Das Bremer Rathaus - Semiotische Analyse der Renaissance-Fassade


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
26 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort: Der Untersuchungsgegenstand und die Semiotik

2. Das Rathaus
2.1. Der gotische Bau
2.2. Der Renaissance-Bau
2.3. Politischer Hintergrund

3. Die Bildbereiche der Fassade
3.1. Die Tugenden in den Arkadenbögen
3.2. Der Tritonenfries
3.3. Die Bildbereiche im Mittelrisalit
3.4. Die Standfiguren auf dem Dach/an den Giebeln
3.5. Weitere Bildbereiche

4. Statt eines Nachwortes: Die semiotische Bedeutung des Gesamtkonzepts

5. Abbildungsverzeichnis

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Vorwort: Der Untersuchungsgegenstand und die Semiotik

Das Bremer Rathaus mit seiner Fassade und dem davor stehenden Roland ist nicht nur ein geschichtliches und politisches Zeugnis, sondern auch ein künstlerisches „Meisterwerk“: ein politisches Zeugnis, weil die im Rat Sitzenden mit den Bürgern über die beiden übereinander liegenden Rathaushallen für repräsentative Zwecke und für die Nutzung durch das Volk in Kontakt kamen; ein künstlerisches Werk, weil das Rathaus ein gutes Beispiel für den Baustil der Weserrenaissance ist, ebenso aber mittelalterliche Komponenten wie die Sandsteinfiguren aufweist. Dies ist auch der Grund, warum das Bremer Rathaus im Juli 2004 von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wurde.1

Die Baukunst spiegelt sich vor allem an der Fassade wieder, die hier näher in Be- tracht gezogen werden soll. Im Vordergrund stehen nicht die architektonischen Mittel, sondern die Bilder mit ihrer Semiotik. Semiotik wird als die „allgemeine Lehre von den Zeichen, Zeichensystemen und Zeichenprozessen“2 verstanden. Dabei wird ein Prozess in Gang gesetzt, bei dem eine codierte Nachricht von einem Sender zu einem Empfänger übertragen wird. Der Empfänger muss die Nachricht decodieren, den Code entschlüsseln und interpretieren.3 Im Fall unserer Rathausfassade bedeutet dies, dass der Architekt mit den einzelnen Bildern, die als Codes fungieren, eine Information über- mitteln wollte. Ob der Leser, also der Betrachter des Rathauses, diese Codes entschlüs- seln kann, hängt vom einzelnen Individuum und seiner Interpretation des Codes ab.

Wichtige Vertreter für die Semiotik sind Ferdinand de Saussure, der von 1857 bis 1913 lebte und Sprache als ein System von Zeichen verstand, und Charles Sanders Peirce (1839-1914). Peirce sieht eine Verbindung zwischen dem Zeichen, seinem Objekt und seinem Übersetzer und nennt diesen Komplex Semiosis. Die Semiosis ist dabei eine Handlung, die die Verbindung erst schafft.4 Wichtige Begriffe für die Semiotik sind „Signifikant“ und „Signifikat“. „Die zeichenhafte Beziehung setzt [...] ein Wechselverhältnis zwischen einem Element auf der Ebene des Inhalts (Signifikat) und einem Element auf der Ebene des Ausdrucks (Signifikant) voraus [...].“5

Semiotik wird, wie wir gesehen haben, auf Sprache oder Objekte angewandt. Wie ist es aber mit der Architektur? „Die Architektur ist prinzipiell in ihren Maßen (im

Vergleich zum Menschen) verschieden von der Plastik, d.h. eine Plastik mag zwei- bis dreimal so groß wie ein durchschnittlicher Mensch sein (Roland, der Elefant), ein Gebäude ist aber meist wesentlich größer [...]. Außerdem geht man um eine Plastik herum, bei der Architektur geht man in diese hinein [...].“6 Trotzdem oder gerade deshalb kann ein architektonisches Werk eine semiotische Bedeutung haben. Der Bau und die Einrichtung sagen etwas über die Nutzung und den Benutzer aus.

Die Fassade nimmt eine Mittelrolle zwischen architektonischem Werk und Bild bzw. Plastik: einerseits ist es die Fassade eines Bauwerks, andererseits ist der Charakter einer Plastik oder eines Bildes vorhanden. Man kann die einzelnen Bilder nicht von hinten betrachten (wie bei einer Plastik), man geht in dieses Bild aber auch nicht hinein. Es handelt sich um eine Hülle, die in ihren einzelnen Bildern und in ihrer Gesamtheit zu sehen ist.

Wenn wir die Fassade betrachten, finden wir einzelne Bilder oder auch Ikone. Ein Ikon ist ein Zeichen; daneben gibt es aber auch weitere Zeichen, so dass eine Klassifizierung eingeführt wurde: „Sie [die Klassifizierung] ist dreigliedrig und teilt die Zeichen danach ein, ob der Signifikant deren Signifikat ähnlich ist (ikonische Zeichen), ob er mit dem Signifikat in irgendeiner natürlichen Verbindung steht (hinweisende Zeichen) oder ob zwischen Signifikant und Signifikat keinerlei vorbestimmtes, sondern ein bloß willkürliches Verhältnis besteht (symbolische Zeichen).“7 Betrachten wir uns die Bedeutung des Ikons näher: Ein Ikon ist „eine abstrakte Darstellung für oder von etwas anderem. Ikone haben die Funktion abzubilden, sind also auf realen Referenzen basierend.“8 Dabei ist die erste Assoziation zum Ikon nicht immer das Endergebnis. Ein dargestelltes Gefäß kann so als Amphore identifiziert werden. Es kann aber auch der In- halt gemeint sein, denn in einer Amphore mag z.B. Bier enthalten sein. Das Ikon würde damit für den Inhalt Bier stehen, da die Flüssigkeit an sich nicht darstellbar ist. Folglich kann man sagen, „dass alle ‚Ikonen’ gegenüber der Komplexität des Realen radikale Vereinfachungen sind.“9 Während des Vorgangs vollführen wir zwei kognitive Leistungen: „Die verwendeten Schlüsse sind zum ersten der assoziative Schluss von der graphischen Darstellung auf das dargestellte Objekt und zum zweiten der kausale

Schluss vom Teil aufs Ganze (vom Gefäß auf den Inhalt) bzw. von der Wirkung [...] auf die Ursache [...].“10 Die Interpretation der Ikone ist damit vom Subjekt, vom Individuum abhängig.

Im Folgenden soll die Fassade mit ihren verschiedenen Bildbereichen untersucht werden. Um dies zu gewährleisten, werden das gotische Rathaus und der Umbau aus der Renaissance gegenübergestellt und der politische und geschichtliche Hintergrund kurz erläutert. Anschließend sollen die verschiedenen Bildbereiche an der Fassade der Renaissance aufgezeigt werden, um die Bedeutung an einzelnen Beispielen zu besprechen. Dabei können nur einige Darstellungen exemplarisch herausgegriffen werden, so dass diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Die Betrachtungen der Bildbereiche und der einzelnen Bilder führen uns zu dem Gesamtkonstrukt der Rathausfassade mit seiner semiotischen Bedeutung. Es soll versucht werden, den Sinn und die Absicht hinter der Fassade zu ergründen, wobei ich als Grundlage für meine Untersuchungen das Werk „Das Rathaus in Bremen. Versuch zu seiner Ikonologie“ von Rolf Gramatzki verwendet habe. Daneben möchte ich diese Aussagen nicht unreflektiert stehen lassen, sondern näher beleuchten.

2. Das Rathaus

Das Bremer Rathaus ist in drei Etappen entstanden. Dem gotischen Bau am Marktplatz mussten einige Häuser weichen, bis dann um 1610 ein erneuter Umbau er- folgte, bei dem vor allem die Fassade verändert wurde. Ein letzter Umbau, der eine Ver- größerung des Rathauses mit sich brachte, vollzog sich im 19. Jahrhundert. Die Aus- dehnung des 19. Jahrhunderts soll hier nicht näher erläutert werden, da bei ihm ein An- bau aus Platzgründen im Vordergrund stand. Der Umbau in der Renaissance brachte da- gegen keine räumlichen, sondern eher bildhafte Veränderungen mit sich, die hier auf- gegriffen werden sollen. Der gotische Bau als Thema dient dabei nur zur Abgrenzung, um die Neuerungen beschreiben zu können. Daher soll in Folgenden nur kurz auf den gotischen Bau eingegangen werden, um dann die Rathausfassade der Renaissance mit ihren Bildbereichen näher zu untersuchen. Der Roland soll dabei nicht mit in die Unter- suchungen einbezogen werden. Keine Beachtung findet auch die Tatsache, dass bereits vor dem Rathausbau ein Versammlungsort vorhanden gewesen sein muss, der wahr- scheinlich „in den Wohnhäusern der führenden Bürger abgehalten wurde.“11 Aber auch ein Bau am alten Markt an der Kreuzung von Obern- und Sögestraße gilt als einstiger Standort des Rates, und zwar in einem Gebäude, das als Tuchhalle gedient haben soll.12

2.1. Der gotische Bau

„Der Name ‚Gotik’ wurde erst in der Renaissance von dem italienischen Bau- meister, Maler und Kunstschriftsteller Giorgio Vasari (1511-1574) geprägt und hatte zu- nächst eine abwertende Bedeutung. Das Gotische wurde mit dem Barbarischen gleich- gesetzt im Gegensatz zur klassischen antiken Kunst, der man den höchsten Stellenwert einräumte.“13 Datiert wird die Gotik von 1130-1500, wobei es Übergänge gibt.

Das Rathaus war als Rechteck mit einem vorgebauten Arkadengang konzipiert. Es weist somit die typischen Merkmale der gotischen Baukunst auf: die spitzbögigen Fenster und einen Arkadengang. Bereits hier waren Ornamente/Figuren vorhanden, sie hatten jedoch nicht nur eine schmuckhafte Funktion, sondern eine Bedeutung. Als besondere „Ornamente“ sind die Figuren des Kaisers und der Kurfürsten an der Markt- seite zu nennen.

Hier wird auch die Bedeutung der Figuren deutlich: Der Kaiser sollte nicht mehr durch den Papst gewählt werden, sondern nach der Goldenen Bulle Karl IV. sollte die Wahl durch die weltlichen und geistlichen Kurfürsten erfolgen.14

„Die Architektur und die Skulpturen symbolisieren [...] [folglich] nicht nur die Beziehung zu den kaiserlichen und bischöflichen Anfängen der Stadt. Sie verdeutlichen auch zugleich die vom Rat praktizierte Politik der Selbstregulierung. Der Rathausbau seinerzeit demonstrierte gewachsenes Selbstbewusstsein des städtischen Rates und bürgerlichen Machtanspruch.“15

Die großen Figuren demonstrieren diesen Macht- anspruch der Stadt und des Rates gegenüber dem Bischof. Daneben gibt es weitere Zeugnisse, die diese These verdeutlichen: Einerseits spricht die zentrale Lage für diesen Machtanspruch. Gleich- zeitig wurde das Rathaus in Konkurrenz zu dem Sitz des Erzbischofs gestellt, nicht nur, weil dieser sich gleich nebenan befand, sondern weil das Rat- haus genauso groß gebaut wurde.16

Insgesamt erfolgen hier ein Bekenntnis zum Reich und eine Abkehr von den kirchlichen Landesherren, wobei die Fassadengestaltung entweder das Aachener Rathaus oder das Rathaus in Brügge zum Vorbild gehabt hat.17

Abbildung 1: Abbildung 2:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2. Der Renaissance Bau

Die Epoche der Renaissance wird zeitlich auf die Jahre von 1470-1600 datiert,18 wobei das französische Wort Renaissance Wiedergeburt bedeutet. Wiedergeburt deshalb, „weil die Wiedergeburt der Antike eines der Ideale jener Zeit war.“19

Der Bau der Renaissance stellt einen Umbau des Gotischen dar. Umgestaltet wurde der Bau von dem Bremer Steinhauer Lüder von Bentheim, dessen Familie einige Generationen vorher aus den Niederlanden nach Deutschland eingewandert war. Er war bereits für den Bau der Ratsapotheke, der Stadtwaage und den Mittelgiebel des Schüt- ting verantwortlich,20 aber auch für den Umbau des Rathauses in Leiden.21 Die Neu- gestaltung erfolgte in den Jahren von 1609 bis 1612 und bezog sich vor allem auf die Marktseite des Rathauses.22 Betrachten wir uns diesen Zeitraum, so fällt dieser nicht mehr in die Epoche der Renaissance. Wieso wird das Rathaus aber trotzdem hier ein- geordnet? Die Tatsache ist damit zu erklären, dass die Renaissance in Europa nicht überall gleich (in Stil/Zeit) ablief. „Während in Italien der Geist der Renaissance am frühesten einsetzte, besonders blühte und gleichermaßen Einfluss auf die Malerei, Bild- hauerei und Architektur nahm, begann im Norden die Renaissance erst um oder nach 1500 und konnte sich hier nur bedingt und mit nationalem Einschlag durchsetzen.“23

