Schizophrenie. Zum Krankheitsverständnis psychischer Erkrankungen


Bachelorarbeit, 2018
48 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Hypothesen zum Krankheitsverständnis schizophrener Erkrankungen

3. Schizophrenie und Gesellschaft - zum Verstehen und Verhältnis
3.1. Die Schizophrenie als eine Erkrankung und Entgleisung der Psyche
3.2 Umgang und Vorurteile mit Schizophrenie-Erkrankten in der Gesellschaft
3.3. Der Streit der Disziplinen

4. Die Auffassung psychotischer Erkrankungen in den Sozialwissenschaften
4.1. Ansätze der Soziologie zum Verständnis der Erkrankung
4.2. Der Labeling- Ansatz: Etikettierung wider Willen
4.2.1. Zwischen Abweichung und Anpassung
4.3. Stigma, Stigmatisierung und die Grenzen der Theorie
4.3.1 Stigma - zum Terminus
4.3.2 Grenzen der Stigma-Theorien

5. Sozialpsychologische Ansätze zur Schizophrenie
5.1. Der Beitrag des Sozialkonstruktivismus zur Schizophrenie

6. Das historische Vermächtnis der Psychiatrie

7. Schizophrenie im Diskurs und der Wert für das Krankheitsverständnis
7.1. „Doing Stigma?“ - Stigma in der Praxis
7.2. Selbststigmatisierung und subjektive Stigmatisierungserwartung
7.3. Möglichkeiten der Entstigmatisierung schizophrener Erkrankungen
7.4. Exkurs zur Rolle der Psychopharmaka in der Schizophrenie- Behandlung

8. Was kann die Soziologie noch leisten auf dem Gebiet der Schizophrenie?

9. Zwischenfazit zum Krankheitsverständnis psychotischer Erkrankungen
9. 1. Die Dimension des Stigmas und seine Folgen
9.2. Kulturelle Wertsysteme
9.3. Die Krankheit sui generis - oder auch die Macht der Manifestation
9.4. Die Macht der Sprache
9.5. Psychiatrie als Beispiel einer diskriminierenden Institution

10. Rekurs zum Verständnis psychischer Erkrankungen im sozialen Wandel

11. Fazit

12. Literaturverzeichnis

Abstract

Ausgehend von einem über den einfachen Begriff der Gesellschaft hinausgehenden Verständnis - der Summeder Anzahl ihrer Individuen - nähern wir uns dem normativen Verständnis schizophrener Erkrankungen in derGesellschaft. Schizophrenie ist dabei mehr als die Krankheit und ihre Symptome selbst. Ihr Verständnis setztsich aus einer differenziert zu betrachtenden Korrelation der Stigmatisierung, Isolierung und Absonderungsowie Integration in Gesellschaft zusammen. Die Gesellschaft differenziert sich in Teile vonFunktionalitätskriterien und Erwartungshaltungen an ihre Mitglieder. Der Schizophrene teilt und erfüllt diehöchst widersprüchlichen Bezugssysteme unserer gegenwärtigen Gesellschaft nicht. Er kann sich nicht wievon ihm gefordert in die entsprechenden Systeme eingliedern und wird im Rahmen seiner Störung stigmatisiertund sanktioniert. Die Arbeit versucht die Rolle des Stigmas in der Gesellschaft näher zu beleuchten und eineden Bedingungen Erkrankung gerecht werdende Antwort zum Krankheitsverständnis zu geben.

Starting from an understanding beyond the simple concept of society - the sum of the number of individuals -we approach the normative understanding of schizophrenic diseases in society. Schizophrenia is more thanthe disease itself and its symptoms itself. Its understanding consists of a differentiated correlation ofstigmatization, isolation and segregation and integration in society. The society differentiates itself in parts offunctionality criteria and expectations to its members. The schizophrenic does not share and does not fulfillthe highly contradictory frameworks of our present society. He cannot integrate into the appropriate systemsas required by him and is stigmatized and sanctioned as part of his disorder. The Bachelor-Thesis attempts toshed more light on the role of stigma in society and to provide an answer to the disease understanding thatmeets the conditions of illness.

