Die Entwicklung der japanischen Stadt (der Edo-Periode) und ihre Unterschiede zur okzidentalen Stadt


Hausarbeit, 2005
32 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung
1.1. Vorwort
1.2. Zur japanischen Geschichte

2. Hauptteil
2.1. Die Entwicklung der okzidentalen Stadt
2.2. Die Entwicklung der japanischen Stadt
2.3. Die japanische Isolation – Wegbereiter der japanischen Stadtentwicklung?

3. Schluss
3.1. Fazit
3.2. Anhang: Tabelle „Auswertung“, „Bushido“, „Ie-Gesellschaft“, „Stadt Sakai“
3.3. Literatur und Quellen

1. Einleitung

1.1. Vorwort

Japan gilt als Ausnahmefall in der Entwicklung der Industriestaaten. Natürlich ist jede Gesellschaft hinsichtlich ihrer Geschichte und Kultur einmalig, aber kein anderes Land schaffte es, in nur so kurzer Zeit vom Feudalstaat zu einer der führenden Industrienationen der Erde zu werden. Erst 1854 kamen die Japaner durch den Druck der Amerikaner mit der industrialisierten Zivilisation europäischer Tradition in Kontakt, doch schon ca. 120 Jahre später hatten sie die USA in den Bereichen Computertechnik, Automobilbau und Mikrotechnologie von ihrer globalen Führungsposition verdrängt. Über dieses Phänomen sind vor allem in den japanischen Sozialwissenschaften viele Theorien entwickelt worden. Ein Fakt ist dabei für den Zustand Japans im 19. Jahrhundert immer wieder stark betont worden: Japans über 250jährige internationale Isolation.

Ausgehend vom 17. Jahrhundert isolierte sich der japanische Staat unter der Führung des „Tokugawa-shogunats“ außenpolitisch von allen anderen Staaten und erhielt so über zweieinhalb Jahrhunderte ein stabiles feudales System aufrecht. Für den ausländischen Betrachter des 19.Jahrhunderts schien es so, als sei in Japan die Zeit stehen geblieben.

Die Japaner lehnten außerdem alles „ausländische“ kategorisch ab; sie drängten auch nicht darauf, die moderne Zivilisation kennen zu lernen. Diese Einstellung hielt jedoch nicht lange an: als Commodore Perry die Kampfkraft seiner „Schwarzen Schiffe“ demonstrierte, schreckte die japanische Gesellschaft auf. Die Ohnmacht gegen die militärische Macht der USA mit ihrem, durch die Industrialisierung weit entwickelten, Militärapparat ließ ihr kaum eine Wahl. Sie erkannte, dass der japanische Staat ohne eine Anpassung an die moderne Entwicklung zu einem unbedeutenden Spieler in der langsam beginnenden Globalisierung werden würde. Dementsprechend schnell fiel die Entscheidung, das „shogunat“ der Feudalzeit aufzulösen und den Kaiser als gottähnlichen Herrscher zu reaktivieren. Dies führte zusammen mit der Industrialisierung und Militarisierung Japans zu einem Expansionsdrang, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ende fand.

In dieser Arbeit möchte ich mich mit der Geschichte der japanischen Stadt beschäftigen und der Frage nachgehen, warum sich in Japan kein Stadttypus europäischer Tradition bildete. Dazu gebe ich als erstes (1.2.) einen kleinen Überblick über die japanische Geschichte, da sich nur aus ihr die historischen Zusammenhänge für die Entwicklung der japanischen Gesellschaft ableiten lassen. Als zweites (2.1.) skizziere ich die Merkmale der europäischen Stadt, wie sie Max Weber beschrieben hat. Im dritten Punkt (2.2.) versuche ich, Merkmale der japanischen Stadt soweit möglich herauszuarbeiten, um dann viertens (2.3.) die Frage zu beantworten, warum sich die japanische Stadt in ihrer spezifischen Weise entwickelte und wie sie sich von der europäischen Stadt unterscheidet.

1.2. Zur japanischen Geschichte

Die japanische Geschichte zeichnet sich, im Vergleich zur Europäischen, durch eine Entwicklung aus, die vor allem durch ihre über 250jährige Isolation vom Ausland bestimmt ist. Japan begann mit der Machtübernahme der „Tokugawa“ 1603 eine außenpolitische Abschließung des Landes zu verfolgen, die erst 1854 durch die gewaltsame Öffnung von Commodore Perry beendet wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Land geprägt von einem starren Feudalsystem, das der japanischen Gesellschaft nur wenig Wandel erlaubte, jedoch seinen stetigen Verfall nicht aufhalten konnte. Durch die Begegnung mit der industrialisierten amerikanischen und europäischen Gesellschaft entstand in Japan der Eindruck eines zivilisatorischen Rückstandes, der durch eine aggressive Industrialisierungs- und Imperialismuspolitik binnen weniger Jahrzehnte aufgeholt wurde. Die Verbindung von traditionellen kulturellen Elementen mit modernen Institutionen der westlichen Staaten ist eine Leistung, die nur die japanische Gesellschaft hervorgebracht hat.

Die Frühgeschichte Japans beginnt mit der „Yayoi-Kultur“. Die Menschen dieser Entwicklungsstufe waren Jäger und Sammler. Zwischen 300 vor und 300 nach Christus erhielt diese frühe Kultur durch Einwanderungsströme vom asiatischen Festland neue kulturelle Impulse, die ein schnelles Fortschreiten der handwerklichem und landwirtschaftlichen Fertigkeiten zur Folge hatte. Es bildeten sich sesshafte Dorfgemeinschaften und chinesische Quellen dieser Zeit erwähnen Japan als ein Inselreich aus ca. 100 Teilstaaten, die aus Clangesellschaften bestanden. Einige davon waren den chinesischen Kaisern tributpflichtig und pflegten mit China einen engen Austausch. Um 350 nach Christus war es der Regionalherrscher der Region „Yamato“, der die übrigen Clans unter seiner Vorherrschaft einigte. Zur Legitimation seines Machtanspruches, wurden die Familiengottheiten der anderen Clans den Hausgottheiten der „Yamato-Fürsten“ in einer familiären Hierarchie unterstellt. Dadurch ergab sich eine Bindung der Clans untereinander, die jetzt in familiärer Beziehung zueinander standen. An der Spitze dieser Gottheiten stand der Sonnengott „Amaterasu-omikami“, die Hausgottheit des nun regierenden „tenno-Clans“. Die direkte Abstammung der Führer des „tenno-Clans“ von dieser Gottheit legitimierte die außerordentlich besondere Stellung des „tenno“ in Japan, denn er wurde bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als göttlicher Herrscher verehrt.

Im 6. Jahrhundert gelangte durch koreanische Gelehrte neben medizinischem und handwerklichem Wissen auch der Buddhismus nach Japan. Unter dem Regenten „Shotoku“ wurde der Buddhismus zur Staatsreligion und der „tenno“ zum göttlichen Alleinherrscher über den aus Clangesellschaften locker zusammengefügten japanischen Staat. Die niedergeschriebenen „17. Artikel“ legen die Basis für die kollektivistische Ausrichtung der späteren Feudalgesellschaft:

„[...]Die Harmonie, die halte man für wert. Das Vermeiden von Widerstand, das mache man zum Grundsatz. Die Menschen neigen Eigeninteressen zu, und es gibt nur wenige, die Einsicht besitzen.[...]Vertrauen ist die Grundlage gegenseitiger Verpflichtung. Vertrauen ruht in jeglicher Sache. [...] Besteht Vertrauen zwischen Regierenden und Regierten, was sollte dann nicht erreicht werden können. [...]Entscheidungen dürfen nicht von einem einzelnen getroffen werden. Gemeinsame Erörterungen müssen folgen.“ (Bertelsmann Lexikothek, Band 2, 1990:111).

Mit dem 7. Jahrhundert übernahm Japan das chinesische System des zentralisierten Beamtenstaates. Jedoch standen die hohen Beamtenränge am Kaiserhof und in den Provinzen ausschließlich den Adelsfamilien der ehemals führenden Sippenverbände offen. Anders in China: hier konnte jeder, der das Prüfungssystem durchlief und bestand zum Beamten werden. Vom 8. bis zum 12. Jahrhundert entwickelte sich in Japan unter dem Einfluss des Buddhismus eine Zeit der Hochkultur, vor allem getragen durch den sich nach außen abgrenzenden japanischen Kaiserhof. Der Hofadel, auch „kuge“ genannt, lebte völlig zurückgezogen und weltfremd mit und in dem Mythos des tenno als göttlichen Herrscher.

Dadurch bemerkte der „kuge“ auch nicht, wie in den Provinzen starke Rittergeschlechter heranwuchsen, deren Machtbasis in den großen Ländereien weit ab vom Kaiserhof lag. Die Ritter-Familien lösten die Hofaristokratie schließlich Anfang des 12. Jahrhunderts ab. Die Herrschaft lag jetzt in den Händen der jeweils stärksten Regionalfürsten und wechselte von den „Fujiwara“ zu den „Taira“, 1180 zu den „Minamoto“, die früher vom Hofadel der „Fujiwara“ zur Niederwerfung von Aufständen eingesetzt wurden. Das Oberhaupt der „Minamoto“ nahm 1185 den Titel „shogun“ an. Die neue Regierung lebte jetzt nicht mehr am Hof, sondern bildete ein „bakufu“, eine Art Militärregierung. Die Ernennung zum „shogun“ erfolgte ab jetzt durch den tenno, der als göttliches Oberhaupt auf eine Legitimationsfunktion reduziert wurde. Er besaß damit nur noch wenig politische und bürokratische Macht. Der Übergang vom „tenno-Staat“ zum „Shogunat“ zeichnete sich durch drei zentrale Merkmale aus: erstens ging die Herrschaft vom „Tenno“ und dem „Kuge“ über auf die „Buke“, dem Landadel, an deren Spitze der „Shogun“ stand. Zweitens wurde damit die bisher nachgeahmte chinesische Kultur der „Tang Dynastie“ und ihrem Beamtensystem hinter sich gelassen und eine eigene japanische Kultur entstand, die drittens die Kultur eines neu im Entstehen begriffenen Standes war: der „bushi“, also des niederen Landadels, der seine Dienste den mächtigen Gutsbesitzern anbot. Mit den gegenseitigen Verpflichtungen der Krieger und der nun folgenden langen Zeit der ständigen Konflikte - von der Auflösung des „Tenno-Staates“ ab 700 bis zur friedvollen „Edo-Zeit“ um 1600 – entwickelte sich eine Ideologie und Lebensauffassung, die die japanische Gesellschaft bis heute prägt. Die Entwicklung dieser Kultur war entscheidend für die Stabilität der späten Feudalgesellschaft

Die Familie „Minamoto“ wurde in der Zeit der Mongoleneinfälle von den „Hojo“ abgelöst, letztere konnten unter den enormen Rüstungsanstrengungen zur Abwehr der Mongolen ihre Herrschaft nicht aufrechterhalten, da Massen von Bauern für Jahre von ihrer Feldarbeit ferngehalten wurden. In dieser Zeit gelang es dem „Tenno-Clan“ kurzzeitig wieder an die Macht zu kommen. 1338 ging die Macht schließlich wieder an eine Ritter-Familie, die „Ashikaga“, die erst 1480 abdankten. In Japan beginnt nun eine Zeit der Bürgerkriege, die unter immer wechselnden Fronten 120 Jahre anhält, bis es „Tokugawa Ieyasu“ aus dem Haus der „Tokugawa“ gelingt, das Land zu einen und eine über 250 jährige Herrschaft seines Clans zu errichten. Das von den „Tokugawa“ 1603 bis 1854 errichtete Feudalsystem mit seinen Abhängigkeitsverhältnissen, seinem Kontrollapparat und dem starren Standsystem erlaubte über die Jahrhunderte hinweg einen nur sehr langsamen Wandel der japanischen Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund muss auch die Entwicklung der japanischen Stadt betrachtet werden. Die „Pax-Tokugawa“ ist neben spezifisch japanischen kulturellen Elementen der Auslöser für das Ausbleiben der unter 2.1. hervorgehobenen Merkmale für das Entstehen der europäischen Stadt. Das Feudalsystem und seine Auswirkungen auf die japanische Gesellschaft wird weiter in Punkt 2.3. beschrieben.

Die japanische Geschichte verläuft nach 1854 in einer aggressiven Aufholjagd. Die westlichen Standards im militärischen, industriellen, bürokratischen und staatstheoretischen Bereichen werden von Japan oft eins zu eins kopiert und die kollektivistische Struktur der japanischen Kultur ermöglicht dem Land bis zum Zweiten Weltkrieg einen imperialistischen Aufstieg.

2. Hauptteil

2.1. Die Stadtentwicklung im Okzident

Im folgenden Abschnitt beschäftige ich mich mit der Stadtentwicklung des Okzidents nach Max Weber. Die Entwicklung der Besonderheiten der okzidentalen Stadt war laut Weber nur in der europäischen Tradition möglich, die bestimmte einzigartige Phänomene hervorbrachte. Diese sollen im Folgenden herausgearbeitet werden.

