Väter im Blick. Geschlechtskonstruktion von Männlichkeit und deren Auswirkung auf die Ausgestaltung der Vaterrolle


Masterarbeit, 2017

118 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Vaterschaft und Geschlecht – ein erster Blick auf die Vaterschaft in der Männlichkeitsforschung

2. Männlichkeit im Blick der Wissenschaft
2.1 Männlichkeit im Fokus der Geschlechterforschung
2.2 Das Konstrukt der Männlichkeit
2.3 Hegemoniale Männlichkeit

3. Geschlechtsidentitätserwerb und Geschlechterrollen
3.1 Dimensionen der Geschlechtsidentität
3.2 Die Entwicklung des geschlechtsbezogenen Selbst
3.3 Der Einfluss ausgewählter Sozialisationsinstanzen auf die männliche Identitätsbildung
3.3.1 Die Bedeutung der elterlichen Erziehung
3.3.2 Medialer Einfluss und die Bedeutung der Peergroup
3.4 Geschlechterstereotypenerwerb und bestehende Geschlechterstereotype

4. Männlichkeit(en)
4.1 Männliche Geschlechterbilder
4.2 Herausforderungen in der männlichen Biografie

5. Vaterschaft und Väterlichkeit
5.1 Einblicke in das heutige Verständnis von Vaterschaft und Väterlichkeit
5.2 Männer als Väter

6. Väter im Blick – Forschungsinteresse und empirische Methodik

7. Analytischer Blick – Männlichkeit und Väterlichkeit

8. Ausblick – Soziale Arbeit als geschlechterreflexive Pädagogik

9. Literaturverzeichnis

Quellennachweis Tabellen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Attribute hegemonialer Männlichkeit

Abbildung 2: Genogramm Familie Nägele

Abbildung 3: Genogramm Familie Klein

Abbildung 4: Einfluss der Männlichkeitsvorstellung auf die Ausgestaltung der Vaterrolle (auf Basis der Interviewpartner)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Stereotype männliche Eigenschaften

Tabelle 2: Stereotype weibliche Eigenschaften

1. Vaterschaft und Geschlecht – ein erster Blick auf die Vaterschaft in der Männlichkeitsforschung

Männer haben Muskeln, Männer sind furchtbar stark.

Männer können alles, Männer kriegen 'n Herzinfarkt.

Männer weinen heimlich, Männer brauchen viel Zärtlichkeit.

Männer haben's schwer, nehmen's leicht, außen hart und innen ganz weich.

Werden als Kind schon auf Mann geeicht, wann ist ein Mann ein Mann ?“

(Grönemeyer 1984)

Wann ist ein Mann ein Mann? Diese Frage formulierte Herbert Grönemeyer bereits 1984 in seinem Lied „ Männer “ und gab darin zugleich zahlreiche Antworten. Männer seien körperlich stark, verstecken ihre Emotionen, brauchen viel Zuneigung und sie bekommen bereits im Kindesalter vermittelt, dass dies männliche Verhaltensweisen darstellen, die eine allgemeine Gültigkeit besitzen. Doch stellen diese aufgeführten Eigenschaften tatsächlich einen Teil des gegenwärtigen Orientierungs­punktes männlicher Identität? Gibt es überhaupt ein vorherrschendes Männlichkeitsbild? Und welche Auswirkungen oder Folgen ergeben sich aus den bestehenden Bildern und Erwartungen an ‚Männlichkeit‘?

Das Geschlecht eines Menschen ist ein Merkmal, das nicht nur die biologische und sexuelle Entwicklung entscheidend prägt, sondern es ist ebenso für die psychosoziale Entwicklung von großer Bedeutung. Die Zugehörigkeit zur „sozial konstruierten Kategorie“ des eigenen Geschlechts führt dazu, dass gesellschaftliche Geschlechterrollenerwartungen in den Individuen erzeugt werden und die Erfüllung dieser Erwartungen oder Stereotype angestrebt wird. Somit spielt die Geschlechterkategorie in der gesamten menschlichen Entwicklung eine elementare Rolle (vgl. Alfermann 1996, S. 7).

Das gesellschaftliche Bild des Mannes und die damit verknüpften Rollenerwartungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Männer, die sich nicht mehr ausschließlich ihrer Berufstätigkeit widmen, sondern sich verstärkt an der Für­sorge und Pflege ihres Kindes beteiligen, sind heutzutage ebenso anerkannt wie Frauen, die sich überwiegend ihrer Karriere widmen. Diese Entwicklung lässt sich auf der einen Seite als Auflösung veralteter Rollenzuschreibungen ansehen. Auf der anderen Seite können diese Veränderungen jedoch auch als eine allgemeine Männlichkeitskrise gedeutet werden. Laut Johannes Piepenbrink (2012) belastet besonders die Flexibilisierung der Arbeits­verhältnisse die Männer. Die damit verbundene Auflösung der ausschließlichen väterlichen Rolle des Ernährers führt demnach zu einer großen Verunsicherung des männlichen Selbstverständ­nisses (vgl. ebd., S. 2).

Die Betreuung und Erziehung der Kinder hat in den letzten Jahren eine immer stärkere Bedeutung als väterliche Aufgabe erhalten – einerseits als zunehmendes individuelles Bedürfnis, andererseits als gesellschaftlicher Anspruch, der an Männer adressiert wird. Somit werden Fürsorglichkeit und Emotionalität immer wichtigere Bestandteile von Väterlichkeit und damit auch von Männlichkeit. Doch trotz der emotionalen Öffnung scheinen sich Männer, beziehungsweise Väter, in einem Spannungsverhältnis wiederzufinden. Denn die Erwerbsarbeit stellt laut Diana Baumgarten (2012) weiterhin den zentralen Bezugspunkt der Vorstellung von Männlichkeit dar (vgl. ebd., S. 40).

Die zunehmende Auflösung der ursprünglich klar geregelten Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern wird beispielsweise anhand der gestiegenen Frauener­werbstätigkeit oder dem Wandel vom Patriarchen zum fürsorglichen Vater deutlich. Für Jungen werden damit Männlichkeitsvorbilder sowie Mannhaftig­keitszuordnungen zunehmend uneindeutiger und interpretationsbedürftiger. Jedoch nicht nur Jungen, sondern auch junge Männer befinden sich aufgrund der Pluralisierung von Männlichkeit auf der Suche nach neuen männlichen Identitätsbezügen (vgl. Möller 2012, S. 43f.). Hinsichtlich der Auflösung traditioneller Milieus, die mit den Prozessen der Individualisie­rung, Pluralisierung und der teilweisen Abwertung der männlichen Definition der Erwerbsbiografie in Verbindung steht, zeichnet sich eine Vielzahl männlicher Lebensstile ab, wie auch eine Infragestellung des traditionellen Mannseins. Daher kann sich die männliche Identität nicht mehr am „Durchschnitt“, also an den gesellschaftlichen Erwartungen an das Männlichkeitsbild orientieren, sondern verlangt eine Suche nach neuen Vorstellungen vom eigenen Geschlecht (vgl. Böhnisch/ Winter 1993, S. 126f.).

Diese Suche nach der männlichen Identität kann dabei unterschiedliche Lebensbereiche tangieren, wie etwa Partnerschaften, das Berufsleben oder die Familie. Die Vaterschaft stellt an dieser Stelle eine äußerst wichtige Dimension der männlichen Biografie dar, da jeder Mann einen Vater hat oder potentiell Vater werden kann. Forschungen, die sich mit der Thematik der Männlichkeit auseinandersetzen, behandeln den Aspekt der Vaterschaft und Väterlichkeit jedoch nur sehr gering bis überhaupt nicht. Dies scheint sehr verwunderlich, da die Vaterschaft einen zentralen Aspekt des Mannseins darstellt. An dieser Stelle kommt die Frage auf, ob seitens der Beforschten aber auch Forscher*innen ‚Väterlichkeit‘ mit ‚Männlichkeit‘ möglicherweise in Konflikt steht, da mit der Vaterrolle gegenwärtig eine fürsorgliche, emotionale sowie körperliche Zuwendung zu den Kindern assoziiert wird (vgl. Wolde 2007, S. 47).

Anhand der geringen Anzahl an bisher existierenden Forschungen über die Verknüpfung von Männlichkeit und Vaterschaft wird deutlich, dass die Wissenschaft erst am Beginn des Erforschens eines potentiellen Zusammenhangs dieser beider Kontexte steht. Die vorliegende Masterarbeit setzt daher grundlegend an den beiden Systemen an und wird mittels einer empirisch qualitativen Erhebung die Auswirkung des bestehenden Männlichkeitsbildes von Vätern auf die Ausgestaltung ihrer Vaterrolle näher untersuchen.

Die folgende Forschungsfrage steht dabei im Fokus dieser Arbeit: Inwieweit beeinflusst das vorherrschende Männlichkeitsbild von Vätern die Ausgestaltung ihrer Vaterrolle ?“ Hierbei rücken weitere Fragen in den Fokus, die zur Beantwortung der leitenden Forschungsfrage dienen: Was beeinflusst die männliche Geschlechts Konstruktion? Wie prägend ist dabei der eigene Vater? Haben Männer eine klare Vor­stellung von Männlichkeit beziehungsweise setzen sie sich mit ihrem Männ­lichkeitsbild auseinander? Welche externen Zuschreibungen von männlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen existieren in unserer heutigen Gesellschaft? Und welche Auswirkungen hat all dies schließlich auf das Vaterschaftskonzept und die Ausübung der Vaterrolle?

Dass sich die Soziale Arbeit bisher recht wenig mit Vätern befasst, wird von vielen Autor*innen kritisch angemerkt. Christoph Liel (2016) stellt fest, dass eine Beteiligung von Vätern an dem Hilfsangebot der frühen Hilfen seitens pädagogischer Einrichtungen häufig kaum in Betracht bezogen wird (vgl. ebd., S. 30). Ebenfalls ist ein eher unbewusster Ausschluss der Väter von Angeboten und Institutionen zu vermerken. Beispiele hierfür sind Informationsflyer für familienbildende Programme verschiedener Träger, die mit Bildern werben, auf denen lediglich Mütter mit ihren Kinder abgebildet sind (vgl. Walter 2008, S. 276). Die Nichtbeachtung von Vätern kann zu einer fälschlichen Vermittlung von Zuschreibungen führen, weshalb Väter möglicherweise ihrer erzieherischen Beteiligung einen niedrigen Stellenwert zuschreiben. Dies wiederum kann zur Verstärkung bestehender Geschlechterstereotype führen – beispielsweise, dass sich Väter ihren Kindern gegenüber nicht emotional öffnen oder keine enge, liebevolle Beziehung zu ihnen aufbauen. Nach Christiane Rohleder (2006) liegt ein Grundproblem in der Sozialen Arbeit, Geschlechterverhältnisse erst dann in den Blick zu nehmen, wenn die sie bereits ihr „ destruktives Potential“ entwickelt haben (vgl. ebd., S. 302). Aus der Sozialen Arbeit ergibt sich auf der anderen Seite jedoch auch die Chance, präventive Arbeit mit Müttern und Vätern im Hinblick auf die Vermeidung von Geschlechterfallen zu betreiben sowie durch das stärkere Einbeziehen von Vätern ihre Erziehungsverantwortung und Fürsorge hervorzuheben (vgl. ebd., S. 304).

Um zu weiteren Ansatzpunkten für eine geschlechterreflexive Soziale Arbeit zu gelangen, sollen am Ende dieser Ausarbeitung die Ergebnisse der empirischen Analyse betrachtet werden. Das Ziel dieser Arbeit ist es somit, neben dem Erforschen des Zusammenhangs zwischen dem Männlichkeitsbild und der Ausübung der Vaterrolle, Handlungsansätze für die Soziale Arbeit aus diesem Zusammenhang ableiten zu können.

Zur Untersuchung der leitenden Forschungsfrage wird das leitfadengestützte Interview als geeignetes Forschungsinstrument gesehen. Im Rahmen der empirischen Untersuchung werden Väter zu ihrer Männlichkeitsvorstellung und Ausgestaltung der Vaterrolle befragt, um einen potentiellen Zusammenhang beider Aspekte untersuchen zu können. Die Auswertung des empirischen Materials erfolgt dabei mit der Methode der Grounded Theory.

Die Masterarbeit beginnt zunächst mit einer theoretischen Einarbeitung in die zu unter­suchende Thematik, um innerhalb der Analyse auf die erarbeiteten theoretischen Grundlagen aufbauen und mögliche Rückschlüsse ziehen zu können. Innerhalb des Theorieteils wird einleitend die Thematisierung von Männlichkeit in der Wissenschaft beschrieben. Um den Ausgangspunkt dieser Masterarbeit aufzeigen zu können, wird zunächst die bisherige Fokussierung von Männlichkeit in der Geschlechter­forschung beleuchtet und der bereits früh thematisierten Frauenforschung gegenüber­gestellt. Um in Kapitel 3 auf die Entstehung der männlichen Identität eingehen zu können, wird in Kapitel 2.2 zunächst das Konstrukt der Männlichkeit erläutert. Anschließend wird ein wissenschaftlich bedeutsames Männlichkeitskonzept, das der hegemonialen Männlichkeit vorgestellt und Bezug auf seine fortwährende Gültigkeit genommen.

Das darauffolgende dritte Kapitel behandelt die Bildung der männlichen Geschlechts­identität. Nach einer Definition des Begriffs ‚Geschlechtsidentität‘ folgt die Erläuterung der Entwicklung des geschlechtsbezogenen Selbst. Daraufhin sollen ausgewählte Sozialisa­tions­instanzen aufzeigen, welchen Einfluss diese auf die männliche Identitäts­bildung nehmen. Dabei wird zunächst auf den elterlichen Einfluss eingegangen, wobei in den darauffolgenden Unterkapiteln noch einmal zwischen der Mutter und dem Vater als Sozia­li­sationsinstanz unterschieden wird. Der gesellschaftliche und mediale Einfluss sowie der Einfluss der Peer-Group auf die männliche Identitätsbildung werden anschließend aufgezeigt. Zuletzt wird der Geschlechter­stereo­typen­erwerb thematisiert, um zum einen die Übernahme externer Bilder und Erwartungen bezüglich der Geschlechterrolle zu veran­schau­lichen. Zum anderen sollen bestehende Geschlechterstereotypen aufgezeigt werden, denen Männer gegenwärtig gegenüber­stehen.

Kapitel 4 befasst sich mit der Männlichkeit heute. Zunächst wird der Wandel männlicher Geschlechterbilder dargestellt. In diesem Kapitel sollen die historischen Veränderungen der Vorstellungen von Männlichkeit bis hin zum gegenwärtig bestehenden Männlichkeitsbild veranschaulicht werden. Darauf aufbauend wird in Kapitel 4.2 auf die vermeintliche „Krise der Männlichkeit“ eingegangen und zeigt Herausforderungen und Problematiken auf, mit denen sich Männer heutzutage konfrontiert sehen.

Kapitel 5 befasst sich mit dem Vatersein von heute. Nachdem das heutige Verständnis von Väterlichkeit und die Ausgestaltung der Vaterrolle vorgestellt werden, folgt eine Erörterung bezüglich des Zusammenhangs zwischen Männlichkeit und Väterlichkeit. Im nach­folgenden Methodenteil werden das gewählte Forschungsinstru­ment, die Analyse­methode sowie der Ablauf des empirischen Vorgehens dieser Masterarbeit vorgestellt sowie begründet. Im Anschluss an die Erläuterung des empirischen Vorgehens folgt schließlich die Auswertung der qualitativen Forschung.

2. Männlichkeit im Blick der Wissenschaft

2.1 Männlichkeit im Fokus der Geschlechterforschung

Der sozialwissenschaftliche Begriff der „Männerforschung“ hat sich inzwischen zu einem komplexen, multidisziplinären Wissenschaftsgebiet entwickelt (vgl. Böhnisch 2012, S. 24). Historisch betrachtet fokussierte sich die Geschlechterpolitik allerdings lange Zeit ausschließlich auf Frauen. Die Frauenpolitik wurde dabei als „ Antidiskriminierungs- und Gleichstel­lungsstrategie“ von und für Frauen betitelt (Gesterkamp 2012, S. 3). Während der 1970-er Jahre beschrieben Feministinnen ‚die Männer‘ als geschlossene herr­schende Geschlechtergruppe, die zur Unterstützung der Frauen aufgerufen wurde (vgl. ebd.). Zu Beginn der 1970-er Jahre erschienen in den USA erste kritische Publikationen[1] über Männer und Männlichkeit, in Folge einer sich entwickelnden Männerbewegung. Die männlichen Autoren legten ihren Blick auf die männliche Geschlechtsrolle und thematisierten erstmals die negativen Auswirkungen der männlichen Rolle auf die Männer (vgl. Döge/ Meuser 2001, S. 17). Die negativen Aspekte der Männerrolle wurden dabei unter den Stichworten Rollenkonflikt oder Rollenstress aufgeführt (vgl. Bereswill u.a. 2007, S. 9). In Deutschland wurden Männer Ende der 1970-er Jahre das erste Mal zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung, wobei Männer zu verschiedenen Aspekten des Geschlechterver­hältnisses befragt wurden. Die Aufmerksamkeit der Frauenforscher*innen auf den Mann führte zu der Diskussion, ob beziehungsweise in welcher Form sich die Frauenforschung mit dem Themenkomplex der Männlichkeit befassen soll (vgl. Döge/ Meuser 2001, S. 18).

In den 1990-er Jahren machte sich eine große Veränderung in der Ge­schlechterpolitik bemerkbar. Im deutschsprachigen Raum wurde ein Paradigmen­wechsel ein­gefordert – die Frauenforschung sollte sich zur Geschlechter­forschung wandeln (vgl. Fenske 2012, S. 11). Da es zu keiner erneuten Festschrei­bung der Machtverhältnisse der Geschlechter­dichotomie kommen sollte, wurde die Forderung laut, das Untersu­chungsinteresse nicht ausschließlich auf die „ nicht-dominate Gruppe “ der Frauen zu legen (vgl. ebd.). Männer wurden nun von einzelnen Gleichstellungsbeauf­tragten angesprochen und die Erziehungswissenschaft veröffentlichte ab diesem Zeitpunkt zunehmend Artikel über die männliche Sozialisation und die Lebenslagen männ­licher Jugendlicher (vgl. Döge/ Meuser 2001, S. 19). Auch das Thema ‚Vater‘ rückte in den Fokus der Aufmerksamkeit, da sich Mütter eine Entlastung im Familienleben wünschten (vgl. Gesterkamp 2012, S. 3). Zu dieser Zeit etablierten sich in den USA die sogenannten Men’s Studies als wissenschaftliche Disziplin. Die Men’s oder auch Masculinity Studies stehen der einseitigen Zuschreibung entgegen, dass Geschlecht lediglich weiblich ist. Zudem wird Männlichkeit in Beziehung zur Weiblich­keit gesetzt, aber auch in Relation zur eigenen (männlichen) Geschlechtergruppe. Während die Men’s Studies in den USA neben der Kategorie des Geschlechts noch weitere Aspekte, wie die Ethnie oder soziale Schicht zur männlichen Identitätsbildung einbe­ziehen, weist die deutsche Männerforschung lange Zeit keine ähnlichen Verknüpfungen auf (vgl. Welpe/Schmeck 2005, S. 39).

Aktuelle Debatten der Geschlechterforschung setzen sich mit der Kooperation zwischen der Frauen- und Männerforschung auseinander, um zu einer ganzheitlichen Geschlechterforschung zu gelangen (vgl. Welpe/ Schmeck 2005, S. 39). Laut Uta Fenske (2012) wurde die Forderung nach der Geschlechterforschung (also den Fokus auf die Frauen- wie auch Männerforschung zu legen) weitestgehend umgesetzt (vgl. ebd., S. 11). Es sind jedoch weiterhin Stimmen zu verneh­men, die „ das Ende des weiblichen Geschlechtermonologs “ fordern (ebd.). Die in einer Studie aus dem Jahr 2007 befragten 20-jährigen Frauen und Männer vertreten die Ansicht, dass die Gleichstellungspolitik die Zielgruppe der Männer noch nicht genügend in den Blick nimmt (vgl. Bmfsfj[2] 2007, S. 11). Auch in der Politik ist eine Vernachlässi­gung der Männerpolitik erkennbar. Zwar kündigte die Bundesregierung 2009 in ihrem Koalitionsvertrag eine „ eigenständige Jungen- und Männerpolitik “ an, jedoch wurden, abgesehen von dem Projekt „ Neue Wege für Jungs[3], männer­politische Themen nicht weiter beachtet (vgl. Gesterkamp 2012, S. 8). Der erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung[4] aus dem Jahr 2011 vernachlässigt ebenfalls die Männer deutlich und führt sie lediglich formelhaft auf. Somit kann der Gleichstellungs­bericht nach Walter Hollstein (2012) eher als Frauenreport angesehen werden (vgl. ebd., S. 14). Für Thomas Gesterkamp (2012) stellt das Übergehen des Mannes in Berichten oder Programmen keine irrelevante Formalie dar:

„Dass das Wort „Männer“ in den Titeln der zuständigen Stellen, in den Bezeichnun­gen für Kommissionen oder Berichten nicht auftaucht, ist keine Formalie. Vielmehr drü­cken sich darin [...] inhaltliche Nachrangigkeit und eine strukturelle Missachtung aus.“ (ebd., S. 9).

Innerhalb der Gleichstellungsdebatte wird Männerpolitik zwar als eigenständiger Bereich hervorge­hoben, jedoch wird Geschlechterpolitik in vielen Praxisfeldern oftmals noch mit Frauenpolitik gleichgesetzt. Um eine Chancengleichheit sowie gleichberechtigte, politische Strukturen erreichen zu können, bedarf es somit der Beachtung und Zusammenarbeit beider Geschlechter. Die Männerpolitik soll dabei „in Bewegung“ gehen, jedoch nicht gegen Frauen, sondern für Männer (vgl. Gesterkamp 2012, S. 9f.).

Um zunächst nachvollziehen zu können, was in den Sozialwissenschaften unter dem Ausdruck ‚Männlichkeit‘ verstanden wird, soll das nachfolgende Kapitel diesen Begriff näher erklären.

2.2 Das Konstrukt der Männlichkeit

Lange Zeit galt der Begriff des Mannes, mit allem was mit ihm verbunden wurde, als selbstverständlich und festgelegt. Seit einiger Zeit scheint jedoch die Antwort auf die Frage, was ein Mann ist und wann ein Mann ein Mann ist, zunehmend fragwürdiger, undeutlicher und problematischer. Aufgrund der bedeutsamen Einflüsse der Geschlechtlichkeit auf die Gesellschaft, ist der Begriff ‚Mann‘ mit vielen weiteren, teilweise sehr emotionalen Bedeutungen beladen (vgl. Majdanski 2012, S. 3). In gegenwärtigen Debatten, wie stark Mannsein von der Biologie oder von gesellschaftlichen Einflüssen geprägt wird, tauchen soziobiologische Erklärungen auf, die vorhandene Geschlechtsunterschiede auf biologische Gegebenheiten zurückführen möchten. Theorien der gesellschaftlichen Geschlechterkonstruktion reduzieren hingegen die biologischen Einflüsse auf ein Minimum. Der Fokus wird hierbei auf gesellschaftliche Einflüsse gelegt, die das Individuum über Sozialisationsprozesse prägen und geschlechtsspezifische Zuschreibungen so zur Selbstverständlichkeit werden lassen (vgl. Stiehler 2010, S. 41). Im weiteren Verlauf der Masterarbeit wird der Fokus ausschließlich auf den Aspekt der gesellschaftlichen Geschlechtskonstruktion gelegt, da die Arbeit zum Ziel hat, die männliche Sozialisation aufzuzeigen und näher zu erläutern.

Für Michael Meuser (2010a) stellen ‚Männlichkeit‘ und ‚Weiblichkeit‘ soziale Konstruktionen dar, die biologisch begründet sind (vgl. ebd., o.S.). Aus Sicht des Kulturwissenschaftlers Günter Kracht (1999) fungieren diese Konstruktionen als „ Attribute, bei der gesellschaftlichen Zuschreibung geschlechtsspezifischer Eigenschaften, Einstellungen und Erwartungen “ (ebd., S. 51). Dabei durchdringen sie alle Lebensbereiche, wie das Erziehungs-, Ausbildungs-, Berufs- und Familiensystem und konstruieren (Vor)Urteile in sozialen Gemeinschaften. Aufgrund der sozialen Konstruktion ist Männlichkeit stets fragil. Auch der Sozialwissenschaftler Jürgen Budde (2003) thematisiert den flexiblen Charakter von Männlichkeit. Für ihn existiert nicht nur eine einzige Form von Männlichkeit, da es sich um ein „ System unterschiedlicher Männlichkeiten “ handelt. Da dieses System nicht als starr anzusehen ist, findet es sich in einem kontinuierlichen Wandlungspro­zess wieder (vgl. ebd., S. 5). Das soziale Konstrukt ‚Männlichkeit‘ ist aufgrund seiner historischen Entstehung wandelbar, so Connell (2000), wobei unterschiedliche Kulturen und geschichtliche Epochen das soziale Geschlecht in unterschiedlicher Weise konstruieren (vgl. ebd., S. 21). Es lässt sich daher die Annahme aufstellen, dass sich heutzutage in den multikulturellen Gesellschaften diverse Dynamiken und Definitionen von Männlichkeit finden lassen (vgl. ebd.). Zunehmend erfolgt jedoch die Hinterfragung tradierter Männlichkeit, wobei alternative Antworten bislang fehlen. Nach Budde (2003) stellt dies eine gegenwärtige Heraus­forderung dar, die sich in pädagogischen Praxisfeldern widerspiegelt (vgl. ebd., S. 5).

Männlichkeit wird nach Jürgen Budde erst in interaktiven Aushandlungen hergestellt, was auch unter dem Ausdruck doing gender[5] bekannt ist. Dementsprechend muss die Geschlechts­zugehörigkeit fortlaufend aktiv hergestellt werden. Gleichzeitig ist Männ­lichkeit aber auch eine „ kollektive Abmachung darüber, wodurch sie sich eigentlich auszeichnet, welche sich mit der Zeit institutionalisiert “ (ebd., S. 5). Inhaltlich ist Männlichkeit jedoch keinesfalls exakt bestimmt, sondern definiert sich stets in Abgrenzung zur Weiblichkeit. Dabei ist es von Bedeutung, dass in der Verbindung mit anderen sozialen Differenzierungs­mustern wie soziale Herkunft, Alter oder Hautfarbe nicht nur ein einziges Bild von Männlichkeit – und somit auch von Weiblichkeit – besteht (vgl. Döge/ Volz 2002, S. 11f.).

Das ge­genwärtige soziale Konstrukt ‚Männlichkeit‘, so Budde, resultiert aus der Ge­schlechterord­nung der Moderne. Diese lässt sich anhand dreier Prinzipien charakteri­sieren: 1. dem Prinzip der Dichotomie (zwei Geschlechter (Männlichkeit und Weiblichkeit) werden als gegensätzliches Paar definiert), 2. der heterosexuellen Matrix (aufgrund der dichotomen Anordnung der Ge­schlechter beziehen sich beide Ge­schlechterkon­struktio­nen stetig aufeinander) sowie 3. dem Prinzip der Hierarchie (ein Machtnetz, das Weib­lichkeit stets unterordnet) (vgl. Budde 2003, S. 5f.). Das jeweils dominierende Männerbild, das den Rahmen dafür bestimmt, was „ein richtiger Mann“ ist, wird in der Männerforschung als ‚hegemoniale Männlichkeit‘ bezeichnet, welche im nachfolgenden Kapitel näher ausgeführt wird.

2.3 Hegemoniale Männlichkeit

Während der 1980-er Jahre wurden verschiedene Konzepte von Männlichkeit, einschließlich männlicher Herrschaft, gebildet. Lee Carrigan, Robert Connell und John Lee formulierten 1985 den Ansatz der hegemonialen Männlichkeit. Dieser wurde insbesondere von Connell weiterentwickelt (vgl. Meuser/ Scholz 2012, S. 24). Sein Theoriekonzept „ Der gemachte Mann “ verdeutlicht den Zusammenhang zwischen patriarchalen Strukturen sowie Macht und erlangte eine große Bedeutung, insbesondere in den sich zu dieser Zeit entwickelnden Men's Studies. Die Geschlechtertheorie von Connell ist eine der am meist verbreiteten Theorie zum Thema Geschlechtsspezifikationen (vgl. Keßler 2010, S. 16).

Hegemoniale Männlichkeit wurde von Connell als Dominanzmodell verstanden, in dem sich „ der dominante Männlichkeitstypus durchsetzt und die bestehende hierarchische Geschlechterordnung stabilisiert “ (Welpe/ Schmeck 2005, S. 38). Der Kern der Männlichkeitstheorie von Connell liegt in dem von Antonio Gramsci geprägten Begriff der Hegemonie, der den historischen Umstand bezeichnet, dass gesellschaftliche Machtstellungen von Gruppen nicht durch direkte staatliche Gewaltausübung, sondern über kulturelle (wie religiöse, mediale oder habituelle) Einflussmuster entstehen (vgl. Böhnisch/ Winter 1993, S. 35). Hegemonie versteht somit eine Form von Herrschaft, die jedoch nicht auf Zwang oder Gewalt beruht, sondern auf einem „ impliziten Einverständnis der Untergeordneten mit ihrer sozialen Lage “ (Meuser/ Scholz 2012, S. 24). Diese Unterordnung resultiert somit aus gesellschaftlich geteilten Normen, Werten und Deutungsmustern, die allesamt kulturell erzeugt werden. Meuser (2006a) umschreibt die angenommene männliche Dominanz wie folgt:

In der symbolischen und institutionellen Verknüpfung von Männlichkeit und Autorität liegt die gesellschaftliche Dominanz des männlichen Geschlechts begründet.(ebd., S. 162).

Das Verhältnis zur Weiblichkeit ist somit durch Unterordnung und Dominanz bestimmt, was für Connell (1999) die „ Hauptachse männlicher Macht “ darstellt (ebd., S. 94). Neben dem Verhältnis von Männlichkeit zu Weiblichkeit, bestimmt sich Männlichkeit auch durch Beziehungen, die Männer untereinander haben. Diesen Aspekt ordnet Connell der „ Nebenachse männlicher Macht “ zu (ebd.). Da in einer Gesellschaft verschiedene Konstruktionen von Männlichkeit, die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen, miteinander konkurrieren, kann nur jeweils eine historisch zu konkretisierende Männlichkeit hegemonial sein. Alle anderen bestehenden Formen von Männlichkeit stehen in spezifischen Relationen zu der hegemonialen Männlichkeitsform (vgl. Meuser/ Scholz 2012, S. 24). Entsprechend können mehrere Männlichkeiten auf Grundlage einer gemeinsamen Basis parallel existieren. Die Hegemoniale Männlichkeit ist jedoch keine beständige fixierte Charakter­eigenschaft, sondern durch den historischen Kontext bestimmt und somit wandelbar (vgl. Keßler 2010, S. 16ff.). Der Zugang zur hegemonialen Männlichkeit steht in Verbindung mit verschiedenen Faktoren, wie beispielsweise der Klasse, Ethnizität oder dem Bildungsstand. Das Geschlecht formt sich im Zusammenspiel mit anderen Kategorien, weshalb Männlichkeit nicht automatisch mit Macht gleichgesetzt werden kann (vgl. Spindler 2007, S. 121).

Die Konstruktion von Männlichkeit beruht somit auf doppelter Dominanz und Abgrenzung und stellt die Unterordnung von anderen sicher – einerseits von Weiblichkeit(en) und andererseits von Männlichkeit(en) (vgl. Meuser/ Scholz 2012, S. 24; vgl. Welpe/ Schmeck 2005, S. 38f.). Connells Grundannahme, dass Männlichkeit als ein Konstrukt zu verstehen ist, bietet die Möglichkeit, „ soziale Systeme für und durch jeden Einzelnen prinzipiell zu verändern “ (Keßler 2010, S. 16). Hegemoniale Männlichkeit ist somit nicht starr, sondern abhängig von Zeit und Ort. Wie sich hegemoniale Männlichkeit auch immer charakterisiert, so stehen immer die Dominanz sowie die Abwertung untergeordneter Männlichkeiten im Mittelpunkt. Zusätzlich erfolgt stets die Entwertung von Frauen, die ‚Weiblichkeit‘ verkörpern, und die den logischen Gegenpart des ‚Männlichen‘ einnehmen (vgl. ebd.).

Trotz des flexiblen Charakters der hegemonialen Männlichkeit lässt sich ein leitendes Männlichkeitsbild innerhalb des westlichen Kulturkreises definieren (vgl. Döge/ Volz 2002, S. 12).

Abbildung 1: Attribute hegemonialer Männlichkeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie anhand der Abbildung zu erkennen ist, wird die leitende hegemoniale Männlichkeit stets als „weiß“, heterosexuell, mächtig und erwerbsorientiert definiert, wobei sich der Erfolg primär in der Auseinandersetzung zwischen Männern bestimmt. Die Veränderung hegemonialer Männerbilder oder Geschlechterbilder im Allgemeinen fällt häufig mit dem Wandel sozioökonomischer Strukturen zusammen, wobei sich innerhalb der gesellschaftlichen Umbruchsperiode die Geschlechterverhältnisse im Ganzen modifizieren (vgl. Döge/ Volz 2002, S. 13).

Das eifrige Bemühen des einzelnen Mannes, der hegemonialen Form von Männlichkeit zu entsprechen, kann mit großer Mühe und Problemen in Verbindung stehen (vgl. Keßler 2010, S. 16). Der Männerforscher Michael Meuser erforschte den Stellenwert des Musters der ‚hegemonialen Männlichkeit‘ bei jungen Männern, im Rahmen der gegenwärtigen Umbruchsituation in den Geschlechterbeziehungen. Der Wissenschaftler verdeutlichte in einem wissenschaftlichen Beitrag, dass sich Männer im homosozialen Gruppenkontext auf andere Weise präsentieren als in heterosozialen Beziehungskonstellationen. Die Aneignung von Männlichkeit findet in einem hohen Maße innerhalb homosozialer Kontexte statt, die das hegemoniale Männlichkeitsbild deutlich verstärken. Davon sind auch die Männer betroffen, die nicht-traditionelle Einstellungen vertreten, indem sie beständig auf die Gültigkeit des hegemonialen Ideals hingewiesen werden (vgl. Behse-Bartels 2013, S. 53). Dass die Gleichstellungs- und Gleichheitserwartungen junger Frauen diesen männlichen Hegemonieansprüchen entgegenstehen, ist durchaus im Bewusstsein der jungen Männer. Und genau daraus entwickelt sich eine „ Konfliktkonstellation zwischen den diskrepanten Erwartungen beider Geschlechter “ (ebd.). Meuser (2010) resümiert, dass Männer aufgrund des Gruppendrucks innerhalb homosozialer Kontexte genötigt sind, „ ein Selbstbild zu präsentieren und eine Männlichkeit zu inszenieren, die nicht ihrem ‚wirklichen‘, ‚wahren‘ oder ‚authentischen‘ Selbstverständnis entspricht“ (ebd., S. 431).

Zwischenfazit

Seit der 1990-er Jahre ist Männlichkeit – neben der Weiblichkeit – zu einem gleichwertigen Themengebiet der Geschlechterforschung geworden und wird seit dem zunehmend in den wissen­schaftlichen Blick genommen. Während die Assoziationen und Zuschreibungen der traditionellen Rollenbilder von Frauen und Männern noch klar definiert schienen, wird die Definition von Männlichkeit aufgrund der Auflösung ursprünglicher Rollenzuschreibungen sowie der Pluralisierung der Männlichkeit zunehmend vielfältiger. Dennoch scheint das Konzept der hegemonialen Männlichkeit, das in den 1980-er Jahren seinen Anfang fand, bis heute das leitende Männlichkeitsbild zu sein, dem Männer versuchen zu entsprechen. Um zu verstehen, wie sich Männlichkeitsbilder überhaupt erst entwickeln und verfestigen können, werden in Kapitel 3 der Geschlechtsidentitätserwerb sowie die Entstehung von Geschlechterrollen erläutert.

3. Geschlechtsidentitätserwerb und Geschlechterrollen

Wenn von der Identität eines Menschen gesprochen wird, handelt es sich meist um die Beschreibung eines Erwachsenen. Kinder, die sich noch in der Entwicklung befin­den, müssen ihr Selbstbewusstsein sowie Selbstkonzept und somit ihre Identität jedoch erst noch entwickeln (vgl. Blank-Mathieu 2001, S. 9). Sie lernen dabei, sich selbst von anderen abzugrenzen, aber auch, dass sie verschiedenen Gruppen angehören (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 57). Erwachsene müssen allerdings ebenso die eigene Identität immer wieder neu hinterfragen, da diese oftmals an verschiedene Le­bensumstände angepasst werden muss. Somit ist Identität stets als etwas Fließendes und Veränderbares anzusehen (vgl. Blank-Mathieu 2001, S. 9f.). Die biologi­schen Kategorie stellt die erste Zu­gehörigkeit zu einer sozialen Kategorie dar, die der Mensch erkennt (vgl. Steins 2008, S. 39). Somit ist das Geschlecht ein wesentli­cher Bestandteil der persönlichen Identität (vgl. Welpe/ Schmeck 2005, S. 24). Da diese Zugehörigkeit besonders wirksam in den Prozess der Identitätsentwicklung ein­greift, wird im weiteren Verlauf des Kapitels auf die Entwicklung der Geschlechtsiden­tität eingegangen.

3.1 Dimensionen der Geschlechtsidentität

Der Ausdruck Geschlechtsidentität wurde bisher unterschiedlich weit gefasst. Traditi­onell wird darunter das Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Geschlecht und dessen Ak­zeptanz verstanden. Größtenteils entspricht die Geschlechtsidentität dem nach der Geburt identifizierten biologischen Geschlecht. Menschen, deren Geschlechtsidentität sich hingegen von diesem unterscheidet, werden Transgender genannt. Viele Autoren fassen den Begriff der Geschlechtsidentität daher noch weiter und verstehen darunter nicht nur die Zugehörigkeit zum biologischen Ge­schlecht, sondern auch zum psycho­sozialen (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 57). Das Zugehörigkeitsge­fühl zum psychosozialen Geschlecht äußert sich dadurch, inwieweit sich Individuen den gesellschaftlich herrschenden Geschlechterste­reotypen anpassen. Für Wissen­schaftler spielt der motivationale Charakter der Geschlechtsidentität eine bedeutsame Rolle. Dieser kommt dadurch zum Ausdruck, dass Individuen mit einer stark ausge­prägten Geschlechtsidentität das Bedürfnis verspüren, sich geschlechtskonform ver­halten zu müssen. An dieser Stelle ist jedoch kritisch anzumerken, dass die Ge­schlechtsidentität oft in Forschungen „ über das Ausmaß an Selbstzuschreibungen von Geschlechterstereotypen […] erhoben wurde “ und nicht das allgemeine Zugehö­rigkeitsgefühl an sich (ebd.). Daher gilt darauf zu achten, zwischen den Stereotypen-Selbstzuschreibungen und der umfassenden Ge­schlechtsidentität zu differenzieren.

Einige Autor*innen, wie beispielsweise Egan/ Perry (2001) oder Tobin et al. (2010) fordern, dass das Konzept der Geschlechtsidentität mehrdimensional zu betrachten ist, wobei die Hauptdimensionen divergieren. Eine der wesentlichen Dimensionen ist die Zufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht. Sobald Kinder erkennen, welchem Geschlecht sie angehören, bringen sie zum Ausdruck, wie stolz sie auf dieses sind und dass sie nur ungern dem anderen Geschlecht angehören möchten. Im Allgemeinen bleibt die Zufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht bis zur Pubertät sehr hoch und ist signifikant mit dem Selbstwert korreliert (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 60).

Als weitere Dimension wird der wahrgenommene Zwang zur Geschlechtsrollenkonfor­mität angesehen. Darunter versteht man den Zwang, den Kinder verspüren, sich entsprechend ihrer Geschlechterrolle verhalten zu müssen. In einer Untersuchung von Egan und Perry wurden Kinder nach personalen und sozialen Konsequenzen gefragt, die sie erwarten, wenn sie sich nicht geschlechtskonform verhalten würden. Als personale Konsequenzen wurde Scham benannt, als soziale Konsequenzen befürchteten die Kinder von anderen kritisiert zu werden. Die befragten Kinder sahen als Quelle des Zwangs gleichermaßen die Eltern, Peers und sich selbst (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 60).

