Ciceros Darstellung Catilinas und seiner eigenen Person in seinen catilinarischen Reden bzw. in der Rede Pro Caelio. Vaterlandsretter vs. Vaterlansverräter


Hausarbeit, 2018
41 Seiten, Note: 13 Punkte (1-)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Kontext
2.1 Der Bundesgenossenkrieg
2.2 Die Diktatur Sullas
2.3 Der Aufstieg des Pompeius

3 Zur Person des Marcus Tullius Cicero
3.1 Lehrjahre
3.2 Karriere als Anwalt
3.3 Kampf ums Konsulat
3.4 Sturz und Entmachtung

4 Die catilinarische Verschwörung
4.1 Verlauf der Ereignisse
4.2 Die catilinarischen Reden
4.2.1 In Catilinam I
4.2.2 In Catilinam II
4.2.3 In Catilinam III
4.2.4 In Catilinam IV

5 Der Fall Pro Caelio
5.1 Zur Person des M. Caelius Rufus
5.2 Selbstdarstellung und Darstellung Catilinas in der Rede

6 Ciceros Selbstbild

7 Das Feindbild Catilinas

8 Fazit

9 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Seit jeher steht der berühmte Redner und Staatsmann Marcus Tullius Cicero zunehmend im Visier der Kritiker: Ein ,,Staatsmann ohne Einsicht, Ansicht und Absicht" und ,,nie mehr gewesen als ein kurzsichtiger Egoist" sei er nach Theodor Mommsen[1]. An anderen Stellen heißt es, Cicero habe die Republik verteidigen wollen, aber ihre Probleme nicht lösen können[2].

Inwiefern hat Cicero mit seiner Selbstdarstellung als Vaterlandsretter zur Bildung dieser Vorwürfe beigetragen? Auf dem Gipfel seiner politischen Laufbahn angelangt, machte der Redner sich die catilinarische Verschwörung zu eigen und erschuf eine stark differenzierte Illustration von sich, dem Vaterlandsretter, gegenüber seinem Gegner Catilina, dem Vaterlandsverräter. Diese brachte Cicero in seinen catilinarischen Reden sowie der Rede Pro Caelio bildhaft zum Ausdruck und kennzeichnete somit seine politische Blütezeit mit einem Selbstbild, das von dem Glauben an die Republik geprägt ist.

Mit der Frage, wie genau Cicero sich selbst und Catilina in den Reden in ein Licht rückt, das gegensätzlicher nicht sein könnte, und in welcher Weise die Bezeichnungen Vaterlandsretter und Vaterlandverräter tatsächlich zutreffen, wird sich diese Facharbeit beschäftigen.

Zur literarischen Unterstützung werden hierzu biographische sowie historische Werke herangezogen. Die Reden liegen als vorübersetzte Fassung vor, wobei die Analysen jedoch vorwiegend auf selbstständigen Erarbeitungen beruhen.

2 Historischer Kontext

Um die politischen Verhältnisse und die Zusammenhänge der Catilinarischen Verschwörung und in den daraus resultierenden Reden Ciceros nachvollziehen zu können, muss zunächst der geschichtliche Hintergrund der römischen Republik beleuchtet werden.

2.1 Der Bundesgenossenkrieg

Schon im Jahr 91 v. Chr. erhoben sich die Bundesgenossen gegen Rom mit dem Ziel, die römische Herrschaft zu vernichten. Doch trotz der drohenden Niederlage konnten die Römer sich mit dem Bürgerrechtsangebot für Treugebliebene durchsetzen, das darauf abzielte, Unruhen in Etrurien einzudämmen und den Verlust von Allianzpartnern zu verhindern. In der Konsequenz folgte bis zum Jahr 88 die Einbürgerung aller friedenswilliger Italiker südlich des Po[3].

