Der "Islamische Staat" zwischen staatstypischer Struktur und Terrororganisation


Essay, 2017
12 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kontextualisierung

3. Konzept

4. Operationalisierung

5. Schlussbetrachtung und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der sogenannte „Islamische Staat“1 ist ein bekanntes Terrornetzwerk, welches trotz seiner aktuell territorialen Zurückdrängung und rückläufigen Mitgliederzahlen für eine Vielzahl von terroristischen Anschlägen verantwortlich gemacht wird.

Im Gegensatz zu anderen Terrornetzwerken mit fundamentalistischen Hintergrund, wiebeispielsweise al Qaida, hatte der Islamische Staat, zumindest für etwa drei Jahre, seinenterritorialen Anspruch umgesetzt. Mit dem Ausruf des Kalifats erfolgte auch eine militärischeEroberung von bedeutender Größe im Irak und in Syrien. Obgleich der Islamische Staat mittlerweileals militärisch besiegt gilt und nur noch wenige Gebiete des Iraks besetzt hält, herrschte er dennochfür einige Jahre unter staatsähnlichen Strukturen in den eroberten Territorien. (vgl. Musharbash2017: 6)

Zwar wird der „Staat“ als solches schon im Namen getragen, global anerkannt jedoch war der Islamische Staat nie. Dabei lässt sich vermuten, dass durch den territorialen Anspruch die Organisationsstrukturen über die einer Terrororganisation hinausgehen und möglicherweise staatsähnliche Herrschaftsformen in den eroberten Gebieten aufgebaut wurden. Ob solche staatlichen oder staatsähnlichen Strukturen der Herrschaft zu Grunde lagen und in welcher Form diese agierten, soll im weiteren Verlauf untersucht werden.

Dazu wird die Kategorisierung von Staatlichkeit durch Schlichte näher erläutert und auf den Islamischen Staat angewandt.

2. Kontextualisierung

Der Islamische Staat, wie er hier untersucht werden soll existiert seit 2014. Im Juni eroberte dieOrganisation weite Teile des Iraks und Syriens und unterhält dort seitdem ein als Kalifatbezeichnetes dschihadistisches2 Staatsbildungsprojekt. (vgl. Steinberg 2014: 3)Der Anspruch des Kalifats resultiert dabei aus einer fundamentalistischen, radikalisiertenAuslegung des Islams, welche dem politischen Anspruch gerecht wird, einen eigenen Staat zuerrichten. Dabei wird antidemokratisch agiert und das Ziel verfolgt eine islamistische Weltherrschaftauszubilden.

Die Ursprünge und die Entstehungsgeschichte der Organisation liegen jedoch deutlich weiter zurück. Der erste Anführer der Vereinigung, Abu Musab az-Zarqawi, gründete bereits im Jahr 2000 die Organisation „Tauhid“ in der sich verschiedene Dschihadisten*nen aus Jordanien, Palästina, Syrien und dem Libanon zusammen fanden. Diese stand in enger Verbindung zu der Terrororganisation al Qaida.

Als im Sommer 2003 ein Aufstand gegen die vermehrte amerikanische Präsenz entstand, unterstützt von zahlreichen sunnitischen Gruppen unterschiedlicher ideologischer Ausrichtung,gelang es Zarqawi zahlreiche weitere Anhänger in seine Organisation zu integrieren.Mit der steigenden Mitgliederzahl änderte wuchs die Zielsetzung der Organisation, die nun erstmalseinen Staat zu errichten propagierte. Die Strategie Zarqawis jedoch, durch Anschläge auf dieschiitische Bevölkerung einen Bürgerkrieg zu initiieren aus dem er als der Beschützer der Sunnitenhervorgehen würde, scheiterte.

2006 gaben die sunnitischen Gruppierungen den bewaffneten Kampf auf, Zarqawi kam bei einem Angriff ums Leben. Dennoch erhielt sich die Organisation unter neuen Anführern und gründete den Islamischen Staat Irak innerhalb des Bürgerkrieges. Bis zum Tod der beiden neuen Anführer 2010, wurde deutlich, dass die militärische Unterlegenheit der Organisation die Umsetzung der deklarierten Ziele verhinderte. (vgl. Steinberg 2014: 4)

Mit dem Bürgerkrieg in Syrien 2011 jedoch kam es zu einer erneuten Erstarkung der Organisation.Das führte zu einer Abgrenzung von der „Nusra-Front“, einer aufständischen Gruppe syrischerDschihadisten, als auch der endgültigen Abspaltung von al Qaida. Unter der neuen Führung vonAbu Bakr al-Baghadadi erfolgte die Umbenennung in ISIS, Islamischer Staat im Irak und Syrienund 2013 übernahm der ISIS viele der vom Irak zurückeroberten Gebiete erneut. (vgl. Steinberg2014: 5f.)

Im Sommer 2014 wurde die sogenannte Wiederbelebung des Kalifats in den Regionen, die zu dem Zeitpunkt unter der Kontrolle des ISIS waren, ausgerufen. Dabei erfolgte die Umbenennung in den IS, den Islamischen Staat (vgl. Bilal 2015: 4).

Die eroberten Gebiete des Islamischen Staates im Irak und in Syrien sind umkämpft.Zwischenzeitlich herrscht der Islamische Staat über circa 40% der Fläche Iraks, aktuell sind es nurnoch circa 6%, ohne Aussicht diese weiterhin halten zu können. (vgl. Musharbash 2017: 6)

Bei Betrachtung der inneren Strukturen des Islamischen Staates und seinen Strategien nach außen, wird deutlich, dass einige genauere Überlegungen hinter der Vorgehensweise zu finden sind (vgl. Luizard 2017: 11f.).