1. Einleitung und Fragestellung

„ Krankheit ist ein sozialer Tatbestand. Man k ö nnte auch sagen: Was krank ist, wird durch die vorherrschende Kultur bestimmt. “ (Gadamer, 1987)

„Anhaltender, kulturell unangemessener bizarrer Wahn“. So beschreibt die ICD- 10 die WahnSymptomatik eines Schizophrenen (vgl. Holzer 2016: 4). Das Kriterium wiegt zur Diagnostik schwer. Es fällt deutlich ins Auge, wenn man doch grundlegend etwas über das Krankheitsverständnis der Gesellschaft im Hinblick auf die Schizophrenie erfahren möchte. Wer legt fest, was bizarr am Wahn ist, was ist kulturell unangemessen und wie definiere ich den Maßstab der Pathogenität? Wer legt fest, was psychisch krank ist?

Der Gesellschaftsbegriff geht dabei von der Gesellschaft als Bevölkerung aus. Er betont dieWechselwirkungen und Dynamiken, in denen Individuen untereinander als Akteure handeln.Der Gesellschaftsbegriff ist aber nicht nur eine rein numerische Konstante, er geht weiter aufdie Ebene sozialer Beziehungen und Bedingungen gesellschaftlichen Lebens ein. DerGesellschaftsbegriff dieser Bachelor-Arbeit ist mehr an einem Verständnis von Gesellschaftorientiert, dass sich mit Normen und Kultur bzw. Werteinstellungen befasst. Immer wieder denBezug auf Mehrheits- und Minderheitsdiskurse führende Anspruch sollen jedoch auchMechanismen gesellschaftlicher Stigmatisierungsprozesse erläutert und dargestellt werden.

Die Soziologie nennt den Bereich, der sich mit sozialen Konzepten wie Gesundheit oder Krankheit befasst Medizin- oder auch Gesundheitssoziologie (Finzen/ von Cranach 1972: 3). Die Medizin-Soziologie hatte ihre Blütezeit in den 1970er Jahren. Sie nimmt den Status einer Bindestrich-Soziologie ein. So wie jedoch Medizin und Soziologie schwer zusammen zu bringen waren, so waren erst recht Psychiatrie und Soziologie schwer in gemeinsame Bahnen zu lenken. Die kulturelle Relativität von Gesundheit und Krankheit beeinflusst unser Verständnis und den Spannungsbogen zwischen Menschen, die als krank gelten, krank sind, und gesund sind, enorm (vgl. Schnabel 1988).

Dass, was die Gesellschaft als „normal“ definiert in Befinden und Verhalten, wird im Terminus der „psychischen Störung“ für „verrückt“ erklärt. Die Grenzziehung aus psychisch „gesund“ und „krank“ sowie der Fundus aus gesellschaftlichen Normen gibt den Rahmen der Fragestellung dieser Bachelor-Arbeit vor.

Was versteht die Gesellschaft eigentlich unter einem Menschen, der an einer Schizophrenie erkrankt ist und wie lassen sich Stigmatisierungsprozesse mit dem Krankheitsverst ä ndnis verkn ü pfen ? Welche Beiträge der Soziologie insbesondere der Stigma-Forschung unterstützen das mehrheitlich negative Bild des Schizophrenie-Kranken in der Gesellschaft? Welche Bezüge lassen sich herstellen? Welche Rückschlüsse lassen das Krankheitsverständnis der Schizophrenie auf psychische Erkrankungen im Allgemeinen zu?

