Publikationen besteht z.T. ein Schwerpunkt auf dem Sprachkontakt mit der niederdeutschen Sprechergemeinschaft in Mecklenburg-Vorpommern und dessen Beeinflussung durch die Vertriebenenimmigration. Hier formuliert er die These einer Nivellierung autochthoner Varietäten durch die Vertriebenen (Ehlers 2013, S. 97 ff.). Des Weiteren erschienen zu diesem Forschungssetting weitere Aufsätze zur Akkommodation und zum Sprachkontakt von niederdeutscher Sprechergemeinschaft und Vertriebenengruppen (Ehlers 2011, S. 345 ff.) und zur Analyse von Gruppenidentitäten und sprachlichen Schwierigkeiten der Vertriebenen in der Untersuchungsregion (Ehlers 2016, S. 163 ff.). In diesem Zusammenhang sei ferner auf einen Aufsatz von Föllner zum Abbau des Ostfälischen verwiesen (2000, S. 166 ff.).

Nicht gänzlich auszuklammern sind die Forschungsbeiträge zum „Sonderweg“ Oberschlesiens, die auch mit soziolinguistischen Zugängen eine sprachliche Minderheit beleuchten. Ein Beispiel ist die Arbeit von Engerer (1996) zum Sprachwechsel in Oberschlesien, die methodisch sowie inhaltlich neue Erkenntnisse aufwirft. Ähnlich reihen sich die Untersuchungen von Nina Berend zu den russlanddeutschen Sprechergemeinschaften hier ein (1998/2016). Letztlich könnten die Befunde der Studie von Barden/Großkopf (1998) analoge Schlüsse für die sogenannte „long-term-accomodation“, neben der Varietätendynamik, von binnenmigrierten Sprechergemeinschaften erlauben.

2. Der schlesische Dialekt

2.1. Forschungsgeschichte Schlesisch

Die Forschungsliteratur zum schlesischen Dialekt lässt sich in zwei große Forschungsstränge gliedern. Im Zuge von Flucht und Vertreibung zeichnet Ehlers das Bewusstsein der 1950er-Jahre als eine Furcht vor einem bevorstehenden Dialektverlust nach. Hierfür wurden Wörterbücher angelegt, um den Bestand des Dialekts zu konservieren. Für das Schlesische publizierte Mitzka 1962 das Schlesische Wörterbuch (2015, S. 212). Parallel wurden Tonaufnahmen der Vertriebenenmundarten (Ebd., S. 213) und besonders das Zwirner-Korpus produziert (Ebd., S. 215). Die Artikel der Wiesinger-Bibliographie (1982) und des GOBA-Katalogs des REDE-Projekts[1] attestieren das kritisierte Forschungsprofil von Ehlers, da besonders in den vergangenen Jahrzehnten die Frequenz an Neuerscheinungen besonders niedrig ist. Braun (1942) konzentriert sich auf die Wortgeographie schlesischer Pflanzennamen. Eine breiter angelegte Studie legt Blaschke (1966) zu einer Lautgeographie der südlichen Grafschaft Glatz vor. Außerdem erforscht Bellmann deutsch-slawische Interferenzen (1967) und gibt 1965 den Wortatlas und 1967 den Laut- und Formenatlas als Teilbände des Schlesischen Sprachatlasses heraus. Für diese Arbeit relevanter ist der von Mitzka, später Schmitt, publizierte Deutsche Sprachatlas, der viele Lexeme des Schlesischen beinhaltet (Mitzka 1955, Mitzka/Schmitt 1958)[2]. In diese Forschungszeit können auch die Arbeiten von Wiesinger zu phonetisch-phonologischen Entwicklungen einsortiert werden (Wiesinger 170a, Wiesinger 1970b). Des Weiteren folgen Werner Veith (1971) mit einer Arbeit über die lexikalische Stellung des Nordschlesischen, Wiesinger (1970) mit phonologischen Untersuchungen im deutschen Dialektraum und Menzel (1995). Putschke (1995) bearbeitet die vokalischen Entwicklungen der schlesischen Mundart. Ferner publizierte Nyenhuis eine Dissertation zu polnisch-schlesischen Interferenzen (2011). Ein weiteres laienlinguistisches Wörterbuch veröffentlichte Barbara Suchner (2010). Ein jüngerer Aufsatz von Dubenion-Smith (2011) präsentiert mit dem Verbalkomplex im Schlesischen eine quantitativ dialektsyntaktische Publikation.

Einen zweiten Strang bildet die Sekundärliteratur zu schlesischen Dialektmerkmalen und Dialektgrammatiken ab. Das älteste Werk von Pietsch (1878) konzentriert sich auf eine Darstellung des Mittelschlesischen. 1853 veröffentlicht Karl Weinhold eine Forschungsarbeit über die Laut- und Wortbildung in der schlesischen Mundart mit mhd. Ausgangsbasis. Weitere Arbeiten zur Phonologie legen Waniek (1880), Jungandreas (1928), Jungandreas (1987), Hoffmann (1900) und Schwarz (1927) vor. Für die Phonologie des Schlesischen beleuchtet Unwerth (1931), erneut auf Basis des mhd. Lautstands, den Vokalismus und Konsonantismus. Außerdem charakterisieren Klemenz (1932) und Graebisch (1920) die Mundart der Grafschaft Glatz. Insbesondere Graebisch fokussiert sich dabei auf Kennzeichen und Unterschiede, die u.a. Blaschke (1960) und Bartsch (1980) als Grundlage dienen. Es sei hier drauf hingewiesen, dass die Monografie Bartschs eher in populärwissenschaftliche Beiträge einzuordnen ist. Morphologische und syntaktische Publikationen schlesischer Dialektgrammatik finden sich nur in begrenzter Zahl: Lothar Hanke (1913) zur Wortstellung im Schlesischen, Theodor Schönborn (1912) mit einer Monografie zum schlesischen Pronomen und Arthur Zobel (1928) zur lautlich und syntaktisch bedingten Verneinung im Schlesischen.

2.2. Terminologische und dialektgeografische Einordnung

Dass sich ein konsensfähiger und einheitlicher Arbeitsbegriff „Dialekt“ in der dialektologischen Forschung hervorgehoben hat, könne nach Nyenhuis nicht unterstrichen werden (2010 S. 51). Für eine weitere, detailreichere Lektüre der Geschichte dialekttheoretischer Konzeptionen bieten sich zahlreiche Aufsätze an (Göschel et al. 1976). Der Linguistik ist eine Vielzahl von koexistenten Termini bekannt. Ein Beispiel ist der Begriff „Mundart“, den schon Goossens als einen Komplex von Sprechweisen einer Sprachgemeinschaft in einem bestimmten Ort definiert hat (1977, S. 21). In ihrer Monografie zur Sprachdynamik definieren Schmidt/Herrgen den Dialekt als die standardfernste, lokal oder kleinregional verbreitete Vollvarietät (2011, S. 59). Unter Einbeziehung der sprachbiografischen Daten der Gewährspersonen steht der schlesische Dialekt zwischen einer Reliktsprache, da er nur noch von älteren Sprechern benutzt wird und einem Sozialsymbol, da er nur noch im Umgang mit anderen Dialektsprechern verwendet wird. Aber er kann daher nicht als Hauptvarietät markiert werden (Riehl 2009, S. 140). Für das Schlesische scheint eine Zuordnung zu den koexistenten Termini auf Grundlage eines Kriterienkatalogs kritisch und schwierig. Dieses Problem wirft ebenso die Definition zur Varietät von Schmidt/Herrgen auf (2011, S. 51 ff.), die das Schlesische allerdings teilweise als sprachlich-situativer Ausschnitt der jeweiligen Vollvarietät partiell erfüllen könnte.[3] Ähnlich verhält es sich nach der Definition von Dovalil (2010, S. 45 f.), die das Kriterium der Wahrnehmung der Sprecher und der Außenwahrnehmung beinhaltet. Dies liegt daran, dass sich die Gebrauchsdomänen und Sprechlagen z.T. so stark reduziert haben, dass selbst die private, informelle Verwendung als „Low-Varietät“ (Barden/Großkopf 1998, S. 6) höchstens situativ, kognitiv oder in der lexikalischen Variation der Hauptvarietät bzw. „High-Varietät“ (Ebd.) des Standarddeutschen ausgeprägt ist. Nicht zuletzt bleibt die überregionale Verteilung der Sprechergemeinschaft durch die Flucht und Vertreibung nach 1945 ein terminologisches Problem. Auf den Ordnungsdimensionen nach Dittmar (1997, S. 179 ff.) oszilliert also diese besondere „Subvarietät“ zwischen einem individuellen Repertoire und situativen Sprechlagen. Seine Existenzberechtigung als eine Art Varietät oder Dialekt könnte dem Schlesischen durch noch vorhandene kognitive Wissensbestände sowie soziale Funktionen verliehen werden (Dovalil 2010, S. 45). Im Folgenden wird deshalb überwiegend der Terminus Varietät benutzt, ohne eine strenge Dichotomie zum Dialekt- oder Mundartbegriff zu bewahren, da diese Termini von den GPn eher angewendet werden.

