Die weibliche Adoleszenz in Lessings "Miss Sara Sampson"


Hausarbeit, 2018

16 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Aufklärung
2.1 Das bürgerliche Trauerspiel
2.2 Die Vater-Tochter-Beziehung

3. Die Adoleszenz in der Aufklärung

4. Zwischen Kind und Frau
4.1 Das „Verbrechen“ als Kind
4.2 Die verführte Unschuld als Frau

5. Gescheiterte Aufklärung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was geht dich meine Unschuld an, wann und wie ich sie verloren habe? 1

So rückt Marwood die Signifikanz der Unschuld der Frauen in den Mittelpunkt des bürgerlichen Trauerspiels „Miss Sara Sampson“ von Gotthold Ephraim Lessing, das im Jahr 1757 entstanden ist. Sara, die jugendliche Protagonistin in dem Trauerspiel, ist gefangen im Konkurrenzkampf zwischen ihrem Vater und ihrem Verführer, die beide um ihre Unschuld ringen, welche die höchste Tugend einer Frau in der Aufklärung ist. Die Tugendhaftigkeit einer Tochter bzw. einer Frau wird lediglich an ihrer Schuld bzw. Unschuld bemessen. Dabei wird der Lebensabschnitt zwischen einem Kind und einer Frau, ergo die Adoleszenz, völlig verachtet.

Die Aufklärung, die die Jugendlichen zur Rebellion einlädt und sie motiviert, ihren eigenen Verstand zu bedienen, scheint die weiblichen Jugendlichen nicht anzusprechen. In den damals in der Epoche entstandenen bürgerlichen Trauerspielen wird lediglich für die Gehorsam der Töchter oder Unschuld der Frauen propagiert.

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Frage, wie die weibliche Adoleszenz in der Aufklärung anhand des ersten bürgerlichen Trauerspiels „Miss Sara Sampson“ von Gotthold Ephraim Lessing dargestellt bzw. verachtet wird und mit welcher Begründung dies geschieht. Dafür werden die Gedankenzüge der Aufklärung und die Aufgabe des bürgerlichen Trauerspiels präsentiert, bevor die weibliche Jugend anhand von Textstellen analysiert und interpretiert wird. Am Ende wird die Frage aufgeworfen, ob die Aufklärung im Namen des Jugendkults ein Erfolg war.

2. Die Aufklärung

Die Aufklärung, die große Revolution in der Gesellschaft und Literatur des 18. Jahrhunderts, wird als Hinwendung zum Diesseits und als gesamteuropäische Bewegung betrachtet, in welcher der Mensch als aktiver Gestalter in die Welt involviert wird. Die Vernunft und Gleichheit aller Menschen wurde als Mittel gesehen, das in allen Lebensbereichen Ausbesserungen verursachen soll. Dazu gehörte ein optimistisches Menschenbild, das sich nach den Erlebnissen des 30-jährigen Kriegs und dem dadurch dominierenden, düsteren Alltag differenzierte.2 Demnach wurde die dunkle Literatur des Barocks kritisiert, die sich ausschließlich mit der Vergänglichkeit der Schönheit und des Lebens, sowie dem Jenseits beschäftigte.

Ein signifikanter Literat und Philosoph der Epoche ist Gotthold Ephraim Lessing. Er befasste sich in vielen seiner Werke mit aufklärerischen Tugendvorstellungen, die den Menschen vernünftig und selbstständig denkend erziehen sollte. Er ist außerdem der erste deutsche Schriftsteller, der das bürgerliche Trauerspiel erfand, welche die Erziehungsfunktion übernahm.