Dennoch war die Macht Roms infolge des Krieges geschwächt worden, was der kleinasiatische König Mithradates VI. von Pontos zur Annektierung der römischen Gebiete in Kleinasien und großen Teilen Griechenlands nutzte, wobei es zur Ermordung vieler der dort lebenden Römer und Italiker kam. Aufgrund dieses Gebietsverlusts verlor Rom auch seine finanzielle Haupteinnahmequelle, womit sich die Finanzkrise des ohnehin schon angeschlagenen Roms weiter zuspitzte. C. Marius, ehemaliger mehrfacher Konsul in Rom, fasste nun also den Entschluss, Krieg gegen Mithradates zu führen, doch der amtierende Konsul Sulla kam ihm bereits zuvor, als der Senat ihm das Oberkommando über die Truppen im Krieg gegen den kleinasiatischen König zuerteilte. Daraufhin schloss Marius ein Bündnis mit dem Volkstribun P. Sulpicius Rufus, durch das er sich das Kommando letztendlich doch verschaffen konnte. Auf diese unfreiwillige Ablösung reagierte Sulla mit seinem ersten Marsch auf Rom, dessen politischer Raum entmilitarisierte Zone war und der Marsch somit als ein Angriff auf das respektierte Gut der Ruhe und Sicherheit[4] gewertet wurde. Zudem erklärte der Konsul seine Gegner für vogelfrei; Sulpicius wurde getötet, Marius konnte zu seinen Veteranen nach Nordafrika fliehen[5].

Nach der provisorischen innenpolitischen Stabilisierung Roms durch die lex Cornelia Pompeia [6] und weitere von den Konsuln Sulla und Cinna eingeführte Gesetze zog Sulla 87 zum 1. Mithradatischen Krieg nach Osten. Während Sullas Abwesenheit ergriffen Cinna und Marius, der 86 sein siebtes Konsulat antrat, die Macht über Rom. Marius starb bald darauf, doch Cinna bildete eine kleine Gruppe von Regierungsmitgliedern um sich, die als populares Regime unter anderem den Geldwert wieder herstellte und die politischen Verhältnisse in Rom vorzeitig festigte. Er ächtete Sulla und brach bald selbst mit einem eigenen Heer zum Krieg gegen Mithradates auf; die zwei konkurrierenden römischen Heere spiegelten somit auch die innere Spaltung Roms wider[7].

2.2 Die Diktatur Sullas

Als Sulla schließlich 85 mit Mithradates Frieden schloss und Cinna 85 im Kampf umkam, marschierte Sulla ein zweites Mal auf Rom und löste so einen Bürgerkrieg aus, vor allem da das Regime um Cinna mit dessen Tod vollends zusammengebrochen war. Im Zuge der Wiederherstellung der inneren Ordnung wurde L. Valerius Flaccus zum Interrex (Zwischenkönig) bestimmt, der die Aufgabe hatte, neue Konsulwahlen zu organisieren, aber Sulla gab dem Senat unmissverständlich zu verstehen, dass es zur erfolgreichen Neuordnung eine Diktatur statt neuen Konsuln brauche und pries sich selbst als geeigneten Mann dafür an. Das Amt des komissarischen Diktators[8], das ihm daraufhin verliehen wurde, legalisierte all seine vorangegangenen Gewalttaten und räumte ihm neue Möglichkeiten zur Stabilisierung des Staates ein.

Dazu gehörten auch die Proskriptionen, welche beinhalteten, Staatsfeinde, politische oder persönliche Gegner zu ächten, also öffentlich zur Ermordung freizustellen, und deren Vermögen zu konfiszieren, was Sulla nebenbei zu Reichtum verholfen hat und wovon auch seine Anhänger profitierten. Der Diktator wollte schließlich die von ihm geschaffenen Verhältnisse aufrechterhalten und schreckte deshalb auch vor Bestechung durch z. B. Umverteilung von Land nicht zurück. Desweiteren schränkte Sullas Staatsreform die Handlungsmöglichkeiten von Volkstribunen erheblich ein, da sie von cursus honorum ausgeschlossen wurden und Gesetzesanträge nun nur noch vor die Volksversammlung gebracht werden konnten, wenn der Senat vorher zugestimmt hatte. Ständige Geschworenengerichtshöfe unter der Leitung von einer erhöhten Zahl an Prätoren wurden eingeführt; die Quästorenstellen wurden ebenfalls vermehrt und die Prätoren wurden nach ihrem Amtsjahr neuerdings als Prokonsuln in ihre Provinzen geschickt.