„Die Untersuchung des dt.-schles. Dialektes kann nicht separat von der Geschichte der Region untersucht werden.“ (Nyenhuis 2010, S. 41). Dieser Proposition folgend wird eine kleinere Sprachgeschichte Schlesiens anhand ausgewählter Forschungsbeiträge skizziert und mit einem Unterkapitel zur „Flucht und Vertreibung“ abgeschlossen. Mit diesem Gegenstand beschäftigten sich viele Publikationen. Die Sprach- und Besiedlungsgeschichte des Schlesischen wird von Hans Ulrich Schmid als Produkt hoch- und spätmittelalterlicher Ostexpansion betrachtet (2012, S. 9). Somit handele es sich um einen Teilbereich der Entstehungsgeschichte des omd. Raumes. Er suggeriert, dass sich die Siedlermundarten über lange Perioden zu den heutigen Dialekten entwickelten (Ebd., S. 24). Zu diesen omd. „Siedeldialekten“ zählt Wiesinger primär das Obersächsische, das Schlesische und das Hochpreußische (1983, S. 828). Putschke fasst dies in Bezug auf den Dialektraum als mittelalterlichen Kolonisationsdialekt zusammen (1995, S. 34).[4] Umfangreicher präsentiert Walther Mitzka die Entstehungsgeschichte der Siedlungen. Durch eine Diffusion der Mundarten in die Tochterkolonien bzw. in neu zu besiedelnde Landschaften seien Mundartmischungen aufgetreten, die durch Ausgleichsprozesse nicht mehr zu rekonstruieren seien (1968, S. 124). Wie schon frühere Beiträge zur Einflussphilologie (Jungandreas 1928) des Schlesischen zieht er für die Untersuchungsregion Grafschaft Glatz die Ausgangslandschaften Hessen und Thüringen in Betracht (Mitzka 1968, S. 141). Für Putschke oszilliere dieses Sprachgemisch zwischen einem omd. Mischdialekt und einer ostfränkischen und bairischen Wurzel (1995, S. 39 f.).[5]

Zur Dialektgeographie problematisiert Wiesinger den statischen Sprachzustand, der bei einer Kartierung auf Grundlage eines selektierten Datenmaterials angenommen wird (1983, S. 812 ff.). Das Schlesische, das bei ihm nur bis 1945/46 als existierender Dialekt gilt (Ebd., S. 869), verortet er in der omd. Dialektregion (Ebd. ,S. 831).[6] Zwei Areale schlägt er zur näheren Differenzierung vor. Das Reichsschlesische sei stärker mitteldeutsch und das Sudentenschlesische und Glätzische ostfränkisch-oberdeutsch charakterisiert. Das Reichsschlesische untergliedert sich in Nordschlesisch, Neiderländisch, Lausitzisch-Schlesisch, Oberlausitzisch, Gebirgsschlesisch und Oderschlesisch. Das Sudetenschlesische umfasst das Glätzische. Die glätzische Mundart unterteilt er in die Areale Braunauer Ländchen in Böhmen und in differente Untermundarten um Rokitnitz in Böhmen, um Mittelwalde, um Grulich, um Schildberg in Mähren und um Reichenstein bis Leobschütz (Wiesinger 1970b, S. 345).

Putschke überprüft in einem Aufsatz zur Stellung des Schlesischen im deutschen Dialektraum eine mögliche Lokalisierung. Innerhalb der Schlesischen Mundart unterscheidet er zwei Hauptregionen. Zum einen nennt er die Diphthongierungsmundarten, das Neiderländische und die Kräutermundart als Übergangsbereich und zum anderen die sogenannten Stammmundarten das Glätzische, das Gebirgsschlesische (Sudetenschlesisch), das Lausitzisch-Schlesische und das Reichsschlesische (Putschke 1995, S. 37).

Auch Mitzka ordnet die schlesische Mundart in den omd. Sprachraum ein. Sprachgrenzbereiche im nördlichen Teil seien die Ober- und Niederlausitz, das Posener Land und die niederdeutsche Sprachgrenze. Im Süden reiche das Gebiet bis zum Sudetenschlesischen mit dem Kuhländchen um Neutitschein zum Adlergebirge mit dem Grulicher und dem Schildberger Gebiet und vom Südhang des Altvater-, Riesen- und Isergebirges über das Branauer Gebiet bis nach Böhmisch-Leipa (Mitzka 1962, S. 360). Eine weitere Darstellung einer wortgeografischen Untersuchung zeigen die Ergebnisse von Veith (1971, S. 179 f.).

Die Gewährspersonen stammen überwiegend aus der Grafschaft Glatz. Sauermann lokalisiert dieses Areal dialektgeografisch im südlichsten Teil Niederschlesiens: Die Region Glatz wird im Osten durch das Eulengebirge und das Warthaer Gebirge bis zum nördlichen Niederschlesien eingeschlossen, die Grenze zu Oberschlesien verläuft entlang des Reichensteiner Gebirges, im Süden grenzen das Bielengebirge und das Glatzer Schneegebirge und im Westen das Habelschwerdtergebirge und das Adlergebirge die Region ab (2004, S. 13). In einer älteren Publikation segmentiert Graebisch darüber hinaus das Glätzische in Nord -und Südglätzisch mit einem Übergangsgebiet zwischen Habelschwerdt und Glatz (1920, S. 11 f.). Weitere Verfeinerungen der jeweiligen intendierten Ortsdialektverbände suggeriert er punktuell genau (Ebd., S. 13 ff.).

2.3. Flucht und Vertreibung

Von linguistischer und historischer Bedeutung ist das Themenfeld der Flucht und Vertreibung aus dem ehemaligen Schlesien. Das folgende Unterkapitel skizziert einen bündigen Verlauf. Beer verweist auf drei, sich überschneidende Phasen: Die Umsiedlungsphase des NS-Regimes, die Zwangsmigrationsphase von 1944 bis 1950 und eine Phase der kurz- und langfristigen Folgen jener Binnenmigrationen (Beer 2011, S. 17 f.). Er vermutet eine Zahl von 12.750.000 Vertriebenen und Flüchtlingen aus den Ostgebieten und Polen, davon 2.410.000 aus Niederschlesien und 800.000 aus Oberschlesien (Ebd., S. 85). In der Sekundärliteratur werden unterschiedliche Zahlenwerke diskutiert. Zum Beispiel problematisiert Bethlehem die aufgestellten Kriterien bei der statistischen Analyse und den Einfluss der Periodisierungen auf das Forschungsergebnis (1982, S. 21). Demzufolge sei die Gesamtzahl von in etwa neun Millionen Vertriebenen im Jahr 1946 in allen vier Besatzungszonen, inklusive Berlin, auf 9,967 Millionen Personen am 31.12.1960 gestiegen (Ebd., S. 23).

Daher benennt Beer eine extra-linguale Folge von Flucht und Vertreibung: „Bevölkerungsverschiebungen veränderten auch die ethnische, sprachliche und konfessionelle Karte Mittel- und Ostmitteleuropas innerhalb weniger Jahre grundlegend.“ (2011., S. 99). Besonders intensiv wurden Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern belastet (Ebd., S. 100). Die Bevölkerung in Niedersachsen stieg um 49,7 Prozent. Der Anteil der Vertriebenen und Flüchtlinge quantifiziert sich dabei auf 27,2 Prozent (Bethlehem 1982, S. 30). Zudem wurde der Sprachkontakt der rezenten und der immigrierten Sprechergruppen ein Problem, der sich durch die Dialekte, aber auch durch dialektal gefärbtes Hochdeutsch zu erkennen gab (Sauermann 2014, S. 236/Beer 2011, S. 109).

