Familienkonflikte in "Die Räuber" von Friedrich Schiller. Verfeindete Brüder und das Aufbegehren gegen den Vater als epochentypische Leitmotive?


Seminararbeit, 2016

23 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Familienkonstellation im 19. Jahrhundert.

3. Die Tradition des Vater-Sohn und Bruderkonfliktes.

4. Die Räuber von Friedrich Schiller
4.1 Die Figuren im Drama
4.2 Der Vater-Sohn-Konflikt...
4.3 Der Bruderkonflikt

5. Zusammenfassender Vergleich und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung, wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht![1] [2]

So will es ein Zeitgenosse Schillers bei der fünfstündigen Uraufführung von Die Räuber im Mannheimer Nationaltheater beobachtet haben. Und auch wenn der Bericht möglicherweise nicht authentisch sein mag, dann gilt diese Aufführung dennoch „als eines der ganz großen, bahnbrechenden Ereignisse in der deutschen Theatergeschichte.“[3] Die Räuber wird aufgrund typischer Motive – feindliche Brüder, Autorität des Vaters – und der pathetischen, kraftvollen Sprache als Drama des Sturm und Drang charakterisiert. Entscheidend geprägt wurde diese späte Phase der Aufklärung von Immanuel Kant und Gotthold E. Lessing. Sich nicht auf Autoritäten zu berufen und die Befreiung des Bürgertums vom Adel sind ihre aufklärerischen Forderungen. Im Sturm und Drang baut man darauf auf, verzichtet dabei auf die Überbetonung des Verstand und stellt diesem Herz, Gefühl, Ahnung und Trieb gegenüber. Doch die Helden der Epoche wie Karl Moor einer ist, müssen feststellen, „dass ihr innerer Drang, die Welt im Sinne größerer Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu verändern, im praktischen Leben scheitern muss.“[4]

Im Drama werden die Leitmotive der feindlichen Brüder und das Aufbegehren gegen den Vater sehr deutlich. Die vorliegende Arbeit wird sich demnach mit der Analyse der Konflikte befassen und nicht nur die Frage beantworten, wie diese dargestellt werden, sondern auch was damit ausgedrückt werden soll. Warum sind diese beiden Motive typisch für die Epoche und was symbolisieren sie?

Um diese Fragen zu beantworten, stelle ich der Analyse des Werkes, eine kurze Einführung über die Familienverhältnisse des 19. Jahrhunderts voraus. Das darauf folgende Kapitel wird aus einem inhaltlichen Abriss der literarischen Tradition des Vater-Sohn und Bruderkonfliktes bestehen, um die historische Reichweite dieser Motive zu verdeutlichen. Mit einem Resümee, in dem ein kurzer Überblick über die bisherigen Ergebnisse geliefert werden und die vorangestellte Frage beantwortet werden soll, wird die Arbeit schließen.

2. Familienkonstellation im 19. Jahrhundert

Um die Konflikte innerhalb des Dramas nachvollziehen zu können, sollten zunächst die Machtverhältnisse innerhalb der Familie und deren Konstellation im 19. Jahrhundert im Folgenden in einem kurzen Überblick deutlich gemacht werden.

Das lateinische Wort familia ist nicht gleichbedeutend mit unserem heutigen Verständnis des Begriffes für die Familie. So umfasst die familia nicht nur die Hausgemeinschaft, zu der alle dem Hausherren unterstehenden Mitglieder der Hausgemeinschaft und Dienerschaft gehören. Des Weiteren fasst er eine Truppe oder Bande, besonders Gladiatoren betreffend, zusammen oder bezieht sich ausschließlich auf das Vermögen und den Besitz. Die zugehörige soziale Zentralposition des pater familias waren Herrschaftsbezeichnungen, welche die Machtverhältnisse und deren unterschiedliche Aspekte kenntlich machten. Den Status pater familias, den nur römische Bürger innehaben konnte, war meist der älteste und ranghöchste Mann im römischen Haushalt vorbehalten. Die Mächte patria potestas, „väterliche Gewalt, manus, „eheliche Gewalt“, und dominica potestas, „herrschaftliche Gewalt“, werden alleine von ihm ausgeführt. So ist das Wort des Vaters und Hausherren nicht nur absolut, das Zwölftafelgesetz schreibt ihm sogar die vitae necisque potestas, „Macht über Leben und Tod“, zu.