Die dritte und letzte Dimension der Geschlechtsidentität ist die Geschlechtstypikalität. Diese umfasst die erlebte Ähnlichkeit zum eigenen Geschlecht – das heißt, inwieweit man sich als typisches Mitglied der eigenen Geschlechtsgruppe sieht. Die selbst erlebte Geschlechtstypikalität ist abhängig von der Geschlechterstereotypen-Selbstzuschreibung, scheint aber vor allem in der Kindheit eine eigenständige Bedeutung zu haben (vgl. ebd.).

Es bleibt festzuhalten, dass Geschlecht und Geschlechterrollen maßgebliche Bau­steine der eigenen Identität sowie des Selbstkonzeptes darstellen. Menschen verwenden Geschlechterstereotype zur Selbstbeschreibung und verhalten sich diesen angepasst, wobei das Geschlechtsrollen-Selbstkonzept als ein multifaktorielles Konstrukt anzuse­hen ist. Auch im Erwachsenenalter ist das Geschlechtsrollen-Selbstkonzept prägend für Interessen und für die Berufswahl (vgl. Abele 2003, o.S.). Umgekehrt konnte festgestellt werden, dass langfristig wirkende Lebensveränderungen wie die Geburt eines Kindes oder berufliche Karriereschritte das Geschlechtsrollen-Selbstkonzept ebenfalls beeinflussen und sogar verändern können (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 72). Daher ist die Geschlechts­identität als flexibel und nicht starr anzusehen, da sie sich im Verlauf der Biografie stets neu formen kann.

3.2 Die Entwicklung des geschlechtsbezogenen Selbst

Die Zugehörigkeit zu einer biologischen Kategorie ist das erste Merkmal, welches sich Kinder selbst zuschreiben. Nach Maccoby (2000) stellt „ [d]as Gewahrsein, dass man entweder ein männliches oder ein weibliches Individuum ist, und die Integration dieser Erkenntnis in das Selbstkonzept“, die Definition der Geschlechtsidentität dar (ebd., S. 199). Gegen Ende des ersten Lebensjahres können die Säuglinge zwischen Männern und Frauen aufgrund deren äußeren Erscheinung wie auch Stimmen unterscheiden. Ohne die Unterscheidung sprachlich benennen zu können, sind Babys somit in der Lage, auf einer Wahrnehmungsebene zwischen den Geschlechtern der Eltern oder Fremder zu unterscheiden (vgl. Steins 2008, S. 40). Dass Kinder prinzipiell die Existenz der Kategorie Geschlecht erkennen, stellt den ersten Schritt in der Entwicklung des geschlechtsbezogenen Selbstkonzeptes dar (awareness). Kinder können nun erkennen, worin sich Männer und Frauen unterscheiden oder ähneln. Den nächsten Schritt bildet die Identifika­tion der Kinder mit dem eigenen Geschlecht (identification) (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 57). Ab circa drei Jahren sind Kinder in der Lage, ihr eigenes Geschlecht zu erkennen und können sich selbst als Junge oder Mädchen benennen. Die Fähigkeit der biologischen Selbsterkennung setzt somit erst nach dem Prozess der biologischen Fremderkennung ein (vgl. Steins 2008, S. 40). Durch die Selbstzuschreibung zum eigenen Geschlecht resultieren sowohl evaluative als auch motivationale Konsequenzen. Evaluative Konsequenzen treten dann auf, wenn Kinder, sobald sie sich ihres eigenen Geschlechts bewusst sind, dieses positiver bewerten als das jeweils andere (vgl. Ruble et al. 2004, o.S.). Kleinkinder schreiben dabei anderen Kindern des gleichen Geschlechts mehr positive Charakteristika zu als Kindern des anderen Geschlechts und bevorzugen zudem gleichge­schlechtliche Spielpartner (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 57; vgl. Steins 2008, S. 40). Durch die eigene Zuordnung wie auch Bewertung der Geschlechter entstehen männliche und weibliche Subkulturen, die sich im Laufe der Zeit als soziale Wirklichkeit verselbstständigen (vgl. Steins 2008, S. 40). Motivationale Konsequenzen der eigenen Geschlechtszuschreibung lassen sich daran erkennen, dass das „ neu erlangte Kategorienwissen“ der Kinder Einfluss auf die Wahl von beispielsweise Spielsachen oder Kleidung hat. Die Kleinkinder entscheiden sich dabei eher für Dinge, von denen sie glauben, dass diese zu ihrem Geschlecht passen (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 57f.) An dieser Stelle erkennt Gisela Steins (2008) eine Asymmetrie bei der Ausübung der Geschlechterrolle.

Während es für Mädchen mit zunehmendem Alter akzeptiert wird, dass sie auch Jungenspiele mitspielen, ist der umgekehrte Fall für Jungen tabu. Dies gilt sowohl für Spiele, als auch für Kleidung.“ (ebd., S. 40).

Der dritte und letzte Entwicklungsschritt in der Entwicklung des geschlechtsbezoge­nen Selbst stellt den Wissenserwerb um die Geschlechtskonstanz (constancy) dar. Dies stellt die Tatsache dar, dass sich das biologische Geschlecht nicht ändert. Dieser Schritt ist etwa mit dem Alter von sechs bis sieben Jahren abgeschlossen. Das Geschlecht wird an diesem Punkt zum zentralen Inhalt des kindlichen Selbstkonzeptes (vgl. Ruble et al. 2004, o.S.). Zusätzlich wird das Geschlecht als soziale Kategorie zunehmend vielschichtiger wahrgenommen.

„Geht es zunächst mehr oder weniger nur um physische Eigenschaften [...], die für Kinder im Zusammenhang mit den Geschlechtskategorien von Bedeutung sind, werden mit der Zeit auch immer mehr psychosoziale Charakteristika, insbesondere Stereotype, gelernt und angewendet.“ (Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 58).

Die Wissenschaftlerinnen Permien und Frank (1995) führten Beobachtungs- wie auch Interviewstudien in deutschen Horten mit 64 Mädchen und 70 Jungen im Alter zwischen sechs und elf Jahren durch. Jungen, die das Miteinanderspielen unter Jungs beschreiben sollten, gaben folgende Antworten: „ Jungen haben gute Ideen “, „ Wir sind die Chefs “ oder auch „ Mädchen sind langweilig “ (ebd., o.S.). Das Selbstbild der Mädchen wurde durch folgende Äußerungen wiedergegeben: „ Wir sind schöner als die Jungs “, „ Mädchen können besser turnen und tanzen “ oder „ Mädchen können besser in der Puppenecke spielen “ (ebd.). Besonders Jungen sind bemüht, die Geschlechtertrennung, die bis zur Pubertät anhält, aufrecht zu erhalten (vgl. Schultheis/ Strobel-Eisele/ Fuhr 2006, S. 52).

3.3 Der Einfluss ausgewählter Sozialisationsinstanzen auf die männliche Identitätsbildung

Kinder kommen mit einem eindeutigen biologischen Geschlecht zur Welt, jedoch befindet sich das Geschlecht als körperliche Existenzweise und gesellschaftliche Kategorie in einem ständigen Prozess des Machens und Gemacht-Werdens (vgl. Tervooren 2007, S. 84). Nach der allgemeinen sozialisations­theoretischen Perspektive werden Personen in der Regel in ein duales Schema als Mann oder Frau ‚hineinsozialisiert‘ wobei sich zwischen beiden Geschlechter­gruppen zahlreiche Differenzierungen, Ausgrenzungen und Ungleichheiten finden lassen (vgl. Bührmann et al. 2014, S. 167). Die Geschlechter­forschung thematisiert die Vielfalt der Geschlechter und nimmt die Einteilung in Männer und Frauen nicht als naturgegeben hin, sondern hinterfragt die Geschlechterkategorien kritisch. Zudem distanziert sich die Geschlechterforschung von der Vorstellung biologisch vorgegebener verhaltensbestimmender Eigenschaften von Männern und Frauen und betont den „‚ Herstellungsprozess‘ und die ‚Variabilität‘ dessen, was mit Männern und Frauen in unterschiedlichen sozio-kulturellen Kontexten verbunden sein kann“ (ebd., S. 169). Jeder Mensch wächst in einer bestimmten Gesell­schaftsform auf, die den Menschen sozialisiert und die Normen der sozialen Umwelt sowie das vorherrschende Wertesystem verinnerlichen lässt. Zwar verläuft jede Sozia­lisation individuell, jedoch gibt es wirksame Gendernormen, die besonders hinsichtlich späterer Erwartungen bezüglich des Verhaltens von Männern und Frauen wiederkeh­rend typische Verhaltensmuster hervorbringt (vgl. Welpe/ Schmeck 2005, S. 24). Zu erwähnen ist an dieser Stelle noch, dass die Sozialisation mit der Geburt beginnt. Ihr Endpunkt ist jedoch nicht vorbestimmt, weshalb Sozialisationsprozesse im gesamten Lebensverlauf erfolgen (vgl. Bührmann et al. 2014, S. 172).

3.3.1 Die Bedeutung der elterlichen Erziehung

Bevor sich Paare erstmalig mit Elternschaft beschäftigen, sind schon lange die in der eigenen Herkunftsfamilie erworbenen grundlegenden Orientierungen und geschlechts­bezogenen Einstellungsmuster wirksam. Diese tragen dazu bei, wie sich mit dem geplanten Kind und der damit verbundenen Mutter- beziehungsweise Vaterrolle auseinandergesetzt wird (vgl. Blank-Mathieu 2001, S. 85). Bereits zu dem Zeitpunkt, an dem die Eltern das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes erfahren, entwickeln sie geschlechtsspezifische Erwartungen. Auch nach der Geburt setzt sich diese (unbewusste) Haltung fort. Männliche Säuglinge werden stärker belastet als weibliche, indem sie beispielsweise häufiger grobmotorischer angeregt werden (vgl. Keßler 2010, S. 37).

Schon im Grundschulalter befinden sich Jungen in einem Spannungsfeld konträrer Anforderungen an ihr Verhalten und Empfinden. Es wird von Jungen einerseits Sensibilität, Konfliktfähigkeit und soziales Verhalten, andererseits zugleich Stärke, Durchsetzungs­fähigkeit und Mut erwartet. Es sind jedoch nicht nur die Personen im Umfeld des Jungen, die über die Entwicklung von Interessen oder Vorlieben bezüglich geschlechterkonfor­men oder geschlechtsdiffe­renten Verhaltens bestimmen. Gegen­stände, mit denen Männer und Frauen umgehen, Spielsachen, die der Junge erhält und „Bilder“, die dem Kind vermittelt werden, werden von dem Kind ebenso wahrgenommen und entsprechend der eigenen kindlichen Wertung aufgenommen oder abgewehrt (vgl. Blank-Mathieu 2001, S. 84f.; Keßler 2010, S. 37). Daher müssen sich an der Erziehung beteiligte Personen der eigenen geschlechtsspezifischen Stereotype sowie deren Ein­fluss auf die Identitäts- und Männlichkeitskonstruktion heranwachsender Jungen[6] bewusst werden (vgl. Hertling 2008, S. 24). Denn selbst Eltern, die ihre Kinder bewusst unabhängig von Geschlechterste­reotypen erziehen wollen, gehen mit ihren Söhnen anders um als mit ihren Töchtern. Geschlechterspezifische Aktivitäten von Jungen werden dabei besonders stark gefördert (vgl. Maccoby 2000, S. 153ff.). Die Bedeutung der Familien­erziehung wirkt bis in die Pubertät weiter, wenn auch abnehmend. Oftmals erweist es sich jedoch für Eltern als schwer, die individuellen Bedürfnisse von Jungen aus ihrem Verhalten abzulesen oder überhaupt wahrzunehmen, da sich die Bedürfnisse ständig mit der Rollenanforderung überschneiden und mit ihr konkurrieren (vgl. Blank-Mathieu 2001, S. 87).

Der Einfluss der Mutter

Die frühkindliche Sozialisation findet überwiegend in einem frauendominierenden Umfeld statt. In den meisten Familien gehen vermehrt Väter der außerhäuslichen Erwerbsarbeit nach[7], wohingegen sich Mütter in den ersten Lebensjahren des Kindes überwiegend um dessen Erziehung kümmern. Bereits im zweiten Lebensjahr nehmen Jungen wahr, dass sie der Mutter anatomisch nicht ähneln (vgl. Keßler 2010, S. 24; Böhnisch 2008, S. 71). Dies führt dazu, dass der Junge das weibliche Geschlecht als konträr zu seiner eigenen geschlechtlichen Identität ansieht. Dadurch ist es für das Kind weitaus schwieriger, einen personifizierten Ansatz für seine geschlechtliche Identität zu finden. Aufgrund des Wissens um die anatomische Differenz entsteht eine entwicklungspsychologische Unterschiedlich­keit zwischen den Geschlechtern, weshalb Männlichkeit auch immer mit einer Trennung in Verbindung steht. So bedeutet es für den Jungen zunächst einmal „ Mann sein “ und „ nicht Frau sein “ (Keßler 2010, S. 24). Da es im Alltag für Jungen oftmals an Möglichkeiten mangelt, sich mit männlichen Bezugspersonen zu identifizieren, werden vermeintlich „weibliche Anteile“ vom Jungen blockiert, damit er sich diese nicht aneignet (vgl. Keßler 2010, S. 25). Diese Anteile werden bewusst als „schlecht“ beurteilt, weshalb der Junge das männliche Geschlecht folglich als „besser“ erachtet (vgl. ebd., S. 26). Beispiele für derartige „weibliche Persönlichkeitseigenschaf­ten“ sind die Emotionalität, die Übernahme sozialer Verantwortung oder das Zeigen von Gefühlen. Folglich konstruieren Jungen ihr Bild von Männlichkeit in der Abgrenzung zu dem, was sie von ihren Müttern vorgelebt bekommen (vgl. Keßler 2010, S. 25). Auch durch das geschlechtsabhängige mütterliche Erziehungsverhalten werden „ typisch männliche Verhaltensdispositionen “ wie Rationalität oder Körperferne bereits in der Kindheit der Jungen festgelegt. Mütter sprechen mit ihren Töchtern weitaus häufiger über Gefühle oder ergänzen Erzählungen mit emotionalen Attributen (vgl. Zeltner 1999, S. 48). Die Eigenständigkeit und Separation, die insbesondere Mütter von ihren Söhnen bereits früh fordern, erleichtern ihnen zum einen die Abgrenzung zur Mutter, zum anderen verringert sich hierbei womöglich die Beziehungsfähigkeit der Jungen, da sie das Gefühl emotionaler und körperlicher Verbundenheit missen (vgl. Gildenmeister 2007, S. 194).

Mitunter erschwert wohl auch eben dieses schon der Kindheit angelegte männliche emotionale und soziale Defizit eine aktive Gestaltung der Vaterrolle in Gestalt einer körperlich wie emotional engen Beziehung zu den eigenen Kindern.“ ( ebd., S. 194).

Bei alleinlebenden Müttern lässt sich besonders beobachten, dass sie mit ihren Söhnen Themen diskutieren, die sie mit einem Erwachsenen besprechen sollten. Die Mütter konfrontieren dabei ihren Sohn mit Themen oder Problemen, mit denen sich ein Kind nicht auseinandersetzen sollte. Dadurch wird das „typisch männliche“ Gefühl des Kindes bestärkt, Frauen beschützen und für sie Entscheidungen treffen zu müssen (vgl. Zeltner 1999, S. 278f.). Andere Mütter halten ihre Söhne durch übermäßiges Verwöhnen und Umsorgen in Abhängigkeit, um Macht über den Sohn und damit ihre Lebensaufgabe zu erhalten und vergessen dabei eine Erziehung im Sinne einer Wachstums- und Selbstständigkeitsförderung (vgl. Schnack/ Neutzling 2000, S. 25).

Deshalb ist es wichtig, dass sich Mütter ihren geschlechtsspezifischen Erziehungsten­denzen bewusst werden und einerseits darauf achten, ihre Söhne zur Selbstständigkeit hin zu erziehen und ihnen andererseits auch Emotionalität sowie Geborgenheit schenken und vermitteln.

Die Bedeutsamkeit des Vaters

Es existieren verschiedene wissenschaftliche Belege dafür, dass Eltern und insbesondere Väter ihre Söhne anders behandeln als ihre Töchter. Untersuchungen von Michael Siegal (1987) verdeutlichen, dass sich Väter besonders hinsichtlich Disziplin und grobmotorischer Aktivitäten gegenüber ihren Söhnen anders verhalten als bei ihren Töchtern. Dieses Ergebnis kann dahingehend gedeutet werden, dass Väter bestrebt sind, ihr eigenes männliches Selbstbild den Söhnen weiterzugeben (vgl. Siegal 1987, o.S. zit. nach: Brandes 2015, S. 108). Studien, in denen Indikatoren der „Maskulinität“ von Vätern und Söhnen vergleichend untersucht wurden, konnten jedoch keinen direkten Zusammenhang zwischen der väterlich repräsentierten Männlichkeit und der des Sohnes belegen. Zusammenhänge konnten lediglich gezeigt werden, wenn die Qualität der Vater-Sohn-Beziehung als weitere Variable einbezogen wurde, dann jedoch im Sinne einer geschlechtsunabhängigen Beziehungsqualität (vgl. Brandes 2015, S. 108f.).

„Jungen scheinen den Geschlechtsrollen-Standards ihrer Kultur zu entsprechen, wenn die Beziehungen zu ihren Vätern liebevollen Charakter [...] besitzen. Dies ist unabhängig davon, wie >maskulin< ihre Väter sind und selbst davon, ob Wärme und Intimität traditionell als feminine Charakteristika angesehen werden.“ (Lamb 1997b, S.9).

Anhand dieser Ergebnisse lässt sich die Annahme aufstellen, dass das Geschlecht der Eltern oder anderer Bezugspersonen an sich eine geringe beziehungsweise eine kaum nachweisbare Rolle für die Entwicklung der Kinder und deren Vorstellung von Männlichkeit spielt (vgl. Brandes 2015, S. 109). Eine Reihe an entwicklungspsycholo­gischen Studien weisen jedoch deutliche Unterschiede zwischen Müttern und Vätern im Umgang mit ihren Kindern auf. Grossmann und Grossmann (2004) ziehen aus jahrelangen Forschungen zur männlichen Funktion für die kindliche Entwicklung folgende Ergebnisse: Männer beziehungsweise Väter sind „ andersartige Interaktionspartner “, da sie „ aufregendere Dinge “ mit ihren Kindern als die Mutter machen. Zudem fordern Männer ihre Kinder stärker heraus, Neuartiges zu tun, das sie sich ohne die väterliche Hilfe nicht zutrauen würde. Weiterhin sind Väter „ Vermittler von Bereichen der Umwelt“, die ohne die sorgsame väterliche Umsicht für das Kind gefährlich wären. Letztlich fungieren Männer als Lehrer und Mentor für ihre Kinder (vgl. Grossmann/ Grossmann 2004, o.S. zit. nach: Brandes 2015, S. 111). Diskussionen innerhalb der Entwicklungspsychologie verweisen darauf, dass einer eindeutigen geschlechtlichen Zuschreibung erzieherischer Fähigkeiten und Funktionen allerdings mit Vorsicht zu begegnen ist. Es besteht nämlich die Annahme, dass „soziale Konstruktionsprozesse und familiäre Erziehungsarrangements“ einen erheblichen Einfluss auf geschlechtliche Verhaltensunterschiede nehmen und diese Unterschiede nicht ausschließlich aufgrund des elterlichen Geschlechts bestehen (Brandes 2015, S. 113).

Väter sind heutzutage aufgrund ihrer Erwerbstätigkeit in der Regel in geringerem Umfang an Erziehungsaufgaben beteiligt als die Mütter. Da Väter dadurch weniger Alltagsbezüge mit ihren Kindern teilen, lässt sich die Vermutung aufstellen, dass es für Jungen schwieriger ist als für Mädchen, eine Vorstellung von angemessenem Geschlechtsrollenverhalten zu entwickeln (vgl. Blank-Mathieu 2001, S. 86). Denn es erweist sich oftmals für Jungen als schwer, über den Vater eine Alltagsidentifikation zu bekommen, die der Sohn braucht, um ein ganzheitliches, also Stärken und Schwächen gleichermaßen verkörperndes Bild von „Mannsein“ zu erhalten. Somit ist aufgrund der geringeren Anwesenheit des Vaters dessen Einfluss auf das Vater- und Männlichkeitsbild des Jungen umso bedeutender (vgl. Keßler 2010, S. 27).

„Durch eine frühe Beteiligung des Vaters an der Erziehung erlebt das Kind zwei Bezugspersonen mit unterschiedlichen Stilen, es kann ein echtes, reales Männerbild ohne Idolisierung aufbauen.“ (Schultheis/ Strobel-Eisele/ Fuhr 2006, S. 172).

Allerdings garantiert die alleinige Präsenz des Vaters noch nicht die Entwicklung einer positiven männlichen Identität des Sohnes. Bedeutend ist die Art und Weise, wie Väter sich als „leitendes männliches Modell“ verhalten und welche geschlechtsspezifischen Erwartungen sie an ihre Söhne haben (vgl. Matzner 2008, S. 320).

Nachdem der Junge im Alter von drei bis fünf Jahren erkennt, dass er sich körperlich von der Mutter unterscheidet, jedoch dem Vater gleicht, orientiert er sich folglich am gleichgeschlechtlichen Elternteil. Die alltägliche Beziehungsarbeit obliegt allerdings häufig der Mutter, die sich ihrem Sohn mit ihren Stärken und Schwächen zeigt. Die Schwächen des Vaters hingegen, mit seinen alltäglichen Nöten des Mannseins, werden für den Jungen kaum sichtbar. Dadurch erhält der Sohn ein sehr einseitiges Vaterbild, das sich durch die medial verbreiteten „starken Männerbilder“ weiter festigt. Dies führt bei dem Jungen entsprechend zur Idolisierung des Mannseins sowie zur Abwertung des „Weiblichen“ (vgl. Böhnisch 2008, S. 71f.). Die Mutter spielt zwar weiterhin eine zentrale Rolle im Entwicklungsprozess der Männlichkeit des Sohnes, jedoch ist auch eine emotionale Öffnung des Vaters von Bedeutung, damit der Junge erfährt, dass „ Mannwerden nicht nur Inszenierung von Stärke, sondern auch Erleben und Durchleben von Schwäche bedeutet. “ (Böhnisch 2008, S. 72). Väter, die präsent sind, Schutz gewähren, liebevoll sind, aber auch Grenzen setzen und ihre alltäglichen Schwächen sowie Probleme nicht verbergen, leisten einen entscheidenden Beitrag für die männliche Identitätsentwick­lung ihres Sohnes. Im Idealfall entsteht durch dieses väterliche Verhalten eine wechselseitige Identifikation, die die gegenseitige Entdeckung von Gleichheit zwischen dem Vater und Sohn fördert und somit das gegenseitige Interesse bestärkt. Dadurch erwacht beim Sohn das Bedürfnis, vom Vater zu lernen und ihn zu imitieren (vgl. Schon 2000, S. 175). In der Phase der Pubertät kann ein präsenter Vater seinem Sohn als „ Reibungsfläche für die Auseinandersetzung mit männlicher Autorität und Macht “ dienen und eine große Bedeutung bei der Suche des Sohnes nach „ männlicher Identität, Selbstständigkeit, Sicherheit, Werten, Normen und Zielen “ haben (Matzner 2008, S. 320).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sowohl die Mutter, als auch der Vater einen großen Einfluss auf die Identitätsentwicklung ihres Sohnes nehmen, wenngleich dem Vater eine besonders bedeutende Funktion zukommt. Frank Dammasch (2008) fasst den elterlichen Einfluss auf die männliche Identitätsbildung abschließend wie folgt zusammen:

„Eine reife männliche Identität basiert auf Triangulationskompetenz, also auf der Integration männlich-väterlicher und mütterlich-weiblicher Anteile in der Selbstrepräsentanz und auf der Fähigkeit, die Perspektive des jeweils anderen Geschlechts probeweise einnehmen zu können.“ (ebd., S. 26).

3.3.2 Medialer Einfluss und die Bedeutung der Peergroup

Wie sich das Mannwerden im Kindesalter unterschiedlich biografisch entwickelt, hängt nicht nur von der jeweiligen Vater-Mutter-Konstellation ab. Einen weiteren entscheidenden Einfluss nehmen gesellschaftliche Erwartungen, die Jungen in ihrer Umwelt erleben. Folglich liegt es keinesfalls alleine an den Eltern, in welches Geschlechtsrollenverhalten ihr Kind hineinwächst. Wie im vorherigen Kapitel bereits erwähnt, übernehmen Kinder trotz elterlicher Versuche einer „ geschlechtsemanzipativen Erziehung “ traditionelle Geschlechts­rollen­stereo­type (vgl. Böhnisch 2008, S. 72). Eine zusätzliche wichtige Rolle spielt der Einfluss kultureller Einrichtungen[8], die mit ihren Einschließungs- sowie Ausschließungs­mustern kulturgeschichtliche hegemoniale Männlichkeitsbilder aufgreifen und weiter leben (vgl. Keßler 2010, S. 38). Hierbei kommt den früh von Kindern konsumierten Medien und deren vermitteltes Geschlechterbild eine bedeutende Rolle zu (vgl. Böhnisch 2008, S. 72). Beispielsweise im Fernsehen wird Leistungssport meist nur von Männern übertragen und in der Werbung wird oft das Bild der leicht bekleideten Frau vermittelt, wohingegen Männer selten derart inszeniert werden. Die Helden in Jugend- und Spielfilmen sind fast ausschließlich männlich, wodurch sich das Bild des „starken Mannes“ verfestigt und zu einer „ Idolisierung “ des Mannseins führt (vgl. Keßler 2010, S. 28). Weitere medial vermittelte Assoziationen von Männern und Männlichkeit sind Erfolg, Furchtlosigkeit, Souveränität oder Coolness (vgl. Matzner 2008, S. 320).

Wenn Jungen in die Pubertät kommen, spielt die Gleichaltrigenkultur ebenfalls eine zentrale Rolle für die soziale Orientierung und Identitätsformation. Häufig halten sich die männ­lichen Jugendlichen hierbei in männlich dominierenden Jungen-Cliquen auf, um das erste Mal „richtig unter Männern“ zu sein (vgl. Keßler 2010, S. 28; Böhnisch 2008, S. 73). Dabei orientieren sich Jungen besonders an hegemonialen Männlichkeitsformen (vgl. Keßler 2010, S. 28). Im Fokus der individuellen Männlichkeitskonstruktion inner­halb von Jugendgruppen steht die „ komplizenhafte Männlichkeit “ (vgl. Bmfsfj 2007, S. 53). Diese wird durch Vorgänge der Exklusion und Inklusion, die Einfluss auf die Männlichkeits­inszenierung nehmen, ausgeübt. Einerseits wird innerhalb der Jugendgruppe Solidarität hergestellt, indem sich abweichend verhaltende Jungen kollektiv ausge­schlossen werden. Drohende Exklusionsprozesse setzen die Jungen unter Druck, sich der Norm entsprechend verhalten zu müssen. Das hierarchische Gefüge von Männlichkeit führt innerhalb der Gruppe dadurch zu einem ausgeprägten Konkurrenzverhalten. Die Folgen sind dabei „ Inszenierungen zur Aufwertung der eigenen Männlichkeit “ sowie „ strategische Verhaltensweisen zur Abwertung der Männlichkeit anderer zum Zweck eigener Aufwertung innerhalb der Gruppenhierarchie “ (Hertling 2008, S. 65).

Im Erwachsenenalter werden oft „ männlich-homosozial strukturierte Orte “ geschaffen (wie beispielsweise das regelmäßige Treffen von Männergruppen in Kneipen), in denen „ tradierte männliche Handlungsweisen im Sinne einer hegemonialen Männlichkeit“ gelebt werden (Keßler 2010, S. 39). Dadurch wird das eigene Männlichkeitsbild kontinuierlich konstruiert und gefestigt. Ohne die geschlechtliche Identität zwangsläufig thematisieren zu müssen, erhalten die Männer dabei Bestätigung in ihrem Verhalten und ihren Ansichten. Die konstituierten Felder sind sehr vielfältig: sei es in der Politik, in Sportvereinen, bei der Bundeswehr oder bei Führungspositionen von Unternehmen. Männer sind in diesen Bereichen durchgängig in der Überzahl und können dabei Hierarchien herstellen und mit der Konstruktion der Verfestigung von Männlichkeiten fortfahren (vgl. ebd.).

3.4 Geschlechterstereotypenerwerb und bestehende Geschlechterstereotype

Wenn man sich eine Person vorstellt, die gerne Fußball schaut, Bier trinkt und über Autos staunt, wird man vermutlich spontan an einen Mann denken. Soll man sich hingegen eine Person vorstellen, die gerne einkaufen geht, 30 Paar Schuhe besitzt und stundenlang telefoniert, wird man sicherlich die Eigenschaften intuitiv einer Frau zuschreiben. Denn wir alle haben Vorstellungen davon, was typisch weiblich und typisch männlich ist (vgl. Steffens/ Ebert 2016, S. 13). Vieles was uns als „typisch“ für Männer oder Frauen erscheint, resultiert aus gesellschaftlichen Einflüssen, die uns im Laufe der Biografie geprägt haben. Wirft man einen genaueren Blick auf verschiedene Kulturen oder historische Epochen, lässt sich eine Vielfalt an möglichen Definitionen von Geschlechterrollen finden. Dabei wird deutlich, dass Männlichkeit und Weiblichkeit Konzepte sind, die sozial konstruiert werden (vgl. Welpe/ Schmeck 2005, S. 21). Ohne Zweifel bestehen biologische Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht. Jedoch ist der Großteil der von uns wahrgenommenen Geschlechterdifferenz kulturell geschaffen (vgl. ebd., S. 22). Gesellschaftlich vorgegebene Geschlechterrollen werden dabei erlernt, verinnerlicht und in die eigene Identität nachhaltig und oft unbewusst integriert. Folglich entstehen geschlechterstereotype Verhaltensmuster, die Männern und Frauen überindividuell als „typisch“ zugeordnet werden (vgl. ebd., S. 24). Als Geschlechter­stereotype werden „ persönliche Überzeugungen und Erwartungen hinsichtlich der typischen Charakteristika von Männern und Frauen “ verstanden, „ die kognitiv mit der sozialen Geschlechtskategorie assoziiert und durch den Prozess der Kategorisierung aktiviert werden“ (Majdanski 2012, S. 5).

Geschlechterstereotype tauchen innerhalb verschiedener Bereiche wie Eigenschaften, Verhaltensweisen, körperlichen Charakteristika oder Berufen auf (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 13). Stereotype erfüllen generell zwei Funktionen: Einerseits führen sie zur Vereinfachung der sozialen Wahrnehmung, indem Individuen in sogenannte „Schubladen“ gesteckt werden und auf Grundlage der Kategorienzugehörigkeit beurteilt werden. Andererseits kann durch Stereotype die Ablehnung bestimmter Gruppen oder Statusunterschiede zwischen Gruppen legitimiert werden (vgl. Jost/ Banaji 1994, o.S.). Bestehende Geschlechter­stereotype können sich daher vielfältig auf das soziale Erleben und Verhalten auswirken. Auf der einen Seite sind sie deskriptiv, indem sie beschreiben, wie Frauen und Männer ‚typischerweise‘ sind. Auf der anderen Seite wirken die Stereotype präskriptiv. Dabei zeigen sie auf, wie Frauen und Männer sein sollten. Bei der Herstellung von Geschlechterstereotypen bilden die traditionell definierten Geschlechterrollen die Grundlage (vgl. Majdanski 2012, S. 5f.).

Da Stereotype Wissen auf einem abstrakten Niveau darstellen und unter anderem sprachgebunden sind, erkennt man bei Kindern ab fünf Jahren geschlechterstereoty­pes Verhalten, das dem der Erwachsenen inhaltlich entspricht. Mit steigendem Lebensalter wächst die Kenntnis stereotyper Eigenschaften und ist nach Abschluss des Grundschulalters weitgehend abgeschlossen (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 15). Bei Kindern ist die Kenntnis über Stereotypen unab­hängig von den eige­nen Familienerfahrungen, wie beispielsweise der Berufstätigkeit der Mutter oder der An- beziehungsweise Abwesenheit des Vaters. Daraus resultierend eignen sich Kinder, die von ihren Eltern bewusst nicht geschlechtsrol­lenkonform erzogen werden, die Geschlechter­stereo­type dennoch an (vgl. Schultheis/ Strobel-Eisele/ Fuhr 2006, S. 53). Dabei prägen besonders Medien wie auch Erwartungen oder das Verhalten anderer Kinder oder Erwachsener die Kinder. Die Psychologin Eleonor Maccoby verweist zudem darauf, dass Eltern, die ihr Kind unabhängig von traditionellen Geschlechterstereotypen erziehen wollen, dennoch mit einem Mädchen anders umge­hen als mit einem Jungen. Sozialwissenschaftler fanden weiter heraus, dass geschlechter­spezifische Aktivitäten von Jungen deutlich stärker gefördert werden, als die von Mädchen. Ebenso würden Jungen für geschlechtsuntypisches Verhalten wesentlich härter bestraft (vgl. Bischof-Köhler 2002, o.S.).

Die Forscher Williams und Best (1990a) fanden Ende der 1980-er Jahre heraus, dass sich Geschlechterstereotype im interkulturellen Vergleich sehr ähnlich zeigen. Die Wissen­schaftler untersuchten Geschlechterstereotype in 25 Ländern[9] (vgl. Alfermann 1996, S. 13). Hierzu bewertete in jedem Land eine Stichprobe von ca. 100 Universitätsstudierenden eine Eigenschaftsliste, bestehend aus 300 Eigenschaften. Die Studierenden mussten für jede Eigenschaft angeben, inwieweit diese in ihrem Kulturkreis häufiger mit Frauen oder mit Männern in Zu­sammenhang gebracht wird beziehungsweise inwieweit es keine Geschlechterunter­schiede gebe. Es zeigte sich eine hohe Übereinstimmung in der geschlechtsstereotypen Beurteilung der Eigenschaften (vgl. Athenstaedt/ Alfermann 2011, S. 17f.).

Die nachfolgenden Tabellen zeigen die sowohl männlich als auch weiblich besetzten Stereotype auf, die von mindestens 20 der 25 untersuchten Staaten genannt wurden. Die hervorgehobenen Eigenschaften (fett markiert) wurden übereinstimmend von fast allen (24) Staaten als typisch männlich beziehungsweise weiblich bezeichnet (vgl. Alfermann 1996, S. 16f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Stereotype männliche Eigenschaften.

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Tabelle 2: Stereotype weibliche Eigenschaften.

Anhand der Tabellen lässt sich erkennen, dass deutlich mehr männliche als weibliche Eigenschaften zugeordnet wurden. Folglich existieren mehr männliche Zuschreibungen, was zur Dominanz des männlichen Geschlechts führt. Diese Dominanz lässt sich ebenfalls an der inhaltlichen Bewertung der Stereotype erkennen, da die männlichen Zuschreibungen stets mit Stärke und Aktivität in Verbindung stehen (vgl. Alfermann 1996, S. 17). Somit werden Männern überwiegend Verhaltensweisen zugeschrieben, die mit Stärke, Durchsetzungsvermögen sowie der Unterdrückung von Emotionen und Schwäche in Verbindung stehen. Doch nicht nur anhand der Anzahl an Stereotypen unterscheiden sich die männlichen und weiblichen Eigenschaftszu­schreibungen – an der Bewertung dieser sind ebenfalls Unterschiede erkennbar. Die als männlich bewerteten Eigenschaften sind im Vergleich zu den weiblich konnotierten deutlich positiver besetzt. Dadurch werden die männlichen Stereotype als besser und erfolgreicher angesehen, wodurch ihnen eine höhere gesellschaftliche Bewertung zugeschrieben wird (vgl. ebd.). Innerhalb der Geschlechterstereotype spiegelt sich somit das Modell der hegemonialen Männlichkeit in seiner Dominanz über das Weibliche und in der Durchsetzung von Stärke und Macht wider.

Rückblickend auf die letzten 20-30 Jahre sind innerhalb des westlichen Kulturkreises die Geschlechterstereotypen allerdings unschärfer geworden. Heutzutage gibt es eine größere Spannbreite an Äußerungs- und Darstellungsformen von ‚Männlichkeit‘ und ‚Weiblichkeit‘. Die Aufmerksamkeit von Geschlechterzuschreibungen richtet sich laut Andrea Bührmann (2014) dabei insbesondere auf Jungen und Männer (vgl. ebd., S. 182). Diese Zuschreibungen sind zwar nach wie vor auf eine hegemoniale Männlichkeit zentriert, jedoch werden auch zunehmend andere Modelle erkennbar, die besonders für die pädagogische Arbeit bedeutsam sind (vgl. Connell 2013, o.S.).

„Auflösungserscheinungen traditioneller Muster bis hin zu individuellem Geschlechts­wechsel und Transsexualität finden derzeit auch großes wissenschaftliches Interesse. Sie sind Anzeichen einer Problematisierung genereller Zuschreibungen von Ge­schlechterdifferenzen und einer kulturellen Liberalität in nonliberalen Gesellschaftsfor­mationen.“ (Bührmann 2014, S. 182).

Zwischenfazit:

Die Geschlechterforschung geht davon aus, dass die Sozialisation von Jungen (und Mädchen) von alten sowie neuen Orientierungen und Geschlechterbildern wie auch einer veränderten Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern geprägt ist. Das Männlichkeitsbild wird durch eine Vielzahl an Faktoren geprägt, wobei dem Elternhaus der bedeutendste Einfluss zugeschrieben wird (vgl. Bührmann 2014, S. 186).

Der individuelle Grad der Geschlechtsidentität ist durch die Tradition, genauer gesagt durch bestehende Geschlechterstereotype eingeschränkt. Da das Geschlecht eine der grundlegenden sozialen Kategorien ist, die maßgeblich unsere Wahrnehmung anderer Menschen beeinflusst, kommen wir kaum umhin, Personen als Männer und Frauen anzusehen (vgl. Steffens/ Ebert 2016, S. 13). Es ist zunächst irrelevant, ob die traditionellen Bilder als falsch oder unzeitgemäß angesehen werden. Entscheidend ist vielmehr die Tatsache, dass diese Traditionen bestehen, und dass sie durch bestehende gesellschaftliche Zwänge und Interessen unsere Gegenwart bestimmt:

Was unsere Vorfahren uns an Bildern von Männlichkeit weitergegeben haben, ist für uns vorgegebene Realität, an der wir uns orientieren und die wir in unserer Erziehung verinnerlichen. Diese Verinnerlichung bestimmt unsere Sichtweise von uns selbst und von den andere.“ (Hollstein 2012, S. 11).

Um trotz der starren Geschlechterbilder und Zuschreibungen ihre eigene Vorstellung von Männlichkeit leben zu können, müssen Männer somit ihre persönliche Lebensweise von Männlichkeit finden und für sich immer wieder neu interpretieren.

4. Männlichkeit(en)

4.1 Männliche Geschlechterbilder

Heute, so scheint es, haben Männer aufgrund der Umbrüche in den Geschlechterver­hältnissen endlich die Möglichkeit, ihr Mannsein selbst zu „bewältigen“, ganz im Gegensatz zu der Zeit, in der traditionelle männliche Selbstverständlichkeiten herrschten. Diese Chance stellt jedoch gleichzeitig eine komplexe Aufgabe dar, denn auf der Suche nach der männlichen Identität sollen die traditionellen Männlichkeitsbil­der aufgebrochen werden (vgl. Böhnisch/ Winter 1993, S. 126). Demzufolge werden in diesem Kapitel leitende männliche Geschlechterbilder im kurzen historischen Wandel vorgestellt, um den Ausgangspunkt aufzuzeigen, auf dem heutige Männlichkeitsbilder und Geschlechter­stereotype aufbauen. Gesellschaftliche Geschlechterbilder reichen weit in die Geschichte zurück. Als relevant für diese Ausarbeitung wird lediglich der Wandel des Männlichkeitsbildes seit dem zweiten Weltkrieg angesehen. Denn vorherig bestehende Geschlechterbilder nehmen keinen bedeutsamen Einfluss mehr auf die heutige Vorstellung von Männlichkeit.