Baha beschäftigt sich im Rahmen seiner Dissertation mit einer Fallstudie zur Untersuchungsregion Delmenhorst nach 1945. Zwischen 1945 und 1950 verbucht er einen Zuwachs der städtischen Bevölkerung von mehr als einem Drittel auf 57.330 Einwohner, eine Aufnahmezahl von mehr als 17.000 Vertriebenen und Flüchtlingen (1983, S. 11). Sehr exakt listet er die Vertriebenenzüge (1946-1947) nach Delmenhorst auf (Ebd., S. 46 ff.). Erlebnishistorische und populärwissenschaftliche Beiträge zur Delmenhorster Vertriebenengeschichte sind im 1997 erschienenen Delmenhorster Heimatjahrbuch dokumentiert und geschildert worden (Mehrtens/Fischer/Huismann 1997).

2.4. Schlesische Dialektmerkmale

In Kapitel 2.1 ist der Forschungsstand zum schlesischen Dialekt bereits dargelegt worden. Neben der terminologischen Diskussion erschweren zudem die methodologischen Lücken und das höhere Alter der Publikationen zu ortsintendierten Dialekten die Deskription der kennzeichnenden Dialektmerkmale. Umsichtigkeit und Bewusstsein muss deshalb eingehalten werden, da zum einen die methodischen Möglichkeiten der Germanistik um 1900 nicht den unseren entsprachen und zum anderen überwiegend eine Lösung auf Grundlage des eigenen, statischen Basisdialektes gesucht wurde. Eine beispielhafte Proposition findet sich in dem oft zitierten Band von Graebisch wieder: „(…)ebenso hört man nur noch hie und da (…)“ (1920, S. 13). Dieselbe Problematik bleibt offenkundig, wenn Weinhold, trotz einer detailreichen, diachronischen Darstellung, den Präteritumsschwund in den ostdeutschen Mundarten als Verzicht, „(…) die Kraft des Gedankens durch innerlich strömende Kraft des Lautes zu versinnlichen (…)“, umschreibt (1853, S. 123). Ferner beeinträchtigt der breite und über die Dekaden verteilte und entwickelte Kosmos ortsdifferenter Dialekte und Varietäten die Möglichkeiten, eine Selektion kennzeichnender Variablen vorzunehmen. Aus dieser Sammlung von Variablen ließen sich für die jeweiligen Paradigmen eigene Untersuchungen oder Monografien anstellen. In diesem Unterkapitel wird also nur ein Abriss der wichtigsten Merkmale der schles. bzw. glätz. Varietät rekonstruiert. Die phonologischen Darstellungen und Untersuchungen verleihen der Forschungsliteratur dabei das größte Gewicht. Besonders die Monografie von Blaschke (1966) stellt sich als eine besonders ertragreiche Lektüre heraus, da er seine Darstellungen dialektgeografisch falsifiziert. Als Ausgangsmundart wählt er seine eigene aus Konradswalde (1966, S. 2 ff.).

2.4.1. Vokalismus I: Mhd. <a>, <o>, <u>

Im Folgenden sollen die Darstellungen in einer tabellarischen Übersicht aufgestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4.2. Vokalismus II: Mhd. <e>, <i>

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4.3. Konsonantismus I

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4.4. Konsonantismus II: Realisierung von <r>

Unwerth beschreibt den Konsonanten als ein nicht gerolltes, postalveolares Zungenspitzen-r. Dies bekräftigt er für den Fall nach Konsonanten, in intervokalischer Gemination und in auslautender Position (1931, S. 33). In der IPA-Notation wird hier das alveolare <r> vermutet. Weiterhin stellt er auf, dass nach <a, e, o> vor Dentalen das <r> nicht artikuliert wird (Ebd., S. 33). Ebenso unterstreicht Blaschke das Zungenspitzen-r im Anlaut, in intervokalischer Position, vor Labialen und Gutturalen (1966, S. 127). Für andere Dentale führt er in die Klangfärbung ein: Nach <e> besitze der Konsonant ein Klangmuster wie ein überoffenes kurzes <e>, nach <o> eine <a>-Färbung zum Beispiel schles. <dorst> zu nhd. <Durst>, nach <a> Enklise wie schles. <wata> zu nhd. <warten> (Ebd., S. 127). Auslautendes <e> ist fast immer reduziert gesprochen (schles. <mer>) (Ebd., S. 128).

2.4.5. Morphologie I: Personalpronomen

Für die 1. Person Singular gibt Schönborn an, dass in allen Arealen für den Nominativ <ich> eine stimmlos palatale Artikulation benutzt wird. Für das Südglätzische ergänzt er die Formen <ech>, wobei das <e> kurz offen [ɛ] realisiert wird, er betont auch vorkommend <aich> oder <ech> mit langem, offenen <e>. Für den Genitiv stellt er die möglichen Realisationen <maint>, <mainst>, <ment>, <menst> und <menert> heraus, die allerdings schwach frequent vorkämen und meistens umschrieben würden. Der Dativ wird im Singular mit <mr> und <mer> und im Plural mit <mir>, <mer>, <mair> formuliert. Der Akkusativ <mech>, <mich>, <maich> gleicht der Pluralform (Schönborn 1912, S. 1).

Der Nominativ 2. Person Singular wird unbetont mit <d> und <de> mit Schwa-Laut und betont <du>, <due> artikuliert. Der Dativ wird unbetont <dr>, <der> und betont <dir>, <der>, <dair> und der Akkusativ <ch>, <dech>, <dich>, <daich> realisiert (Ebd., S. 3). Schönborn verweist ferner auf enklitische Formen, wenn es in der 2. Person Singular Nominativ hinter dem Verb steht (Ebd., S. 4). In der 3. Person Singular Maskulinum werden im Nominativ unbetont die Formen <a> und <ar> und betont <ha>, <har>, <ar>, <er> benutzt. Genitive Formen sind nicht existent. Im Dativ stehen unbetont <m> und <n> und betont <im>, <em>, <aim>, <in ain> und im Akkusativ unbetont <n>, <a> und betont <in>, <en>, <ain> (Ebd., S. 5). Im Glätz. sind die Formen <em> für Dativ und für Akkusativ <en> belegt (Ebd., S. 6f.). Die 3. Person Singular Femininum wird allgemein unbetont als <se> gesprochen, betont ist auch ebenfalls <sie> möglich. Der Dativ wird unbetont <er> und betont <ir>, <er>, <air> gebildet (Ebd., S. 7). Schließlich wird in der 3. Person Singular Neutrum sowohl im Nominativ als auch im Akkusativ <es> mit Schwa-Laut und <s> realisiert. Im Dativ steht <m> oder <n>. Der Dativ wird dabei nur unbetont gebraucht (Ebd., S. 8). In der 1. Person Plural wird im Schlesischen unbetont im Nominativ <mr>, <mer>, <ber> und betont <mir>, <ber> durchgeführt. Im Genitiv werden die Formen <inser>, <onser> und <oinser> benutzt. Für die Kasus Dativ und Akkusativ belegt Schönborn unbetont <s>, <es>, <ins> und betont <ins>, <ons> (Ebd., S. 10). Hier stellt er für das Glätz. die Formen <ons>, <oins> mit kurzem, geschlossenen <o> heraus (Ebd., S. 11). Weiterhin wird unbetont in der 2. Person Plural silbisches <r>, <er> und betont <ir>, <er>, <air> realisiert. Für den Dativ und den Akkusativ stellt er <ch> und <ich> unbetont und betont <oich>, <aich> mit palatal realisiertem <ch> dar. Besonders verwenden Sprecher der Glatzer Mundart <aich> und unbetont <ich> (Ebd., S. 13). Letztlich setzt Schönborn für die 3. Person Plural unbetont Nominativ <u>, betont <si>, <se>, <sai> an. Im existenten Genitiv werden die Formen <er> mit Schwa-Laut und betont <ir>, <ier>, <air>, im Dativ <n>, <a> und betont lang geschlossenes <i> und im Akkusativ <se> gebraucht (Ebd., S. 14). Zur deutlichen semantischen Verwendung zeichnet Schönborn die betonte Form des Pronomens auf (Ebd., S. 18).

