Fertilitätsverhalten in Deutschland. Ursachen für die steigende Kinderlosigkeit und die sinkende Anzahl von Mehrkindfamilien


Ausarbeitung, 2017
8 Seiten, Note: 2,0
Charlotte Pforr (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Trend Kleinfamilie

2.1 Ursachen für Kinderlosigkeit und weniger Mehrkindfamilien und die Wechselwirkung der Faktoren
2.2 Partnerschaft
2.2.1 Rushour des Lebens
2.3 Ökonomische Faktoren
2.4 Kosten-Nutzen-Faktor

3. Fazit

4. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Der Trend Kleinfamilie

Mit einer Geburtenziffer von im Durchschnitt 1,5 Kindern im Jahre 2015 (Statistisches Bundesamt 2017) ist die Geburtenrate im Gegensatz zum Jahr 2009, mit einer durchschnittlichen Geburtenziffer von 1,36 Kindern, zwar gestiegen, doch liegt Deutschland somit im internationalen Vergleich noch immer unter dem EU-Durchschnitt von 1,58 Kindern je Frau, sowie unterhalb des sogenannten Bestandserhaltungsniveaus von 2,1 Kindern je Frau (Geographische Rundschau, BiB 2017). Die geringe Geburtenziffer hat sichüber die Jahrzehnte hinweg, durch diverse gesellschaftliche Veränderungen, zu einem langfristigen Trend entwickelt. Außerdem zeigen Statistiken, dass sich Frauen zunehmend für das erste Kind im höheren Alter entscheiden. Der vergleichsweise geringe Kinderwunsch und die Aufschiebung der ersten Geburt, aus welcher unter anderem aufgrund der biologischen Reproduktionsfähigkeit wiederum eine niedrige Geburtenziffer resultiert hat vielfältige Ursachen von denen Einzelne im Folgenden erläutert werden sollen.

2.1 Ursachen für Kinderlosigkeit und weniger Mehrkindfamilien und die Wechselwirkung der Faktoren

Durch die Frauenemanzipation und die Bildungsexpansion mit einhergehender ansteigender Frauenerwerbstätigkeit sind die Optionen zur Ausgestaltung des eigenen Lebens vielfältiger geworden. Frauen folgen weniger traditionellen Werten und die Familiengründung steht nicht mehr zwingend im Mittelpunkt des Lebens. Frauen sind eher karriereorientiert und streben vermehrt nach Selbstverwirklichung. Bei dem Versuch Familie und Beruf zu kombinieren, geraten viele Frauen in ein Dilemma. Durch die gestiegenen Optionen ist auch der Arbeitsmarkt zunehmend von Konkurrenz und Wettbewerb geprägt. Daraus resultiert, dass viele Frauen die Familiengründungsphase aufschieben um den eigenen Karriereweg zunächst zu beenden, da es ungewiss ist, an welcher Stelle sie nach einer längeren Kinderpause wieder in das Berufsleben einsteigen würden. Aus der oft gewollten vorübergehenden Aufschiebung der Familiengründungsphase folgt mitunter eine ungewollte endgültige Kinderlosigkeit, beziehungsweise eine niedrig ausfallende realisierte Kinderzahl, da die Realisierung einer Mehrkindfamilie sich mit zunehmendem Alter schwieriger umsetzen lässt. Besonders Akademikerinnen bleiben laut Statistiken eher kinderlos. Kinderlose Arbeitnehmer werden auf dem Arbeitsmarkt bevorzugt, da diese anpassungsfähiger und mitunter verlässlicher sind und auch geforderte Arbeitseinsätze, wie beispielsweise Dienstreisen, eher wahrnehmen können als Arbeitnehmer mit Kindern:

„Infolge der Individualisierung stehen potenzielle Eltern vor dem Konflikt zwischen Familie und Arbeit, wobei der Arbeitsmarkt Flexibilität und Mobilität erfordert, was infolge der Emanzipation auch für Frauen gilt und das Konfliktpotenzial bzw. den Koordinierungsbedarf verdoppelt.“ (Bjuard/Lück 2015).

