Magersucht. Ursachen und präventives Arbeiten in der Kindheit


Hausarbeit, 2018
21 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ursachen von Magersucht
2.1 Familiäre Hintergründe
2.2 Persönlichkeitsbezogene Hintergründe
2.3 Umfeld und gesellschaftliche Hintergründe

3 Präventive Maßnahmen im Kindesalter
3.1 Aufklärung von Eltern/Erziehern/Lehrern
3.2 Lebenskompetenzen der Kinder fördern

4 Essgewohnheiten in Kindertagesstätten
4.1 Aufessen oder reicht probieren?
4.2 Aufgabe der Kitas in Bezug auf meine Praxisstelle

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Bei mir dreht sich alles um die blöden Kalorien, ich esse keine Nahrungsmittel, ich esse Kalorien und das quält mich!“ Diese Aussage bekam ich von einem 12-jährigen Mädchen während meines Praktikums in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie ist gewiss kein Einzelfall, bei 1/5 der Kinder und Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren tauchen Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten auf.[1] Oft sind sie ein Sprachrohr für seelische Probleme, häufig auch in Verbindung mit anderen psychischen Krankheiten. 10% der Betroffenen sterben an Essstörungen, 30% können geheilt werden und die restlichen 60% haben ihr Leben lang mit der Erkrankung und gesundheitlichen Folgeschäden zu kämpfen.[2]

Als angehende Sozialarbeiterin ist dieses Thema für mich von besonderer Bedeutung, da ich davon überzeugt bin, dass die soziale Arbeit unterschiedliche Hilfestellungen leisten kann. Eine psychische Krankheit, die nicht von heute auf morgen entsteht, egal ob Magersucht, Bulimie oder Adipositas, alle haben mindestens eine von den zahlreichen möglichen und unterschiedlichsten Ursachen. Genau an diesen Beweggründen möchte ich ansetzen, weshalb ich mit Hilfe ausgewählter Literatur präventive Lösungsansätze der Magersucht, speziell in der Kindheit, erforschen und entwickeln möchte. Vorerst stellt sich mir jedoch die Frage, welche der multikausalen Ursachen einer Magersucht auf die Kindheit zurückzuführen sind.

In meiner Arbeit werde ich mich speziell mit der Essstörung Magersucht auseinandersetzen, auch Anorexia nervosa oder Anorexie genannt. Es bezeichnet ein krankhaftes Essverhalten, welches durch einen starken selbst verursachten Gewichtsverlust geprägt ist. Die ständige Angst vor einer Gewichtszunahme führt zu einer erheblichen Einschränkung der Nahrungsaufnahme, oftmals in Verbindung mit exzessivem Sporttreiben.[3]

Ebenfalls wichtig ist es, den Begriff Kindheit näher zu erläutern. Ich möchte keine genaue Einschränkung bezüglich des Alters festlegen, da die Kindheit unterschiedlich lange sein kann. Es ist also der Zeitraum von der Geburt bis zur geschlechtlichen Entwicklung, der Pubertät, gemeint.[4]

Diese Arbeit bietet von der Zielstellung und vom geplanten Umfang her nicht die Möglichkeit, die verschiedenen Therapieansätze der Magersucht zu untersuchen, noch um auf die rein medizinischen Ursachen der Krankheit näher einzugehen.

2 Ursachen von Magersucht

Das Krankheitsbild der Magersucht und auch Therapieansätze sind im Laufe der Jahre immer mehr erforscht worden, dennoch gibt es in diesem Gebiet mehr Fragen als Antworten. Hirnforscher und Therapeuten suchen weiterhin nach neuen Ansätzen im Kampf gegen die Anorexie.[5]

Viele Einflussfaktoren sind jedoch schon nachgewiesen, man kann diese in familiäre, gesellschaftliche und persönlichkeitsbezogene Beweggründe unterscheiden. Da diese immer in komplexen Zusammenhängen stehen, ist eine eindeutige Zuordnung von Ursachenketten kaum erkennbar.[6] Wie bei den meisten psychischen Erkrankungen gibt es weit mehr als eine Ursache und die Betroffenen wissen selbst nicht, wie viele und welche Gründe hinter ihrer Krankheit stecken.

Das magersüchtige Verhalten entsteht oft aus einem Mangel an der Fähigkeit Probleme zu lösen. Es vermittelt also das subjektive Gefühl von Erfolg, Leistung und Kontrolle, welches durch folgenden Gedanken bestärkt wird: „Solange ich nichts esse, bin ich dünn, etwas Besonderes und habe alles unter Kontrolle.“[7]

2.1 Familiäre Hintergründe

„Die Magersucht ist aus familiendynamischer Sicht ein Versuch, mit den unlösbar erscheinenden familiären und inneren Konflikten fertig zu werden“, erläutert Baeck.[8] Die Erkrankte grenzt sich von der Familie ab, ohne sich trennen zu müssen. Viele dieser Familien scheinen nach außen als besonders harmonisch, was laut therapeutischen Beobachtungen meist eine Unfähigkeit darstellt, Meinungen und Emotionen aller Familienmitglieder zuzulassen. Mangel an Privatheit oder auch die große Abhängigkeit von der Familie, wird oft als Grund für die Sucht genannt. Da in der Pubertät meist nach Autonomie gestrebt wird, kann eine Essstörung eine Reaktion auf dessen Scheitern sein. Betroffene sind der Ansicht, dass sie mit der Essstörung etwas Eigenständiges gefunden haben, was ihnen niemand wegnehmen kann.[9]

Überfürsorglichkeit innerhalb der Familie und keine klaren Grenzen zwischen deren Mitgliedern führen oft dazu, dass die Betroffenen nicht wissen, wo ihr Platz ist und welche Aufgaben und Erwartungen sie zu erfüllen haben. Während der Pubertät - und somit auf der Suche nach der eigenen Identität - finden sie Halt und Kontrolle in der Krankheit.[10]

