Staat und Religion. Stellung der Aleviten in der Türkischen Republik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
30 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer und historischer Bezugsrahmen
2.1 Konzept des türkischen Staates
2.2 Sozial-/ und Gesellschaftsstruktur
2.3 Minderheitenproblematik
2.3.1 Europäischer Minderheitenbegriff
2.3.2 Türkischer Minderheitenbegriff
2.3.3 Minderheiten in der Türkei

3. Das Alevitentum
3.1 Geschichte der türkischen Aleviten
3.2 Werte, Rituale und Normen
3.3 Abgrenzung zur sunnitischen Islamauffassung

4. Lage der Aleviten
4.1 Phase der kemalistischen Republik
4.1.1 Beziehung zwischen Mustafa Kemal und den Aleviten
4.1.2 Auswirkung der kemalistischen Säkularisierung auf die Aleviten
4.2 Phase des Mehrparteiensystems
4.2.1 Situation zwischen 1946 und dem ersten Staatsstreich 1960
4.2.2 Situation zwischen 1960 und dem Staatsstreich von 1971
4.2.3 Situation zwischen 1971 und dem Staatsstreich von 1980
4.2.4 Situation zwischen 1980 und dem Memorandum 1997
4.2.5 Alevitische Identität als Antwort auf den politischen Islam
4.3 Gegenwärtige Situation unter der AKP-Regierung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die türkische Politik ist besonders im Hinblick auf die große Anzahl der Menschen mit türkischer Zuwanderungsgeschichte in Deutschland oder den EU-Beitrittsverhandlungen ein allgegenwärtiges politisches Thema in der Öffentlichkeit. Dazu gehört auch die Innenpolitik des türkischen Staates, im speziellen die Minderheitenpolitik.

Mit einem Anteil von schätzungsweise 20-30% der Bevölkerung bilden die Aleviten, als eine eigenständige Glaubensgemeinschaft, einen großen Teil der türkischen Gesellschaft. Diese Hausarbeit untersucht die Beziehung zwischen Staat und Religion in der Türkei im Hinblick auf die Stellung der Aleviten in der de jure laizistischen Türkischen Republik. Besonders die Reislamisierung der türkischen Gesellschaft soll in Bezug auf ihre Auswirkungen auf die Aleviten untersucht werden.

Zunächst werden einige Grundlagen zum Verständnis der türkischen Gesellschaft und der türkischen Politik aufgegriffen. Dazu gehört eine kurze Entwicklungsgeschichte des türkischen Staates und die Zusammensetzung ihrer Bevölkerung. Anschließend wird die Problematik des Minderheitenbegriffes aus türkischer und europäischer Sicht aufgegriffen, welches auch Teil der Kopenhagener Kriterien und damit ein Beitrittskriterium für die EU-Mitgliedschaft der Türkei ist.

Bevor die Stellung der Aleviten unter der Berücksichtigung der politischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen von der Gründung der Türkischen Republik bis heute untersucht wird, wird zunächst das Alevitentum als Glaubensgemeinschaft betrachtet. Neben einem historischen Abriss über die Geschichte der Aleviten, wird im Besonderen ihre Abgrenzung zur sunnitischen Auffassung des Islams thematisiert. Dies ist im Hinblick auf die Reislamisierung der türkischen Gesellschaft wichtig.

Im Hauptteil der Arbeit liegt der Fokus sowohl auf den sich ständig verändernden politischen Strukturen des türkischen Staates, als auch auf deren gesellschaftliche Auswirkungen auf die Aleviten. Die Rolle zwischen der Religion und dem laizistischen türkischen Staat soll untersucht werden, um in einem abschließenden Fazit die Stellung der Aleviten zu resümieren.