Ein Entscheidungszwang entsteht, welcher oftmals in einen perpetuierenden Aufschub der Familiengründungsphase mündet.

Es lässt sich festhalten, dass mit steigender Optionsvielfalt durch einen hohen Bildungsgrad oder beispielsweise durch das Leben in einer Großstadt, welches von Möglichkeitsreichtum geprägt ist, Kinderlosigkeit begünstigt wird.

2.2 Partnerschaft

Die Ressource Partnerschaft ist beim Thema Kinderlosigkeit von großer Bedeutung. Partnerschaften und Beziehungen sind heutzutage weniger stabil. Etwa jede dritte Ehe wird geschieden (vgl. Statistisches Bundesamt 2015). Darüber hinaus ist die Ehe nicht mehr Voraussetzung für das Kinderkriegen und allgemein gibt es mittlerweile neben der Ehe zahlreiche Partnerschaftsformen, welche gesellschaftlich akzeptiert sind. Dieser kulturelle Wandel führt dazu, dass sich Frauenöfter gegen Kinder entscheiden, da sie nicht mehr dem Druck von gesellschaftlichen Verhaltenserwartungen ausgesetzt sind. Außerdem müssen Frauen zwar keinen Verlust des sozialen Status mehr fürchten, wenn es zu nicht-ehelichen Kindern kommt oder wenn sie alleinerziehend sind, doch haben viele Frauen noch immer das Wunschbild einer Familie von Vater, Mutter und Kind und neigen daher eher dazu, die Geburt des ersten Kindes hinauszuzögern bis die eigene Partnerschaft dem Gefühl nach ausreichend stabil ist um die Familienplanung umzusetzen oder bis generell eine feste Partnerschaft zu Stande kommt, da es heutzutage nicht unüblich ist, dass Bekanntschaften nur von kurzer Dauer und von wenig Intensität sind. Bei einer Befragung gaben 97% der Befragten an, unter einer Familie „ein verheiratetes Ehepaar mit Kindern“ zu verstehen (Monitor Familienleben 2012:41). Dieses „Warten“ endet unter Umständen wiederum in dem bereits erläuterten „Aufschiebungs-Effekt“. Je länger eine Frau wartet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit dass diese auf Komplikationen bei der Umsetzung des Kinderwunsches stößt. Außerdem nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Mehrkindfamilie mit zunehmender Zeit ab. Neben der biologischen Unfruchtbarkeit, welche bei Frauen mit dem Klimakterium im Alter von Mitte 40 bis Anfang 50 (vgl. BiB Workingpaper: 14) eintritt, ist die hohe Scheidungsrate bzw. Trennungsrate nach der ersten Geburt ein Grund für eine geringe realisierte Geburtenziffer. Ein Kind bringt viele neue Herausforderungen mit sich und stellt die Partnerschaft auf eine Probe. Paare, welche die Herausforderung Kind als sehr kompliziert empfinden, entscheiden sich eher dazu kein weiteres Kind zu bekommen. Oftmals tritt aber auch der Fall ein, dass sich das Elternpaar nach der Geburt des ersten Kindes trennt oder scheiden lässt. Im Jahr 2016 ließen sich Paare durchschnittlich nach 15 Ehejahren scheiden. Die Frauen waren zum Scheidungszeitpunk im Durchschnitt 43,6 und die Männer 46,6 Jahre alt (Statistisches Bundesamt 2018). Betrachtet man nun das Phänomen der hohen Scheidungsrate (346,3 im Jahr 2016) im Zusammenhang mit der Dauer der Ehen bis zur Scheidung, so erkennt man einen weiteren Grund für das vermehrte Auftreten von Einkindfamilien anstelle von Mehrkindfamilien. Durch das fortgeschrittene Alter, in dem sich Männer und Frauen im Durchschnitt zum Zeitpunkt ihrer Ehescheidung befinden, ist es eher selten, dass es zu weiteren Geburten kommt. Zum einen durch die Grenzen der eigenen biologischen Fruchtbarkeit, zum anderen muss eine neue Partnerschaft zunächst aufgebaut werden, was wiederum Zeit in Anspruch nimmt und die Umstände zunehmend erschwert. Ein deutlicher Zusammenhang zwischen Partnerschaft, Ehedauer, Scheidung und einer niedrigen realisierten Geburtenziffer ist erkennbar

