Realitätsverschiebungen durch Langzeitbelichtungen als Ausdruck moderner Kunst

Veraltete Methoden der Fotografie als virtueller Moment


Essay, 2014
9 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Ludwig – Maximilians - Universität München

Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften

Proseminar: Visuelle Medien um 1900

Realitätsverschiebungen: Langzeitbelichtungen als Ausdruck moderner Kunst – veraltete Methoden der Fotografie (Heliografie) als virtueller Moment, unter anderem am Beispiel des Kölner Kunsttrios „Lichtfaktor"

Hauptfach: Germanistik, Nebenfach: Sprache/Literatur/Kultur

4.Semester

München, 01.08.2014

„Vom unendlich Kleinen bis zum unendlich Großen, vom Objekt, das wir berühren können, bis zum Objekt, das uns unerreichbar ist, vom Sichtbaren (selui qu´on voit) bis zum Unsichtbaren (celui qu´on ne voit pas), entkommt nichts dem Objektiv.“[1] Diese Aussage von Albert Londe kann maßgeblich herangezogen werden um der Frage nach dem virtuellen Moment der Bilder unter Verwendung der Langzeitbelichtung nachzugehen.

Wo beginnt Kunst im Hinblick auf visuelle Medien? „Kunst beginnt mit der Idee, die sich im Hinblick auf das visuelle Kommunizieren entfaltet und spezifische bildnerische Fragen imaginiert.“[2] Der Künstler ist der Erfinder und Vermittler, der das System aktiv mitbewegt oder umgestaltet.[3] Das Kölner Kunsttrio „Lichtfaktor“ setzt dies mit Bildmanipulation ohne Computer und Retuschen um. Sie verwenden das Verfahren der Langzeitbelichtung als Ausdruck moderner Kunst. Mit ihrem Graffiti aus Licht verwenden sie die Dunkelheit als Leinwand und lassen Figuren mit Hilfe der Langzeitbelichtung auf Bilder oder in Videoclips erscheinen. Das Auge der Fotokameras hat das Kunsttrio Lichtfaktor langsamer gemacht und somit erstaunliche Bilder konstruiert. Sie malen mit Licht und das mit den einfachsten Mitteln: Eine Taschenlampe mit drei Funktionen oder auch mit einer Fahrradrücklampe mit hoher Flacker Frequenz. So können sie eine Figur in den Raum ohne Nachbearbeitung herstellen. Beispielsweise verfahren sie dabei so, dass sie eine halbe Minute lang eine Figur mit einer Taschenlampe in der Luft zeichnen. Diese nimmt der Fotograf dann mit genauso langer Belichtungszeit auf. Auf diese Weise entstehen sogenannte Charakter- Animationen. Für 15 Sekunden Film braucht man eine ganze Nacht. Um einen Videoclip zu erstellen, folgt man dem Verfahren des Daumenkinos und nimmt einzelne Bilder, die hintereinander ablaufen, auf. Bekannt wurde Lichtfaktor mit einem Clip namens Star Wars vs. Star Trek, in dem man eine Mülltone durch das Hinzufügen von Armen zum Leben erweckte und wie Roboter aussehen ließ. Diese biemten sich dann in den Londoner Telefonzellen weg. Das Video wurde bei Youtube innerhalb einer Woche mehr als eine Millionen mal angeklickt.

Im Fokus ist in diesem Sinne das Verhältnis der Virtualität und der Realität. Durch die Kunst verschiebt sich die Realität oder sollte man sich fragen, ob dieser virtuelle Moment vielleicht gerade die Realität widerspiegelt? Denn Langzeitbelichtungen bieten die Möglichkeit etwas unsichtbar zu machen, aber auch etwas was für uns mit dem Auge in einem Moment nicht sichtbar ist, erkennbar zu machen.

Im Folgenden gehe ich im Laufe meiner Analyse auf das genannte Wechselverhältnis ein, und möchte aufdecken, inwiefern die Langzeitbelichtung im Bereich der Kunst, Realität widerspiegelt. Im weiteren Verlauf gehe ich dabei auf die Frage nach der Wirklichkeit, Existenz, Plastizität, das Bewusstsein der Bildgestaltung und die Wahrnehmung ein.