2.1 Das bürgerliche Trauerspiel

Das zur Zeit der Aufklärung entstandene bürgerliche Trauerspiel enthält keine Versform, die Figuren sprechen in Prosa. Es behandelt im Gegensatz zu klassischen Dramen keine öffentlichen, politischen oder höfischen Charaktere, sondern befasst sich mit Menschen im Familienkreis des einfachen Bürgertums. Thematisiert werden meist Vater- Kind - Beziehungen, Liebe und Ehe, damit zusammen auch das erste Mal die Jugend. Die Figuren können Bürgerliche im sozialen Sinne sein oder dem niederen Adel angehören, sie erscheinen jedoch nicht als öffentlich handelnde Staatspersonen.3 Die bürgerlichen Tugenden, die im privaten Raum vorgeführt werden, werden in der Regel nicht den Werten des Adels gegenübergestellt. Die einzigen Ausnahmen jener Form sind die bürgerlichen Trauerspiele „Emilia Galotti“ (1772, Lessing) und „Kabale und Liebe“ (1784, Schiller).4 Die Wirkungsästhetik ist das Mittel, womit Lessing Empathie bei dem Rezipienten bewirkt.5 Dies etablierte er in der Hamburgischen Dramaturgie, die 1767 erschienen ist:

Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stück Pomp und Majestät geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück derjenigen, deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am tiefsten in unsre Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleid haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, nicht als mit Königen.6

Damit betont Lessing die Bedeutung des Mitleids und Mitfühlens mit den Figuren und deren Schicksalen in seinen Dramen unabhängig von ihrem sozialen Status. Ihre Glaubwürdigkeit sowie die der Handlung sind hierbei ein zentraler Faktor, „[d]enn nichts ist groß, was nicht wahr ist.“7 Dies beinhaltet auch den Begriff „gemischte Charaktere“, der das erste Mal in jener Zeitspanne für dramatische Werke fällt.8 Lessing favorisiert in seinen bürgerlichen Trauerspielen Charaktere, die Schwächen aufweisen und insofern mitverantwortlich für ihr Unglück sind. Irrtümer und Fehler, für die die Charaktere verantwortlich sind, tragen unumgängliche Konsequenzen, die nicht aus göttlicher Fügung entstanden sind. Dies bedeutet, dass die Charaktere der aufklärerischen Literatur ebenfalls säkularisiert sind.9

2.2 Die Vater-Tochter-Beziehung

Obwohl das gesamte Familienbild der Aufklärung von Groß- zu Kleinfamilie geschrumpft ist, blieb dennoch die patriarchische Machtordnung des Vaters erhalten. Während Männer arbeiteten und die Familie versorgten, wurden Hausfrauen für ihre Arbeit zu Hause nicht bezahlt. Die Ordnung des Vaters als Haupt der Familie war festgelegt, damit zusammen auch die weibliche Unterordnung gegenüber dem Mann.10 Der Vater der bürgerlichen Kleinfamilie war der oberste Tugendwächter „und damit zugleich Herr über Leben und Tod der Tochter“.11 Das gab ihm als Familienoberhaupt das Recht, seine Frau und Kinder moralisch zu führen und über ihr Schicksal zu bestimmen. „Als Herrscher über Frau, Kinder und Gesinde konnte er sich mächtig fühlen“.12 Dabei kam es insbesondere zwischen Vätern und ihren Töchtern zu Konflikten.13 Tugendhaftes Handeln der Töchter bedeutete Macht für ihre Väter, und genauso bedeutete ungehorsames und nicht tugendhaftes Verhalten und Handeln der Töchter ein Verlust der Macht ihrer Väter.14 Demnach kann behauptet werden, dass der Verlust der Tugend der Tochter als elementare Demütigung auf die Identität des Vaters verstanden wird und dies wiederum in krankhaftes Misstrauen resultiert. Die Töchter waren nicht dauerhaft in den Herrschaftsbereich des Vaters eingebunden, da sie als Frau eines anderen Mannes und zukünftige Mutter einer neuen Familie von einem Familienverband zu einem anderen entglitt und somit auch dem Herrschaftsanspruch des Vaters. Daher war ihre Sexualität, die für andere Männer außerhalb der Familie attraktiv wurde, eine Bedrohung des väterlichen Machtgefüges. Das erklärt, warum Väter versuchten, die Sexualität ihrer Töchter zu kontrollieren und in ihrem eigenen Sinne den Übergang auf den zukünftigen Schwiegersohn zu regeln.15