Zeigen Familienangehörige ein häufiges Diätverhalten oder äußern Kritik oder negative Kommentare über die eigene Figur, kann auch dies als Ursache der Anorexie betrachtet werden.[11] Ein leistungsorientiertes Klima, sowie die Schwierigkeit Konflikte innerhalb der Familie zu thematisieren, werden ebenfalls als mögliche Ursachen gesehen. Emotionen wie Wut, Trauer oder Hass müssen bzw. werden demnach oft unterdrückt und abgewertet. Die Anorexie stellt einen Versuch dar, sich mit den verborgenen Gefühlen auseinanderzusetzen und durch das Essverhalten diese zu kontrollieren und auszudrückten.[12]

2.2 Persönlichkeitsbezogene Hintergründe

In Bezug auf die Persönlichkeit handelt es sich bei Fällen von Magersucht oft um ein Charakter mit niedrigem Selbstwertgefühl. Über das kontrollierte Essverhalten wollen sie Sicherheit erlangen, sowie das Gefühl autonom und unabhängig zu sein. Selbstzweifel, depressive Verstimmungen sowie extreme Angstgefühle sind meist eine Folge der Krankheit, können aber genauso gut als Ursachen verstanden werden. Auch wenn anorektischen Personen in einigen Fällen ein sehr selbstsicheres Auftreten zeigen, sind sie innerlich dem ständigen Gefühl der Inkompetenz ausgesetzt.[13]

Betroffene zeichnen sich ebenfalls dadurch aus, dass sie ihre eigenen Gefühle leugnen und nach Perfektionismus streben. Emotionen - Freunde wie auch Wut - würden nur zu Ungleichgewicht führen, weshalb sie von Anfang an nicht zugelassen werden. Ein weiteres Charaktermerkmal der Erkrankten ist das Denken in Schwarz-Weiß-Kategorien und eine sehr sensible Wahrnehmung der Umgebung. Eine typische magersüchtige Patientin wäre aufmerksam, sehr fleißig und fast schon zwanghaft gehorsam.[14] Mit den Umbrüchen in der Pubertät wird der eigene Körper nicht mehr akzeptiert und mithilfe der Essstörung das Frau-Werden ein Stück weit verweigert und herausgezögert. Durch den Ess-Streik wird die Kontrolle über den Körper, aber auch über soziale Situationen wieder zurückgeholt. Magersüchtige sind stolz darauf, dass sie genug Macht und Disziplin beweisen können.

2.3 Umfeld und gesellschaftliche Hintergründe

Natürlich trägt auch das Umfeld und das gängige Schönheitsideal unserer Gesellschaft zum Ausbrechen des Krankheitsbildes bei. Die Bedeutung des Schlankseins in unserer Gesellschaft wird tagtäglich von den Medien vermittelt, einhergehend mit angeblicher Sicherheit, Glücksgefühl und einem stärkeren Selbstwertgefühl. Laut Baeck wird uns gezeigt, dass alles erreichbar ist, wenn man nur das richtige Produkt kauft oder sich jener Schönheitsoperation unterzieht.[15] Der Druck nach diesem Ideal zu streben, wird durch Ratschläge zum Abnehmen und Einhalten von Diäten permanent beeinflusst.

Da die Anorexie sich insbesondere bei Mädchen und Frauen zeigt, wurde in den letzten Jahren der Zusammenhang zwischen Essstörungen und Geschlechtsrollenorientierung intensiver diskutiert. Viele magersüchtige Mädchen verweigern durch ihre Krankheit das Frau werden und umgehen somit die Rollenanforderungen einer Frau. Sie denken, sie seien noch nicht bereit und sind mit der Situation überfordert. Dazu kommt noch, dass Frauen dazu tendieren, sich ständig mit den Schlankeren in den sozialen Netzwerken oder auf Werbeplakaten zu vergleichen. Die eigene Figur wird danach als deutlich negativer beurteilt.[16]

Die Pubertät ist ein Lebensabschnitt der Neuorientierung. Die Körperveränderung, sexuelle Entwicklung und auch soziale Anforderungen werden zu zentralen Themen, welche oft von Unsicherheit begleitet werden. Das Körperbild ist für Jugendliche von extrem hoher Bedeutung und steht in direkter Verbindung mit dem Selbstwertgefühl. Die Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt deutlich, dass das gesellschaftlich vorgegebene Ideal eines schlanken (also schöneren) Körperbildes eine bedeutende Rolle in der Selbsteinschätzung des eigenen Körpers spielt.[17]

Als weitere gesellschaftliche Ursache gilt der bestehende Druck innerhalb der Peergruppe. Gleichaltrige wollen sich meist so sehr anpassen, dass sie gar nicht merken, wie sie mit ihren Freunden konkurrieren.[18] Scheinbar harmlose Kommentare über die Figur oder leicht komische Blicke reichen dann schon aus um Selbstzweifel entstehen zu lassen und z.B. die erste Diät anzufangen.