Wir wissen, dass Schizophrenie mit einer hohen Stigmatisierung einhergeht und auch zu einersteilen sozialen Abstiegskarriere führen kann. (vgl. Wieser 1973). Psychische Erkrankungenund ihr Verständnis stehen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. In der Medizin undSozialpsychiatrie hat es in den letzten Jahren ein deutliches Wachstum an Literatur undPublikationen gegeben. Im Zuge der Durchsetzung neurobiologischer Grundlagen derErkrankung fokussieren sich viele der in der Wissenschaft rezipierten Beiträge auf den Beitragder Psychopharmaka in der Schizophrenie-Behandlung, sowohl befürwortend als auch kritischgesehen (s.a. Schöpf 2004/ Benkert 1995/ Riederer/Laux 2009/ Zehentbauer 1991/2010). Auchviele im psychiatrie-kritischen Spektrum publizierten Beiträge befassen sich ausschließlich mitFolgen und Nutzen der Psychopharmaka (Lehmann 1996/2017). Neben der Diskussion derThese, dass psychische Erkrankungen zunehmen, wurden auch zunehmendStigmatisierungsprozesse bei psychisch erkrankten Menschen in den Fokus derwissenschaftlichen Untersuchung genommen. Das Schlusslicht der Wissenschaft bildet dieSoziologie. Schizophrenie wird kaum auf einer rein gesellschaftlichen Ebene betrachtet, wederin der Sozialpsychiatrie noch in der biologisch orientierten Allgemeinpsychiatrie. DieGesellschaft und das Gesellschaftliche hängen dieser Krankheit wie ein Anhängsel am Rücken,obwohl in ihr die Erkrankung doch lebt und existiert. Sieht man sich die aktuellen Beiträge an,die der Psychiatrie mehr das Soziale entgegenbringen sollen (vgl. Kawohl et. al. 2016), so fälltauf, dass nicht die Gesellschaft an sich im Vordergrund steht, sondern die Reintegration desIndividuums auf psychosozialer Ebene. Es geht in diesen Beiträgen mehr um die Funktionalit ä t,man könnte einen neuro- kognitiven „Outcome“ kritisch anmerken, als um diegesellschaftlichen Bedingungen und Vorurteile, die um „Schizophrenie“ bestehen. DieBachelor- Arbeit kann nicht die vollkommene Antwort auf das geben, was das komplexePhänomen der Gesellschaft auf allen Ebenen und Gliederungen unter einer Schizophrenie odereinem an Schizophrenie leidenden Menschen versteht. Es geht darum, einen Zugang zu finden,auf welchen Ebenen das Krankheitsverständnis der Schizophrenie gedacht werden kann undwelche denkbaren Dimensionen sich zu einem Verständnis des Gegenstands assoziieren lassen.Dieses Verständnis basiert auf den in der Literatur rezipierten Beiträgen, die Vorannahmen zumKrankheitsverständnis der Schizophrenie zu bündeln versuchen.

2. Hypothesen zum Krankheitsverständnis schizophrener Erkrankungen

Zu den Hypothesen: Wie viele sozialwissenschaftliche Hypothesen finden wir manchmal keineausreichende Überprüfungstoleranz- sowie abschließende Grenze zur Beantwortung. DieHypothesen geben schon ein Vorverständnis zum Krankheitsverständnis. Dass Schizophreniemit einem Stigma behaftet ist wird durch unsere erste Hypothese impliziert. Diese Implikationist nicht selbstverständlich oder Gott gegeben, aber wir müssen Schizophrenie mit Prozessender Stigmatisierung verbinden. Mit Hilfe der Theorie sozialwissenschaftlicher Stigma-Forschung ist diese Arbeit durch ihre Ergebnisse und Rahmung eingebettet. Zur Überprüfungder Hypothesen dient die auf die theoretischen Modelle und Befunde zurückgreifende Literatur.Nur auf dieser Basis kann eine ausreichende Antwort blühen und erwachsen. Was haben dieHypothesen mit unserem Versuch, das Krankheitsverständnis schizophrener Erkrankungen zurahmen, zu tun? Sie geben nicht nur Rahmenbedingungen vor, sondern geben unserer eingangsgestellten Fragestellung den Weg auf, um überhaupt das Verständnis schizophrenerErkrankungen herauszuarbeiten.

Wenn man den Zusammenhang zwischen Stigma und Schizophrenie erkennt, muss man Ihnprüfen durch die theoretischen Grundlagen, die sich um diesen Zusammenhang ergeben undaufdecken. Die erste Hypothese wird im Diskussionsteil besonders in den Vordergrund gestellt,wenn Stigma und Schizophrenie in einem Zusammenhang diskutiert werden. Die zweiteHypothese möchte eine anthropologische Achse einschlagen, hinsichtlich der Frage nach demMensch-Sein und der Bedeutung des schizophrenen Menschen außerhalb der Reduzierung aufKrank-Sein. Dass Stigma nicht nur eine im Geiste verhaftete Konstante ist, versucht unseredritte Hypothese zu erörtern. Das Stigma- basierte Krankheitsverständnis wirkt sich auch in derPraxis auf soziale Beziehungen zu Schizophrenen aus. Es wirkt sich auf die Gestaltung undRegulation von Nähe und Distanz zu einer an Schizophrenie leidenden Person aus.

