Arno Gruens "Wider die kalte Vernunft". Gegenentwurf zum stoischen Grundgedanken der Seelenruhe


Essay, 2016

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Die Stoiker und ihre Lehren gehören zu den wirkungsmächtigsten Philosophien der abendländischen Geschichte. Die Philosophie der Stoa und insbesondere deren Lehre geht auf die Zeit zwischen ca. 300 v. Chr. bis in das 2. Jahrhundert n.Chr. zurück. Der Einfluss der Stoiker ist bis heute noch allgegenwärtig, wie verwenden oft im Sprachgebrauch den Begriff der Seelenruhe, oder bezeichnen etwas Standhaftes nicht als unerschütterlich, sondern stoisch. Die Ethik der Stoa stellt, wie auch viele andere philosophische Lehren der Antike, die Suche nach dem persönlichen Glück in den Fokus. Grundlegend sind die Stoiker davon überzeugt, dass man eine Gleichgültigkeit oder Unerschütterlichkeit in Bezug auf unabänderliche Dinge entwickeln muss, um sein persönliches Glück zu erreichen. Diese Immunität erstreckt sich ebenfalls auf die Affekte und Leidenschaften, weshalb die Stoiker oft als überrationalisiert und emotionslos betrachtet werden. Im Stoizismus liegt zudem ein erheblicher Wert auf dem Vernunftbegriff. Die eigene Vernunft diene als Wegweiser für eine angemessene Selbstreflexion im Kosmos. Einige berühmte Vertreter der jüngeren Stoa sind zum Beispiel Epiktet[1] und der römische Kaiser Marc Aurel[2].

Die Vernunft steht ebenfalls bei dem Werk Wider die kalte Vernunft von Arno Gruen im Fokus. Wider die kalte Vernunft, welches die letzte Veröffentlichung des verstorbenen Psychoanalytikers ist. Nachdem er vorrangig über psychologische Ursachen von Gewalt und Fremdenhass publizierte, versuchte er in dieser Schrift deutlich zu machen, dass eine positive menschliche Entwicklung eben nicht auf der Vernunft gewichtet ist, da der Mensch ein durchaus empathisches Wesen ist. In diversen Kapiteln klärt er auf, wie gefährlich es ist, alles der abstrakten Rationalisierung zu unterwerfen – so wie es die Stoiker einfordern – und wie man diese Entwicklung umkehren kann. Er beschreibt, wie wichtig es ist, Emotionen zu haben und Emotionen im frühkindlichen Alter frei entwickeln zu können. Gruen schreibt von einer abstrakten Rationalisierung, welche die Menschheit derzeit in die Knie zwingt. Die Stoiker hingegen fordern Abstraktion und Rationalität, weshalb es fraglich ist warum unsere Gesellschaft von Gruen so kritisch betrachtet wird, obwohl genau das der stoische Weg zum Glück ist. Im Folgenden werde ich untersuchen, inwiefern Gruen’s Erläuterungen gegen Emotionslosigkeit und eine vernunftgeleitete Gesellschaft in seinem Werk den Glücks- und Lebensentwurf des Stoizismus widerlegen. Bevor eine detaillierte Darstellung der Argumente Gruens aufgeführt werden kann, werde ich die grundlegenden Annahmen des Stoizismus untersuchen. Darauffolgend werde ich die zentralen Aspekte aus Wider die kalte Vernunft – Empathie, Bewusstsein und Mutter-Kind-Bindung – mit dem stoischen Weltbild vergleichen.