3 Präventive Maßnahmen im Kindesalter

Die meisten Patienten mit einer Essproblematik treten niemals in Behandlung, wodurch die Notwendigkeit der Vorbeugung dieser Krankheiten deutlich sichtbar wird. Die Neuerkrankungen sollen also reduziert werden. Es gibt eine Reihe vielversprechender Programme, die meist im schulischen sowie universitären Kontext eingesetzt werden. Die Programme PriMa (Primärprävention Magersucht) und TOPP (Teenager ohne pfundige Probleme) richten sich an Schüler und Schülerinnen sechster Klassen aller Schulformen und wollen mit interaktiven Spielen eine Aufklärung und Sensibilisierung der Krankheitsbilder Essstörungen erreichen. Auch für bestimmte Risikogruppen, wie die der Balletttänzer, Schauspieler, Wrestler oder Hochleistungssportler, gibt es spezielle Programme um Essstörungen vorzubeugen.[19]

Während meiner Recherche konnte ich vielzählige Möglichkeiten der Prävention von Magersucht finden, doch leider keine, welche an die frühe Kindheit anknüpft. Gildhoff meint sogar, dass die drei Störungsbilder Adipositas, Bulimie und Anorexie in der Kindheit beginnen, dort ihre Ursachen habe und einfache im Jugendalter erstmalig auftreten.[20] Es kann demnach schon in der Kindheit mit primären Präventionsmaßnahmen[21] gearbeitet werden. Ein gesundes Essverhalten kann von klein auf entwickelt werden und auch gewisse Lebenskompetenzen können und müssen bereits zu diesem frühen Zeitpunkt gefördert werden.

3.1 Aufklärung von Eltern/Erziehern/Lehrern

In wie weit ist eine Diät bei meinem Kind normal? Wie kann ich erkennen, dass sich ein gestörtes Essverhalten entwickelt? Was tue ich im Falle eines Verdachtes und wie spreche ich Kinder oder Jugendliche richtig an? Mit solchen Fragen haben Bezugspersonen oft zu tun. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Eltern sowie Erzieher, Lehrer und andere Bezugspersonen gut über die ersten Anzeichen und richtiges Handeln informiert werden. Hierbei handelt es sich also um die Früherkennung (sekundäre Prävention) und Verhinderung der Verschlimmerung der bereits bestehenden Erkrankungen (tertiäre Prävention).[22] ­

3.1.1 Frühzeitiges Erkennen

Die Aufklärung, in welcher das frühzeitige Erkennen bzw. das richtige Deuten der Symptome im Vordergrund steht, ist von großer Bedeutung. Laut Baeck wird in vielen Fällen erst mal gar nichts getan und gehofft, es sei eine pubertäre Episode, wobei gerade diese Zeit wertvoll sei.[23] Je mehr die Magersucht das Leben des Erkrankten bestimmt, desto schwieriger ist die Genesung. Patienten wollen nicht, dass ihre Störung entdeckt wird, weshalb sie alles so aussehen lassen, dass es für Bezugspersonen oft schwer ist, die ersten Anzeichen richtig zu deuten. Durch weite und lose fallende Kleidung, wird z.B. oft die Figur versteckt. Häufig betonen Magersüchtige auch, wie viel sie im Laufe des Tages schon gegessen haben, um sich abends mit ,,Ich habe keinen Hunger mehr, ich bin noch so voll“, herauszureden. Wenn solche Kommentare häufiger fallen, ist Aufmerksamkeit angeraten.

Einige Anzeichen sind dennoch früh erkennbar, wenn bekannt ist, worauf man als Bezugsperson achten muss. Erkrankte beschäftigen sich beispielweise ständig mit dem Thema Essen, sie kochen gerne für andere, lesen sich Backbücher durch und studieren die Nährwerttabellen der Nahrungsmittel genau. Dies müssen zunächst einmal nicht gleich Anzeichen einer Magersucht sein, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper gehört bei Jugendlichen nun mal dazu. Wenn die Betroffenen sich aber außerdem immer mehr zurückziehen, übermäßig Sport treiben, dazu noch deutlich an Körpergewicht verlieren oder dieses, mit Hilfe von Waage oder Maßband, ständig kontrollieren, sollte man spätestens reagieren.[24]

3.1.2 Richtiges Handeln

Doch wie reagiert man am besten? Eltern und weitere Bezugspersonen müssen über das richtige Handeln, im Falle des Vorliegens der Krankheit oder des Verdachtes, informiert werden. Wie diese das Thema handhaben, hat oftmals eine große Auswirkung auf die weitere Beziehung des Kindes zum Essen.

Es ist wichtig, dass mit den Magersüchtigen direkt und offen geredet wird, die eigenen Beobachtungen und Befindlichkeiten angesprochen werden. Es sollte also weder ein Bündnis mit der Klasse eingegangen werden noch ein Freund beauftragt werden, das Essverhalten heimlich zu kontrollieren. Ein konfrontatives Gespräch ist die beste Lösung und könnte wie folgt beginnen: „Ich habe gemerkt, dass du dich immer mehr zurückziehst und sehr abgenommen hast. Ich mache mir Sorgen. Wie siehst du das? Möchtest du mit mir darüber reden? Brauchst du Hilfe?“ Solch ein Gespräch kann prinzipiell jeder führen, der zu dem Betroffenen einen guten Zugang hat, z.B. auch Freunde der Eltern, Verwandte oder Lehrer. Durch solch ein Gespräch, sollte das Problem benannt und eine Reflexionsbasis, sowie ein Problembewusstsein geschaffen werden.[25]

Magersüchtige stehen durch ihre Krankheit oft im Mittelpunkt, dies muss möglichst vermieden werden, da sie sich nicht als etwas Besonderes fühlen sollten, nur weil sie krank sind. Wenn man sich das Autonomiebestreben (Vgl. 2.1) im Hintergrund einer Magersucht vor Augen führt, wird bewusst, dass ein erhöhtes Fürsorgeverhalten in die falsche Richtung lenkt.[26] Der Versuch, zum Essen zu motivieren oder Kommentare wie "Iss doch endlich was!", sind demnach ebenfalls nicht sinnvoll und bestärken die Betroffen oft in ihrem Verhalten. Erkrankte sollten wissen, dass sie selber für ihr Essen verantwortlich sind und niemand ihnen die Kontrolle nehmen möchte bzw. kann.