2.4.6. Morphologie II: Negation

Mit der Negation im Schlesischen beschäftigte sich Zobel in seiner 1928 publizierten Monografie. Er gibt an, als Grundlage die Untermundart des Areals Jauer zu nutzen, jedoch die Eigenart aller Untermundarten zu berücksichtigen (1928, S. 1). Er gibt die Realisierung von dem Partikel <nicht> im Schlesischen mit den Variationen <ni>, <nē>, <ne> mit Schwa-Laut, <nich>, <nech>, <niche> mit Schwa-Laut und <neche> mit Schwa-Laut an. Für das Glätzische und um Breslau belegt er beispielhaft die Form <ni> (Ebd., S. 27). Statt <i> wird <e> im Westglätzischen, in angrenzenden böhmischen Gebieten, im Adlergebirge und im Kreis Habelschwerdt gebraucht (Ebd., S. 27 f.). Eine Betonung der Partikel ist selten, andere Gegenden hätten Dehnungen durchgeführt (Ebd., S. 29). In Verbindung mit <noch> kann eine Verschmelzung vorliegen (schles. <noni>). Für das Gebirgsschlesische sei es die Form <none> und für das Glätzische die Realisierung <noch ne> (Ebd., S. 30). Für die Verneinung <nichts> präsentiert er die Formen <ništ>, <nište>, <ništ ni> und <nište ni> (Ebd., S. 30).

2.4.7. Bemerkung zur Syntax

Aus methodischen Gründen wird auf eine kennzeichnende Darstellung der Syntax verzichtet, da die Wenker-Methodik lediglich einen Echo-Satz abbildet. Das Material hingegen könnte in weiteren Arbeiten das größere Desiderat in der Dialektliteratur mäßigen. Für das Schlesische kann auf dieser sprachlichen Ebene eine schmale Publikationsbreite verzeichnet werden. Die Publikation von Lothar Hanke (1913) widmet sich den verschiedenen Wortstellungen im Schlesischen auf Grundlage seines Frankensteiner Dialekts (1913, S. 1 ff.). Wie auch bei Schönborn (1912) und Zobel (1928), die vereinzelt syntaktische Themen aufgreifen, sollte generell eine kritische Distanz zur verwendeten Methodik eingenommen werden.

3. Linguistische Theorien

Im Fokus des dritten Kapitels steht die theoretische Absicherung der aufgestellten Fragestellungen. Das erste Unterkapitel widmet sich der Sprachdynamiktheorie von Schmidt/Herrgen (2011) und bezieht dabei weitere, thematisch ähnliche Forschungsbeiträge in die Darstellung mit ein. Für die „Lösung“ des wissenschaftlichen „Problems“ zeigt die Selektion der Theorieprämissen, wie aus den erarbeiteten Daten und deren Befunde eine Interpretation der Ergebnisse hergeleitet und geleistet werden soll. Aus den vielen Publikationen zu den Ursachen und Modellen des Sprachwandels bzw. „Dialektabbaus“[7] wird anschließend eine geeignete Theorie als möglicher Zugang gewählt, der nicht nur von der Forschungsgemeinschaft, sondern auch für die Arbeit selbst als geeignet oder aktuell erscheint. Aufgrund dieser Überlegungen wird das Modell der Sprachdynamiktheorie benutzt, da sich das soziologische bzw. narrative Konstrukt der sprachlichen (Teil-)Identität in die Synchronisierungsakte, insbesondere Mesosynchronisierung, integrieren lässt. Somit entsteht ein Modell, das, ausgehend von einem dynamischen Wandel des Dialekts, die z.T. heterogenen Synchronisierungen der jeweiligen Wissenssysteme und Kompetenzen aus einer anderen Perspektive erklären kann.

3.1. Sprachdynamik

Der Terminus Sprachdynamik bezieht sich auf die Sprachvariation und den Sprachwandel (Schmidt 2005, S. 17). Schmidt und Herrgen definieren Sprachdynamik als „[…] die Wissenschaft von den Einflüssen auf die sich ständig wandelnde komplexe Sprache und von den sich daraus ergebenden stabilisierenden und modifizierenden Prozessen.“ (2011, S. 20). Herrgen (2006) konkretisiert die Definition in einem älteren Aufsatz. Der Terminus Sprachdynamik subsumiere eine integrative Untersuchung der Sprache in ihren konstitutiven Dimensionen Kognition, Raum und Zeit (2006, S. 119). Interaktionen zwischen Sprechern und Gruppen stellen nach Schmidt und Herrgen Sprachproduktionsakte sowie Sprachverstehensakte dar (2011, S. 25). In dieser sprachlichen Begegnung synchronisieren die Sprachnutzer in aktiver und inaktiver Haltung ihre jeweiligen Wissenssysteme. Daraus resultiere entweder eine Stabilisierung oder Modifikation der aktiven und passiven Kompetenzen der Sprecher (Ebd., S. 28). Diese Synchronisierungsstufen lassen sich in die Mikro-, Meso- und Makrosynchronisierung unterteilen. In der Mikrosynchronisierung vollzieht sich durch eine Einzelinteraktion eine Modifikation und Stabilisierung des individuellen sprachlichen Wissenssystems (Ebd., S. 29). Sie ermögliche die Anpassung an den Sprechpartner (Schmidt 2005, S. 21). Die Mesosynchronisierung umschreibt eine Folge von Synchronisierungsakten, die sich durch den personellen Kontakt zu einem gemeinsamen situativen Wissenssystem fügen (Schmidt/Herrgen 2011, S. 31). Schmidt fügt hinzu, dass Individuen kontinuierlich an für ihnen wichtig erscheinenden Gesprächen teilnehmen, sodass gleichgerichtete Synchronisierungsakte stattfinden könnten (Schmidt 2005, S. 21). Schließlich erläutern Schmidt und Herrgen die Makrosynchronisierung als abschließend gesamtsprachliche Integration, durch die sich die Sprechergemeinschaft nach einer neuen Norm ausrichtet. Sie betonen, dass ohne zwangsläufigen persönlichen Sprecherkontakt die Grenzen der gemeinsamen Makrosynchronisierungen denen der Einzelsprache entsprechen (Ebd., S. 32). Die Dynamik dieser Interaktionen und Synchronisierungen funktioniert praktisch in der jeweiligen Situation mit dem Gesprächspartner durch Rückkopplungseffekte. Sprecher variieren die Sprachproduktionsstrategie, indem sie sie modifizieren oder stabilisieren (Schmidt 2005, S. 19). Prägnant ist der Begriff der konstitutiven Zeitlichkeit, der einen zeitlich begrenzten Abschnitt umschreibt, in der sich sprachliche Einzelinteraktionen und Änderungen sprachlichen Wissens unterordnen lassen (Ebd., S. 18). Ferner differenzieren Schmidt und Herrgen den individuellen Kompetenzbegriff in System- und Registerkompetenz. Die Systemkompetenz zeigt die verfügbaren, sprachlichen Elemente und Regeln und die Registerkompetenz die Regeln der situativen Kommunikation (Schmidt/Herrgen 2011, S. 38). Auf Basis der individuellen kognitiven Voraussetzungen entwickeln sich diese Kompetenzen durch die sprachliche Interaktion der Individuen, mit der sie eine bestimmte sprachbiographische Relevanz verbinden (Ebd., S. 49). Der Urbanisierungsprozess habe einen Einfluss auf die Mesosynchronisierungen gehabt, sodass Prestigeformen in ländliche Gebiete gelangen (Ebd., S. 202).

