Strukturale Textanalyse am Beispiel von Christian Krachts "Die Toten" (2016)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

26 Seiten, Note: 1,0


Gratis online lesen

Inhalt

1. Einleitung

2. Strukturalismus

3. Textanalyse/Interpretation
3.1. Romananfang
3.2. Kindheit Masahikos
3.3. Film als Zeichen der Macht
3.4. Die Todesfälle: Tod vs. Leben

4. Schlussbetrachtungen

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

„[…] uns interessiert nur die semantische Organisation des Textes als eines sekundären Bedeutungssystemes.“[1] Michael Titzmann drückt hier präzise aus, welcher Zugang zum Text aus literatursemiotischer Perspektive gewählt wird. Die strukturale Methode geht der Frage der semantischen Struktur des Textes nach, ohne primär einen Sinn zu suchen, auszulegen oder zu deuten. In der vorliegenden Arbeit soll der Strukturalismus als interpretatives Verfahren bzw. als „Theoriebrille“ benutzt werden, um den Text „Die Toten“ (2016) von Christian Kracht zu interpretieren. Der Arbeitsbegriff „Interpretation“ wird dabei im späteren Verlauf erläutert.

Im Fokus des zweiten Kapitels steht der Versuch, den Strukturalismus anhand ausgewählter Theorietexte zu rekonstruieren und als Methode darzustellen. Als besonders ertragreich erwiesen sich hierfür Artikel von Titzmann, Gallas, Jakobson und Lévi-Strauss, dessen vielfältige Argumente und Ideen in einen einheitlichen Text gebracht wurden.

Darauf folgt das literaturwissenschaftliche „Experiment“, das, wie in einem Aufsatz von Steffen Martus, eine Art „Laborsituation“ erzeugt. In diesem fiktiven Szenario dienen die unterschiedlich ausgewählten und methodisch reflektierten „Theoriebrillen“ als Werkzeuge zur Analyse des Textes.[2] Diese Unternehmungen zahlreicher Modellanalysen zu einem exemplarischen Text sind als Sammelbände in der jüngeren Zeit publiziert worden, wie zum Beispiel von Oliver Jahraus (Hg.) zu Kafkas „Urteil“ oder zu E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“. In ähnlicher Art und Weise präsentiert diese Arbeit einen modellanalytischen Zugang zu Krachts „Die Toten“ mit der Zielsetzung, am Einzeltext implizit Möglichkeiten und Grenzen der gewählten Theorie aufzuzeigen und explizit die semantischen Strukturen der Zeichensysteme aufzudecken. Die Fragestellung lautet somit, welche semantischen Strukturen und paradigmatischen Systeme lassen sich mittels eines strukturalen Verfahrens am Beispiel Krachts „Die Toten“ analysieren bzw. interpretieren. Für den behandelten Primärtext liegen noch keine Forschungsarbeiten vor, sodass nicht nur gewollt, sondern auch auf eine breite Rezeption der Kracht-Philologie verzichtet werden muss.

2. Strukturalismus

Im folgenden Kapitel wird versucht, den Strukturalismus als „Theoriebrille“ bzw. Analyserahmen anhand ausgewählter Texte zu skizzieren. Dabei werden relevante terminologische Fragen definiert.

Köppe und Winko betonen den Kontrast zwischen Strukturalismus und Hermeneutik. In der Frage nach der Bedeutungssuche eines Textes stelle der Strukturalist die semantische Struktur wieder her. Der „Hermeneutiker“ distanziere sich vom Text, um eine Bedeutung zu ermitteln.[3]

Insofern in einer Untersuchung der literarische Text den Gegenstand selbst darstellt, wird von der Anwesenheit semiotischer Objekte, die der Textstruktur zugrunde liegen, ausgegangen. Die Literatursemiotik sei ein Teil der methodischen Theorie und Praxis der Literaturwissenschaft. Dies erlaube ein reflektiertes Interpretationsverfahren.[4] Demnach definiert Michael Titzmann den Terminus „Text“ als Folge sprachlicher Zeichen und den „Textterm“ als eine Textgröße, die in einer Interpretation als relevante semiotische Einheit identifiziert werden kann. Kontext sei hierbei die strukturellen Relationen von Text und Kultur des Textes, die empirisch belegt werden können.[5] Dieser „Textterm“ sei bedeutungstragend, wenn Alternativen existent seien. Zudem konstituiere sich der Text aus Wahlalternativen, die im Bereich semiotischer, kultureller bzw. kontextueller, ideologischer oder poetologischer Bezüge geordnet werden könnten.[6] Titzmann unterstreicht, dass die Textanalyse/Interpretation die Strukturen des Textes sowohl als Erkenntnismittel als auch als Erkenntnisziel vorsehe. „Analyse“ und „Interpretation“ darüber hinaus seien nicht in ihrer Dichotomie voneinander abgegrenzt. Wenn diese Analyse nach einer fundierten Theorie und Methode ablaufe, die eine Gesamtmenge von Bedeutungen aus dem Text herausarbeite, geht er von einer idealen Analyse aus. Dem Interpreten obliege die Aufgabe, diese Gesamtmenge unter Berücksichtigung eines zeitgenössischen Lesers wiederherzustellen.[7]

