Thomas von Aquin und das Zinsverbot


Hausarbeit, 2015

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der heilige Thomas von Aquin

3. Die Zinsnahme im Mittelalter
3.1 Begriffsbestimmungen
3.2 Entwicklung des christlichen Zinsverbots
3.3 Die thomanische Zinslehre
3.3.1 Begrundung des Zinsverbots
3.3.2 Extrinsische Zinstitel
3.4 Wirtschaftliche Realitat

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zinsnahme gehort zu den umstrittensten Themen der Wirtschaftsgeschichte. Sowohl Zinsnahme als auch die Kritik an ihr haben eine lange Tradition.

Die ersten verzinsten Kredite wurden bereits 2500 bis 2000 v. Chr. zur Zeit der Sumerer in Mesopotamien vergeben. Dies ist insofern erstaunlich, als dass die altesten Munzfunde erst auf 686 bis 656 v. Chr. datiert sind. In ihrem weit entwickelten Geschaftsleben dienten den Sumerern Silber und Gerste als Hauptzahlungsmittel. Im Codex Hammurapi findet man die altesten schriftlichen Regelungen zu Kreditkonditionen. Der jahrliche Zinssatz fur Silberdarlehen lag zu dieser Zeit bei 20%, der Zinssatz fur Gerste bei 33,33%.

Schon damals sorgte sich Konig Urukagina (f 2371 v. Chr.) um moralische Aspekte der Zinsnahme. Er erliefi Gesetze, um die Ausbeutung der Schwachen zu verhindern und eine Freilassung von Schuldnern zu bewirken.[1] Im Mittelalter ruckte Zinsnahme als sogenannte „Wucherfrage“ in den kirchenrechtlichen Fokus. Bis ins 16. Jahrhundert wurde Zinsnahme nicht nur aus moralischen Grunden abgelehnt, sondern zu vielen Zeiten auch als Todsunde verurteilt und konsequent verfolgt.[2]

Inzwischen ist das Kreditwesen vor allem in den Industrienationen nicht mehr wegzudenken. Zinsen werden heute beinahe uberall auf der Welt mit Selbstverstandlichkeit gefordert und gezahlt.[3] Vor diesem Hintergrund ist eine Betrachtung des strikten mittelalterlichen Zinsverbots aufierst interessant. Die vorliegende Arbeit geht hierbei insbesondere auf die Argumentation des Theologen Thomas von Aquin ein.

Um historische Hintergrunde und Einflusse auf das Denken von Thomas von Aquin besser zu verstehen, wird im folgenden Kapitel sein Werdegang knapp umrissen. Das dritte Kapitel versucht einen Bogen von dem Begriff des Zinses bzw. Wuchers, uber die Entwicklung des kirchlichen Zinsverbots und die entsprechende Theorie von Thomas zu spannen, um schliefilich die Theorie mit der damaligen wirtschaftlichen Realitat zu vergleichen.

Die Arbeit endet mit einer kurzen Zusammenfassung und einem Ausblick auf die Entwicklungen des Zinsverbots nach Thomas von Aquin.

2. Der heilige Thomas von Aquin

Das Herrschaftsgebiets von Friedrich II war zu Lebzeiten des Thomas von Aquin von einem Aufschwung in Wirtschaft und Wissenschaft gepragt. Friedrich II zeigte ein starkes Interesse an Bildungsfragen und setzte sich fur eine Forderung der Naturwissenschaften ein. 1224 grundete er trotz Widerstand des Papsttums eine Universitat in Neapel,[4] an der 15 Jahre spater Thomas von Aquin das Studium aufnahm.[5] Neapel wurde damit die erste Universitat in Europa die ohne papstlichen Bullen lehrte.[6] Bei der Entwicklung moderner Universitaten gewann insbesondere die Lehre des Aristoteles erneut an Bedeutung.[7]

Thomas von Aquin wurde 1224 oder 1225 als jungster Sohn des Grafen Landulf v. Aquino und seiner Frau Theodora auf der Burg Roccasecca, nordlich von Neapel, geboren. Mit 5 Jahren ubergaben ihn seine Eltern als Oblate an das Kloster Monte Cassino, wo er Lesen und Schreiben lernen sollte. 1239 entschlossen sich seine Eltern, vermutlich auf Grund der damaligen Spannungen zwischen Kaiser Friedrich und Papst Innocens IV, ihn zum Studium nach Neapel zu schicken.[8] Thomas begann das Studium der Artes liberales,[9] ein vierjahriges Grundstudium in sieben Fachern.[10] Durch seinen Lehrer Petrus de Hibernia kam Thomas an der Universitat Neapel mit den Lehren des Aristoteles in Beruhrung. Neben den Schriften des Aristoteles sollte auch die Begegnung mit dem Predigerorden des heiligen Dominikus sein Leben nachhaltig pragen. 1244 trat er diesem, trotz heftigen Widerstand seiner Familie, bei.[11]

1245 schickte der Orden Thomas zum weiteren Studium nach Paris. Dort wurde er Schuler des bekannten Theologen und Dominikaners Albertus Magnus. Als Albertus Magnus 1248 im Auftrag des Ordens nach Koln reiste, folgte Thomas ihm. Auch durch den Einfluss seines Lehrers widmete er die Jahre in Koln dem intensiven Studium der aristotelischen Philosophie.