Richten wir unsere Überlegungen auf die Veränderungen am Rathaus: Es wurde nicht die Größe des Rathauses verändert, sondern seine Gestaltung. Die Neuerungen dieser Zeit sind der Mittelrisalit (der Vorbau in der Mitte der Fassade), die drei Prunkgiebel am Dach (ein großer in der Mitte, je ein kleiner rechts und links davon), die Umgestaltung der Fenster von gotischen Spitzfenstern zu rechteckigen und die Ornamente und Bildbereiche, die über die gesamte Fassade verteilt sind. In den folgenden Bildern ist das gotische Rathaus dem Umbau aus der Renaissance gegenübergestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Gotischer Bau, Markt- Abbildung 4: Rathaus, foto- seite, Rekonstruktion. grammetrische Darstellung der Hauptfront (Renaissance-Bau).

[...]


1 Bremer Rathaus Online (a). URL: http://www.rathaus-bremen.de/de/Kap1/Kap1_2.html (27.12.2004).

2 Wikipedia. Die freie Enzyklopädie. Semiotik. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik (11.11.2004).

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Volli, Ugo: Semiotik. Eine Einführung in ihre Grundbegriffe. Tübingen, Basel: Francke 2002. S. 27.

6 Wildgen, Wolfgang: Semiotische Analysen der Stadt Bremen: ein Beitrag zur Architektur- und Stadtsemiotik. URL: http://www.fb10.uni- bremen.de/homepages/wildgen/pdf/stadtsemiotik_bremen_teilfassung.pdf (09/11/2004). S. 12.

7 Volli, Ugo: Semiotik. S. 33

8 Wikipedia. Ikon. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Ikon_%28Linguistik%29 (08.01.1005).

9 Volli, Ugo: Semiotik. S. 217.

10 Keller, Rudi: Zeichentheorie. Zu einer Theorie semiotischen Wissens. Tübingen, Basel: Francke 1995. S. 163.

11 Stein, Rudolf: Romantische, gotische und Renaissance-Baukunst in Bremen. Bremen: Hauschild 1962. S. 239.

12 Albrecht, Stephan: Die kunsthistorische Stellung des Bremer Rathauses unter besonderer Berücksichtigung der neuzeitlichen Fassade. In: Das Rathaus und der Roland auf dem Marktplatz zu Bremen. Ihre besondere Bedeutung im Vergleich zu anderen Rathäusern. Hrsg. von Konrad Elmshäuser, Hans-Christoph Hoffmann, Hans-Joachim Manske und Georg Skalecki. Bremen 2003. URL: http://www.rathaus- bremen.de/de/Kap1/Weltkultur_Antrag_Bremen.pdf (24.10.2004). S. 41.

13 Die Gotik. URL: http://www.die-gotik.de/gotik.htm (23.01.2005).

14 Gramatzki, Rolf: Das Rathaus in Bremen. Versuch zu seiner Ikonologie. Bremen: Hauschild 1994. S. 31.

15 Bremer Rathaus Online (a).

16 Ebd.

17 Albrecht, Stephan: Die kunsthistorische Stellung des Bremer Rathauses unter besonderer Berücksichtigung der neuzeitlichen Fassade. S. 43.

18 Frenzel, Herbert A. und Elisabeth: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte. Bd. 1 Von den Anfängen bis zum Jungen Deutschland. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1999. S. 85.

19 Wikipedia. Renaissance. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance (23.01.2005).

20 Brünings, Gabriele und Pressestelle des Senats: Auf köstlichem Fundament. Das Rathaus in Bremen. Bremen: Ed. Temmen 2001. S. 77.

21 Stein, Rudolf: Romantische, gotische und Renaissance-Baukunst in Bremen. S. 542.

22 Gramatzki, Rolf: Das Rathaus in Bremen. S. 89.

23 Wikipedia. Renaissance.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Bremer Rathaus - Semiotische Analyse der Renaissance-Fassade
Hochschule
Universität Bremen
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V42604
ISBN (eBook)
9783638406017
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bremer, Rathaus, Semiotische, Analyse, Renaissance-Fassade
Arbeit zitieren
Frank Fraundorf (Autor), 2005, Das Bremer Rathaus - Semiotische Analyse der Renaissance-Fassade, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42604

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