Schlank und rank“, „flink wie Windhunde“, „zäh wie Leder“ und „hart wie Kruppstahl“ – dieses Männerbild propagierte 1935 der höchste Repräsentant des nationalsozialisti­schen Staates und machte es zum damaligen allgemein gültigen Leitbild männlicher Identität (vgl. Hollstein 2012, S. 10). Die männlichen Heimkehrer des zweiten Weltkrieges bildete jedoch eine riesige Gruppe von traumatisierten Männern, beladen mit Schuld, Scham und Demütigung (vgl. Dammasch et al. 2009, S. 93). Zu einer Aufarbeitung des Geschehens kam es aber nur zögerlich, da der Wiederaufbau Deutschlands die zuvor vermittelten Männlichkeitsqualitäten wie Leistung, Disziplin und Kraft forderten (vgl. Hollstein 2012, S. 10). Den zurückgekehrten Vätern war es kaum möglich, ihren Söhnen ein stabiles Männlichkeitsbild zu vermitteln. Dies führte dazu, dass es den heranwachsenden Söhnen sehr schwer fiel, eine stabile und integrierte männliche Identität zu entwickeln (vgl. Dammasch et al. 2009, S. 93).

Erst in den 1960-er Jahren kam es in Folge der Studentenbewegung zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vätergeneration der Kriegsheimkehrer. Die damit verbundenen traditionellen Männlichkeitsentwürfe wurden stark problematisiert (vgl. Hollstein 2012, S. 10). Ausgelöst durch die zunehmende Teilhabe von Frauen an Bildung und Beruf, vollzog sich ein entscheidender Wandel des männlichen Rollenverständnisses. Infolge der wachsenden beruflichen Qualifikation und Partizipation der Frau, erlangte sie zunehmend ökonomische Unabhängigkeit vom Mann. Demzufolge wurde das bis dahin gültige Bild von Männern (und Frauen) in Frage gestellt (vgl. Bmfsfj 2006, S. 31). Die Frauenbewegung Anfang der 1970-er Jahre ließ besonders Kritik an der Rolle des Mannes als „ Patriarch “ verlauten. Zudem wurde die ungleiche Verteilung der Hausarbeit zwischen den Geschlechtern thematisiert sowie eine Verbesserung der Voraussetzungen weiblicher Berufstätigkeit gefordert. Durch diese Entwicklungen wurde eine Verunsicherung des männlichen Selbstbildes vorangetrieben (vgl. Brandes/ Bullinger 1996, S. 43).

Mit den Prozessen der Globalisierung verlor der Mann Ende der 1980-er Jahre seine selbstverständliche und sichere Rolle in der Arbeitergesellschaft. Die Wirtschaft benötigte von nun an ein breites und qualifiziertes Humankapital aus der Gesellschaft, also sowohl Männer als auch Frauen (vgl. Böhnisch 2003, S. 93). Während sich in der Rolle des Mannes als Partner und Vater eine deutliche Veränderung abzeichnete und es zur Aufweichung traditioneller Vorbilder kam, stellte der Beruf nach wie vor das Zentrum männlicher Identität dar. Werte wie Leistungs- und Belastungsfähigkeit, Härte, Durch­setzungsvermögen und Dominanz waren weiterhin innerhalb der modernen Erwerbs­arbeit gefordert. Ferner sah sich der Mann in der Arbeitswelt mit neuen Anforderungen konfrontiert. Der Wandel der strikten Arbeitsteilung zur Teamarbeit erforderte zusätzliche Qualifikationen wie Kommunikation-, Konflikt-, Kooperationsfähigkeit und Flexibilität – Eigenschaften, die im Rahmen geschlechtsspezifischer Sozialisation eher weiblich konnotiert sind und dem weiblichen Charakter zugeschrieben werden (vgl. Brandes/ Bullinger 1996, S. 51).

Die Entgrenzung von Familie und Beruf führte neben Unsicherheiten der männlichen Rolle auch zu neuen Möglichkeiten, diese Rolle in der Gesellschaft neu zu definieren. Der Fokus feministischer Frauen- und Männerbewegungen lag nun auf der Neuformung der Vaterrolle. Diese Ansprüche und Erwartungen an Vaterschaft führten letztlich zu einem Wandel der Rolle des Mannes. Die Partnerschaft wurde zur Verhandlungssache und die Kindererziehung forderte die aktive Teilnahme des Mannes (vgl. Meuser 2007, S. 63). Fortan standen Männer Ende des 20. Jahrhunderts vor der Erwartung, leistungsfähig zu sein und beruflichen Erfolg vorweisen zu können. Das erforderte auch, die eigenen Bedürfnisse zurückstellen zu können, um im Zweifelsfall die Familie zu versorgen. Bedürfnisverdrängung, Berufszentrierung und Konkurrenzdenken stellten somit zentrale Elemente von Männlichkeit dar. Die weiterhin verinnerlichte Beschützerrolle ließ den Mann die Verpflichtung spüren, die Umwelt und sich selbst unter Kontrolle zu haben sowie Probleme alleine lösen zu können. Eine emotionale Öffnung gegenüber anderen würde seiner Ansicht nach diese Kontrolle gefährden, weshalb der Mann keine Unsicherheit oder Unzufriedenheit kommuniziert, sondern mit Stummheit reagiert. Im Zusammenhang damit steht auch das männliche Prinzip der Rationalität. Hierbei geht es um die männliche Überbetonung von Verstand und Logik in jeglichen Lebensbereichen, wodurch es zu einer männlichen Abwertung von Gefühlen kommt (vgl. Hertling 2008, S. 10f.).

Aufgrund der gestiegenen Erwerbstätigkeit von Frauen lässt sich die Rolle des Mannes heutzutage nicht mehr über seine Rolle als Oberhaupt und Ernährer der Familie definieren, weshalb für gegenwärtige Männergenerationen die Notwendigkeit besteht, Rollenalter­nativen zu finden (vgl. Welpe/ Schmeck 2005, S. 61). Die Auflösung traditioneller geschlechterspezifischer Rollenzuschreibungen führt außerdem zu einem Verschwimmen männlicher und weiblicher Sphären, weshalb heutzutage nicht mehr eindeutig definiert werden kann, was unter Männlichkeit zu verstehen ist (vgl. Piepenbrink 2012, S. 2; vgl. Schmale 2003, S. 269). Die wachsende kulturelle Diversität fördert die Bildung verschiedener Männlichkeitsmuster (vgl. Connell 2000, S. 21). Dieser stetige Wandel erfordert dabei eine flexible Anpassung an bestehende gesellschaftliche Vorstellungen:

Die postmoderne oder „hybride“ Gesellschaft verlangt ein steigendes Maß an Mobilität und Flexibilität […], sie verlangt eine beschleunigte Anpassungsfähigkeit an sich beschleunigt verändernde soziokulturelle Kontexte.“ (Schmale 2003, S. 268).

Nach Lothar Böhnisch (2001) ist das Leben des Mannes im 21. Jahrhundert stark davon geprägt, sich selbst und seine Position – sei es in der Familie, im Berufsleben oder in der Gesellschaft – zu finden (vgl. ebd., S. 40).

4.2 Herausforderungen in der männlichen Biografie

In gesellschaftlichen Diskursen, wie auch in medialen Beiträgen ist häufig von der „ Krise des Mannes “ die Rede. So betitelte beispielsweise der Spiegel 2008 seine Ausgabe anlässlich des 50. Jahrestages des ersten Gleichberechtigungsgesetzes wie folgt: „ 50 Jahre Emanzipation. Was vom Mann noch übrig ist[10] “. Ein Beitrag dieser Ausgabe befasst sich mit sogenannten „urmännlichen“ Berufsfeldern, wie dem Finanzmarkt, dem Militär oder dem Fußball, in denen Frauen nun vermehrt tätig sind. Diese Entwicklung wurde als der „ Niedergang des männlichen Geschlechts “ bezeichnet (Meuser/ Scholz 2012, S. 27). Auch die Männerforschung vertritt einen deutlichen Standpunkt. So erkennt Hollstein (2008) eine „ Männerfeindlichkeit und Männerverachtung “ in der Gesellschaft und verweist auf „ verheerende Folgen“ des Feminismus für das männliche Geschlecht hin (vgl. Hollstein 2008, S. 10f.). Daher lasse sich der Mann in der Sozial- und Gleichstellungspolitik als das „ vernachlässigte Geschlecht “ begreifen, so Hollstein (vgl. ebd., S. 16). Bereits im Jugendalter stünden Männer vor vermehrten Schwierigkeiten: Probleme in der Schule, Benachteiligungen durch die weitgehende Feminisierung des Betreuungs- und Bildungswesens, vorschnelle Zuschreibungen im gesellschaftlichen Gewaltgeschehen sowie Irritationen in der männlichen Identitätsbildung (vgl. Möller 2012, S. 41).

Heutzutage gelten Frauen tatsächlich als die Gewinnerinnen der Modernisierung. Statistisch gesehen haben Frauen beispielsweise die besseren Schulabschlüsse und studieren häufiger. Nach Hollstein entwickelt sich die Wirt­schaft obendrein zu einem „weiblichen“ Dienstleistungsgewerbe, wohingegen die „männliche“ Industriearbeit abnimmt (vgl. Hollstein 2012, S. 14). Es kommt zu einem deutlichen Verlust von Arbeitsplätzen im industriellen Sektor (der überwiegend „Männerarbeitsplätze“ bereithält) und zu einem Zuwachs im Dienstleistungssektor (in dem vermehrt Frauen arbeiten) (vgl. Meuser/ Scholz 2012, S. 27f.). Daraus lässt sich ableiten, dass die männliche Ernährerrolle überwiegend an Verbindlichkeit verliert, so Hollstein (2012). Die Grundfeste männlicher Identität, die seit Jahrhunderten durch die Arbeitsleistung geprägt waren, lösen sich zunehmend auf, was zu einer starken Verunsicherung des männlichen Selbstwertgefühls führt (vgl. ebd., S. 14f.). Diese Schlussfolgerung zieht ebenfalls Lothar Böhnisch (2012):

Männer aller sozialen Schichten leiden gerade wegen ihrer Identitätsbindung an die Erwerbstätigkeit unter den Belastungen, welche die […] prekären Arbeitsverhältnisse und Ausgrenzung aus der Arbeit mit sich bringen.“ (ebd., S. 29).

Auch die hohen Scheidungszahlen[11], wie auch die große Anzahl an alleinerziehenden Elternteilen[12] (zum größten Teil alleinerziehende Mütter), sind bei der Betrachtung männlicher Problemlagen von Bedeutung. Im Jahr 2011 gab es unter den 11.614.000 Familien[13] in Deutschland 2.686.000 alleinerziehende Elternteile. Davon waren 92,7% Mütter und 7,3% Väter. Insgesamt gab es im Jahr 2011 2.320.000 Familien ohne Väter, was etwa 20% ausmacht. Diese Tatsache ist als problematisch anzusehen, da Väter verstärkt die emotionale, kognitive sowie soziale Entwicklung des Kindes fördern (vgl. Seiffge-Krenke 2016, S. 15). Matzner (2004) resümiert hierbei, dass die Präsenz und das Engagement des Vaters eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung des Kindes stark begünstigt und sogar als wirksame Prävention problematischer Lebenswege von Kindern bewertet werden kann (vgl. ebd., S. 10).

Die Veränderungen in den Familienkonstellationen (beispielsweise weniger Erwach­sene unterschiedlichen Geschlechts oder weniger Geschwisterkinder[14] ) lassen folglich weni­ger Erfahrungen mit Menschen beiderlei Geschlechts zu. Den individuellen Bedürfnis­sen und Interessen von Kindern stehen somit nur wenige Orientierungsmuster zur Verfügung (vgl. Blank-Mathieu 2001, S. 86f.).

„Sofern [Jungen] nicht auf alltägliches männliches Modellverhalten zurückgreifen können, beginnen sie oftmals, ihre Männlichkeit in Abgrenzung zu ihnen dargebotenem weiblichen Verhalten zu definieren und inszenieren.“ (Hertling 2008, S. 4).

Diese Problematik wird durch den überproportionalen Anteil von Erzieherinnen und Lehrerinnen in Kindergärten beziehungsweise Schulen verstärkt (vgl. Hertling 2008, S. 4).

Das häufig aufgeführte Geburtenproblem stehe ebenfalls im Zusammenhang mit der so bezeichneten „ Krise der Männlichkeit “. Studien zeigen auf, dass der Kinderwunsch bei jungen Frauen deutlich höher ist als der von jungen Männern. Als Grund hierfür werden seitens der Männer unter anderem gesellschaftlich unbearbeitete Rollenkonflikte aufgeführt (vgl. Hollstein 2012, S. 15). Weitere Studien legen die großen Zukunftsängste junger Männer dar. Die hohe Unsicherheit resultiert aus dem persönlichen Vergleich zu gleichaltrigen Frauen. Die Frauen strahlen für Männer ein großes Selbstbewusstsein aus, seien zielstrebig und haben ein modernes Rollenbild, so eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (vgl. Bmfsfj 2007, S. 9). Das veränderte, selbstbewusste Rollenverständnis moderner Frauen, lässt eine Fortführung alter Rollenaufteilungen nicht mehr zu und fordert von den Männern, die eigene Rolle in gleichberechtigten Aushandlungsprozessen stets neu zu justieren.

„ Hinsichtlich der neuen Beziehungssituation und veränderten beruflichen Anforderun­gen fühlen sich viele, dem traditionellen Männlichkeitsbild entsprechend zu Stärke, Dominanzansprüchen und männlichem Konkurrenzprinzip erzogene junge Männer überfordert und reagieren mitunter auf die neuen Anforderungen mit Zuflucht in alte Rollenmuster.“ (Hertling 2008, S. 17).

Männer, deren Kindheit in den 1980-er Jahren lag, wurden hauptsächlich durch die Erfahrung sozialisiert, dass der Vater den Haupternährer darstellt und die Mutter teilweise auch arbeiten geht beziehungsweise kann. Dadurch erlebte diese Generation zwar eine Lockerung der traditionellen Rollenteilung, jedoch keine Auflösung dieser. In Bezug auf die eigene „ neue Geschlechtsidentität “ junger Männer fehlen somit oft die positiven Vorbilder zur Orientierung (vgl. Bmfsfj 2007, S. 9). Auch die verschiedenen Anforderungen unterschiedlicher Generationen verstärken die Unsicherheiten junger Männer. Während die Partnerin männliches Engagement an der Hausarbeit und der Erziehung fordert, wertet beispielsweise der Vater des Mannes derartiges Engagement oftmals ab, so Thomas Hertling (2008) (vgl. ebd., S. 16).

Das Bedürfnis nach väterlicher Anerkennung als Bestätigung der eigenen Männlichkeit führt dazu, dass der Sohn den väterlichen Vorstellungen auf das eigene Leben eine große Bedeutung zumisst. Problematischer Weise widersprechen die von der Vätergeneration vermittelten traditionellen Männlichkeitsvorstellungen oftmals den Anforderungen, denen Männer heutzutage gegenüberstehen. Neben einer emotionalen und familiären Ausrichtung, zielen die Erwartungen auch auf sozial-kommunikative Fähigkeiten des Mannes (vgl. Hertling 2008, S. 16).

Zwischenfazit

Junge Männer haben heutzutage weder die Möglichkeit, sich an einem allgemeingültigen Männlichkeitsmodell auszurichten, noch sehen sie sich von traditionellen Erwartungen gänzlich befreit. Die neuen und zunächst als widersprüchlich und befremdlich erscheinenden Anforderungen führen zu einer großen Unsicherheit bei Männern. Auch die fehlenden männlichen Vorbilder können als Ursache männlicher Unsicher­heit benannt werden (vgl. Hertling 2008, S. 17). Daher besteht die Notwendigkeit, Jungen sowie junge Männer bei der Suche nach ihrer persönlichen Definition als Mann zu begleiten sowie ihnen alternative, nicht von außen auferlegte Männlichkeitsvorstellungen aufzuzeigen. Diese Aufgabe kommt besonders der Sozialen Arbeit zu, indem sie junge Männer bei ihrer Identitätsfindung unterstützt und ihnen zu einer individuellen Persönlichkeit als Mann verhilft.

5. Vaterschaft und Väterlichkeit

Die Autorin Anja Wolde (2007) umschreibt den Ausdruck ‚Vaterschaft‘ als „ Institution “, an die kulturell und gesellschaftlich spezifische Funktionen gebunden sind. Beispielsweise unterliegen die Verantwortlichkeiten eines Vaters einer sozialen sowie rechtlichen Regelung. Vaterschaft ist jedoch nicht zwangsläufig an die biologische Vaterschaft gebunden. Auch nicht-leibliche Väter, wie Stief- oder Adoptivväter, können die Institution Vaterschaft ausfüllen, indem sie dieselben Rechte und Pflichten wie ein biologischer Vater erhalten (vgl. ebd., S. 46). Unter dem Begriff „Väterlichkeit“ versteht die Autorin hingegen eine „ soziale Zuweisung von Eigenschaften, Fähigkeiten und Aufgaben an den Vater “, die kulturell und gesellschaftlich stark variieren kann (ebd.). Aus diesem Grund müsste streng genommen von Väterlichkeiten die Rede sein, wobei es auch immer kulturell dominante Deutungen von ‚Väterlichkeit‘ gibt (vgl. Wolde 2007, S. 46). In diesem Unterkapitel wird daher das heutige dominierende Verständnis von Väterlichkeit näher ausgeführt. Dabei sollen Zuweisungen und Zuschreibungen an die Ausübung der Vaterrolle herausgearbeitet werden, um diese im nachfolgenden Kapitel mit dem Verständnis von Männlichkeit in Verbindung zu bringen.

5.1 Einblicke in das heutige Verständnis von Vaterschaft und Väterlichkeit

In der Diskussion um das heutige Verständnis von Väterlichkeit gibt es zahlreiche Begrifflichkeiten zur Beschreibung des vorherrschenden Vaterschaftskonzepts. In wissenschaftlichen Beiträgen, wie auch in jeglichen Medien, fällt immer wieder der Begriff der „neuen Väter“ (vgl. Baumgarten 2012, S. 38f.). Die neuen Väter werden in der Literatur als liebevoll, antiautoritär und als in das Familienleben integriert beschrieben (vgl. Dermott 2008, o.S.) Außerdem möchten sie neben der Versorgerfunktion ihrer Erzieherfunktion nachkommen und eine gute Vater-Kind-Beziehung aufbauen. Häufig wird in wissenschaftlichen Ausarbeitungen jedoch auch darauf hingewiesen, dass die bemerkbaren Veränderungen von Vaterschaft zumeist auf der Ebene von Einstellungen zu finden sind und nicht zwangsläufig in der Ausgestaltung der Vaterrolle (vgl. Baumgarten 2012, S. 39). „Neue“ Vaterschaft muss somit nicht zwingend eine egalitäre Aufgabenteilung zwischen den Eltern mit sich ziehen. Auch wenn sich das Arbeitsarrangement äußerlich zwischen den Geschlechtern womöglich nicht groß von dem der eigenen Eltern unterscheidet, scheinen Väter heutzutage andere Vorstellungen und somit andere Ansprüche an sich als Vater zu haben (vgl. ebd.).

Der erste wesentliche Aspekt väterlichen Selbstanspruchs ist die Zeit, die Väter mit ihren Kindern verbringen wollen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fand in einer Befragung aus dem Jahr 2015 heraus, dass die zeitliche Form der Beteiligung für viele Väter einen zentralen Stellenwert einnimmt (vgl. Bmfsfj 2015, S.15). Sie erwarten vermehrt von sich selbst, so viel Zeit wie möglich mit ihren Kindern zu verbringen, um an deren Alltag und Entwicklung teilzuhaben (vgl. Baumgarten 2012, S. 39). Die gemeinsame Zeit mit dem Kind muss für Väter jedoch nicht zwangsläufig mit fürsorglichen Tätigkeiten oder besonderen Aktivitäten gefüllt werden. Bereits die physische Präsenz ist für Väter von großer Bedeutung (vgl. ebd.). Der väterliche Wunsch nach Anwesenheit in der Familie resultiert aus einem zweiten wichtigen Aspekt: Der emotionalen Vater-Kind-Beziehung. Hierbei ist es den Vätern wichtig, dem Kind gegenüber Emotionen auszudrücken. An dieser Stelle lässt sich erkennen, dass männlich besetzte Werte wie Ordnung, Autorität und Gehorsamkeit zunehmend an Bedeutung verlieren.

Aktuellere Befragungen von Vätern zeigen, dass sie sich nicht mehr ausschließlich an ihrer Berufstätigkeit messen, sondern auch an der Qualität der Beziehung zu ihrem Kind (vgl. Baumgarten 2012, S. 39). Gelingt es den Vätern, ihre individuellen Vorstellungen der Vater-Kind-Beziehung umzusetzen, beurteilen sie ihre Ausübung der Vaterrolle als „gut“.

In den letzten Jahrzehnten erkannte auch die Forschung die große Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung. Lange Zeit galt die Mutter als primäre Bezugsperson für die Säuglinge und Kleinkinder, die von Natur aus für deren Betreuung und Pflege bestimmt ist. Erst Mitte der 1970-er Jahre erkannte die Wissenschaft, dass die Vater-Kind-Interaktion in der Bedeutung gleichrangig zur Mutter-Kind-Interaktion anzusehen ist (vgl. Sabla 2009, S. 19). Bindungsstudien zeigen auf, dass der risikoreiche Körperkontakt zwischen Vater und Kind dessen emotionale, kognitive sowie soziale Entwicklung fördert. Die Ergebnisse einer Bindungsforschergruppe zeigen, dass für eine sichere Bindung des Kindes somit die väterliche Spielfeinfühligkeit von ebenso großer Bedeutung ist, wie die mütterliche Feinfühligkeit (vgl. Seiffge-Krenke 2016, S. 15). Es ist nicht einfach zu bestimmen, inwieweit die Vater-Kind-Beziehung schon früher dem Anspruch unterlag, in einer Form „gut“ zu sein. Verfolgt man jedoch die Annahme, dass Väter bislang lediglich als Ernährer und Versorger der Familie und damit als „Assistent der Mutter“ wahrgenommen wurden, lässt sich heutzutage durchaus von einem Wandel des väterlichen Ideals sprechen (vgl. Baumgarten 2012, S. 39).

Anhand der bisherigen Ausführungen dieses Kapitels zeigt sich die große Bedeutung der Kindererziehung als väterliche Aufgabe. Einerseits stellt die Erziehung ein individuelles Bedürfnis von Männern dar, andererseits wird die familiäre Beteiligung von Vätern zum gesellschaftlichen Anspruch. Fürsorglichkeit und Emotionalität werden somit immer größere Bestandteile von Väterlichkeit und somit auch von Männlichkeit (vgl. Baumgarten 2012, S. 40). Dies stellt ein Spannungsfeld dar, in dem sich viele Väter befinden. Denn für einige Männer stellt die Berufstätigkeit nach wie vor den zentralen Bezugspunkt für die Vorstellung von Männlichkeit dar. Trotz der sich veränderten Haltung von Vätern – ein aktiver Bezugspartner für sein Kind zu sein – ist die Berufstätigkeit weiterhin hauptidentitätsstiftend für Männer (vgl. ebd.). Diese durchaus widersprüchliche Vorstellung von Vaterschaft lässt sich nach Diana Baumgarten (2012) als „ emotional involvierter, präsenter Ernährer-Vater “ beschreiben (ebd., S. 40).

Der Wissenschaftler Michael Matzner beschäftigte sich in einer qualitativen Studie mit Einflussfaktoren, die Väter fördern beziehungsweise hindern, ihre aktive Vaterschaft auszuleben. Neben der Mutter der Kinder und den Kindern selbst, wirken materielle und soziale Ressourcen[15], die Berufstätigkeit des Vaters sowie seine soziale Lage und das Milieu auf die väterliche Beteiligung ein (vgl. Matzner 2004, S. 439). Die Entscheidung für die väterliche Beteiligung resultiert nach Christiane Rohleder aus einem weiteren Faktor: der vorherrschenden Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktion des jeweiligen Partners. Die Geschlechtskonstruktionen werden in den Prozessen des doing gender von beiden Elternteilen erzeugt (vgl. Rohleder 2006, S. 296). Doing Gender meint hierbei, dass

im kulturellen System der Zweigeschlechtlichkeit Individuen ein Interesse daran haben, eindeutig als Mann und als Frau erkannt zu werden und sich […] in ihrem alltäglichen Verhalten an bestehenden sozialen Erwartungen orientieren, um durch ihr Handeln Männlichkeit oder Weiblichkeit zu demonstrieren.“ (ebd.).

Jedoch nicht nur das eigene Verhalten, sondern auch die Wahrnehmung der Handlungen des Partners erfolgt entlang bestehender sozialer Geschlechtskategorien. Dies kann dazu führen, dass gleiches Handeln je nach Geschlechtszugehörig­keit unterschiedlich wahrgenommen und beurteilt wird. Die Prozesse des doing gender betonen somit die aktive Beteiligung der Elternteile an der Produktion und Reproduktion der Geschlechterverhältnisse (vgl. ebd.).

Männer, die bereits Vater sind oder Vater werden, stehen vor der Aufgabe, ihr Vatersein zu konzipieren und zu leben. Dabei werden sie häufig mit Vereinbarkeitsproblemen sowie vielseitigen Erwartungen – beispielsweise gesellschaftliche Erwartungen oder die der Mutter – konfrontiert. Gleichzeitig ergibt sich aus der Konzipierung des subjektiven Vaterschaftskon­zeptes[16] jedoch auch die Chance,

Väterlichkeit in Zukunft stärker von der Engführung an Mutterschaft zu lösen und Vorstellungen von einer gleichberechtig­ten Erziehungs- und Fürsorgeverantwortung zu entwickeln, welche die Unterscheidung in einen wichtigen und weniger wichtigen El­ternteil hinfällig macht. “ (Baumgarten 2012, S. 40).

5.2 Männer als Väter

Die Vaterschaft stellt eine äußerst wichtige Dimension der männlichen Biografie dar – jeder Mann hat einen Vater und kann selbst Vater werden. Trotzdem setzte sich die Männer­forschung bisher selten mit dem Themenkomplex der Vaterschaft auseinander (vgl. Matzner 2007, S. 223). Auch die sozialwissenschaftliche Forschung konzentrierte sich bei den Themen Familiengründung, Kinderwunsch oder familiale Beziehungen lange Zeit aus­schließlich auf Frauen und somit Mütter. Männer, beziehungsweise Väter, wurden zu dieser Thematik erst seit Ende der 1990-er in den Blick genommen (vgl. Baumgarten 2012, S. 37). Im Mittelpunkt dieser Forschungen standen die Bedeutung des Vaters für die Persön­lichkeitsentwicklung seiner Kinder sowie Aspekte der Vater-Kind-Beziehung. Die lange Nichtbeachtung des Themenkomplexes der ‚Väterlichkeit‘ innerhalb der kritischen Männerforschung bleibt für Matzner (2007) unverständlich:

Diese Ignoranz ist kaum nachvollziehbar, wenn man sich allein die große Bedeutung der Erfahrungen mit dem eigenen Vater für die Ausbildung des individuellen Männlichkeits- und Vaterschaftskonzeptes vor Augen führt.“ (ebd., S. 228).

Als Erklärung führt der Wissenschaftler den Aspekt auf, dass Vaterschaft heutzutage nicht mehr automatisch als ein Bestandteil der männlichen Normalbiografie angesehen wird, da längst nicht alle Männer Väter werden[17] (vgl. ebd.).

Die individuelle Vaterschaft steht in einem engen Bezug zu gesellschaftlich existierenden Bildern und Diskursen von Elternschaft, Mutterschaft, Mannsein und gesellschaftlicher Arbeitsteilung. Mutterschaft wird heutzutage noch häufig als Orientierungspunkt für Väterlichkeit gesehen. Dadurch wird das Ausüben der Vaterrolle kaum als etwas Eigenständiges betrachtet, sondern vielmehr als eine Art Assistentenrolle der Mutter (vgl. Matzner 2007, S. 224).

Während Müttern eine „natürliche“ und damit umfassende Kompetenz zugeschrieben wird, die Bedürfnisse von Kindern erkennen und befriedigen zu können, werden Väter als defizitärer Mutterersatz betrachtet.“ (Baumgarten 2012, S. 37).

Anhand des Zitates wird deutlich, dass sowohl im Alltagsbewusstsein, als auch in der Wissenschaft, die Themenfelder rund um Kinder und Erziehung primär dem Bereich von Weiblichkeit zugeschrieben werden. Während sich die Männlichkeitsforschung mit der Entwicklung und Konstruktion männlicher Identität auseinandersetzt, fehlt in diesem Forschungszweig die Verknüpfung zur Väterlichkeit noch weitestgehend (vgl. Baumgarten 2012, S. 37; vgl. Wolde 2007, S. 47). Wenn überhaupt, dann wird Vaterschaft in der Männlichkeitsforschung fast ausschließlich im Zusammenhang mit der Funktion als Familienernährer reflektiert (vgl. Wolde 2007, S. 47f.).

Das Konzept der Vaterschaft wird stets mit zwei verschiedenen Bereichen in Verbindung gebracht – einerseits mit den vorherrschenden Vorstellungen von Mutterschaft und andererseits mit den bestehenden Normen von Männlichkeit. „ Die Schwierigkeit besteht nun in der Unklarheit darüber, wie Männer eigentlich Väter sein sollen, beziehungsweise was Väterlichkeit genau beinhaltet.“ (Baumgarten 2012, S. 37).

Wie bereits im vorherigen Kapitel erwähnt, werden Eigenschaften wie Emotionalität oder Fürsorglichkeit als immer wichtigere Bestandteile von Väterlichkeit und somit von Männlichkeit angesehen. Dies führt zu einem großen Spannungsfeld für viele Männer, die weiterhin ihre Erwerbstätigkeit und Ernährerfunktion als hauptidentitätsstiftend empfinden (vgl. Baumgarten 2012, S. 40). Vorstellungen von Väterlichkeit und Männlichkeit müssen zwar nicht immer zusammenfallen, jedoch kann sich das Auseinanderklaffen für Männer zu einem großen inneren Konflikt entwickeln, wie es Anja Wolde (2007) beschreibt:

Je mehr … Deutungsmuster von Väterlichkeit und Männlichkeit auseinander klaffen, desto konfliktreicher wird dies für die Männer, die sich an den divergenten Deutungsmustern orientieren.“ (ebd., S. 46).

Francois de Singly wies bereits 1995 auf die Probleme hin, die Väter damit haben können, ihre Funktion als Familienernährer zu erfüllen und gleichzeitig eine emotionale und körperliche Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen (vgl. Wolde 2007, S. 47). Auch Sylka Scholz kam 2004 in ihrer biographischen Interviewstudie mit ostdeutschen Männern zu ähnlichen Ergebnissen. Bei der Rekonstruktion ihrer Biografie erwähnten die Männer ihre Vaterschaft nur vereinzelt. Die interviewten Männer verstanden ‚Väterlichkeit‘ im Sinne einer emotionalen, fürsorglichen Beziehung zum Kind, die als mütterliche und somit weibliche Eigenschaft angesehen wurde. Dadurch befürchteten die Männer als nicht männlich angesehen zu werden, weshalb Väterlichkeit nicht zum Bezugspunkt des eigenen Selbstverständnisses als Mann gesehen wurde (vgl. Wolde 2007, S. 47; vgl. Scholz 2004, S. 236).

Abschließend stellt sich die Frage, ob die Modernisierung der väterlichen Rolle auch einen Wandel des Geschlechterverhältnisses mit sich bringt. Bambey und Gumbinger (2015) ziehen auf Grundlage ihrer Untersuchung zur innerfamiliären Dynamik geteilter Elternschaft folgende Schlussfolgerung:

„Rollenaspekte engagierter Vaterschaft [haben] in das Bild von Männlichkeit inzwischen weitgehend Eingang gefunden [...] , dass dies jedoch nicht gleichzeitig bedeuten muss, dass die geschlechtsspeifische Arbeitsteilung in der Paarbeziehung der Eltern ihre Geltung verloren habe.“ (ebd., S. 475).

Für das männliche Selbstbild sind weniger die emotionalen und fürsorglichen Beziehungs­dimensionen der Vater-Kind-Beziehung problematisch, sondern die Übernahme von anfallender Hausarbeit. Das Ausführen von Tätigkeiten im Haushalt würde häufig von Männern als „ Verlust der Männlichkeit “ oder „ Verweiblichung “ erlebt, der sie entgegenwirken möchten (vgl. Flaake 2009, S. 136).

Auch die Forschungen von Behnke und Meuser (2010) bestätigen das verstärkte Engagement von Männern an der Familienarbeit, wobei insbesondere die Betreuung des Kindes als bereichernd angesehen wird (vgl. ebd., S. 2). Die Fürsorgearbeit in der Familie wird somit von Vätern nicht als negativ angesehen, bedarf allerdings einer „Erklärung“ beziehungsweise „Relativierung“. Die Notwendigkeit der Erklärung männlicher Fürsorglichkeit besteht vor dem Hintergrund der nach wie vor in der Gesellschaft tief verankerten als weiblich konnotierten Fürsorglichkeit und Weichheit. Weiterhin gelten emotionale Wärme und liebevolle Zuwendung darin immer noch als weibliche Eigenschaften (vgl. Behnke/ Meuser 2010, S. 7).

Bei der Art, wie Männer und Frauen eine „geschlechtsuntypische“ väterliche Fürsorglichkeit deuten, lassen sich milieuspezi­fische Unterschiede erkennen. Im Arbeitermilieu ist es von zentraler Bedeutung, so Behnke und Meuser, „ sich nach außen und für alle sichtbar männlich oder weiblich zu verhalten“ (vgl. ebd. 2010, S. 8). Eine Übernahme von Verhaltensformen, die dem anderen Geschlecht zugeschrieben sind, stehe dem entgegen. Vor diesem Hintergrund lässt sich erkennen, dass eine Abweichung von dieser Regel, Erklärungsbedarf erzeugt. Daher wird im Arbeitermilieu oftmals die Integration von Fürsorglichkeit in das männliche Selbstbild durch die Vorstellung der „zupackenden Männlichkeit“ inszeniert. Ein Vater sieht sich dabei als „gerade noch männlich genug“ an, um sich um das Kind kümmern zu können (vgl. ebd.). In der Mittelschicht, die den Untersuchungs­gegen­stand dieser Forschung darstellt, wird der fürsorgliche Vater oftmals als „ Juniorpartner“ der Mutter angesehen, die weiterhin die Hauptzuständigkeit der Fürsorge­arbeit übernimmt und der Vater unter „ Anleitung “ agiert (vgl. ebd., S. 9).

„Während auf alltagspraktischer Ebene die Fürsorgezuständigkeit der Frau weitgehend ungebrochen gegeben und auch seitens des Mannes anerkannt ist, hat man sich auf diskursiver Ebene von einer Zuschreibung polar entgegengesetzter Geschlechtscharaktere entfernt.“ (Behnke/ Meuser 2010, S. 9).

Auf Fürsorge gerichtete Kompetenzen des Mannes werden damit nicht mehr zum Anlass genommen, um zu fragen, wie sich dies mit der Vorstellung von Männlichkeit des Vaters verträgt. Gleichwohl wird deutlich, dass diese Interessen und Kompetenzen als ge­schlechtsuntypisch und als etwas Besonderes wahrgenommen werden, was der expli­ziten Erwähnung bedarf. Damit ist auch innerhalb der Mittelschicht der „ Geschlechter­rahmen aktiviert“ (vgl. ebd.). Als milieuübergreifende Gemeinsamkeit lässt sich somit festhalten, dass die von Männern praktizierte Fürsorglichkeit stetig im Rahmen eines Geschlechterrahmens stattfindet. Wird die Fürsorgearbeit von Vätern praktiziert, erzeugen die damit resultierenden Rahmenbrüche einen Erklärungsbedarf, der sich im Arbeitermilieu auf den geschlechtlichen Status des Mannes bezieht, im Milieu der Mittelschicht auf den Nachweis seiner fürsorglichen Kompetenz (vgl. Behnke/ Meuser 2010, S. 9). Die angeführten Forschungserbnisse legen nahe, dass die „Entstereotypisierung“ der väterlichen Rolle bereits weiter vorangeschritten ist, als die der männlichen Rolle (vgl. Bambey/ Gumbinger 2015, S. 478).

Die Trendstudie „ Moderne Väter “ aus dem Jahr 2012, die 25 leitfadengestützte Interviews mit Vätern führte und in einer Onlineumfrage 1000 Väter befragte, stellt hingegen eine deutliche Veränderung des bestehenden Männlichkeitsbildes von Vätern fest. Mit der Neu- und Umbewertung der Vaterrolle, würde sich auch das Konstrukt der Männlichkeit verändern. Die primär mit Männern assoziierten Werte wie Erfolg, Leistung und Durchsetzungskraft seien bei den befragten Vätern nicht mehr vordergründig existent. Die Väter sehen sich eher als „ Kümmerer “ des Kindes und verspüren dabei keinerlei Angst, sich in ihrer Männlichkeit herabgesetzt fühlen zu müssen. Im Gegenteil, die Mehrheit der befragten Väter sieht sich durch das „moderne Vatersein“ eher in ihrer männlichen Identität bestärkt als eingeschränkt. Dieses neue Selbstbild und Selbstbewusstsein des Vaters würde sich folglich nicht nur auf den Vater selbst, sondern auch auf das Kind positiv auswirken (vgl. Väter gGmbH 2012, S. 36ff.).

Zwischenfazit

Nicht immer stimmen die Vorstellungen von Väterlichkeit und Männlichkeit überein. Die Frage, ob beide „Rollen“ in Einklang gebracht werden müssen oder ob sie unabhängig voneinander stehen können, ist aktuell ein viel diskutiertes Thema der Väterforschung und soll im Rahmen der nachfolgenden Analyse untersucht werden (vgl. Baumgarten 2012, S. 37f.). Zukünftige soziologische Väterforschungen, die geschlechtertheoretisch fundiert sind, können wichtige Erkenntnisse über den Zusammenhang von Männlichkeit und Väterlichkeit sowie von Vaterrollen und Männerrollen liefern. Beispielsweise wird heutzutage Mannsein immer noch mit der Berufstätigkeit und finanziellen Unabhängigkeit verbunden, so dass dies entsprechende Auswirkungen auf Vaterschaftskonzepte haben kann (vgl. Matzner 2007, S. 228f.). Auch stellt sich die Frage, ob man auf „männliche“ Väter verzichten kann, weil sich männliche und weibliche Rollen immer weiter annähern. Stehen somit Stereotype von Männlichkeit sowie traditioneller Väterlichkeit wie Ernähren, Beschützen, oder Autorität im Widerspruch zu einem modernen Bild des Mannes und Vaters? Zu berücksichtigen gilt bei allen Forschungen die Ausdifferenzierung von Milieus, Lebensstilen und Mentalitäten, die auch in Zukunft die unterschiedlichen Konzepte von Elternschaft, Mutterschaft und Vaterschaft beeinflussen und formen (vgl. ebd., S. 235f.).

6. Väter im Blick – Forschungsinteresse und empirische Methodik

Forschungsfrage

Wie bereits im vorangegangenen Theorieteil erwähnt, existieren bisher nur sehr wenige Forschungen, die den Zusammenhang zwischen der Vorstellung von Männlichkeit und Vaterschaft untersuchen. Daher hat die vorliegende Masterarbeit das Ziel, den grundlegenden Zusammenhang zwischen bestehenden Männlichkeitsbildern von Vätern und der Ausübung ihrer Vaterrolle zu untersuchen. Im Rahmen der Analyse soll herausgearbeitet werden, welches Männlichkeitsbild die befragten Väter haben und ob diese Vorstellung von Männlichkeit Einfluss auf ihre Vaterrolle und deren Ausübung nimmt. Somit steht die folgende Forschungsfrage im Fokus dieser Ausarbeitung: Inwieweit beeinflusst das vorherrschende Männlichkeitsbild von Vätern die Ausgestaltung ihrer Vaterrolle?“ Dabei ergeben sich weitere Fragen, die im Rahmen der Analyse untersucht werden sollen. Wie prägend ist der Einfluss des eigenen Vaters auf das bestehende Männlichkeitsbild der befragten Väter? Haben Väter überhaupt eine klare Vor­stellung von Männlichkeit beziehungsweise setzen sie sich mit ihrem Männlichkeitsbild auseinander? Welche externen Zuschreibungen von männlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen nehmen die Befragten wahr? Und welche Auswirkungen hat all dies schließlich auf das Vaterschaftskonzept und die Ausübung der Vaterrolle?

Die leitende Forschungsfrage wird mittels eines qualitativen Erhebungs- und Auswertungs­verfahrens bearbeitet sowie beantwortet. Da der Zusammenhang zwischen den Gegenstandsbereichen der männlichen Geschlechterkonstruktion sowie der väterlichen Beteiligung an der Erziehung noch weitgehend unerforscht ist, bietet sich hierfür besonders ein qualitativer Forschungsprozess an, um einen möglichst großen Erkenntnisgewinn zu erlangen. Daher wurden im Rahmen dieser Forschung Interviews mit Vätern geführt, um deren Männlichkeitsbild sowie Ausübung der Vaterrolle zu erfragen[18]. Das Ziel dieser Masterarbeit ist es, die subjektiven Sichtweisen der Interviewpartner zu ihrem Männlichkeitsbild sowie zur Ausübung ihrer Vaterrolle zu erhalten, um den Zusammenhang beider genannter Aspekte untersuchen zu können. Uwe Flick spricht hierbei von dem „ subjektiv gemeinten Sinn “ des Untersuchungsgegenstandes, der aus der Perspektive der Beteiligten formuliert wird (vgl. Flick 2009, S. 25).

In dieser Untersuchung geht es nicht darum, mittels einer größtmöglichen Fallzahl die Thematik so breit wie möglich zu betrachten. Vielmehr wird mithilfe eines kleinen Samples sowie intensiver Fallanalysen versucht, die Forschungsfrage qualitativ, in die Tiefe gehend zu untersuchen. Dadurch sollen die wiedergegebenen Erfahrungen und Prozesse in Worte gefasst werden, um abschließend möglich bestehende Zusammenhänge zwischen der Thematik der Männlichkeitskonstruktion und deren Auswirkung auf die Ausgestaltung der Vaterrolle herausarbeiten zu können (vgl. Sutterlüty 2002, S. 17).

Analyse mit der Grounded Theory

Die vorliegende empirische Untersuchung orientiert sich an dem sozialwissenschaftlichen Ansatz der Grounded Theorie nach Anselm Strauss und Barney Glaser. Diese Auswertungsmethode erweist sich aus folgenden zwei Punkten als passend für die oben beschriebene Untersuchungsfrage: Zum einen betrachtet die Grounded Theory die subjektive Sicht wie auch die Situationsdefinitionen der Untersuchungsteilnehmer[19]. Zum anderen betont die Grounded Theory den Prozesscharakter des sozialen Handelns und bietet somit eine methodische Grundlage dafür, dies angemessen zu berücksichtigen (vgl. Sutterlüty 2002, S. 17).

Das methodische Vorgehen bei der Grounded Theory setzt sich aus zwei grundlegenden Schritten zusammen, dem theoretical sampling sowie der constant comparative method. Unter dem theoretischen Sampling wird die „ zeitliche Parallelität und wechselseitige funktionale Abhängigkeit der Prozesse von Datenerhebung, -analyse und Theoriebildung “ verstanden (Strübing 2014, S.11). Keiner dieser Prozesse wird als jemals vollständig abschließbar angesehen und die Theorie bildet nicht den Endpunkt des Forschungsprozesses, da sie von Beginn an der Forschungsarbeit produziert wird und keinen festen Endpunkt kennt (vgl. ebd.). Der Forscher erhebt und kodiert seine Daten somit gleichzeitig mit der Aufbereitung analytischer Konzepte. Dieses nach Uwe Flick benannte „ zirkuläre Modell“ des Forschungsprozesses verfolgt das Ziel, auf neu entdeckte Zusammenhänge reagieren zu können, bevor der analytische Rahmen einer Forschung feststeht (vgl. Flick 1995, S. 56ff.). Des Weiteren soll der Prozess der Datenerhebung durch die entstehende Theorie angeleitet und kontrolliert werden. Über die bereits entwickelten Segmente der Theorie soll abgeleitet werden, welche Daten als nächstes erhoben werden müssen, wodurch spezifische Vergleiche mit dem bisher erhobenen Material möglich sind. Dies treibt eine volle Entwicklung der theoretischen Kategorien wie auch ihrer explikativen Beziehungen voran (vgl. Sutterlüty 2002, S. 18). Einen wesentlichen Teil des theoretical sampling stellt somit auch die Suche nach adäquaten Vergleichsgruppen dar, da die Grounded Theory eine Vergleichsmethode darstellt.

An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass in der vorliegenden Masterarbeit lediglich die Datenauswertung nach der Grounded Theory erfolgt. Aufgrund des begrenzten zeitlichen Rahmens wurde der Forschungsprozess nicht in der Form zirkulär gestaltet, wie es das Vorgehen der Grounded Theory erfordert. Anstatt des zeitgleichen Prozesses der Datenerhebung und Analyse, wurden in dieser Forschung zunächst die erforderlichen Daten erhoben und im Anschluss daran die Auswertung begonnen. Auch wenn die Ergebnisse einer ersten Datenerhebung nicht zu weiteren Erhebungen im Rahmen dieser Forschungsarbeit führen, können die in dieser Abschlussarbeit erhobenen Daten als Beginn eines potentiellen zirkulären Forschungsprozesses innerhalb dieser Thematik angesehen werden.

Die Methode des Vergleichens zieht sich durch alle Schritte der Datenanalyse. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Suche nach Untersuchungsteilnehmern mit den größt- wie auch kleinstmöglichen Unterschieden, um eine minimale sowie maximale Kontrastierung zu ermöglichen.

Die Minimierung und Maximierung von Ähnlichkeiten und Unterschieden von Daten, die Indikatoren für die entwickelten theoretischen Kategorien und ihre Eigenschaften darstellen, dienen also auf unterschiedliche Weise demselben Zweck, nämlich die entstehende Theorie durch multiple Vergleichsfälle mit dichten Konzepten auszustatten und die Lücken der theoretischen Konzeption zu füllen.“ (Sutterlüty 2002, S. 19).

Der Suchprozess nach Daten gilt dann als beendet, wenn die sogenannte „ theoretische Sättigung “ eingetreten ist. Dies bedeutet, dass sich aus neuen Fällen keine zusätzlichen Informationen ergeben würden und die entwickelte Theorie als klar und erklärend genug angesehen wird. Zur Auswahl der Forschungsteilnehmer wird an späterer Stelle der Beschreibung des methodischen Vorgehens noch einmal vertieft eingegangen. Das Kriterium der theoretischen Sättigung kann innerhalb dieser Forschungsarbeit ebenfalls nicht erfüllt werden, da es hierfür einen längeren Suchprozess nach Untersuchungs­teilnehmern benötigt. Auch die Analyse einer größeren Anzahl an Interviewpartnern ist im Rahmen dieser Masterarbeit nicht umsetzbar. Trotz der kleinen Zahl an erhobenen Fällen, lassen sich erste inhaltliche Zusammenhänge sowie gegenstandsbezogene Definitionen aus subjektiver Sicht der Interviewpartner erfassen, welche zu ersten Ergebnissen führen und als Grundlage für weiterführende Forschungen dienen können.

Nach Strauss und Glaser wird der eigentliche Auswertungs- oder Textinterpretations­prozess Kodieren genannt. Die Grounded Theory sieht hierbei ein dreistufiges Kodierverfahren vor: das offene Kodieren, axiale Kodieren sowie selektive Kodieren. Diese Schritte sollen weder als strikt voneinander trennbare Vorgehensweisen angesehen werden, noch als zeitlich eindeutig getrennte Phasen. Der Forscher hat somit die Möglichkeit, zwischen den drei Formen des Kodierens hin und her zu springen sowie diese zu kombinieren. Der Interpretationsprozess beginnt jedoch vorwiegend mit dem offenen Kodieren, während das selektive Kodieren am Ende der Analyse in den Vordergrund rückt. Die Kodierung beinhaltet den stetigen Vergleich zwischen Phänomenen, Fällen oder auch Begriffen. Beim offenen Kodieren werden dem empirischen Material Begriffe beziehungsweise Kodes zugeordnet, die zunächst sehr nahe am Text und mit der Zeit immer abstrakter formuliert werden (vgl. Flick 2016, S. 387f.). Dabei sollen innerhalb dieser Arbeit die erhobenen Daten aufgebrochen werden, um theoretische Kategorien zu gewinnen, die aufschlussreich für die weitere Analyse der väterlichen Männlichkeitsbilder und deren Auswirkung auf ihre Vaterrolle sind. Im Anschluss daran werden die gewählten Kategorien beim axialen Kodieren zu Oberkategorien zusammengefasst und die Beziehungen zwischen den Begriffen zu den Oberbegriffen herausgearbeitet. Dabei werden die situativen und biografischen Entstehungsbedingungen, die Kontexte, die Handlungsstrategien sowie die Konsequenzen des bestehenden Männlichkeitsbildes der interviewten Väter herausgearbeitet. Um abschließend eine Theorie entwickeln zu können, werden beim selektiven Kodieren die entwickelten Konzepte entlang der Kernkategorie des Männlichkeitsbildes in eine Gesamtdarstellung integriert (vgl. ebd., S. 393ff.).

Auf dem Weg zur Theoriegenerierung – in dieser Forschung zur Ausarbeitung bestehender Zusammenhänge – werden zunächst die Konzepte, Kategorien und Hypothesen aus der Interpretation einzelner Fälle induktiv herausgearbeitet. Anschließend werden die Schlussfolgerungen aus den entwickelten theoretischen Begriffen deduktiv abgeleitet, um die Richtigkeit der Hypothesen an anderen Fällen zu überprüfen (vgl. Strauss 1994, S. 37ff. zit. nach: Sutterlüty 2002, S. 20).

Während des gesamten Auswertungsprozesses werden Memos verfasst, um Zwischenergebnisse zu ordnen und Ideen der Forscherin[20] zur Interpretation der Daten schriftlich festzuhalten. Die Memos tragen somit zur Strukturierung der Analyse bei und können zu neuen Blickwinkel auf das erhobene Material führen (vgl. Glaser/ Strauss 2010, S. 121f.). Weiterhin muss während des gesamten Forschungsprozesses der Einflussfaktor der Forscherin berücksichtigt werden. Die forschende Person wird im Forschungskontext der Sozial- und Humanwissenschaften häufig als Störquelle betrachtet, da stets ihr Vorwissen, Vorannahmen, gefestigte Blickwinkel und Erfahrungen eine hohe beeinflussende Wirkung auf den Forschungs- und besonders auf den Analyseprozess haben (vgl. Breuer 2010, S. 35). Daher erfordert die Analyse mit der Grounded Theory eine sogenannte theoretische Sensibilität der Forscherin, um die Daten mit analytischem Tiefgang betrachten zu können[21] (vgl. Strauss/ Corbin 1996, S. 56).

Fallauswahl und Sample:

Das Ziel der Grounded Theory besteht darin, ein Sample zu bilden, das einen Fallvergleich unter dem Aspekt der minimalen sowie maximalen Kontrastierung ermöglicht. Um eine möglichst ausdifferenzierte Stichprobe zu erhalten, wurden im Vorfeld mehr Interviews geführt, als für die Analyse benötigt wurden, um im Anschluss gezielt Interviews auswählen zu können, die große Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten aufzeigen. Das zuvor erläuterte theoretische Sampling kann innerhalb dieser Arbeit jedoch nicht vollkommen umgesetzt werden. Zum einen spielt der zeitlich begrenzte Rahmen der vorliegenden Forschung eine entscheidende Rolle. Zum anderen ist es durch die unzureichenden Vorinformationen über die Interviewpartner nicht abschätzbar, von welchen Ereignissen und persönlichen Einstellungen berichtet wird und welche Konzepte sich schließlich daraus ableiten lassen.

Die Zielgruppe dieser Untersuchung bilden Väter. Im Sinne einer bewussten Konstruktion der Untersuchungsgruppe wird angestrebt, die befragten Väter innerhalb des gleichen Milieus vorzufinden. Insgesamt wurden ausschließlich Männer aus der Mittelschicht interviewt. Im Rahmen dieser Forschung bleiben somit die unteren wie auch oberen sozialen Schichten unberücksichtigt, weshalb der Mittelschichtbias nicht umgangen werden kann. Da die untersuchte Thematik noch weitgehend unerforscht ist, soll zunächst der allgemeine Zusammenhang zwischen dem vorherrschenden Männlichkeitsbild und der Ausgestaltung der Vaterrolle erforscht werden. Damit kann eine Grundlage geschaffen werden, diesen Zusammenhang innerhalb weiterer Forschungen bei Personengruppen zu untersuchen, die von der vorherrschenden Mittelschichtskultur abweichen und möglicherweise zusätzliche Kontextbedingungen aufweisen.

Grundlegendes Kriterium für die Teilnahme an den Interviews ist zum einen die Bereitschaft und Freiwilligkeit der Väter, an der Forschung teilzunehmen. Zum anderen ist das Alter der Väter für die Auswahl der Interviewpartner relevant. Im Fokus stehen Väter mit Kindern, welche noch nicht die Phase der Pubertät erreicht haben, da ab diesem Zeitpunkt die Abnabelung der Jugendlichen von der Familie beginnt. Des Weiteren besteht die Hypothese, dass sich die Rolle und Aufgaben der befragten Väter, wie auch deren Männlichkeitsbild, von der vorherigen Vatergeneration stark unterscheiden. Der Wandel Ende der 1980-er Jahre zur neuen Väterlichkeit versteht ein verändertes Rollenverständnis des Mannes als Vater, der sich nun verstärkt um eine Verbesserung der Vater-Kind-Beziehung bemühen möchte (vgl. Sabla 2009, S. 25). Diese veränderte Haltung der gegenwärtigen Vätergeneration scheint daher besonders interessant für das Erfassen deren Männlichkeitsbildes sowie Ausgestaltung der Vaterrolle zu sein. Hierbei kommt unter anderem die Frage auf, ob aus dem vermuteten väterlichen Einstellungswandel ein – vergleichsweise zu den vorherigen Vätergenerationen – verändertes Männlichkeitsbild resultiert. Eine weitere Voraussetzung für die Teilnahme am Interview ist, dass die Väter mit ihrer Partnerin oder Frau und dem Kind oder Kindern zusammen in einem Haushalt leben und somit aktiv am Alltagsgeschehen ihrer Kinder beteiligt sind. Demnach liegt im Rahmen dieser schriftlichen Ausarbeitung das Augenmerk ausschließlich auf dieser Familienform.

Die Auswahl der Interviewpartner erfolgte somit nach vordefinierten Kriterien und nicht zufällig. Bei der Suche nach den Untersuchungsteilnehmern wurden zudem die Kriterien der Einschlägigkeit und der Variabilität des Samplings berücksichtigt (vgl. Sutterlüty 2002, S. 28). Das Kriterium der Einschlägigkeit besteht in der Auswahl der derzeitigen Vätergeneration, die gemeinsam mit ihrer Partnerin/ Frau und dem Kind oder Kindern in einem Haushalt leben. Das Kriterium der Variabilität, also der möglichen Unterschiedlichkeit, bezog sich auf folgende Aspekte: das Geschlecht und Alter der Kinder (bis zum Pubertätsalter), die Berufstätigkeit der Väter sowie die Entscheidung für oder gegen die Elternzeit. Das Gewinnen der Untersuchungsteilnehmer erfolgte durch die Technik der Selbstaktivierung. Neben verteilten Flyern in verschiedenen Kindergärten und einem Kinder- und Familienzentrum, wurden im Arbeits- sowie im Bekanntenkreis potentielle Interviewpartner angesprochen und für ein Interview angefragt.

Forschungsinstrument – das episodische Interview

Um die Forschungsfrage nicht standardisiert, sondern so offen und unvoreingenommen wie möglich beantworten zu können, fiel die Wahl auf ein qualitatives Forschungsdesign, genauer gesagt auf das leitfadengestützte Interview. Dabei werden den Befragten keine Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Stattdessen werden ihnen offene Fragen gestellt, die sie in ihren eigenen Worten beantworten sollen. Der Leitfaden gibt dabei Fragen und Themenkomplexe vor, welche zum einen vom Untersuchungsgegenstand bestimmt sind, zum anderen lässt der Leitfaden Raum für die subjektive Perspektive der Untersuchungs­teilnehmer. Der Interviewleitfaden steht somit der Erzählgenerierung nicht entgegen, sondern fördert die narrative Ausgestaltung der Interviews (vgl. Nohl 2012, S. 16). Dadurch können die subjektiven Sichtweisen der ausgewählten Interviewpartner erfahren werden sowie in ihrer Komplexität untersucht werden (vgl. Flick 2009, S. 24f.). An dieser Stelle ist nochmals zu betonen, dass die Strukturierung des Interviews mittels eines Leitfadens nicht das Kriterium der theoretischen Offenheit missachtet oder verletzt (vgl. Hopf 2000, S 351). Das durch den Leitfaden vorstrukturierte Themenfeld muss nicht zwingend eine starre, vordefinierte Gesprächsführung zur Folge haben. Der narrative Charakter des Interviews fördert stattdessen die theoretische Offenheit und lässt sich mit theoretischem Vorwissen und Erkenntnisinteressen verknüpfen (vgl. Mayring 2002, S. 67ff.).

Um die Fragen des Leitfadens nicht oberflächlich abzuhacken, steht die Interviewerin vor der Herausforderung, die Aussagen des Interviewpartners während des Gespräches nachzuvollziehen und zu interpretieren, damit sie passende Nachfragen stellen kann (vgl. Hopf 1991, S. 181f.). Zudem muss der Leitfaden flexibel gehandhabt werden, um das Gespräch fließend am Laufen zu halten. Werden von der Interviewerin keine neu aufkommenden Themen des Interviewpartners aufgenommen, kann es zur sogenannten „Leitfadenbürokratie“ kommen, woraufhin der Informationsgewinn deutlich beeinträchtigt wird (vgl. Hopf 1978, S. 101ff.).

Der Entscheidung für die passende Erhebungsmethode ist eine vertiefte Reflexion hinsichtlich in Frage kommender Interviewformen vorausgegangen. Der Vergleich von Merkmalen und Unterschieden verschiedener Interviewformen führte zur Wahl des episodischen Leitfadeninterviews. Im weiteren Verlauf wird daher auf die Gestaltung des episodischen Interviews als Forschungsinstrument dieser Masterarbeit eingegangen.

Der Ausgangspunkt des episodischen Interviews ist die Unterscheidung zwischen semantischem und episodischem Wissen. „Während semantisches Wissen um Begriffe und ihre Beziehungen untereinander herum aufgebaut ist, besteht episodisches Wissen aus Erinnerungen an Situationen.“ (Flick 2011, S. 237). Beim semantischen Wissen geht es somit darum, über Fragen konkrete Antworten zu erheben, während es beim episodischen Wissen um Erzählanstöße und Erzählungen geht.

Der Interviewleitfaden dieser Forschung setzt sich aus fünf großen Themenblöcken zusammen, welche das Männlichkeitsbild der Interviewpartner sowie deren Ausgestaltung der Vaterrolle erfassen. Eröffnet wird das Interview mit einem sogenannten Kurzfragebogen, der unter anderem die Anzahl sowie das Geschlecht der Kinder oder die Berufstätigkeit der Interviewpartner abfragen soll. Diese Fragen werden bewusst an den Anfang des Gesprächs gestellt, um grundlegende Informationen über die Väter zu erhalten, die ein besseres Nachvollziehen der nachfolgenden Antworten ermöglichen. Zudem soll den Interviewten durch die einfach zu beantwortenden Eingangsfragen ihre Nervosität sowie die Hemmschwelle des Erzählens genommen werden.

Zum Einstieg der offenen Interviewfragen werden die Interviewpartner gebeten, sich selbst als Person zu beschreiben. Dadurch soll unabhängig von thematischem Vorwissen oder inhaltlichem Einfluss eine Selbstbeschreibung mit Eigenschaften erfolgen um zu sehen, ob vermeintlich männliche Zuschreibungen vorgenommen werden und ob ihr an späterer Stelle beschriebenes Männlichkeitsbild mit der Selbsteinschätzung übereinstimmt.

Der erste thematische Themenblock des Leitfadens behandelt das Thema Männlichkeit und soll das Männlichkeitsbild der Befragten erfassen. Der zentrale Ansatzpunkt der episodischen Interviewform ist die regelmäßige Bitte an die Interviewpartner, Situationen zu erzählen. Um die Untersuchungsteilnehmer mit der Interviewform und dem Thema der Studie vertraut zu machen, wird anfangs das Grundprinzip des episodischen Interviews erläutert. Im Anschluss daran wird der Interviewte gebeten, sein Verständnis über den Untersuchungsgegenstand aufzuzeigen (vgl. Flick 2011, S. 274). Im Leitfaden der vorliegenden Forschungsarbeit wurde folgende Frage gewählt: „ Können Sie mir sagen, was Sie mit dem Begriff „Männlichkeit“ verbinden ?“. Nach dem Erfassen des allgemeinen Verständnisses der untersuchten Thematik beginnt die Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsgegenstand (vgl. ebd.). Hierfür werden die Interviewten befragt, wie sie ihrer Meinung nach zu dem Mann geworden sind, der sie heute sind und ob sie hierzu eine Situation benennen können. Zudem wird die Thematik der Berufstätigkeit in Verbindung mit ihrem Männlichkeitsbild angesprochen, weshalb folgende Frage aufgenommen wurde: „ Männern wird oft nachgesagt, dass sie sich durch den Beruf und ihre Karriere identifizieren. Wie stehen Sie dazu?“. An dieser Stelle soll überprüft werden, ob auch im Rahmen dieser Forschung die Berufstätigkeit für viele Männer nach wie vor hauptidentitätsstiftend ist, wie es von einigen Autoren ausgeführt wird.

Um den Einfluss der Herkunftsfamilie auf das vermittelte Männlichkeitsbild untersuchen zu können, befasst sich der nächste Themenblock des Interviewleitfadens mit der Kindheit der befragten Väter sowie der Rollenaufteilung deren Eltern. Ein besonderer Fokus wird hierbei auf die Beziehung der Interviewpartner zu ihren eigenen Vätern gelegt. Dadurch soll in der darauffolgenden Analyse erforscht werden, welchen Einfluss der eigene Vater auf das Männlichkeitsbild der Untersuchungsteilnehmer genommen hat beziehungsweise nimmt. Die befragten Väter werden an dieser Stelle gebeten, die Beziehung zu ihrem Vater zu beschreiben, wenn möglich anhand einer konkreten Situation. Ein zweiter inhaltlicher Schwerpunkt dieses Themenblocks wird auf weitere, außerfamiliäre Bezugspersonen während der Kindheit und Jugend gelegt, um prägende Einflüsse auf die Männlichkeitsvorstellungen der Befragten herausfinden zu können. Zu dieser Thematik wird unter anderem folgende Frage gestellt: „Wer waren ihre Bezugspersonen in der Jugend und inwieweit haben diese Sie geprägt?“.

Neben dem bestehenden Männlichkeitsbild soll die Ausübung der Vaterrolle, wie auch die Wahrnehmung dieser erfragt werden. Zunächst wird der Fokus im dritten Themenkomplex des Interviewleitfadens auf die Gestaltung des aktuellen Familienalltags sowie auf vorherrschende Geschlechterzuschreibungen in diesem gelegt. Zu Beginn werden die Befragten gebeten zu beschreiben, wie sich aktuell ihr Familienalltag gestaltet und wie die Haushalts- sowie Erziehungsaufgaben zwischen ihnen und ihrer jeweiligen Partnerin oder Frau aufgeteilt werden. Des Weiteren ist es für die Untersuchung interessant, ob die Interviewpartner sich selbst beziehungsweise den Müttern der Kinder Kompetenzen oder Aufgaben zuschreiben, die ihrer Meinung nach vom jeweiligen Geschlecht besser bewältigt werden können.

Der vierte Themenblock des Leitfadens beschäftigt sich intensiv mit der Vorstellung sowie Ausübung der Vaterrolle der Befragten. Zunächst werden die Väter gebeten, sich selbst als Vater zu beschreiben. Dadurch soll eine Selbsteinschätzung der interviewten Väter erreicht werden, welche im Rahmen der Analyse mit den Beschreibungen des Familienalltags und den gemeinsamen Aktivitäten mit dem Kind abgeglichen wird. Neben Erzählaufforderungen zu dem Untersuchungsgegenstand bilden Fragen nach subjektiven Definitionen – wie beispielsweise die Folgende des vierten Themenblocks „ Wie würden Sie einen guten Vater beschreiben ?“ – den zweiten Zugang im Interview. Dieser zielt auf die semantischen Anteile des Wissens ab (vgl. Flick 2011, S. 275). Der vierte Themenblock bildet zudem eine Verknüpfung zwischen den beiden Hauptuntersuchungsgegenständen, dem Männlichkeits­bild und der Ausübung der Vaterrolle. Hierzu wurden die Interviewpartner gefragt, ob sich ihre Vorstellung von Männlichkeit durch das Vatersein verändert hat und ob ihrer Meinung nach Vaterschaft mit Männlichkeit vereinbar ist. An dieser Stelle soll die subjektive Einschätzung der Väter erfragt werden, ob ihr Männlichkeitsbild mit ihrem Vaterschaftsbild vereinbar ist oder gar übereinstimmt.

Den Abschuss des Leitfadens bildet der fünfte Themenkomplex, in dem die Einschätzung der Befragten über die gesellschaftliche Wahrnehmung von Vätern behandelt wird. Hierbei sollen die Väter äußern, was ihrer Meinung nach heutzutage von Männern erwartet wird und ob diese Erwartungen sie in ihrem Handeln als Vater beeinflussen. Dieser Themenblock dient hauptsächlich als Anregung für den theoretischen Ausblick dieser Masterarbeit – in welcher Hinsicht die Soziale Arbeit Väter in ihrer Vaterrolle unterstützen kann. Am Ende des Interviews wurde den Befragten die Möglichkeit gegeben, für sie noch unausgesprochene oder relevante Aspekte auszuführen oder erneut aufzugreifen.

Der Interviewleitfaden wurde mittels eines Pretests auf seine Offenheit, Verständlichkeit sowie Genauigkeit überprüft und im Nachhinein angepasst. Der erste Entwurf des Leitfadens behandelte im ersten Themenblock die Kindheit der Interviewpartner. Wie der Pretest zeigte, war die gewählte Stelle dieses Themenblocks im Leitfaden nicht optimal. Denn der Interviewpartner des Pretests erzählte von vielen negativen Erfahrungen aus seiner Kindheit, die ihn stark geprägt hatten. Diese Thematik zog sich fortlaufend durch alle weiteren Fragen und beeinflusste somit deren Antworten erheblich. Eine zweite Feststellung des Pretests war es, konkreter nach Situationen oder Beispielen zu fragen, da beim Pretest-Interview oft unpräzise und oberflächliche Antworten gegeben wurden. Ein weiterer Gewinn des Pretests waren Erkenntnisse bei der Durchführung des Interviews an sich. Da einige Fragen des Leitfadens eventuell nicht einfach oder spontan zu beantworten sind, bedarf es einige Zeit, über die Antworten nachzudenken. Hierbei wurden beim Pretest die Pausen seitens der Interviewpartnerin nicht sehr lange ausgehalten beziehungsweise der Interviewpartner nicht bestärkt, sich die nötige Zeit für seine Antworten zu nehmen. Diese Feststellung wurde als Verbesserungsansatz für die Durchführung der darauffolgenden Interviews genommen.

Durchführung der Interviews:

Nach dem Verteilen der Aushänge und dem Ansprechen mehrerer Väter im persönlichen Umfeld, sagten vier Väter verbindlich einem Interview zu[22]. Diese wurden im Zeitraum von März bis April 2017 teilweise bei den Vätern zu Hause und in den Lehrräumen der Fachhochschule Darmstadt geführt. Die Settings erwiesen sich als geeignet und erzählfördernd. Durch die Wahl der eigenen Wohnung als Interviewort konnten lange Anfahrtswege für die Interviewpartner vermieden werden und die bekannten Räumlichkeiten schafften für die Väter zudem eine vertraute Atmosphäre. Auch die Räume der Hochschule eigneten sich sehr gut als neutraler sowie ruhiger Ort für die Interviewdurchführung[23].

Zu Beginn der Interviews wurde den Befragten der Forschungsgegenstand näher erläutert. Dies verfolgt den Zweck, den Interviewpartnern zu verdeutlichen, dass der Fokus der Forschung alleine auf ihren individuellen Vorstellungen, Erfahrungen und Meinungen liegt. Anschließend wurde anhand einer Datenschutz- sowie Vertrauensschutzerklärung versichert, dass alle genannten Inhalte weder an weitere Personen weitergegeben werden, noch, dass nach Auswertung des Interviews Rückschlüsse auf sie als Person geschlossen werden können. Das Gespräch wurde mithilfe eines Tonbandes aufgezeichnet und anschließend durch die Transkripte schriftlich festgehalten. Die Tonträgeraufzeichnungen haben den Vorteil, dass sich die Interviewerin ausschließlich auf das Gespräch konzentrieren kann und die Gesprächssituation authentisch und genau erfasst wird. Um auch nonverbale und paraverbale Äußerungen im Anschluss realitätsgetreu wie möglich festhalten zu können, wurden im Anschluss an die Interviews sogenannte Postskripte angefertigt. Diese liefern zusätzliche Informationen über auffällige oder interessante Wahrnehmungen und Erkenntnisse, zur Interviewsituation, zum Setting oder zum Interviewort (vgl. Witzel 2000, S. 4ff.).

Die Interviews der vorliegenden Arbeit wurden in Anlehnung an die Transkriptionsregeln von Dresing und Pehl (2013) verschriftet. Diese umfassen neben Betonungen, der Lautstärke und dem Tempo des Gesprochenen zusätzlich nonverbale Äußerungen sowie redebegleitendes Verhalten. Entscheidend für die Auswahl der zu transkribierenden Verhaltensmerkmale ist die Zielsetzung der Fragestellung (vgl. Kowal/ O’Connell 2005, S. 439). Da der Fokus bei der Analyse mit der Grounded Theory auf dem subjektiv gemeinten Sinn des Erzählten liegt, kommt jeder verbalen, parasprachlichen wie auch außersprachlichen Äußerung eine große Bedeutung zu. Daher fiel die Wahl auf das umfassende Transkribiersystem nach Dresing und Pehl. Die Interviews wurden zudem mittels der literarischen Umschrift transkribiert. Die Verschriftlichung des Gesprochenen orientiert sich hierbei nicht an den Normen der geschriebenen Sprache, sondern berücksichtigt auch Abweichungen dieser. Dadurch soll der subjektive Sinn der Interviewpartner so genau wie möglich erfasst werden.

7. Analytischer Blick – Männlichkeit und Väterlichkeit

Im Rahmen der Analyse des empirischen Materials werden die zentralen Erkenntnisse sowie Schlüsse der zwei ausgewählten Interviews aufgezeigt und gleichzeitig in ein Beziehungsnetz gestellt. Dabei sollen die Zusammenhänge zwischen dem bestehenden Männlichkeitsbild der befragten Väter sowie deren Ausgestaltung der Vaterrolle herausgearbeitet werden. Mithilfe der Auswertungsmethode der Grounded Theory wurden während des Auswertungsprozesses folgende Kategorien gewonnen, wobei die fett markierten Begriffe als Kernkategorien bestimmt wurden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Innerhalb der Analyse werden die beiden ausgewählten Väter zunächst getrennt voneinander betrachtet. Da sich die zwei Väter bezüglich deren Kontextbedingungen sowie Betrachtungsweisen stark unterscheiden, scheint es zum besseren Verständnis und Nachvollziehen sinnvoll, den analytischen Fokus zunächst einzeln auf die Väter zu legen. Im Anschluss daran werden die zentralen Ergebnisse beider Väter zusammen­gefasst sowie bestehende Zusammenhänge herausgearbeitet, welche die Ansatzpunkte der neu zu verfassenden Theorie bilden.

Bevor jeweils die Analyse der oben aufgeführten Kategorien beginnt, wird zunächst jeweils ein Kurzprofil des befragten Vaters aufgezeigt. Das Kurzprofil soll einen ersten Überblick zu der Lebens- sowie Familiensituation des Befragten geben. Die dafür relevanten Informationen wurden am Anfang der Interviews abgefragt. Zu Beginn eines jeden Interviews konnten mithilfe eines kurzen Katalogs an Faktenfragen Informationen über den Familienstand, das Geschlecht und die Anzahl der Kinder sowie über die berufliche Situation beider Elternteile erhalten werden. Das Stellen dieser „einfach zu beantworteten Fragen“ gleich zu Beginn des Gesprächs erwies sich nach einer ersten Reflexion der Interviewführung als sehr geeignet, da die Aufregung beider Väter, besonders die von Herrn Nägele, zu Beginn des jeweiligen Gesprächs deutlich zu spüren war. Somit hatten die befragten Väter Gelegenheit, Antworten auf einfache und kurze Fragen geben zu können, wodurch die Aufregung der Interviewpartner etwas gesenkt werden konnte.

Kurzprofil Herr Nägele (Vater 1)

Alter: 40 Jahre (geboren 1977).

Herkunftsfamilie: - Aufgewachsen bei beiden Elternteilen, 1 Geschwisterteil.

- Vater arbeitete in Vollzeit, Mutter ging vierzehn Jahre nach der Geburt der Kinder wieder arbeiten.

- Traditionelle Aufgabenverteilung (Mutter Haushalt und Erziehung, Vater Verdienen des Geldes).

Familie : - Verheiratet.

- 1 Tochter, 4 Jahre alt.

Beruf : - Herr Nägele: arbeitet Vollzeit in der Versicherungsbranche (Hochschulabschluss: Diplomstudium Betriebswirtschaftslehre).

- Frau Nägele: arbeitet in Teilzeit in einer Apotheke.

Auffälligkeiten : - Der eigene Vater wird als sehr autoritär und als das Oberhaupt der Herkunftsfamilie beschrieben (distanziertes Verhältnis).

- Fokus der Vaterrolle von Herrn Nägele: Spielgefährte.

- Beschreibt sich als zu wenig streng (als Vater).

- Erwähnt viele männliche Stereotype.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Genogramm Familie Nägele[24].

Als thematischer Einstieg in das Interview wird der Hauptthemenkomplex Männlichkeit gewählt. Durch die Thematisierung dieses Themas zu Beginn des Gesprächs wird beabsichtigt, eine Antwort zu erhalten, die unabhängig von den nachfolgend abgefragten Themenblöcken – wie der Vaterschaft oder der gesellschaftlichen Sicht – gegeben wird.

Interviewerin: […] da wäre dann meine erste Frage, können Sie mir denn mal erzählen, was Sie denn mit Männlichkeit verbinden?

Herr Nägele: (..) (Aha schmunzelnd) (.) ähmm (6) ähm.

Interviewerin: Vielleicht was Sie ganz spontan damit assoziieren.

Herr Nägele: ((lacht)) Mit Kumpels Bier trinken gehen, des is des erste, was mir dazu einfällt. Männlichkeit, was noch (.) Fußball spielen, (.) ähm was noch, Auto fahren (..) ähm joa (.) so Dinge halt (4). (Transkript Herr Nägele[25], Z. 26-33)

Auf die erste Frage, was Herr Nägele mit dem Begriff Männlichkeit verbindet, folgt zunächst eine längere Pause seitens des befragten Vaters, da er Zeit zum Nachdenken braucht und keine spontane Antwort geben kann. Um den Interviewten an dieser Stelle etwas zu „leiten“, stellt die Interviewerin daraufhin die Nachfrage, ob er möglicherweise eine spontane Assoziation geben kann. Spontan nennt Herr Nägele daraufhin drei Beispiele: „ mit Kumpels Bier trinken gehen“, „ Fußball spielen“ und „ Auto fahren“. Hierbei fällt auf, dass die genannten Assoziationen mit allgemein bestehenden gesellschaftlichen Bildern von Männern übereinstimmen – Männer trinken Bier, spielen Fußball und fahren gerne (schnelle) Autos[26]. Die Antwort bezieht sich zudem hauptsächlich auf den Freizeitbereich, in dem sich Männer in Gruppen ihres Geschlechts aufhalten und Spaß haben. Die Anmerkung des Vaters am Ende seiner Antwort „ so Dinge halt“, kann auf die Unsicherheit in seiner Aussage hindeuten. Daraus folgt die Vermutung, dass der Vater die Beschreibung seiner Männlichkeitsvorstellung exogen aufgenommen hat und an dieser Stelle aufführt. Ein weiterer Anhaltspunkt für diese Annahme lässt sich aus der Beschreibung seiner Kindheit herleiten. Herr Nägele äußert, dass er während seiner Kindheit nicht sportlich aktiv war und sich weniger mit dem Fußballspielen beschäftigt hat (vgl. Z.101f.). Folglich scheint Herr Nägele keinen persönlichen Bezug zum Fußballspielen zu haben, jedoch scheint es für ihn trotzdem eine Form von Männlichkeit widerzuspiegeln.

Die daraufhin von Herrn Nägele genannten „typisch männlichen“ und „typisch weiblichen“ Charakterzüge unterstreichen seine Antwort auf die Frage nach Assoziationen zu Männlichkeit.

Herr N.: ° Was ist typisch männlich (..) ähh (..) Charakterzüge (.) äh, typisch männlich ähmm ja klar ähh, was weiß ich, laut ähm (.) ähm (.) ähmm (..) auf Spaß aus ähm (.) was soll ich sagen. Was ist weiblich, (.) eher gefühlsbetont, ähmm äh eher ruhiger (3) joa. (Z. 34-40)

Dem männlichen Geschlecht schreibt der Vater die Eigenschaften „ laut“ und „ auf Spaß aus“ zu. Das weibliche Geschlecht hingegen beschreibt er als „gefühlsbetont“ und „ruhiger“. Die als männlich assoziierten Eigenschaften stimmen mit den eben als männlich aufgeführten Aktivitäten, die sich hauptsächlich auf den Freizeit- und Spaßbereich beziehen, überein. An dieser Stelle lässt sich die Vermutung aufstellen, dass die genannten männlichen Eigenschaften direkt von seiner vorherigen Antwort angeleitet wurden. Denn es scheint, als habe Herr Nägele keine klare Ansicht zu geschlechtertypischen Charakterzügen beziehungsweise, dass er keine spontane oder konkrete Antwort geben kann. Diese Unwissen­heit oder Unsicherheit zeigt sich zunächst anhand der wörtlichen Wiederholungen von Teilen der an ihn gestellten Frage wie auch an den zahlreichen satzfüllenden „ ähm’s “. Zudem verdeutlichen seine Zwischenbemerkungen „ was weiß ich“ sowie „was soll ich sagen“ seine nicht konkrete Vorstellung männlicher Charakterzüge. Die von Herrn Nägele als männlich, wie auch als weiblich zugeordneten Eigenschaften können als gesellschaftliche Stereotype beurteilt werden. Die in Kapitel 3.4 aufgezeigten Geschlechter­stereotype spiegeln sich in den Antworten Herrn Nägeles wider. Männern wird die Unternehmenslust sowie das laut sein zugeschrieben, Frauen hingegen eine größere Einfühlsamkeit und Emotionalität (vgl. Kapitel 3.4, S. 24).

Anhand der beiden vorgestellten Antworten werden zwei Aspekte deutlich: Einerseits scheint sich Herr Nägele noch nicht sehr mit seiner Vorstellung oder Definition von Männlichkeit auseinandergesetzt zu haben. Daraus folgt andererseits die Übernahme gesellschaftlicher Geschlechterzuschreibungen. Diese zwei Ergebnisse werden durch die nachfolgenden Antworten des Vaters zu seiner Selbstwahrnehmung als Mann bestärkt.

Nachdem die allgemeine Vorstellung von Männlichkeit erfragt wurde, folgt das Thematisieren des persönlichen Männlichkeitsbildes beziehungsweise der Selbstwahr­nehmung als Mann.

Interviewerin: Gut. Und können Sie mir denn irgendwie eine Situation benennen, in der sie sich besonders männlich fühlen oder auch gefühlt haben?

Herr N.: ((lacht)) (besonders männlich fühlen, okay lachend) Ähm Fußballstadion, joa was weiß/ Fußballstadion, ähm (.) wo noch, ähm auf dem Frühlingsfest äh im Bierzelt ähm auf Mallorca am Ballermann, (so irgendwas, ja lachend). Mhh ja. (Z. 41-45)

Innerhalb dieser Antwort lässt sich einerseits ein Zusammenhang zur allgemeinen Vorstellung von Männlichkeit des Vaters finden (das Vorfinden der Aktivitäten im Freizeitbereich, laut sein, auf Spaß aus sein), wodurch erneut auf die Orientierung an gesellschaftlichen Geschlechterbildern zu schließen ist. Andererseits lässt sich keine konkrete Vorstellung seiner Definition als Mann erkennen. Herr Nägele setzt erneut zur Kommentierung „was weiß ich“ an und beendet seine Antwort mit den Worten „so irgendwas, ja“. Diese Kommentare lassen auf ein spontanes Antworten des Vaters schließen und verstärken den vermuteten fehlenden persönlichen Zusammenhang der genannten Antworten. Bei der Beantwortung dieser Frage ist das häufige Lachen des Interviewpartners auffallend. Dieses Lachen kann entweder auf die Unsicherheit Herrn Nägeles zurückgeführt werden, oder zeigt das Belächeln beziehungsweise die empfundene Unwichtigkeit der Auseinandersetzung mit seiner persönlichen Männlich­keits­vor­stellung.

Als dem Vater die Frage gestellt wird, wie er persönlich zur Identifikation mit dem Beruf steht – wie es allgemein Männern nachgesagt wird – bestätigte er diese Aussage für sich (vgl. Z. 77f.). Somit scheint die Berufs­tätigkeit einen Teil seines Männlichkeits­bildes darzustellen. Der Interview­partner führt diesen Aspekt noch weiter aus, indem er auf Bücher verweist, die sich mit der Berufstätigkeit und männlichen Verhaltensweisen beschäftigen:

Herr N.: […] ja also phh ich hab ja auch schon Bücher gelesen, wo sich mit denen Themen beschäftigen und so weiter, ähm was ist, was ist (unv.) die Idee, man irgendwie rumtüftelt an irgendwas, ähm ähm irgendwelche Lösungen finden und des ist ähm, des machen die Männer gerne und des mach ich auch gerne. Ähm also irgendwo Fragen beantworten, äh Lösungen finden für irgendwelche Probleme immer irgendwas, äh tun, irgendwas lösen, irgendwas reparieren, was auch immer. Ja. (Z. 78-83)

In den von Herrn Nägele erwähnten Büchern wird Männern zugeschrieben, gerne an verschiedenen Dingen herum zu tüfteln sowie nach Lösungen zu suchen. Genau diese Interessen verfolgt der Vater nach eigenen Aussagen selbst: er beantwortet gerne Fragen, sucht Lösungen für Probleme oder repariert Dinge. Anhand dieser Antwort zeigt sich erneut seine Übernahme externer Eigenschafts- sowie Aufgabenzu­schreibungen an Männer. Herr Nägele identifiziert sich als Mann oder beschreibt sich als männlich, indem er angibt, die als typisch männlich angesehenen Eigenheiten ebenfalls aufzuweisen. Dass der Vater die aufgezählten Tätigkeiten tatsächlich ausübt, wird bei der Beschreibung der Aufgabenteilung zwischen ihm und seiner Frau deutlich. Bei der Aufzählung seiner Tätigkeiten im Haushalt hebt der Vater hervor, dass er hauptsächlich die „ männlichen Sachen “ wie Dinge reparieren oder das Rasenmähen übernimmt, welche mit den zuvor als typisch männlich konnotierten Aufgaben übereinstimmen. Herr Nägele betont an dieser Stelle, dass er sich jedoch auch um das Kochen kümmert, das für ihn vermutlich in Verbindung mit der weiblichen Aufgabe steht. Dabei möchte Herr Nägele seine scheinbar umfassende Beteiligung an Haushaltsaufgaben hervorheben, die sich seiner Meinung nach nicht nur auf die „typisch männlichen Aufgaben“ beziehen. Seine Frau hingegen kümmert sich im Haushalt „ um die Wäsche und so weiter und um’s Putzen“ (vgl. Z. 220f.). Hierbei lässt sich auf die überwiegende Übernahme des Haushalts durch die Frau schließen, weshalb die haushaltsbezogene Aufgabenteilung eher an eine traditionelle Verteilung erinnert. Diese Annahme wird durch die Antwort von Herrn Nägele verstärkt, als er sich zu den Gründen der Aufgabenteilung im Haushalt äußert:

Herr N.: (.) Mhm was gibt es denn da für Gründe, praktische Gründe. Ich kann mich schlecht um den Haushalt kümmern, wenn ich net daheim bin. (.) Ne, sonst müsste ich alles am Wochenende oder am Abend machen. Ja. (Z. 232-234)

Trotz der Bemühung Herrn Nägeles, sich ebenfalls an den von ihm als weiblich angesehenen Tätigkeiten im Haushalt zu beteiligen, wird der größte Teil der Aufgaben von der Frau übernommen, während er in Vollzeit arbeitet. Sein Versuch, die Übernahme traditioneller, geschlechtertypischer Rollen im Haushalt aufzubrechen, scheint somit nicht umgesetzt werden zu können.

Weiterhin existieren für Herrn Nägele typisch männliche Eigenschaften, die sich auf die väterliche Interaktion mit dem Kind beziehen. Seiner Meinung nach sind Männer im Umgang mit Kindern herausfordernder und fördern ihre Kinder mutig zu sein sowie neue Dinge auszuprobieren (vgl. Z. 241-244). Zudem äußert Herr Nägele bei der Beschreibung der Ausgestaltung seiner Vaterrolle, dass er „ streng sein “ mit „ männlich sein “ gleichsetzt und für ihn Nachsichtigkeit weiblich konnotiert ist (vgl. Z. 386-395). An dieser Stelle kann erneut Bezug auf das Kapitel 3.4 genommen und Überein­stimmungen zu bestehenden Geschlechterzuschreibungen erkannt werden. Innerhalb der Aufzählung der Geschlechterstereotype aus Kapitel 3.4 sind ebenfalls die „männlichen Eigenschaften“streng, abenteuerlustig und mutig aufgelistet (vgl. Theorieteil Kapitel 3.4, S. 24). Somit scheint bei Herrn Nägele eine Orientierung an Stereotypen zu erfolgen, sei es bewusst oder unbewusst.

Zu den Kategorien der Definition von Männlichkeit sowie der Selbstwahrnehmung als Mann lässt sich festhalten, dass der erste interviewte Vater zu Beginn des Gesprächs keine persönliche Definition von Männlichkeit geben kann. Stattdessen führt er männliche Stereotype auf, wobei sich keine tatsächliche Übernahme der erwähnten stereotypischen Eigenschaften oder Aktivitäten erkennen lässt. Somit scheint der Vater bestehende Zuschreibungen und Erwartungen an männliches Verhalten wahrzu­nehmen und setzt diese mit seiner persönlichen Vorstellung gleich. Im Laufe des Interviews nennt Herr Nägele darüber hinaus weitere männliche Attribute, die zwar nichts mit den eingangs genannten zu tun haben, die jedoch ebenfalls als Stereotype eingeordnet werden können. Somit scheint der Vater durchaus eine grobe Vorstellung von „Männlichkeit“ zu haben, vermutlich eine genauere als er sich selbst bewusst ist und als er es eingangs formulieren konnte. Inwieweit er diese „männlichen Verhaltensweisen“ innerhalb seiner Vaterrolle umsetzt, soll im weiteren Verlauf der Analyse herausgearbeitet werden.

Anhand der bisherigen Antworten lässt sich vermuten, dass sich Herr Nägele noch nicht allzu sehr mit seinem Männlichkeitsbild auseinandergesetzt hat. Diese Annahme bestärkt seine Antwort auf die Frage, wie sich sein persönliches Männlichkeitsbild entwickelt hat beziehungsweise ob er prägende Einflüsse auf dieses benennen kann. Der Vater antwortet darauf, dass sich sein Männlichkeitsbild „ so entwickelt “ hat und dass ihm dazu keine Orientierungspunkte einfallen (vgl. Z. 70-73). Der Vater findet keine Erklärung für seine bestehenden Geschlechtszuschreibungen an den Mann und führt lediglich die Begründung auf, dass sich sein Männlichkeitsbild „einfach so“ ergeben und entwickelt hat. Somit wurde die Frage, ob der Vater Vorbilder oder Identifikationsfiguren in seiner Kindheit und Jugend hatte, verneint. Über seine Jugend berichtet Herr Nägele generell nicht viel, lediglich, dass er „ leider später so mit Computer, was man dann die Zeit im im mehr im Zimmer verbracht hat“ (Z. 102f.). Da der Vater seine Jugend vermehrt in seinem Zimmer und damit vermutlich eher isoliert verbracht hat, könnte auf einen kleinen Freundeskreis zu seiner Jugendzeit im Freizeitbereich zu schließen sein, innerhalb dessen wahrscheinlich keine Orientierung für sein Männlichkeits­bild gegeben war. Nach mehrmaligem Verneinen von Orientierungspersonen[27] während seiner Kindheit und Jugend, erinnert sich Herrn Nägele plötzlich an zwei Lehrer, die ihn während der letzten Schuljahre geprägt haben – zum einen sein ehemaliger Mathelehrer und zum anderen sein Religionslehrer.

Herr N.: Bezugspersonen an denen man sich orientierte? ACH JA, ich hatte n'einen ganz guten Mathelehrer, also der hat viele ähm (.) der hat immer so Sprüche gebracht und des war eigentlich gar nicht so falsch. ((lacht)) Da hat man sich so bisschen daran orientieren können. (.) Achso und dann fällt mir noch eins ein, wenn Sie noch sagen Bezugspersonen, (.) ka'is is es vielleicht net aber ich hatte mal einen Religionslehrer und der hat, der hat mir auch viel, viele Dinge erzählt, wo ich gedacht hab, des ist wirklich äh gut und da kann ich heute noch davon, von zehren, was gedacht wird, des des war eigentlich relativ äh sinnvoll was der so gesagt hat und gemacht hat. (Z. 159-166)

Der Vater berichtet von zwei männlichen Lehrern, die ihm „ Einstellungen zum Leben“ sowie Anregungen zum „soziale[n] Verhalten“ während der letzten Schuljahre mitgegeben haben, an denen er sich orientieren konnte (vgl. Z. 171-173). Auffallend ist dabei die Anmerkung Herrn Nägeles, noch heute davon zehren und profitieren zu können. Dies deutet einerseits auf sein Bedürfnis und die Notwendigkeit von Orientierungspersonen hin und verdeutlicht andererseits deren große Bedeutung für seine Persönlichkeitsentwicklung. Trotz dessen, dass der Vater die beiden Lehrer selbst nicht als Bezugspersonen betitelt, lassen sie sich als Orientierungspersonen ansehen. Auf die Nachfrage, ob die Orientierungsinhalte auch sein Männlichkeitsbild betrafen, verneint Herr Nägele dies und bezieht sich ausschließlich auf die Lebenseinstellungen und Ratschläge zum Sozialverhalten. Auch wenn die vermittelten Inhalte für Herrn Nägele keine Verbindung zu seinem Männlichkeitsbild aufzeigen, präg(t)en sie dennoch vermutlich seine Einstellung und sein Verhalten als Mann wie auch das als Vater, wenn er heute noch davon zehrt. Somit lässt sich daraus eine Prägung der Orientierungs­personen auf seine Persönlichkeit und somit indirekt auf sein Männlichkeitsbild erkennen.

Ein Grund für die Orientierung an außerfamiliären Bezugspersonen kann aus der Beziehung Herr Nägeles zu seinem eigenen Vater abgeleitet werden.

Herr N: […] Also von meinem Vater habe ich wenig gehabt, […]. Des, ich meine, ähm (..) soll ich jetzt, soll ich Sie jetzt anlügen, oder so, aber der hat wenig gemacht.

(Z. 317-319)

Herr N.: Ach ähm (3) hmm (.) will jetzt nix negatives sagen, aber irgendwie ((verlegenes Lachen)) hab ähm ähm ähm/ er war da immer so der Handwerker und ich konnte ihm leider nicht helfen und so ((verlegenes Lachen)) war da/ hab da eher zwei linke Daumen gehabt, des war also manchmal ein bisschen blöd so, irgendwie hat er da keine Geduld mit mir gehabt und ähm (.) joa das ist eher schade. […] JA, er hat da keine Geduld dafür gehabt, als ich das irgendwie nicht hingekriegt hab […]. (Z. 128-134)

Herr Nägele nennt während des Interviews hauptsächlich negative Aspekte über das Verhältnis zu seinem Vater. Dies lässt auf keine enge oder emotionale Beziehung zwischen Vater und Sohn schließen. Anhand der eben aufgeführten Erzählungen des Interviewpartners über seinen Vater – auf den an späterer Stelle bei der Beschreibung der Vaterrolle Herr Nägeles näher eingegangen wird – lässt sich ein distanziertes und nicht verständnisvolles Verhältnis vermuten. Somit scheint der Vater des Interview­partners keine Orientierungs- oder Vorbildperson für ihn gewesen zu sein, was er an späterer Stelle (an der es um die Bewertung und Übernahme des Erziehungsstils des eigenen Vaters geht) direkt ausspricht. Die fehlende väterliche Zuwendung und die daraus resultierenden Wünsche und Sehnsüchte als Kind haben dazu geführt, dass Herr Nägele während seiner Jugendzeit durch außerfamiliäre männliche Personen – in seinem Fall seine erwähnten Lehrer – Orientierung bezüglich Lebenseinstellungen und sozialen Werten suchte. Bei der Interviewfrage, ob sich Herr Nägele auch außerfamiliäre männliche Bezugspersonen, wie Erzieher oder Lehrer für seine Tochter wünscht, bejaht er dies. Seiner Meinung nach ist es für Kinder wichtig, Bezugspersonen beider Geschlechter zu haben. Seine Tochter beispielsweise hat einen männlichen Erzieher, der ihr „großes Vorbild“ ist und an dem sie „dranhängt“, was der Vater gut findet und unterstützt (vgl. Z. 178-182). Auf die Nachfrage, was er an männlichen Erziehern gut findet, antwortet Herr Nägele:

Herr N.: Mhh vielleicht machen die/ spielen die halt anders mit den Kindern. Weiß nicht, vielleicht ein bisschen äh äh technischer (.) mh weiß ich nicht, aber (.) ähm naja, die die Welt besteht ja nicht nur aus Frauen und deswegen ist es ja ganz gut, wenn im Kindergarten auch männliche Erzieher sind, die, die sich um die Kinder kümmern, ja.

(Z. 186-189)

Zunächst begründet der Vater die Bedeutsamkeit männlicher Erzieher anhand des – im Vergleich zur Frau – „ technischeren“ Spielstils. Dieser Antwort scheint sich Herr Nägele jedoch nicht sicher zu sein, da er seine Aussage mit Worten „bisschen“, „vielleicht“ oder „mh weiß ich nicht“ abschwächt. Darauf folgt jedoch noch eine weitere Begründung: auf der Welt gibt es nicht nur Frauen, weshalb Männer als Erzieher genauso wichtig sind wie Frauen. An dieser Stelle scheint Herr Nägele den Frauen wie auch Männern dieselbe Erziehungskompetenz zuzuschreiben und sieht die Wichtigkeit der Erziehungsaufgabe unabhängig vom elterlichen Geschlecht an. Ob sich diese Einstellung auch in der Ausübung seiner Vaterrolle zeigt, wird an späterer Stelle betrachtet.

Zur Kategorie Orientierungs- und Bezugspersonen lässt sich festhalten, dass Jungen und junge Männer im Laufe ihrer Identitätsentwicklung auf der Suche nach Identifikationspunkten männlichen Verhaltens sind. Besonders wenn – wie im Fall von Herrn Nägele – der väterliche Erziehungsstil wie auch die Beziehung zum eigenen Vater als negativ bewertet wird, erfolgt die Suche nach alternativen männlichen Vorbildern und Orientierungspersonen. Diese hat Herr Nägele in seinen beiden männlichen Lehrern gefunden, die ihn bei der Persönlichkeitsbildung und der Übernahme von Lebenseinstellungen langfristig geprägt haben – so stark, dass die vermittelten Werte noch heute einen Bezugspunkt für ihn darstellen. Aufgrund dieser Erfahrung wünscht er sich für seine Tochter möglichst Bezugspersonen beider Geschlechter, da seiner Meinung nach sowohl Männer als auch Frauen Kindern (möglicherweise unterschiedliche) Werte und Fertigkeiten weitergeben können.

Der zweite große Themenblock des Leitfadens behandelt die Thematik der Vaterschaft. Hierzu wurde dem Interviewpartner die Frage gestellt, wie er Vaterschaft allgemein definiert beziehungsweise was er unter dem Begriff Vaterschaft versteht. Auf diese Frage nennt Herr Nägele seine Erwartungen an einen „guten Vater“ und zählt Eigenschaften und Aktivitäten eines solchen Vaters auf:

Herr N.: […] Ähm er sollte für seine Kinder da sein und eben die Dinge, die wichtig sind, die die die, den Kindern vermitteln, ähm sollte joa, ja da sein halt einfach, ne, mit den Kindern was unternehmen (.), ihnen was beibringen. Ja, so, ne. (Z. 291-293)

Er schreibt einem guten Vater somit die Rolle des Ansprechpartners, Wissensvermittlers sowie des Spielgefährten oder Freizeitgestalters für das Kind zu. An anderer Stelle des Interviews unterstreicht Herr Nägele diese Aussage, indem er äußert, dass Väter andere Verhaltensweisen zeigen als Mütter. Väter würden mehr mit Kindern unternehmen, wie auf den Spielplatz gehen oder mit ihnen „ klettern, springen, spielen “ (Z. 239). Zudem sind Väter seiner Meinung nach herausfordernder und bestärken eher die Kinder, auch mal riskante Dinge auszuprobie­ren (vgl. Z. 238-244). Vaterschaft ist bei Herrn Nägele damit wahrscheinlich nur über Verhaltensweisen und Charakteristiken definiert.

Auffällig bei Herrn Nägeles Definition eines „guten Vaters“ ist, dass er dabei überwiegend das Gegenteil seines eigenen Vaters beschreibt. Wie bereits bei der Thematisierung der Orientierungspersonen aufgezeigt, war sein eigener Vater wenig für ihn da, obwohl er nach Herr Nägeles Aussagen nach der Arbeit „relativ früh daheim [war,] immer so um halb fünf oder so dreiviertel fünf“ und somit physisch präsent war (Z. 116f.). Auch die Rolle des Wissensvermittlers schreibt der befragte Vater seinem eigenen Vater nicht zu. Anhand der bereits vorgestellten Situation, in der der eigene Vater keinerlei Geduld mit Herrn Nägele als Kind hatte und ihm das Handwerken aus Ungeduld nicht beibrachte, zeigt sich der Wunsch des Vaters als Kind, das handwerkliche Arbeiten von seinem Vater damals beigebracht bekommen zu haben.

Herr N.: […] hab da eher zwei linke Daumen gehabt, des war also manchmal ein bisschen blöd so, irgendwie hat er da keine Geduld mit mir gehabt und ähm (.) joa das ist eher schade. (.) Gel, des war so (.) ja, hätt, hätt mich da vielleicht auch dafür interessiert, aber des war so ähh. (Z. 130-133)

Die Rolle des Spielgefährten oder des Freizeitgestalters nahm sein Vater ebenfalls für Herrn Nägele nicht ein:

Herr N.: […] Also von meinem Vater habe ich wenig gehabt, der hat nicht viel mit mir gespielt. […] Also wir, wir waren unterwegs, wir haben gewandert oder so weiter und/ aber sonst irgendwie, dass man mal ein Spiel gespielt hätte oder so, des gab’s wenig, oder dass man mal irgendwie was vorgelesen bekommen hätte oder so […] (Z. 317-322)

Mit Bezug auf die Definition von Vaterschaft zeigt sich somit deutlich der Einfluss des eigenen Vaters. Aufgrund der überwiegenden Negativbewertung der Ausübung der Vaterrolle seines Vaters, grenzt Herr Nägele seine Vorstellung von Vaterschaft deutlich von ihm ab. Es ist jedoch nicht nur dieser beeinflussende Faktor zu erkennen. Die gesellschaftliche Sicht auf Vaterschaft spielt bei Herrn Nägeles Definition ebenfalls eine große Rolle.

Der befragte Vater bekommt während des Interviews die Frage gestellt, ob Vaterschaft seiner Meinung nach mit Männlichkeit vereinbar ist. Er antwortet darauf, dass das von den jeweiligen Definitionen der Begriffe Vaterschaft und Männlichkeit abhängig sei.

Herr N.: Ähm es kommt darauf an, wie man [Männlichkeit] definiert. Vor Jahren hätte man gesagt, des äh des gibts net sowas ((lacht)), um was sich die Männer so ähm alles kümmern […]. Ähm kommt halt drauf an, wie man sich als Mann definiert. (.) Natürlich passt des heute in die Rolle rein und des ist/ äh beides ist miteinander vereinbar, heutzutage schon, ja. (Z. 401-406)

Herr N.: (5) Ist [Vaterschaft] männlich (4) ja klar, so wie man's, wie man's halt definiert, was man, was man darunter versteht. Ich meine heute versteht man andere Dinge darunter, so öh lässt sich das heute m'mit den Vorstellungen schon vereinbaren, ja. Also ja, auch männlich, natürlich. (Z. 409-412)

Anhand seiner anfänglichen Formulierung, dass die Vereinbarkeit von Männlichkeit und Vaterschaft davon abhängt, wie „ man “ Männlichkeit definiert, lässt sich zunächst der Bezug zum persönlichen, individuellen Männlichkeitsverständnis von Männern selbst vermuten. Herr Nägele bezieht sich bei seiner Antwort jedoch zunächst auf die gesellschaftlichen Zuschreibungen, welche seiner Meinung nach vorgeben, was als männlich angesehen wird und welches Verhalten als Mann „angemessen“ ist. Dabei zeigen sich der hohe Stellenwert sowie der starke Einfluss der gesellschaftlichen Zuschreibungen auf die Ansichten des Vaters, wenn er das gesellschaftliche Verständnis als definitionsgebend wahrnimmt. Der Interviewpartner sieht also das gesellschaftliche Verständnis von Männlichkeit als grundlegend für die Beurteilung an, ob sich männliche und väterliche Eigenschaften vereinbaren lassen. Bezüglich der männlichen Zuschreibungen nimmt Herr Nägele einen gesellschaftlichen Wandel wahr. Im Vergleich zu früher ermöglichen es diese Zuschreibungen Männern heutzutage zu, beide Rollen miteinander zu vereinbaren. Dabei bestätigt sich, wie bereits bei der Betrachtung des persönlichen Männlichkeitsbildes thematisiert, dass die Männlichkeits­definition von Herrn Nägele auch kindbezogene Aufgaben beinhaltet.

Im Anschluss an die gesellschaftliche Sicht auf Männlichkeit, thematisiert Herr Nägele zusätzlich die individuelle Sicht von Männern auf ihr Männlichkeitsverständnis. Für den Vater ist ebenfalls das individuelle Verständnis beeinflussend, ob Männer ihre Vaterrolle als männlich ansehen. Diese individuelle Sicht scheint jedoch in das gesellschaftliche Verständnis von Männlichkeit eingebettet zu sein. Herr Nägele bezieht sich nämlich direkt im Anschluss erneut auf die gegenwärtige gesellschaftliche Ansicht, dass Vaterschaft als männlich angesehen wird, „ heutzutage schon“. Beim Aspekt der Männlichkeit differenziert der Vater zwar zwischen der individuellen Definition als Mann und dem gesellschaftlichen Verständnis von Männlichkeit, jedoch scheint bei ihm die persönliche Ansicht jeweils nur im Rahmen dessen möglich, was die Gesellschaft als „passend“ und zeitgemäß betrachtet.

Eine sehr ähnliche Betrachtungsweise zeigt Herr Nägele bei der Definition des Begriffs Vaterschaft. Auch dieses Verständnis ist nach dessen Meinung davon abhängig, was „ man darunter versteht“ beziehungsweise „ wie man’s … definiert“. Heutzutage ver­stehe „man“ andere Dinge darunter, sodass sich Vaterschaft mit den Vorstellungen von Männlichkeit vereinbaren lässt. Auf die Nachfrage der Interviewerin, was der Vater mit dem veränderten Verständnis von Vaterschaft meint, benennt er zum einen seine persönliche Sicht beziehungsweise Beobachtung und zum anderen die veränderten gesellschaftlichen Erwartungen.

Interviewerin: Und wenn Sie sagen, heute versteht man was anderes unter Vaterschaft, was würden Sie sagen ist das?

Herr N.: Dass sich die Männer mehr kümmern um ihre Kinder, des ist schon was anderes. Des des war halt mal früher net so, würde ich mal behaupten, also auf alle Fälle nicht in dem Umfang und und ähm und dann wenn sich irgendwo die die die Sicht verändert in in der Gesellschaft, dann ähh kann’s auch nicht mehr schlimm sein, wenn die Männer sich mal um um was kümmern. […] also kann es auch nicht unmännlich sein, sag ich mal so, wenn sich die Männer auch mehr (mütterlich verhalten lachend). Ja. (Z. 413-421)

Zunächst bezieht sich Herr Nägele auf die beobachtbare und – im Vergleich zu den vorherigen Vätergenerationen – gestiegene väterliche Beteiligung an der Erziehung ihrer Kinder. Er benennt das vermehrte Kümmern sowie den größer gewordenen Umfang an väterlichen Aufgaben. Gleich danach spricht der Vater die veränderte gesellschaftliche Sicht auf Vaterschaft an, die es heutzutage „anerkennt“, dass sich Väter stärker an der Erziehung beteiligen. Somit müsse man sich gegenwärtig nicht für eine stärkere Beteiligung rechtfertigen beziehungsweise sei es „nicht mehr schlimm“, wenn sich Männer verstärkt um ihre Kinder kümmern. Anhand dieser Aussage lässt sich erahnen, dass Herr Nägele einen Rechtfertigungsdruck bezüglich der Ausübung seiner Vaterrolle verspürt beziehungsweise dass er einen Druck wahrnimmt, den gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden. Diese Vermutung bestätigt der Vater an späterer Stelle des Interviews: „ JA GUT, man versucht schon (.) man versucht schon allem gerecht zu werden, das stimmt schon “ (Z. 459-460).

Am Ende seiner Antwort auf die Frage, welches veränderte Verständnis von Vaterschaft der befragte Vater wahrnimmt, begründet der Vater, dass Vaterschaft aufgrund des veränderten gesellschaftlichen Verständnisses somit nicht unmännlich sein kann. Das vermehrte Kümmern um das Kind schreibt er hierbei als mütterliches Verhalten zu, welches zu einem Teil von Vaterschaft geworden ist.

Trotz der Aufführung der individuellen Vorstellungen von Vaterschaft und Männlichkeit, sieht Herr Nägele letztendlich die Vereinbarkeit beider Themenkomplexe lediglich in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Akzeptanz begründet. Des Weiteren scheinen die beiden Komplexe für den Vater wandelbar zu sein. Da sich die gesellschaftliche Wahr­nehmung auf beide Thematiken stets wandeln kann – wie es bisher der Fall war – scheint Herr Nägele keine feste, unveränderbare Vorstellung von Vaterschaft sowie Männlichkeit zu haben, beziehungsweise orientiert er sich stark an den vorherrschenden gesellschaftlichen Zuschreibungen.

Somit ist die Definition von Vaterschaft bei Herrn Nägele – ebenso wie sein Männlich­keits­bild – stark durch gesellschaftliche Zuschreibungen geprägt. Sein Verständnis von Vaterschaft scheint einen flexiblen Charakter zu haben, da sich die gesellschaftlichen Bilder stets wandeln (können). Des Weiteren spielen die Kindheitserfahrungen mit dem eigenen Vater sowie die Bewertung dessen Vaterrolle eine bedeutsame Rolle. Bei der Aufzählung von Eigenschaften, die ein „guter Vater“ mitbringen sollte, umschreibt der Interviewpartner ein gegenteiliges Bild seines Vaters. Somit lässt sich festhalten, dass die Definition von Vaterschaft bei Herrn Nägele stark durch exogene Faktoren geprägt ist.

Im Weiteren soll Herr Nägeles Vaterrolle betrachtet werden. Darunter fallen die Kategorien Definition seiner Vaterrolle, die Aufgaben und Aktivitäten mit seiner Tochter sowie der Erziehungsstil und die Beziehung zu seinem Kind. Eine Frage des Leitfadens befragt die Väter nach der persönlichen Definition ihrer Vaterrolle, also welche Aufgaben und Tätigkeitsbereiche sie sich selbst zuschreiben. Herr Nägele erzählt, dass er im Rahmen seiner Vaterrolle seine Tochter fördern, aber auch herausfordern möchte. Hierbei ist es ihm wichtig, dass sich seine Tochter zutraut, neue Dinge auszuprobieren. Um dies zu unterstützen, lässt der Vater auch riskante Situationen zu und ermutigt seine Tochter, „ nicht immer nur den sicheren Weg“ zu gehen (Z. 259-263). An diesem Punkt lässt sich eine enge Verbindung zu Herrn Nägeles Männlichkeitsbild erkennen. An anderer Stelle des Interviews erwähnt der Vater darüber hinaus, dass Männer seiner Meinung nach im Umgang mit Kindern herausfordernder sind und sie fördern, mutig zu sein und neue Dinge auszuprobieren (vgl. Z. 241-244). Hier ist jedoch nicht klar zu erkennen, ob diese Vorstellung über männliches Verhalten aus seiner Vaterrolle resultiert oder ob sich die Definition seiner Vaterrolle aus seinem Männlichkeitsver­ständnis ableiten lässt.

Weiterhin schreibt sich Herr Nägele die Aufgabe zu, für die Familie zu sorgen, „ wenn irgendwas ist, danach sich drum zu kümmern.“ (Z. 269). Diese allgemeine Aufgabe führt der Vater bereits bei seiner Antwort auf die Frage auf, was die Gesellschaft heutzutage von Männern erwartet. Dabei nennt der Interviewpartner unter anderem den „ treu sorgenden Familienvater“ (Z. 56). Ob sich Herr Nägele diese Aufgabe lediglich aufgrund der von ihm empfundenen gesellschaftlichen Erwartung zuschreibt, oder ob er tatsächlich fürsorgliche Aufgaben für seine Familie ausübt, soll bei der Analyse der tatsächlich übernommenen Aufgaben als Vater überprüft und erneut aufgegriffen werden.

Der befragte Vater wurde während des Interviews gebeten, sich einem oder mehreren vorgegebenen Vatertypen zuzuordnen. Dabei entschied sich der Vater sehr schnell für die Rolle des Spielgefährten. Zunächst kommentiert er diese Zuordnung mit der zeitlichen Eingrenzung „ im Moment bin ich der Spielgefährte“. Gleich darauf korrigiert er sich selbst und sagt: „was heißt im Moment, ja, des so sieht’s aus, ja, der Spielgefährte“ (Z. 298f.). Der befragte Vater erklärt an späterer Stelle, dass sich seine Aktivitäten mit der Tochter momentan fast ausschließlich auf das Spielen beschränken würden und begründet dies mit dem Alter des Kindes. Da seine Tochter erst vier Jahre alt ist, „ beschränkt sich des ganze auf den Spielplatz gehen und und und so Dinge halt, bisschen Spiel spielen und so “ (Z. 357f.).

Seine Tochter scheint diese Rolle des Vaters auch selbst einzufordern, wie an folgendem Interviewausschnitt deutlich wird:

Herr N.: Also wenn ich [von der Arbeit] heimkomme, dann, dann spielen wir irgendwas, machen wir hier Spiele oder (..) öhm (.) ja, […] des, des machen wir oft. Und ähm und so bin gerade ich im Moment, (Papa spielst du was mit mir? Kind nachahmend). Klar, ist meine, meine Aufgabe, die Hauptaufgabe äh da nichts zu vers/ zu unterhalten, versorgt und und und wir haben was Sinnvolles miteinander getan, ne. (Z. 302-307)

Herr Nägele möchte somit zum einen die Wünsche seiner Tochter erfüllen und zum anderen seine „ Aufgabe “ erfüllen, das Kind zu unterhalten, zu versorgen und die Zeit mit ihr sinnvoll zu gestalten.

Der Interviewpartner schreibt sich ebenfalls die Rolle des Ernährers zu: „Ernährer, des stimmt auch“ (Z. 308f.). Auch diese Zuschreibung korrigiert der Vater, da er plötzlich annimmt, dass die Ernährerrolle lediglich die finanzielle Unter­stützung der Familie umfasst, was für ihn nicht zutrifft. Daher besinnt er sich erneut zurück auf die Rolle des Spielgefährten. Die Betonung der zugewandten, fürsorglichen Vaterrolle spiegelt sich in der Thematisierung seines veränderten Männlichkeitsbildes wider. Durch die Vater­schaft, ist er „ bisschen weicher in seinem Fühlen und Denken “ sowie „ nachdenklicher oder fürsorglicher “ geworden (Z. 378, 382).

Zur Definition der eigenen Vaterrolle lässt sich festhalten, dass Herr Nägele stark die Vater-Kind-Interaktion hervorhebt. Auf der einen Seite möchte er als Vater sein Kind unterhalten und mit ihm eine schöne Zeit verbringen. Auf der anderen Seite ist es ihm ebenso wichtig, sein Kind zu fördern und zu stärken. Sowohl der herausfordernde Umgang als auch das fürsorgliche väterliche Verhalten lassen sich mit Herrn Nägeles Männlichkeitsbild vereinbaren. Wie bereits an vorheriger Stelle aufgeführt, schreibt der befragte Vater Männern ein herausfordernderes Verhalten gegenüber dem Kind zu, welches er selbst als Vater ausübt. Des Weiteren wird für den Interviewpartner fürsorgliches Verhalten von Vätern sowie deren verstärktes Kümmern um ihre Kinder heutzutage in der Gesellschaft durchaus als männlich angesehen. Da das gesellschaftliche Verständnis grundlegend für Herrn Nägeles Männlichkeitsbild ist, lassen sich sein Kümmern und häufiges Spielen mit der Tochter durchaus seinem Verständnis von „männlichem Verhalten“ zuordnen.

Um ein vollständiges Bild auf die Vaterrolle von Herrn Nägele zu erhalten, werden nun abschließend seine Aufgaben und Aktivitäten mit seiner Tochter sowie der Erziehungsstil und die Beziehung zum Kind analysiert.

Herr Nägele wird während des Interviews gebeten, einen Tagesablauf von ihm zu schildern. Mit der Frage soll herausgefunden werden, wie stark sich der befragte Vater im Alltag an der Erziehung beteiligt beziehungsweise an welchen Aufgaben oder Aktivitäten er beteiligt ist. Herr Nägele beginnt mit der Schilderung der morgendlichen Situation. Da er in Vollzeit berufstätig ist, steht er morgens früh auf. In letzter Zeit, so berichtet er, steht seine Tochter ebenfalls sehr früh auf und steht dann im Wohnzimmer, wenn der Vater noch am Frühstücken ist.

Herr N: […] wenn ich so am Gehen bin und am Frühstücken bin, steht die dann auch auf einmal da ((verlegenes Lachen)) und ähm (unv.) ja, d'eigentlich ist es mir lieber (ich bin morgens alleine verlegenes Lachen) und kann in Ruhe Zeitung lesen, aber jetzt ist sie halt morgens auch schon früh wach. (Z. 200-203)

Morgens besteht zwar eine kurze Vater-Kind-Zeit, allerdings findet zu dieser Zeit scheinbar keine große Interaktion statt. Denn der Vater äußert, dass er am Morgen lieber seine Ruhe und Zeit für sich haben möchte. An dieser Stelle lässt sich vermuten, dass die Vereinbarkeit der Berufstätigkeit und der Ausgestaltung der Vaterrolle für Herrn Nägele eine Herausforderung darstellt. Diese Vermutung bestätigt der Vater an folgenden Stellen des Interviews.

Herr N.: Es ist nicht immer einfach, manchmal hat man auch gar keine Lust, weil (.) ja, Arbeit und dann nochmal irgendwas tun, aber (.) ich versuch‘s eher an'besser zu machen, sag ich jetzt einfach mal und Aufmerksamkeit zu widmen, ja. (Z. 324-327)

Herr N.: […] also sagen wir mal so, man muss halt immer Geduld haben und manchmal hat man sie nicht, das ist eine Herausforderung. Ähh Herausforderung ist ähh wenn man eigentlich (gar keine Lust oder mehr hat lachend) oder müde ist, noch irgendwas zu tun […]. Des ist net immer leicht so was und und (.) da immer noch abends äh die, die Aufmerksamkeit zu geben, des, und da gelassen zu bleiben […]. (Z. 363-368)

Herr Nägele spricht offen an, dass es für ihn nicht einfach ist, nach der Arbeit noch eine große Geduld aufzubringen und seiner Tochter Aufmerksamkeit zu schenken. Dadurch, dass sein eigener Vater ihm selbst als Kind nur sehr wenig Zuneigung und Aufmerksamkeit entgegen gebracht hat, möchte er jedoch bewusst anders handeln, wie er es in dem ersten Interviewausschnitt verdeutlicht. Der befragte Vater versucht die Beziehung und Interaktion zu seiner Tochter besser zu gestalten, als es sein Vater während seiner Kindheit gemacht hat. An dieser Stelle zeigen sich erneut die deutliche Abgrenzung Herrn Nägeles in seiner Vaterrolle zu seinem Vater sowie der Einfluss des eigenen Vaters auf die Ausgestaltung der Vaterrolle von Herrn Nägele. Daher bemüht sich der Interviewpartner geduldig zu sein und „ tut halt so gut wie man kann“ (Z. 370).

Wenn Herr Nägele abends von der Arbeit nach Hause kommt, spielt er oft mit seiner Tochter Spiele, die den Wunsch danach äußert. Dadurch scheint es, dass der Vater eher den Wunsch seiner Tochter erfüllen möchte und nicht primär von sich aus das Spiel mit seiner Tochter sucht (vgl. Z. 302-305). Bei der Abendroutine des Kindes ist Herr Nägele sehr aktiv beteiligt. Er zieht seine Tochter fürs Schlafengehen um, putzt ihr die Zähne und legt sich dann noch zu ihr ins Bett, bis sie einschläft. Somit beteiligt sich Herr Nägele an versorgenden sowie fürsorglichen Aufgaben. Wie bereits aufgeführt, lässt sich die körperliche Nähe und emotionale Zuwendung zu seinem Kind unter das heutige gesellschaftliche und damit auch persönliche Verständnis des Vaters von Männlichkeit fassen.

Eine weitere Aufgabe des Vaters ist das Vorlesen von Büchern: „Vorlesen muss ich viel, viel Bücher vorlesen. Muss ich eigentlich ständig.“ (Z. 355f.). Auch anhand dieser Aussage lässt sich erneut erahnen, dass Herr Nägele sehr auf die Wünsche seiner Tochter reagiert und die Vater-Kind-Zeit stark durch die Wünsche der Tochter geprägt ist. Dies äußert der Vater ganz direkt, als es darum geht, inwieweit ihn der Erziehungsstil des eigenen Vaters geprägt hat. Herr Nägele verdeutlicht, dass er „ gerade das Gegenteil“ seines Vaters machen will, da dieser beispielsweise kaum mit ihm gespielt oder ihm etwas vorgelesen hat (vgl. Z. 317-323).