In Anlehnung an eine Studie konstatiert Schmidt in einem späteren Aufsatz zur Dynamik moderner Regionalsprachen: „Die kulturelle Identität hat -jedenfalls soweit es die modernen deutschen Regionalsprachen betrifft- eine direkte linguistische Basis.“ (Schmidt 2014, S. 145). Anhand der direkten, realen Kontaktsituation auf der Stufe der Mesosynchronisierung könne der sprachkognitive Gegensatz von der Performanz (beziehungsrelevanter) Emotionssignale und ihrer Interpretation empirisch zugänglich und damit belegbar werden (Ebd., S. 145). Hieran lasse sich eben auch die Schnittstelle zwischen emotional-linguistischer Bedeutung der Merkmalsverwendung und Identität bzw. (regional-) sprachlicher Identifikation der Sprecher erkennen, da Sprache ein Indikator für Sozialisationsgemeinsamkeiten sei (Ebd., S. 143 f.).

Weitere Forschungen behandelten das sprachdynamische Thema in Folge des Sprachkontakts, der als eine reziproke Beeinflussung verschiedener Varietäten und Sprachen zu verstehen sei (Riehl 2009, S. 12). Riehl unterstreicht den Begriff der Diasystematisierung, der eine konvergente Entwicklung zur Standardsprache entwirft (2009, S. 135). Des Weiteren schlägt Elmentaler durch seine Konzeption einer „Varietätenskala“ eine Konvergenzbewegung aller Varietäten in Richtung standsprachlicher Norm vor (2008, S. 66). Er gelangt in seinem Aufsatz zu den Schlussfolgerungen, dass es auf dialektaler Ebene zu steigenden, lexikalischen Interferenzen und Nivellierungsprozessen komme (Ebd., S. 83).

Weitere Begriffe der Varietätenlinguistik, wie Koineisierung und Code-Switching (Riehl 2009, S. 136 ff.), bleiben unberücksichtigt. Überdies ist die „Verhochdeutschungshypothese“ von Berend auszusparen (1998, S. 5).

3.2. Dialekt und Identität

Zum latenten Konstrukt Identität wurde eine große Zahl sozialwissenschaftlicher und psychologischer, aber auch linguistischer Beiträge veröffentlicht.[8] Aus diesem Konvolut wird in diesem Unterkapitel ein rekonstruierter Analyserahmen für die sprachbiografische Methode entworfen. Die Methodik der autobiografischen Erzählung wird in einem weiteren Kapitel ausführlicher erläutert und reflektiert werden (vgl. Kap. 4.4.). Zum terminologischen Problem der Teilidentität „Sprachidentität“ und dessen mögliche Korrelation mit nicht-sprachlichen Persönlichkeitsmerkmalen eröffnete schon Thim-Mabrey (2003) eine von vielen Diskussionen. Demnach sei die „Sprachidentität“ als eine perzipiert existente Identität einer Sprache bzw. Varietät sowie als Verhältnis von einer Person zu einer Sprache oder Varietät zu betrachten (Thim-Mabrey 2003, S. 1 ff.).

Der Ausdruck einer Teilidentität wird nach Kresic durch die semiotische Verwendung und Selektion verfügbarer Varietäten aufgezeigt, die zu einer Konstruktion der personalen, individuellen und sozialen, kollektiven Identität durch Positionierungen führt (2016, S. 124 ff.). Auf Grundlage einer theoretisch angelegten Studie zu klassischen und poststrukturalistischen Modellen (Kresic 2006) suggeriert sie ein Modell multipler Sprachidentität, in diesem Identität als komplexe und dynamische Struktur gekennzeichnet ist. Die Diversität der in Wechselwirkung stehenden Teilidentitäten werde durch das jeweilige Varietätenrepertoire bestimmt (2016, S. 132 f.). Identität sei in diesem Zusammenhang eine Art kognitives Konstrukt, das durch sprachliche Interaktion und Performanz realisiert werde (Kresic 2006, S. 60 f.). Schließlich umschreibt sie ihr Identitätskonzept als pluralistische Struktur, die sich durch lebenslange Identitätsarbeit dynamisch und vielfältig modifizieren würde (Ebd., S. 251).

Eine umfassende Monografie publizierten Lucius-Hoene und Deppermann (2004) zur narrativen Identität, die sich in die bisherigen theoretischen Konzeptionen und in die verwendete Methodik des autobiografischen Interviews einordnen lässt. Folgendermaßen wird diese narrative Identität definiert: „Sie ist ein aktueller Vollzug der Selbstherstellung, der mit Hilfe sedimentierter und routinisierter Wissensbestände und reflexiver Bemühungen bewerkstelligt wird.“ (Lucius-Hoene/Deppermann 2004, S. 89). Sie unterstreichen daher die enge Verzahnung von Methodik und Identitätskonstruktion. Im Interview selbst würden die GPn ihre Identität performativ und interaktiv prozessual rekonstruieren (Ebd., S. 9 f.). Somit werde das latente Konstrukt Identität, und hier partiell Sprachidentität, operationalisierbar und empirisch belegbar, da die jeweiligen Handlungen des Subjekts zugänglich seien (Ebd., S. 11). Diese selbstreflexive und kommunikative Leistung subsumieren sie als personale Identität. Zentrale Kategorien seien hierfür die Kontinuität als temporale Strukturierung und die Kohärenz als Stimmigkeit der vielfältigen Wahrnehmungen in die Identität der Person (Ebd., S. 47 f.). Um die dynamischen Veränderungen sprachlich-symbolischer Strukturen des Konstrukts Identität zu differenzieren, schlagen sie drei Ebenen vor, auf denen sich die Rekonstruktionsprozesse einordnen lassen: die temporale Dimension als lebensgeschichtliche Veränderungen des Selbsterlebens, die soziale Dimension als Beziehung zwischen Person und Umwelt und die selbstbezügliche Dimension als Selbsterfahrungsebene (Ebd., S. 51). In diesem Zusammenhang sei das Positionierungskonzept eine Denkfigur für die Herstellung narrativer Identität. Indem das erzählende Subjekt sich in der erzählten Welt sowie zum Gesprächspartner z.T. selbstbezüglich und reflexiv, besonders auch in der retrospektiven Einbeziehung von Erfahrungen und Erinnerungen, positioniert, werden weitere Propositionen zur Interpretation der Daten evoziert (Ebd., S. 62 ff.). Ob diese Propositionen einen plausiblen Wahrheitsgehalt beinhalten, sei dabei eher sekundär. Entscheidend seien die Aussagen, die eine Interpretation des Konstrukts erlauben würden (Ebd., S. 91 ff.).

Des Weiteren widmen sich Schröder und Jürgens einer analogen Fragestellung zum Niederdeutschen als Mittel der Identitätsstiftung und Identitätsbewahrung (Schröder/Jürgens 2017, S. 12). Zweifellos schalten sie ein genuin differentes Forschungssetting vor, jedoch konstatieren sie mit dem Konzept der raumbezogenen regionalen Identität als Sonderform der sozialen Identität eine interessante Erweiterung. Diese werde durch kulturelle Charakteristika sowie soziale oder regionale Gruppen beeinflusst, beschränke sich allerdings nicht nur auf geografische Gebundenheit (Ebd., S. 16). Vielmehr sei die positive Einstellung gegenüber identitätsstiftenden Bezugselementen von weitreichender Bedeutung. In einem reziproken Verhältnis kennzeichne Einstellung die psychische Disposition, die durch Erfahrungen und Wahrnehmungen induziert werde und das Verhalten beeinflusse. Wiederum könnten diese Einstellungen gegenüber Varietäten als Ausdruck der Sprachidentität gedeutet werden (Ebd., S. 21 f.). An dieser Stelle wären noch weitere Faktoren denkbar, zum Beispiel der Begriff der Salienz. Neben in den Methoden z.T. elizitierten, kognitiv bedingt salienten Merkmalen und Lexemen, die die GPn unterschiedlich perzipieren und produzieren, nennt Auer den Begriff der soziolinguistisch bedingten Salienz. Zum einen werde dieser Begriff mit psychologischen Komponenten konnotiert. Zum anderen stehe er i.S. der Soziolinguistik für die soziale und affektive Bewertung eines Merkmals, die dann je nach Position unter anderen Sprechern einvernehmlich gilt, sodass auch ein sprachideologischer Hintergrund bestehen könne (Auer 2014, S. 9f.). Schließlich sollte noch auf (sozial-)netzwerktheoretische Ansätze hingewiesen werden, denen ein großer Einfluss zugeordnet werden müsse (Barden/Großkopf 1998, S. 347 ff.).