2. Theoretischer und historischer Bezugsrahmen

2.1 Konzept des türkischen Staates

Mit dem Ausruf von Mustafa Kemal am 29. Oktober 1923 wurde die Republik Türkei als Rechtsnachfolgestaat des Osmanischen Reiches gegründet. Um die konzeptionelle Idee hinter diesem relativ jungen Staat zu verstehen, ist ein Blick in die Spätphase des Osmanischen Reiches notwendig. Das Osmanische Reich war eine absolute (ab 1876 konstitutionelle) Monarchie mit religiöser Legitimation unter der Herrschaft eines Sultans. Das gültige sunnitisch-islamische Werte- und Normensystem war auf die Aufrechterhaltung eines Status quo ausgelegt und konnte sich nicht im Sinne einer sich verändernden Welt umstrukturieren (vgl. Gümüs, 2001, S.94). Im 19. Jahrhundert begann sich die Idee der Nation und eines Nationalbewusstseins auch im Osmanischen Reich zu verbreiten und wurde von den zahlreichen verschiedenen Ethnien, die im Osmanischen Reich lebten, rezipiert (vgl. Dreßler, 1999, S.33). Der Islam, der bis dato als übergreifende Gruppenidentität im Osmanischen Reich fungierte, wich den jeweiligen nationalen Identitäten. In Folge dieser Transformation entstanden zahlreiche territoriale (autonomie-) Ansprüche der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, welche zum Teil auch in gewaltsamen Autonomiebestrebungen Ausdruck fanden. Dies, und die Niederlage im Ersten Weltkrieg an der Seite der Mittelmächte und die damit verbundene totalen Abhängigkeit von den Siegermächten, leiteten das Ende des Osmanischen Reiches ein (vgl. Dreßler, 1999, S.29).

Mit dem Sieg der nationalen Unabhängigkeitsbewegung über die alliierten Besatzungsmächte, unter Anderem unter der Führung von Mustafa Kemal, und dem Vertrag von Lausanne vom 24. Juli 1923, wurde die nationale Souveränität der Türkischen Republik festgeschrieben. Mustafa Kemal wurde zu ihrem ersten Präsidenten gewählt und verfolgte eine Politik der „tabula rasa“, dem radikalen Bruch mit der Vergangenheit des Osmanischen Staates und seines Gesellschaftsbildes (vgl. Kramer, 2008, S. 103). Mustafa Kemals Ziel war die Erschaffung eines an dem westlichen Europa angelehnten, modernen Nationalstaates. Er versuchte mittels radikaler Reformen die Religion und damit insbesondere den Islam aus der Öffentlichkeit zu verdrängen und eine Säkularisierung der Gesellschaft voranzutragen. Die Religion als Identitätsstifter wich dem Begriff der Nation, über die sich die Bevölkerung fortan definieren sollte, denn das islamische Wertesystem stand den Vorstellungen Mustafa Kemals über eine moderne Türkei diametral entgegen (vgl. Wedel, 1991). Am 3. März 1924 wurde die Beendigung des Kalifates beschlossen und die Türkische Republik galt spätestens nach dem 10. April 1928, mit der Änderung des 2. Artikels der Türkischen Verfassung, in der der Islam als offizielle Religion des Staates festgeschrieben war, als laizistisch (vgl. Kramer, 2008, S.121). Dieser Laizismus wurde auch am 5. Februar 1937 als einer der 6-Grundpfeilern des Kemalismus (so wurde die „Ideologie“ Mustafa Kemals nach seinem Tod bezeichnet) zusammen mit dem Nationalismus, Populismus, Etatismus und Revolutionismus in der Verfassung verankert, die bis heute die türkische Gesellschaft und den türkischen Staat prägen. Der türkische Laizismus beschreibt allerdings nicht, wie beispielsweise in Frankreich, die Trennung von Staat und Religion, sondern die totalitäre Kontrolle der Religion durch den Staat (vgl. Dreßler, 2008, S. 57).

Heute ist die Türkei eine parlamentarische Demokratie, doch die Türkische Republik wurde de facto Jahrzehnte lang von einer Staatspartei, der kemalistischen CHP regiert. Das Militär, welches im nationalen Unabhängigkeitskrieg an erheblicher Bedeutung innerhalb der Bevölkerung gewonnen hatte, war genauso mit den Anhängern Mustafa Kemals besetzt, wie die Justiz. Es entstand eine Elite die darauf aus war ihre Existenz zu sichern und sich zu reproduzieren (vgl. Kramer, 2008, S.125). Dieses autoritäre Verständnis ermöglichte es dem türkischen Militär, 1960, 1971, 1980 und 1997 direkt die Regierungsgewalt zu übernehmen und/oder in das politische Geschehen einzugreifen (vgl. Seufer, , S.95f.).