Ausgangspunkt der Überlegungen zu einem Strukturalismus als interpretative Methode stellt der Text „Strukturale Anthropologie“ von Lévi-Strauss dar, der wiederum in zentralen Schlüsseltexten zur Theoriebildung referenziert wird. Dieser Aufsatz problematisiert die Struktur der Mythen und dient deshalb als Denkfigur für die Literaturwissenschaft, da der Mythos sowohl Bestandteil der Sprache als auch der damit verbundenen Differenzierung zwischen „langue“, Sprache bzw. umkehrbare Zeit, und „parole“, Gesprochenes, bzw. unumkehrbare Zeit, ist.[8] Analog zu seinem aufgegriffenen Terminus „Mythem“ lassen sich durchaus „Narratheme“ als Strukturmuster oder Oppositionen bzw. Differenzen für eine Analyse instrumentalisieren.[9] Besonders hilfreich könnte die Veranschaulichung der zwei Leserichtungen einer Musikpartitur für die Analyse sein. Die horizontale Richtung würde entsprechend die syntagmatische und die vertikale die paradigmatische Achse bestimmen.[10] Die Summe bestehender Varianten eines Mythos bilde dann eine hintereinander geordnete Ansammlung.[11]

Helga Gallas skizziert fünf pragmatische Schritte zu einem strukturalistischen Interpretationsverfahren. Sie bezieht sich in ihren Darstellungen auf Lévi-Strauss. Dabei hebt sie hervor, dass die Struktur aus Relationen von abstrakten Einheiten bestehe, die in Opposition und Kombination stehen können.[12] Im ersten Schritt wird das Zeichen zerlegt, um die Beziehungen der Textterme auf horizontaler Ebene und die des Signifikanten mit den Gliedern der vertikalen paradigmatischen Klasse zu beschreiben. Die Reduktion auf ausschließlich Signifikanten erweist sich bei Gallas als schwierig nachvollziehbar, da es aus strukturalistischer Perspektive immer einen zugehörigen Signifikaten gibt. Die horizontale Ebene umschreibt das Syntagma als Prinzip der Anordnung oder Kombination. Es ist also jene Klasse von Einheiten, die tatsächlich folgen oder vorangehen. Hingegen charakterisiert Gallas das Paradigma als eine Klasse von Einheiten, die in einer Äquivalenz- oder Oppositionsbeziehung stehen können. Das Prinzip der Selektion schließt dabei Terme ein, die nur virtuell mit dem Paradigma verknüpft werden könnten.[13] Hierzu siehe auch Titzmann.[14] Ähnlich ergänzt Titzmann, dass Paradigma eine Klasse von Texttermen sei, mit denen jeder Zeichensystembenutzer andere Terme als alternative Formen assoziieren könnte.[15] Weiterhin konkretisiert er den Begriff in einer Monografie als „[…] sprachlich-kulturell vorgegebenes oder von einem „Text“ aufgebautes System alternativer Wahlmöglichkeiten bezüglich einer bestimmten Klasse von kontextuell-syntagmatischen Stellen […]“.[16] Ein Textproduzent selegiere bei einer sprachlichen Äußerung aus den Paradigmen und kombiniere aus den Syntagmen.[17] Ergänzend sei noch auf einen Aufsatz von Roman Jakobson hingewiesen, der das Verhältnis von Syntagma und Paradigma im Kontext von Metonymie und Metapher bzw. „Kontiguität“ und „Similarität“ verwendet. Die syntagmatische Achse gestalte sich also aus der Kombination jedes Zeichens mit anderen Zeichen, sodass simultan eine Kontextbildung ablaufe. Die Terme dieses Kontextes stünden in einem horizontalen Kontiguitätsverhältnis. Dagegen sei das Substitutionsverhältnis, als selektive Operation auf der paradigmatischen Achse, durch die Beziehung der Zeichen in ihrer Gleichartigkeit bzw. -wertigkeit gekennzeichnet.[18]