Herr N.: Wenn das Kind was vorgelesen bekommen will, kriegt es was vorgelesen, wenn sie spielen will, spielen wir zusammen. (Z. 323-324)

Jeden zweiten Samstag verbringt Herr Nägele den halben Tag alleine mit seiner Tochter, da seine Frau bis zum Nachmittag arbeitet. Der Vater beschreibt, dass er aufgrund der Berufstätigkeit seiner Frau an den ausgewählten Samstagen alleine auf seine Tochter aufpassen „muss“ und er daher gemeinsam mit seinem Kind ein Programm machen „muss“. Der Grund für seine väterliche Beteiligung am Wochenende resultiert somit in erster Linie aus der Abwesenheit der Mutter sowie der notwendigen Versorgung und Beaufsichtigung der Tochter. Herr Nägele äußert selbst, dass jedes Elternteil seinen Teil beitragen muss. Da seine Frau halbtags arbeitet, „muss“ er „halt auch einige Dinge übernehmen“ (Z. 228). Als Gründe der Beteiligung des befragten Vaters lassen sich somit zunächst das Erfüllen der Wünsche der Tochter sowie organisatorische Gründe – aufgrund der Berufstätigkeit der Frau – benennen.

Während der gemeinsamen Vater-Tochter Zeit am Wochenende gehen sie sehr oft auf den Spielplatz (vgl. Z. 214). Wie bereits bei der Definition seiner Vaterrolle aufgeführt, stellt das Spielen, neben dem Vorlesen, die hauptsächliche Aktivität zwischen Herrn Nägele und seiner Tochter dar.

Als Herr Nägele die Beziehung zu seiner Tochter beschreiben soll, führt er unter anderem diesen Aspekt auf, dass er der Spielgefährte für sein Kind ist. Die beiden unternehmen gerne etwas miteinander und „kommen eigentlich miteinander aus“ (vgl. Z. 337). Außerdem denkt der Vater, dass ihn seine Tochter mag und er „mag auch [s]eine Tochter“ (Z. 333). Oft sei er in der Interaktion mit ihr jedoch zu nachsichtig, weshalb es der Vater manchmal bedauert, nicht der strenge Erzieher zu sein (vgl. Z. 332f.). Anhand der Aussagen Herrn Nägeles lässt sich eine Unsicherheit des Vaters vermuten, aus der sein nachsichtiger Erziehungsstil resultiert. Er möchte auf alle Wünsche seiner Tochter eingehen und ihr bestmöglich seine Aufmerksamkeit schenken, damit er seine Vaterrolle im Gegensatz zu seinem eigenen Vater „besser“ ausübt. Die Beschreibung der emotionalen Beziehung Herrn Nägeles zu seinem Kind wirkt etwas distanziert. Denn zunächst nennt Herr Nägele die grundlegende Tatsache, dass seine Tochter und er gut miteinander auskommen. Anschließend vermutet der Vater, dass seine Tochter ihn mag und äußert daraufhin, dass er seine Tochter ebenfalls mag. Insgesamt lässt sich nur schwer ein eindeutiges Bild zur Vater-Tochter Beziehung herausarbeiten. Auf der einen Seite scheint es eine körperliche sowie emotionale Beziehung zwischen dem Vater und seiner Tochter zu geben, dadurch dass er sich abends zu ihr ins Bett legt, bis sie eingeschlafen ist. Auf der anderen Seite scheint die Beziehung der beiden durch eine große Unsicherheit des Vaters geprägt zu sein, weshalb ihn sein Kind in manchen Situationen dominiert (vgl. Z. 387-390). Auch die Aussage des Vaters, mit seiner Tochter auszukommen, lässt nicht auf eine allzu enge oder emotionale Beziehung schließen.

Auf die Interviewfrage hin, ob es Aufgaben mit dem Kind gibt, die ausschließlich er als Vater übernimmt, äußert Herr Nägele, dass das Spielen „eher seine Sache“ ist. Herr Nägele führt während dieser Ausführung eine eigene Vermutung an, weshalb er das Spielen mit dem Kind übernimmt.

Herr N.: […] so Sachen eben, draußen irgendwo hingehen, im Garten spielen, im Spielplatz spielen, das ist eher so meine Sache. Das, das eher meine, des was ich/ weil ich's auch gerne mache, ja ((lacht)) und ähm, und deswegen ich glaube des ist eher was ich so hauptsächlich mache. (Z. 348-351)

Da Herr Nägele selbst Freude und Spaß am Spielen findet, interagiert er seiner Ansicht nach hauptsächlich darüber mit dem Kind. Auf die Frage, wie sich die Interaktion zwischen ihm und seinem Kind momentan gestaltet, gab der Vater die dazu übereinstimmende Antwort: „der Spielgefährte trifft‘s eigentlich <im Moment> oder, oder trifft‘s eigentlich ganz gut. Ja. So ist die Interaktion auch…“. (Z. 341-342). Bezüglich des Spielens mit dem Kind lässt sich noch ein weiterer Punkt benennen (welcher bereits zuvor in der Analyse herausgearbeitet wurde), der den Vater zur Übernahme dieser Aufgabe führt: Herr Nägel möchte die Zeit mit seinem Kind sinnvoll gestalten und ihm aktiv seine Aufmerksamkeit schenken.

Zusammengefasst resultiert somit Herr Nägeles Gestaltung der Vater-Kind-Zeit aus den folgenden fünf Gründen: der Berufstätigkeit seiner Frau, dem gegensätzlichen Ausüben seiner Vaterrolle zu der seines eigenen Vaters, die sinnvolle Gestaltung der Zeit mit seiner Tochter, das Erfüllen der Wünsche seines Kindes sowie der eigene Spaß am Verbringen der Vater-Tochter Zeit. Folglich lassen sich sowohl exogene als auch endogene Faktoren finden, die die Ausübung der Vaterrolle von Herrn Nägele prägen, wobei die exogenen Gründe deutlich überwiegen.

Aus dem Erfüllen der Wünsche der Tochter lassen sich Rückschlüsse auf Herrn Nägeles Erziehungsstil ziehen. Herr Nägele äußert selbst, dass er nicht streng genug ist, was für ihn, wie er es nebenbei kommentiert, eine männliche Eigenschaft darstellt. „Manchmal komme ich mir so vor, dass, dass ich ja, mehr männlich, ah was könnte man sagen, mehr strenger sein.“ (Z. 386-387). Die Tatsache, dass sich der Vater als zu wenig streng empfindet, äußert Herr Nägele an vier Stellen des Interviews. Somit scheint er sich mit seiner fehlenden Strenge und selbst zugeschriebenen „fehlenden Männlichkeit“ auseinanderzusetzen.

Herr N.: Normal müsste ich eigentlich strenger sein, des ist so, des, des des äh >des denke ich mir halt immer wieder, ich lasse ihr zu viel durchgehen<. Naja, da denkt man sich immer ((lacht)) ja, ja, irgendwann, irgendwann, aber dann wieder, irgendwann fange ich damit an, (so in der Art lachend). Ja. (Z. 281-284)

Dass sich der Vater selbst viele Gedanken über seine Nachlässigkeit macht, wird anhand des Interviewausschnittes deutlich. Der Wunsch, seinem Kind gegenüber strenger und männlicher aufzutreten ist zwar vorhanden, jedoch konnte er diese Veränderung seines Erziehungsstils bisher noch nicht umsetzen. Eine Begründung Herrn Nägeles hierzu leitet er von seinem Alter ab – mit über vierzig ist man vielleicht etwas nachlässiger, führt der Vater lachend an, kommentiert jedoch gleich darauf seine Vermutung mit den Worten „ich weiß es net“ (vgl. Z. 278-281). Herr Nägeles fehlende Strenge führt soweit, dass sich das Kind in manchen Situationen ihm gegenüber durchsetzt.

Herr N.: Mehr (.) mehr sich selber durchsetzen ((lachend)) net net anders herum, dass sich des Kind gegenüber mir durchsetzt, sondern dass ich mich durchsetze. Also da in dem Sinne männlicher sein, mehr strenger sein. (Z. 387-390)

Anhand dieser Beschreibung lässt sich ein weiterer Aspekt seines Verständnisses von männlichem Verhalten ableiten: für Herrn Nägele entspricht Durchsetzungsfähigkeit seinem Verständnis von Männlichkeit. Diese Eigenschaft führt der Vater bereits am Anfang des Interviews auf, als er nach seinem Verständnis männlichen Verhaltens im Beruf gefragt wurde.

Herr N.: Ähhm die d' ähm karrierebewussten Männer, mit Durchsetzungsvermögen, oder so was, des ist männlich, ja. Wie es immer so schön heißt durchsetzungsfähig. (Z. 49-50)

Der befragte Vater überträgt somit sein allgemeines Verständnis männlichen Verhaltens auf sein Verhalten als Vater und ordnet sich dabei als männlich oder nicht männlich ein. Diese bewusste Einordnung macht Herr Nägele ebenfalls bei der Beschreibung seiner Beteiligung an Haushaltstätigkeiten. Dazu äußerte der Vater, dass er sich um die „männlichen Sachen“ kümmert. Nach Meinung von Herrn Nägele verschwimmen jedoch zunehmend die weiblichen und männlichen Aufgabenbereiche innerhalb der Familie, angesichts der verstärkten Beteiligung von Vätern an der Erziehung. Somit existieren für den befragten Vater typisch mütterliche und damit weibliche sowie väterliche, männliche Aufgaben, zwischen denen er differenziert.

Herr N.: […] der Wandel ist, dass eigentlich noch mehr ähm noch mehr Aufgaben dazugekommen sind, ja. Also ((verlegenes Lachen)) ja, (.) mehr teilen, weniger Trennung zwischen Mann und Frau, Mutter und und und Vater, die Aufgaben. (Z. 446-449)

Unter dem angesprochenen Wandel versteht Herr Nägele die nicht mehr bestehende Ausschließlichkeit der Ernährerrolle von Vätern sowie deren dazukommende väterliche Beteiligung an der Erziehung, welche mittlerweile in der Gesellschaft als männlich anerkannt wird (vgl. Z. 419-421). Es lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass der befragte Vater Vorstellungen von männlichem sowie weiblichem Verhalten hat, er aber auch zwischen männlichen und weiblichen Aufgabenbereichen unterscheidet. Für ihn lösen sich zunehmend die elterlichen, geschlechter­spezifi­schen Aufgaben auf. Durch die verstärkte Übernahme an kindbezogenen Aufgaben, wird das ehemals väterlich-männliche Verhalten für Herrn Nägele zunehmend „ mütterlicher “, was in der Gesellschaft jedoch anerkannt ist oder gar gefordert wird.

Herr Nägele nimmt eine ganze Reihe an gesellschaftlichen Erwartungen wahr, die seiner Meinung nach kaum alle erfüllbar sind.

Herr Nägele: (..) Hah, ich könnte jetzt übertreiben, aber wahrscheinlich ist es so, […] so was wie sich um alles kümmern, äh, der Ernährer der Familie sein, ähm in Elternzeit gehen, Kinder selber fast/ am besten noch selber die Kinder großziehen ((lacht)), ähm immer bereit sein ähm, die Kinder fördern, (.) ähm (.) und gleichzeitig noch Karriere machen und ein Haus bauen und ähmm immer groß erfolgreich sein bei allem, so des ist so die, die übersteigerte Sicht würde ich mal so sagen. Ich glaub der ideale Vater, der sich um alles kümmern kann und (.) der alles machen soll. So quasi der Übervater (.) eben wie ich es schon gesagt habe, Karriere und ähm Ernährer, Spielgefährte, für Bildung und ähm Förderung zuständig. (Z.430-438)

Für Herrn Nägele bleiben somit die traditionellen Erwartungen an Männer – wie die Familie zu ernähren, Karriere zu machen oder erfolgreich zu sein – weiterhin bestehen. Zusätzlich sind allerdings noch die für den Vater als mütterlich definierten Aufgabenbereiche hinzugekommen. Väter sollen sich nebenbei noch um ihre Kinder kümmern, sie erziehen, fördern und unterhalten. Anhand der Beschreibung des Vaters wird deutlich, dass er diese Anforderungen als nicht erfüllbar ansieht. Herr Nägele merkt zu Beginn des Interviewausschnittes selbst an, dass er bei seinen wahrgenommenen Erwartungen eventuell übertreibt, jedoch seien dies vermutlich tatsächlich die bestehenden Forderungen an Männer. Um all den Erwartungen gerecht zu werden, muss ein Mann nach Ansicht von Herrn Nägele heutzutage ein „Übervater“ sein, der „sich um alles kümmern kann“ und der „alles machen soll“. Der befragte Vater verspürt hierbei einen Druck, diesen Anforderungen gerecht werden zu müssen (vgl. Z. 460).

Herr N.: Also ich selber (.) für mich, ich mach‘s gerne freiwillig, aber natürlich andere, die sagen, ich kümmere mich gar nicht ums Kind, kann natürlich schon sein, dass des negativ irgendwo gesehen wird heutzutage. (Z. 467-470 )

Herr Nägele betont, dass er sich trotz des Erwartungsdrucks „freiwillig“ um seine Tochter kümmert. Der Vater beteiligt sich nicht „wegen anderen“, sondern verfolgt das Ziel, dass seine Tochter davon profitiert (vgl. Z. 461). Andere Väter, die sich vermehrt bis ausschließlich ihrer Ernährerrolle widmen möchten, würden deshalb heutzutage negativ beurteilt werden, so Herr Nägele. Daher äußert er den Wunsch, dass die Väter selbst den Grad ihrer Beteiligung an kindbezogenen Aufgaben bestimmen sollen. Denn das primäre Ziel ist das Profitieren des Kindes, nicht das Gerecht werden gesellschaftlicher Erwartungen.

Zur Ausgestaltung der Vaterrolle lässt sich zusammenfassend festhalten, dass sich Herr Nägele von den gesellschaftlichen Erwartungen abgrenzen möchte, indem er sich „freiwillig“ und aus eigenem Antrieb um seine Tochter kümmert. Anhand der Analyse konnten jedoch überwiegend exogene Gründe für seine Beteiligung herausgearbeitet werden. Besonders prägend sind hierbei die Kindheitser­fahrungen mit seinem eigenen Vater sowie organisatorische Gründe, wie die Berufs­tätigkeit seiner Frau. Zudem äußert Herr Nägele, dass er einen Druck wahrnimmt, all den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen zu müssen. Somit passt sich der befragte Vater teilweise dem gesellschaftlich erwarteten Bild des Mannes als Familienvater an. Er versucht „allen Aufgaben“ gerecht zu werden und diese zu erfüllen.

Zudem stellt er einen Wandel der väterlichen Aufgaben fest – den Wandel zu vermehrt mütterlichen Aufgaben. Diese sind nach Ansicht des Vaters allerdings seitens der Gesellschaft heutzutage als „männlich“ anerkannt, da sie der neuen, gegenwärtigen Vaterrolle zugeschrieben werden. Die neue Vaterrolle beinhaltet für ihn das Ernähren der Familie, Karriere machen, die Beteiligung an der Erziehung und Förderung der Kinder sowie der Ansprechpartner und Spielgefährte für das Kind zu sein. Trotz der eigenen Intention der kindbezogenen Beteiligung gesteht sich der Vater somit ein, teilweise doch so zu handeln, um den gesellschaftlichen Erwartungen, denen Männer in ihrer Vaterrolle entgegenstehen, gerecht zu werden.

Kurzprofil Herr Klein

Alter: 45 Jahre (geboren 1971).

Herkunftsfamilie: - Trennung der Eltern in den 80-er Jahren.

- Aufgewachsen beim Vater, Vater Hauptbezugsperson.

- Beide Elternteile selbstständig (Inhaber von Blumenläden, Vater Gärtnermeister).

- 1 Bruder.

- Vater mittlerweile verstorben.

Familie: - Verheiratet.

- 2 Töchter (Zwillinge), 15 Monate alt.

Beruf: - Herr Klein: arbeitet im leitertechnischen Vertrieb eines Fahrrad- herstellers in Teilzeit (Hochschulabschluss: Diplomstudium Geologie, Biologie, Chemie).

- Frau Klein: Architektin in Teilzeit (Hochschulabschluss: Studium Architektur).

Auffälligkeiten: - In einem reinen Männerhaushalt aufgewachsen.

- Sieht seinen Vater als großes Vorbild an.

- Betrachtet Männlichkeit hauptsächlich aus biologischer Sicht, wenige charakterliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Genogramm Familie Klein.

Bei Herrn Klein wird der Hauptthemenkomplex Männlichkeit ebenfalls als thematischer Einstieg in das Interview gewählt. Der Vater bekommt zu Beginn des Gesprächs die Frage gestellt, was er spontan mit dem Begriff „Männlichkeit“ verbindet. Bei seiner Antwort differenziert der Vater zunächst zwischen der emotionalen sowie der biologischen Ebene und führt beide Aspekte daraufhin genauer aus.

Herr K.: Ähm (..) ja also des´s is ein bisch´ schw´/ also emotional (.) ist denk ich äh Männlichkeit für mich jetzt (.) gar nicht so (eehm Wort suchend) genau zu, zu fassen. Rational äh dank meiner äh naturwissenschaftlichen äh Grund´ >(kann stotternd) ich das also/ würde ich´s dann eher< tatsächlich jetzt beim äähh Menschen in die X Y Genetik hineinbringen […]. Ich denke tatsächlich, dass es <häufig> so ist, dass man äähhm ähhhh rationaler äh an Dinge herangeht, ° das sind so, aber was so die, die Männlichkeit definiert ein bisschen mehr Muskeln, ein paar Samenstränge. (Transkript Herr Klein[28], Z. 35-44)

Herr Klein setzt zu Beginn seiner Antwort zu der Äußerung an, dass es „ein bisschen schwer“ sei, Männlichkeit zu definieren. Bevor er diesen Gedanken jedoch vollständig ausspricht, beginnt er mit der Beschreibung seiner Vorstellung von Männlichkeit. Zunächst greift der Vater die emotionale Ebene der Geschlechtertrennung auf. Innerhalb dieser lässt sich für Herrn Klein Männlichkeit „gar nicht so genau [… ] fassen“. Somit scheint es für den befragten Vater keine eindeutige Definition von Männlichkeit über Eigenschafts­zu­schreibungen oder Charakterzüge zu geben. Als nächstes geht Herr Klein auf die biologische Betrachtungsweise von Männlichkeit ein. Dabei erwähnt er die genetischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern, worüber er Männlichkeit „dann eher“ definiert. Zwar existieren für den Vater verhaltenstechnische Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern, wie die rationalere Herangehensweise von Männern, jedoch definiert Herr Klein Männlichkeit hauptsächlich über die biologischen Unterschiede, wie „ein bisschen mehr Muskeln, ein paar Samenstränge“, die Männer im Vergleich zu Frauen aufweisen. Dass Herr Klein einen starken Fokus auf die biologische Betrachtungsweise legt, resultiert vermutlich unter anderem aus seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung, wie es der Vater in seiner Antwort selbst andeutet: „ dank meiner äh naturwissenschaftlichen äh Grund`“. Mit dem nicht vollendeten Wort Grund` könnte der Vater seine Grundausbildung meinen, da er sein Diplomstudium im Fach Biologie absolviert hat (vgl. Z. 214-215).

Bezüglich der Zuschreibung des rationaleren Handelns von Männern, kann Bezug auf das Kapitel 3.4 der vorliegenden Masterarbeit genommen werden. Innerhalb der Aufzählung der Geschlechterstereo­type aus Kapitel 3.4, ist die Rationalität ebenfalls dem männlichen Geschlecht zugeordnet (vgl. Theorieteil Kapitel 3.4, S. 24). Ob jedoch die Verbindung von rationalem Handeln und Männlichkeit bei Herrn Klein aus gesellschaftlichen Zuschreibungen resultiert, soll im nachfolgenden Analysepunkt, dem persönlichen Männlichkeitsbild, genauer untersucht werden.

Im Anschluss an seine anfängliche Erklärung äußert Herr Nägele, dass er den Ausdruck Männlichkeit „so gar nicht … für [s]ich genau jetzt definiert“ hat (Z. 44f.) . Herr Klein kann zwar während des Interviews seine persönliche Vorstellung von Männlichkeit erläutern – welche sich für ihn durch die biologischen Unterschiede definieren lässt – berichtet daraufhin jedoch, dass er keine genaue Definition von Männlichkeit besitzt. Diese fehlende Definition oder fehlenden Zuschreibungen an männliches Verhalten begründet Herr Klein an späterer Stelle des Interviews. Der Vater äußert, dass es „häufig also … ganz schwer natürlich [ist,] in direkte Schubladen zu […] stecken“ (Z. 197f.). Zudem erklärt der Vater an einem anderen Punkt des Interviews, dass er sich gegen „diese Rollensachen“ wehrt (Z. 599). Trotz des Vermeidens eines Rollen- oder Schubladendenkens, zählt Herr Klein Verhaltensweisen auf, als er gefragt wird, ob für ihn typisch männliche Eigenschaften existieren.

Herr K.: (..) Ähm Ausprägungen ja ähm. Also JA ähm eben ähm (3) ähm typisch männliche Ausprägungen sind äh ganz bestimmt eben, dass sie sich rein (.) tendenziell eher höheren also im im Schnitt höheren Bezug auf äh die rationale Ebene äh was im Umkehrschluss häufig in leichte Defizite in der, in der Empathie oder in der emotionalen Ebene sicherlich mit sich bringt. (Ähm langgezogen) ganz bestimmt ist auch im generellen Schnitt ne höhere Risikobereitschaft da ähm das äh (..) ist sicherlich eine von den (..) Eigenschaften die sie auch im Alltag (bemerkbar langgezogen) machen und eine nach eher nach außen getragenere ääh (.) ja. vielleicht auch ne Grundaggression ähm das äh ° lässt sich auch da wahrscheinlich beobachten. (Z. 50-58)

Herr Klein ersetzt gleich zu Beginn seiner Antwort den Begriff „Eigenschaften“ aus der Fragestellung, durch das Wort „Ausprägungen“. Somit existieren für den Vater keine fest zugeschriebenen Eigenschaften von Männern, sondern lediglich die von ihm benannten „männliche[n] Ausprägungen“. Herr Klein verwendet bei seiner Ausführung zudem viele abschwächende sowie nicht verallgemeinernde Worte, wie beispielsweise „ tendenziell eher“, „im Schnitt“, oder „häufig“. Seine relativierenden Äußerungen verdeutlichen noch einmal seine Ansicht, dass, bezüglich der Charaktereigenschaften von Männern und Frauen, nicht generalisiert werden kann.

Dass Herr Klein trotzdem Ausprägungen oder Eigenschaften benennen kann, die er eher Männern zuschreibt, begründet der Vater an späterer Stelle des Interviews. Für den Interviewpartner lassen sich innerhalb der Gruppe von Männern „gewisse Tendenzen“ ableiten. Diese Tendenzen können jedoch nur erkannt werden, wenn „die [zu betrachtende] Gruppe groß genug ist.“ (vgl. Z. 198-200). Herr Klein überträgt seine aufgezählten Eigenschaften somit nicht automatisch auf jeden einzelnen Mann, sondern vertritt die Ansicht, dass diese Eigenschaften tendenziell eher bei Männern auftauchen. Der Vater spricht an anderer Stelle des Interviews hierbei auch von „ unterschiedliche[n] Muster[n]“, die Frauen und Männer aufweisen (vgl. Z. 493).

Zu den von Herrn Klein aufgeführten „männlichen Charakterzügen“ zählt er das bereits zu Beginn genannte rationale Handeln und die im Umkehrschluss daraus resultierenden Defizite in der Empathie sowie auf der emotionalen Ebene. Des Weiteren zeigen Männer für den befragten Vater eine höhere Risikobereitschaft auf, wie auch eine gewisse Grundaggression. Trotz dessen, dass die genannten Verhaltens­muster erneut den bestehenden Geschlechterstereotypen zuzuordnen sind, scheint Herr Klein die aufgezählten Charakterzüge nicht (hauptsächlich) durch gesellschaftliche Zuschrei­bungen übernommen zu haben. Denn wie der Vater am Ende seiner Ausführung anmerkt, lassen sich diese Eigenschaften „wahrscheinlich beobachten“.

Bei Erzählungen über seine Herkunftsfamilie, jetzige Familie oder früheren Bezugspersonen, tauchen tatsächlich genau die von ihm erwähnten Verhaltensweisen auf. Während des Interviews berichtet Herr Klein von männlichen Lehrern, die er in seiner Jugendzeit zum Vorbild hatte. Diese zeigten, im Vergleich zu den weiblichen Lehrkräften, ein risikobereiteres Verhalten.

Herr K.: […] hat‘s in meiner Vita sich so gezeigt, dass diese diese< risikobereit´eren (.) Lehrkräfte waren häufig Männer. (Z. 236f.)

An anderer Stelle des Interviews berichtet der befragte Vater über die Beziehung zu seinem eigenen Vater. Zum besseren Verständnis sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass Herr Klein und sein Bruder schon seit früher Kindheit an beim Vater aufgewachsen sind und während dieser Zeit sehr wenig Kontakt zu ihrer Mutter hatten. Somit stellt der Vater für ihn als Kind die einzige elterliche Bezugsperson dar. Dieser musste somit auch Ansprechpartner für die emotionalen Belange sein, wie Herr Klein berichtet.

Herr K.: […] worst case ähm der erste Liebeskummer, (..) musste und hat [mein Vater] auch halt sich alles angehört und äh dementsprechend, ja <wahrscheinlich schon anders wahrscheinlich als es der (..) sag mal so diese dieses klassische Vvvorbild wahrscheinlich einer> einer einer einer <Mutter äh (äähm überlegend) wahrscheinlich> ° ja vielleicht sind wir doch wieder bei was ist typ´ mein was ist männlich so typisch MÄNNLICH, haja IST NICHT SO DRAMATISCH mei (äähh Wort suchend) geht schon und wird schon. (Z. 320-326)

Bei emotionalen Themen, wie dem ersten Liebeskummer, scheint der Vater von Herrn Klein somit nicht allzu empathisch oder einfühlsam reagiert zu haben. Dieses fehlende Einfühlungsvermögen schreibt der Interviewpartner – eventuell daraus resultierend – tendenziell dem männlichen Verhalten ab.

Bei der Definition von Männlichkeit führt Herr Klein einen weiteren Aspekt auf. Der befragte Vater geht davon aus, dass „ jede Person… unabhängig… welche[r] genetischen Geschlechts­merk­male, bei­der­lei Geschlecht in sich irgendwo vereint […]“ (Z. 45-47) . Damit möchte der Vater verdeutlichen, dass jede Person, egal welches biologische Geschlecht sie besitzt, viele unterschiedliche Charakterzüge aufweisen kann. Eine Person kann damit beispielsweise sowohl rational, als auch emotional und empathisch sein. Hier lässt sich erneut ein starker Bezug zur Herkunftsfamilie Herrn Kleins herstellen. Da Herr Klein bei seinem Vater aufgewachsen ist, musste dieser für seine Kinder „quasi sowohl Vater als auch Mutter sein“ (Z. 87). Aus der väterlichen Übernahme beider Elternrollen resultierte damit neben der Ausübung der Erzieherrolle auch die Übernahme der zuvor erwähnten „emotionale[n] Anlaufstelle“ (Z. 319f.).

Herr Kleins Definition von Männlichkeit ist von seiner klaren Vorstellung geprägt, zwischen der emotionalen und biologischen Männlichkeit zu unterscheiden. Grundlegend lässt sich Männlichkeit für ihn lediglich rein biologisch definieren. Für den Vater bestehen jedoch trotzdem verhaltenstechnische Tendenzen oder Ausprägungen bei Männern (sowie Frauen), die über die Gruppe des jeweiligen Geschlechts mit hoher Wahrscheinlichkeit beobachtbar sind. Trotz dessen, dass die genannten männlichen Ausprägungen teilweise gesellschaftliche Stereotype darstellen, lassen sich zu jeder genannten Eigenschaft Belege im Interview dafür finden, dass Herr Klein diese Eigenschaften als Kind oder Jugendlicher selbst bei erwachsenen Männern (oder Frauen) beobachtet hat. Als besonders großer Einflussfaktor auf das Männlichkeitsbild des Interviewpartners kann sein eigener Vater benannt werden.

Im Folgenden wird der Fokus auf die Selbstwahrnehmung Herrn Kleins als Mann gelegt. Nachdem dem Interviewpartner die Frage gestellt wird, ob es Situationen gibt, in denen er sich männlich fühlt, nimmt der Vater Bezug auf seinen Alltag sowie auf seine Vaterrolle.

Herr K.: […] also, wenn man es tatsächlich mal durchaus ähm in in (..) ja wirklich im Alltag äh solche äh Dinge das jetzt auch äh im Umgang mit den (.) Kindern ich da häufiger eher äh <rein rational> die Sachen äh angehe. (Z. 61-63)

Das für den Vater eingangs als männlich bezeichnete Merkmal des rationalen Handelns schreibt sich Herr Klein in seiner Vaterrolle ebenfalls zu. Auch bei dieser Beschreibung formuliert der Vater seine Aussage mit den Worten „häufiger eher“ abschwächend und generalisiert nicht. Neben dem rationalen Handeln als Vater erzählt Herr Klein, dass aufgrund des Umzugs der Familie viele Verhandlungen mit Handwerkern anstehen, die hauptsächlich er übernimmt. Denn Männer können seiner Meinung nach eher auf der „reine [n] Gesprächsebene“ sprechen und verhandeln (vgl. Z. 70f.). Diese „männliche Eigenschaft“ schreibt sich jedoch nicht nur Herr Klein selbst zu, sondern auch seine Frau „erwartet“ dieses rationale Verhandlungsgeschick von ihm. Wie der Vater erzählt, wird ihm „diese Rolle auch seitens [s]einer Frau zugeschustert“ (Z. 68). Somit steht er der Erwartung seiner Frau gegenüber, dieses „männliche Verhalten“ im Alltag aufzuzeigen.

Herr Klein berichtet darüber hinaus von seinem Verhalten im Job. Dank seiner hohen beruflichen Position kann sich Herr Klein mittlerweile „ die eine oder andere Freiheiten mehr rausnehmen“, wodurch beispielsweise seine Teilzeitarbeit leicht zu ermöglichen war (vgl. Z. 434). An dieser Stelle führt der Vater erneut die für ihn „männliche Eigenschaften“ auf:

Herr K.: Das heißt, also ((einatmen)), da sind wir wieder bei Risikobereitschaft und Aggressio'< (.) >UNTERSCHWELLIGEM aggressiven ähh Verhandlungsgeschick, wie man‘s sagt<, ja. (.) Ähm das äh möchte ich, das brauche ich und äh, (.) >wie kriegen wir's hin<. Mh ja, also auch dieses einfach mhhh lösungsorientiertes Verhalten wahrscheinlich. (Z. 436-440)

Herr Klein stellt erneut eine Verbindung zwischen den von ihm aufgeführten „männlichen Ausprägungen“ und seinem persönlichen Verhalten her. Nach eigenen Aussagen weist er ebenfalls ein risikobereites Verhalten im Beruf auf sowie ein unterschwellig aggressives Verhandlungsgeschick. Die Äußerung „wie man’s sagt“ kann darauf hindeuten, dass Herr Klein die Zuschreibung des Verhandlungsgeschicks an Männer im Rahmen ihrer Berufstätigkeit zusätzlich von außen wahrnimmt.

Der befragte Vater wird an weiterer Stelle des Interviews gefragt, ob sich seine Vorstellung von Männlichkeit durch das Vatersein verändert hat. Darauf antwortet er lediglich knapp, dass er dies nicht glaubt (vgl. Z. 590). An einem anderen Punkt des Interviews berichtet Herr Klein jedoch davon, dass sich sein Verhalten, seitdem er Vater ist, geändert hat. Er kann sich seitdem besser in andere Personen hineinversetzen und sich auf die „Basis“ des Gegenübers begeben (vgl. Z. 654-657). Von dieser neu gewonnenen Eigenschaft profitiert er besonders in seinem Job, bei dem er mit Personen zu tun hat, die eine niedrigere Position haben als er selbst. Ob dieses Verhalten mit seiner Vorstellung von Männlichkeit zu tun hat, lässt sich an dieser Stelle nicht belegen. Es lässt sich eher die Vermutung aufstellen, dass Herr Klein diese Eigenschaften praktisch in seinem Alltag nutzt, um in eine bessere Kommunikation mit anderen Menschen beziehungsweise seinen Kolleg*innen zu treten. Somit lässt sich zwar eine teilweise Veränderung des Verhaltens bei Herrn Klein seit seiner Vaterschaft feststellen, jedoch keine erkennbare Änderung seines Männlich­keitsbildes.

Als letzten Aspekt zur Selbstwahrnehmung als Mann, soll die Rolle der Berufstätigkeit von Herrn Klein betrachtet werden. Für den Interviewpartner stellt das primäre Ziel seiner Berufstätigkeit das Ernähren seiner Familie dar. So ist dem Vater das Thema Karriere nur dahingehend wichtig, um eine berufliche Position zu erreichen, die die finanzielle Versorgung der Familie möglich macht (vgl. Z. 109-111). Herr Klein nimmt zudem die gesellschaftliche Erwartung an Männer wahr, noch immer die Ernährerrolle ausfüllen zu müssen (vgl. Z. 627f.). Auch die in einer Interviewfrage angesprochene „Anerkennung als Mann durch den Beruf“ kennt Herr Klein, wie er es äußert: „natürlich auch über die Anerkennung im Beruf des ist äh ne Geschichte die, die äh jeder hat“. Trotz des verspürten Drucks, sich als Mann über seinen Job definieren zu müssen, übt Herr Klein seinen Job aus Freude aus.

Herr K.: […] insofern äh bin ich in der glücklichen Lage genau das zu tun was mir Spaß macht, (nicht das zu tun lachend) von dem ich glaube ich müsste es tun, damit ich irgendwo anders gut dastehe. (Z. 117-119)

Herr Klein benennt in seiner kompletten Antwort auch den Grund für seine „glückliche Lage“: innerhalb seines gefestigten und schon lange bestehenden Freundeskreises findet keine Definition über den Beruf statt (vgl. Z. 114f.). Da sich der Vater und seine Freunde bereits zu Kindesalter kennengelernt haben, in dem die Karriere noch keine Rolle gespielt hatte, kommt ihr auch heute keine Relevanz zu (vgl. Z. 185-187). Durch sein gefestigtes Umfeld, innerhalb dessen der berufliche Stand keine Rolle spielt, fühlt sich Herr Klein auch nicht unter Druck gesetzt, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen.

Dass Herr Klein tatsächlich seinen Job primär aus Freude ausführt, wird anhand einer weiteren Aussage des Vaters deutlich.

Herr K.: […] wie gesagt, grundsätzlich ist es so, dass wer in der Fahrradbranche arbeitet, (.) ° unabhängig davon, sich von der Idee aus seiner <Arbeitskraft> ähm Arbeitsleistung den maximalen Ertrag zu erzielen äh >verabschiedet hat<. Also des sind äh GENERELL sind's […] Überzeugungstäter, die einfach des Spaßes wegen äh an diesem Ding arbeiten. Denn mit (.) gleicher Voraussetzung wäre in der Automobilindustrie ein MEHRFACHES an ähh Einkommen zu erzielen, (.) allerdings dann eben auch (..) ° wiederum unter eventuell auch anderen Bedingungen. >Also auch bei uns gibt‘s ne sechzig Stunden Woche<, (.) KANN durchaus vorkommen, aber ähhm (.) nicht getrieben, sondern des ist einfach aus dem Spaß heraus. (Z. 445-454)

Innerhalb dieser Antwort zeigt sich, dass Herr Kleins Intention des Ausübens seines Jobs die Freude ist und nicht das Erzielen eines maximalen Gewinns. Denn, wie er aufführt, könnte er mit derselben Ausbildung in der Automobilbranche ein höheres Einkommen erzielen. Herr Kleins primäres Ziel, die Familie durch seinen Job ernähren zu können, scheint somit mit seinem sekundären Ziel, den Beruf aus Freude ausüben zu können, vereinbar zu sein. An späterer Stelle des Interviews erwähnt der Vater, dass sein Beruf nicht die einzige Einnahmequelle ist, da die Familie weitere berufsunabhängige Einnahmequellen hat (vgl. Z. 564f.). Somit scheinen diese zusätzlichen Einnahme­quellen unterstützend zu wirken, dass der Vater tatsächlich seinen Job der Freude und nicht des Geldes wegen ausüben kann.

Zur Selbstwahrnehmung als Mann lässt sich festhalten, dass Herr Klein die von ihm als männlich wahrgenommenen Eigenschaften in unterschiedlichen Lebensbereichen selbst aufzeigt. Wie eben ausführlich betrachtet, führt der Vater neben seinem alltäglichen Verhalten weitere Beispiele aus dem Familien- sowie Berufsleben auf. Damit besteht ein starker Zusammenhang zwischen der beschriebenen sowie gelebten „Männlichkeit“ von Herrn Klein. An dieser Stelle lässt sich nicht genau sagen, ob sein Verhalten aus seiner Männlichkeitsvorstellung resultiert oder anders herum. Da Herr Kleins Definition von Männlichkeit jedoch stark aus dem von ihm beobachteten Verhalten anderer Männer resultiert, könnte man darauf schließen, dass der Vater sein Verhalten ebenfalls reflektiert und daraus die „männlichen Anteile“ bestimmt. Weitere Belege hierzu lassen sich aus dem Interviewmaterial jedoch nicht finden. Des Weiteren scheint Herr Klein ein sehr gefestigtes, kaum veränderbares Männlichkeitsbild zu besitzen. Nach seiner Aussage veränderte sich seine Vorstellung von Männlichkeit nach der Geburt der Kinder nicht merklich. Zuletzt lässt sich zwar eine Identifizierung Herr Kleins mit dem Beruf erkennen, jedoch aufgrund dessen Freude an der Arbeit und nicht wegen des Erfüllens gesellschaftlicher Erwartungen, Karriere zu machen.

Wie bereits bei der Analyse der Definition von Männlichkeit herausgearbeitet wurde, prägten besonders die bereits erwähnten Bezugs- und Orientierungspersonen Herrn Klein während seiner Jugendzeit. Da der Vater Herr Kleins durch seine berufliche Selbstständigkeit stark eingespannt war, war dieser unter der Woche frühestens um 19 Uhr zu Hause. Zudem arbeitete er jeden Samstag sowie Sonntag bis zum Mittag, sodass Herr Klein als Kind und Jugendlicher einen großen Teil der Woche kein physisch präsentes Elternteil als Ansprechperson hatte.

Herr K.: […] deswegen hat er im Allgemeinen halt sieben Tage die Woche gearbeitet. Ähm (.) <und das ist auch (.) wörtlich zu nehmen, denn neben den üblichen Geschäftsöffnungszeiten von ähh Montag bis Samstag> immer von acht bis achtzehn Uhr (.) äääh hat er auch immer sonntags noch von zehn bis zwölf Uhr für zwei Stunden seinen Laden aufgehabt. (Z. 341-345)

Die physische Abwesenheit des eigenen Vaters könnte somit ein Hinweis für die starke Orientierung an außerfamiliären Personen sein. Auf die Frage nach Vorbildern oder Orientierungspersonen während seiner Kindheit oder Jugend, nennt Herr Klein überwiegend männliche Lehrer sowie universitäre Lehrpersonen. Zunächst berichtet Herr Klein über zwei männliche Lehrer, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind. Während seiner späten Jugend hatte der Vater einen Lateinlehrer, der „ prägend und […] wirklich auch als … Vorbild in seiner Integrität […] war“ (Z. 131f.). Dieser Lateinlehrer prägte den Vater jedoch nicht nur während seiner Jugend, sondern auch heute noch sieht Herr Klein seinen Lehrer als Vorbild an (vgl. Z. 130f.). Somit kann der erwähnte Lateinlehrer als Vorbild und Orientierungsperson bezüglich seiner Wertevermittlung angesehen werden. Des Weiteren erzählt der Vater von einem Chemielehrer, welcher sein Interesse an den Naturwissenschaften deutlich verstärkt sowie ihn bestärkt hat, seine universitäre Laufbahn in den naturwissenschaftlichen Fächern Biologie und Chemie zu beginnen (vgl. Z. 136-138). Dieser Lehrer stärkte den Vater somit in seiner Persönlichkeit und unterstütze ihn in seiner akademischen Laufbahn. Die beiden Lehrer können damit als Orientierungspersonen in den Bereichen Persönlichkeitsbildung und Wertevermittlung angesehen werden.

