Zeitwohlstand in Deutschland - Ende der Arbeitsgesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

30 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Entwicklung von Zeitwohlstand in Deutschland
1. Freizeit und Zeitwohlstand
2. Arbeitszeit im Modernisierungsprozess
3. Deregulierung und Flexibilisierung

II. Neue Lebensstile
1. Die 28,8-Stunden-Woche bei der VW AG
2. Zeitpioniere

Schlussbetrachtung

Literatur-/Quellenverzeichnis

Einleitung

Im Oktober 1993 wurde die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland vom ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl als „kollektiver Freizeitpark“[1] bezeichnet. Diese Aussage legt nahe, dass eine Entwicklung weg von der Arbeitsgesellschaft und hin zu einer Freizeitgesellschaft stattfindet, zumal sich die Wochenarbeitszeit in den letzten fünf Jahrzehnten kontinuierlich verringert hat.

Im Folgenden werde ich kurz die wichtigsten strukturellen Veränderungen in der Arbeitswelt der Bundesrepublik Deutschland skizzieren und zeigen, welche einschneidenden Ereignisse zu einer Flexibilisierung und Verringerung der Arbeitszeit geführt haben.

Um zu untersuchen, wie sich der erreichte Zeitwohlstand auf die Lebensführung der Deutschen auswirkt, ziehe ich zwei Studien heran, in der einen geht es um die Einführung der 28,8-Stunden-Woche bei der VW AG und in der anderen um die so genannten Zeitpioniere.

In der Schlussbetrachtung wird dann an Hand der beiden Studien und der aktuellen Arbeitsmarktlage in Deutschland überprüft, ob die Arbeitsgesellschaft tatsächlich bald einer Art von Freizeitgesellschaft Platz macht.

I. Entwicklung von Zeitwohlstand in Deutschland

1. Freizeit und Zeitwohlstand

Wenn man über Zeitwohlstand spricht, sollte man diese Bezeichnung zunächst einmal definieren. Mit Zeitwohlstand bezeichne ich in dieser Hausarbeit den durch dauerhaft reduzierte Arbeitszeit erhöhten Anteil an Freizeit, d.h. Zeit, die dem Individuum zu privaten Tätigkeiten zur Verfügung steht, im Gegensatz zu der Zeit, die für Erwerbsarbeit verwendet wird.

An dieser Stelle ist es ratsam, darauf hinzuweisen, dass der von uns als so verständlich erachtete Begriff Freizeit nicht schon immer existiert hat. In der Entwicklung der Industriegesellschaft ist es im Laufe der Zeit immer nötiger geworden, verbindliche Standards zur Regulierung der Zeit einzuführen um den Industriearbeitern Lebensperspektiven und soziale Mindestabsicherung zu garantieren. Erst mit der gesetzlichen Normierung des Arbeitstages, der Arbeitswoche, des Arbeitsjahres und der Lebensarbeitszeit der Arbeitnehmer konnte sich in Abgrenzung zur Erwerbsarbeitszeit das entwickeln, was wir Freizeit nennen. Dieser Prozess ist auf Grund des Systems der sozialen Marktwirtschaft besonders gut in Deutschland zu beobachten, wo durch den Einfluss von Gewerkschaften, Tarifverträgen etc. den Auswirkungen der Erwerbsarbeit auf das gesamte Leben in besonderer Art und Weise Rechnung getragen wurde.

Der Begriff Freizeit ist erst 200 Jahre alt, seine Entstehung fällt zeitlich mit der Industrialisierung zusammen und erfolgte vor allem durch die Ausdifferenzierung der Arbeit aus dem Kontext von Familie und Haushalt und der Standardisierung der Arbeitszeiten im Rahmen des industriellen Zeitregimes zu Anfang des 19. Jahrhunderts.

2. Arbeitszeit im Modernisierungsprozess

Zwei einschneidende Ereignisse revolutionieren die Arbeitszeit und die länderspezifischen Eigenheiten der Arbeitswelt in Deutschland und Europa, wie Manfred Garhammer in seinem Buch „Balanceakt Zeit“[2] beschreibt: Zum einen (dies gilt für Deutschland) die Integration der ehemaligen DDR in die BRD 1990 und zum anderen die Gründung der Europäischen Gemeinschaft 1991. Garhammer spricht in diesem Zusammenhang von „Modernisierungsschocks“[3], ich werde diese Bezeichnung auf Grund ihrer Bildhaftigkeit beibehalten.