- Hypothese 1:

Es gibt einen signifikanten Zusammenhang von negativen Stereotypen, Stigmatisierung, Diskriminierung und Vorurteilsbildung auf den Krankheitsverlauf (!) sowie das allgemeine Verständnis psychischer Erkrankungen. Dies ist ein deutlicher Indikator für die Bildung eines umfassenden Netzwerkes in der Konzeption des Krankheitsverständnisses psychotischer Erkrankungen und wird im Laufe der Arbeit diskutiert werden.

- Hypothese 2:

Das Stigma der Schizophrenie rückt den Menschen als Wesen, welches über die Krankheit hinausgeht, in den Hintergrund und sieht nur noch Wertgrößen wie Krankheit, Therapie, Behandlung und Einhegung in die Gesellschaft in den Vordergrund. Die Frage, wo der Mensch bleibt bei allem was wir um Schizophrenie und Gesellschaft wissen, ist berechtigt und gehört einer erweiterten Prüfung zugeführt.

- Hypothese 3:

Wenn der Prozess der Stigmatisierung wirkt und eintritt, so hat dies fatale Folgen für den Erkrankten selbst, die Gesellschaft, die Volkswirtschaft, die Familie und Freundesbeziehungen des Kranken etc.

3. Schizophrenie und Gesellschaft - zum Verstehen und Verhältnis

Wer sich mit Schizophrenie beschäftigt, ob wissenschaftlich oder nicht, der wird immer an dieEndlichkeit der Nachvollziehbarkeit und des Wissens um die Erkrankung kommen. Auch nach200 Jahren der Forschung, der Formulierung und der Definition der Gruppe der Schizophreniendurch Eugen Bleuler (1911), ist die Schizophrenie immer noch eine nicht allseits verstandenepsychische Erkrankung. Dass die „ pathologischen Gebilde der Kranken Abk ö mmlinge der wichtigsten Fragen des Normalen “ (C.G. Jung, 1908 zit. n. Burton, Neel 2011: 85) seien, dieseFrage wird uns im Verlauf der Arbeit noch beschäftigen. Die Bestimmung dessen, was man als„Schizophren“ bezeichnet (und ebenso als „Normal“) ist ein Produkt auch gesellschaftlicherNormen und kultureller Aushandlungsprozesse (Killian 2012/ Burton 2011: 78- 79/84). Nichtnur die Medizin in Form des Psychiaters definiert genau, was eine Schizophrenie bedeutet undwie sie sich zeigt, auch die Gesellschaft legt fest wie Sie die Kranken am besten kategorisiert.Im Allgemeinen Sprachgebrauch wird „schizophren“ als eine Bezeichnung verwendet, umbesonders widersinniges Verhalten zu „labeln“ (Finzen 1996). Wer wissen möchte, was dieGesellschaft allgemein unter einer Schizophrenie oder einem schizophrenen Menschen versteht,der kommt an der Auseinandersetzung mit den Begriffen von „Normalität“, „Gesundheit“,„Krankheit“ und „psychische Erkrankung/Behinderung“ nicht herum (vgl. Keupp 1999,Stollberg 2012). Die Schlagworte bilden den Rahmen der Schizophrenie und nur so kann manverstehen, wie sich gesellschaftliche Vorurteile und Distanzverhalten gegenüber Erkranktendoch bildet. Die Schizophrenie hat viele Gesichter - in ihrer Ausprägung, Behandlung, Therapie,ihrer Außenwirkung, ihrer Prognose, ihren finanziellen Kosten und natürlich für den Erkranktenselbst. In der Psychiatrie wird die Schizophrenie vorwiegend medikamentös behandelt - damalswie heute (vgl. schon früh Krüll 1977: 82, Kloos 1968; Fleischhacker et.al. 2017).

Es fällt deutlich auf, dass die Psychiatrie eine hohe Festigkeit aufweist hinsichtlich desStörungsbildes und der Behandlung. Die neuesten Publikationen untersuchen vor allem dieWirkungsweise und Rezeptorbindungs-Affinität der antipsychotisch wirkenden Substanzen.Auch wenn Publikationen wie „Brennpunkte der Schizophrenie“ (Platz et.al. 1993) auch diegesellschaftliche Dimension der Schizophrenie beleuchten, so ist der Fokus doch deutlich diemedikamentöse Behandlung - und wenn, dann geht es um die Vorurteile der Gesellschafthinsichtlich der Medikamente (vgl. Berner 1993: 30/31). Das Verhältnis von Schizophrenie undGesellschaft ist mehr als komplex. In einer komplexer werdenden Gesellschaft wird auch eineausreichende und dem Kranken gerecht werdende Therapie zunehmenden schwieriger. ImLaufe der Arbeit soll auch das Verhältnis des sozialen Wandels zur Schizophrenie betrachtet werden (Kapitel 10). Dieses Verhältnis rundet das Verständnis der Gesellschaft zur Schizophrenie ab.