In einem zweiten Schritt werden die Paradigmen aufgestellt. Durch Vergleiche werden Themenbündel erstellt, dessen Gemeinsamkeiten und logische Beziehungen im Vordergrund stehen. Zum Beispiel könne auch aus den Erzähl- und Handlungseinheiten eines Textes das Paradigma aufgestellt werden. Den Signifikanten werden mehrere Kontrastglieder zugewiesen.[19]

Der dritte Schritt umschreibt die Konstruktion eines Modells. Tabellarisch können alle logisch nachvollziehbaren Wahlmöglichkeiten des Paradigmas notiert werden, auch wenn sie nicht als Textterme empirisch belegbar sind. Diesem Zwischenschritt folgt der vierte Schritt, indem formale Beziehungen zwischen den Termen analysiert werden. Hier verweist Gallas auf die Oppositions- und Äquivalenzbeziehungen.[20] Diesen widmet sich Titzmann expliziter. Sowohl Opposition als auch Äquivalenz bezeichnet er als logisch-semantische Relationen zwischen den Texttermen. Eine Opposition zwischen zwei oder mehreren Texttermen entstehe, wenn mindestens ein Merkmal eine logische Beziehung zueinander ausschließt. Hingegen bedeute Äquivalenz, dass im jeweiligen Kontext bei zwei oder mehr Texttermen gemeinsame Merkmale aufgezeigt werden können.[21] Elemente eines Paradigmas können nach Titzmann innerstrukturell oppositionelle Alternativen und zu dem Merkmal, der Oberklasse, äquivalent sein.[22] Des Weiteren bietet er eine grafische Veranschaulichung dieser Beziehungen an. Er erweitert das Modell um den Begriff der „Disparität“, der sich in einer semantische Differenz zwischen Termen einer semantischen Achse und Termen einer anderen Achse manifestiert. Dieser Terminus umschreibt einfacher ausgedrückt, dass es weder eine oppositionelle noch eine äquivalente Beziehung gibt.[23]

In einem fünften Schritt der Interpretation wird das zu untersuchende Phänomen in Wechselbeziehung zu einem aufgestellten Modell gesetzt, um seine Erklärung oder Funktion herauszuarbeiten.[24] Diesem Zwischenschritt folgt der letzte Schritt. Durch die Konstruktion von Homologien werden die Beziehungen zwischen einem Paradigma A den Beziehungen zwischen einem Paradigma B gegenübergestellt, die in ihrer Struktur vergleichbar sind.[25] Darüber hinaus widmet sich Titzmann der terminologischen Klärung dieses Begriffes. Demnach sei Homologie, dass in einem Bereich oder auf einer Ebene X sich zwei oder mehrere Terme zueinander verhalten wie zwei oder mehrere Terme in einem Bereich oder auf einer Ebene Y. Das Verhältnis lässt sich folgendermaßen anzeigen: (a:b::c:d). Die Beziehung von den Termen a zu b verhält sich also wie die Beziehung von c zu d. Diese Äquivalenz von Relationen könne auf verschiedene Weisen, zum Beispiel grammatisch oder ideologisch, realisiert werden.[26] Zudem verweist er auf mögliche Varianten der Homologie: Die Möglichkeit a:b::c:b, also weniger als vier Terme, und die Möglichkeit a:b:c::d:e:f, also mehr als vier Terme bzw. mehr als zwei Relationen. Die Möglichkeit a:b: (a ͜͜ b) wird in dieser Arbeit ausgeklammert.[27]