Etwas Virtuelles ist definiert als etwas nicht in der Wirklichkeit vorhandenes, aber als echt erscheint.[4] Ein Moment ist etwas zeitlich begrenztes, also spiegeln diese Bilder unter der Berücksichtigung des virtuellen Moments etwas echt Anfassbares, aber nicht real und zeitlich begrenztes wider. Doch ist das nicht kontrovers, da Bilder der Langzeitbelichtung nur einen Moment zeigen, dieser aber für einen längeren Zeitraum aufgenommen wurde. Somit kann man sich überlegen, ob nicht gerade das Verborgene die Realität widerspiegelt. Unser Auge kann uns eben nur begrenzte Möglichkeiten bieten, diese Effekte der Langzeitbelichtung zu erkennen. Wenn ein Foto mit dem Verfahren der Langzeitbelichtung hergestellt wird, passiert in der Belichtungszeit viel mehr als wir sehen. Diese Belichtungszeiten können variieren, je nach Effekt, den man erreichen möchte. Sie können sich von Sekunden bis Stunden ausbreiten. Das was wir auf den Bildern erkennen können (wie z.B. die Autobahnbilder) ist ein Bild, was zum Beispiel den Weg der Lichter aufzeichnet und für uns sichtbar macht. Es ist der gleiche Effekt, als wenn wir eine Wunderkerze schnell hin und her bewegen. Dadurch werden für uns die Lichtstrahlen erkennbar, welche nach Sekunden wieder verglühen. Also inwiefern können diese Bilder als virtueller Moment betrachtet werden?

Zum einen ist das einzelne Bild (vgl. Bild Seerose, „Lichtfaktor“) eine Realitätsverschiebung und somit ein virtueller Moment. Es macht etwas für uns sichtbar, was nicht real ist. In diesem auf den Bildern dargestellten Zustand kann man in der Realität, wenn man neben der Produktion des Bildes stehen würde, keine Seerose oder Blume erkennen. Der Prozess der Aufnahme ist im Hinblick auf die Aufnahme zeitlich verschoben. Denn „real“ ist die Blume, nachdem sie auf dem Bild zu sehen ist, nicht. Aber es stellt sich wieder die Frage der Existenz, denn in irgendeiner Weise existiert diese Form der Seerose doch. Somit kann man sagen, dass diese Form doch existiert, aber in einer Weise, die für unser Auge nicht erkennbar ist. Wir können unser Auge nicht verlangsamen. Derrida sagt: „Die Form fesselt, wenn man nicht mehr die Kraft hat, die Kraft in ihrem Innern zu verstehen[...].“[5]

Die Bilder der Langzeitbelichtung sensibilisieren uns, etwas wahrzunehmen was für uns in einem Moment nicht nachvollziehbar ist. Sie sensibilisieren uns, hinter den Fotos zu schauen und ihre Machtart zu hinterfragen.

Das Wechselverhältnis Kunst und Leben steht im Vordergrund der Bilder. Es wird etwas reales imaginiert, doch ist es ein virtueller Moment.

Die Kunst der Gruppe „Lichtfaktor“ kann nicht als naturgemäße Tatsache gelten, sondern als Artefakt der Übertragung.[6]

Wenn man bei der Entstehung der Bilder mit bloßem Auge zu sieht, denkt man es wird ein Bild ins Leere gemalt. Denn eine Lichtquelle muss schneller bewegt werden als das Auge sehen kann, dann sind die Formen auch für uns in einem kurzzeitigen Moment sichtbar.