Erst ab dem 17. Jahrhundert wurde der Begriff der Familie aus dem Französischen, famille, in die deutsche Sprache etabliert. Hier bezeichnet er nun die Kernfamilie oder die soziale Einheit im Sinne der Verwandtschaft. Der neue Begriff bezeichnet das Ideal der Bürgerlichen Familie, welches sich mit dem Aufstieg des Bürgertums durchsetzt.[5] Das Bürgertum hatte Ende des 18. Jahrhunderts als Hauptträger der wirtschaftlichen und technischen Fortschritts an entscheidender ökonomischer Bedeutung erlangt. Es blieb allerdings in dieser feudal-ständischen geprägten Gesellschaft eines absolutistischen Systems politisch machtlos und sozial nicht fest verortet.[6]

Das „Ganze Haus“[7], welches die Familie als Produktionsgemeinschaft definiert, wurde von der bürgerlichen Kleinfamilie abgelöst. Adel, Bauernschaft und biederer Bürgerstand lebten allerdings auch noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in einer solchen Familienkonstellation. Die Kleinfamilie wurde für das Bürgertum zur bestimmenden Familienform. Die grundlegende Unterscheidung dieser beiden Formen war die durch strukturelle ökonomische und politische Veränderung Ausgliederung des Arbeitsplatzes aus der Familie. Familien- und Erwerbsbereich wurde von nun an weitestgehend voneinander getrennt. Faktoren dafür, so Gestrich, seien die Industrialisierung, Urbanisierung und die rasche Verbreitung neuer Verkehrs- und Kommunikationsmittel.[8] Die Kleinfamilie blieb patriarchalisch, auch wenn die Autorität durch dessen berufliche Abwesenheit beschränkt wurde. Allerdings soll sich nach Weber-Kellermann das Prinzip des Patriarchalismus als Leitmotiv der Familie durch den Übergang des „Ganzen Hauses“ zur Kleinfamilie nur noch verstärken, da der Hausvater dadurch die einzige Vermittlung zur Außenwelt, Arbeit und Gesellschaft bildete. Die familiäre Innenwelt mit der Zentralgestalt der Mutter wurde somit abgeschirmt.[9] Beider Konstruktion von Geschlechterstereotypen von „weiblich“ und „männlich“ kommt der Familie damit ein großer Stellenwert zu. Im 19. Jahrhundert wurde die Frau innerhalb der Familie so untergeordnet und unselbstständig wie noch nie.[10] Verbunden war die bürgerliche Kleinfamilie mit der Ideologie des „Ergänzungstheorems der Geschlechter“,welcher besagt, dass Mann und Frau von Natur aus unterschiedliche, sich ergänzende Teile eines Ganzen sind. Der Mann galt als das Haupt der Familie, die Frau als ihre Seele. Während die Töchter des Hauses nur die Möglichkeit zwischen einer Heirat oder einer Dienerschaft eines reichen Haushaltes hatten, verblieb das gesamte Erbe den männlichen Nachkommen, damit auch diese eine finanzielle Selbstständigkeit erreichen konnte.

So galten Aktivität, Rationalität und Berufsorientierung als allgemein akzeptierte männliche Merkmale. Durch diese Ideologie wurde der Mann in die äußeren Bereiche der Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur eingegliedert. Christoph Kucklicks Beschreibung der Männer um 1800 charakterisiert diese als „gewalttätig, asozial, unmoralisch, hypersexuell, triebhaft, gefühlskalt, kommunikationsunfähig und verantwortungslos“.[11] Ab dem 16. Jahrhundert soll ein Wandel der Männlichkeitsvorstellung stattgefunden haben, dessen Wandel er als eine „Verselbstung […], Selbstliebe, Selbsterhaltung, Selbsterkenntnis, Eigeninteresse und Selbsttäuschung“[12] charakterisiert. Die Struktur des Mannes sei ein von äußeren Umständen bestimmtes Menschenbild der Männlichkeit. Vorherbestimmt sei es durch die umgebene Gesellschaft und deren Normen.