Grenzen zu achten ist in vielerlei Hinsicht wichtig und sehr bedeutsam in der Persönlichkeitsentwicklung. Essgestörte erleben sich oft als grenzenlos oder im anderen Extrem eingeengt und können dadurch keine ausreichende und eigene Identität bilden. Als Bezugsperson sollte man keine Bedingungen akzeptieren, die man nicht selber einsieht, also auch hier Grenzen setzen und sich nicht alles gefallen lassen. Es sollte deutlich ausgesprochen werden, wenn man bspw. nicht damit einverstanden ist, dass der Betroffene erst in drei Wochen zum Arzt geht, und sich somit nicht an seine Absprache hält. Natürlich müssen auch Grenzen, wie die Intimität, gerade in der Pubertät, geachtet werden.[27]

Ich möchte nun noch kurz einen Vorschlag geben, wie diese Information die Bezugspersonen wirklich erreichen könnte. Schulen könnten einmal im Jahr einen Infoabend für Eltern und Lehrer, mit dem Thema „Essstörungen erkennen“, anbieten. Ein Psychotherapeut, Psychologe oder Sozialpädagoge kann die wichtigsten Punkte erklären und Eltern können sich untereinander austauschen. Es könnte noch eine selbst betroffene Person kommen, die über ihre Störung berichtet, erklärt wie es angefangen hat und darüber was damals eventuell geholfen hätte. Solche Veranstaltungen sind durchführbar und könnten ebenso gut in anderen Einrichtungen organisiert werden.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) verteilt Broschüren für Bezugspersonen an wichtigen Anlaufpunkten wie Sportvereinen oder Schulen und dreht Kurzfilme, die als Aufklärungsmethode dienen sollen.[28]

3.2 Lebenskompetenzen der Kinder fördern

3.2.1 Selbstwertgefühl stärken

Ein stabiles und positives Selbstwertgefühl zu entwickeln, hat nicht direkt etwas mit der Vorbeugung einer Magersucht zu tun, da aber die meisten Betroffenen ein niedriges Selbstwertgefühl aufweisen (Vgl. 2.2), kann man diesen Aspekt dennoch als Präventionsmaßnahme betrachten.

Zu einem gesunden Selbstbewusstsein gehört die Fähigkeit „Nein!“ zu sagen. Gefühle wie Wut mit Worten auszudrücken, kann im Alltag ständig vorkommen und sollte demnach von klein auf vorgelebt werden. Natürlich kommt alles auf das Maß an, sich bei jeder Kleinigkeit aufzuregen und den anderen die Meinung zu sagen, macht wenig Sinn. Es geht darum, Kindern nahe zu bringen, dass sie selbstständig handeln dürfen, können und auch sollen. In direkter Verbindung damit steht die Widerstandsfähigkeit gegen Gruppendruck. Erkrankte können diese Stärke meist nicht zeigen (Vgl. 2.3), es ist demnach fördernd, wenn man es bereits als Kind übt, sich nicht zu sehr von der Peergruppe beeinflussen zu lassen. Dies ist allerding gar nicht so einfach, wie der Psychologe Daniel Haun, Leiter der Studie des Max-Plank-Instituts in Leipzig, zeigt. Es wurde erforscht, dass selbst Zweijährige schon dem Gruppendruck unterliegen: sie ahmen Verhalten lieber den anderen Kindern nach um nicht ausgeschlossen zu sein, obwohl sie für ein anderes Verhalten sogar Schokolade bekommen würden.[29] Auch diese Fähigkeit, gegen den Gruppendruck Widerstand zu leisten, kann erlernt und geübt werden. Kritisches Denken ist wichtig für Kinder und deren Persönlichkeitsentwicklung. Falls Kinder anfangen alles zu hinterfragen, sollte man demnach probieren, nicht genervt, sondern sachlich und ehrlich zu antworten.[30] Dies hat den Hintergedanken, dass die Jugendlichen in Zukunft fähig sein sollten, Risiken von Diäten überprüfen zu können und auch Medienbotschaften anzuzweifeln.

Laut Baeck, ist ein „Loslassen, aber nicht fallen lassen“ der Eltern, bei bereits magersüchtigen Patienten notwendig. Sie zielt darauf ab, dass alltagsgemäße Pflichten und Aufgaben von den Erkrankten übernommen werden sollten. Die Autorin, welche im Beratungszentrum für Essstörungen in Berlin arbeitet, empfiehlt betroffenen Familien, Aufgaben wie den Weckdienst oder die Organisation von Terminen den Jugendlichen selber zu überlassen. Es handelt sich zwar um eine Mehrbelastung, garantiert aber auch, dass bei erfolgreichem Handeln das Selbstbewusstsein gestärkt wird und bei Misserfolgen auch mal Frust ausgehalten werden muss.[31]

3.2.2 Umgang mit Gefühlen erlernen

Kinder neigen oft dazu, Gefühle mit Essen zu beantworten, wie Wut, Ängste, Spannungen, Stress oder Langeweile. Sie essen, statt zu fühlen. Dies ist vor allem dann gefährlich, wenn wir uns die Essstörung „Esssucht“ (Binge-Eating), vor Augen führen.[32] Bei Anorexie Erkrankten handelt es sich oft um Personen, die ihre Gefühle nicht zulassen wollen (Vgl. 2.1). Wie können wir also schon kleinen Kindern beibringen, dass es in Ordnung ist, seine Gefühle zu zeigen?