All dies hatte das Ziel, den Senat wieder in das Zentrum der politischen Macht zu rücken und öffentlichen Konfliktherde einzudämmen. Als Sulla diese Ziele für erreicht ansah, trat er freiwillig von dem Ausnahmeamt der Diktatur zurück und zog sich nach dem Konsulatsjahr für 80 v. Chr. in das Privatleben zurück, wo er 78 starb[9].

Sullas konsequente Politik zum Wiederaufbau des Staates hinterließ durch sein brutales Vorgehen eine tief gespaltene Gesellschaft. Während die Oligarchie nicht imstande war, das politische System, das Sulla ihnen überlassen hatte, aufrechtzuerhalten, da es ihnen an Standessolidarität und innerer Geschlossenheit mangelte, sehnten sich die durch die drastischen Maßnahmen, wie die Proskriptionen, Unterlegenen nach Umsturz der sullanischen Ordnung. Dieses Unruhepotenzial machten Nutznießer sich zum eigenen Vorteil, sodass Regierungsangehörige, darunter auch Optimaten, insgesamt der Ansicht waren, Sulla habe die ohnehin schon schlechte Verfassung des Staates noch weiter verschlechtert. Dazu kamen noch die weiteren Herausforderungen, dass die Popularen als Verlierer des Bürgerkrieges eine Gegenregierung bildeten und König Mithradates und die Seeräuberschaft die Seemacht erlangten. Auf diesen Problemen gründete der Aufstieg des Pompeius, womit die Auflösung der sullanischen Ordnung einherging.[10]

2.3 Der Aufstieg des Pompeius

Schon zu Lebzeiten begünstigte Sulla Pompeius' Aufstieg. Nachdem Pompeius diesem 83 eine Privatarmee zur Verfügung gestellt und bald darauf einen Sieg in Italien errungen hatte, erhielt er, ohne vorher ein politisches Amt bekleidet zu haben, ein Imperium und den Auftrag von Sulla, Sizilien und Nordafrika zu erobern. Daraufhin verweigerte er die Übergabe seiner Legionen an seinen Nachfolger und seiner Forderung, den Triumph über den Sieg in Afrika für sich beanspruchen zu dürfen, gab Sulla nach, wodurch sich das große Durchsetzungsvermögen des Pompeius abzeichnet. Nach Sullas Tod kam es zur Unterdrückung des Aufstands des Sullaners Lepidus während dessen Konsulat 78 durch den erfolgreichen Feldherrn und bald trug ihm auch der Senat die Niederwerfung der populistischen Gegenregierung in Spanien auf. Als Pompeius daraufhin 71 nach Italien zurückkehrte, war er an der Unterdrückung des Spartacus-Aufstandes beteiligt, was ihm seinen zweiten Triumph einbrachte, obwohl Pompeius weiterhin noch nicht in die Ämterlaufbahn eingetreten war. Dies hatte Pompeius nach seiner Zeit als erfolgreicher Feldherr auch nicht geplant; stattdessen wollte er, ohne vorher die Ämter des cursus honorum bekleidet und das Mindestalter von 43 Jahren erreicht zu haben, frühestmöglich Konsul werden.

Zu diesem Zweck verbündete er sich mit dem Sullaner Crassus, der durch die Proskriptionen einen erheblichen finanziellen Vorteil geschöpft hatte. Zusammen entwickelten sie ein Wahlprogramm, das sich gegen die sullanische Ordnung richtete und unter anderem die Wiederherstellung alter Volkstribun- und Zensorrechte beinhaltete. In ihrem darauf folgenden gemeinsamen Konsulat im Jahr 70 zerschlugen Pompeius und Crassus die von Sulla aufgebaute Grundordnung, die dazu gedient hatte, den Sieg der Optimaten im Bürgerkrieg zu sichern[11]. Aus diesem Grund wuchs der Argwohn der Optimaten gegen Pompeius nur noch mehr, als dieser sich das Militärkommando im Krieg gegen die Seeräuber und König Mithradates in den Jahren 67/66 übertragen ließ. Aber auch hierbei war Pompeius erfolgreich; die Gebiete im Osten wurden erweitert und neue Provinzen dazugewonnen, wodurch die Staatseinnahmen radikal stiegen. Durch diese außergewöhnlichen Erfolge galt Pompeius vielerorts als großer Wohltäter, nicht zuletzt auch bei Cicero, der in den catilinarischen Reden Pompeius erfolgreichen Feldzüge aufgriff und den Feldherrn rühmte. Dennoch bestand zunehmend die allgemeine Besorgnis, er könne im Rausch seiner Triumphe Gefallen an einer militärischer Alleinherrschaft nach Sullas Vorbild finden.[12]