In den vergangenen Jahren fand ein Prozess des Wechsels der politischen Eliten statt, der bis heute andauert. Die kemalistisch besetzten Positionen innerhalb des Staatsapparats weichen einer konservativ-religiösen und unternehmerischen Mittelschicht. Dieser Prozess ist bereits so weit vollzogen, dass die als unantastbar geltende Bastion des türkischen Militärs sich nicht länger über die zivile Regierung stellen kann. Über 250 Offiziere wurden verhaftet und die Verantwortlichen der Militärjunta von 1980 wurden offizielle angeklagt (vgl. Zeit, 2011; 2012). Dies kann als eine Demokratisierung der staatlichen Strukturen gelesen werden, wenn gleich die Regierungspartei ähnlich autokratisch e Züge angenommen hat, wie ihre Vorgänger.

2.2 Sozial-/ und Gesellschaftsstruktur

Die Türkei ist ein Land mit etwa 79,75 Millionen Einwohnern, von denen circa 70-75% Türken, 18% Kurden und 7-12% sonstige Minderheiten sind (vgl. CIA), darunter Griechen, Assyrer, Lazen, Roma, Armenier, Tscherkessen, Araber, Osseten und Aramäer. Die offizielle Amtssprache ist türkisch. 99,8% der Bevölkerung sind Muslime, dazu werden auch die 20-30% der Aleviten gezählt. Zu den 0,2% gehören zum größten Teil griechisch-orthodoxe Christen, Anhänger der Armenisch-Apostolischen oder Armenisch-Katholischen Kirche, Yeziden, und Juden (vgl. CIA, 2012; ZfT, 1998, S.59ff.).

Die meist gesprochene Sprache nach dem Türkischen mit ungefähr 14 Millionen Sprechern stellt das Kurmandschi dar, welches eine von drei kurdischen Sprachen ist. Etwa 1 Millionen Sprecher hat das ebenfalls kurdische Zazaki und Arabisch (vgl. Andrews, 1989, S.67ff).

Die türkische Gesellschaft hat eine relativ junge Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von 28,5 Jahren. Mehr als 25% der Bevölkerung sind unter 14 Jahre alt und nur knapp 6,3% sind älter als 65. Über 70% der türkischen Bevölkerung leben in der Stadt.

Die Türkische Republik hat ein Bruttoinlandsprodukt von 615329 Millionen Dollar und liegt damit weltweit auf Platz 17 der größten Volkswirtschaften (vgl. IWF). 63,9% des BIPs werden im Dienstleistungssektor erwirtschaftet, 9,2% in der Agrarwirtschaft und 26,9% im industriellen Sektor. Die Türkei hat eine offizielle Arbeitslosenquote von 10,3% und eine Inflationsrate von 7,8% (vgl. CIA, 2012).

Innerhalb der Türkei gibt es starke regionale Disparitäten bezüglich der Ressourcenverteilung, dem Entwicklungsstand und der Lebensbedingung der Menschen. Die Provinzen im Süd-Osten der Türkei sind deutlich weniger entwickelt als der städtische Westen der Türkei. Des weiteren bevölkern den Westen des Landes fast doppelt so viele Menschen wie den Osten. Es herrscht also ein großes Ost-West-Gefälle.

2.3 Minderheitenproblematik

2.3.1 Europäischer Minderheitenbegriff

Die europäische Definition des Minderheitenbegriffs ist das Ergebnis eines seit Jahrhunderten andauernden Prozesses. Während der Begriff Minderheit sich in der römischen Antike und im Mittelalter zunächst auf religiöse Gruppen bezog, erweiterte im 19. Jahrhundert die ethnische Minderheit diesen Begriff um die Idee der Volkssouveränität. Dazu trug maßgeblich die Französische Revolution bei, mit welcher das Konzept der Nation, des Staates und damit des Staatsvolkes aufkam (vgl. Künnecke, 2007, S.25).

Innerhalb der EU existiert bis dato keine allgemein anerkannte oder verbindliche Definition des Begriffs Minderheit. Da innerhalb der EU unterschiedliche Staatskonzepte vorherrschen und einige Länder auch die Bedrohung durch Autonomieansprüche fürchten, ist ein Konsens schwierig. Dennoch ist der Minderheitenschutz Teil der Kopenhagener Kriterien und damit obligatorisch für eine EU-Mitgliedschaft. Dazu werden einige Kriterien herangezogen, die „sich herauskristallisiert“ haben und als „konstante und konstituierende Kriterien“ einer europäischen Minderheitendefinition betrachtet werden können (vgl. Künnecke, 2007, S.60f.).