Durch mangelnde politische Integration zog sich die Familie in den privaten Raum zurück. Nicht nur räumlich, sondern auch kulturell wollte man sich damit vom unsittlich empfundenen höfischen Leben abgrenzen und distanzieren.[13] Daraufhin entwickelte sich ein Familienideal des Bürgertums, welches sich durch eine Intensivierung und Intimisierung der Ehe, der Bedeutung der Kinder und deren Erziehung und die Abgrenzung der Familie von anderen Lebensbereichen auszeichnete.[14] Nicht die Herkunft oder Geburt standen im Zentrum des Bürgertums, sondern der durch Bildung und Kultivierung vervollkommnete Mensch.[15] Leistung und das Vertrauen darauf bildeten eine wesentliche Grundlage im bürgerlichen Selbstbewusstsein.[16] Der Familie, dem „soziale Zuhause“ des Bürgertums, wurden als Sozialisationsstätte der Ideale des 18. Jahrhunderts in der Literatur und den Wochenschriften viele Zeilen geschenkt. Die Verbreitung des bürgerlichen Familienleitbildes, das in Abgrenzung zur Lebensart des Adels entstanden war, sollte das Ziel sein. Im Mittelpunkt standen hier die Liebe und Ehe, Kinder und deren Erziehung sowie der Moralkodex und die Tugendkonzeption.

Bis zum 19. Jahrhundert konnte sich diese Familienform im Bürgertum durchsetzen und der bürgerliche Rückzug galt als „das Ergebnis der vernichtenden Resultate, die das Engagement auf der öffentlichen, politischen Bühne gebracht hatte.“[17]

Durch das erstarkende Wirtschaftsbürgertum wurden die bürgerlichen Ideale einer glanzlosen Lebensführung aufgegeben und die meisten Bürger orientierten sich mehr und mehr am Lebensstil der Unternehmer, wodurch die kritische Distanz zum Adel verschwand.[18] Auch in die andere Richtung entstand eine Angleichung. Denn auch der Adel wurde zunehmend bürgerlich.[19]

Während sich die Literatur des 18. Jahrhunderts noch auf die private Sphäre des Bürgertums richtete, legte die Literatur des 19. Jahrhunderts ihr Augenmerk auf die bürgerliche Öffentlichkeit und wurde somit zu einem Medium der Selbstbestätigung.

3. Die Tradition der feindlichen Brüder und ihrer Väter

Wo ein Brutus lebt, muss Cäsar sterben.

F. Schiller, Die Räuber

Der Sturm und Drang ist jene Epoche, in der das Motiv der feindlichen Brüder erneut aufgegriffen wurde. Die Forschung ist sich bislang aber noch uneinig darüber, warum in eben jener Zeit eine quantitative Aufnahme des Motivs stattfand. Einig ist die Forschung sich darüber, dass der Sturm und Drang besonders durch die Spaltung in „sich manifestierende Kontraste zweier Extreme“[20] geprägt ist. Den Bruderkonflikt als eine literarische Tradition zu bezeichnen, setzt voraus, dass er einen Ursprung hat und er kontinuierlich in der Literatur verarbeitet wurde. „Was man Motive nennt, sind eigentlich Phänomene des Menschengeistes, […] die der Dichter als historische nachweist“, lautet es bei Goethe.[21]

So wird schon in den ersten Versen der Bibel vom ersten Brudermord der Menschheit berichtet. Doch die biblische Geschichte von den feindlichen Brüdern Kain und Abel ist zugleich auch eine Geschichte, die von Vater und Sohn erzählt und zwar in mehr als nur einer Hinsicht.

Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit dem HERRN.Und sie fuhr fort und gebar Abel, seinen Bruder. Und Abel ward ein Schäfer; Kain aber ward ein Ackermann. Es begab sich nach etlicher Zeit, daß Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes;und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr [...].Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? und warum verstellt sich deine Gebärde? Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so bist du angenehm; bist du aber nicht fromm, so ruht die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da redete Kain mit seinem Bruder Abel. Und es begab sich, da sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.[22]

Die Geburt Kains schließt unmittelbar an die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies an. Kain wird jenseits von Eden gezeugt; „er ist Zeuge und Erzeugnis der Sünde, der sündige Sohn eines sündigen leiblichen Vaters.“[23] Aus Rivalität, die dadurch entsteht, dass der symbolische Vater, der biblische Gott, Abels Opfer gnädig annimmt, aber Kains´verschmäht, tötet dieser seinen Bruder. Nach jüdischer Vorstellung kommt dem Erstgeborenen ein besonderer Segen zu, den Gott jedoch missachtet. Ein Grund hierfür wird in der Erzählung nicht genannt. Das Wort des Herrn lautet lediglich: „Wenn du fromm bist, so bist du angenehm.“ [24] Leszek Kolakowski beantwortet die Frage, warum Gott Kain für nicht angenehm hält, mit den Worten, dass Gott so gerecht ist wie Karl Marx, indem er die vom Schäfer Abel dargebrachten tierischen Opfer gemäß Marktwert höher einschätzt als die pflanzlichen Erzeugnisse des Bauern Kain.[25]

Die Bibel zeigt in ihrer Erzählung, dass das Gute nur gezeigt werden kann, wenn das Böse existiert. Die Frage warum dieser und nicht jener von den zwei Brüdern gut und fromm ist, kann nicht gefragt werden. Kaiser hält es für einen Zufall, eine Vorgabe, damit ein Regelspiel gespielt werden kann.

Das ist nur einer der biblischen Bezüge, auf die Schiller zurückgreift und über die sich die Forschung einig ist. Unzählige Geschichten aus der Bibel zeugen von Vaterkonflikten und Bruderzwisten. Vergleichbar spielt sich diese Zufallsgeschichte zwischen Isaak und seinen Zwillingssöhnen Jakob und Esau, in der darauffolgenden Generation zwischen Jakob und seinen Söhnen, in der übernächsten zwischen Jakob und seinen Enkeln Ephraims und Manasse ab. Jakob erschleicht durch einen Betrug mit Hilfe der eigenen Mutter von seinem Vater, welcher blind ist, den Segen der Erstgeburt, der eigentlich Esau zustünde. Jakob bevorzugt Joseph, den Sohn der Rahel, vor seinen älteren Nachkommen, die mit Lea entsprungen sind. Der Lieblingssohn Jakobs wird von seinen Brüder als Sklave verkauft. So zieht es sich durch die Generationen nach Kain, der verstoßen und mit dem Kainsmal von Gott gebrandmarkt wurde. Ein Zeichen, welches nicht nur ein Fluch, sondern auch ein göttlicher Schutz ist, „dass ihn niemand erschlüge, wenn er ihn fände.“ [26] So ist der Ackerbauer Kain kunstreicher als der Hirt Abel, ist der Landwirt Jakob klüger als der Jäger Esau und so zeugt Kain Henoch, von dem die Grundsäulen der Kunst und Kultur kommen. Und so heißt es von von Walter Benjamin, dass nur das Kulturwesen Mensch kennt Mord und Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung und die Versklavung der Artgenossen.[27]

Nicht nur die Bibel kennt den Brudermord, denn auch in der altägyptischen Mythologie wird Osiris, Bruder und Gatte der Isis, von seinem Bruder Seth ermordet und zerteilt. Horus rächt seinen göttlichen Vater Osiris und wird zum All- und Himmelgott. Auch die griechische Mythologie stellt der biblischen Geschichte der feindlichen Bruder eine ganze Reihe von tödlich endenden Bruderzwisten an die Seite. König Ödipus, der unwissentlich seinen Vater ermordete, um seine eigene Mutter zu heiraten, zeugt mit ihr die Brüder Eteokles und Polyneikes. Der Fluch des Vaters macht sie zu Erzfeindes, die sich letztendlich gegenseitig erschlagen. Atreus aus dem Geschlecht der Tantaliden, erschlägt mit seinem Bruder Thyestes zusammen den Stiefbruder. Thyestes wiederum bringt Atreus in der wachsenden Feindschaft der beiden dazu, den eigenen Sohn zu töten. Dieser setzt Thyestes dessen Kinder zum Mahl vor. Die Feindschaft der Väter bleibt zwischen den Söhnen Agamemnon und Aigisthos erhalten. Väter und Söhne gelten als zentrale Spielfiguren der Phantasie in allen patriarchalen Kulturen. So darf es nicht überraschen, dass auch Rom von zwei verfeindeten Brüdern gegründet worden sein soll. Die Zwillinge Romulus und Remus, Söhne des Mars und der Priesterin Rhea Silvia, werden Rivalen während ihrer Planung einer Stadtgründung.