Zu Beginn des Textes geht Weber auf die verschiedenen Typen und Kategorien von Städten ein. Darunter befinden sich einige Typen, die in der Entwicklungsgeschichte verschiedenster Gesellschaften auftauchen und somit universellen Charakter haben. Zentral und wahrscheinlich am ältesten ist dabei der Typus der Festungs- oder Burgstadt, welcher mit dem Beginn des militärischen Burgenbaus ins Leben trat (Vgl. Weber 1972). Das Bedürfnis nach Schutz ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen und somit so alt wie die Menschheit selbst. Dieses Bedürfnis sorgte in der Entwicklungsgeschichte von Gesellschaften häufig zur Ausdifferenzierung von gesellschaftlichen Teilsystemen, die allein die Aufgabe hatten, diese Schutzfunktion zu gewährleisten, verbunden mit dieser Aufgabe waren auch bestimmte Privilegien, häufig vor allem der Zugang zu Macht, der auf der politischen Ebene eine Dominanz der mit der Schutzfunktion beauftragten Gruppe(n) zur Folge hatte. In allen Varianten des Feudalismus zeigt sich dieses Phänomen besonders deutlich durch die vertikale Kette der Abhängigkeiten.

„Die Verfügung über die Burg bedeutete eben militärische Beherrschung des Landes, und es fragte sich nur: wer sie in der Hand hatte, ob der einzelne Burgherr […], eine Konföderation von Rittern, oder ein Herrscher, der sich auf die Zuverlässigkeit seines darin sitzenden Lehensmannes […] verlassen durfte.“ (Weber 1972:[521]).

Damit ist nach meiner Ansicht der erste Schritt zu einer später im Okzident auftauchenden Autonomie der Städte als politisches Sondergebilde getan. Weber betont, dass die Festungsstadt universellen Charakter hat, also ist darauf hingewiesen, dass im Okzident eine bestimmte Zusammensetzung von Faktoren zur Entwicklung der europäischen Stadt geführt hat. Trotzdem ist die Fähigkeit sich zu verteidigen Grundvoraussetzung für die Unabhängigkeit.

Die Anwohner der Festungsstadt sind „… zu bestimmten militärischen Leistungen, vor allem zu Bau und Reparatur der Mauern, Wachdienst und Verteidigung […] oder Lieferungen verpflichtet.“ (Weber 1972:[521]). Dadurch garantierte man den Burgfrieden, der wiederum Vorraussetzung für den Warenaustausch und Handel der befestigten Stadt war. Weber führt diesen Zusammenhang an vielen Beispielen vor und beruft sich dabei auf die räumliche Nähe der Exerzier- und Marktplätze, die häufig auch Ort der Versammlung der Stadteinwohner sind:

„… Exerzier- und Versammlungsort des Heeres und deshalb der Bürgerversammlung auf der einen Seite, und andererseits der befriedete ökonomische Markt der Stadt, stehen in plastischem Dualismus nebeneinander.“ (Weber 1972:[522]). Damit geht Weber auf eine weitere wichtige Bedingung der Stadtentwicklung ein: das Wechselspiel zwischen der militärischen (Burg, Schutz) und ökonomischen (Marktplatz, Handel) Sphäre. Diese Verknüpfung ist gewiss nicht nur der okzidentalen Stadt eigen, aber ähnlich wie beim Burgenbau eine wesentliche Bedingung ihrer Entwicklung. „Die Frage der Beziehung zwischen Garnison, der politischen Festungsbürgerschaft einerseits und der ökonomischen, bürgerlichen erwerbenden Bevölkerung andererseits ist nun eine oft höchst komplizierte immer aber entscheidend wichtige Grundlage der städtischen Verfassungsgeschichte.“ (Weber 1972:[522]).

Als Besonderheit der europäischen Stadtentwicklung führt Weber den Begriff der „Stadtgemeinde“ ein. Dieser ist nach seiner Ansicht nur typisch für den Okzident, teilweise noch im vorderen Orient anzutreffen. Die Stadtgemeinde zeichnet sich außer durch ihren

„relativ stark gewerblich-händlerischen Charakter “ durch folgende Merkmale aus:

„1. Die Befestigung, - 2. der Markt, - 3. eigenes Gericht und mindestens teilweise eigenes Recht, - 4. Verbandscharakter und damit verbunden 5. mindestens teilweise Autonomie und Autokephalie, also auch Verwaltung durch Behörden an deren Bestellung die Bürger als solche irgendwie beteiligt waren.“ (Weber 1972:[523]).