Objektive Voraussetzung für die Zugehörigkeit zu einer Minderheit ist zunächst die zahlenmäßige Unterlegenheit einer Gruppe in Bezug auf die Gesamtzahl der Bevölkerung. Diese Gruppe darf außerdem keine dominierende Stellung innerhalb der Bevölkerung einnehmen und muss eine Eigenart aufweisen. Dazu zählen zum Beispiel Sprache, Religion oder die ethnische Volkszugehörigkeit. Diese Gruppe muss außerdem die Staatsangehörigkeit des Aufenthaltsstaates besitzen, damit der Staat „effektiven Minderheitenschutz gewährleisten“ kann (Künnecke, 2007, S.63). Dies ist nur dann nicht der Fall, wenn der Staat die Staatsangehörigkeit willkürlich vorenthält.

Mit diesem Minderheitenbegriff sind zahlreiche Minderheitenrechte verknüpft, die in EU-Verträgen, der EU-Grundrechtecharta oder in Dokumenten des KSZE verankert sind. Zentral für die Minderheitenrechte ist das Diskriminierungsverbot, welches Mitgliedsstaaten verbietet, die Angehörigen einer Minderheit auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu dieser Minderheit zu diskriminieren. Sie müssen das Recht auf den Gebrauch ihrer eigenen Sprache und das Ausleben ihrer Kultur habe. Dies bezieht sich nicht nur auf den Gebrauch im Privaten, sondern auch auf den Gebrauch in Medien, im Unterricht oder in Behörden (vgl. Künnecke, 2007, S.69). Minderheiten müssen sich in Interessenverbänden organisieren und gesellschaftlich und politisch partizipieren dürfen.

2.3.2 Türkischer Minderheitenbegriff

Der türkische Minderheitenbegriff ist eng mit seiner historischen Entwicklung aus dem Osmanischen Reich verknüpft und damit auch ideologische Grundlage der türkischen Republik.

Im religiös legitimierten Osmanischen Reich wurde die Bevölkerung nach ihrem Verhältnis zur sunnitischen Auffassung des Islams eingeteilt. Die Kerngesellschaft im modernen Sinne bestand aus der islamischen Gemeinde. Lediglich ihnen wurden bürgerliche Rechte und Pflichten aufgetragen. Ethnische, sprachliche oder kulturelle Minderheiten wurden im Osmanischen Reich nicht als solche definiert, sondern immer in Bezug auf ihren Glauben beurteilt. Die nicht-muslimischen Teile der Bevölkerung wurden „in Götzendiener und Völker der Schrift“ (Künnecke, 2007, S.83) eingeteilt. Sie waren im sogenannten Milet-System organisiert und genossen weitgehende erzieherische, justizielle aber auch administrative Autonomie (vgl. Künnecke, 2007, S.84f.). Zu diesen nicht-muslimischen Minderheiten gehörten die Griechen, die Armenier und die Juden. Für diese Freiheiten mussten diese nicht-muslimischen Gemeinden allerdings hohe Kopf- und Grundsteuer zahlen.

Mit dem ersten Weltkrieg und dem Niedergang des Osmanischen Reiches wurde die Türkische Republik als ihr Nachfolgestaat gegründet. Zunächst wurde in Folge der Niederlage des Ersten Weltkrieges am 10. August 1920 der Friedensvertrag von Sévres geschlossen, welcher zahlreiche territorialen Abtretungen der Türkei an ethnische Minderheiten wie den Kurden oder Armeniern vorsah. Außerdem wurde die politische Souveränität der Türkei stark beschnitten. Mustafa Kemal, der damals als Kommandeur der Befreiungsarmee fungierte, erkannte den Vertrag von Sévres nicht an und startete eine Offensive gegen die Besatzungsmächte. In Folge zahlreicher Siege kam es zu neuen Verhandlungen, an welchen die Türkei als gleichberechtigter Partner teilnahm. Der Lausanner Vertrag, als Ergebnis dieser Verhandlungen, war für die Türken ein großer Sieg verglichen mit dem Vertrag von Sévres, da die territoriale und politische Souveränität international anerkannt wurde. Außerdem wurden ethnische Minderheiten wie die Kurden, im Vergleich zum Vertrag von Sévres, nicht länger erwähnt. (vgl. Künnecke, 2007, S.93f.). Die Europäer und insbesondere die Griechen und Armenier werden seit dem Vertrag von Sévres als „Bedrohung für die territoriale Integrität […] der türkischen Nation“ betrachtet (Künnecke, 2007. S.91), die nur darauf aus sind, die Türkische Republik zu spalten.