Die ganze Bandbreite an positiven und negativen Gefühlen ist in der Kindheit so direkt und stark ausgeprägt wie sonst nicht mehr. Kinder gehen abhängig vom Temperament, der Erziehung und dem kulturellen Hintergrund, ganz verschieden damit um. Wenn wir unsere Gesellschaft ansehen, wird schnell klar, dass positive Gefühle, wie Freude und Stolz bei Kindern gerne gesehen werden und auch ausgelebt werden dürfen. Mit negativen Gefühlen wie Wut und Ärger, sieht das in der Regel ganz anders aus. Sie stehen dem Harmoniebedürfnis der Eltern im Weg und sind demnach unerwünscht, obwohl sie zu einer positiven und ganzheitlichen Entwicklung eines Kindes unbedingt dazugehören. Laut Familientherapeut Jesper Juul wirken sich unterdrückte Gefühle innerhalb der Familie negativ auf ein gesundes Selbstvertrauen aus.[33]

Um den Umgang spielerisch zu fördern, gibt es bereits mehrere entwickelte Konzepte. Eines davon ist die „Stimmungsuhr“, welche die Kinder selber gestalten können. Je nach Alter des Kindes, wird die Uhr in vier oder sechs Stimmungen aufgeteilt: Wut, Trauer, Stolz, Freude, Aufregung, Enttäuschung oder Angst. Kinder lernen Ihre Gefühle zuzuordnen und zu benennen, indem der Zeiger in der Mitte auf das entsprechende Gefühl eingestellt wird.

3.2.3 Du musst nicht perfekt sein!

Das Körperbild entsteht bereits in der Kindheit mit den ersten Erfahrungen der Kraft, des Gleichgewichtes, der Körperspannung und des Gefühls der Geschicklichkeit. Positive Erfahrungen hiermit, sowie Rückmeldungen der Eltern und Erzieher wirken sich positiv auf ein gesundes und realistisches Körperbild aus.[34] Es ist wichtig, dass Kinder die Erfahrung machen unabhängig vom Aussehen und dem körperlichen Können geliebt und geschätzt zu werden. Jeder ist auf seine Art besonders und hat weit mehr vorzuweisen als nur ein äußeres Erscheinungsbild. Es wäre schön, wenn die sonst so kritische Gesellschaft auch anfangen würde das Schlankheitsdiktat zu hinterfragen.

Das Schönheitsideal unserer Gesellschaft ist ein Ideal, nach dem wir zwar streben können, es aber nicht dadurch erreichen werden. Ein niedriges Körpergewicht garantiert nicht automatisch die Traumfigur und auch nicht das angeblich mit sich bringende Selbstbewusstsein. Den perfekten Menschen oder Körper gibt es nicht, wir sind Menschen und machen Fehler, weshalb Perfektion für uns eine reine Illusion ist. Wir verschwenden so viele Gedanken damit, was wir besser machen können oder wie wir vor anderen besser dastehen können. Es ist ein gutes Zeichen, wenn man sich verbessern möchte und an sich arbeitet, aber der Grund dahinter ist entscheidend. Strebt man nach Anerkennung? Tut man es für sich selber? Was möchte man dadurch erreichen?

Wenn Kinder mit anderen verglichen werden, löst das meist ein Minderwertigkeitsgefühl aus. Kommentare wie: „Dein Freund kann das aber schon, du müsstest es auch schaffen“, sind demnach nicht angebracht oder förderlich. Kinder lernen dadurch sich zu vergleichen und dass sie den Wert ihrer Leistungen an den anderen messen können.[35]

Wenn wir es schaffen Kindern nahezubringen, dass man als Mensch nicht perfekt sein muss, dass Fehler durchaus erlaubt sind und dass man auch nicht immer alles unter Kontrolle haben muss, ist viel erreicht. Auch sollten Kinder lernen, wie man mit Rückschlägen umgeht, dass sie zum Leben dazu gehören und immer wieder vorkommen.

4 Essgewohnheiten in Kindertagesstätten

Immer mehr Kindertagesstätten haben sich zu Ganztagseinrichtungen entwickelt, demnach werden meist drei Mahlzeiten am Tag angeboten: Frühstück, Mittagessen und ein Nachmittagssnack. Diese Essenssituationen werden von Pädagogen oft als besonders anstrengend und stressig beschrieben. Die Erwartungen und Vorgaben der Eltern sind deutlich: ihre Kinder sollen lernen sich normgerecht den kulturellen Erwartungen einer Tischgesellschaft anzupassen.[36]

Es gibt verschiedene Möglichkeiten wie die Mahlzeiten gestaltet werden. Ein großer Unterschied zwischen den einzelnen Einrichtungen liegt z.B. in der Handhabung des Frühstücks. Bei dem gemeinsamen Frühstück müssen sich alle Kinder an den Tisch setzen und ihr meist von zuhause mitgebrachtes Frühstück, zu einem bestimmten Zeitpunkt essen. Die modernere Variante ist das gleitende Frühstück, wobei es sich um eine Art Buffet handelt, in dem sich jedes Kind aussuchen darf, was, wann und ob es überhaupt frühstücken möchte. Dies hat den Hintergrund, dass mache Kinder schon zuhause etwas essen, einige ab sieben Uhr in der Kindertagestätte sind, andere erst ab neun Uhr. Demnach isst meist nur eine Kleingruppe zusammen, Kinder setzen sich einfach dazu, wenn sie Hunger haben und jeder steht auf, wenn er fertig ist.

Ein gemeinsames Ritual wie ein Spruch, Gebet oder Lied zeigen oft den Übergang zum gemeinsamen Mittagessen, welche Gemeinschaft und Zugehörigkeit symbolisieren soll. Für manche Kinder ist diese Mahlzeit die einzige am Tag, bei der eine Tischgemeinschaft gepflegt wird. Demnach sollten Erzieher darauf achten, dass in einer ruhigen Atmosphäre, mit Ruhe und Gemütlichkeit gegessen wird, die Phase sollte als Genusszeit und nicht als Stresszeit wahrgenommen werden.

Wie mit dem Thema Probieren, Aufessen oder auch dem Nachtisch umgegangen werden sollte, ist sehr umschritten. Hinter jeder Handlungsweise des Erziehers bzw. der Einrichtung steckt ein Grund; richtig und falsch gibt es nicht. Dennoch möchte ich eine Verhaltensweise erläutern, welche ich persönlich, im Hinblick auf die Prävention von Essstörungen und auch Erfahrung in meiner Praxisstelle, für erwähnenswert halte.