In der Forschung wird das Motiv des Bruderzwistes überwiegend mit dem Sturm und Drang in Verbindung gebracht. Zu den ältesten Forschungsansätzen dieser Konflikte zählt unter anderem Stefanie Wenzels Wiedergabe des Bildes der verfeindeten Brüder. Des Weiteren zählen hierzu die Arbeiten von Hans Landsberg[28], Marcus Landau[29] und Otto Rank[30] und Elisabeth Frenzel[31], die einen vollkommenen und detailreichen Überblick von Bruderkonflikten von der Antike bis in die Gegenwart leistet. Kein Werk der deutschen Literatur zeigt so stark und epochenrepräsentativ das Motiv der feindlichen Brüder und die Rolle des Vaters wie Schillers Die Räuber.

4.Die Räuber von Friedrich Schiller

4.1 Die Figuren im Drama

Der Analyse des Konfliktes wird der Abriss einer Charakterisierung vorangestellt. Die Darstellung der Figuren zu Anfang des Dramas soll die Grundlage für eine eingehende Analyse sein, in der detailliert auf die Figurenkonstellation eingegangen wird.

Graf Maximilian von Moor, der im Text als der alte Moor bezeichnet wird, ist Witwer und Vater der beiden Brüder Karl und Franz. Den Adelstitel verdankt er seinem Urahn Friedrich Barbarossa.[32] Nach dem Tod seiner Frau übernimmt er selbst die Erziehung seiner beiden Söhne und seiner verwaisten Nichte Amalia. Das Vermögen des alten Moors beinhaltet ein Schloss, welches er mit seinen Schutzbefohlenen und Bediensteten bewohnt.

Schillers Charakteristik auf dem Theaterzettel zur Uraufführung gibt einen wichtigen Hinweis zur Figur des alten Mannes: „Der alte Moor, ein allzu schwacher nachgebender Vater, und Stifter Verderben und Elend seiner Kinder.“ [33] Als guter, aber auch schwacher Mann wird er beschrieben. So ist er blind in seiner Liebe zu seinem Lieblingssohn Karl und zieht ihn dem jüngeren Franz vor. Der Schlüssel für das Verständnis des Stücks liegt in der Schwäche des Vaters, dem Jüngeren väterliche Zuneigung zu gewähren. So darf Karl alle Freiheiten genießen und in Leipzig studieren, während Franz durch strengen Gehorsam versucht, Anerkennung seines Vaters zu erhalten.

Von Anfang an wird im Drama der Kontrast zwischen den Brüdern hervorgehoben. Die beiden werden vom alten Moor verglichen, indem er Karls positive Eigenschafte herausstellt und betont. In Karl sieht der Vater einen „warmen Freund eines Freundes, […] einen trefflichen Bürger, [...] einen Helden, [...] einen großen großen Manne…“ [34] Nicht nur der Liebling des Vaters ist der Erstgeborene, sondern auch der Dienerschaft.[35] Er zeigt sich schwärmerisch und idealistisch und repräsentiert mit seinem Selbstbewusstsein und seiner Stärke den Typus des Stürmer und Drängers. Zu Beginn des ersten Aktes wird Karl durch seinen Bruder eingeführt: „Der feurige Geist, der in dem Buben lodert, sagtet Ihr immer, der ihn für jeden Reiz von Größe und Schönheit so empfindlich macht, diese Offenheit, […], diese Weichheit der Gefühls, […], dieser männliche Mut, […], dieser kindische Ehrgeiz, dieser unüberwindliche Starrsinn und all diese schöne, glänzende Tugenden.“[36] Die hier von Franz negativ gewerteten Eigenschaften Karls, werden für den Leser zu einem Bild eines mutigen, willensstarken, klugen jungen Mannes.