3.1. Die Schizophrenie als eine Erkrankung und Entgleisung der Psyche

Schizophrenie zählt zu den häufigsten Ursachen von Behinderung und Lebenseinschränkungen(Fleischhacker et. al. 2017). Etwa einer von Hundert erkrankt im Laufe seines Lebens an einerSchizophrenie. Das historische Vermächtnis der Psychiatrie prägt auch das Verständnis derErkrankung. Für Emil Kraeplin war die Schizophrenie, die er noch „dementia praecox“ nannte,eine Erkrankung mit charakteristischer Symptomatik und deutlich negativer Langzeitprognose(vgl. Harding et.al. 1992: 44). Die Schizophrenie ist einer Form der „endogenen Psychose“. Dieschwerste Form dieser Psychosen nennt man die Schizophrenie. Die schizophrenen Störungentreten im Bereich des Denkens, der Wahrnehmung, der Affektivität, des Selbstwertgefühls, derPsychomotorik, des Antriebs, sowie der zwischenmenschlichen Kommunikation auf (Hahlweg1996; Hell/Schüpbach 2008: 42-43; Brenner 1992: 336; Finzen 1996: 15/16), Nur 2,6- 4,1% der Erkrankten erleben eine dauerhafte Heilung. (Shapira/ Shader 1979 zit. n.Harding et. al. 1992: 44). Die Schizophrenie ist meist eine chronische Erkrankung im Verlauf,die in ihrem Auftreten qualitativ und zeitlich sehr unregelmäßig sein kann. Sie kann dabeikontinuierlich fortschreiten, Stillstehen, zum Rückfall oder zur Heilung führen. Der Verlauf derErkrankungen kann sehr heterogen sein, so werden bei Huber et.al. (1975) bis zu 73 Verläufeunterschieden. Nach Ciompi (1976) gibt es jedoch überschaubare 8 Verlaufstypen. Dieseunterscheiden sich hinsichtlich ihres Auftretens der Episode, der Remission (Rückbildung) undder Prognose „Nach der Psychose“. Der Verlauf schizophrener Erkrankungen kann für dieSoziologie interessant sein, wenn Sie den Kranken in seiner Identitätsentwicklung erforschenmöchte und Rückschlüsse durch die Rekonstruktion der Krankheitsphasen auf die allgemeineEntwicklung zieht (besonders Puls 2003: 44).

In einem späteren Kapitel (8) wird ein Ausblick gegeben werden, welchen Beitrag dieSoziologie noch auf dem Gebiet der Schizophrenie leisten kann. Wenn wir uns dieLangzeitentwicklung der Schizophrenie betrachten, so wird die psychosoziale Therapie, unddamit die Therapie in Gesellschaft, immer wichtiger. Die Heterogenität der Verlaufsformen gibtMöglichkeiten auf, die Erkrankung auch gesellschaftlich besser abzufangen und bessereAngebote der Arbeit, des Wohnens, der Freizeitgestaltung etc. den Kranken zu bieten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 1.: Langzeitentwicklung der Schizophrenie nach Ciompi/ M ü ller 1976

Wenn die Soziologie die medizinische Seite der Schizophrenie nutzen kann für die Prädikationvon gesellschaftlichem Status und Wiedereingliederung, so hat Sie den sozialen Teil derErkrankung gut abgefangen. Mit Hinblick auf die Verlaufsformen kann Sie zusätzlichZusammenhänge deuten im Blick auf Normen und Handlungssysteme (vgl. Puls 2003).Konkret bedeutet dies, dass Sie zum Beispiel untersuchen kann, warum Schizophrenie-Krankeimmer wieder zu Drogen und Alkohol, Tabak etc. greifen. Da diese Bachelor-Thesis den Blickauf die gesellschaftliche Seite der Erkrankung werfen möchte, wird auf eine medizinischegenaue Erläuterung der Erkrankung verzichtet. Besonders gut erklärt und empfehlenswert sinddie medizinischen Ausführungen bei Holzer (2016) und Nurton (2011) hierzu.