Der derzeitige instabile Zustand der Republik, hervorgerufen durch die Diktatur Sullas und den politischen Umschwung durch Pompeius und Crassus, war Voraussetzung für die catilinarische Verschwörung, die sich 63 während der Abwesenheit des Pompeius in Rom zugetragen hat. Zusammengefasst ging es dabei um mehrere von dem Sullaner L. Sergius Catilina geplante Attentate auf Regierungsmitglieder, wie auch den damaligen Konsul Cicero, die aber durch diesen vereitelt wurden. Historisch gesehen, nimmt die Verschwörung Catilinas ein eher unbedeutendes Kapitel der römischen Geschichte ein, doch durch Ciceros Reden wurden die Ereignisse so sehr aufgebauscht, dass sie in den folgenden Jahrhunderten immer wieder aufgegriffen wurde und im Nachhinein die Krise des Staates widerspiegelte.

3 Zur Person des Marcus Tullius Cicero

3.1 Lehrjahre

Marcus Tullius Cicero wurde im Januar 106 v. Chr. in Arpinum als Sohn seines dem Ritterstand angehörenden Vaters geboren und konnte dank dessen Verbindung zu römischen Senatoren ab dem Jahre 102 nach der Grundbildung auch den Unterricht in der Philologie sowie der Rhetorik genießen. Auf diese Weise wurde er mit den Methoden der Redekunst und des Argumentierens vertraut gemacht, was für die Karriere eines angehenden Politiker und Advokaten wie Cicero von großer Bedeutung war. Aber auch die Philosophie machte einen entscheidenden Teil seiner Bildung aus. Nachdem Cicero zunächst Unterricht bei dem Epikureer Phaidros erhielt, konnte der Akademiker Philon von Larissa ihn für die Schule Platons, die Academia, begeistern[13], sodass sich aus Cicero im Laufe seines Lebens ein homo Platonicus, also ein dem ,,Ideal gesinnten Mann"[14], entwickelte.

3.2 Karriere als Anwalt

Im Bundesgenossenkrieg in den Jahren 90/89 absolvierte Cicero zunächst unter Cn. Pompeius Strabo, dann in Sullas Heer seine militärische Schulung, wobei er unter anderem auch selbst gewisse Führungsqualitäten erlangte. Nachdem der Bürgerkrieg beendet und Sulla 83 zum Diktator ernannt worden war, konnte Cicero dank der wieder gut funktionierenden Gerichte seine Karriere als Anwalt beginnen und sich den Opfern der sullanischen Diktatur annehmen. Dazu gehörten als erste erhaltene Rede der Fall Pro Qunctio und der Aufsehen erregende Fall des Sextus Roscius, der des Mordes am eigenen Vater angeklagt wurde. Jedoch wies Cicero nach, dass einer Sullas Gefährten der eigentliche Mörder war und verschaffte sich durch diesen großen Erfolg als Verteidiger Ruhm und Ansehen[15], jedoch auch möglicherweise den Argwohn Sullas, der diesen Erfolg als einen persönlichen Angriff gewertet hat.

Die Nachfrage nach Verteidigung durch Cicero wurde größer, sodass sich Cicero bald aus gesundheitlichen Gründen (oder aus Angst vor Sulla) zu einem Studienaufenthalt (79-77 v. Chr.) nach Kleinasien und Athen zurückzog, wo ihn Molon neuer rhetorischer Techniken lehrte und Ciceros Talent zur Redekunst mit folgenden Worten anerkannte: ,,Nun nimmst du uns auch noch das, worauf Hellas bisher als Letztes stolz sein konnte: Bildung und Rede"[16].