2.2.1 Rushour des Lebens

Die Faktoren Bildung und Partnerschaft bedingen wechselseitig die Umsetzung der Familiengründung. Durch das längere Verweilen im Bildungssystem kommt es erst später zu einer festen Partnerschaft oder Ehe, woraus wiederum resultiert, dass es später zur ersten Geburt kommt. Die sogenannte „Rushour des Lebens“ beschreibt das Phänomen, dass die Familiengründungsphase aufgrund des langwierigen Bildungswegs nur einen kurzen Abschnitt im Leben einnimmt. Von Bjuard/Lück (2015:13) heißt es hierzu:“ Bei Akademikerinnen, die besonders von der Rushour betroffen sind, bekommen 42% ihre Kinder nach dem 35. Geburtstag.“

Frauen und Männer, welche die Familiengründung aufschieben, möchten sich die beruflichen Möglichkeiten offen halten. Des Weiteren spielen die zahlreichen Freiheiten in Bezug auf die Freizeitgestaltung oder die Partnerschaft eine Rolle, welche für einen längeren Zeitraum von höherer Priorität sind als das Kinderkriegen.

2.3 Ökonomische Faktoren

Auch ausökonomischer Sicht gibt es Faktoren, welche die Entscheidung für oder gegen ein Kind beeinflussen. Die sogenannten Opportunitätskosten beschreiben unter anderem die entgangenen Einnahmen, welche durch einen (temporären) Ausstieg aus dem Berufsleben entstehen. Bei Akademikerinnen und Akademikern sind diese Opportunitätskosten aufgrund der vielfältigen Karriereoptionen besonders hoch. Weiterhin verursacht ein Kind immense Kosten, welche die auf die Entscheidung einwirken.

Neben der genannten Faktoren gibt es zahlreiche Ressourcen, wie beispielsweise das Vorhandensein von geeignetem Wohnraum, die Möglichkeiten zur Kinderbetreuung oder die (finanzielle) Unterstützung durch das soziale Umfeld u.Ä., welche zusammen auf die Entscheidung einwirken.

2.4 Kosten-Nutzen-Faktor

Durch ein funktionierendes Sozialversicherungssystem ist es nicht mehr Hauptaufgabe der Kinder, für die Altersvorsorge der Eltern aufzukommen. Dies ist somit heutzutage kein wichtiger Gesichtspunkt mehr, wenn es um Fertilitätsentscheidungen geht. Viel mehr sind es emotionale Aspekte, welche ein Paar dazu bewegt Kinder zu bekommen. Es handelt sich um „(…)individuelle Nutzenelemente (z.B. emotionale Befriedigung, Spaßund Freude oder soziale Anerkennung bzw. Status)(…)(Erlinghagen/Hank 2013).

3. Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die gesellschaftlichen Veränderungen, wie die Frauenemanzipation und Bildungsexpansion zwar Vorteile für den Einzelnen mit sich bringen, indem es möglich ist sich beruflich, sowie privat frei zu entfalten, doch erschwert diese Freiheit die Familiengründung enorm. Das Dilemma zwischen Familie und Beruf trägt dazu bei, dass es zunehmend kinderlose Männer und Frauen gibt. Dieses Phänomen tritt am häufigsten bei Akademikerinnen und Akademikern auf. Die Gesellschaft ist durch die hohen Ansprüche an Arbeitnehmer und durch Einrichtungen wie beispielsweise Halbtagsschulen nicht ausreichend auf einen Spagat zwischen Beruf und Familie ausgelegt. Da Kinderlose Arbeitnehmer noch immer bevorzugt werden, schieben potenzielle Eltern die Familiengründung oftmals bewusst auf, woraus mitunter eine ungewollte endgültige Kinderlosigkeit aufgrund der biologischen Fruchtbarkeitsgrenzen resultiert.