Der Hauptaspekt der stoischen Ethik, ist der Weg zur Erreichung des persönlichen Glücks. Doch hingegen des gängigen Glücksverständnisses, sieht die Stoa das Glück als nicht zufällig. Das Glück sei der Zustand vollkommener Zufriedenheit, die Freiheit von Lust und Leiden, und nicht die Anhäufung glücklicher Begebenheiten, Macht, Reichtum oder Gesundheit. Diese Dinge liegen nicht in der Obhut des Individuums, weshalb die Stoiker der Überzeugung sind, die Menschen müssen sich frei machen von allen äußeren Einflüssen. Das Einzige, was voll und ganz in der Macht des Individuums stünde, sei die Seele und die Vernunft (vgl. Conradt). Die Stoiker[3] sehen sich selbst als naturgebunden und leben nach einen kosmologischen Prinzip, welches besagt, dass die Natur ein vollkommenes Ganzes ist, und alles darin seinen Platz hat – ebenso der Mensch als Individuum. Freiheit und Verantwortung basieren auf der Einsicht in die Notwendigkeit, wodurch der Mensch in der Lage ist, seinem Schicksal freudig entgegenzutreten. Aus dieser Einsicht resultiert die stoische Seelenruhe, welche auf drei verschiedenen Faktoren basiert: Freiheit von Leidenschaften (apátheia), Selbstgenügsamkeit (autárkeia), und Unerschütterlichkeit (ataraxía). Zwingend notwendig für diese Faktoren ist eine erhebliche Affektregulation und –kontrolle (vgl. Sommer 2016, S.12). Die Entstehung der Stoa fällt in etwa auf die gleiche Zeit wie die Entstehung der Epikureischen Schule, weshalb die Lehren nicht ganz zufällig einige Parallelen aufweisen. Wie Epikur, sind auch die Stoiker der Überzeugung, Affekte seien „vernunftlos und wider der Natur“ (Stobaeus, S. 490). Sie würden die Seele verwirren (vgl. Epikur, S. 133) und dadurch zu einem seelischen Disäquilibrium führen, welches das persönliche Glück verhindert. Nach Stobaeus überwältigt jede Leidenschaft die Vernunft und übernimmt das Führungsvermögen, was in jeder Hinsicht negative Auswirkungen habe, da das stoische Weltbild auf der Vernunft basiert (vgl. Stobaeus, S. 490). Um diesen problematischen Bereich zu bewältigen, bedurfte es einer detaillierten Systematisierung der Affekte. Die vier primären Affekte, Begierde, Furcht, Traurigkeit und Lust, seien irrational (vgl. Stobaeus, S. 490). Der Begriff Affekt ist hierbei jedoch nicht gleichzusetzen mit dem Gefühl. Selbst Stoiker gehören zur Gattung des Homo sapiens und entwickeln zwangsläufig Gefühle; sie sind oder waren keine Maschinen. Doch im Gegensatz zu den Affekten, welche wider der Natur seien, existieren grundsätzlich drei vernunftgemäße Gefühle: Freude, Vorsicht und Wünschen (vgl. Diogenes, S. 492). Es wird deutlich, dass die Freude der Lust entgegengesetzt ist; Freude ist ein wohlbedachtes Gefühl (vgl. Diogenes, S. 492). Genauso ergeht es der Vorsicht, mit der Furcht, dem Wünschen und mit der Lust. Sie sind den Affekten entgegengesetzt und diese Gefühle sind rein intrinsische Faktoren ‒ sie dürfen nicht abhängig von äußeren Faktoren sein. In Bezug auf den Glücksbegriff, passen sich die Stoiker ihrer Rolle in der Natur an und haben ihre individuelle Einstellung insofern geändert, dass sie nur das bestreben bzw. sich wünschen, was in ihrer Macht steht. Der Irrglaube, dass man alles erreichen kann, wenn man sich nur genug anstrengt, ist für die Stoiker eine Utopie. Das Glück selbst ist jedoch keine Utopie, denn der Stoizismus besagt, dass für das eigene Glück, nur das individuelle Innenleben des Menschen wichtig ist, eben das, was in unserer Macht steht. Dazu muss man sich frei machen davon, das äußerlich Gute anzustreben und das äußerliche Übel zu fürchten. Das gipfelt im stoisch sittlichen Ideal des stoischen Weisen, welcher unter anderem immun gegen Affekte und Leidenschaften sei (vgl. Masek 2012, S. 225). Für die Stoiker ist jeder Mensch bei der Geburt gleichwertig und in gleichem Maße vernunftbegabt, also hat Jeder die Chance auf persönliches Glück. Man kann zusammenfassend sagen, dass die Stoiker der Überzeugung sind, dass für das Glück nur man selbst verantwortlich sei, frei nach dem Motto „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“. In der Zeit der Stoiker war die Wissenschaft noch nicht so weit voran geschritten, dass diese Aussagen mit empirischen Studien oder psychologischen Untersuchungen belegt werden konnten. Doch auch ohne diese Belege beriefen sich die Stoiker darauf, dass Tatsachen nicht entscheidend seien, entscheidend allein sei die persönliche Meinung (vgl. Conradt). Aber kann man sich sicher sein, dass egal in welchen Verhältnissen man geboren wird und aufwächst, egal wie viele glückliche Zufälle oder Pech einen ereilt, jeder die Chance auf Glück hat, so wie es der der Stoizismus definiert? Bei dieser Frage gehen die Meinungen vieler stark auseinander. In Arno Gruen’s Wider die kalte Vernunft wird nicht explizit nach dem Glück gesucht. Es ist eine Untersuchung der gegenwärtigen Gesellschaft und ob in dieser Gesellschaft ein friedliches Zusammenleben und die Option zum Glücklichsein möglich ist, oder dem allein die Grundlagen fehlen. Hier wird ersichtlich, dass Gruen eher die Gesellschaftsfähigkeit untersucht, wobei die Stoa den Fokus auf das Individuum und den persönlichen Schlüssel zur Glückseligkeit legt und wenig auf die Auswirkungen in der Gesellschaft eingeht. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass Gruen eben nicht der Ansicht ist, dass jeder die Chance auf ein glückliches und zufriedenes Leben hat. Der Mensch ist abhängig. Abhängig von der Gesellschaft in der er lebt, abhängig von modernen Institutionen, abhängig von seiner Familie, insbesondere in den ersten Lebensmonaten. Es sei eine Illusion, dass man – im Gegensatz zur Antike oder dem Mittelalter – frei ist.