AufRat seines Lehrers kehrte Thomas 1252 nach Paris zuruck. 1256 erhielt er - verzogert aufgrund von Streitigkeiten zwischen Papst und Dominikanerorden - die Magisterwurde. Die folgenden drei Jahre lehrte er als Professor der Theologie an der Pariser Universitat.

1059 kehrte er nach Italien zuruck, da er berufen wurde, als Theologe am papstlichen Hof zu arbeiten. Die Arbeit fur den Papst beeinflusste Thomas nachhaltig. Auch zukunftig wurde er nie die Autoritat des Papstes in Frage stellen. 1266 oder 1267 nahm Thomas die Arbeit an seinem beruhmtesten Werk, der Summa Theologiae, auf. An dieser sollte er bis zu seinem Lebensende arbeiten.

Auf Grund von Spannungen um den verstarkten Einfluss der aristotelischen Lehre und deren Beziehung zum christlichen Glauben wurde Thomas 1269 vom Orden erneut nach Paris berufen.[12] Mit der Absicht einer Schlichtung verfasste er darauf seine beruhmten Aristoteleskommentare. Die letzten Jahre vor seinem Tod widmete er vor allem dem Schreiben seiner zahlreichen Werke und der Lehrtatigkeit.

Im Marz 1274 starb Thomas im Alter von 48 Jahren. Insbesondere nach seinem Tod erhielt sein Lebenswerk viel Beachtung. Weniger als 50 Jahre spater wird Thomas heiliggesprochen und im Jahre 1567 zum Kirchenlehrer (doctor ecclesiae) erhoben.[13]

Thomas von Aquin gilt auch heute noch als einer der einflussreichsten Theologen des Mittelalters und Hauptvertreter der Scholastik.

3. Die Zinsnahme im Mittelalter

3.1 Begriffsbestimmungen

Das Wort Zins ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen. Census bedeutete ursprunglich Abschatzung. Heute bezeichnen Zinsen in der Regel das Entgelt fur die Uberlassung von Kapital.

Im Mittelalter verwendete man hierfur das Wort usura, welches man sowohl mit dem negativ konnotierten Begriff Wucher, als auch ganz allgemein mit Zins ubersetzen kann. Auf Grund der generellen Ablehnung der Zinsnahme wurden Wucher und Zinsen jedoch gleichgesetzt und nicht wie heute zwischen legitimer Zinsnahme und Wucher als ubermafiige Zinsnahme unterschieden.[14] Zinsnahme im Rahmen eines Darlehens (muutum) bedeutete somit mehr als die verliehene Summe zuruck zu erhalten, ohne, dass bestimmte Umstande diesen Gewinn rechtfertigen wurden.[15] Ein Dekret des funften Laterankonzils (1512-1517) definierte, dass ,,Wucher immer dann vorliege, wenn von Seiten des Verleihers ohne Risiko sowie ohne Aufwendung von Arbeit und Kosten mit der Uberlassung einer an sich unfruchtbaren Sache nach einem Gewinn getrachtet werde“.[16]

Der Begriff census hingegen bezeichnete im Mittelalter die durchaus legalen Einnahmen aus Miete oder Pacht.[17]

3.2 Entwicklung des christlichen Zinsverbots

Das Zinsverbot der Kirche beruht auf einer langen Tradition. Bereits das fruhe Christentum erklarte Zinsnahme zur Todsunde, da man sich durch Wucher der Sunden Geiz, Begierde und Faulheit[18] schuldig mache.[19] Wucher gefahrdete somit das Seelenheil und wurde „spatestens im Jenseits entsprechend hart bestraft werden“[20] [21]. Diese strikte Ablehnung von Zinsnahme als „schmahliche[n] Gewinn“ (turpe lucrum)[21] folgte logisch aus der seitjeher kritischen Haltung der Kirche gegenuber materiellem Wohlstand[22] und wurde uber die Jahrhunderte in erster Linie mit Zitaten aus sowohl Alten, als auch Neuem Testament begrundet.