3.3 Kampf ums Konsulat

Nach seiner Rückkehr nach Rom heiratete Cicero die wohlhabende Terentia, wohl auch zur finanziellen Unterstützung bei dem nun anstehenden Wahlkampf. Als homo novus, also als Kandidat, in dessen Familie noch von niemandem ein politisches Amt bekleidet wurde, hatte es Cicero umso schwerer in der Ämterlaufbahn und musste Beziehungen zu einflussreichen Senatoren sowie dem Ritterstand und dem Volk pflegen. Die Mühe zahlte sich aus und Cicero belegte alle Ämter des cursus honorum im frühestmöglichen Alter: Für das Jahr 75 v. Chr. wurde er als Quästor auf Sizilien gewählt und hinterließ dort einen guten Eindruck auf die Einwohner, sodass diese ihn im Fall In Verrem konsultierten, als Verres die Sizilianer während seiner dortigen Statthalterschaft ausbeutete. Ciceros Sieg als Ankläger über Verres und seinen Verteidiger Hortensius Hortalus brachte ihm den Status des angesehensten Anwalt und Redner in Rom ein, womit sein erstes Lebensziel erreicht war[17].

Darauf folgten die Ädilität im Jahr 69 v. Chr. und die Prätur 66 v. Chr., während der er die Leitung des Repetundengerichtshofs, jenes Gerichts, das sich mit Erpressungsfällen befasst, übernahm und seine erste politische Rede vor dem Volk hielt. Anlass dieser auch aus taktischen Gründen gehaltenen Rede war, das Volk von jenem Gesetz zu überzeugen, das Cn. Pompeius den Oberbefehl im Krieg gegen König Mithradates übertrug. Ciceros Erfolg dabei sicherte ihm nicht nur die Beliebtheit beim Volk, das ohnehin schon Pompeius als ,,den Großen" ansah, sondern auch bei Pompeius selbst, was für ihn auf dem Weg in das Konsulat sicherlich von Vorteil war[18].

Dabei war es vielmehr ein Kampf um das Konsulat, da er als homo novus der Barriere gegenübertreten musste, dass die Senatsaristokratie durch Beeinflussung der Wählerschaft versuchte, Neulingen das Konsulat möglichst vorzuenthalten. So galt es für Cicero, nach allen Seiten hin Beziehungen aufzubauen und sich die Zuneigung aller gesellschaftlichen Gruppen, von Popularen und Optimaten bis zur Ritterschaft und dem Volk, zu sichern. Auch sein Brieffreund Atticus zählte unter anderem zu jenen Persönlichkeiten, über deren Beziehungen Cicero sich die Gunst der Aristokratie zu sichern erhoffte[19]. All die Beschwerlichkeiten, die Cicero zu überwinden hatte, gehen anschaulich aus dem 64 v. Chr. erschienenem Commentalorium petitionis hervor, das sein Bruder Quintus als eine Art Leitfaden für den Wahlkampf verfasste und in dem dieser Methoden erläutert, um die breite Masse für sich zu gewinnen und sich gegen seine Gegner durchzusetzen. Quintus äußerte sich auch zu Ciceros Mitstreitern C. Antonius und L. Sergius Catilina und stufte diese als ,,Mörder, Wüstlinge, Verarmte" und gegen den Staat gezückte Dolche[20] ein, wodurch sich bereits ein Konfliktpotenzial abzeichnete, das sich letztendlich als die Catilinarische Verschwörung entpuppte, auf die noch im späteren Verlauf tiefer eingegangen wird.