Modernisierungsschock I: Von der realsozialistischen zur westlichen Zeitkultur

Nach dem Fall der Mauer wird auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in kurzer Zeit nachgeholt, was in Westdeutschland über 40 Jahre gedauert hat: Das Wirtschaftssystem der ehemaligen DDR wird dem der BRD angepasst. Dies läuft nicht ohne Konflikte ab, da die DDR, die sich zwar auch als Arbeitsgesellschaft verstanden hat, ein ganz anderes Zeitarrangement hatte.

Die Bürger der DDR werden von heute auf morgen aus der paternalistischen Vereinnahmung durch den Sozialstaat entlassen, was für sie einerseits den Wegfall von Zwängen und Vorschriften bedeutet, allerdings auch die Einbuße von staatlicher Betreuung nach sich zieht. Die Trennung von Wirtschaft und Sozialem, die es in der DDR nicht gab, wird nachträglich innerhalb kurzer Zeit vollzogen.

Im Einzelnen bedeutet dies: Das Wegfallen der sozialen Funktionen des Betriebes, z.B. medizinische Versorgung, Kinderbetreuung oder betrieblich organisiertes Mittagessen als auch die Freizeitgestaltung durch den Betrieb in Form von Sportvereinen, Kulturgruppen oder Urlaubsorganisation. Die Vereinbarung von Familien- und Arbeitszeit, so dass die Nicht-Erwerbszeit (die Zeit, die der/die Arbeiter/in für existentiell wichtige Tätigkeiten benötigt plus seine/ihre Freizeit) des Arbeitnehmers von vorneherein organisiert wird, fällt plötzlich komplett weg.

Die ehemaligen Bürger der DDR müssen deshalb die eigenverantwortliche Organisation der privaten Zeit außerhalb der Erwerbsarbeit erst lernen, da sie nun nicht mehr staatlich reglementiert wird. Die Abwicklung von zahlreichen Behördengängen, die Betreuung der Kinder, unzählige Alltagsaufgaben und die Freizeit müssen individuell organisiert und mit der Erwerbsarbeit zeitlich in Einklang gebracht werden. Eine private Lebensführung an sich muss überhaupt erst erlernt werden. Dies zieht zwangsläufig Irritationen im lange gewachsenen System der Normalarbeitszeit in der deutschen Industriegesellschaft nach sich.

Modernisierungsschock II: Von der Vielfalt des europäischen Zeitkulturen zum Europa des Binnenmarktes

Mit der Gründung der EG ist der Modernisierungsprozess in Europa einen entscheidenden Schritt vorangekommen. Die Eröffnung des Binnenmarktes 1993 fordert die Synchronisation der Zeitarrangements europäischer Industrienationen und bringt Schwierigkeiten durch die kulturellen Unterschiede in den einzelnen Ländern mit sich.

Es kommt zu wirtschaftlichen und politisch-institutionellen Umformungsprozessen, der Tagesablauf von Erwerbstätigen in den EG-Gesellschaften wird kontinental vereinheitlicht, unterschiedliche kollektive Ruhe- und Sozialzeiten der einzelnen Ländern werden der europäischen Vereinheitlichung geopfert.

Die Eröffnung des Binnenmarktes beschleunigt auch den gesellschaftlichen Takt an sich: Unproduktive Zeiten fallen weg, Arbeits- und Betriebszeit werden entkoppelt und Standards aus anderen Ländern übernommen (z.B. wird in Deutschland adaptiert, was in Belgien schon länger der Fall ist: Die Betriebszeit ist 20 Stunden länger als die Arbeitszeit), liberalere Bestimmungen bringen Wochenendarbeit mit sich und gefährden die u. a. in Deutschland festgelegten Standards zur Trennung von Sozial- und Erwerbsarbeitszeit.

Die gesetzlichen Normierungen der Arbeitszeit erhalten also einerseits durch die Integration der ehemaligen DDR als auch durch die Einführung des europäischen Binnenmarktes Irritationen, dies zieht einen Prozess der Deregulierung und Flexibilisierung, der nötig wird um die Synchronisation der Arbeits- und Betriebzeiten kontinental zu vereinheitlichen und mit den Anforderungen des Binnenmarktes Schritt zu halten, nach sich.