Franz wird hauptsächlich durch seine eigenen Monologe charakterisiert. Er stellt den Typus des intelligenten, berechnenden Widersacher der Handlung dar[37] und verkörpert gleichzeitig die aufklärerische Vernunft. Durch zwei Dinge fühlt er sich benachteiligt. Zum einen fühlt er sich durch die Natur stiefmütterlich behandelt und zum anderen bedauert er, dass er nicht der Erstgeborene ist: „Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu seyn, und bey meiner Ehre! ich will sie geltend machen. - Warum bin ich nicht der erste aus Mutterleib gekrochen?“[38]

Die Unterschiede der beiden Brüder werden nicht durch ihre Charaktereigenschaften kenntlich gemacht, sondern auch durch die Beschreibung ihrer Äußerlichkeiten. Das Aussehen von Franz und Karl zeichnet sich durch den physiognomischen Kontrast aus. Zum Ausdruck kommt hier das Kalokagathieideal, welches edelmütige und tugendhafte Menschen als äußerlich schön und schlechte und amoralische als hässlich beschreibt. „Warum musste sie (die Natur) mir diese Bürde von Hässlichkeit aufladen? Gerade mir? […] Warum gerade mir diese Lappländersnase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentottenaugen? Wirklich, ich glaube, sie hat von allen Menschensorten das Scheußliche auf einen Haufen geworfen und mich daraus gebacken,“[39] so klagt Franz.

[...]


[1] Zit. Sautermeister, Gert: Die Räuber. Ein Schauspiel (1781), in: Luserke-Jaqui, Matthias (Hrsg.): Schiller- Handbuch. Leben, Werk,Wirkung, Stuttgart 2005, S. 8.

[2] Sämtliche Titel der Quellen und Zitate daraus wurden in dieser Arbeit kursiv gesetzt.

[3] Zit. Schmidt, Otto: Die Uraufführung der "Räuber" - ein theatergeschichtliches Ereignis, in: Stubenrauch, Herbert / Schulz, Günther (Hgg.): Schillers Räuber, Mannheim 1959, S. 151.

[4] Zit. Mahnert, Detlev: Die Räuber. Friedrich Schiller. Inhalt, Hintergrund, Interpretation, München 2005, S. 28.

[5] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: Eine sozialhistorische Betrachtung der Entstehung und Verbreitung des Bürgerlichen Familienideals in Deutschland, in: Krüger, Dorothea C. / Herma, Holger / Schierbaum, Antja (Hgg.): Familie(n) heute. Entwicklungen, Kontroversen, Prognosen, Weinheim 2013, S. 18-35.

[6] Vgl. Barner, Wilfried: Lessing. Epoche, Werk, Wirkung, München 1998, S. 56.

[7] Geprägt wurde dieser Begriff von Otto Brunner (1966): Brunner, Otto: Das „ganze Haus“ und die alte europäische Ökonomik, in: Oeter, Ferdinand (Hrsg.): Familie und Gesellschaft, Tübingen 1966.

[8] Vgl. Gestrich, Andreas: Neuzeit, in: Gestrich, Andreas / Kause, Jens-Uwe/ Mittauer, Michael: Geschichte der Familie, Stuttgart 2003, S. 387.

[9] Vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg: Die Familie. Geschichte, Geschichten und Bilder, Frankfurt / Main, 2. Auflage 1990, S. 8.

[10] Vgl. ebd. , S. 102.

[11] Zit. Kucklick, Christoph: Das unmoralische Geschlecht. Zu Genese der negativen Andrologie, Frankfurt am Main 2008, S. 11.

[12] Zit. ebd. , S. 65.