4. Daten und Methodik

In diesem Kapitel werden im ersten Schritt die Gewährspersonen vorgestellt und im zweiten Schritt die drei verwendeten Methoden zur Erhebung dargelegt und reflektiert.

4.1. Gewährspersonen

Das folgende Unterkapitel skizziert die erhobenen sprachbiografischen Daten der selektierten vier Gewährspersonen, klammert jedoch das Spektrum metasprachlicher Angaben und Wissensbestände für die Analyse aus. Die biografischen Angaben liegen in der digitalen Anlage „Schlesische Lexik_Worttabellen“ in der Tabelle „GewährspersonenMeta“ (Ordner: Data_Realtime) vor. Alle Aufnahmen wurden mit Tonaufnahmemedien von Sommer 2016 bis Herbst 2017 aufgezeichnet. In der nachfolgenden Tabelle wird neben der Personenzahl das Geschlecht angeführt.

Tabelle: Gewährspersonen der Untersuchung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für die vorliegende Untersuchung wurden insgesamt 13 GPn befragt, mit denen die Methode I: Wenker-Neuerhebung durchgeführt wurde. Das Datenmaterial für die Methoden II und III liegt nur für die selektierten vier GPn vor, die alle im südlichen Bereich der Kreisstadt Delmenhorst wohnen. Stellmacher charakterisiert dieses Areal als relativ frei von aktivem Dialektgebrauch ihrer Sprechergruppen (1977, S. 26). Je nach Person ist der (biografisch-historische) Sprachkontakt zum Niederdeutschen unterschiedlich ausgeprägt. Eine selbsterstellte Karte auf dem heutigen polnischen Gebiet in „Google Maps“ zeigt das Gesamtareal der Herkunftsorte der GPn (vgl. Kap. 9.2.). Die Distanz der Orte zueinander ist, mit Ausnahme zu GP1, relativ gering. Ebenso weist bei GP1 nicht nur die Angabe „Schlesische Mundart“, sondern auch die dialektgeografische Einteilung auf eine differente Varietät des Schlesischen hin. Daneben stammt GP2 geografisch betrachtet aus dem Sudetenland, gibt aber an, eine der Glatzer Mundart ähnliche Varietät zu sprechen. Insgesamt schätzen alle GPn ihre Dialektkompetenz als „gut“ bis „sehr gut“ ein, was sie mit ihrer jeweiligen Verwendungsfrequenz begründen. Das Ehepaar GP2 und GP4 verwenden ihre Mundart im alltäglichen Miteinander, während GP1 und GP3 eine stärker eingeschränkte Nutzung aufweisen. Der Ehemann von GP3 stammt aus dem schlesischen Liebau. GP1 ist seit vielen Jahren verwitwet. Ihr Ehemann stammte aus Pommern. Das Wechselverhältnis von der Entwicklung des sozialen Netzwerkes zum Konstrukt Identität wird weiterhin ein zu beobachtender Faktor sein.

In der Einleitung wurde bereits skizziert, dass der Schwierigkeitsgrad bei der Suche nach möglichen Personen mit abgeschlossener, primärer Sprachsozialisation durch das hohe Alter der möglichen GPn besonders beträchtlich war. Auf Nachfrage in der örtlichen katholischen Kirche Delmenhorst informierten viele über bereits verstorbene oder invalide Personen, eine der Gewährspersonen verstarb im Laufe dieser Arbeit (GP aus Krolkwitz) und einigen fehlt es an physischer Konsistenz. In Folge dieser Überlegungen wird im Rahmen der räumlichen Möglichkeiten dieser Arbeit für eine erstmalige Untersuchung am Standort Delmenhorst auf vier GPn reduziert, um das Datenmaterial hinreichend analysieren und interpretieren zu können.

Inwiefern eine kognitiv-sprachliche Sozialisation in der jeweiligen schlesischen Varietät tatsächlich stattgefunden hat und überdies von einem kompetenten Dialektsprecher ausgegangen werden kann, wäre ein eigenes Forschungsparadigma. Durchaus denkbar wäre einen Zusammenhang mit identitätsstiftenden Elementen vorzuweisen, was die Analyse der metasprachlichen Wissensbestände zeigen könnte. Ein stark kanalisierter Blick in die Literatur bekräftigt die Auswahl der relativ homogenen Sprechergruppe. Ein Beispiel wäre das Markova-Modell. Dieses operiert mit den Parametern kommunikative Tätigkeit, sprachliche Tätigkeit, Sprachfunktion und sprachliche Mittel. Es bekräftigt im mindestens frühen Schulalter eine solche Sozialisation. Für ältere Jahre steigert sich der Kompetenz- und Standardgrad (Veith 2005, S. 50 ff.). Für die vorliegende Sprechergruppe wurde also der Dialekt in differenzierter Ausprägung mit reichem Wortschatz und sprachlichem Bewusstsein für Konstruktion und Regularien erworben (Ebd., S. 51). Ferner konstatierte Eric Lenneberg in seinen Schriften zu den biologischen Grundlagen der Sprache die sogenannte „Kritische Periode“. Er stellt sich die entwicklungspsychologische Frage nach den Grenzen des Primärspracherwerbs, die er ungefähr im Pubertätsalter in Folge des Sprech- und Sprachvermögens einschätzt (1986, S. 220 ff.).

4.2. Methode I: Wenker-Neuerhebung

Die Methode I: „Wenker-Neuerhebung“ umfasst den synoptischen ortsintendierten Dialektmerkmalsvergleich zwischen den jeweiligen Wenkerbögen des Herkunftsortes der GPn und den Tonaufnahmen, Neuerhebung Sommer 2016, der GPn. Die Daten liegen im digitalen Ordner „Masterarbeit_Wenker“ vor. Wie schon erläutert, dienen die aufgestellten Merkmale bzw. Variablen zur Phonologie und Morphologie als theoretisch fundierte Grundlage, um auch den Übersetzungen der alten Wenkerbögen kritisch entgegenwirken zu können. Somit erlaubt der objektsprachliche Vergleich eine Überprüfung, welche der Merkmale sich verändert oder stabilisiert haben, um im späteren Verlauf diese Befunde mit den lexikalischen und metasprachlichen Erhebungen zu verknüpfen. Hier stößt die Wenker-Neuerhebung auf eine genuine Grenze und bildet die damalige Sprachrealität lediglich pars pro toto ab. Die jeweiligen Wenkerbögen werden in eine normalisierte Form transkribiert. Gleichsam werden die aufgenommen Übersetzungen in IPA-Lautschrift transkribiert.

Aufgrund der bereits umrissenen methodischen Schwäche wird die Wenker-Neuerhebung kurz kritisch diskutiert und reflektiert. In seiner Habilitationsschrift erörtert Jürgen Macha das Schwächen- und Stärkenprofil der Wenker-Methodik. Das Schwächen-Profil bestehe aus einer mangelnden Kontrollierbarkeit der Entstehung des Sprachmaterials, dem Einfluss der hochdeutschen Vorlage auf die Übersetzung und der mangelnden, lautgerechten Wiedergabe der konkreten Dialektform. Ergänzend erwähnt er die Isolation syntaktischer, prosodischer und semantischer Aspekte (1991, S. 85). Als Stärken benennt er den Gewinn historischer Sprachlichkeit aus dem Material, kritisiert dabei aber den wahrscheinlichen Ausfall umgangssprachlicher Formen sowie die unrealistische Performanz mancher Sätze (Ebd., S. 86 f.). Lenz bekräftigt die Schwierigkeiten in der Interpretation von Laienverschriftlichungen, suggeriert aber die Zulässigkeit einer interlinearen Ortspunkt-Analyse (2004., S. 124) unter ständiger Integration metasprachlicher Daten (Ebd., S. 128).