Des Weiteren unterteilt Titzmann diese paradigmatische Ordnung des Textes in eine lexikalische Oberflächenstruktur und in eine logisch-semantische Tiefenstruktur. Ersteres umschreibt die syntagmatische Anordnung einer Menge lexikalischer Terme. Im Gegensatz wird mit der Tiefenstruktur die Menge logisch-semantischer Terme in ihren Relationen beleuchtet.[28] Dabei muss jedem semantischem Term mindestens ein lexikalischer Term des Textes entsprechen. Hier fügt er das Beispiel „Kind“ an, dem als lexikalischer Term im Text semantische Terme zugeordnet werden oder Terme, die nicht sprachlich-kulturell vorgegeben sind, zusätzlich ergänzen.[29] Folglich versteht er unter „Interpretieren“ den Untersuchungsgang mit der Fragestellung, warum genau bestimmte Terme des Textes einen semantischen Term besetzen, umso weitere Paradigmen aufzustellen, denen ein abstrahierter lexikalischer Term zugehört. Dieser lexikalische Term sei dann determiniert, „[…] wenn er in so viel thematischen Kontexten des „Textes“ eine Rolle spielt, daß er in dieser Funktion unersetzbar ist.“ In diesem Fall gäbe es keinen anderen lexikalischen Term, der eine identische Menge semantischer Terme im Text selbst umfasst.[30]

Schließlich wird von Titzmann die Frage aufgeworfen, ob Zusatzwissen zur Deutung der semantischen Funktion eines Terms eines Paradigmas benötigt wird. Diese vom Text präsupponierten, kulturellen oder textuellen, Propositionen müssten jedoch von einem paradigmatischen Verfahren abgegrenzt werden. Auch wenn der Text manche Terme nicht selegiere, fehlten sie nicht, da keine Notwendigkeit für eine Besetzung von Merkmalen einer bereits bestehenden Klasse durch zum Beispiel eine neue Figur bestehe. Als Bedingung für ein Abweichen von einem Standard, dass also etwas tatsächlich fehlt, konstatiert er, dass ein Glied einer Klasse notwendigerweise da sein müsste, aber durch kein anderes Glied substituiert wird und nur durch textinterne bzw. textexterne Kontexte erklärt werden könne.[31] Diese Kohärenzlücken des Textes bezeichnet er als Nullpositionen, die er in Unbestimmtheitsstellen und Leerstellen unterteilt. Als Lückenhaftigkeit betrachtet Titzmann eine Abweichung von dem gewählten Modell des Interpreten, also ein von ihm festgelegter Standard. Demnach würden Unbestimmtheitsstellen eine kontextuelle Lückenhaftigkeit, sprachlich oder kultureller Vollständigkeit, und Leerstellen eine textinterne Lückenhaftigkeit, vom Text aufgebaut, gegenüber dem Modell bedeuten.[32] Das Bewusstsein für die interpretatorischen Folgen eines selbst festlegten Modells müsse dafür zweifellos gegeben sein.[33]

3. Textanalyse/Interpretation

Der Text „Die Toten“ gliedert sich in drei Teile, die einen ähnlichen dramaturgischen Aufbau wie das japanische „No̅-Theater“ aufweisen. Der Begriff „No̅“ lasse sich dabei mit „Fertigkeit, Fähigkeit“ übersetzen. Der Aufbau bestehe aus einer Einleitung, einer Entwicklung und einem Höhepunkt mit anschließendem Abschluss.[34] Der Text selbst thematisiert die Konzeption des Theaters durch die Figur Kono, der das Prinzip des „jo-ha- kyu̅“ den anderen Figuren erläutert.[35] Wiederum entsprechen die Schriftzeichen 序,破 und 急[36], die den drei Abschnitten vorangehen, eben der lautlichen Form in lateinischen Buchstaben.[37] Ist diese Einteilung nach einem Konzept eher von inhaltlicher Bedeutung, kennzeichnen sie das „Nacheinander“ von drei Einheiten des Textes, wie es Lévi-Strauss für den Mythos veranschaulicht. In einer horizontalen Leserichtung verwirklicht sich dann der dramaturgische Aufbau, wird aber durch eine paradigmatische Leserichtung in der Analyse gebrochen.[38] Die erste heuristische Analyse zeigt offenbar, dass das Paradigma „Japanische Schriftzeichen“ oder auch „Japanische Zeichen“, um auch Wörter zu inkludieren, an vielen syntagmatischen Stellen auftritt. Diese Zeichenebene wäre eine denkbare disparate semantische Achse, die sich weder oppositionell noch äquivalent zu anderen Paradigmen verhält.