4.1 Aufessen oder reicht probieren?

Gesunde Kinder können ihr Hungergefühl selbst regulieren und so viel zu sich nehmen wie sie brauchen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben und es gelernt wurde. Kinder sollen lernen ihr individuelles Hungergefühl einschätzen und ihr Sättigungsgefühl erkennen zu können. Kinder erleben ihre Selbstwirksamkeit, in dem sie ihr Essen selbstständig auf den eigenen Teller geben. Sie sollen entscheiden, wie viel sie nehmen möchten, Erzieher können natürlich regulierend eingreifen. Es muss möglich sein, dass Kinder sich mehrmals nachnehmen oder den noch halbvollen Teller stehen lassen dürfen. Natürlich sollte im letzteren Fall darauf hingewiesen werden, dass das Kind sich für das nächste Mal erst weniger nimmt, damit nicht so viel weggeworfen werden muss. Wenn das Kind auf Dauer gezwungen wird die Portion aufzuessen, kann kein eigenes und natürliches Verhältnis zum Essen entwickelt werden (Vgl. 2 Ursachen von Magersucht). Das Kind sollte ernst genommen und respektiert werden. Den Teller aufessen zu lassen, obwohl das Kind sagt es sei satt und könne nicht mehr, wiederstrebt mir persönlich. Es ist ein gutes Zeichen, wenn ein Kind das Gefühl der Sättigung damit verbindet, dass es aufhören sollte weiter zu essen. Die Pädagogin Cantzler meint:

»Die Entscheidung, ob ein Kind Hunger hat, was es vom Angebot auswählt und wie viel das einzelne Kind isst, liegt in der Entscheidungsfreiheit jedes einzelnen Kindes. Das ist wichtig, um ein gesundes Gespür für die eigenen Bedürfnisse und Vorlieben zu entwickeln – eine wichtige Präventions-maßnahme zur Vorbeugung von Essstörungen und Ernährungsfehlern.« [37]

Im ersten Satz ist sie der Meinung, dass Kinder auch entscheiden dürfen sollten, was und ob sie probieren wollen. In der Praxis finden wir diesbezüglich die Methode der Probierportion, um zu erreichen, dass die Kinder verschiedene, von ihnen unbekannten Speisen probieren. Sie erleben dadurch Vielfalt im Essen und entwickeln den Geschmackssinn weiter. Die freundliche Aufforderung vom Erwachsenen „doch mal zu versuchen“, wird aber oft verweigert und hat je nach Einrichtung oder Pädagoge verschiedene Konsequenzen. Entweder darf das Kind sich eine andere Essenskomponente erst nehmen, wenn die Probierportion gegessen wurde, das Kind bekommt den Nachtisch verwehrt oder muss einfach so lange sitzen bleiben, bis es probiert hat.

Das Auffüllen des Tellers durch den Erwachsenen und die Aufforderung zum Probieren lösen oftmals einen Machtkampf aus. Das Thema ist dann nicht mehr das Probieren des Essens, sondern wer das Sagen hat und sich durchsetzt. Essen sollte nie als Druckmittel dienen, es verliert damit seine Bedeutung. Außerdem verstärkt Druck auf das Kind nur die Abneigung wirklich probieren zu wollen. Sobald die Kinder autonom entscheiden dürfen, wird die Freude am Explorieren unterstützt und sich somit an unbekannte Speisen herangetastet. Kinder sind von Geburt an neugierig, dies gilt auch in Esssituationen.[38]

Ich möchte nun ein hypothetisches Beispiel nennen: Tim hat in der Kita gekochte Mohrrüben probiert, ein bisschen darauf herumgekaut und dann wieder ausgespuckt. Tim hat nun herausgefunden, dass er gekochte Mohrrüben nicht mag. Die daraufkommenden Wochen gibt es erneut gekochte Mohrrüben. Tim bekommt jedes Mal eine Probierportion, obwohl er äußert, es schmecke ihm nicht. Die Erzieherin meint, er könne es nicht wissen, alle müssen dafür erst probieren. Tim spuckt die gekochten Mohrrüben jedes Mal erneut aus.

Die große Frage, die wir uns hier stellen müssen, lautet: wie schaffen wir es in Kitas, bezüglich des Essens, auf die einzelnen Kinder zuzugehen? Wie schaffen es alle Kinder, den genussvollen Umgang mit dem Essen zu lernen und den Esstisch als Ort der Freude und des Genießens zu sehen? Laut der Ernährungswissenschaftlerin von Cramm gibt es einen wichtigen aber simplen Grundsatz um eine ruhige Atmosphäre zu erreichen: Eltern/Erzieher entscheiden welches Essen und wann, Kinder ob und wie viel.[39]

Der Nachtisch dient oftmals zur Belohnung für eine zuvor ausreichend gegessene Portion der Hauptspeise. Der Erzieher definiert demnach „ausreichend“, oft ohne Rücksichtnahme auf das Sättigungsgefühl des Kindes. Vor einigen Tagen hatte ich ein interessantes Gespräch mit Lia[40], einem Kind aus meiner Kindergartengruppe. Ich fragte Lia, ob sie satt sei, da sie nur noch in ihrem halbvollen Teller herumstach. Sie antwortete, sie sei zwar satt aber nicht fertig. Ich verstand dies zuerst nicht und meinte, niemand würde sie zwingen aufzuessen und wenn sie satt ist, ist es nicht gut weiter zu essen, da man sonst Bauchschmerzen bekommen würde. Darauf antwortete Lia mir entschlossen: „Doch ich esse weiter, ich möchte Nachtisch.“ Ich beobachtete also, wie Lia ihren ganzen Teller langsam aufaß, obwohl sie schon längst satt war, nur um die Nachspeise essen zu dürfen. Mir wurde bewusst, dass wir die Kinder indirekt schon zwingen aufzuessen, und zwar in dem wir sie mit Nachtisch belohnen bzw. mit dessen Vorbehalt bestrafen.