Die Faktoren Beruf, Partnerschaft, sowieökonomische Faktoren und weitere Ressourcen beeinflussen im Zusammenspiel die Entscheidung für oder gegen ein Kind. In modernen Wohlfahrtsstaaten, wie in Deutschland, welche sich durch eine Vielfalt von Optionen und Freiheiten kennzeichnet, ist das Phänomen Kinderlosigkeit besonders verbreitet.

4. Quellen und Literaturverzeichnis

Bjuard, Martin (2015): Kinderlosigkeit in Deutschland: Wie interagieren Bildung, Wohnort, Migrationshintergrund, Erwerbstätigkeit und Kohorte? Zeitschrift für Familienforschung, 27.Jahrg., Heft 3. http://budrich-journals.de/index.php/zff/article/view/21274/18570 (Letzter Zugriff: 22.03.2018)

Bjuard, Martin/ Lück, Detlev (2015): Kinderlosigkeit und Kinderreichtum: Zwei Phänomene und ihre unterschiedlichen theoretischen Erklärungen. BiB Working Paper 1/2015 https://www.bib.bund.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Working_Paper/2015_1_kinderlosig keit_kinderreichtum.pdf?__blob=publicationFile&v=5 (Letzter Zugriff: 29.03.2018)

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2017): Bevölkerung in Deutschland. Geographische Rundschau https://www.bib.bund.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Broschueren/2017-11-09- bevoelkerung-in-deutschland.pdf?__blob=publicationFile&v=4 (Letzter Zugriff: 18.03.2018)

Erlinghagen, Marcel/ Hank, Karsten (2013): Neue Sozialstrukturanalyse. Ein Kompass für Studienanfänger. München: Fink Verlag, S.73-92.

Monitor Familienleben (2012): Einstellungen und Lebensverhältnisse von Familien. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie. Institut für Demoskopie Allensbach. Berichtsband, S.41 https://www.ifd-allensbach.de/uploads/tx_studies/Monitor_Familienleben_2012.pdf (Letzter Zugriff: 12.03.2018)

Statistisches Bundesamt: Scheidungen (2000-2016) https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Ehescheidungen/T abellen/MasszahlenEhescheidungen.html

Statistisches Bundesamt (2017): Kinderlosigkeit, Geburten und Familien. Ergebnisse des Mikrozensus 2016. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/HaushalteMikrozensus/ GeburtentrendsTabellenband5122203169014.pdf?__blob=publicationFile (Letzter Zugriff: 22.03.2018)

Monitor Familienleben (2012): Einstellungen und Lebensverhältnisse von Familien. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie. Institut für Demoskopie Allensbach. Berichtsband, S.41 https://www.ifd-allensbach.de/uploads/tx_studies/Monitor_Familienleben_2012.pdf (Letzter Zugriff: 12.03.2018)

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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Fertilitätsverhalten in Deutschland. Ursachen für die steigende Kinderlosigkeit und die sinkende Anzahl von Mehrkindfamilien
Hochschule
Universität Osnabrück  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
8
Katalognummer
V429865
ISBN (eBook)
9783668732377
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialwissenschaften, Fertilität, Fertilitätsverhalten, Geburtenrate, Deutschland, Fertilitätsverhalten in Deutschland, Sozialstruktur, Familie, Kinder, Kinderwunsch, Familie und Karriere
Arbeit zitieren
Charlotte Pforr (Autor), 2017, Fertilitätsverhalten in Deutschland. Ursachen für die steigende Kinderlosigkeit und die sinkende Anzahl von Mehrkindfamilien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429865

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