Schmidt/Herrgen bemerken weitere Probleme wie das Lautunterscheidungsvermögen der Lehrkräfte der damaligen Wenker-Erhebungen und der Notation mit der historischen Orthografie (2011, S. 108). Sie heben als Ausgleich die Vorteile der Ortsgrammatiken hervor: Phonetisch exakte Identifizierung und Beschreibung, Vollständigkeit, Genauigkeit und zeitliche Nähe (Ebd., S. 114 f.). Schließlich sei die Aussagefähigkeit gegeben, einen arealsprachlichen Veränderungsprozess über eine Periode von über 100 Jahren zu untersuchen (Herrgen 2006, S. 129). Die ausgewählte Kritik[9] ist in der Selektion der analysierten Dialektmerkmale berücksichtigt worden, beispielsweise wird die syntaktische Ebene isoliert. Darüber hinaus ergeben sich aus dem metasprachlichen Material weitere Anhaltspunkte zur Untersuchung des jeweiligen Merkmals, zum Beispiel bei einem Lexem, das ein phonologisches Merkmal wie [ɔ] in jeweiliger Position aufweist.

4.3. Methode II: Real-Time-Analyse

Die angewandte Methode II: Real-Time-Analyse reiht sich in den methodischen Kanon der sprachdynamischen Analytik ein und soll zu verschiedenen Zeitpunkten Sprechergruppen mit identischen sozialen Merkmalen vergleichen. Hingegen überprüfen Apparent-Time-Studien das empirische Material bei altersunterschiedlichen Sprechergruppen (Schmidt/Herrgen 2011, S. 363).

Die vier selektierten GPn wurden in insgesamt fünf Interviews zu noch vorhandenen schlesischen Wörtern in ihrer alltäglichen Standardvarietät befragt. Der Aufnahmezeitraum war Februar-März 2017 und August 2017. Das Datenmaterial liegt im digitalen Ordner „Data_Realtime“ vor. Mittels dieser Real-Time-Analyse gilt es zu überprüfen und zu elizitieren, was noch vom schlesischen Wortschatz im kognitiven Gedächtnis der Sprecher vorhanden ist. Dabei sollten die Personen Wörter hervorrufen, die sie heute noch verwenden, damit die einzelnen Wörter mit dem Material des Deutschen Wortatlasses von Walther Mitzka, und später Ludwig Schmitt, verglichen werden können. Das erhobene Wortmaterial wird literarisch in den Tabellen transkribiert. Kuriose Varianten einzelner Lemmata werden phonetisch mit dem IPA-System angegeben. Zusätzlich werden die Kategorien „Denken“, „Kennen“ und „Sagen“ aufgeführt. Durch diese Kategorien werden die Wörter strukturell sortiert, verglichen und analysiert. Dadurch wird ein methodischer Zugriff auf die Gebrauchsdomäne bzw. Sprechlage ermöglicht, die nicht zuletzt die Wissensbestände transparent differenziert. Hinzugefügt werden die Wörter der Atlanten in einer weiteren Spalte (DWA). Daneben werden soziolinguistische Daten (zwangsläufig) erhoben, die für sprachbiografische Analysen verarbeitet werden können. Von genuiner Bedeutung ist also sowohl der aktive als auch der passiver Wortschatz des Schlesischen. Zweifellos bestehen Probleme, ähnlich zur Wenker-Erhebung, hinsichtlich einer Abbildung des totalen Wortschatzes der Varietät. In gleicher Art und Weise kann das Material aus den Atlanten nicht als originale Vergleichsbasis dienen, da ähnliche Schwächen und personenabhängige Ergebnisse kartiert und transkribiert wurden. Es wurde versucht, die Interviews relativ identisch zu führen, indem jeweils zunächst eine offene und danach eine leitfadengestützte Interviewrunde durchgeführt wurden.

4.4. Methode III: Sprachbiografische Interviews

Die Methode umfasst vier leitfadengestützte, sprachbiografische Interviews, Aufnahmezeitraum August 2017, mit den selektierten vier Vertriebenen-GPn. Dabei wurde hinsichtlich der zwei Fragestellungen, Sprechlagen und Identität, mit Hilfe der Methodenliteratur ein Leitfaden mit einfachen Fragen zur Koordination des relativ offenen, autobiografischen Interviews entworfen. Dies betrifft auch Planungshinweise eines solchen Vorhabens (Lucius-Hoene/Deppermann 2004, S. 33 ff./Lamnek 2010, S. 321 ff.). Die chronologischen Stationen des Lebens sowie Bedeutungsgehalte des Schlesischen standen im Fokus der Rekonstruktion narrativer Identität, bei denen die GPn breite und freie Redeanteile bekamen (Lucius-Hoene/Deppermann 2004, S. 83 f.). Zu ergänzen ist hier die wichtige Rolle des Interviewers, der in der Kommunikation mit den GPn eine besondere Rolle einnimmt und den geschützten Raum beeinflussen kann. Der Leitfaden und das Datenmaterial liegen im digitalen Ordner „Sprachbiografische Interviews“ bei.

Für die Dialektologie lassen sich solche Methoden in neuere Tendenzen der dialektsoziologischen Forschung eingliedern. So betont es aktuell Bieberstedt in einem Sammelband von Schröder/Jürgens (2017) zur Methodologie des Autobiografischen Interviews (2017, S. 47 f.) und sorgt für einen fundierten Forschungsstand (2017, S. 49 ff.). Das autobiografische Erzählen von Lebensgeschichten bezeichnen Lucius-Hoene/Deppermann als eigenes Forschungsfeld (2004, S. 20 ff.). Mit dem autobiografischen Erzählen rekonstruiere man dabei in doppelter Hinsicht, als erzähltes und erzählendes Ich, die historische und gegenwärtige Wirklichkeit (Ebd., S. 41 f.). Die enge Verzahnung zwischen dem autobiografischen Erzählen als Erhebungsinstrument und gleichzeitig als Theoriekonstrukt manifestiere sich in der Wechselwirkung von Fragestellung und Auswertung. Dies leitet zur Auswertungsphase über, in der das zu beobachtende Konstrukt der Identität im erzählten und erhobenen Text als Paradigma selbst selegiert und angeordnet werde. So weisen sie daraufhin, dass ein reflexives Bewusstsein bei der Selektion von Textbausteinen für die Interpretation bewahrt werden sollte (Ebd., S. 271 f.).

Besonders hilfreich waren die detailreichen Informationen zum qualitativen Interview von Lamnek (2010), die dieses Instrument in seinem interdisziplinären Charakter verdeutlichen. Methodische Schwächen und Stärken betrachtet er in einem Vergleich von standardisiertem und nicht-standardisiertem Interview. Während ersteres eine bessere Vergleichbarkeit, Zuverlässigkeit, Effizienz und Durchführung aufweise, zeige das andere seine Stärken in den lebensnäheren Aussagen durch eine natürlichere Situation. Ebenso unterliege sie keiner vorgeschalteten Verengung durch den Forscher (Lamnek 2010, S. 311 f.).

In der Auswertungsphase wird die Informationsverarbeitung nach Typen, Mustern und kategorialen Klassifikationen vorgeschlagen, die dann von der Mikroebene aus Implikationen und allgemeine Zusammenhänge auf der Makroebene anzeigen können (Ebd., S. 633). Ein solches strukturales Vorgehen regen auch Neumann/Schröder (2017) an. Dabei werden sprachliche Elemente aus dem erhobenen Text nach Mustern differenziert: Äußerungen, in denen (Sprach-)Identität explizit benannt wird, Äußerungen zu der sozialen Identität (Eigen/Fremd) und Erläuterungen zu Positionierungsentscheidungen (Neumann/Schröder 2017, S. 231 f.). Besonders weisen sie auf das Paradigma der Heimat und Bewertungseinstellungen hin (Ebd., S. 233).

Eine entscheidende Frage wird letztlich zum Problem wissenschaftlicher Gütekriterien dieser Methode aufgeworfen (Ehlers 2017, S. 162). Durch das leitfadengestützte Vorgehen wird eine möglichst zuverlässige und validierte Methode konzipiert, die allerdings durch ihre Offenheit eine reflexive Interpretation erzwingt.[10] Desgleichen wird diskutiert, inwiefern die Objektivität und Repräsentativität gewährleistet werden kann. Lamnek betont hierbei, dass die quantitative Sozialforschung, genau wie die qualitative, nicht auf eine 100-prozentige Quote gelangen könne (Lamnek 2010, S. 352 f.). Dem schließt sich Ehlers (2017, S. 162) an. Deshalb sei es wichtiger, eine homogene Gruppe, die als repräsentative Stichprobe für die Zielgruppe gelten kann, zu befragen (Bieberstedt 2017, S. 71).