3.1. Romananfang

Mit der „Theoriebrille“ des Strukturalismus wird auf partielle Datenmengen des Textes zugegriffen. Der Romananfang bietet sich als geeignete Ausgangsposition an, um erste Paradigmen und Homologien zu identifizieren, sodass diese dann durch weitere Textterme und Relationen erweitert werden können. In der Anfangsszenerie des Romans lässt sich eine grundsätzliche Oppositionsbeziehung der Oberparadigmen „Natur“ und „Kunst/Kultur“ feststellen. Das Paradigma „Natur“ konstituiert sich aus den Termen der Klassen „Wetter“, „Lebewesen“ und „Körper“. Hingegen konstituiert sich das Paradigma „Kunst/Kultur“ aus den Klassen „Film“ und „Projektionsflächen“. Aus der Klasse „Wetter“ wird mit vielen Termen, wie „nassester Mai“, „Wassermengen“ und „ewige Regenschauer“, der einfallende Regen beschrieben. Wie auch „Körper“ verhält sich dieser Term zum ausgewählten Paradigma äquivalent, innerhalb sind sie oppositionell.[39] Eine auffällige Beziehung lässt sich zum Term „Blut“ herstellen. Merkmale wie flüssig, lebensnotwendig, Veränderung von Zuständen, und Wirkung von Ursache vereinen die Terme „Blut“ und „Regen“ in einer Äquivalenzbeziehung. Allerdings sind sie wegen der verschiedenen Bereiche, Wetter vs. Körper, logisch nachvollziehbar voneinander zu trennen. Im Text zeigt sich die Ähnlichkeitsbeziehung im Term „Blutfontäne“, der die Klassen vereint. Im Gegensatz dazu scheint der Regen durch die Terme „ewig“[40] und „maschinell“[41] ein übernatürliches Merkmal zu signalisieren. Dem Paradigma „Natur“ werden ein „widerspenstiger Schmetterling“ und ein Offizier zugeordnet. Genau wie der Offizier erleidet der Schmetterling den Tod durch einen Eingriff von außen. Durch den Term „widerspenstig“ wird gleichzeitig eine virtuelle Opposition zu „gehörig“ geschaffen, was die Handlungseinheit des Offiziers näher definiert. Denn er entscheidet sich für den Selbstmord, fügt sich also freiwillig einem veränderten Lebenszustand.[42] Sein „Körper“, hier wieder Opposition „fest/flüssig“, wird auf den Seiten 12 und 13 in der Handlungseinheit des Selbstmordes aufgegriffen. Hier lässt sich ein weiterer Hinweis auf das Übernatürliche, Transzendentale, im Term „Unendlichen“ beobachten.[43] Beide natürliche Lebewesen sind also vergänglich. Eine oppositionelle Beziehung zum Paradigma „Natur“ baut das Paradigma „Kunst/Kultur“ auf. Alle Terme können äquivalent zur Oberklasse „Vom-Mensch-geschaffen“ subsumiert werden, die in Opposition zur Oberklasse „Von-Natur-geschaffen“ steht. Terme wie „künstliches Licht“ und „Filmkamera“[44] sowie „kakejiku“[45] sind dazu fähig, die Natur zu spiegeln oder in einem Abbild zu erhalten, während die Natur vergänglich ist und so von den Termen konstituiert wird. Ebenso zählt das „tanto̅“ als Waffe zu diesem Paradigma.[46] Die impliziten und expliziten Oppositionen „flüssig/fest“, „lebendig/tot“, „natürlich/künstlich“, „vergänglich/beständig“ und „innen/außen“ führen zu einer ersten Homologie. Die Beziehung von Selbstmord, wiederum Syntagma des Paradigmas „Tod“, zu Filmkunst verhält sich wie Vergänglichkeit zu Beständigkeit. Damit konzipiert der Text den freiwilligen Selbstmord des Offiziers als eine Vergänglichkeit des Körpers, die durch das vom Menschen geschaffene Kampfmesser besiegelt wird, aber gleichermaßen als Abbild der Realität vom Medium Film konserviert wird. Über den Tod hinaus ist die Sequenz als „Kopie“ gespeichert, aber der Körper verwest. Dadurch kreiert das künstliche Medium eine Art „Wiedergeburt“. Daher bewirkt der Tod keine Vergänglichkeit der Figur bzw. seiner „Seele“, sondern nur des Körpers. In Opposition zum Schmetterling, der von der Natur auf den Asphalt gedrückt wird, verdeutlichen die Paradigmenrelationen ein „Beherrschen-über-Leben/Tod“ durch den Menschen.

[...]


[1] Michael Titzmann: Strukturale Textanalyse. Theorie und Praxis der Interpretation. München 1977, S. 404.

[2] Steffen Martus: Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft? In: Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens. Hg. Andrea Albrecht, Lutz Danneberg, Olav Krämer und Carlos Spoerhase. Berlin u.a. 2015, S. 43 ff.