Herr Klein berichtet von weiteren Orientierungspersonen, die er während seines Studiums hatte. Der Vater erzählt von einem Professor, der für ihn einen beeindruckenden Intellekt sowie eine „unglaublich beeindruckende Persönlichkeit“ hatte (vgl. Z. 161f.). Besonders der Umgang mit den Studierenden wie auch die „ offener[e], viel einfacher[e] und viel unkomplizierter[e] [Herangehensweise] an Sachen“ beeindruckte den Interviewpartner sehr (Z. 165f.). Dass der Professor durch sein Ver­halten den Vater tatsächlich stark geprägt hat, verdeutlicht folgende Aussage des Vaters:

Herr K.: Und auch das ähmm (..) widerspiegelt sich heutzutage (.) gerade wenn man sich (.) eventuell doch durchaus mal auch mit jemanden, (der langgezogen) in der Firma dem man eigentlich ääh gegenüber weisungsbefugt ist, < ° ah ok >man nimmt sich da doch mal wieder zurück sagt, OK […] jetzt fangen wir mal ganz, fangen wir mal von den ° Basic an. (Z. 167-171)

Herr Klein übernimmt somit das Verhalten des Professors in seinem heutigen Berufsalltag. Auch anhand des Vorbildes des Professors ist ein Profitieren des Vaters an Verhaltensweisen bis ins Erwachsenenalter zu erkennen. Da Herr Klein selbst nach seinem Studium als Lehrer an einer pädagogischen Hochschule unterrichtete, schaute er sich hierfür das Verhalten von seinen ehemaligen Lehrern sowie seines ehemaligen Professors ab.

Herr K.: hab ich nun doch auch ne >große Anzahl an Lehrern kennengelernt< und <dementsprechend ähm (3) hab ich mir auch während meiner Zeit in der ich äh an Schulen unterrichtet habe>, also während des Studiums und auch ääh ganz kurzfristig noch nach dem Studium ähm >° hier haben wir […] auch schon die ein oder andere Geschichten quasi < abgeschaut von den Lehrern >von denen ich selbst davon überzeugt war. (Z. 218-223)

Herr Klein berichtet, dass er als Lehrer „risikofreudi[g] in den Unterricht“ gegangen ist, da dies zu „ganz interessanten Momenten“ mit den Schülern geführt hat (vgl. Z. 231f.). Dieses risikofreudige Verhalten, das Herr Klein zu Beginn als „männlich“ eingeordnet hat, konnte er überwiegend bei seinen männlichen Lehrern beobachten (vgl. Z. 237). Somit scheinen die Vorbilder und Orientierungspersonen Herrn Kleins ihn nicht nur hinsichtlich seiner Persönlichkeit, sondern auch in seiner von Männlichkeitsvorstellung geprägt zu haben.

Der Interviewpartner wurde daraufhin befragt, ob er sich für seine beiden Töchter ebenfalls männliche Erzieher oder Lehrer wünscht. Diese Frage bejahte der Vater. In Anlehnung an seine Definition von Männlichkeit, äußert Herr Klein, dass man nicht grundsätzlich zwischen dem Verhalten weiblicher und männlicher Lehrer differenzieren kann, dass sich jedoch die Grundeigenschaften zwischen Lehrern und Lehrerinnen durchaus unterscheiden. Daher findet er es wichtig, dass seine Kinder auf „ein möglichst großes Spektrum an unterschiedlich[en] Personen im Laufe [ihres] Lebens als Bezugspunkte“ haben, um das Beste für sich „raussuchen zu können“ (vgl. Z. 204-206). Somit sollen seine Kinder möglichst die verschiedenen Muster von männlichen und weiblichen Bezugspersonen kennenlernen und dabei das für sich passende übernehmen.

Zu den Bezugs- und Orientierungspersonen von Herrn Klein lässt sich festhalten, dass er ausschließlich männliche Orientierungspersonen benennt. Diese haben ihn in seiner Persönlichkeitsbildung, aber auch in seinem Verständnis von Männlichkeit sowie seinem Verhalten als Mann geprägt. Die Prägung beziehungsweise Orientierung an den Vorbildern des Vaters vollzog sich jedoch nicht nur zu seiner Jugendzeit. Auch heute noch findet eine Rückbesinnung sowie die Übernahme der als positiv bewerteten Verhaltensweisen statt. Herr Klein möchte nicht verallgemeinernd zwischen weiblichen und männlichen Bezugspersonen differenzieren, jedoch benennt er unterschiedliche Muster zwischen den Geschlechtern. Diese Ansicht entspricht seiner allgemeinen Definition von Männlichkeit, bei der er ebenfalls lediglich unterschiedliche „Ausprägungen“ zwischen den Geschlechtern erkennt.

Als weitere, vermutlich wichtigste Bezugsperson von Herrn Klein kann sein eigener Vater benannt werden, weshalb im weiteren Verlauf der Analyse die Beziehung des Interviewpartners zu seinem Vater sowie die Bedeutung der Herkunftsfamilie betrachtet wird. Wie Herr Klein selbst mehrfach betont, ist der prägendste Einschnitt seiner Biografie das Aufwachsen „in einem reinen Männerhaushalt“ (vgl. Z. 80f.). Nach der Trennung seiner Eltern Anfang der 80-er Jahre, als der Interviewpartner circa 10 Jahre alt war, wuchsen er und sein Bruder bei seinem Vater auf (vgl. Z. 83f.). Herr Klein erwähnt, dass sein Vater eine Vorbildfunktion für ihn eingenommen hat, da er sowohl „Vater als auch Mutter“ sein musste und diese Aufgabe „neben seiner auch Selbstständigkeit […] mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bravourös gelöst hat“ (vgl. Z. 87-89). Somit scheint Herr Klein die Ausübung der Vaterrolle seines eigenen Vaters als sehr positiv zu bewerten. Trotz dessen, dass der Vater des Interviewpartners mittlerweile verstorben ist, besinnt sich Herr Klein auch heute noch häufig an seinen Vater zurück. In Situationen, in denen der befragte Vater nicht weiter weiß, fragt er sich, wie sein Vater die Situation angegangen wäre. Dabei bewertet Herr Klein seine Vorstellung des Handelns des eigenen Vaters in seine aktuelle Situation hinein und findet dadurch eine Möglichkeit, mit der Situation umzugehen. Dadurch nimmt der Vater für Herrn Klein, wie er es selbst äußert, noch heute eine Vorbildfunktion ein (vgl. Z. 91-94).

Wie bereits erwähnt, arbeitete der Vater des Interviewpartners sowohl unter der Woche, als auch am Wochenende sehr viel. Trotz der vielen Arbeit war es dem Vater stets wichtig, dass seine Kinder gut versorgt sind und dass regelmäßig Zeit als Familie verbracht wird.

Herr K.: […] es [war] dann tatsächlich so, dass mein Vater üblicherweise seine Mittagszeit, also die (.) äh Zeit die er sich selbst für sein Mi´mittag genommen hat, in dem er sich dann von seinen Angestellten vertreten lies, äääh dazu benutzt hat um das Essen vorzubereiten und so dass […] wenn ich nach Hause gekommen bin war eigentlich das Essen quasi da. (Z. 303-307)

Anhand des Interviewausschnittes zeigen sich das große Engagement sowie die große Fürsorge des Vaters von Herrn Klein gegenüber seinen Kindern. Trotz seines hohen Arbeitspensums nutzte er seine Freizeit – in dem Fall seine Mittagspause – damit seine Kinder nach der Schule versorgt waren. Der Interviewpartner berichtet auch, dass die Zeit, ab der der Vater von der Arbeit zurück war, ganz klar der Familie gehörte. So war unter der Woche ab 19 Uhr sowie an allen Sonntagmittagen die Zeit alleinig für die Familie reserviert (vgl. Z. 289, Z. 347). Während dieser Zeit unternahm der Vater viel mit seinen Kindern, wie zum Beispiel das Wandern oder andere Unternehmungen in der Natur. Oftmals diente das Wochenende jedoch auch zur Entspannung des Vaters von Herrn Klein. Der Vater des Interviewpartners besaß ein altes Bauernhaus auf dem Land, in dem er mit seinen beiden Kindern viele Wochenenden verbrachte. Dies diente primär als „Oase der Ruhe und Stille“ für den Vater, um sich von der Arbeitswoche zu erholen (vgl. Z. 354f.).

Denn als Jugendlicher, so Herr Klein, „ist [man] dann doch eher dem Vater zu Liebe mit“ ( Z. 361). Der Vater des Interviewpartners begleitete seine Kinder auch zu Hockeyspielen ihres Sportvereins, wenn diese an einem Sonntagnachmittag statt­gefunden haben (vgl. Z. 364-367). Somit lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass innerhalb der Familie eine klar geregelte Familienzeit existierte, innerhalb dieser viele gemeinsame Unternehmungen gemacht wurden. Zudem interessierte sich der Vater für die Hobbies seiner Kinder und begleitete sie dahin, wenn es zeitlich möglich war.

Wie bereits an vorheriger Stelle aufgeführt, war der Vater von Herrn Klein auch eine emotionale Anlaufstelle für ihn. Auch wenn der Vater bei gefühlstechnischen Themen nicht das erwünschte mütterliche Einfühlungsvermögen entgegenbrachte, scheint eine offene sowie vertrauensvolle Beziehung zwischen Herrn Klein und seinem Vater existiert zu haben. Herr Klein erklärt hierzu, dass sein Vater ihm und seinem Bruder gegenüber „immer sehr sehr offen […] war“, anderen jedoch „eher stark reserviert“ (vgl. Z. 328-330).

Trotz der starken Prägung durch die Trennung der Eltern, weshalb Herr Klein ohne Mutter aufwuchs, hält er abschließend fest, dass er auf eine sehr glückliche und tolle Kindheit zurückblicken kann. Denn wie Herr Klein äußert, musste sein Vater für ihn die Vater- als auch Mutterrolle einnehmen und versuchte dabei auf alle Bedürfnisse seines Sohnes bestmöglich einzugehen.

Im Weiteren soll der Blick der Analyse auf die Vaterrolle Herrn Kleins gelegt werden. Bevor die tatsächliche Ausgestaltung seiner Vaterrolle betrachtet wird, soll zunächst der Fokus auf seiner Definition von Vaterschaft liegen. Herr Klein äußert, dass es für ihn „relativ wenig trennbare Masse zwischen Vaterschaft [und] Mutterschaft“ gibt (Z. 483). Lediglich anhand der biologischen Aspekte, wie dem „biologischen Prozess der Zeugung und … der Entbindung“, lässt sich für den Interviewpartner Vaterschaft von Mutterschaft unterscheiden. Anhand dieser Aussage lässt sich ein klarer Zusammenhang zu Herrn Kleins Definition von Männlichkeit erkennen. Die Grunddefinition von Männlichkeit besteht für den Vater ebenfalls rein aus der biologischen Sicht, neben der verschiedene verhaltensbezogene Ausprägungen der Geschlechter existieren. Bei seiner Antwort merkt der Vater zusätzlich an, dass die Aufgabe des Erziehens auch von nur einem Elternteil und somit von nur einem Geschlecht übernommen werden kann (vgl. Z. 488f.).

Herr K.: Ich denke mal, sicherlich hat man es wahrscheinlich <einfacher> ((schluckt)) äh zur Bildung seiner eigenen Persönlichkeit ähh, wenn man auf unterschiedliche äh Personen, auf unterschiedliche äh Muster auch zurückgreifen kann. Ähm es obliegt dann zum Schluss immer dem Geschick des Einzelnen, ähh die (.) äh die Vater- oder Mutterrolle auszufüllen ähh inwiefern einem das äh gelingt. Also äh es gibt (.) ganz bestimmt äh Familien mit sowohl Vater als auch Mutter, bei denen die Kinder aber trotzdem keine emotionale oder keine ° Dings / äh Anlaufpunkt haben und ähm auch andere Familien bei denen es gerade andersherum ist. Also es ist sehr schwer äh da ne ne ne (3) ne einfache Trennung hinzukriegen, ja. (Z. 491-499)

Zur individuellen Persönlichkeitsbildung sieht es Herr Klein als vorteilhaft an, wenn auf Personen mit unterschiedlichen Mustern und somit auf unterschiedliche Geschlechter zurückgegriffen werden kann (dies äußert Herr Klein bereits bei dem Themenblock zu den Orientierungs­personen). Jedoch liegt es seiner Meinung nach immer an den Fähigkeiten und am Geschick der Eltern, eine enge sowie emotionale Beziehung zu dem Kind aufzubauen. Für den Interviewpartner führt das Aufwachsen eines Kindes bei beiden Elternteilen damit nicht zwingend zu einer glücklichen Kindheit oder zu einer vertrauensvollen Beziehung zwischen dem Kind und den Eltern. Deshalb schreibt Herr Klein auch einem einzelnen Geschlecht alleine die Fähigkeit zu, das Kind zu erziehen – sei es der Vater oder die Mutter. Anhand dieser Aussage lässt sich ein eindeutiger Bezug zur Biografie des befragten Vaters herstellen. Denn er wuchs bei seinem Vater auf, welcher das Großziehen von ihm und seinem Bruder alleine übernommen hat. Bei der Beschreibung seiner Kindheit äußert Herr Klein zudem abschließend, dass er eine extrem glückliche und tolle Kindheit hatte, wodurch er die Ausübung der Elternrolle des eigenen Vaters als sehr positiv und „gelungen“ bewertet.

Auf die Frage, ob er als Vater schon einmal das Gefühl hatte, seinen Kindern gegenüber zu mütterlich gewesen zu sein, verneint er dies und fügt hinzu, dass sowohl eine Frau, als auch ein Mann mütterlich oder väterlich sein können (vgl. Z. 598f.). Wie anhand des vorherig aufgeführten Interviewausschnittes erläutert, erkennt Herr Klein zwar verhaltenstechnische Unterschiede zwischen Müttern und Vätern, jedoch reduziert er diese unterschiedlichen Ausprägungen nicht auf ihr Geschlecht.

Herr K.: Klar, natürlich gibt’s schon Dinge, wo man unterschiedlich ist, aber ob das immer so an dem Thema Mother, oder quatsch, Mutter Vater hängt, des glaub ich nicht. (..) Eine Mutter kann auch ein guter Vater sein und ein Vater kann auch eine gute Mutter sein. (Z. 599-602)

An dieser Stelle wird erneut der starke Bezug zur eigenen Biografie des Interviewpartners deutlich: Herr Kleins Vater nahm beide Elternrollen ein, sowohl die Vater- als auch Mutterrolle.

Trotz der für Herrn Klein geringen Unterschiede zwischen Vätern und Müttern, lässt sich anhand seiner Antworten herauslesen, dass für ihn dennoch mütterliches sowie väterliches Verhalten existiert. Bei seiner anfänglichen Beschreibung männlichen sowie weiblichen Verhaltens, schreibt der Vater Männern fehlendes Einfühlungsvermögen sowie fehlende Emotionalität zu. Diese Ausprägungen wiederum sind seiner Ansicht nach bei Frauen und, wie er an anderer Stelle des Interviews erwähnt, ebenfalls bei Müttern zu finden. Als Herr Klein die Situation schildert, in der sein Vater beim Liebeskummer des Sohnes nicht allzu einfühlend reagiert hat, vermutet er, dieses Verhalten eher bei Müttern finden zu können.

Herr K.: […] <wahrscheinlich schon anders wahrscheinlich als es der (..) sag mal so diese dieses klassische Vvvorbild wahrscheinlich einer> einer einer einer <Mutter äh (äähm überlegend) wahrscheinlich. (Z. 321-323)

Innerhalb seiner Antwort nennt der Vater vier Mal das Wort ‚wahrscheinlich‘, was lediglich auf eine Vermutung seiner Aussage oder auf seine Unsicherheit schließen lässt. Herr Klein erzählt während des Interviews, dass es trotz der Trennung der Eltern zu keinem Kontaktabbruch mit der Mutter gekommen ist. Jedoch erwähnt er seine Mutter an keiner weiteren Stelle des Interviews, auch nicht bei der Beschreibung seiner Wochenenden, obwohl er seine Mutter als „Wochenendmutter“ bezeichnet (vgl. Z. 97-101). Somit scheint es, als ob er sich von seiner Mutter kein Erziehungsverhalten oder Verhalten in der Kindbeziehung abschauen konnte, weshalb er lediglich eine Vermutung aufstellt, wie mütterliches Verhalten umschrieben werden kann.

Zur Definition von Vaterschaft nennt Herr Klein zuletzt Eigenschaften, die ein guter Vater für ihn mitbringen muss.

Herr K.: Ähmm (6) er muss verlässlich sein, des ist äh denke ich sicherlich eines der, der wichtigsten Dinge überhaupt, Verlässlichkeit. Ähm er muss (7) liebevoll sein (6) und (4) ja, also ich würde mal sagen, das ist so die absolute (.) Basis. (Z. 538-540)

Zwei Eigenschaften beziehungsweise Verhaltensweisen empfindet der Vater als unab­dingbar: Verlässlichkeit und ein liebevolles Verhalten gegenüber den Kindern. Somit verbindet Herr Klein die liebevolle Zuwendung, die zumeist noch dem mütterlichen Verhalten zugeschrieben wird (vgl. Theoriekapitel 5.2, S. 37), mit einer väterlichen Eigenschaft.

Ob Herr Kleins Definition von Vaterschaft mit der Definition seiner persönlichen Vaterrolle übereinstimmt, wird im weiteren Verlauf der Analyse untersucht. Herr Klein wird während des Interviews gefragt, welchem der vorgegebenen Vatertypen er sich zuordnen würde. Der Vater entscheidet sich dabei gleich für drei Vatertypen: den strengen Vater, den liebevollen Vater sowie den Spielgefährten (vgl. Z. 557). Anhand der gegensätzlichen Eigenschaften ‚liebevoll‘ und ‚streng‘ wird deutlich, dass er sich kein einseitiges Erziehungsverhalten zuschreibt und somit auch von außen als mütterlich definierte Anteile (liebevoller Umgang) in seiner Vaterrolle vereint. Damit scheinen gesellschaftliche Bilder keinen großen Einfluss auf seine Definition von Vaterschaft zu nehmen. Herr Klein nimmt zwar den vordergründigen gesellschaftlichen Druck an Väter wahr, die Rolle des Spielkameraden sowie des liebevollen Vaters einzunehmen (vgl. Z. 622-624). Jedoch scheint Herr Klein diese beiden Rollen aus eigener Motivation heraus einzunehmen. Beispielsweise morgens, vor dem gemeinsamen Familienfrühstück, spielt der Vater mit seinen beiden Töchtern (vgl. Z. 379). An anderer Stelle des Interviews erklärt der Vater, dass er neben seiner „nervigen Konsequenz“ und seinen klaren Regeln auch gerne sowie ausgiebig mit den Kindern spielt, wobei er diese gemeinsame Zeit genießt (vgl. Z. 585).

Die Wissensvermittlung beziehungsweise das Vermitteln seiner persönlichen Kompetenzen scheint für Herrn Klein ebenfalls einen Teil seiner Vaterrolle darzustellen. Bei seiner Antwort auf die Frage, wie er sich als Vater beschreiben würde, stellt sich Herr Klein ein Szenario mit seinen Kindern in ein paar Jahren vor:

Herr K.: dann so dieses ((hörbares schnelles einatmen)) dieses klassische Bild äh <draußen mit den Kinder ääh> ° das erste Mal ein Schlauch vom Fahrrad. Äh also dass mir diese Rolle äääh schon berufsbedingt äh zufällt ist natürlich äh klar, aber das sind <solche solche äh Sachen, die (.) die können sich erst (.) eventuell in ein paar Jahren beein´> (3) oder eben halt auch nicht. (Z. 514 - 518)

Somit scheint sich Herr Klein bereits jetzt Gedanken über seine zukünftige Vaterrolle zu machen und hat dabei klare Aktivitäten vor Augen, die er mit seinen Kindern ausüben möchte.

Zur Rolle des Ernährers äußert Herr Klein, dass – im Falle des Wunsches seiner Frau, sich beruflich verwirklichen zu wollen – er ohne Probleme bereit wäre, seine Arbeitsstunden zu reduzieren oder sogar vollkommen zu Hause bei den Kindern bleiben würde (vgl. Z. 560-562). An dieser Stelle muss jedoch der Aspekt berücksichtigt werden, dass die Familie berufsunabhängige Einnahmequellen hat, wodurch der finanzielle Aspekt bei der Berufstätigkeit des Vaters keine allzu große Rolle zu spielen scheint (vgl. Z. 565). Herr Klein nimmt zwar die gesellschaftliche Erwartung an Männer wahr, noch immer die Rolle des Ernährers ausüben zu müssen (vgl. Z. 628f.), jedoch scheint er sich als Vater nicht über seinen Beruf zu definieren. Im Gegenteil, der Vater übt seinen Beruf aus Freude aus und „ hätte […] aus [s]einer jetzigen Situation heraus […] kein Problem damit“ (Z. 562f.) gar nicht mehr zu arbeiten . Somit scheint sich der Vater auch an dieser Stelle nicht den gesellschaft­lichen Erwartungen an Väter anzupassen.

Herr Klein wird während des Interviews gefragt, ob es seiner Meinung nach Aufgaben gibt, die er als Vater oder seine Frau als Mutter besser ausüben können. In seiner Antwort bezieht er sich dabei auf die körperlichen Unterschiede zwischen ihm und seiner Frau:

Herr K.: ° Ja also, ich muss sagen, halt ich bin (4)/ ich hab einfach (die die die wiederholend) einfachen körperlichen Voraussetzungen, um dazu ääähm (.), (weil ich schlicht ergreifend lachend) ein bisschen kräftiger, ein bisschen größer bin, äh die Kinder häufiger mal Dinge (3) an ihren Grenzen ausprobieren zu lassen, wo Hannah einfach früher einschreiten muss auch. […] >Ich hab halt die größere Reichweite und kann dann eben schneller auch mal wieder eingreifen<, äh (.) aber ääähm (..) ° ja. Ich glaub ansonsten gibt es s´so gravierende Unterschiede eigentlich (äähh langgezogen) nicht. (Z. 459-467)

Genau wie bei seiner Definition von Männlichkeit, der Definition von Vaterschaft und nun auch bei der Definition seiner Vaterrolle, sieht Herr Klein den hauptsächlichen Differenzierungspunkt zur Weiblichkeit, Mutterschaft und in diesem Fall zu seiner Frau, auf der biologischen Ebene. Somit definiert er sich anhand seiner körperlichen Voraussetzungen, wie der Größe und seiner Kraft, als Vater.

Neben den biologischen Gegebenheiten spricht Herr Klein verhaltenstechnische Unterschiede zwischen ihm und seiner Frau an. Im Umgang mit den Kindern geht er „eher rein rational die Sachen [an]“. Dieses ‚väterliche Verhalten‘ zeigt sich erneut in einer weiteren aufgeführten Situation Herrn Kleins. Der Vater berichtet, dass er aufgrund seiner „Ausbildung“ beziehungsweise seines Zivildienstes in einem Kindergarten für Kinder mit einer Körper­behinderung weiß, dass Kinder allgemein „ sehr viel mehr abkönnen als man ihnen eigentlich zutraut […] mein Gott, da rennt man sich halt mal den Schädel an und dann hat man hat ne Beule und dann ist es halt so “ (Z. 474-476). Der Mutter hingegen würde es in derartigen Situationen dann „doch schneller weh“ tun (vgl. Z. 476f.). Der Vater scheint somit im Alltag mit den Kindern viele Situationen rationaler zu bewerten als seine Frau, der er hingegen die mütterlich, emotionale Eigenschaft zuschreibt.

Insgesamt scheint Herr Klein seine Wunsch-Vaterrolle ausüben zu können, denn, wie er selbst äußert, „ist es so, dass ich da doch so ziemlich meinen Vatertraum schon ausleben kann“ (Z. 518f.). Welche Aktivitäten letztendlich Herrn Kleins Vaterrolle umfassen, soll im Folgenden untersucht werden.

Auch Herr Klein wird während des Interviews gebeten, einen Familienalltag von sich zu schildern. Der Vater beginnt mit der Erzählung eines Arbeitstages von ihm. Morgens steht der Vater um halb sieben auf, wobei seit letzter Zeit seine beiden Töchter ebenfalls mit ihm aufstehen. Der Interviewpartner bereitet seinen Kindern dann zunächst jeweils eine Flasche Milch zu und spielt im Anschluss noch mit ihnen. Danach wickelt er die Töchter und richtet sie für den Tag. Gegen acht Uhr weckt der Vater dann gemeinsam mit seinen Kindern die Mutter (vgl. Z. 376-381). Es zeigt sich, dass Herr Klein bereits am Morgen Versorgungs- sowie Fürsorgeaufgaben übernimmt und seine Rolle als „Spielgefährte“ ausübt. Wenig später berichtet der Vater, dass er seiner Frau die Möglichkeit geben möchte, am Morgen etwas später aufstehen zu können, da sie tagsüber „viel stärker eingespannt“ ist als er selbst. Deshalb habe sich der morgendliche Ablauf „einfach eingespielt“ (vgl. Z. 422-425). Somit lässt sich als ein Grund der väterlichen Beteiligung Herrn Kleins, die Entlastung seiner Frau benennen. Ein weiterer Grund für die Beteiligung an der Erziehung und Betreuung seiner Kinder ist die eigene Freude an der gemeinsamen Zeit mit seinen Kindern: „ ja, also ich äh genieße die gemeinsame Zeit“ (Z. 585).

Je nach dem, wann Herr Klein von der Arbeit zurückkehrt, werden nach dem Familienabendessen die Kinder fertig fürs Bett gemacht und gemeinsam ins Bett gebracht. Diese Aufgaben teilen sich somit Herr und Frau Klein. Es kann jedoch auch vorkommen, dass Herr Klein erst von der Arbeit zurückkehrt, wenn die Kinder schon im Bett sind (vgl. Z. 387-393). Anhand der Schilderung des Tagesablaufs zeigt sich, dass Herr Klein während seiner Präsentzeit zu Hause sehr stark an der Versorgung und Betreuung seiner Kinder beteiligt ist. Dabei lassen sich keine quantitativen Unterschiede zur Beteiligung seiner Frau feststellen.

Für die Tage, an denen Herr Klein unter der Woche zu Hause ist[29], kann der Vater Aufgaben benennen, die typischerweise von ihm oder seiner Frau übernommen werden. So beschreibt der Interviewpartner, dass seine Frau eher kocht, er hingegen wickelt „wahrscheinlich“ mehr (vgl. Z. 399f.). Gleich darauf führt der Vater Gründe für diese Aufgabenverteilung auf:

Herr K.: ° tja diese Geschichten mit (kochen seufzend), also muss man mal ehrlich sagen, das war noch nie mein äh mein großes Steckenpferd ähm (.) ja. (Z. 425-427)

Bezüglich des Wickelns äußert der Vater, dass er dank seiner Zivildienststelle in einem Kindergarten für Kinder mit einer Körperbehinderung auf mehrere Jahre Wickelerfahrung zurückgreifen kann. Deshalb würde er nun eher diese Aufgabe bei seinen Töchtern übernehmen. Mit der Zeit sei die Aufgabenverteilung dann „auch so traditionell irgendwann“ geworden (vgl. Z. 400-406). Somit scheint die kind- sowie haushaltsbezogene Aufgabenverteilung aufgrund von Interessen und Kompetenzen der Eltern aufgeteilt zu sein und nicht anhand geschlechterspezifischer Zuschreibungen. Zudem sei es für Herrn Klein nicht sehr schwer, in Teilzeit zu arbeiten, da er wegen seiner hohen Position in der Firma mehr Forderungen stellen kann, als andere seiner Kolleg*innen (vgl. Z. 434f.). Somit stand es für den Vater nach der Geburt der Kinder außer Frage, nicht in Teilzeit zu arbeiten. Dabei wird erneut der für ihn niedrige Stellenwert seiner Karriere deutlich, trotz seiner großen Freude am Beruf.

Wie bereits an vorheriger Stelle erwähnt, genießt Herr Klein die Zeit mit seinen Kindern. Der Vater merkt jedoch ebenfalls an, dass Kinder auch Arbeit bedeuten, „ da nun doch mehr Arbeit da ist als man sich das so vorgestellt hat“ (Z. 523), aufgrund des „speziellen Settings“ mit Zwillingen (vgl. Z. 529). Dank der Aufgabenteilung zwischen ihm und seiner Frau sowie seiner vermehrten Präsenzzeit zu Hause, sind die Aufgaben jedoch gut zu bewältigen (vgl. Z. 529f.).

Anhand der Aktivitäten von Herrn Klein mit seinen Kindern lässt sich keine geschlech­ter­spezifische Aufgabenteilung erkennen beziehungsweise keine Nicht-Übernahme bestimmter Aufgabenbereiche. Die Aufgabenübernahme resultiert bei Herrn und Frau Klein eher aufgrund von selbst zugeschriebenen Interessen sowie Kompetenzen.

Abschließend zur Vaterrolle Herrn Kleins werden sein Erziehungsstil sowie seine Beziehung zu den Kindern betrachtet. Der Interviewpartner erwähnt zu Beginn des Gesprächs, dass er sich in seinem Verhalten als Vater, im Vergleich zu seiner Frau, als rationaler bewertet. Wie bereits innerhalb der Analyse erwähnt, weiß der Vater, dass Kinder „mehr abhaben können“, als man ihnen zutraut. Man kann somit aus dieser Einstellung Herr Kleins Erziehungsstil ableiten.

Herr K.: […] lege viel Wert darauf, dass ähh die Kinder (.) alles ausprobieren KÖNNEN im Rahmen dessen, was ich als ähm (…) angenehm>, es darf gerne auch unangenehm, es darf nicht gefährlich sein, also da ziehe ich ne ne ne ganz klare ähh Grenze die ich dann wahrscheinlich auch relativ ((Luft holen)) strikt auch einhalte. (Z. 506-510)

Im Rahmen des Ausprobierens und Austestens lässt der Vater beim Spielen mit den Kindern auch unangenehme Situationen zu, grenzt diese jedoch klar von gefährlichen Situationen ab. Aufgrund seines „rationalen Denkens“ sowie seiner Erfahrung, dass man Kindern mehr zutrauen kann, geht Herr Klein mit den Töchtern nicht überfürsorglich um, sondern lebt eher einen risikofreudigen Erziehungs­stil aus. Der Interviewpartner beschreibt sich selbst an dieser Stelle als „entspannten Vater“, jedoch möchte er nicht in die Richtung des „laissez-faire“ gehen (vgl. Z. 510-513). An dieser Stelle lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zum Erziehungsstil des eigenen Vaters von Herrn Nägele erkennen. Der Interviewpartner äußert, dass er einen „sehr entspannten Vater“ hatte, der ihm gegenüber die Einstellung hatte: „that’s it, probier’s“ (Z. 471f.). Zum einen zeigt sich dabei das männlich ausgeprägte Verhalten Herrn Kleins als Vater (das rationale Handeln) und zum anderen die Übernahme des Erziehungsstils seines eigenen Vaters. Dass sich Herr Klein in Erziehungsfragen stark an seinem Vater orientiert, kann durch zwei weitere Interviewpassagen näher dargestellt werden. An einer Stelle des Gesprächs äußert Herr Klein, dass sein Vater seine Erziehungsaufgabe „bravourös“ gemeistert hat, weshalb er für ihn ein großes väterliches Vorbild darstellt (vgl. Z. 89). Herr Klein erklärt hierzu, dass er sich noch heute oft an seinen bereits verstorbenen Vater zurückerinnert und sich manche Dinge von seinem Vater abschaut (vgl. Z. 91-94). Zum anderen sieht der Interviewpartner seine Kindheit als „extrem glücklich“ an, weshalb er sicherlich den Erziehungs­stil seines Vaters als positiv bewertet.

Dass Herr Klein das Spielen und körperliche Aktivitäten zu seinen Aufgaben als Vater zählt, bestärkt sich anhand einer weiteren Beschreibung von ihm. Der Vater äußert, dass es ihm wichtig ist, seine Töchter ihre Grenzen ausprobieren zu lassen. Dabei können sie beispielsweise austesten wie es ist, vom Bett herunter zu krabbeln. Aufgrund seiner Körpergröße und größeren Reichweite (worüber er sich primär als Vater definiert), sieht er derartige Aktivitäten als seine Aufgabe an, da er in solchen Situationen „dann eben schneller auch mal eingreifen“ kann (Z. 464-465). Diese körperbezogenen Aktivitäten deuten auf eine vertraute Beziehung zwischen Herrn Klein und seinen Kindern hin. Der Interviewpartner äußert, dass er neben dem Spielen „natürlich auch [ei]ne emotionale Nähe zu[lässt] und natürlich auch eine körperliche“ (Z. 569f.). Somit scheint neben der körperlichen Beziehung auch eine emotionale Nähe zwischen dem Vater und seinen Töchtern zu bestehen. Ein Indikator für die enge emotionale Beziehung zeigt sich in der Beschreibung Herr Kleins, welche Eigenschaften ein guter Vater für ihn mitbringen muss.

Herr K.: man muss im Zweifel dann auch mal loslassen können, ich denke des ist ((kurzes Luftholen)) des ist aber glaube ich eher so ne, so ne generell elterntypische Geschichte, aber vielleicht wahrscheinlich als Vater mit Töchtern, (wahrscheinlich wird das noch spannender lachend) ((einatmen)) ähm (..) genau, da bin ich mal gespannt. (Z. 547-551)

Zunächst merkt der Vater an, dass das emotionale Loslassen von den Kindern eine „elterntypische Geschichte“ ist. Jedoch in seinem Fall als Vater von Töchtern, ist dies „wahrscheinlich […] noch spannender“. Damit spricht der Vater offen über die enge emotionale Beziehung von ihm als Mann zu seinen Kindern, die er sich, trotz der eingangs weiblichen Konnotation, selbst zuschreibt. Neben dem Spaß und Spielen betont Herr Klein seine strenge Seite als Vater.

Herr K.: Dann ist das so, dass ich> (.) schon (…) streng <im Sinne von (..) ähm klaren Grenzen> und auch schon fast einer wahrscheinlich nervigen ähm (..) äh Konsequenz bin. (Z. 565-567)

Der strenge Erziehungsstil lässt sich erneut beim eigenen Vater des Interviewpartners wiederfinden: Auch dieser setzte seinen Söhnen „ganz ganz feste Grenzen“ (Z. 283). Somit lässt sich auch an dieser Stelle die starke Orientierung Herrn Kleins am Erziehungsstil seines Vaters erkennen.

Insgesamt weist Herr Klein einen vielfältigen Erziehungsstil auf. Auf der einen Seite beschreibt er sich als lockeren Vater, der mit seinen Kindern herumtobt und sie viele Dinge ausprobieren lässt. Dabei verfügt er über die „typisch männliche Eigenschaft“, einige Situationen rationaler zu betrachten und dadurch auch mal für die Kinder unangenehme Situationen zuzulassen. Auf der anderen Seite scheint eine sehr vertraute und enge Beziehung zwischen dem Vater und seinen Töchtern zu bestehen, wobei er als Vater neben der körperlichen auch eine emotionale Nähe zulässt. Diese emotionale Nähe sowie das Einfühlungsvermögen bewertet der Vater zu Beginn jedoch eher als weibliche Eigenschaft. Zuletzt schreibt sich der Vater die Strenge und Konsequenz als väterliche Eigenschaften zu, die er innerhalb des Interviews keinem Geschlecht zuordnet. Jedoch lässt sich hierbei eine deutliche Übernahme des Erziehungsstils vom eigenen Vater erkennen. Herr Klein zeigt somit für ihn sowohl weibliche als auch männliche Eigenschaften als Vater auf, was wiederum seiner Vorstellung von Vaterschaft und Männlichkeit entspricht, da aus seiner Sicht jede Person männliche sowie weibliche Anteile in sich trägt.

Zuletzt wird Herr Klein zu seiner Ansicht der Vereinbarkeit von Männlichkeit und Vaterschaft befragt. Die Frage, ob sich sein Männlichkeitsbild seit seiner Vaterschaft verändert hat, verneint er. Da Herr Kleins Definition von Männlichkeit hauptsächlich durch biologische Unterschiede geprägt ist und diese Unterschiede in Bezug auf die Vaterschaft bestehen bleiben, bleibt ebenso sein Männlichkeitsbild unverändert. Zudem führt der Vater bei seiner Antwort erneut den biologischen Aspekt auf. Vaterschaft ist für ihn eindeutig männlich, da ein Vater ein biologischer Mann und damit männlich ist (vgl. Z. 616f.). Der Interviewpartner bezieht sich bei dem Wort „männlich“ somit aus­schließlich auf den biologischen Aspekt, weshalb Vaterschaft für ihn eindeutig männlich ist. Auf die verschiedenen geschlechtertypischen Ausprägungen, welche der Vater beim Themenblock „Männlichkeit“ anspricht, geht er an dieser Stelle nicht ein. Da Herr Klein die für sich definierten geschlechtertypischen Merkmale jedoch hauptsächlich vom Verhalten seiner Vorbilder und Orientierungspersonen abgeschaut und in seine Definition von Männlichkeit übertragen hat, lässt sich auch hier keine Änderung seiner Männlichkeits­vorstellung erwarten.

Zentrale Ergebnisse

Nachdem innerhalb des Analyseteils Herr Nägele sowie Herr Klein getrennt voneinander betrachtet wurden, sollen nun die zur Beantwortung der Fragestellung zentralen Ergebnisse beider Väter zusammenfassend dargestellt werden, um daraus eine Theorie generieren zu können.

Zur Definition von Männlichkeit lässt sich abschließend festhalten, dass die Vorstellung von Männlichkeit beider Väter deutlich durch exogene Faktoren geprägt ist. Dabei variieren jedoch die Intensität der Orientierung sowie die persönliche Auseinandersetzung mit der Thematik Männlichkeit. Während sich Herr Nägele ausschließlich auf gesellschaftliche Geschlechterstereotypen bezieht, ist Herr Kleins Definition von Männlichkeit durch mehrere Einflüsse geprägt: durch seine naturwissenschaftliche Ausbildung, seine Orientierungs­personen zur Jugendzeit sowie durch seinen eigenen Vater. Herr Nägele übernimmt die gesellschaftlichen Zuschreibungen an Männer im Rahmen seiner eigenen Definition von Männlichkeit ohne diese zu hinterfragen, wohingegen Herr Klein die von ihm aufgezählten männlichen Charakterzüge aufgrund eigener Beobachtungen in seiner Jugend übernommen hat. Dabei schaute er sich das Verhalten seiner männlichen Vorbilder ab und ordnete dieses den „männlichen Ausprägungen“ zu. Für Herrn Nägele existieren eindeutig trennbare Eigenschaften zwischen Männern und Frauen, welche ausschließlich auf bestehende Geschlechterstereo­type zurückzuführen sind. Dadurch, dass er sich ausschließlich am gesellschaftlichen Bild des Mannes orientiert, weist seine Vorstellung von Männlichkeit einen flexiblen Charakter auf. Vor Jahren hätte er demnach dem männlichen Verhalten andere Attribute zugeschrieben, als diejenigen, welche er während des Interviews aufgeführt hat. Herr Klein hingegen möchte ein Schubladen- oder Rollendenken vermeiden, weshalb für ihn sowohl Männer als auch Frauen „ Anteile “ beider Geschlechter in sich tragen. Da sich Männer und Frauen für Herrn Klein nur in Hinblick auf biologische Unterschiede differenzieren lassen, stellt das den primären Definitionsmaßstab dar, der für ihn Männlichkeit definiert. Anhand des von Herrn Klein zusätzlich berücksichtigten Aspekts der biologischen Ebene, scheint seine Definition von Männlichkeit fest und unveränderbar zu sein.

Herr Klein äußert während des Interviews, dass er den Begriff Männlichkeit für sich nicht genau definiert hat. Dies kann mit seinen nicht existenten Zuschreibungen an männliches Verhalten in Verbindung stehen, da es für den Vater dadurch keine eindeutige Antwort darauf gibt, was typisch männlich ist. Herr Nägele deutet lediglich durch seine Kommentierungen an, dass er ebenfalls keine genaue Vorstellung von Männlichkeit hat. Aufgrund seiner fehlenden Auseinandersetzung mit der Thematik der Männlichkeit kann somit seine Übernahme gesellschaftlicher Zuschreibungen resultieren.