Für Cicero jedenfalls kam Catilina als Mitbewerber nicht in Betracht, da Catilina wegen Erpressungen und Ausbeutung während seiner Statthalterschaft in der Provinz Afrika, die auf die Prätur im Jahr 68 v. Chr. folgte, angeklagt wurde, sodass er von der Kandidatur um das Konsulat für 64 ausgeschlossen wurde. Cicero schlug nun einen wahltaktischen Weg ein, der für einen homo Platonicus äußerst unerwartet kam: Er bot sich Catilina als Verteidiger in diesem Prozess an, mit der Aussicht auf ein Wahlbündnis in dem Fall, dass Catilina freigesprochen wird, oder aber auf den erneuten Ausschluss von der Kandidatur im Falle eines Schuldurteils. Es kam jedoch anders als erhofft, Catilina wurde nicht von Cicero verteidigt und freigesprochen. Dennoch wurde Cicero schließlich einstimmig gewählt; Antonius wurde knapp vor Catilina sein Amtskollege. Eine mögliche offene Opposition durch Antonius schloss Cicero geschickt aus, indem er seine konsularischen Provinzen Makedonien, die ihm für sein zweites Amtsjahr zugelost wurden, an diesen abtrat und im Gegenzug Antonius' Zugeständnis erhielt, nicht mehr mit Catilina zu sympathisieren.[21]

3.4 Sturz und Entmachtung

Was darauf folgte, verleitete Cicero in die Hochphase seiner Karriere als Redner und Politiker: die Aufdeckung der Catilinarischen Verschwörung, durch die er, nicht ganz ohne bzw. gerade durch Eigenlob in den catilinarischen Reden, als Retter des Gemeinwohls und des Staates gefeiert wurde. Doch der Ruhm währte nicht lange und die Anfeindungen, denen Cicero sich schon während seines Konsulats stellen musste, nahmen zu, ebenso wie die Zahl seiner Feinde.

Eine dieser Feindschaften entwickelte sich im Jahr 62 zwischen Cicero und Publius Clodius Pulcher im Zuge des Bona-Dea- Skandals[22]. Hierbei dreht es sich um einen jährlichen religiösen Brauch zu Ehren der guten Göttin (bona dea), das im Hause des damaligen Pontifex Maximus Caesar und unter Ausschluss des männlichen Geschlechts stattgefunden hat. Clodius aber verkleidete sich als Frau, um seine mutmaßliche Geliebte Pompeia, Ehefrau des Caesar, zu treffen, wurde enttarnt und angeklagt. Cicero sagte daraufhin als Zeuge aus und zerstörte so das Alibi Clodius' und obwohl dieser (durch Bestechung) freigesprochen wurde, war dessen Gesinnung, sich an Cicero zu rächen, der Beginn ihrer verhängnisvollen Feinschaft.

Hinzu kam, dass Cicero Ende des Jahres 60 Caesars Angebot, ein Bündnis mit Pompeius und Crassus zu schließen, ablehnte und so das erste Triumvirat[23] zustande kam. Caesar wurde zum Konsul für 59 gewählt und Ciceros Position im Anbetracht des Bündnisses, auf das nun Gewalt und Rechtsbrüche folgten, erheblich geschwächt. Als Ausdruck seines Argwohns, erklärte Caesar Clodius zum Plebejer, womit er 58 dessen Wahl zum Volkstribun ermöglichte. Clodius erwirkte ein Gesetz, das Cicero für das Vorgehen gegen die Catilinarier und deren Hinrichtung verantwortlich machte und die Ächtung für denjenigen, der einen römischen Bürger ohne Verurteilung tötet, vorsah[24]. Noch vor seiner Verurteilung floh Cicero in sein mehr oder weniger freiwillige Exil nach Griechenland, wo ihn, geplagt von Depressionen, die furchtbarsten siebzehn Monate seines Lebens[25] erwarteten. Sein Vermögen wurde konfisziert und sein Haus niedergebrannt.

Auf Initiative des Pompeius kam es jedoch bald, am 4. August 57, zu einer Begnadigung Ciceros, sodass dieser einen Monat später wieder unter großem Jubel in Rom eintraf und seine Dankbarkeit in zwei großen Dankesreden vor dem Volk und vor dem Senat zeigte. Dabei spielten die Götter, wie in den catilinarischen Reden auch, eine große Rolle. Vielmehr dienten die Dankesreden aber dazu, seinen Fortgang (discessus) als eine Heldentat zu rechtfertigen und somit sich selbst wieder als Retter der res publica darzustellen[26].