[3] Tilmann Köppe und Simone Winko: Neuere Literaturtheorien. 2. akt. und erw. Aufl. Stuttgart/Weimar 2013, S. 50.

[4] Michael Titzmann: Semiotische Aspekte der Literaturwissenschaft. Literatursemiotik. In: Ein Handbuch zu den zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur. Hg. von Roland Posner, Klaus Robering und Thomas Sebeok. 3. Teilband. Berlin 2003, S. 3029 f.

[5] Ebd., S. 3044 f.

[6] Ebd., S. 3046.

[7] Ebd., S. 3088 f.

[8] Claude Lévi-Strauss: Die Struktur der Mythen. In: ders.: Strukturale Anthropologie I (1958). Frankfurt a. M. 1967, S. 229.

[9] Ebd., S. 231.

[10] Ebd., S. 233 ff.

[11] Ebd., S. 239 f.

[12] Helga Gallas: Strukturalismus als interpretatives Verfahren. In: dies.: Strukturalismus als interpretatives Verfahren. Darmstadt/Neuwied 1972, S. XIV.

[13] Ebd. S. XV f.

[14] Titzmann: Semiotische Aspekte der Literaturwissenschaft, S. 3049 f.

[15] Titzmann: Strukturale Textanalyse, S. 154.

[16] Ebd., S. 159.

[17] Titzmann: Semiotische Aspekte der Literaturwissenschaft, S. 3049.

[18] Roman Jakobson: Der Doppelcharakter der Sprache. Die Polarität zwischen Metaphorik und Metonymik (1956). In: Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven. Hg. von Jens Ihwe. Band 1: Grundlagen und Voraussetzungen. Frankfurt a. M. 1971, S. 325 f.

[19] Gallas: Strukturalismus als interpretatives Verfahren, S. XVI f.

[20] Ebd., S. XVIII.

[21] Titzmann: Semiotische Aspekte der Literaturwissenschaft, S. 3051 f.

[22] Titzmann: Strukturale Textanalyse, S. 151 f.

[23] Ebd., S. 149 f.

[24] Gallas: Strukturalismus als interpretatives Verfahren, S. XVIII.

[25] Ebd., S. XIX.

[26] Titzmann: Semiotische Aspekte der Literaturwissenschaft, S. 3055.

[27] Titzmann: Strukturale Textanalyse, S. 152 f.

[28] Ebd., S. 164.

[29] Ebd., S. 162.

[30] Ebd., S. 171.

[31] Titzmann: Strukturale Textanalyse, S. 231.

[32] Ebd., S. 237.

[33] Ebd., S. 235.

[34] Irmgard Ackermann: No̅ [Art.]. In: Metzler Lexikon Literatur. Hg. von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff. 3. völlig neu bearb. Aufl. Stuttgart 2007, S. 545-546.

[35] Christian Kracht: Die Toten. Köln 2016, S. 104.

[36] Bibiko, Hans-Jörg: Japanisch-Deutsches Kanji-Lexikon. In: https://mpi-lingweb.shh.mpg.de/kanji/. Datum des Zugriffs: 05.08.2017.

[37] Ebd., S. 11/91/187.

[38] Lévi-Strauss: Die Struktur der Mythen, S. 239 f.

[39] Kracht: Die Toten, S. 11.

[40] Ebd., S. 11.

[41] Ebd., S. 12.

[42] Ebd., S. 11.

[43] Kracht: Die Toten, S. 13.

[44] Ebd., S. 11.

[45] Ebd., S. 12.

[46] Ebd., S. 12.

26 von 26 Seiten

Details

Titel
Strukturale Textanalyse am Beispiel von Christian Krachts "Die Toten" (2016)
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
26
Katalognummer
V418146
ISBN (eBook)
9783668671287
ISBN (Buch)
9783668671294
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christian Kracht Forschung, Krachtforschung, Forschung Kracht, Strukturale Textanalyse Titzmann, Textanalyse Gallas, Modellanalyse, Modellanalysen Literaturwissenschaft, Modellanalyse Kracht, Kracht Die Toten, Theoretische Literaturwissenschaft, Die Toten Forschung, Paradigmen, Zeichentheoretische, Semiotische Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Patrick Mühlmeister (Autor:in), 2017, Strukturale Textanalyse am Beispiel von Christian Krachts "Die Toten" (2016), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418146

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Strukturale Textanalyse am Beispiel von Christian Krachts "Die Toten" (2016)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden