Der Fall Hindemith, dargestellt an ausgewählten Beiträgen in NS-Zeitungen


Hausarbeit, 2018

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zu den Ereignissen ab dem 12. März 1934

3. Mathis der Maler - Bedeutsame Sinfonie
3.1 Artikel
3.2 Kommentar

4. Zu den Ereignissen bis November 1934

5. Paul Hindemith - Kulturpolitisch nicht tragbar
5.1 Artikel
5.2 Kommentar

6. Der FallHindemith
6.1 Artikel
6.2 Kommentar

7. Musik ohne Resonanz im Volke
7.1 Artikel
7.2 Kommentar

8. Zum Fall Hindemith - Eine musikpolitische Auseinandersetzung
8.1 Artikel
8.2 Kommentar

9. Die Entscheidungsstunde der deutschen Musik
9.1 Artikel
9.2 Kommentar

10. Ästhetik oder Volkskampf?
10.1 Artikel
10.2 Kommentar

11. Zu den Ereignissen ab dem 6. Dezember 1934

12. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der deutsche Komponist Paul Hindemith gehörte wohl zu den umstrittensten Persön­lichkeiten des Kulturlebens der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Schon in seinen frühen Jahren schockierte er das zu Teilen noch in der Romantik und Spätromantik verhaftete Publikum mit dissonanten Klängen und unbekannten rhythmischen Ele­menten, die beispielsweise dem Foxtrott entstammten. Darüber hinaus komponierte er in seiner frühen Schaffenszeit mehrere Einakter, die im damaligen Zeitgeist, zum Beispiel aufgrund der relativ offenen Darstellung von Sexualität, auf große Empörung stießen. Besonders in den Jahren nach der Machtübernahme 1933 geriet Hindemith auf Grund seines avantgardistischen Schaffens zunehmend unter Beschuss. Trotz der Tatsache, dass er sich in seinen folgenden Kompositionen, besonders in der Sinfonie Mathis der Maler weitestgehend dem nationalsozialistischen Klangideal anpasste, waren die Kritiken weiterhin ambivalent und Hindemith war es nicht möglich im Musikleben des Nationalsozialismus Fuß zu fassen, was unter anderem der Tatsache geschuldet war, dass er sich ungeachtet der damaligen chauvinistischen Rassenideo­logie sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld mit jüdischen Mitbürgern umgab. Entsprechend der Popularität des Komponisten wurde um ihn eine öffentliche Hetzkampagne von exemplarischer Bedeutung initiiert, die zu einem großen Teil über Publikationen in NS-Zeitungen ausgetragen wurde. Jedoch hatte Hindemith sowohl in der Presse als auch im kulturellen Geschehen seine durchaus prominenten Fürsprecher, wie zum Beispiel den Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker Wilhelm Furtwängler. Aus der damaligen Meinungsverschiedenheit resultierte der sogenannte Fall Hindemith, der sich maßgeblich im Jahr 1934 zutrug. Im Folgenden soll dieser anhand ausgewählter, chronologisch geordneter Beiträge und Kritiken in NS-Zeitungen dargestellt werden, indem der jeweilige Beitrag zunächst immer in seinen wichtigsten Punkten kurz inhaltlich dargestellt und dann im folgenden Kom­mentar bewertet werden soll. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass aus Platzgründen jeder Artikel bei seiner ersten Nennung in den Fußnoten berücksichtigt wird, darauf aber auf Grund der großen Anzahl von Zitaten bei der weiteren Behandlung des Artikels verzichtet wird. Falls zum Verständnis notwendig, wird kurz in Zwischenkapiteln auf umliegende Ereignisse eingegangen, die nicht in direktem Zusammenhang mit den Artikeln stehen. Zweck dieser Arbeit ist es vor allem die bis zuletzt herrschende Ambivalenz in der Hindemithrezeption dazustellen, die in Anbetracht der gleichgeschalteten Medien und der repressiven Kulturpolitik in NS- Zeiten durchaus einen bemerkenswerten Zustand darstellt. Ferner soll der starke politische, rassenideologisch geprägte Einfluss auf das Musikleben im Dritten Reich aufgezeigt werden, der das musikalische Material selbst, wie in diesem Falle oft in den Hintergrund rücken ließ.

2. Zu den Ereignissen ab dem 12. März 1934

Nachdem der Meininger Kapellmeister Gustav Adolf Schlemm nach seiner Aufführung von Hindemiths Konzertmusik für Solo-Bratsche, die er am 18. Februar 1933 zur Aufführung brachte, sogar noch den Komponisten selbst als Bratscher verpflichtete, wurde er im Rahmen der von der NSDAP durchgeführten „Säuberungsaktion“ für die nächste Saison nicht wieder verpflichtet.1 Dies scheint von exemplarischer Wirkung gewesen zu sein, denn zwischen Mai 1933 und Februar 1934 gab es zumindest im Dritten Reich keine nennenswerten Aufführungen von Hindemiths Werken mehr.2 Das Ende dieser Zeit wurde von einigen mehr oder minder bedeutsamen Aufführungen, darunter sogar einer vor den „Musikfreunden in Lübeck im Kampfbund für deutsche Kultur“3, vor allem aber von der Uraufführung der Sinfonie Mathis der Maler markiert, die am 11. März durch die Berliner Philharmoniker und ihren Chefdirigenten Wilhelm Furtwängler erfolgte.4 Zu dieser Zeit hatte sich Hindemith bereits - zumindest im direk­ten Vergleich mit seinem Frühwerk - den musikalischen Normen und Idealen des Na­tionalsozialismus weiter angepasst, was bei Durchsicht der Partitur schnell deutlich wird.5 Der Erfolg beim Publikum war immens und so waren im Sommer und Herbst 1934 Hindemiths „Jugendsünden vergessen und vergeben“6.

3. Mathis der Maler - Bedeutsame Sinfonie

3.1 Artikel

Entsprechend Hindemiths großem Erfolg mit der Mathis der Maler Sinfonie äußert sich auch der Kritiker Herzog in der National-Zeitung aus Essen am 15. März 1934 in sei­nem Beitrag „Hindemith: „Mathis der Maler - Bedeutsame Sinfonie: Uraufführung in Berlin“7:

Gleich zu Beginn attestiert Herzog Hindemith „doch ein genialer Musikant“ zu sein und wirft ein, dass alle „berechtigten Vorurteile gegen seine Persönlichkeit“ mit der Aufführung der Sinfonie zerstreut worden seien. Dies begründet er damit, dass der Komponist seinen „Spieltrieb und die Motorik überwunden hat“ und plötzlich „warme Herzenstöne“ anschlägt. Des Weiteren schreibt er davon, dass die Sinfonie Mathis der Maler „Bekenntnismusik [sei], die in unserer Zeit wurzelt und trotzdem nirgends die Verbindung an die Vergangenheit verleugnet.“

3.2 Kommentar

Vor allem mit der „Verbindung an die Vergangenheit“ erwähnt Herzog einen Sachver­halt, der tatsächlich eine große Rolle in der so überaus positiven Mathis der Maler­Rezeption spielen könnte: Die Sinfonie behandelt bekanntermaßen verschiedene Bildmotive des Isenheimer Altars. Es handelt sich dabei um dessen vier drehbare Altarflügel, die zwischen 1512 und 1516 von dem Maler Mathias Grünewald geschaf­fen wurden. Somit liegt mit Hindemiths Sinfonie die Rezeption eines künstlerischen Gegenstandes einer älteren Epoche vor, die zudem noch im musikalischen Text Tendenzen der Rückbesinnung beinhaltet. Die Nationalsozialisten, die sowohl in ihrer Kulturpolitik, als auch in vielen anderen Punkten ihrer Weltanschauung der Auffassung waren, dass althergebrachte Inhalte und Werte und hervorzuheben und zu bewahren wären, dürften von dieser Tendenz in Hindemiths Schaffen durchaus erfreut gewesen sein.

In jedem Fall kann zum Beispiel anhand von Kritiken, wie der soeben vorgestellten Beurteilung in der Essener Nation-Zeitung, durchaus rekapitulierend festgehalten werden, dass Hindemith sich in der Zeit ab März des Jahres 1934 in seinem allgemei­nen Ansehen in einer temporären Hochphase befand, die jedoch nicht von allzu langer Dauer sein sollte, wie im Folgenden beschrieben werden soll.

4. Zu den Ereignissen bis November 1934

In der Zeit nach der Uraufführung der Mathis der Maler Sinfonie, wurde es zunächst wieder ruhiger um Paul Hindemith, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass der späte Termin der Uraufführung es nicht mehr ermöglichte die Sinfonie in die Konzertprogramme der Saison zu integrieren.8 Auch von Hindemiths anderen Werken wurden wenige aufgeführt, was als ein Zeichen dafür auszulegen ist, dass die Gegner Hindemiths weiter im Hintergrund agierten.9 Dies dürfte für Hindemith selbst aber nur wenig problematisch gewesen sein, da er zu dieser Zeit mit vollen Kräften an der Oper Mathis der Maler arbeitete.

Dass Hindemith sich mit seiner vorangegangenen Sinfonie und ihrem Erfolg nicht mit allen Funktionären im Musikleben des Dritten Reiches gutgestellt hatte, sollte aber bald deutlich werden.

5. Paul Hindemith - Kulturpolitisch nicht tragbar

5.1 Artikel

In der Öffentlichkeit kamen die Gegner des Komponisten zum ersten Mal mit dem Erscheinen des Artikels „Paul Hindemith - Kulturpolitisch nicht tragbar“10 in der Zei­tung Die Musik zu Wort. In diesem ungefähr zwei Seiten langen Text bezieht sich Friedrich Wilhelm Herzog, auf den der Beitrag zurückgeht11, auf das Frühwerk Hinde­miths und greift, um die längst geglätteten Wogen wieder höher schlagen zu lassen, die alten Argumente der Gegner von Hindemith wieder auf. So spricht er in Hinblick auf Hindemiths Musik davon, man „finde [...] die übliche Beweisführung für den Sinn der neuen Musik, nach der sie aus der Auflehnung gegen die Werke der Romantik, vor allem gegen Wagner, entstanden sein soll“. Ferner schreibt Herzog davon, dass das Frühwerk Hindemiths, unabhängig von der Anpassung des Komponisten an die musikalischen Ideale des Dritten Reichs, „doch immerhin vorhanden [sei]“, jedoch ein „Widerruf oder Abrücken [...] bis heute nicht erfolgt [sei]. Am meisten ins Gewicht fallen jedoch vermutlich die Zeilen des Artikels, die unter anderem besagen: „Die NS- Kulturgemeinde lehnt die Aufführung der Kompositionen Paul Hindemiths in ihren Ver­anstaltungen grundsätzlich ab und verzichtet auch auf die Abnahme von Veranstaltungen anderer konzertgebender Vereine oder Institute, wenn ein Werk Hindemiths auf dem Programm steht.“ Des Weiteren wird Hindemith vorgeworfen: „Wenn heute Hindemith in seinem „Mathis der Maler“ positiver erscheint, so ist damit nicht bewiesen, daß er, der im Sinne der Gesetzgebung des nationalsozialistischen Deutschlands nichtarisch versippt ist, sich innerlich gewandelt hat.“

5.2 Kommentar

Wie relativ deutlich aus dem Artikel hervorgeht, wird hier klar gegen Hindemith Posi­tion bezogen. Speziell die Unterstellung einer Auflehnung gegen Wagner ist als schar­fer Angriff gegen Hindemith zu betrachten, da ersterer ja bekanntermaßen sowohl in Hinblick auf seine Kompositionen, als auch auf seine Weltanschauung das natio­nalsozialistische Ideal einer künstlerischen Persönlichkeit darstellt. Ebenfalls zu erwähnen ist das abgedruckte Statement der NS-Kulturgemeinde, welches als bedeutsam angesehen werden kann, da die NS-Kulturgemeinde ein wichtiges Organ im Musikleben des Dritten Reichs war.

6. Der Fall Hindemith

6.1 Artikel

Das Intervenieren Wilhelm Furtwänglers im Fall Hindemith ist als Höhepunkt des gesamten Konflikts um Paul Hindemith zu betrachten.

[...]


1 vgl. Prieberg, Fred K.: Musik im NS-Staat. Berlin: S. Fischer Verlag, 2015, S. 62.

2 vgl. Metz, Günther: Der Fall Hindemith. Versuch einer Neubewertung. Darmstadt: Wolke, 2016, S. 34.

3 Metz, Günther, S. 38.

4 vgl. Wackernagel, Peter: Wilhelm Furtwängler. Die Programme der Konzerte mit dem Berliner Philharmonischen Orchester, 1922-1954. Wiesbaden: Brockhaus, 1965, S. 30.

5 Hindemith Paul: „Symphonie Mathis der Maler", in: Sämtliche Werke, Band 11,2: Orchesterwerke 1932-34, hrsg. v. Stephen Hinton, Mainz: B. Schott's Söhne, 1991, S. 79ff.

6 Prieberg, Fred K.: Musik im NS-Staat. Berlin: S. Fischer Verlag, 2015, S. 64.

7 Herzog, „Hindemith: Mathis der Maler. Bedeutsame Sinfonie: Uraufführung in Berlin" in: National-Zeitung (Essen), 16. März 1934.

8 vgl. Metz, Günther: Der Fall Hindemith. Versuch einer Neubewertung. Darmstadt: Wolke, 2016, S. 47.

9 vgl. Metz, Günther, S. 48

10 „Paul Hindemith - kulturpolitisch nicht tragbar", in: Die Musik, 27. Jg., H.2 (November 1934), S. 138 ff.

11 vgl. Metz, Günther: Der Fall Hindemith. Versuch einer Neubewertung. Darmstadt: Wolke, 2016, S. 50.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Fall Hindemith, dargestellt an ausgewählten Beiträgen in NS-Zeitungen
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V429760
ISBN (eBook)
9783668741140
ISBN (Buch)
9783668741157
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der Fall Hindemith, Hindemith, NS-Zeitung, Kulturpolitik, Drittes Reich
Arbeit zitieren
Axel Paulußen (Autor), 2018, Der Fall Hindemith, dargestellt an ausgewählten Beiträgen in NS-Zeitungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429760

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