3. Deregulierung und Flexibilisierung in Deutschland

Durch verschiedene Gesetzesänderungen löst sich die Normalarbeitszeit in (West-) Deutschland und anderen fortschrittlichen Gesellschaften in Europa kontinuierlich auf. Nach einer Untersuchung des ISO-Institutes[4] arbeiten 1989 nur noch 24 Prozent der abhängig Beschäftigten in Normalarbeitszeitverhältnissen.

Vorausgegangen war dem 1985 das Beschäftigungsbeförderungsgesetz, das befristete Arbeitsverträge leichter ermöglicht, es wurde 1990 verlängert. 1993 beschließt das Bundeskabinett darüber hinaus die Novellierung der Arbeitszeitordnung von 1938 und eine Novelle zum Ladenschlussgesetz, wodurch erweiterte Öffnungszeiten und Sonntagsarbeit ermöglicht werden. Die Zunahme der Jobs im Dienstleistungssektor zieht eine „Amerikanisierung“ der Arbeitszeitlandschaft nach sich, indem Jobs neu geschaffen werden, die sich durch Öffnungszeiten rund um die Uhr, ungesicherte Beschäftigungsverhältnisse, untertarifliche Löhne etc. auszeichnen. Diese fordern vom Arbeitnehmer ein hohes Maß an zeitlicher Flexibilität, bieten jedoch nicht die existentiell nötige Absicherung, die z.B. eine Vollzeitstelle garantiert.

Zu dieser Entwicklung haben die Gewerkschaften in Deutschland einen nicht unerheblichen Teil beigetragen. Ihre Absicht war zunächst die reine Verkürzung der Arbeitszeit gewesen, in den 80ern war es dadurch jedoch zu einer Flexibilisierung der Arbeitszeit gekommen.

Ausgangspunkt war die Forderung der IG Metall nach der 35-Stunden-Woche im Jahr 1984. Im „Leber-Kompromiss“ vereinbarten die Gewerkschaft und der Arbeitgeberverband eine stufenweise Einführung der 37-Stunden-Woche bis zum Jahr 1989 – im Tausch gegen flexiblere und damit produktivere Arbeitszeiten. Durch die folgenden Regelungen entstanden für die Arbeitnehmer En-Bloc-Freizeiten, z.B. durch ein verlängertes Wochenende, keine wirkliche Verkürzung, wie ursprünglich intendiert. Teilweise wurden innerhalb der Betriebe sogar wieder Arbeitszeiten von bis zu 40 Stunden pro Woche ausgehandelt, die mit Hilfe eines Überstundenkontos später ausgeglichen werden konnten. Von einer richtigen Verkürzung kann somit nicht die Rede sein, da die Akzeptanz der Arbeitszeitverkürzung durch die Unternehmen, laut Manfred Garhammer[5], nur durch die Akzeptanz von Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeitszeiten erkauft werden konnte.

Die Debatte über den Verteilungskonflikt von Arbeit aus den 70ern und 80ern hatte sich also in eine Debatte über Zeitsouveränität verwandelt. Seit 1984 steht deshalb explizit die Frage nach der Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeitszeiten im Mittelpunkt und zieht eine Vielzahl von Tarifverträgen nach sich, die flexible Arbeitszeitformen ermöglichen.

So kam es 1990, nach der Zustimmung der Arbeitgeber zur 35-Stunden-Woche, sogar zur Einführung des Samstags als regulärem Arbeitstag. Häufig wurden dabei die Betriebsräte, welche an Stelle der Gewerkschaft die Verhandlungen über Verkürzung und Flexibilisierung der Arbeitzeit im Betrieb führten, mit der Drohung unter Druck gesetzt, dass die Arbeitsplätze in europäische Länder mit liberaleren Arbeitszeitstandards verlagert würden.

Auch die Debatte um die Sonntagsarbeit ließ nicht lange auf sich warten: Im Dienstleistungsbereich war sie schon lange an der Tagesordnung und wurde dann von der Textilindustrie aus Konkurrenzgründen gegenüber dem Ausland gefordert. 1991 ermöglichte eine Novelle der Bundesregierung zur Arbeitszeitregelung erstmals die Sonntagsarbeit aus Wettbewerbsgründen, nachdem diese vorher nur für Betriebe möglich war, die auf eine unterbrechungsfreie Produktion angewiesen sind (wie z.B. in der Chemieindustrie).