3. Die Adoleszenz in der Aufklärung

Die Adoleszenz gilt als diejenige Phase im menschlichen Leben, in der einerseits eine endgültige Anpassung des Individuums an gesellschaftliche Normen stattfindet und vor allem die Geschlechtsidentität sich endgültig herausbildet; in der aber andererseits auch eine Abweichung vom scheinbar festgelegten Pfad möglich scheint, in der das Bestehende herausgefordert und verändert werden kann.16

In der Frühaufklärung wird die Adoleszenz das erste Mal ein thematisierter Bestandteil der deutschen Literatur. Die offene Form des Dramas, ergo das bürgerliche Trauerspiel, galt auch schon als eine Form der Rebellion, da sie sich von den Regeln und Prinzipien des geschlossenen Dramas differenzierte. Intellektuelle der Aufklärung sandten Nachrichten an das Volk und motivierten sie, gegen schlechte Einflüsse in ihrer Umgebung zu kämpfen, z.B die der Eltern wie in „Die Räuber“ von Schiller (1779) dargestellt. Der rebellische junge Franz wütet als zweitgeborener Sohn gegen das Schicksal, das ihn benachteiligt hat und versucht mit allen Mitteln, die Rolle seines älteren Bruders einzunehmen.17 Eine weitere signifikante Nachricht an das Volk, darunter insbesondere die Jugend, war, dass sie frei sein konnten und die eigene Kontrolle über ihr Leben hatten. Diese Botschaft etablierte sich besonders unter dem sogenannten „Werther-Effekt“ des 18. Jahrhunderts. Werther aus Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ aus dem Jahr 1774 war das erste jugendliche Vorbild, das sich mit seinem Selbstmord über seine Familie, über seinen Vater und über Gott stellte. Dies resultierte in zahlreichen Nachahmungen und des Auftretens einer „Suizid-Welle“, obwohl Goethe dies nicht beabsichtigte.18

In beiden Werken wird die männliche Adoleszenz und Rebellion heroisiert. Die weibliche Adoleszenz jedoch existiert in der Aufklärung nicht einmal in Ansätzen. Während die männliche Adoleszenz aktiver Teil der Aufklärung und seiner Prinzipien war, waren junge Frauen nicht integriert in diesen gesellschaftlichen Umbruch. Lehnert erklärt dies so:

Weibliche Kindheit und Adoleszenz sind in unserer Kultur nie sehr präsent gewesen. […] Das, was noch heute als Kern der Adoleszenz gilt: die Auseinandersetzung des Individuums mit den Anforderungen der Gesellschaft, wurde darin zu einer Inszenierung, in der das Bürgertum sich spiegeln konnte. Individualistische Persönlichkeitsentfaltung gilt als höchstes Ziel; sie wird zugleich zum Allgemeinen stilisiert; das Ziel steht fest: der junge Mann - Inbegriff des modernen Individuums – wird ein guter Bürger seines Gemeinwesens werden. Einen vergleichbaren Code gibt es für junge Frauen nicht. Der Übergang von weiblicher Kindheit zum Frausein wird nicht als Spektakel inszeniert, jedenfalls nicht eindeutig und öffentlich.19

Das betont, dass das Weibliche für die Jugend in der Aufklärung völlig entfällt. Es gibt keinen individuellen Übergang vom Kind zur Frau. Man ist entweder Kind und damit unterwirft man sich dem Vater, oder man ist Frau und unterwirft sich dem Mann. Es gibt nicht einmal in Ansätzen einen Lebensabschnitt zwischen den beiden Phasen der Kindheit und des „Frauseins“, welchen man heute Adoleszenz nennt. In der mittelalterlichen christlichen Kultur hatten weder Kindheit noch Jugend Entfaltungschancen, doch kann nicht behauptet werden, dass in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts die Jugend entdeckt und als individuelle Lebensepoche ausdifferenziert wurde.20

In jenem Zusammenhang wird nun der Tugendbegriff der Aufklärung neu definiert. In der Frühaufklärung war die Tugend noch eine gesellschaftlich gefasste Eigenschaft, die sowohl für Männer, als auch für Frauen galt. Mit der Zeit wurde der Begriff jedoch zunehmend verengt zu einer moralischen Kategorie, die besonders für Frauen wichtig wurde, denn „Tugendhaftigkeit, Treue, Hingabe und Emotionalität werden zu weiblichen Eigenschaften erklärt“.21

[...]