Nicht nur ideologisch, sondern auch strukturell ging es der Bewegung darum, zunehmendeMachterlangung und Gewinn von Einfluss und lokalen Ressourcen zu schaffen. Kämpfe aufsyrischen Boden zielten vor allem auf Gebiete mit größeren Öl- beziehungsweiseNahrungsressourcen ab, sowie auf Städte die von großer strategischer Bedeutung waren. Ebensowurden Ortschaften erobert, die bei einer künftigen Expansion hilfreich sein könnten. (vgl. Luizard2017: 11ff.)

Der Anführer des Islamischen Staates, Al-Baghdadi erklärte den Krieg gegen sämtliche andere dschihadistische Kämpfer*innen, welche nicht die Vorstellungen des IS teilten. Somit konnte der Zusammenhalt mit anderen islamischen Strömungen zur Bekämpfung des auswärtigen, womöglich gemeinsamen Feindes, unterbunden werden. (vgl. Steinberg 2014: 3)

Mit Eroberung neuer Gebiete, übernimmt der Islamische Staat oft die bereits gegebenen Strukturen der modernen Staatsführung, aber auch die von ideologischer Mafiagruppen- und Bewegungen.Die Herrschafts- und Führungsposition hat der selbsternannte Kalif, Al-Baghdadi, inne. An seinerSeite steht der Schura-Rat, darunter folgen auf einer Ebene der Rat der Weisen, dieSchariakommission und die Medienkommission. Aufgabe des Kalifen ist es die Leiter der einzelnenGremien in Absprache mit dem Schura Rat zu ernennen. Er ist die Leitfigur und derEntscheidungsträger des Islamischen Staates, der Schura Rat ist sein Beratungsgremium.

Der Rat der Weisen besteht aus einer Vielzahl von Mitgliedern und dient als Kommunikations- undLegitimationsmittel zwischen dem Islamischen Staat und der Bevölkerung. Die SchariaKommission setzt sich größtenteils aus Mitgliedern der benachbarten Golfstaaten zusammen. Siefungiert als eine Art Judikative und nominiert Richter. Außerdem überwacht sie die Medien und dieArbeit der Scharia Wächter. Auf theoretischer Ebene schafft sie den ideologischen Rahmen zurLegitimierung des Islamischen Staates und verbreitet die extremistisch-islamische Ideologie.Ähnliche Aufgaben kommen auch der Medienkommission zu. Diese ermöglicht die interne undexterne Kommunikation, schafft Propaganda zur Sicherung neuer Kämpfer*innen und finanziellerUnterstützer*innen und ist gleichzeitig Ansprechinstanz für sämtliche internationale Akteure.

Auf der untersten Organisationsebene gibt es die Haushaltskommission, welchen die Einkünfte und Ausgaben verwalten. Der Militärrat beaufsichtigt die Waffenproduktion und plant strategisch die Kriegsführung. Ein Sicherheitsrat schützt den Kalifen und beobachtet das Führungspersonal des Islamischen Staates. Er erledigt auch Postdienste, Entführungen oder Mordanschläge. Der zivile Verwaltungsrat ist in den jeweils zugeteilten Verwaltungseinheiten für alle bürokratischen Angelegenheiten der Zivilbevölkerung zuständig, wie beispielsweise Eheschließungen oder Geburtenkontrolle. (vgl. Bilal 2015: 7ff.)

Bei der Betrachtung dieser Organisationsstruktur, scheint der Islamische Staat sich nicht wesentlich von „einem Staat“ zu unterscheiden. Jedoch ist davon auszugehen, dass das reale Zusammenleben innerhalb des Gebietes sich nochmals grundlegend von dem nach außen propagierten unterscheiden kann und die Informationslage dazu schwierig sein kann. Es ist zu berücksichtigen, inwieweit der vom Islamischen Staat betriebene Terrorismus nach außen, sich auch innerhalb des Gebietes zeigt.

Zunächst lässt sich also festhalten: „Der Staat, der sich seit 2014 Kalifat nennt, existiert. Wie langeer dies tun wird, ob er in absehbarer Zeit wieder schrumpfen oder doch weiter expandieren wird,ob er seinen offensiven Charakter beibehalten oder verändern wird, ist vollkommen unabsehbar“(Reuter 2015: 250).

„Sich mit diesem territorialen Anspruch auseinanderzusetzen, bedeutet nicht den Islamischen Staat als eben einen solchen und somit als legitim im Sinne des Völkerrechts anzuerkennen“ (Müller 2014: 3), vielmehr ginge es darum diesen Anspruch ernst zu nehmen, um ihn entsprechend theoretisch erläutern zu können. (vgl. Müller 2014: 3f.)

[...]


1 Es existieren diverse Bezeichnungen für die Organisation. Der Einfachheit und Neutralität halber wird die Bezeichnung „Islamischer Staat“ hier im Folgenden ohne Anführungszeichen aufgeführt, obgleich die Bezeichnung und damit unterstellte Staatlichkeit mindestens strittig sind (vgl. z.B.: Luizard 2017: 7, Müller 2016: 3)

2 Im Folgenden wird die Schreibweise „Dschihad“ verwendet, um einheitlich zu bleiben. Ebenso wäre die Schreibweise „Jihad“ möglich

[...]


Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der "Islamische Staat" zwischen staatstypischer Struktur und Terrororganisation
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V429050
ISBN (eBook)
9783668734906
ISBN (Buch)
9783668734913
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Staatlichkeit, Terror Kulturanthropologie
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Der "Islamische Staat" zwischen staatstypischer Struktur und Terrororganisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429050

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