Nach Gottfried Boehm repräsentiert die sichtbare Wirklichkeit ein optisches Potenzial. „Jedes Gesehene begleitet der Schatten des Ungesehenen, das Sichtbare erscheint im Hof des Unsichtbaren.“[7]

Diese Aussage von Gottfried Boehm kann für das Verfahren der Langzeitbelichtung als Ausdruck moderner Kunst herangezogen werden. Denn diese Bilder geben uns das Potenzial, das zu erkennen, was wir mit bloßen Auge nicht sehen können. Durch sie erkennen wir, was für uns eigentlich unsichtbar bleibt. Der Schatten der Unsichtbarkeit wird demnach mit den Bilder aufgezeigt. Diese Kunst grenzt sich von der herkömmlichen, reproduzierende oder dokumentarische Fotografie ab, da das vermeintlich Verborgene sichtbar gemacht wird.[8] Um 1900 wurde das Feld des Sichtbaren neu organisiert.[9] Demzufolge waren Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit keine statischen Zustände mehr, die sich gegenseitig ausschlossen.[10] Das Unsichtbare war weder vollkommen unsichtbar, noch war das Sichtbare vollkommen sichtbar.[11]

Die Radiografie eines Pakets aus dem 19. Jahrhundert veranschaulicht in einem umgekehrten Verfahren die Plastizität der Langzeitbelichtung. In Charles-Edouard Guillaumes Buch „Les rayons X et la photographie à travers les corps opaques" (Paris, 1896) stellt er zwei Aufnahmen eines Pakets dar.[12] Einmal das fertig verpackte Paket, welches bereit zum Verschicken ist. Zum anderen durch die Radiografie den Inhalt des Pakets. Eine Taschenuhr mit einer Kette. Für das Auge wäre nur das Paket von außen sichtbar, somit kann man nicht auf den Inhalt schließen. Im übertragenen Sinn zeigt es genau das Gegenteil der Langzeitbelichtung. Denn diese zeigt uns vordergründig das Unsichtbare was hinter der uns sichtbaren Realität steckt. In dem Bild des Sternenhimmels sieht man hauptsächlich dünne Linie, die einer kreisartigen Bewegung folgen. Wenn wir den Sternenhimmel für ein paar Stunden beobachten würden, würden wir keine Linien wahrnehmen, denn die Sterne wandern für unser Auge zu langsam und wir können die Bewegung, das Unsichtbare, nicht wahrnehmen. Aber durch die Langzeitbelichtung wird für uns erst das Unsichtbare dargestellt. Wir wissen aber was vermeintlich hinter diesem Bild steckt, nämlich ein normaler Sternenhimmel, der sich für gewöhnlich für unsere direkte Wahrnehmung durch das Auge, nicht bewegt. Das Unsichtbare wird sichtbar gemacht und „ein Einblick in ein dem Auge verborgenes Inneren gewährt.“[13] Die Sichtbarmachung bekommt einen Charakter der Enthüllung.[14] Dem Betrachter wird aufgezeigt, welche verborgenen Abläufe entstehen, wie z.B. die Sternenwanderung oder die Lichtstrahlen der Autolichter.

Die Fotografie, eben auch die Langzeitbelichtung, bildet etwas ab und vermittelt gleichzeitig die Abbildungsvorgänge selbst.[15] Durch die Fotos oder Videos von „Lichtfaktor“ werden genau diese Abbildungsvorgänge verdeutlicht. Wir können uns vorstellen, wie das Bild konstruiert wurde, aber schauen wir an den Ort wo es aufgenommen wurde, sehen wir diese Bilder nicht in der Luft.

Neue Erkenntnisse zu schaffen, wie bei der Langzeitbelichtung das Unsichtbare sichtbar zu machen oder umgekehrt, ist ein geistiger Prozess. Denn das Erkennen der oft vielschichtigen Zusammenhänge und Hintergründe eines Geschehens muss gegeben sein,Vgl s. 49 fotoästhetik danach erst folgt eine ästhetisch-technische Verarbeitung.[16]

In einem Diagramm von Gottfried Jäger aus dem Jahr 1975 wird das Verhältnis zwischen dem Sender - der Aneignung- dem Bewusstsein bzw. der Realität – der Bildgestaltung - und Empfänger dargestellt. (Siehe Bildanhang, Diagramm 1)