Die Vielgestaltigkeit schizophrener Symptomatik beeinflusst das Krankheitsverständnis derSchizophrenie nur unzureichend. Im Laufe der Arbeit, besonders wenn der Wert des Stigmasdiskutiert wird sowie den ätiologischen Widersprüchen um die Entstehung der Krankheit, trittdie eigentliche Symptomatik in den Hintergrund. Die Modelle und Konzeptualisierungen derErkrankung (Schizophreniegenese) sind nicht Gegenstand dieser Arbeit und führen zu keinemErgebnis hinsichtlich des Krankheitsverständnisses der Gesellschaft. Die Frage nach demBewusstsein der Gesellschaft für spezifisch schizophrene Symptomatik bleibt offen und kannin diesem Rahmen nicht ausreichend beantwortet werden. Die Gesellschaft mag sich unterSchizophrenie wirres, schräges, absonderliches Verhalten vorstellen, doch inwiefern dieErkrankung selbst wirklich eine meist massive Entgleisung der Psyche bedeutet, dies kann nichtexegetisch von der Gesellschaft hier beantwortet werden. Schizophrenie ist kein dauerhafterDefekt, wie es in der Schulmedizin lange Zeit gelehrt wurde und auch nicht unheilbar (vgl. Hell/Schüpbach 2016: 132). Man kann die Schizophrenie nach medizinischen, sozialen, philosophischen und kulturellen Maßstäben diagnostizieren und einordnen. Im Folgenden Theorie-basierten Teil der Arbeit wird es mehr um die soziale Ebene der Schizophrenie gehen, dennoch werden wir uns immer wieder fragen, was der Stellenwert des Schizophren-Sein in der Gesellschaft für das Mensch-Sein bedeutet. Letztlich vollständig verobjektivierbar sind schizophrene Symptome nicht, Sie unterliegen - nicht nur in der Psychiatrie - den unterschiedlichsten Beurteilungskriterien.

3.2 Umgang und Vorurteile mit Schizophrenie-Erkrankten in der Gesellschaft

Das Hauptanliegen der Vorurteilsforschung auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen ist es, die Einstellungen der Gesellschaft vom historisch schon angelegten „Geisteskranken“ zu untersuchen. Moderne Konzepte sprechen von psychischer Erkrankung, der Begriff der Geisteskrankheit ist selbst stigmatisierend und veraltet.

Es geht um die Attribuierung negativer Eigenschaften, die den psychisch Kranken als gewaltt ä tig, gef ä hrlich, verantwortungslos und unvern ü nftig erscheinen lassen. Eine guteEinführung in die Thematik der Vorurteile um die Erkrankung sowie in der Gesellschaft gebenHell/Schüpbach (2016: 9-12). Bei Hell und Schüpbach werden vier gröbere Vorurteilsbereicheunterschieden, die einen historischen und weit verbreiteten Hintergrund aufweisen in derBevölkerung. Die Erläuterung und Widerlegung dieser Vorurteile spielt auch eine wichtigeRolle in der späteren Diskussion, was die Gesellschaft denn unter einem„Schizophrenen“ versteht. Das älteste und erste Vorurteil hält sich hartnäckig und besagt, dassSchizophrenie mit einem fortschreitenden Abbau von Hirnsubstanz einhergeht und zu einer Artvorzeitiger Demenz führe (Hell/Schüpbach 2016: 9). Das zweite weit verbreitete Vorurteilbesagt, Schizophreniekranke würden unter einer Verkindlichung leiden, jedoch ist diesesgenauso wenig haltbar wie das erste Vorurteil (vgl. ebd. S. 10). Ein drittes Vorurteil bezieht sichauf das Verhalten der Schizophrenie-Kranken. Sie lebten unkontrollierte Leidenschaften ausund seien im Bereich „Primitiver Kulturen“ anzusiedeln.

Das vierte Vorurteil nährt einen antipsychiatrischen Zeitgeist. Demnach sei Schizophrenie als Kunstprodukt aufzugreifen, als eine Art Selbstverst ä ndlichkeit, welche zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung würde. Dieser Ansatz negiert die Symptome und der Mensch erscheint als Opfer und Produkt der Psychiatrie. (Hell/Schüpbach 2016: 11).