So haben sich bis 1993 neue Arbeitszeitformen in der deutschen Wirtschaft eingebürgert. Verantwortlich dafür sind nicht nur die Gewerkschaften, sondern vor allem die Arbeitgeber, die die geforderten Verkürzungen und Arbeitszeitwünsche aufnehmen und im Gegenzug eine ihre Produktivität steigernde Arbeitszeitflexibilisierung durchsetzen.

Auswirkungen auf die Lebensstile

Das langsame Wegfallen der Arbeitszeitnormen bringt für die Betroffenen eine Vielzahl von Wahlmöglichkeiten mit sich. Aus den vormaligen Obligationen und Traditionen werden nun Optionen, es ist jetzt jedem weitgehend frei gestellt, wie er seine Arbeitszeit innerhalb seines Tarifvertrags einteilt und sie mit seinem Lebensstil, seiner Familie, seiner Freizeit und seinen Pflichten außerhalb der Erwerbswelt arrangiert.

Die alltägliche Lebensführung wird damit auch von Normen und Institutionen unabhängiger. Kollektive Schichtlagen verlieren an Bedeutung, an Stelle der gemeinsamen Berufserfahrung tritt eine individuelle Lebenserfahrung, berufliche Arbeit bekommt damit einen niedrigeren Stellenwert. Dagegen steigt die Bedeutung von Freizeit, die Arbeitszeit wird ihr damit untergeordnet und je nach Bedarf den freizeitlichen Bedürfnissen angepasst. Es kommt daher verstärkt zu Blockfreizeiten von mehreren Tagen, die Kurzurlaube ermöglichen, Zeit für die Kindererziehung einbringen etc. Beliebt sind auch „sabbaticals“, längere, arbeitsfreie Zeiträume um sich selbst fortzubilden, den Hobbys nachzugehen oder zu verreisen.

Natürlich führt diese Flexibilisierung der Arbeitszeit für den Arbeitnehmer nur zu einem befriedigenden Ergebnis, wenn er nicht nur deren Dauer, sondern auch deren Lage mitbestimmen kann. Kürzere arbeitsfreie Zeiträume, die zerstückelt sind, können meist nicht sinnvoll genutzt werden und daher nur als arbeitsfreie Zeit, jedoch nicht als Freizeit gelten.

Aus dem Wunsch einer immer größer werdenden Zahl von Menschen nach eigenständiger Verteilung der Arbeitszeit über den Tag, die Woche, das Jahr oder sogar das Leben bilden sich neue Formen von Arbeitnehmern wie z.B. die Zeitpioniere heraus, auf die später eingegangen werden soll. Die Zeitsouveränität nimmt generell in allen Bereichen an Wert zu. Wie sich dies konkret auf die Lebensführung auswirkt, werde ich im nächsten Kapitel an zwei Beispielen zeigen.

[...]


[1] Garhammer, Manfred: Balanceakt Zeit. Auswirkungen flexibler Arbeitszeiten auf Alltag, Freizeit und Familie. Berlin 1994, Seite 192.

[2] Garhammer, Manfred: Balanceakt Zeit. Auswirkungen flexibler Arbeitszeiten auf Alltag, Freizeit und Familie. Berlin 1994.

[3] Ebd., Seite 34 und Seite 39.

[4] Garhammer, Manfred: Balanceakt Zeit. Auswirkungen flexibler Arbeitszeiten auf Alltag, Freizeit und Familie. Berlin 1994, S. 42.

[5] Garhammer, Manfred: Balanceakt Zeit. Auswirkungen flexibler Arbeitszeiten auf Alltag, Freizeit und Familie. Berlin 1994., S. 44.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Zeitwohlstand in Deutschland - Ende der Arbeitsgesellschaft
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Arbeit, Zeit und Lebensführung
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
30
Katalognummer
V42486
ISBN (eBook)
9783638405065
ISBN (Buch)
9783638655453
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Hausarbeit wird untersucht, ob das kontinuierliche Absinken der Arbeitszeit seit Gründung der BRD letztendlich zu einem Ende der Arbeitsgesellschaft führt. Dabei werden zwei Modelle verringerter Arbeitszeit vorgestellt: die 28,8-Stunden-Woche bei VW in Wolfsburg und die Studie "Zeitpioniere".
Schlagworte
Zeitwohlstand, Deutschland, Ende, Arbeitsgesellschaft, Arbeit, Zeit, Lebensführung
Arbeit zitieren
M.A. Holger Hoppe (Autor), 2004, Zeitwohlstand in Deutschland - Ende der Arbeitsgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42486

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