Das dort abgebildete Diagramm zeigt die Schritte vom Objekt als Auswahl des Fotografen über den Kanal, in dem die Bildgestaltung enthalten ist, bis hin zum Empfänger. Dies ist von Bedeutung, da es die Vorgänge vor der eigentlichen Aufnahme veranschaulicht. Unter Berücksichtigung der von mir analysierten Bilder entsprechen die Objekte der Darstellung einer natürlichen Umgebung mit natürlich-existierenden Gegenständen. Doch durch die ästhetisch-technische Umsetzung mit Hilfe der Langzeitbelichtung entsteht ein neues künstlerisches Bild. Durch die Informationen, die uns zur Verfügung stehen, also das Weltwissen über Gegenstände, erlangen wir ein Bewusstsein für die neuen Formen. Wie die Bilder der Gruppe „Lichtfaktor“, welche uns bekannte Figuren bzw. Charakter- Animationen zeigen, die wir mit bekannten vergleichbaren Objekten abwägen. Diese somit vermittelten Daten verarbeiten wir zu einem neuen Eindruck in unserem Kopf. Denn „für den Proze[ss] fotografischer Abbildung stellen also geistige und technische Abstraktionsvorgänge wesentliche Elemente einer bewu[ss]ten Bildgestaltung dar.“[17] Sie sind nicht als negative Faktoren zu bewerten, „sondern als notwendig und sinnvoll für die visuelle Aufbereitung einer Information.“[18]

Darüber hinaus ist die Frage nach der Wahrnehmung nicht zu vernachlässigen. Der französische Ästhetiker Charles Batteux brachte seine Theorie der Wahrnehmung in Verbindung mit der Aristotelischen Mimesislehre. Für ihn vermag der Mensch sich nichts auszudenken, „er reproduziere vielmehr die Vorbilder entsprechend seiner Erfahrung […].“[19]

[...]


[1] Londe, Albert. La photograhie moderne.Paris:1888, S. 157. In: Scholz, Suanne. Griem, Julika (Hrsg.). Medialisierungen des Unsichtbaren um 1900. München: 2010, S. 18.

[2] Banz, Stefan. Komplexes System Kunst: Texte und Interviews; Mit einem Nachwort von Hermann Korte/ Stefan Banz. Münster: 2001, S. 10

[3] Vgl.: Ebd.

[4] http://www.duden.de/rechtschreibung/virtuell

[5] Derrida, Jacques. Die Schrift und die Differenz. Frankfurt am Main: 1985 (2. Aufl.), S. 11.

[6] Vgl.:Scholz, Suanne. Griem, Julika (Hrsg.). Medialisierungen des Unsichtbaren um 1900. München: 2010, S. 19.

[7] Boehm, Gottfried. Sehen. Hermeneutische Reflexionen. In Kritik des Sehens. Konersmann, Ralf (Hrsg.). Leipzig: 1997, S. 272-298: 286.

[8] Vgl.: Scholz, Suanne. Griem, Julika (Hrsg.). Medialisierungen des Unsichtbaren um 1900. München: 2010, S. 21.

[9] Vgl.: Ebd.

[10] Vgl. Ebd. S. 21 f.

[11] Vgl. Ebd. S. 22.

[12] Vgl. Ebd.

[13] Ebd., S. 24.

[14] Ebd.

[15] Vgl.: Neusüss, Foris M. (Hrsg). Fotografie als Kunst. Kunst als Fotografie. Photography as Art – Art as Photografie. Das Medium der Fotografie in der bildenden Kunst Europas ab 1968. Köln: 1979, S. 106.

[16] Vgl.: Jäger, Gottfried. Fotoästhetik. Zur Theorie der Fotografie. Texte aus den Jahren 1965 bis 1990. München: 1991, S. 49.

[17] Ebd., S. 52.

[18] Ebd.

[19] Geiger, Annette. Urbild und fotografischer Blick : Diderot, Chardin und die Vorgeschichte der Fotografie in der Malerei des 18. Jahrhunderts. München: 2004, S. 30.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Realitätsverschiebungen durch Langzeitbelichtungen als Ausdruck moderner Kunst
Untertitel
Veraltete Methoden der Fotografie als virtueller Moment
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Jahr
2014
Seiten
9
Katalognummer
V428946
ISBN (eBook)
9783668737471
Dateigröße
3076 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
realitätsverschiebungen, langzeitbelichtungen, ausdruck, kunst, veraltete, methoden, fotografie, moment
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