Vorurteile und negative Einstellungen gegenüber Menschen, die an einer Schizophrenie erkrankt sind, sind in der Bevölkerung weit verbreitet und fest verankert. In der Bevölkerung herrschen zwei Grundtypen in der Überzeugung schwerer psychischer Erkrankungen vor(vgl. Meise et.al. 2001: 77):

- Unheilbarkeit und Unbehandelbarkeit der Schizophrenie
- Unberechenbarkeit und Gewalttätigkeit der Erkrankten

Die Vorurteilsbildung geschieht auf drei Ebenen: Einer kognitiven, einer affektiven und einerkonativen/Verhaltensbezogenen Ebene. Gerade das Vorurteil neigt dazu auf kognitiver Ebenekontrafaktisch durchgehalten zu werden, d.h. selbst wider besseren Wissens werden neueaktuelle Informationen ignoriert. Die affektive Dimension beinhaltet die positiven undnegativen Emotionen dem psychisch Kranken gegenüber. Selbst in Studien zu physiologischenAuswirkungen bei der Auseinandersetzung mit dem Terminus der Schizophrenie zeigten sichUnruhe, Angst, Spannung bei den untersuchten Probanden. Angst, Furcht, Antipathie sind diebestimmenden Emotionen einem Schizophrenie-Kranken gegenüber (vgl., ebd./ auch Holzer2016: 60).

Die dritte und letzte Dimension bezieht sich auf das Alltagshandeln den Betroffenen gegenüber.So zeigt sich eine große soziale Distanz, die es im weiteren Verlauf der Arbeit näher zu zeigenund interpretierten gilt in Bezug auf das Krankheitsverständnis der Schizophrenie.Für die weitere Diskussion sind die Vorurteile von besonderer Bedeutung, da Sie uns den bestenHinweis geben, was man in der Gesellschaft unter einem Schizophrenie-Kranken versteht.

Die Medizin trägt ihren Beitrag zur Vorurteilsbildung innerhalb der Gesellschaft in besonderem Maße bei (vgl. Hinterhuber 1999/ Kisker 1975). Die Klassifikationssysteme der ICD und die des DSM der „American Psychiatric Association“ haben zu einer allumfassenden Pathologisierung geführt, die der Schizophrenie nicht nur als Krankheit Rechnung trägt, sondern auch dem Betroffenen selbst.

3.3. Der Streit der Disziplinen

Manfred Pflanz (1975) stellte schon fest: Die Geschichte der Medizin mit der Soziologie seieine „unendliche Geschichte frustrierender Begegnungen“. Die Medizin und die Soziologiemögen sich nicht, und doch brauchen Sie einander. Die Soziologie könnte, sofern es einAufflammen medizin- soziologischer Beiträge geben sollte wie auf dem Gebiet derSchizophrenie-Forschung, wichtige Erkenntnisse liefern und an historische Ansätze anknüpfen.Sie vermag die medizinische Seite der Erkrankung nicht beeinflussen können, jedoch kann Sieauf dem Bereich der Sozialmedizin und in der Gesundheitspolitik die Entwicklung vorantreiben.Zwischen Psychiatrie und Soziologie herrscht aktuell Funkstille (vgl. Finzen 2009: 9). Selbstdie sozialpsychiatrische Forschung, die es ja gibt, findet praktisch unter Ausschluss derSoziologie statt wie einer Zeitschriftenanalyse ergab (vgl. Angermeyer 2004). Der Streit derhistorischen Ursachenforschung wiegt schwer und scheint unverzeihlich. Womöglich hält dieMedizin die Soziologie auch schlicht für wenig geeignet, um einen Beitrag auf dem Gebiet vonKrankheit und Gesundheit zu leisten. Die Fokussierung auf das Arzt-Patienten-Verhältnis sowiedie gesellschaftlichen Bedingungen von Krankheit verlautbaren viel Pessimismus undoffenbaren meistens seitens der Soziologie eine negativ gefärbte Sichtweise.