In einigen Einrichtungen wird zum Mittagessen gar keine Nachspeise mehr angeboten. Laut diesem Konzept sollen die Kinder sich nach ihren individuellen Bedürfnissen satt essen, ohne noch Platz für den Nachtisch lassen zu müssen oder über ihr eigenes Sättigungsgefühl hinauszugehen. Die Nachspeise könnte es beispielsweise zum Nachmittagssnack dazu geben, und auf diese Weise könnten sich alle Kinder - unabhängig von der Situation zum Mittagessen - davon bedienen. Ich finde diese Methode nachvollziehbar und sehr sinnvoll für den Kitaalltag.

In vielen Kitas werden die Kinder in die Essensvorbereitung mit einbezogen. Sie gehen mit den Erziehern einkaufen, schneiden Obst und Gemüse für das Frühstück oder erledigen den Tischdeckdienst vor dem Mittagessen. Dies ist eine gute Möglichkeit um den Kindern das Thema Essen und Mahlzeit nahe zu bringen, sich darüber zu unterhalten und die Neugier zu wecken. Woher kommt es? Wonach schmeckt es? Und warum ist ein Apfel ein Obst und kein Gemüse? Auch die Rückmeldung über den Speiseplan und das Essen an sich, kann durch die älteren Kinder geschehen, somit müssen sie reflektieren und ihren Geschmackssinn differenziert einsetzen. Kinder können sich z.B. wie folgt an den Koch wenden: „Dies hat uns sehr gut geschmeckt, koch es bitte öfter für uns, aber Jenes hat nicht allen geschmeckt, mach das nächste Mal nicht so viel davon.“

4.2 Aufgabe der Kitas in Bezug auf meine Praxisstelle

Im Rahmen meines dualen Studiums, arbeite ich beim XY in verschiedenen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Die letzten sechs Monate habe ich meine Praxiswochen in der Kindertagesstätte verbracht. Ich möchte nun erläutern, was meiner Meinung nach die konkreten Aufgaben der Kitas im Hinblick auf die Prävention von Essstörungen sind.

Es gibt verschiedene Arten, wie in Kindertagesstätten mit dem Thema Essen umgegangen wird, das gleitende oder gemeinsame Frühstück, Probieren oder Aufessen zu müssen, Nachtisch als Belohnung oder nicht. Wie schon erwähnt, haben bestimmt alle Pädagogen ihre Methode und auch sicher einen Grund für ihre Vorgehensweise. Meiner Meinung nach sollten Kinder motiviert werden neue Speisen zu probieren, aber keinesfalls dazu gezwungen werden. Aufessen erachte ich, im Blick auf das Thema der Essstörungen, ganz und gar nicht für sinnvoll. Wenn Kinder verstanden haben, dass das Sättigungsgefühl im Zusammenhang damit steht, dass sie aufhören sollten zu essen, ist das ein sehr großer Schritt in die richtige Richtung. Demnach sollten sie aufhören, wenn sie satt sind, und sich das Essen nicht reinzwingen nur um Nachtisch zu erhalten. Das Konzept des Mittagessens ohne Nachtisch klingt vielversprechend, da die Kinder sich somit an ausgewogener Kost satt essen, so viel wie ihr Körper braucht, ohne Druck. Wenn dieser nicht mehr im Raum ist, kann in einer gemütlichen Atmosphäre gegessen werden, und den Kinder wird vermittelt, dass Essen mit Genuss und Gemütlichkeit zu tun hat. Belohnung kann schon hin und wieder durch Süßigkeiten erfolgen, sollte aber keines Falls zur Gewohnheit werden. Richtiges Handeln (Vgl. 3.1.2) bezieht sich nicht nur auf die Zeit nach der Entdeckung einer Essstörung, auf viele Aspekte kann schon im Kleinkindalter geachtet werden. Beim Essen handelt es sich um eine lebensnahe Lern- und Erfahrungseinheit, demnach ist es wichtig, dass Erzieher als Vorbild fungieren. Es wäre gut, wenn sie mitessen und nicht auf die reine Aufpasser- und Essensverteilerfunktion ausweichen.[41]

Laut der Konzeption der Kindertagesstätte,[42] steht bei Essenssituationen im Kitaalltag die Selbständigkeit der Kinder im Vordergrund. Jedes Kind soll Verantwortung für seine Ernährung übernehmen bzw. erlernen. Es wird ebenfalls betont, dass die Kinder das Recht auf Partizipation haben. Sie sollen „an allen sie betreffenden Entscheidungen ihrem Entwicklungsstand entsprechend beteiligt“ werden. Kinder sollen ihr Bedürfnisse äußern können, auf welche gehört und eingegangen wird, auch beim Thema Essen.

5 Fazit

Magersucht kann viele Ursachen haben, es handelt sich um ein sehr verstricktes Krankheitsbild. Die familiäre Situation, das Umfeld des Betroffenen und die eigene Persönlichkeit haben eine Auswirkung auf die Krankheit und dessen Verlauf. Grundsätzlich kann man sagen, dass es sich bei dieser Essstörung um das subjektive Gefühl von Kontrolle, Macht und Disziplin handelt. Das Bestreben nach Autonomie scheint zu scheitern und der Druck der Gesellschaft bezüglich des schlanken Schönheitsideals immer stärker zu werden. Mehrere der erwähnten Ursachen fangen an sich in der Kindheit zu entwickeln, weshalb in dieser Phase schon auf einiges geachtet werden sollte. Das 12-jährige Mädchen aus der Kinder- und Jugendpsychatrie, welches ich schon in der Einleitung erwähnte, hat in der Kindheit keine positiven Erfahrungen mit dem Essen weder ihrem eigenen Körper machen können. Schon Kinder können ein gesundes Verhalten zum Essen entwickeln, in dem sie bspw. selbst dafür verantwortlich sind was und wie viel sie essen. Es ist wichtig, dass Kinder Freude an Bewegung, sowie der Entspannung entdecken und somit ein positives Körpergefühl ständig weiterentwickeln können. Der Anorexie kann auf diese Weise primär in der Kindheit vorgebeugt werden.