5. Darstellung der Ergebnisse

In diesem Kapitel werden die empirischen Ergebnisse der drei verwendeten Methoden dargestellt. Des Weiteren wird nach jedem Analyseabschnitt ein Zwischenfazit gezogen.

5.1. Objektsprachliche Analyse

5.1.1. Ergebnisse Methode I: Wenker-Neuerhebung

Die Ergebnisse der Methode I umfassen eine Analyse von jeweils fünf Wenkersätzen für jede der GPn. Das liegt darin begründet, dass einerseits der prozentuale Anteil der Methode I relativ niedrig gewichtet werden soll und andererseits keinen weiteren Spielraum bietet. Es kann sich also nur um eine merkmalsanalytische Stichprobe handeln. Ferner werden die Wenkersätze so selektiert, dass möglichst viele der in Kapitel 2.4. aufgestellten Merkmale bzw. Variablen beleuchtet werden können.

Zeichenlegende: + = Übereinstimmung, X = Abweichung, () = leichte Abweichung

5.1.1.1. Gewährsperson 1

Es sollte angemerkt werden, dass der Wenkerbogen für GP1 aus <Jackschönau> im REDE-Katalog unter dem Namen <Jackschenau> geführt wird (siehe auch Rückseite des Bogens). Allerdings dementiert GP1 diese Ortsschreibung. Der heutige polnische Ortsname wird wiederum korrekt zugeordnet.

1.) Wenkersatz 39

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kommentar: Den Wenkersatz 39 überträgt GP1 fast vorlagengetreu in ihre ortsintendierte Varietät. Different ist hier das veränderte Lexem [nu:ɐ] statt <ok>. Erhalten sind die Merkmale: Mhd. <ê> zu <î> im ersten Wort, die gesenkte Variante [de:ɐ] als Pronomen und die palatalisierte Negation [nɪʃt]. Außerdem wird keine dialektale Variante von <r> realisiert, was in allen erhobenen Sätzen in der Form konsistent durchgeführt wird. Das verkürzte [ʊ] in [tʊt] ist ebenso mit der Wenker-Vorlage nicht zu vergleichen, könnte aber eine salienten Verwendung attestieren.

2.) Wenkersatz 16

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kommentar: Im Wenkersatz 16 sind kaum Unterschiede zu markieren. Differente Auffälligkeiten sind hier das Lexem [gənuk] sowie die Palatalisierung beim Wort [mʊʃt]. Zwar wird im Lexem <Flosche> das markante Dialektmerkmal [ɔ] übersetzt, jedoch ist dies im Lexem [vaksn] nicht der Fall.

Stabile Auffälligkeiten sind die folgenden Merkmale: Monophthongierung in [alɛnə], Palatalisierung in [e:ɐʃt], mhd. <ô> zu <û> in [gʁu:s] und mhd. <œ> entrundet in [gʁɪsɐ]. Die Negation aus den beinahe kontrahierten Komponenten [nɔ] und [ni] weicht hier ab, ist aber als Dialektmerkmal benannt worden.

3.) Wenkersatz 22

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Kommentar: Im Wenkersatz 22 sind kaum differente Abweichungen zu beobachten. Lediglich sind die Lexeme [zɔnst] und [fɛɐʃti:dɐ] zu benennen. Im ersten wird das Merkmal mhd. <ô> zu <û> nicht erhalten. Im zweiten werden Verb und Pronomen kontrahiert und [t] zu einem Alveolar lenisiert. Wie das [ɪns] ist dabei ebenso [ɐ] als belegbares Pronomen stabil. Zudem ist die apokopierte Negation deckungsgleich und das Merkmal mhd. <ê> zu <î>, wie schon in den vorherigen Sätzen, stabil.

4.) Wenkersatz 29

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Kommentar: Im Wenkersatz 29 sind fast keine differenten Auffälligkeiten zu kennzeichnen. Eher lassen sich hier rekurrent stabile phonologische Merkmale aufzeigen: Mhd. <ô> zu <û> in [hu:x], entrundetes mhd. <œ> in [hɪɕɐ]. Desgleichen fallen die stabilen Morpheme [ɪnzə], [zaɪn] sowie die apokopierte Negation [nɪɕ] auf.

5.) Wenkersatz 26

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Kommentar: Diesen Wenkersatz überträgt GP1 in eine auffallend identische Form. An dieser Stelle muss kommentiert werden, dass die Lexeme <Apfelbäume> und <Äpfel> bei allen GPn ohne Diminutiv vorgegeben wurden. So entstehen z.T. abweichende Variationen. Evident stabil sind die Merkmale mhd. <ê> zu <î> in [ʃti:n], entrundetes mhd. <œ> in [ʃi:nə], mhd. <ô> zu <û> in [ru:tn]. Eine deutliche Abweichung zeigt sich im ersten Wort. Ebenso unterscheidet sich der Diphthong in [ɛplbɔɪmə] von der monophthongierten Form der Vorlage. Zudem wird, auch für die zweite Methode der Arbeit, das erhaltende germ. <p> statt verschobenem <pf> in [ɛpl] weiterhin zu untersuchen sein. Hier könnte es sich um ein besonders salientes Merkmal handeln.

5.1.1.2. Gewährsperson 2

1.) Wenkersatz 39

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Kommentar: Den Wenkersatz 39 übertragt GP2 evident vorlagengetreu in seine ortsintendierte Varietät. Somit sind keine genuinen Abweichungen zu verzeichnen. Auffällig stabile Merkmale sind mhd. <ê> zu <î> in [ɡi:], gekürztes [ʊ], die Palatalisierung in der übereinstimmenden Negation sowie der retroflexe Approximant [ɻ]. Diese Realisierung von <r> lässt sich nicht in der Wenker-Vorlage untersuchen, lässt sich allerdings in weiteren Belegen markieren. Schließlich fällt das Lexem [`ɔk] mit markant offenem <o> und das gesenkte Pronomen [de: ɐ] auf.

[...]


[1] Siehe Link: https://regionalsprache.de/

[2] Weitere Bände befinden sich im Literaturverzeichnis.

[3] Dieses Problem behandeln auch schon Elmentaler/Rosenberg (2015, S. 435 ff.).

[4] Zu einer weiteren sprach- und besiedlungsgeschichtlichen Skizze publizierte auch Menzel (1995).

[5] Weitere Siedlungsbahnen identifiziert Nyenhuis (2010, S. 42).

[6] Die Karte befindet sich hierzu in Kap. 9.1.

[7] In der Literatur gibt es mehrere Beispiele, darunter: Reiffenstein 1980/Mattheier 1997/Wiesinger 1997/Lameli 2004/Klenk 2005.

[8] Zur Forschungsgeschichte identitätstheoretischer Modelle: Kresic 2006, S. 41 ff.

[9] Neuere Forschungen zur Wenker-Methodik: Fleischer (2017)

[10] Hierzu Ehlers 2017, S. 162: „Die fundamentale Heterogenität sprachbiografischer Quellen konstruiert einerseits ihren besonderen empirischen Reichtum, wirft aber andererseits das Problem der Generalisierbarkeit auf.“

Ende der Leseprobe aus 116 Seiten

Details

Titel
Schlesisch nach 1945. Eine empirische Untersuchung der Mundart Vertriebener in der Stadt Delmenhorst
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germanistisches Seminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
116
Katalognummer
V418144
ISBN (eBook)
9783668671737
ISBN (Buch)
9783668671744
Dateigröße
1356 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dialektologie, Vertriebene, Flucht und Vertreibung, Vertriebenendialekte, Schlesisch, Grafschaft Glatz, Grafschaft Glatz Dialekt, Glätzisch, Breslau, Delmenhorst Vertreibung, Neuere Dialektologie, Wenker-Erhebung, Realtime, Identität, Dialektidentität, Vertriebenenidentität, Sprachidentität, Soziolinguistik, Soziolinguistische Dialektologie, Sozialforschung, Identitätsforschung, Regionalsprache, Schlesien, Delmenhorst, Mundartforschung, Sudetenland
Arbeit zitieren
Patrick Mühlmeister (Autor), 2018, Schlesisch nach 1945. Eine empirische Untersuchung der Mundart Vertriebener in der Stadt Delmenhorst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418144

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