Die Soziologie vermag sich nicht damit zufriedengeben, eine sekund ä re Rolle zu spielen nachder Frage der Integration medikamentöser antipsychotischer Behandlung in den Lebensalltagdes Betroffenen. Dennoch bestehen unter den Schlagworten der „Krankenrolle“ des psychischKranken und des Begriffs der „Krankheitseinsicht“ große Handlungsfelder, die sich nicht nurzeitgeschichtlich modifizieren, sondern auch für die gegenwärtige soziale Situation psychischErkrankter einsetzen lassen. Die Soziologie kann auch die psychologischen Auswirkungen derErkrankung gesellschaftskritisch ins Auge fassen. Wenn Schizophrenie als „kumulativeKommunikationsstörung“ (Krüll 1977) betrachtet wird, so kann die Soziologie durch MethodikLogiken und Gesetzmäßigkeiten aufdecken (Grammatik, Diskurs, Kontextbedingungen), diesich aus dem Sprachdiskurs der Familie oder allgemein des sozialen Umfelds ergeben. Imspäteren Teil der Arbeit soll nochmals auf die Perspektiven der Soziologie für die Schizophrenieeingegangen werden. Man wird wohl kaum zu einem globalen gerechten System gelangen bzw.eine starre Handlungsanweisung für die Soziologie entwerfen können, doch aus demKrankheitsverständnis der Gesellschaft heraus, ergeben sich viele Möglichkeiten und allgemeinWege der Unterstützung wissenschaftlicher Forschung.

4. Die Auffassung psychotischer Erkrankungen in den Sozialwissenschaften

Die Erkrankung der Schizophrenie hat in den Sozialwissenschaften besonders in den 1960erund 1970er ein bemerkenswertes Interesse erfahren (Puls 2003: 47). In der Beschreibung derSchizophrenie treten die unterschiedlichsten soziologischen Konzepte und Strömungen inKonkurrenz. Während man früher noch einen grundlegenden Dissens der Ätiopathogenese derSchizophrenie führte (besonders in der Ablehnung der rein biologischen Ursachentheorie) (vgl.Krüll 1977; Szasz 1975; Cooper 1979; Laing 1972), so geht die Sozialwissenschaft heute mehrauf die sozialen Auswirkungen der Schizophrenie hinsichtlich Stigmatisierung undEtikettierung ein, spezifisch gesehen der Frage nach, inwiefern kulturelle Begebenheiten(Cultural Values) sowie negative Einstellungen den psychisch Erkrankten gegenüberpersistieren (Link/ Phelan 2013: 28).

Wenn es um die Schizophrenie als Erkrankung geht, so postuliert man in den Sozialwissenschaften als Ursache die zwischenmenschlichen Beziehungen, die krank machenden Familienverhältnisse, den Umgang mit „Wahnsinn“ und „Vernunft“ in der Gesellschaft (Foucault 1960).

4.1. Ansätze der Soziologie zum Verständnis der Erkrankung

Die Soziologie hat den Wettstreit der Ursachen-Genese sozialer Faktoren verloren (vgl. Puls 2003: 47/ Kawohl et.al. 2016: 511; Killian 2008: 137; Morgan 2008). Auch die Sozialpsychiatrie hat lange vernachlässigt, dass das Soziale des Menschen tief in der Biologie veranlagt ist. Heute sind sich die Sozialpsychiatrie und die (Neuro)- Biologie zumindest deutlich nähergekommen (vgl. Kawohl et. al. 2017: 514)

Bei Krüll (1977) kam es noch zu einer Aufteilung in eine biogenetische und soziogenetische Theorie der Schizophrenie. Mit der Durchsetzung der Psychopharmaka und der Entdeckungdes Chlorpromazin begann die Ära der biologischen Psychiatrie, die psychische Erkrankungenauf Stoffwechselstörungen im Gehirn vereinfachte (Killian 2008: 932). Der Siegeszug derbiologischen Psychiatrie hält bis heute an, wenn auch die biologische Psychiatrie vor einerÜberschätzung ihrer therapeutischen Möglichkeiten selbst warnt (Müller 1999/ Häfner 2001 zit.

n. Puls 2003: 48). Dass diese therapeutischen Möglichkeiten, besonders der Medikamente, vonverschiedenster Seite auch schwer negativ betrachtet werden (vgl. Lehmann 2014/2017;Hloch/Mayr 1993: 200; Katschnig/ Amering 1993: 215), zeigt die Grenzen und Problematiken,

[...]

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Details

Titel
Schizophrenie. Zum Krankheitsverständnis psychischer Erkrankungen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Soziologie)
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
48
Katalognummer
V421631
ISBN (eBook)
9783668690196
ISBN (Buch)
9783668690202
Dateigröße
998 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schizophrenie, Psyche, Krankheit, Medizinische Soziologie
Arbeit zitieren
Janos Pletka (Autor), 2018, Schizophrenie. Zum Krankheitsverständnis psychischer Erkrankungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/421631

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