Die Definition von Minderheiten und ihren Rechten in der Türkei wurde mit dem Lausanner Vertrag geregelt und gilt bis heute an. Der Vertragstext spricht in osmanischer Tradition lediglich von nichtmuslimischen Minderheiten. Kulturelle, sprachliche oder ethnische Minderheiten werden nicht unter diesen Begriff gefasst. Dies ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, wie etwa die potentielle Gefährdung der staatlichen Einheit oder dem Ziel, eine nationale Identität zu schaffen. Des Weiteren fallen unter dem Minderheitenschutz lediglich türkische Staatsbürger. Arndt Künnecke fasst fünf Kriterien zusammen, um als Minderheit in der Türkei anerkannt zu werden: Zahlenmäßige Unterlegenheit, keine beherrschende Stellung, nicht-muslimische Religionszugehörigkeit, türkische Staatsangehörigkeit und ein Zugehörigkeits- und Solidaritätsgefühl (vgl. Künnecke, 2007, S120). Minderheiten, die nicht unter diese Definition fallen, werden bis heute geleugnet. Dazu gehören zum Beispiel die Aleviten oder die Kurden.

2.3.3 Minderheiten in der Türkei

Die multiethnische Bevölkerungsstruktur der Türkischen Republik ist ein Erbe des Osmanischen Reiches, welches sich als Vielvölkerimperium verstand (vgl. ZfT, 1998, S.1). In diesem Sinne leben auch heute noch zahlreiche ethnischen, nationalen, religiösen oder sprachlichen Minderheiten in der Türkei. Nach türkischem Verständnis werden in der Türkei die nicht-muslimischen Minderheiten der Armenier, Griechen und Juden anerkannt.

Die griechisch-orthodoxe Minderheit hat eigener Schätzungen zur Folge zwischen 2000-3000 Mitglieder und besitzt über eine große, eigene Infrastruktur. Die griechisch-orthodoxe Minderheit ist in Bezug auf ihre Größe relativ wohlhabend. Sie besitzen in etwa 50 Kirchen, eigene Schulen, Krankenhäuser, Kinderheime und Zeitungen. Allerdings ist ihr Fortbestand gefährdet, da es rechtliche Hürden bezüglich der Priesterausbildung gibt. Alle Geistlichen müssen türkische Staatsbürger sein und außerdem werden Ausbildungsstätte für Priester geschlossen. Der ökumenische Status des Patriarchen wird nicht anerkannt (vgl. Künnecke, 2007, S.133).

Die armenische Minderheit ist in Folge von Massakern und Vertreibungen im Ersten Weltkrieg, die zum Teil auch international als Völkermord gewertet werden, stark dezimiert worden. Sie beträgt ungefähr 70.000 Mitglieder und ist unterteilt in orthodoxe, katholische und protestantische Christen. Die größte Gruppe innerhalb der armenischen Minderheit machen mit circa 95% die armenisch-orthodoxen Christen aus. Weitere 4% gehören der armenisch-katholischen Kirche an und die restlichen 1% der armenisch-protestantischen Kirche. Die armenische Minderheit besitzt ähnlich wie die griechische Minderheit in der Türkei in etwa 40 Kirchen, einige Schulen und Stiftungen. Die armenische Minderheit unterliegt ähnlichen Beschränkungen und Hürden wie die griechischen Christen (vgl. Künnecke, 2007, S.137).

Die Juden bilden mit circa 25.000 Mitgliedern die größte, offizielle nicht-muslimische Minderheit nach den Armeniern. Sie besitzen ähnlich wie die anderen offiziellen nicht-muslimischen Minderheiten eigene Synagogen, Schulen und Stiftungen. Sie haben eine relativ gute Beziehung zum türkischen Staat, deren Wurzeln bis ins frühe Osmanische Reich reichen (vgl. Künnecke, 2007, S.140).

Im Folgenden werden eine ethnische und eine religiöse Minderheit benannt, die nicht als solche anerkannt werden, obwohl sie einen großen Teil der türkischen Bevölkerungsstruktur ausmachen.