Unter dem in der ,,Konferenz von Luca" von 56 erneuerten Triumvirat blieb Ciceros politische Position weiterhin geschwächt, sein Handeln eingeschränkt. Er schien sich dem Triumvirat zu unterwerfen, als er sich wie in der Rede De provinciis consularibus, in der er für die Verlängerung von Ceasars Prokunsulat plädierte, für die Triumvirn einsetzte und Caesar verherrlichte. So kam es dazu, dass sich Cicero zunehmend aus der Politik zurückzog und sich stattdessen der Philosophie widmete. In den Jahren 55-51 verfasste Cicero drei philosophische Werke, De oratore, De re publica, sowie De legibus, die sich nach dem platonischen Vorbild mit dem idealen Redner, mit dem idealen Staat und seinen Bürgern und zu guter Letzt mit den idealen Gesetzen für den Idealstaat befassen[27]. Hier werden Ciceros Wunschvorstellungen von seiner Staatsdefinition mit philosophischen Charakter nur allzu deutlich, an der er noch bis an sein Lebensende festgehalten hat.

Als er nach seiner ihm im Jahr 51 überraschend zuerteilten Statthalterschaft als Prokonsul in Kilikien nach Rom zurückkehrte, erwartete ihn die ausartende Rivalität zwischen den ehemaligen Triumvirn Caesar und Pompeius. Nachdem Crassus, die zusammenhaltende Kraft des Triumvirats, schon 53 im Partherkrieg gefallen war, spitzte sich der Konflikt immer weiter zu, bis Caesar schließlich 49 den Rubikon überschritt und der Bürgerkrieg ausbrach. Cicero schlug sich, freilich ohne viel Überzeugung, auf die Seite Pompeius', lieber wolle er ,,mit Pompeius geschlagen werden als mit Caesar siegen"[28], wie aus einem seiner vielen Briefe an seinen Freund Atticus hervorgeht. Im Sommer 49 begab er sich in das Lager der Pompeianer nach Griechenland, nahm jedoch an der Schlacht bei Pharsalos am 9. August 48 krankheitsbedingt nicht teil. Pompeius konnte fliehen, wurde aber im September ermordet, woraufhin Cicero entgegen des Angebots, das Oberkommando über das Heer gegen Caesar zu übernehmen, zurück nach Italien (Brundisium) aufbrach und somit die Seite der Pompeianer seines Erachtens im Stich ließ[29]. Caesar, mittlerweile Diktator in Rom, begnadigte Cicero 47 v. Chr.; damit war Cicero politisch stillgelegt, schließlich habe er es sich mit Caesar verscherzt, als er sich im Bürgerkrieg für Pompeius und nicht für ihn entschieden hatte. Unter Caesars Diktatur agierte Cicero nun hauptsächlich als dessen Gegner und kämpfte mit zahlreichen Reden gegen die Zerstörung der res publica durch die Tyrannei Caesars bis zu dessen Ermordung an den Iden des März 44. Ciceros Hoffnung, durch die ,,Befreiung" von Caesar[30] die Republik noch retten zu können[31], wurde jäh durch das Bestreben des Marcus Antonius, Caesars Nachfolger als Alleinherrscher zu werden, zunichte gemacht. Dennoch hielt Cicero als letzten Kampf um die Erhaltung der res publica die 14 Philippischen Reden (Philippicae orationes), in denen er M. Antonius verschmähte und ihn als ,,erbarmungslos zu bekriegenden Staatsfeind"[32] darstellte, wobei er auf die Tatkraft des jungen Ocatavian[33] im Kampf gegen Antonius vertraute. Doch war es eben dieser, der die Aufhebung der von Cicero erreichten Ächtung seines besagten Gegners veranlasste, sodass sich bald das zweite Triumvirat aus Octavian, M. Antonius und M. Aemilius Lepidus zusammenschloss. Deren Politik zur (Wieder-) Herstellung des Staates richtete sich nach Sullas Vorbild: Proskriptionslisten wurden wieder aufgesetzt und Cicero war einer der Proskribierten. So kam es, dass er im Dezember 43 ermordet und seine Leiche darauf auf dem Forum geschändet wurde[34].

[...]