Literaturverzeichnis

Arens-Azevêdo, Ulrike / Pfannes, Ulrike / Tecklenburg, Ernestine (2014): Is(s)t KiTa gut? – KiTa Verpflegung in Deutschland - Status quo und Handlungsbedarfe, im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (Hrgs.), https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/Graue Publikationen/GP_Isst_Kita_gut.pdf, abgerufen am 11.03.2018.

Baeck, Sylvia (2007): Essstörungen – Was Eltern und Lehrer tun können, 1. Aufl., Bonn.

Becker-Textor, Ingeborg (o.D.): Kindergartenalltag – eine praxisorientierte Einführung in die Kindergartenarbeit, In: Martin R. Textor / Antje Bostelman: Das Kita-Handbuch (Hrgs.), https://www.kindergartenpaedagogik.de/27.html, abgerufen am 15.03.2018.

Burgard-Arp, Nora (2015): Das gestörte Bild, https://www.substanzmagazin.de/magersucht- hirnforscher-entwickeln-neue-therapie/, abgerufen am 03.01.2018.

Cantzler, Anja (2008): Essen mit Genuss, In: Fachzeitschrift Kindergarten Heute, 09/2008, S. 45-47 (Hrgs.), 1. Aufl., Freiburg.

Cramm, Dagmar von (o.D.): Meine Suppe ess' ich nicht! Hilfe bei kleinen Suppenkaspern, In: Familie.de (Hrsg.), http://www.familie.de/kind/warum-kinder-manchmal-nicht-essen- 537967.html, abgerufen am 13.03.2018.

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[1] Vgl. Hölling, Heike / Schlack, Robert (2007), S.796-796.

[2] Vgl. Klicpera, Christian / Klicpera, Barbara (2006), S.235.

[3] Vgl. Stangl, Werner (2018).

[4] Vgl. Stangl, Werner (2018).

[5] Vgl. Burgard-Arp, Nora (2015).

[6] Vgl. Fröhlich-Gildhoff, Klaus (2013), S.107.

[7] Vgl. Haider, Harald (2008), S.92.

[8] Baeck, Sylvia (2007), S. 76.

[9] Vgl. Klicpera, Christian / Klicpera, Barbara (2006), S.228.

[10] Vgl. Baeck, Sylvia (2007), S.78.

[11] Vgl. Fröhlich-Gildhoff, Klaus (2013), S.113-115.

[12] Vgl. Haider, Harald (2008), S.91.

[13] Vgl. Fröhlich-Gildhoff, Klaus (2013), S.110-112.

[14] Vgl. Ruhstorfer, Jessica (2018).

[15] Vgl. Baeck, Sylvia (2007), S. 20-22.

[16] Vgl. Klicpera, Christian / Klicpera, Barbara (2006), S.227.

[17] Vgl. Fröhlich-Gildhoff, Klaus (2013), S.189-190.

[18] Vgl. Baeck, Sylvia (2007), S. 75-76.

[19] Vgl. Kiehl, Katrin (2010), S. 29-33.

[20] Vgl. Fröhlich-Gildhoff, Klaus (2013), S.101.

[21] Vgl. Stangl, Werner (2018), Primäre Präventionsmaßnahmen sind wie folgt definiert: „ Prävention (lat.: Zuvorkommen), Maßnahmen zur Verhütung von Krankheiten und Störungen, in der Psychologie und Psychiatrie soll primäre Prävention die Ausbildung von Störungen schon im Vorfeld verhindern.“.

[22] Vgl. Stangl, Werner (2018).

[23] Vgl. Baeck, Sylvia (2007), S. 23.

[24] Vgl. Haider, Harald (2008), S. 90-91.

[25] Vgl. Haider, Harald (2008), S. 93-95.

[26] Vgl. Baeck, Sylvia (2007), S. 23, S. 79.

[27] Vgl. Baeck, Sylvia (2007) S. 132-133, s.180.

[28] Vgl. Cremer, Monika (2011).

[29] Vgl. Osterkamp, Jan (2014).

[30] Vgl. Rothfischer, Kathrin / Dr. Med. Buschek, Nina (2011).

[31] Vgl. Baeck, Sylvia (2007), S. 79.

[32] Vgl. Baeck, Sylvia (2007), S.108.

[33] Vgl. Ulrich, Nicole

[34] Vgl. Baeck, Sylvia (2007), S. 22.

[35] Vgl. Konnerth, Tania (2015).

[36] Hoch, Vanessa

[37] Cantzler, Anja (2008).

[38] Arens-Azevêdo, Ulrike / Pfannes, Ulrike / Tecklenburg, Ernestine (2014).

[39] Cramm, Dagmar von (o.D).

[40] Name des Kindes geändert.

[41] Becker-Textor, Ingeborg (o.D.).

[42] Strümpel Gabriele / Krappmann Franziska / Ulrich Judith (2018)

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Magersucht. Ursachen und präventives Arbeiten in der Kindheit
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V425200
ISBN (Buch)
9783668702431
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
magersucht, ursachen, arbeiten, kindheit
Arbeit zitieren
Juliane Gronert (Autor), 2018, Magersucht. Ursachen und präventives Arbeiten in der Kindheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/425200

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