Vor allem die autonome Verwaltung und der Typus des Bürgers sind Merkmale, die in außereuropäischen Städten selten bis gar nicht anzutreffen sind. Damit fehlt der Verbandscharakter, der die Stadtgemeinde als politisch einheitliches Subjekt selbstständig macht. Ebenso fehlen damit auch die ständischen Privilegien und Rechte des Bürgers als Mitglied dieses Verbandes. Die okzidentale Stadt war außerdem ein Transformator des individuellen gesellschaftlichen Status. Sie war nach Weber schon zu Zeiten der Antike ein Ort: ,, ... des Aufstiegs aus der Unfreiheit in die Freiheit durch das Mittel geldwirtschaftlichen Erwerbs." (Weber 1972:(529)). Dies geschah häufig durch die Nutzung von Sklaven und Hörigen als Rentenfonds, die also von ihrem Herrn mit Betriebsmitteln ausgestattet wurden und gegen einen beständigen Leitzins in der Stadt ihrem Geschäft nachgingen. Dadurch gelang ihnen oftmals der gesellschaftliche Aufstieg und sie erlebten größere persönliche Freiheit. Die in den okzidentalen Städten zunehmende ökonomische Halbselbstständigkeit der Leibeigenen führte mit der Zeit zu einer Befreiung aus Herrschaftsstrukturen und zu einer Durchbrechung des Herrenrechts. Dies war nur durch die Stadtbürgerschaft möglich und eine politisch revolutionäre Neuerung (Vgl. Weber 1972).

Die okzidentale Stadt ist ein ,,anstaltsmäßig vergesellschafteter (...) Verband von Bürgern" , die einem gemeinsamen Recht unterstehen und somit ,,Rechtsgenossen" sind (Weber 1972: [530]). Dieses Kennzeichen der Organisation sozialer Beziehungen auf gesellschaftlicher Ebene ist nach Weber nur im europäischen Rechtsgebiet auffindbar. Wer Bürger ist, ist Rechtsgenosse und gleichgestellt mit anderen, egal welcher Beschäftigung er nachgeht. Es gilt ein einheitliches Recht für alle. Damit beruht die Motivation des sozialen Handels auf einem Interessenausgleich bzw. einer Interessenverbindung der einzelnen Stadtbürger. Das Handeln orientiert sich hier zweckrational an der Erwartung der Loyalität des Partners, der in der geschlossenen Gruppe der Stadt auf Reziprozität bedacht ist. Diese Gleichberechtigung, die einmalig in der okzidentalen Stadt auftritt, hat ihre Wurzeln in der Vergemeinschaftung der Individuen als christliche Schwurgemeinschaft. Die Vergemeinschaftung, die nach Weber - im Gegensatz zur rationalen Ausrichtung der Vergesellschaftung - auf affektuellen und in hohem Maße traditionellen Motivationen beruht, fördert die Zusammengehörigkeit der Beteiligten. Der Abbau von sakraler Exklusivität durch die christliche Religion, die Werte wie Gleichheit und Nächstenliebe betont, ist eine wichtige Basis für eine Gleichberechtigung auf anderen gesellschaftlichen Ebenen (Vgl. Weber 1972).

Dieser Entwicklung kam nach Weber unterstützend die im Okzident nicht vorhandene Kasten- und Sippengebundenheit entgegen. ,,In China war es die Sippe (...), in Indien (...) die (...) Kaste, welche jeglichen Zusammentritt zu einer auf sakraler und bürgerlicher Rechtsgleichheit, Konnubium, Tischgemeinschaft, Solidarität nach außen, ruhenden Stadtbürgervergesellschaftung hinderten." (Weber 1972:[531]) Dabei stützt er sich auf die germanische Tradition und die antike Tradition des Okzidents. Die zahlreichen Koloniegründungen der griechischen Stadtstaaten sowie ihre Eroberungen, bei denen Stamm - und Sippenfremde zwangsweise in Gruppen vereint wurden: ,, ... sprengten offenbar (...) die Festigkeit jener sippenexklusiven und magischen Bande." (Weber 1972:[532}). Ähnlich wie bei den jahrhunderte langen Wanderungen der germanischen Kriegerverbände mit ihren selbstgewählten Führern war: „ ... nicht der Gentilverband, sondern der Militärverband (...) die grundlegende Einheit. (...) Gefolgschaft und Vasallentum blieben das Entscheidende, nicht irgendwelche, vielleicht gerade infolge jener Umstände niemals zur Entwicklung gelangten , magischen Bande der Sippe." (Weber 1972:[532]).

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der japanischen Stadt (der Edo-Periode) und ihre Unterschiede zur okzidentalen Stadt
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Politische Soziologie der Stadt 1+2
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V42478
ISBN (eBook)
9783638404983
ISBN (Buch)
9783640129560
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Stadt, Edo-Periode), Unterschiede, Politische, Soziologie
Arbeit zitieren
André Kloska (Autor), 2005, Die Entwicklung der japanischen Stadt (der Edo-Periode) und ihre Unterschiede zur okzidentalen Stadt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42478

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