1 Lessing, Gotthold Ephraim: Miss Sara Sampson. 1755. Stuttgart 2003 (Reclam UB 16). 37.

2 Vgl. Heinz, Jutta: Aufklärung. In: Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moenninghoff. 3. völlig neu bearb. Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler 2007. S. 53-55, hier S. 53.

3 Vgl. Heinz, Andrea: Bürgerliches Trauerspiel. In: Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moenninghoff. 3. völlig neu bearb. Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler 2007. S. 109-110, hier S. 109.

4 Vgl. ebd. S. 110.

5 Vgl. Böhn, Andreas: Wirkungsästhetik. In: Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moenninghoff. 3. völlig neu bearb. Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler 2007. S. 832.

6 Lessing, Gotthold Ephraim. In: Hamburgische Dramaturgie, Kapitel 16. Vierzehntes Stück. Den 16. Junius 1767. 09.01.2018. <http://gutenberg.spiegel.de/buch/hamburgische-dramaturgie-1183/16>

7 Lessing, Hamburgische Dramaturgie, 1767/68 Stück 30. 11. August 1767. 09.01.2018 < https://www.aphorismen.de/suche?text=wahr&autor_quelle=lessing&thema=>

8 Vgl. Stephan, Inge: Die aufklärerische Praxis im Drama. In: Deutsche Literaturgeschichte: von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hg. Wolfgang Beutin, Matthias Beilein, Klaus Ehlert u.a. Achte, aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler 2013. S. 162-174, hier S. 167.

9 Vgl. Heinz, A.: Bürgerliches Trauerspiel. S. 109.

10 Vgl. Stephan, Inge: Die aufklärerische Praxis im Drama. S. 170f.

11 Stephan, Inge: „So ist die Tugend ein Gespenst“. Frauenbild und Tugendbegriff im bürgerlichen Trauerspiel bei Lessing und Schiller. In: Lessing Yearbook XVII. Hg. v. Richard E. Schade. Detroit: Wayne State University Press 1986. S. 1-20, hier S. 12.

12 Ebd. S. 7

13 Vgl. Krause, Thorsten: Historische Kontexte. In: Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti. Ein Trauerspiel in fünf Auszügen. Stuttgart 2014 (Reclam UB 19225). S. 131.

14 Vgl. Stephan, Inge: Die aufklärerische Praxis im Drama. S. 170f.

15 Vgl. Stephan, Inge: „So ist die Tugend ein Gespenst“. S. 15.

16 Lehnert, Getrud (Hg.): Einleitung. In: Inszenierungen von Weiblichkeit: Weibliche Kindheit und Adoleszenz in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Bonn: Westdeutscher Verlag 1995. S. 7-14, S. 7.

17 Vgl. Stephan, Inge: Die aufklärerische Praxis im Drama. S. 171.

18 Vgl. Jeßing, Benedikt: Wertherfieber. In: Metzler Lexikon Goethe. Personen – Sachen – Begriffe. Hg. v. Benedikt Jeßing, Bernd Lutz, Inge Wild. 2., verbesserte Auflage. Stuttgart/ Weimar: Metzler 2004. S. 471.

19 Lehnert, Getrud: Einleitung. S.10f.

20 Böhme, Hartmut: Das Verewigen und das Veralten der Jugend. In: Jugend. Psychologe-Literatur-Geschichte. Festschrift für Carl Pietzcker. Hg. v. Klaus-Michael Bogdal, Ortrud Gutjahr, Joachim Pfeiffer. Würzburg: Königshausen & Neumann 2001. S. 25-38, hier S. 27.

21 Stephan, Inge: Die aufklärerische Praxis im Drama. S. 170.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die weibliche Adoleszenz in Lessings "Miss Sara Sampson"
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V428232
ISBN (eBook)
9783668721340
ISBN (Buch)
9783668721357
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
adoleszenz, miss, sara, sampson, aufklärung
Arbeit zitieren
Sinem Kalmaz (Autor), 2018, Die weibliche Adoleszenz in Lessings "Miss Sara Sampson", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428232

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