„Du sollst deinem Bruder keinen Zins auferlegen, Zins fur Geld, Zins fur Speise, Zins fur irgendeine Sache, die man gegen Zins ausleiht. Dem Fremden magst du Zins auferlegen, aber deinem Bruder darfst du nicht Zins auferlegen, damit der HERR, dein Gott, dich segnet in allem Geschaft seiner Hand in dem das Land, in das du kommst, um es in Besitz zu nehmen.“ (Deut. 23:20f)

,,Und wenn ihr leihet, von denen ihr hoffet zu nehmen, was fur Dank habt ihr davon? Denn die Sunder leihen den Sundern auch, auf dafi sie Gleiches wiedernehmen. Vielmehr liebet eure Feinde; tut wohn und leihet, dass ihr nichts hoffet, so wird euer Lohn grofi sein, und ihr werdetKinder des Allerhochsten sein;“ (Lucas 6:34f)

Besonders haufig wurde in diesem Zusammenhang Lucas 6, 35 aus dem Neuen Testament zitiert {„.Mutuum date nihil inde seperantes“).[23]

Allerdings sprach die Kirche in den ersten drei Jahrhunderten nach Christi Geburt kein klares Verbot gegen Zinsnahme aus. Erst ab dem 4. Jahrhundert ruckte die Wucherfrage in den kirchenrechtlichen Fokus.[24]

[...]


[1] Matthias Schlecker: Geschichte des Kredits. 2008. URL: http://www.matthias-schlecker.de/geschichte-des-kredits. Stand: 20.09.2015, S. 2f.

[2] Christian Braun: Vom Wucherverbot zur Zinsanalyse 1150-1700. Winterthur 1994, S. 4.

[3] Eine Ausnahme hiervon ist der islamische Raum. Im Islam ist das Zinsverbot auch heute noch ein fester Bestandteil der Religion. Allerdings gibt es auch dort, wie fruher im Christentum, zahlreiche Moglichkeiten das Zinsverbot zu umgehen. (Quelle: RolfHeinrich: Leben in Religionen Religionen im Leben. Interreligiose Spuren. Munster 2005, S. 122f.)

[4] Volker Storch, Ulrich Welsch und Michael Wink: Evolutionsbiologie. 3. Auflage. Heidelberg, Munchen 2013, S. 7.

[5] Hans-Anton Drewes: Thomas von Aquin. In: Ulrich Kopf (Hrsg.): Theologen des Mittelalters. Darmstadt 2002, S. 129-148, hier: S. 130.

[6] Storch: Evolutionsbiologie, S. 7.

[7] Wolfgang Kullmann: Aristoteles und die moderne Wissenschaft. Stuttgart 1998, S. 21.

[8] Drewes: Aquin,S.130.

[9] Matthias Lutz-Bachmann: Thomas von Aquin (1224/25 - 1274). In Hoffe, Otfried (Hrsg.): Klassiker der Philosophie. Von den Vorsokratikern bis David Hume. Munchen 2008, S. 195-200, hier: S. 196.

[10] Faulstich, Werner: Medien und Offentlichkeiten im Mittelalter 800-1400. Gottingen 1996, S. 132.

[11] Drewes: Aquin,S. 130f.

[12] Paul Richter: Der Beginn des Menschenlebens bei Thomas von Aquin. Wien, Berlin 2008, S. 62-64.

[13] Odd Langholm: Thomas Aquinas 1. Life and Works. Wealth, Property and Alms. In: Albert Zimmermann (Hrsg.): Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters. Leiden 1992, S. 198-200, hier: S. 200.

[14] Meinrad Bohl: Das Christentum und der Geist des Kapitalismus. Die Auslegungsgeschichte des biblischen Talentegleichnisses. Koln, Weimar, Wien 2007, S. 92f.

[15] Braun: Wucherverbot, S. 42f.

[16] Ebd., S. 43.

[17] Gerhard Muller u.a. (Hrsg.): Theologische Realenzyklopadie. Band 36. Wiedergeburt-Zypern. Berlin 2004, S. 681f.

[18] Der kirchlichen Lehre nach machte man sich durch Zinsnahme der Sunde Faulheit schuldig, da es sich bei Zinsen um „Geld ohne Arbeit“ handelt. (Quelle: Jorg Steffen: Das Zinsverbot in der islamischen Wirtschaftsordnung. Philosophische und religiose Grundlagen. Hamburg 2015, S. 15.)

[19] Das Zinsverbot in der islamischen Wirtschaftsordnung. Philosophische und religiose Grundlagen. Hamburg 2015, S. 15.

[20] Braun: Wucherverbot, S. 37.

[21] Ebd.

[22] Ebd, S. 32.

[23] Gunther, Steuer: Studien uber die theoretischen Grundlagen der Zinslehre bei Thomas v. Aquin. Stuttgart 1936, S.

22.

[24] Jorg Steffen: Das Zinsverbot in der islamischen Wirtschaftsordnung. Philosophische und religiose Grundlagen.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Thomas von Aquin und das Zinsverbot
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V421142
ISBN (eBook)
9783668688070
ISBN (Buch)
9783668688087
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die thomanische Zeit als Wendepunkt in der Geschichte er Zinsnahme.
Schlagworte
thomas, aquin, zinsverbot
Arbeit zitieren
Laura Schlowak (Autor), 2015, Thomas von Aquin und das Zinsverbot, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/421142

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