Er beginnt seine Ausarbeitung mit der historischen Hinwendung zur Mutter-Kind-Bindung, welche einen außerordentlichen Platz in Beziehung zu den Emotionen einnimmt. Die Verbindung zwischen Säugling und der versorgenden Person, sei maßgeblich für die gesamte nachfolgende Entwicklung des Kindes (vgl. Gruen 2016, S. 25). Bei der Geburt ist der Säugling theoretisch noch zu unreif für unsere Welt, weshalb enorm viel Pflege, Aufmerksamkeit und Empathie von den Eltern aufgebracht werden muss, um das Kind zu fördern (vgl. Gruen 2016, S 26). Um verheerende Auswirkung von unzureichender Zuneigung in den ersten Monaten nach der Geburt zu verdeutlichen, schreibt Gruen: „unzureichende Versorgung des Säuglings bringt Lebewesen hervor, die ihrerseits die Bedürfnisse anderer missachten und andere Wesen missbrauchen“ (Gruen 2016, S. 27). Die Menschen werden unfähig zu Kooperation und dies hat einen erheblichen Einfluss auf späteres Gruppenverhalten; die Tendenz zu Aggressivität und Dominanzbeziehungen ist gesteigert, welche wiederrum Isolation und psychische Distanz fördert (vgl. Gruen 2016, S. 29). Gruen stellt ebenfalls die Hypothese auf, dass der Mangel an Sicherheit in der elterlichen Beziehung ein Grund für die ständige Rastlosigkeit und Nervosität in unserer heutigen Gesellschaft sein könnte (vgl. Gruen 2016, S. 51). Schmerz und Leid werden als Schwäche erkannt, weshalb sie unterdrückt werden; Diese Unterdrückung verhindert die Freisetzung von Endorphinen und das steigert die Tendenz zu Aggression (vgl. Gruen 2016, S. 79). Die Stoa, welche als selbst-zentriert gilt, verfügt kaum über Schriften, welche die elterlich empathische Bindung betrachten. Das Szenario, welches Gruen in seinem Werk beschreibt, erscheint auf den ersten Blick als perfekte Grundlage zum stoischen Denken – rationalisiert und vernunftgebunden, ohne Abhängigkeit. Jedoch scheint es wichtig, dass man zwischen dem Menschen, der sein Selbst erkennen kann und einem Neugeborenen stark differenzieren muss. Die Stoiker selbst haben wenig mit empirischen Belegen gearbeitet und sich eher ihrer kognitiven Fähigkeiten bedient. Ein Säugling ist abhängig von elterlicher Fürsorge um sein Bewusstsein insoweit auszubilden, dass er sich seiner Selbst auch bewusst werden kann. Doch inwieweit kann sich das Bewusstsein selbständig ausbilden? Gruen versucht diese Frage insofern zu beantworten, dass sich das Bewusstsein beim Menschen ausbildet, was unaufhaltsam ist, doch er stellt Kognition entgegen Empathie. Dies wird kaum im Stoizismus betrachtet. Die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen stehen im Vordergrund und die empathische Fähigkeit wird gänzlich vernachlässigt. Gruen hingegen macht deutlich wie wichtig Empathie für die Entwicklung, gar der gesamten Evolution des Menschen ist. Er stellt die Hypothese auf, dass sich die Verankerung des Bewusstseins in der Evolution des Menschen von der rechten Hirnhälfte, auf die linke Hirnhälfte verlagert hat (vgl. Gruen 2016, S. 67). Die Bedeutung der beiden Hirnhälften beschreibt Gruen wie folgt: „Während die rechte Seite das Ganze im Blick hat und die Bedeutung der Teilaspekte innerhalb eines Kontexts erfasst, nimmt die linke Hälfte einseitige, voneinander isolierte Feinheiten wahr.“ (Gruen 2016, S. 35 f.). Menschen, bei denen diese Umlagerung nicht stattfand, leb(t)en in kleinen Stämmen und haben ein extrem ausgeprägtes Bindungsverhalten, sowie ein größeres Sicherheitsgefühl (vgl. Gruen 2016, S. 67). Dies geht zurück auf die bereits erwähnte Säuglingsversorgung. Der Wandel wird deutlich an einer Gesellschaft, die nun weniger auf Kooperation aus ist und mehr auf Wettbewerb. Eine Entwicklung ohne Zuneigung, wie schon beschrieben, manifestiert eine Art Misstrauen, Fremdes löst keine Neugier, sondern Angst aus (vgl. Gruen 2016, S. 69). Daraus entwickeln sich unbeherrschbare Folgen für die Gesellschaft. Gruen beschreibt, dass es in der Vergangenheit, vor Besitz und Politik, möglicherweise eine friedfertige Gemeinschaft gab, die Kooperation nicht als Mittel zum Zweck nutzte, sondern aus Empathie (vgl. Gruen 2016, S.71). Die Stoiker, als bedeutende Vertreter der antiken Philosophie, kennen das Leben in kleinen Stämmen genauso wenig wie wir. Das Aufkommen großer Zivilisationen, Unterwerfung und Eroberung, wie es in der fortschrittlichen Zeit der Fall ist, bringt unser Bewusstsein weg von empathischen Prozessen, hin zu abstraktem und überrationalisiertem Denken. Der Zwang zum Wettbewerb mit anderen hat zur Folge, dass Verantwortlichkeit und Mitgefühl gänzlich verloren gehen (vgl. Gruen 2016, S. 96 f.). Somit wird durch mangelnde Empathie in der frühkindlichen Phase, das Fundament des überrationalisierten Denkens gelegt, welches durch unsere gesellschaftlichen Verhältnisse wächst und nicht mehr gestoppt werden kann. Die Umlagerung der Dominanz ist nicht das Ergebnis der letzten 200 Jahre; Sie geht zurück bis zur Etablierung der Agrikultur. Gruen versucht deutlich zu machen, dass das Menschsein vor tausenden von Jahren eben nicht zwanghaft der ‚Kampf ums Überleben‘ war. Dieser Kampf begann erst mit der Herrschaft von anderen Menschen und mit der Unterdrückung. Diese existierte lange Zeit nicht, genauso wenig wie das Territorialverhalten. Gruen verdeutlicht das an diversen Fallbeispielen von heute noch existierenden Indianerstämmen, welche eher den Rückzug vor den Weißen antreten, als sich ihnen zu beugen oder gegen sie anzukämpfen. Diese andere Bewusstseinsform soll im Folgenden deutlich werden:

[...]


[1] (50 – ca. 138 n.Chr.), gelang als Sklave nach Rom, wo er mit der Stoa in Berührung kam, bald begann er selbst zu unterrichten, Fokus lag auf der Ethik

[2] (121 – 180 n.Chr.)

[3] Im Folgenden bezeichnet der Begriff „Stoiker“ sowohl Vertreter der alten, mittleren und jüngeren Stoa. Aus Gründen des besseren Verständnisses werden eventuelle Differenzen ausgeblendet. Der Fokus liegt auf dem Grundgedanken der Seelenruhe, welcher jeder stoischen Überlegung zugrunde liegt.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Arno Gruens "Wider die kalte Vernunft". Gegenentwurf zum stoischen Grundgedanken der Seelenruhe
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Gefühle, Affekte, Stimmungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V418368
ISBN (eBook)
9783668673304
ISBN (Buch)
9783668673311
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gefühle, Affekte, Stimmungen, Stoiker, Stoizismus, Arno Gruen, Vernunft, kalte Vernunft, Antike, Empathie, Bewusstsein, Bindung
Arbeit zitieren
Verena Odrig (Autor), 2016, Arno Gruens "Wider die kalte Vernunft". Gegenentwurf zum stoischen Grundgedanken der Seelenruhe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418368

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