Im Folgenden soll Bezug auf die Definition von Vaterschaft beider Interviewpartner genommen werden, um zu sehen, ob jeweils ein Einfluss des Männlichkeits­bildes auf die Definition von Vaterschaft zu erkennen ist. Ebenso wie die Beschreibung von Männlichkeit, ist auch die Definition von Vaterschaft bei Herrn Nägele durch das gegenwärtige gesellschaftliche Bild geprägt. Der Vater äußert im Interview, dass die väterlichen sowie mütterlichen Bereiche zunehmend verschwimmen, da von Vätern heutzutage verstärkt die Übernahme weiblich konnotierter Aufgabenbereiche erwartet wird. Zudem würde sich die Definition von Vaterschaft im historischen Verlauf ändern, da vor Jahren in der Gesellschaft noch etwas anderes unter Vaterschaft verstanden wurde, als es heutzutage der Fall ist. Genau wie das Männlichkeitsbild von Herrn Nägele, ist auch seine Vorstellung von Vaterschaft flexibel und veränderbar – aufgrund der wandelnden gesellschaftlichen Bilder. Herr Klein äußert zu seiner Definition von Vaterschaft, dass es für ihn wenig „trennbare Masse“ zwischen Vaterschaft und Mutterschaft gibt. Ebenfalls wie bei seiner Definition von Männlichkeit, stellt auch bei der Beschreibung von Vaterschaft für ihn die biologische Ebene den Hauptdifferenzierungspunkt zwischen Vaterschaft und Mutterschaft dar. Deshalb kann für den Interviewpartner auch eine Person beide (soziale) Geschlechter in sich vereinen. An dieser Stelle wird der starke Bezug zum eigenen Vater ersichtlich, welcher für Herrn Klein sowohl die Vater- als auch Mutterrolle übernommen hat. Trotz der geringen Unterschiede, existieren für den Interviewpartner allerdings (mütterliche sowie) väterliche Eigenschaften oder Ausprägungen, welche er ebenfalls hauptsächlich von seinem Vater vorgelebt bekommen hat. Nicht beobachtete Verhaltensweisen bei seinem eigenen Vater, wie das Einfühlungsvermögen, schreibt er demzufolge dem weiblichen Geschlecht zu. Auch bei Herrn Nägele findet sich ein starker Zusammenhang zwischen der Definition von Vaterschaft und seiner Bewertung der Vaterrolle seines eigenen Vaters. Während des Interviews wird deutlich, dass Herr Nägele als Kind den Wunsch verspürte, mehr Aufmerksamkeit von seinem Vater zu erhalten. Aufgrund der überwiegenden Negativbewertung des eigenen Vaters wird Vaterschaft für Herrn Nägele durch diejenigen Werte ausgemacht, welche sein eigener Vater ihm nicht entgegengebracht hat.

Es lässt sich somit bei beiden Vätern ein deutlicher Zusammenhang zwischen deren Definitionen von Männlichkeit sowie Vaterschaft erkennen. Sowohl die Ebene der Betrachtungsweise (biologische oder verhaltensbezogene Ebene), als auch die prägenden Einflüsse auf die Vorstellung der jeweiligen Konstrukte, stimmen innerhalb der Definitionen beider Begriffe überein. Besonders auf die Definition von Vaterschaft kann als bedeutsamer Einflussfaktor der Vater der Interviewpartner benannt werden.

Im Weiteren sollen das Selbstbild der Interviewpartner als Mann sowie die Beschreibung ihrer jeweiligen Vaterrolle gegenübergestellt werden. Sowohl Herr Nägeles als auch Herr Kleins Selbstbeschreibung als Mann orientiert sich an deren zuvor aufgeführten Vorstellung von Männlichkeit. Herr Nägele schreibt sich selbst teilweise seine eingangs aufgeführten männlichen Eigenschaften zu. Auf die klischeehaften Stereotypen geht Herr Nägele bei seiner Beschreibung als Mann nicht mehr ein, jedoch äußert er, die aufgezählten Vorstellungen, was ein Mann gerne macht und wie sich ein Mann verhält, „zu erfüllen“. Somit lässt sich bei Herrn Nägele der Einfluss eines externen Faktors finden – den der gesellschaftlichen Erwartung. Bei der Beschreibung seines alltäglichen Handelns als Mann fällt auf, dass der Interviewpartner dabei die männlichen Anteile besonders hervorhebt. Dass diese Betonung durch die Interviewthematik verstärkt werden könnte, welche ihren Schwerpunkt auf Männlichkeit und männliches Verhalten legt, bleibt an dieser Stelle mit zu bedenken. Der zweite Interviewpartner, Herr Klein, überträgt ebenfalls die eingangs von ihm aufgeführten männlichen Ausprägungen auf sein Handeln als Mann. Da der Vater diese Ausprägungen jedoch fast ausschließlich von seinen männlichen Orientierungspersonen vorgelebt bekommen hat, kann man an dieser Stelle eher auf eine Übernahme des Verhaltens seiner Vorbilder schließen. Zudem lässt sich bei Herrn Klein eine externe Zuschreibung männlichen Verhaltens an ihn erkennen: seine Frau schreibt ihm dabei die Rolle des rationalen, verhandlungsgeschickten Mannes zu. Dieses Verhalten übernimmt Herr Nägele schließlich in seinem Alltag. Dass diese Verhaltensübernahme ausschließlich aus der externen Zuschreibung resultiert, lässt sich an dieser Stelle nicht vermuten, da Herr Klein weitere Situationen benennt, in denen er sich selbst die Eigenschaft der Rationalität zuschreibt.

Zur Identifizierung als Mann durch den Beruf äußern beide Interviewpartner, dass sie den gesellschaftlichen Druck verspüren, sich über ihre Karriere identifizieren zu müssen. Herr Nägele bestätigt die persönliche Übernahme dieser Erwartung, da er sich selbst ebenfalls durch seinen Beruf und seine Karriere identifiziert. Herr Klein hingegen grenzt sich deutlich von diesem Druck an ihn als Mann ab, indem er betont, seinen Job aus Freude auszuüben und deshalb sogar ein geringeres Gehalt akzeptiert.

Ob sich Anteile der Selbstbeschreibung als Mann auch in der Beschreibung der Vaterrolle finden lassen, soll im Folgenden herausgearbeitet werden. Herr Nägele schreibt sich in seiner Vaterrolle Eigenschaften und Aufgaben zu, die er bei seiner anfänglichen Definition von Männlichkeit als männlich eingeordnet hat. Diese benannten Verhaltens­weisen und Aufgabenbereiche beziehen sich einerseits auf Aktivitäten mit dem Kind und andererseits auf die Übernahme von Haushaltsaufgaben, wobei Herr Nägele betont, für die ‚männlichen Aufgaben‘ zuständig zu sein. Zudem lässt sich erneut die Übernahme der von ihm wahrgenommenen gesellschaftlichen Erwartung erkennen. Nach Ansicht des Vaters wird heutzutage von Vätern erwartet, sich um die Familie zu kümmern, sie zu versorgen, aber auch den liebevollen, verständnisvollen Vater zu verkörpern. Ebenso wie sich Herr Nägele als Mann mit seiner Karriere und Berufsrolle identifiziert, sieht er es auch als seine Aufgabe an, die Familie finanziell zu versorgen. Daher möchte Herr Nägele die Rolle des finanziellen Familienversorgers, aber auch die Rolle des liebevollen Vaters und Spielgefährten für sein Kind übernehmen. Dieser Rollenausübung liegt ein weiterer Einflussfaktor zu Grunde: die Negativbewertung der Vaterrolle des eigenen Vaters. Herr Nägele möchte somit bewusst die gegenteilige Vaterrolle zu der seines Vaters ausüben. Dass der Interviewpartner die eher weiblich konnotierte Fürsorglichkeit sowie väterliche Zuwendung zu seiner Vaterrolle zählt, begründet er in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Akzeptanz dieser Aufgabenüber­nahme von Vätern. Somit ist Herr Nägeles Aufgaben- sowie Eigenschaftsübernahme als Vater erneut deutlich von gesellschaftlichen Bildern sowie dem Einfluss des eigenen Vaters abhängig.

Herr Klein hingegen definiert seine Vaterrolle primär durch seine körperlichen Gegebenheiten, wie die Körpergröße oder vermehrte körperliche Kraft im Vergleich zu seiner Frau. An dieser Stelle taucht somit erneut der biologische Aspekt auf, welcher bei diesem Interviewpartner stets den Hauptdifferenzierungspunkt zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit sowie Vaterschaft und Mutterschaft darstellt. Trotz des biologischen Blickpunktes greift Herr Klein ebenfalls die zuvor als männlich ausgelegten Ausprägungen auf und überträgt sie auf sich in seiner Vaterrolle. Jedoch schreibt sich Herr Klein ebenso die für ihn als weiblich ausgeprägten Eigenschaften zu, wie das fürsorgliche Verhalten oder die emotionale und körperliche Nähe. Dies scheint er jedoch aus eigener Intention heraus zu übernehmen, da er nach eigener Aussage seinen Vatertraum auslebt und die Zeit mit seinen Kindern genießt. Zudem äußerte er bei seiner Beschreibung von Männlichkeit, dass jede Person Charakteristika beider Geschlechter in sich vereinen kann, wie er es an dieser Stelle vorlebt. Auch Herr Klein nimmt einen gesellschaftlichen Druck an Väter wahr, dass diese heutzutage mehr Rollen als früher ausfüllen müssen, wie die des Spielgefährten aber auch des Ernährers. Trotz allem fügt sich der Vater nicht dieser Erwartung, da er nach eigener Aussage seine Arbeitszeit noch weiter reduzieren würde, wenn sich seine Frau beruflich verwirklichen will. Somit ist die Karriere für Herrn Klein weder identitätsstiftend, noch stellt sie einen essentiellen Identifikationspunkt für den Vater dar. Er übt diesen lediglich aus Spaß aus und verfolgt dabei das Ziel, seine Familie ernähren zu können.

Beide Väter verkörpern die von ihnen als männlich aufgeführten Eigenschaften ebenfalls in ihrer Vaterrolle. Zusätzlich weisen sie jedoch die von ihnen als weiblich konnotierten Verhaltensweisen als Vater auf, wie das liebevolle Spielen oder das fürsorgliche Umsorgen. Dabei lassen sich unterschiedliche Intentionen finden. Der erste Vater betrachtet die „weiblichen Verhaltensweisen“ als in der Gesellschaft akzeptiert und sogar als mittlerweile der Vaterrolle zugeschrieben. Die für ihn definitionsgebende Sicht der Gesellschaft, die vorgibt, welche Aufgaben in der Vaterrolle als männlich anzusehen sind, lässt es somit für ihn zu, die sowohl für ihn männlichen als auch weiblichen Aufgaben auszuüben. Der zweite Vater hingegen übt die für ihn weiblich ausgeprägten Verhaltensweisen aus eigener Intention heraus aus, da nach seinem Männlichkeitsverständnis jede Person verhaltenstechnische Anteile beider Geschlechter in sich vereinen kann. Somit lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem vorherrschenden Männlichkeitsbild und der Selbstbeschreibung sowie der Aufgabenübernahme als Vater finden.

Zuletzt soll die aktive Ausübung der Vaterrolle, also der Erziehungsstil, die Aktivitäten mit dem eigenen Kind sowie die Vater-Kind-Beziehung in den Blick genommen werden, um weitere potentielle Zusammenhänge zwischen dem Männlichkeitsbild der jeweiligen Väter und der Ausübung ihrer Vaterrolle herauszuarbeiten.

Herr Nägele beschreibt sich in der Kind-Interaktion als zu wenig streng und setzt diese Eigenschaft mit fehlendem männlichen Verhalten gleich. Dabei geht der Vater auf alle Wünsche seiner Tochter ein, um ihre Bedürfnisse (wie zum Beispiel das Spielen) zu erfüllen. Weiterhin kümmert sich der Vater um das abendliche Richten des Kindes zum Schlafen gehen, liest ihm etwas vor und legt sich anschließend zu seiner Tochter ins Bett, bis sie eingeschlafen ist. Somit übt Herr Nägele versorgende sowie fürsorgliche Tätigkeiten aus, die das Kind betreffen. Neben der für ihn gesellschaftlichen Akzeptanz dieser fürsorglichen Aufgabenübernahme, lässt sich ein weiterer Faktor finden, welcher diese Tätigkeiten mit seinem Männlichkeitsbild vereinbaren lässt: die Veränderung seiner Männlichkeitsvorstellung nach der Geburt seiner Tochter. Seit seiner Vaterschaft ist Herr Nägele als Mann nachdenklicher, fürsorglicher sowie weicher in seinem Fühlen und Denken geworden. Somit scheinen seine Aktivitäten mit dem Kind seiner Beschreibung als Mann nach der Geburt nicht zu widersprechen. Wie bereits an vorheriger Stelle erwähnt, darf jedoch der Einfluss der Negativbewertung des eigenen Vaters nicht außer Acht gelassen werden. Dieser kann als Haupteinflussfaktor benannt werden, weshalb Herr Nägele einen solch großen Wert auf die Fürsorgeaufgaben mit seiner Tochter legt. Die Aufgabenübernahme Herrn Nägeles lässt sich somit mit seinem Männlichkeitsbild vereinbaren, jedoch wird sie primär durch die Bewertung des Erziehungsstils seines eigenen Vaters beeinflusst. Herr Klein beschreibt seine Aktivitäten mit den Töchtern sowie seinen Erziehungsstil mit den Eigenschaften und Verhaltensweisen, die er ebenfalls zu Beginn dem männlichen Geschlecht zugeschrieben hat. Genau wie bei Herrn Nägele, lässt sich auch bei Herrn Klein diesbezüglich der große Einfluss des eigenen Vaters erkennen. Herr Klein bewertet den Erziehungsstil seines Vaters als sehr positiv und beeindruckend, weshalb er diesen oftmals reflektiert und für sich in seine Vaterrolle übernimmt. Weiterhin wird die enge Beziehung zwischen dem Interviewpartner und seinen Töchtern deutlich, wobei der Vater anmerkt, dass zwischen Vätern und Töchter eine besondere Beziehung besteht, weshalb das emotionale Loslassen für Väter besonders schwierig sei. Die emotionale Beziehung sowie weitere Eigenschaften seines Erziehungsstils lassen sich für Herrn Klein keinem Geschlecht zuordnen. Sie sind vielmehr Teil seiner Überzeugung einer „guten Erziehung“. Auch die von ihm übernommenen Aufgaben, sei es im Haushalt oder mit den Kindern, sind wegen des jeweiligen Interesses beider Elternteile aufgeteilt und nicht aufgrund geschlechtsspezifischer Kompetenzen. Somit existieren für Herrn Klein zwar geschlechtertypische Ausprägungen bei Vätern und Müttern, jedoch keine Aufgaben, die ein Geschlecht besser ausüben könnte als das andere. Diese Ansicht stimmt an dieser Stelle mit seiner anfänglichen Aussage überein, dass ein Vater genauso gut eine Mutter sein kann und eine Mutter genauso gut ein Vater. Denn Für Herr Klein kann eine Person beide Geschlechter mit deren Ausprägungen in sich vereinen. Herr Nägele hingegen schreibt Vätern im Vergleich zu Müttern andere Kompetenzen und Aktivitäten mit dem Kind zu. Zudem existiert für den Interviewpartner männliches oder weibliches Verhalten im Rahmen des Erziehungsstils oder Verhalten als Elternteil, was wiederum mit seiner Vorstellung von Männlichkeit übereinstimmt, dass Männer und Frauen unterschiedliche Eigenschaften aufweisen und dadurch mehr Kompetenzen in manchen Erziehungsbereichen aufzeigen.

Zur Ausübung der Vaterrolle lässt sich abschließend festhalten, dass die Eigen­schaften des jeweiligen Erziehungsstils sowie die ausgeübten Kind-Aktivitäten als Vater mit den jeweiligen Vorstellungen von Männlichkeit übereinstimmen. Somit ist Männlichkeit und Vaterschaft für beide Väter vereinbar, wenn auch aufgrund verschiedener Begründungen. Während der eine Interviewpartner das heutige gesellschaftliche Bild von Vätern sowie dessen Verständnis von Vaterschaft als legitimierend für die vermehrte fürsorgliche väterliche Aufgabenübernahme sieht, sieht der andere Vater die Vereinbarkeit in den biologischen Gegebenheiten begründet, da für ihn keine geschlechterspezifischen Eigenschaften oder Kompetenzen existieren. Als Haupteinflussfaktor auf die tatsächliche Ausgestaltung der Vaterrolle kann jedoch die Bewertung des Erziehungsstils des eigenen Vaters gewertet werden.

Abschließend werden anhand einer selbst erstellten Grafik die leitende Forschungsfrage beantwortet und die herausgearbeiteten Kategorien in ein Beziehungsnetz gestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Einfluss der Männlichkeitsvorstellung auf die Ausgestaltung der Vaterrolle (auf Basis der

Interviewpartner).

Zur Beantwortung der leitenden Forschungsfrage lässt sich abschließend festhalten, dass sich die Vorstellung von Männlichkeit für die befragten Väter mit der Ausübung ihrer Vaterrolle vereinbaren lässt. Alle von ihnen ausgeübten Tätigkeiten sowie Kind-Aktivitäten entsprechen ihrer Vorstellung von männlichem Verhalten beziehungsweise männlichen Tätigkeiten. Die jeweilige Ebene der Betrachtungsweise von Männlichkeit und Vaterschaft sowie die externen Einflussfaktoren auf die Definition beider Konstrukte, entsprechen sich bei beiden Interviewpartnern. Aufgrund der vorhandenen Parallelen besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Verständnis von Männlichkeit sowie Vaterschaft. Die Selbstbeschreibung als Mann stimmt teilweise mit der Selbstbeschreibung als Vater überein. Unter die Selbstwahrnehmung als Mann fallen allerdings weitere Aspekte, die nicht zur Wahrnehmung als Vater gezählt werden. Bei den aufgeführten Aspekten der Selbstbeschreibung als Vater lässt sich ein direkter Einfluss der Bewertung des Erziehungsstils des eigenen Vaters wiederfinden, welcher als Haupteinflussfaktor benannt werden kann. Bei einer Positiv­bewertung wird dieser direkt übernommen, bei einer Negativbewertung wird angestrebt, eine gegenteilige Vaterrolle für sein Kind einzunehmen. Als weiterer Einflussfaktor kann der gesellschaftliche Druck an Männer beziehungsweise an Väter benannt werden, den beide Interviewpartner wahrnehmen. Auch dabei lässt sich ein unterschiedlicher Umgang erkennen. Entweder fügt sich der Vater den gesellschaftlichen Erwartungen oder er verfolgt seinen individuellen Erziehungsstil und hat eigene Vorstellungen davon, welche Aufgaben für ihn in seine Vaterrolle zählen. Dabei sollten die gesellschaftlichen Stereotypen und Bilder hervorgehoben werden, die einen direkten oder indirekten Einfluss auf die Vorstellung von Männlichkeit, aber auch auf die Ausgestaltung der Vaterrolle nehmen. Weiterhin sind außerfamiliäre männliche Bezugspersonen zu benennen, die zwar keinen direkten Einfluss auf das Männlichkeitsbild der Väter genommen haben, jedoch sie in ihrem Verhalten als Mann geprägt haben. Dies wiederum kann einen indirekten Einfluss auf die Ausgestaltung der Vaterrolle nehmen. Ob nun die jeweilige Definition von Männlichkeit dafür ausschlaggebend ist, welche Tätigkeiten als Vater ausgeübt werden beziehungsweise welcher Erziehungsstil verfolgt wird, kann anhand des empirischen Materials nicht ausreichend beantwortet werden. Jedoch lässt sich die Vereinbarkeit zwischen der Vorstellung von Männlichkeit und der Ausübung der Vaterrolle bei beiden Vätern erkennen, was darauf schließen lässt, dass die Männlichkeitsvorstellung von Vätern – sei es bewusst oder unbewusst – einen Einfluss auf die Ausübung der Vaterrolle zu nehmen scheint, beziehungsweise dass die ausgeübte Vaterrolle unter anderem durch die Übereinstimmung mit der jeweiligen Männlichkeits­vorstellung gerechtfertigt oder legitimiert wird.

8. Ausblick – Soziale Arbeit als geschlechterreflexive Pädagogik

Nach Abschluss der Analyse des empirischen Datenmaterials wurde ersichtlich, dass die Ausgestaltung der Vaterrolle mit dem vorherrschenden Männlichkeitsbild in Verbindung steht, wobei männliche Geschlechterstereotype keine unbedeu­tende Rolle spielen. Noch immer werden diese als Norm dafür gesehen, was als männlich gilt und wie sich ein Mann seinem Geschlecht entsprechend zu verhalten hat. Zudem kann weiterhin die Erkenntnis gezogen werden, dass sich junge Männer, trotz des Aufwachsens mit ihrem Vater, an außerfamiliären männlichen Personen oder Vorbildern orientieren, die ihre Einstellung und ihr Verhalten als Mann prägen können. Somit kommt der Sozialen Arbeit an dieser Stelle die bedeutsame Aufgabe zu, Kindern und Jugendlichen männliche Pädagogen bereitzu­stellen, die in ihrer Vorbildfunktion geschlechterreflexiv mit ihnen arbeiten.

Fehlende Väter, die Unterdrückung vermeintlich weiblicher Eigenschaften sowie die widersprüchlichen Erwartungen an Jungen heutzutage machen eine geschlechter­bewusste Jungenpädagogik unabdingbar (vgl. Keßler 2010, S. 65). Die frühkindliche Sozialisation wird gegenwärtig noch immer überwiegend von Frauen bestimmt. Während sich vermehrt die Mütter um die Erziehung und Fürsorge der Kinder in den ersten Lebensjahren kümmern, lässt sich dieser dominierende Anteil an Frauen auch in Kindergärten, Grundschulen und bei Tageseltern finden. Daher ist es für Jungen schwierig, ihre geschlechterbezogene Identifikation über die Beziehungen eines gleichgeschlechtlichen Modells zu finden (vgl. ebd., S. 24). Der Ruf nach männlichen pädagogischen Fachkräften wird daher immer lauter, denn der Männeranteil in deutschen Kindertages­einrichtungen liegt beispielsweise gerade einmal bei circa fünf Prozent (vgl. Rohrmann 2015, S. 38).

Die Innsbrucker Pilotstudie zur Wirkung männlicher Kindergartenpädagogen untersuchte mittels videobasierter Beobachtungen sowie Fragebögen, die mögliche geschlechter­spezifi­sche Wirkung von gemischtgeschlechtlichen Fachkräfte­teams, im Vergleich zu rein weiblichen Fachkräften (vgl. Huber/ Burkhardt 2015, S. 122). Die Ergebnisse zeigten besonders zwischen männlichen Fachkräften und Jungen deutliche geschlechtsspezifische Effekte. Als erste Ursache kann an dieser Stelle die Tatsache benannt werden, dass die männlichen Pädagogen schon alleine aufgrund ihrer unterrepräsentierten Alltagspräsenz in den Kindertageseinrichtungen sowie der oftmals fehlenden Alltagsverfügbarkeit von Vätern, den Status des „Besonderen“ erhalten und damit auch interessanter und anziehender für Jungen wirken. Innerhalb der Studie ließ sich beobachten, dass Jungen häufiger Kontakt zu männlichen Fachkräften suchen und aufrechterhalten, wenn diese verfügbar sind. Dabei lässt sich auf das grundlegende Bedürfnis von Jungen nach einem gleichgeschlechtlichem Austausch sowie einer gleichgeschlechtlichen Identifikation schließen (vgl. ebd., S. 133f.). Gerade in diesem Entwicklungsalter – zur Kindergartenzeit – separieren sich Jungen und Mädchen in zwei Welten, wobei die Präferenz für das Gleichgeschlechtliche besteht. Hier können männliche Pädagogen Jungen dabei begleiten sowie ihnen vorleben, dass eine gelungene Integration von männlichen und weiblichen Anteilen möglich ist (vgl. ebd., S. 134).

Wie im Kapitel 3.3.2 aufgeführt, orientieren sich Jungen im jugendlichen Pubertätsalter an männlich dominierten Cliquen. Hierbei kommen häufig Jungen zusammen, die sich ihres Mannwerdens selbst noch nicht sicher sind. Das in der männlichen Sozialisation immer noch bestehende Homosexualitätstabu sowie der Ethnozentrismus[30] der Gruppe, können daher die Idolisierung des Männlichen und die Abwertung des Weiblichen sowie nicht-hegemonialer Männlichkeitsgruppen verfestigen und neu aktivieren. Aus diesem Grund kommt der Jungen- und Jugendarbeit die Aufgabe zu, männliche Vorbilder anzubieten und Projekte zu entwickeln, in denen Jungen vermeintliche Stärken und Schwächen erfahren, um in ihrer Geschlechterrolle „experimentieren“ zu können (vgl. Böhnisch 2008, S. 73). Somit sind viele Jungen auf eine geschlechtersensible Pädagogik angewiesen, um sich anders verhalten zu können, als dies bestehende Männlichkeitsbilder in der umgebenden Sozialisation vorgeben. Eine Veränderung vorherrschender Geschlechterbilder muss somit auf der individuellen Ebene unterstützt werden und braucht vor allem Vorbilder für Jungen (und auch Mädchen) (vgl. Döge/ Volz 2002, S. 60).

In der Bewältigung von Männlichkeitsan­forderungen lässt sich ein weiterer Ansatz für die Soziale Arbeit finden: Die Veränderung der „generativen Regeln für Männlichkeit im Rahmen des Systems der Zweigeschlecht­lichkeit“ (Stuve 2016, S. 136). Dabei geht es darum, dass sich Jungen nicht den Männlichkeitsanforderungen hingeben sollen, sondern dass sie dabei unterstützt werden, sich kritisch mit traditionellen, modernisierten und alternativen Formen männlicher Handlungsmuster zu befassen und diese für sich zu verhandeln (vgl. Stuve 2016, S. 136). Zusätzlich zur Reflexion alternativer Männlichkeiten mit den Jugendlichen, kann sich die pädagogische Jungen- sowie Männlichkeitsforschung die didaktische Seite der Pädagogik zur Aufgabe machen und Konzepte, aber auch Institutionen entwickeln, die es den Jugendlichen ermöglichen, sich kritisch mit ihrer Männlichkeitsvorstellung zu befassen (vgl. ebd., S. 145). Ein Beispiel hierfür sind sogenannte „ Entlastungsangebote “ für Jungen, bezüglich der Dynamiken des „ doing masculinity “. Auf der Grundlage der Subjektorientierung werden Kinder sowie Jugendliche in ihren stereotypischen, aber auch untypischen Aktivitäten wahrgenommen und begleitet. Dabei sollen die Kompetenzen, aber auch mögliche Defizite der Jugendlichen in beiden Bereichen aufgegriffen werden und gegebenenfalls im Rahmen kompensatorischer Angebote aufgearbeitet werden (vgl. ebd.).

Neben der Arbeit mit Jungen und jungen Männern darf das Hilfsangebot für Väter nicht außer Acht gelassen werden. Väterarbeit hat sich als ein spezieller Bereich innerhalb der Männerarbeit herausgebildet und steht vor der Aufgabe, der Verunsicherung sowie dem gestiegenen Orientierungsbedarf von Vätern, die sich in der Suche nach einer veränderten Vateridentität ausdrücken, gerecht zu werden (vgl. Winter 1996, S. 402). Die Soziale Arbeit hat es gegenwärtig vermehrt mit einer Generation von Männern zu tun, der üblicherweise keine Modelle für eine aktive Vaterschaft zur Verfügung standen. Neben den fehlenden Vorbildern sind die Väter heutzutage zusätzlich mit der Anforderung konfrontiert, die Hausarbeit und kindbezogenen Aufgaben partnerschaftlich mit der Frau zu teilen. Die kollektive Aufgabe der heutigen Vätergeneration stellt es somit dar, eine neue, eigenständige Väterlichkeit zu schaffen (vgl. ebd., S. 404). Damit die Soziale Arbeit an dieser Stelle ihrer Unterstützungs­funktion gerecht wird, sollten folgende Ziele im Vordergrund stehen (vgl. ebd., S. 405):

- Orientierungshilfen zum Aufbau eines eigenen Vaterbildes geben.
- Anregungen zur Selbsthilfe als Mann und Vater geben.
- Begegnungsmöglichkeiten mit anderen Vätern und Kindern schaffen.
- Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit anderen Männern bieten.

Ein Ziel der Väterarbeit ist es somit, geschützte Räume zu schaffen, in denen sich die Väter innerhalb geschlechtshomogener Gruppen mit den Anforderungen des Vaterseins beschäftigen können. Dabei geht es häufig darum, den Beitrag der Väter zur Entwicklung ihrer Kinder zu reflektieren um ihnen die Bedeutsamkeit der Eigenständigkeit väterlicher Aufgaben aufzuzeigen (vgl. ebd., S. 403).

Die Väterarbeit muss jedoch auch ihren Beitrag zur Aufhebung der geschlechts­spezifischen Arbeitsteilung hinterfragen. Eine neue Vateridentität darf sich nicht nur auf die Eigenständigkeit väterlicher Sicht- und Erlebensweisen berufen, sondern beinhaltet auch väterliche Verpflichtungen und Verantwortungen (vgl. Winter 1996, S. 405f.).

Männer, die sich aktiv am Leben und an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen möchten, müssen oftmals neue Fähigkeiten und Verhaltensweisen erlernen – im Sinne einer „ Nachsozialisation“. Die teilweise noch immer bestehenden Grundmuster männlicher Sozialisation wie Stummheit, Körperferne, Rationalität oder Kontrolle gilt es in ihrer Einseitigkeit aufzubrechen und im Hinblick auf einen empathischen Umgang mit den Kindern zu modifizieren. Ein verändertes Vatersein setzt voraus, dass sich ein Mann mit seiner Männlichkeit und seinen eigenen Erfahrungen als Vater auseinandergesetzt hat, damit traditionelle Orientierungen und Verhaltensweisen in der Sozialisation mit dem Kind durchbrochen werden können (vgl. ebd., S. 406).

Die Soziale Arbeit steht somit vor der allgemeinen Aufgabe, Väter so früh wie möglich in Einrichtungen anzusprechen oder einzubinden. Eine Bestandsaufnahme der Väterarbeit in Nordrhein-Westfalen kam 2004 zu dem Ergebnis, dass Väter sehr selten als Zielgruppe in Einrichtungen der Sozialen Arbeit angesprochen werden und dass Männer am häufigsten durch Geburtsvorbereitungskurse erreicht werden können. Diese Kurse könnten als gute Schnittstelle dienen, um mit den Elternpaaren Aspekte der beruflichen und häuslichen Aufgabenteilung, Möglichkeiten einer geteilten Elternzeit oder bestehende Vaterschafts- und Mutterschaftskonstrukte zu thematisieren. Das Ziel dabei ist es, Paare auf bestehende „Geschlechterfallen“ aufmerksam zu machen sowie gemeinsam mit ihnen nach alternativen Handlungsmöglichkeiten zu suchen (vgl. Rohleder 2006, S. 303).

Anhand des Ausblicks in die Soziale Arbeit wurde deutlich, dass die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien auch immer eine Arbeit mit Geschlechterverhältnissen und Geschlechterkonstruktionen ist. Eine geschlechterbewusste Soziale Arbeit stellt jedoch auch gleichzeitig hohe Anforderungen an die Reflexivität der Fachkräfte. Diese müssen stets beachten, dass das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit sowie hierarchische Geschlechterverhältnisse gerade über das System Familie produziert sowie reproduziert werden und dies die Interaktion zwischen den Partnern aber auch zwischen den Eltern und deren Kindern beeinflusst. Zugleich stellt es eine Anforderung für Sozialarbeiter*innen dar, eigene verfestigte Mutter- sowie Vaterkonstrukte kritisch zu reflektieren, um nicht durch das professionelle Handeln zur Verfestigung bestehender Geschlechterverhältnisse beizu­tragen (vgl. Rohleder 2006, S. 308).

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Abbildung 2: Eigene Abbildung.

Abbildung 3: Eigene Abbildung.

Abbildung 4: Eigene Abbildung.

Quellennachweis Tabellen

Tabelle 3 : Eigene Tabelle nach: Athenstaedt, U./ Alfermann, D. (2011): Geschlechterrollen

und ihre Folgen. Eine sozialpsychologische Betrachtung. 1. Auflage. Stuttgart:

W. Kohlhammer GmbH, S. 15.

Tabelle 4 : Eigene Tabelle nach: Athenstaedt, U./ Alfermann, D. (2011): Geschlechterrollen

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W. Kohlhammer GmbH, S. 15f..

[1] Einige der bedeutendsten Werke sind: Joseph Pleck and Tom Sawyer (1974): Men and Masculinity; Warren Farrell (1975): The liberated Men (vgl. Döge/ Meuser 2001, S. 17).

[2] Aus Gründen der Vereinfachung wird das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Weiteren mit „Bmfsfj“ abgekürzt.

[3] Das Projekt „neue Wege für Jungs“ hatte als Ziel, den männ­lichen Jugendlichen Perspektiven in erzieherischen und pflegerischen Berufen zu ermöglichen (vgl. Schriftenreihe der Baden-Württemberg Stiftung Bildung Nr. 50 (2010), S. 68).

[4] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2011): Neue Wege – Gleiche Chancen. Gleichstellung von Frauen und Männern im Lebenslauf. Erster Gleichstellungsbericht, Berlin.

[5] Erläuterung doing gender: Männer und Frauen orientieren sich in ihrem alltäglichen Verhalten an bestehenden sozialen Erwartungen und demonstrieren durch ihre Handeln ihre Männlichkeit beziehungsweise Weiblichkeit ( vgl. Rohleder 2006, S. 296).

[6] Dasselbe gilt auch für Mädchen. Innerhalb dieser Arbeit wird jedoch nur Bezug auf die Erziehung von Jungen und auf männliche Geschlechterstereotype genommen.

[7] Im Jahr 2014 waren 95% der Väter (mit dem jüngsten Kind unter 16 Jahren) in Vollzeit berufstätig, während 24% der Mütter in Vollzeit arbeiteten (vgl. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/ Datenreport/Downloads/Datenreport2016Kap2.pdf?__blob=publicationFile).

[8] Beispiele hierfür sind religiöse, mediale oder habituelle Einrichtungen (vgl. Keßler 2010, S. 38).

[9] Die untersuchten Länder wurden innerhalb Europa, Australien, Afrika, Asien sowie Nord- und Südamerika gewählt. Eine genaue Auflistung der Länder ist zu finden in: Alfermann 1996, S. 15.

[10] Vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-57570268.html.

[11] Aktuelle Zahlen zu Ehescheidungen vom Jahr 2015: https://www.destatis.de/DE/PresseService/ Presse/Pressemitteilungen/2016/07/PD16_249_12631.html.

[12] Im Jahr 2011: 2.320.000 alleinerziehende Mütter (92,7%), 366.000 alleinerziehende Väter (7,3%). (vgl. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/HaushalteMikrozensus/Haushalte Familien2010300117004.pdf?__blob=publicationFile).

[13] Als Familie wurden Vater-Mutter-Kind(er) Konstellationen verstanden oder alleinerziehende Elternteile mit ihrem/n Kind(ern).

[14] Die Geburten­ziffer in Deutschland lag 2015 mit 1,50 Kindern je Frau unter dem EU-Durchschnitt von 1,58 (vgl. https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/BevoelkerungSoziales/Bevoelkerung/ Geburtenziffer.html).

[15] Zum Beispiel das Einkommen oder die Kinderbetreuung.

[16] Erläuterung subjektives Vaterschaftskonzept: Die subjektiven Vorstellungen eines Vaters über seine Vaterschaft, welche sich in Auffassungen, Überzeugungen, Einstellungen, Gefühlen und Normen hinsichtlich der Bereiche Vaterschaft, Mutterschaft, Elternschaft, Kindheit, Familie und Erziehung widerspiegeln (vgl. Matzner 2004, S. 439).

[17] Im Jahr 2014 waren 23% der Männer im Alter von 60 Jahren kinderlos (vgl. https://www.bmfsfj.de/blob/ 94130/bc0479bf5f54e5d798720b32f9987bf2/kinderlose-frauen-und-maenner-ungewollte-oder-gewollte- kinderlosigkeit-im-lebenslauf-und-nutzung-von-unterstuetzungsangeboten-studie-data.pdf).

[18] Mehr Informationen zu den Untersuchungsteilnehmern werden unter der Überschrift „ Fallauswahl und Sample “ innerhalb dieses sechsten Kapitels gegeben.

[19] Im weiteren Verlauf der Beschreibung des methodischen Vorgehens wird ausschließlich die männliche Form von „Untersuchungsteilnehmer“/ „Interviewpartner“ formuliert, da im Rahmen dieser Untersuchung lediglich Männer befragt wurden.

[20] Da die forschende Person dieser Untersuchung weiblich ist, wird im weiteren Verlauf der Beschreibung des methodischen Vorgehens ausschließlich die weibliche Form von „Forscher(in)“ formuliert.

[21] Uwe Flick bezeichnet die qualitative Forschung als sozialen und kommunikativen Prozess. Es empfiehlt sich daher im Allgemeinen die Beteiligung mehrere Forscher*innen innerhalb eines Forschungsprozesses, um die Perspektiven auf den Gegenstand zu erweitern und einen kommunikativen Austausch zu ermöglichen (vgl. Flick 1991, S. 171).

[22] Es werden nur zwei der vier geführten Interviews ausgewertet. Wie bereits erläutert, wurden mehr Interviews als für die Analyse benötigt geführt, um den Aspekt der minimalen und maximalen Kontrastierung zu ermöglichen.

[23] Die genauere Erläuterung des Interviewsettings sowie der Interviewatmosphäre der einzelnen Interviews sind im Anhang unter Interviewprotokolle nachzulesen.

[24] Zum besseren Verständnis des Genogramms ist im Anhang eine Legende mit Erklärungen zu den einzelnen Symbolen enthalten.

[25] Der Name des Interviewpartners ‚Herr Nägele‘ wird in den nachfolgenden Interviewauszügen mit „ Herr N. “ abgekürzt. Zudem beziehen sich die angegebenen Zeilenverweise auf das Transkript von Herrn Nägele.

[26] Steffens und Ebert (2016) führen als bestehende männliche Geschlechterstereotype ebenfalls diese drei Zuschreibungen auf (vgl. ebd., S. 13).

[27] An dieser Stelle wird der Begriff „ Orientierungsperson “ gewählt, da der Interviewpartner betont, dass die von ihm benannten Personen keine Bezugspersonen oder Vorbilder für ihn darstellen. „ Orientierungsperson “ versteht eine Person, die hinsichtlich ihrer Einstellungen und Werte orientierungsgebend ist.

[28] Der Name des Interviewpartners ‚Herr Klein‘ wird in den nachfolgenden Interviewauszügen mit „ Herr K. “ abgekürzt. Zudem beziehen sich die angegebenen Zeilenangaben auf das Transkript von Herrn Klein.

[29] Herr Klein arbeitet in Teilzeit. An drei Tagen in der Woche ist der Vater von morgens bis abends in der Firma und an zwei Tagen in der Woche Vollzeit zu Hause (vgl. Transkript Herr K., Z. 373-375).

[30] Ethnozentrismus: „ Form des Nationalismus, bei der das eigene Volk [oder Gruppe] als Mittelpunkt und zugleich als gegenüber anderen [Gruppen] überlegen angesehen wird.“ (vgl. http://www.duden.de/ rechtschreibung/Ethnozentrismus).

118 von 118 Seiten

Details

Titel
Väter im Blick. Geschlechtskonstruktion von Männlichkeit und deren Auswirkung auf die Ausgestaltung der Vaterrolle
Hochschule
Hochschule Darmstadt
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
118
Katalognummer
V420540
ISBN (Buch)
9783668786448
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Masterarbeit war die beste des Jahrgangs und wurde für den Henriette-Fürth-Preis vorgeschlagen.
Schlagworte
väter, blick, geschlechtskonstruktion, männlichkeit, auswirkung, ausgestaltung, vaterrolle
Arbeit zitieren
Lisa Straub (Autor), 2017, Väter im Blick. Geschlechtskonstruktion von Männlichkeit und deren Auswirkung auf die Ausgestaltung der Vaterrolle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/420540

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