Die Kurden sind die größte ethnische Minderheit in der Türkei, die nicht als solche anerkannt wird. Sie sind das größte Volk auf der Welt, das keinen eigenen Staat hat. Ihre Zahl ist auf Grund (politisch beabsichtigt) fehlender Statistiken nicht bekannt, wird aber in etwa auf 12-20% der türkischen Gesamtbevölkerung geschätzt. Die Kurden sind bezüglich ihrer Religion und Sprache heterogen, es existieren drei kurdische Dialekte (Zaza, Kurmanci und Sorani) und vier große Religionen, denen die unterschiedlichen Kurden angehören: Sunniten, Aleviten, Yeziden und Christen (vgl. Künnecke, 2007, S.149f.; CIA, 2012). Die Beziehung zwischen der kurdischen Bevölkerung und dem türkischen Staat ist auf Grund starker Repressionen und Diskriminierungen angespannt. Die kurdische PKK, die auf der US- und EU- Terrorliste aufgeführt wird, kämpft seit 1978 bewaffnet gegen den türkischen Staat für ein autonomes kurdisches Administrationsgebiet und für die jahrzehntelang verleugnete Identität der Kurden. Seit einigen Jahren werden staatlicherseits Reformen der Demokratisierung forciert, welche die ethnische und kulturelle Identität der Kurden anerkennen und würdigen.

Die Aleviten sind die zweitgrößte muslimische Gemeinschaft mit schätzungsweise 20-30% Mitgliedern (vgl. ZfT, 1998, S.59ff.). Es leben neben den türkischen Aleviten auch kurdische, arabische oder aserbaidschanische Aleviten in der Türkei. Viele identifizieren sich in erster Linie als Aleviten und erst sekundär über ihre ethnische Identität. Daher gelten sie nach europäischem Verständnis als Minderheit (vgl. Künnecke, 2007, S.168). Die Aleviten werden vom türkischen Staat nicht als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt und folglich werden den Aleviten bei dem Bau ihre Gebetshäuser (Cem-Häuser) zahlreiche Hürden auferlegt. Staatlicherseits finden versuche der Assimilierung statt, etwa im sunnitischen Religionsunterricht in den Schulen.

3. Das Alevitentum

Die alevitische Glaubenslehre ist eine Konfession innerhalb des schiitischen Islams, deren Wurzeln in das 13. Jahrhundert zurückreichen (vgl. Gümüs, 2001, S.22ff.; ZfT, 1998, S.32f.). Auf den Tod des islamischen Propheten Mohammed folgte ein Machtkampf um die Führung der Muslime. Die Aleviten glauben, wie die Schiiten, dass Mohammeds Schwiegersohn und Cousin, Ali ibn Abi Talib, der rechtmäßige Nachfolger Mohammeds sei. (vgl. Dreßler, 1999, S.83). Die türkischen Aleviten bilden mit einem Anteil zwischen 20-30% der türkischen Gesamtbevölkerung die zweitgrößte Glaubensgruppe nach den Sunniten (vgl. Aydin, 1997, S.87). Neben den türkischen Aleviten existieren auch kurdische und arabische Aleviten, welche zusammen nach Max Weber eine ethnische Gruppe bilden, da diese „Ähnlichkeiten des Äußeren Habitus oder der Sitten“ besitzen und einen „subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinschaft hegen, (…)., ganz einerlei, ob eine Blutsgemeinschaft vorliegt oder nicht“ (vgl. Weber, 1980, S. 237).

3.1 Geschichte der türkischen Aleviten

Über die Entstehungsgeschichte der türkischen Aleviten gibt es auch innerhalb der alevitischen Gemeinschaft Kontroversen. Es ist eine Vermischung verschiedener, von zum Teil auch sich widersprechender religiöser Ideen und Philosophien. Dazu gehören alte urtürkische Religionen, aber auch christliche, manichäische, zoroastrische, volksislamische und auch buddhistische Glaubenselemente (vgl. Gümüs, 2001, S. 25). Das Wort Alevi entstammt wahrscheinlich aus dem arabischen Wort alawi, was soviel bedeutet wie „Ali-Anhänger“ (vgl. Vorhoff, 1995, S.57). Damit sind jene Muslime gemeint, die im Streit um Mohammeds Nachfolger Ali als seinen rechtmäßigen Nachfolger akzeptieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Staat und Religion. Stellung der Aleviten in der Türkischen Republik
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Die Türkei, EU und Obama (Gouvernance im Mehrebenensystem II – EU bis International)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
30
Katalognummer
V423997
ISBN (eBook)
9783668697096
ISBN (Buch)
9783668697102
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkei, Aleviten, Religion, Laizismus, Kemalismus, Rechte, Erdogan
Arbeit zitieren
Ulas Kalayci (Autor), 2013, Staat und Religion. Stellung der Aleviten in der Türkischen Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423997

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