[13] Vgl. Kiesel, Helmuth /Münch, Peter: Gesellschaft und Literatur im 18. Jahrhundert. Voraussetzungen und Entstehung des literarischen Markts in Deutschland, München 1977, S. 55.

[14] Vgl. Rosenbaum, Heidi: Formen der Familie. Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstruktur und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, 6. Auflage, Frankfurt a. Main, S. 251.

[15] Vgl. ebd. , S. 284.

[16] Vgl. ebd. , S. 258.

[17] Zit. Becker, Sabina: Bürgerlicher Realismus. Literatur und Kultur im bürgerlichen Zeitalter 1848-1900, Tübingen / Basel 2003, S. 41f.

[18] Vgl. Rosenbaum 1993, S. 310.

[19] Vgl. Harnisch, Antje: Keller, Raabe, Fontane. Geschlecht, Sexualität und Familie im bürgerlichen Realismus, Frankfurt / Main 1994, S. 16.

[20] Vgl. Wenzel, Stefanie: Das Motiv der feindlichen Brüder im Drama des Sturm und Drang, Frankfurt am Main 1993, S. 15.

[21] Zit. Goethe, Johann Wolfgang von: Maximen der Reflexionen. Hamburger Ausgabe in 14. Bänden, Bd. 12, München 1998, S. 495.

[22] Zit. 1 Mose 4, 1-8.

[23] Zit. Kaiser, Gerhard: Feindliche Brüder und ihre Väter, in: Bader, Dietmar (Hrsg.): Kain und Abel, Rivalität und Brudermord in der Geschichte der Menschheit, München / Zürich 1983, S. 46.

[24] Zit. 1 Mose, 4, 7.

[25] Vgl. Kaiser 1983, S. 46.

[26] Zit. 1 Mose 4, 15.

[27] Vgl. Kaiser 1983, S. 48.

[28] Landsberg, Hans: Feindlich Brüder, in: Das literarische Echo 6 (1903/1904), Sp. 819-825.

[29] Landau, Marcus: Die feindlichen Brüder auf der Bühne, in: Bühne und Welt, Zeitschriften für Theaterwesen, Literatur und Musik, Bd 9.

[30] Rank, Otto (Hrsg.): Das Bruderhaß-Motiv. Von Sophokles bis Schiller, in: Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage, Leipzig / Wien 1912.

[31] Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon wirkungsgeschichtlicher Längsschnitte, 3. Auflage, Stuttgart 1988.

[32] Vgl. Schiller, Friedrich: Die Räuber. Sämtliche Werke, Bd. 1, in: Fricke, Gerhard / Göpfert, Herbert G. / Stubenrauch, Herbert (Hgg.): Geschichte, Dramen I, München 1958, S. 570. (Folgend mit Schiller, Die Räuber zitiert)

[33] Zit. Hofmann, Michael: Friedrich Schiller. Die Räuber, in: Bogdal, Klaus Michael / Kammler, Clemens (Hgg.): Oldenbourger Interpretationen mit Unterrichtshilfen, München 1996, S. 81.

[34] Zit. Schiller. Die Räuber, S. 496.

[35] Vgl. Schiller. Die Räuber, S. 577-582.

[36] Vgl. ebd. , S. 495.

[37] Vgl. Golz, Jochen: Der mäandrische Weg des Karl Moor. Die Räuber, in: Dahnke, Hans-Dietrich (Hrsg.): Schiller. Das dramatische Werk in Einzelinterpretationen, Leipzig 1982, S.10.

[38] Zit. Schiller. Die Räuber, S. 500.

[39] Zit. Schiller. Die Räuber, S. 500f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Familienkonflikte in "Die Räuber" von Friedrich Schiller. Verfeindete Brüder und das Aufbegehren gegen den Vater als epochentypische Leitmotive?
Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,0
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V418356
ISBN (eBook)
9783668673892
ISBN (Buch)
9783668673908
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schiller, räuber, literatur, weimar, goethe, konflikt, brüder, vater, bruder
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Familienkonflikte in "Die Räuber" von Friedrich Schiller. Verfeindete Brüder und das Aufbegehren gegen den Vater als epochentypische Leitmotive?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418356

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