[1] SPIELVOGEL, JÖRG: Amicitia und res publica. Ciceros Maxime während der innenpolitischen Auseinandersetzungen der Jahre 59-50 v. Chr. Stuttgart 1993. S. 1

[2] JESSEN, JENS: Cicero & Augustus. Wie die Freiheit verloren ging. Aus: http://www.zeit.de/2011/01/L-P-Augustus-Cicero Stand: 08.01.11

[3] Vgl. JEHNE, MARTIN: Die römische Republik. Von der Gründung bis Caesar. München 2013 (3. Ausgabe). S. 94f.

[4] Vgl. M. Jehne, Die römische Republik, S. 96

[5] Vgl. BRINGMANN, KLAUS: Krise und Ende der römischen Republik (133-42 v. Chr.). Berlin 2003. S. 61

[6] Die Einführung des Höchstzinssatzes für Kredite sollte den zusammengebrochenen Kapitalmarkt stabilisieren. Vgl. Ebd., S. 61f.

[7] Vgl. M. Jehne, Die römische Republik, S. 97

[8] Während die Diktatur bis zum Ende des dritten Jahrhunderts den Zweck hatte, anhand des Oberbefehls militärische Krisen zu überwinden und zeitlich auf sechs Monate begrenzt war, diente sie zu Zeiten Sullas zur vollendeten Neuordnung des Staates unter dem Regiment der Optimaten. Erst wenn der Amtsträger die Aufgabe als erfüllt erachtet, kann er vom Amt zurücktreten. Vgl. Bringmann, Krise und Ende der römischen Republik, S. 64

[9] Vgl. Ebd.

[10] Vgl. Ebd., S. 69

[11] Vgl. Ebd., S. 64

[12] Vgl. Ebd., S. 70-72

[13] Vgl. STROH, WILFRIED: Cicero. Redner, Staatsmann, Philosoph. München 2010 (2. Ausgabe). S. 16

[14] FUHRMANN, MANFRED: Cicero und die römische Republik. Eine Biographie. Mannheim 2011. S. 84

[15] Vgl. Ebd. S.19-22

[16] Stroh, Cicero. Staatsmann, Redner, Philosoph. S.23

[17] Vgl. Ebd., S.25f.

[18] Vgl. Ebd., S.31

[19] Vgl. Fuhrmann, Cicero und die römische Republik, S. 82f.

[20] Stroh, Cicero. Staatsmann, Redner, Philosoph, S. 33

[21] Vgl. Ebd., S. 90

[22] Vgl. Stroh, Cicero. Redner, Staatsmann, Philosoph, S. 41f.

[23] Vgl. Ebd., S. 42

[24] Vgl. Ebd., S. 43f.

[25] Vgl. Ebd., S. 44

[26] Vgl. Ebd., S. 45f.

[27] Vgl. Ebd., S. 54

[28] Ebd., S. 70f.

[29] Vgl. Ebd., S. 74f.

[30] Ebd., S. 107

[31] Vgl. GELZER, MATTHIAS/ RIESS, WERNER (Hrsg.): Cicero. Ein biographischer Versuch. Stuttgart 2014 (2. Ausgabe). S. 295

[32] Stroh, Cicero. Redner, Staatsmann, Philosoph. S. 113

[33] Vgl. Ebd., S. 112

[34] Vgl. Ebd., S. 118

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Details

Titel
Ciceros Darstellung Catilinas und seiner eigenen Person in seinen catilinarischen Reden bzw. in der Rede Pro Caelio. Vaterlandsretter vs. Vaterlansverräter
Note
13 Punkte (1-)
Autor
Jahr
2018
Seiten
41
Katalognummer
V420661
ISBN (eBook)
9783668686281
ISBN (Buch)
9783668686298
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cicero, Catilinarische Reden, Catilina, Pro Caelio, Selbstdarstellung Ciceros, Analyse der catilinarische Reden, Rom, Catilinarische Verschwörung, Selbstbild Ciceros
Arbeit zitieren
Victoria Hoch (Autor), 2018, Ciceros Darstellung Catilinas und seiner eigenen Person in seinen catilinarischen Reden bzw. in der Rede Pro Caelio. Vaterlandsretter vs. Vaterlansverräter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/420661

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