Hegemonie und schwarze Identität im Film "Moonlight"


Seminararbeit, 2017
18 Seiten, Note: 15 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. „Little“
1.1 Isolation und erste Gewalt

2. „Chiron“
2.1 Maskulinitat und Femininitat

3. „Black“
3.1 Identitat und der Korper als Maske

4. Fazit

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit beschaftigt sich mit dem Film Moonlight aus dem Jahr 2016 von Regisseur Barry Jenkins. Er ist autobiografisch gepragt und hat unter anderem den Oscar fur Best Picture gewonnen. Mit realistisch wirkender Inszenierung erzahlt der Film die Ge- schichte von einem Jungen namens Chiron. Als Zuschauer begleitet man Chiron durch wichti- ge Etappen seines Lebens. Diese werden in drei Kapitel erzahlt. Das Coming-of-Age-Drama spielt im armlich gepragten Stadtrand von Miami in den 1980er Jahren. Der afroamerikani- sche Junge Chiron leidet unter der Drogensucht seiner alleinerziehenden Mutter und den Schi- kanen seiner brutalen Mitschuler. Wichtige Eltemfiguren findet er in dem Drogendealer Juan und dessen fursorgliche Freundin Theresa. Schon fruh entwickelt er Gefuhle fur seinen Mit­schuler Kevin, der ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

Der Film setzt den Fokus auf die Entwicklungsphasen des Protagonisten: beginnend als Kind Little, dann zum Teenager Chiron werdend und letztendlich vollendet im erwachsenen Dro­gendealer Black. Chiron leidet unter den Anforderungen seiner Umgebung, die gepragt ist von Homophobie und toxischer Maskulinitat. Der Film besteht nahezu vollstandig aus einem afroamerikanischen Cast. Trotz der Abwesenheit weiBer Darsteller wird eine verinnerlichte Form der Hegemonie dargestellt, die Chirons Gesellschaft als Panoptikum erscheinen lasst. Auf den ersten Blick konnte Chiron wie ein Junge wirken, der Probleme hat wie alle anderen Heranwachsenden auch. Dennoch scheint er sich bei der Entwicklung zum Drogendealer Black einer gewissen Hegemonie zu unterwerfen, die seine schwarze Identitat formt. Die Seminararbeit beschaftigt sich hierbei mit der Frage, inwieweit Whiteness im Film verkorpert wird. Ebenso verwoben damit sind Geschlecht und Sexualitat. Warum kann Chiron nicht der Vorstellung eines schwarzen Mannes entsprechen? Um die Frage zu bearbeiten, verwende ich Screenshots wichtiger Szenen aus dem Film sowie einige Dialoge zwischen den Figuren. Die filmischen Bezeichnungen entnehme ich aus dem Werk Grundkurs Filmanalyse von Werner Faulstich. Die erarbeitenden Analysen werden mit Theorien der Critical Whiteness und Black Identity verbunden. Die Untersuchungen erfolgen dabei jeweils nach den drei Akten des Films. Zunachst wird der Fokus auf Little gelegt und inwieweit er von Isolation und Gewalt gepragt wird. Danach geht es um Chiron und seiner Gefangenschaft in einer Welt mit den Po- len Maskulinitat und Femininitat. Im dritten und letzten Teil werden Black und seine Identi- tatsprobleme erlautert. Letztendlich werde ich aus allem ein Fazit ziehen und Chirons Ent­wicklung unter den oben genannten Gesichtspunkten zusammenfassen.

1. „Little“

Im ersten Kapitel erlebt der Zuschauer Chiron als Kind. Dieser wird von den Personen in sei­ner Umgebung als Little bezeichnet. Der Film beginnt mit der Darstellung des Drogendealers Juan. Regisseur Barry Jenkins stellt die Stadt Miami als einen Kontrast zwischen Sonnen- schein und Armut, Hasslichkeit und Schonheit dar. Im Vordergrund steht die Isolation einer gesamten Gesellschaftsschicht. Das Sonderbare: die Hegemonie, unter der sie leidet, ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Und gerade das definiert Whiteness:

,,Whiteness ist normal, durchschnittlich, alltaglich und [...] unsichtbar. Seine Prasenz artiku- liert sich uber Abwesenheit: Whiteness kann immer dann vorausgesetzt werden, wenn es nicht benannt istU

Die Protagonisten sind Teil einer nicht markierten Hegemonie, die nicht nur rassistisch und hierarchisch gepragt ist, sondem auch als normal angenommen wird.[1] [2] Lander wie die USA bezeichnen sich als demokratisch, dennoch gibt es Ungleichgewicht in der amerikanischen Gesellschaft. Es herrscht eine Art Meritokratie der Privilegierten, die jede kulturelle Norm und hervorzubringende Leistung bestimmt.[3] Die von der Geschichte gepragten Kategorien, beispielsweise die Jim Crow Laws, gelten als uberwunden,jedoch ist die stigmatisierte Grup- pe in sich selbst gespalten.[4] Was bedeutet, dass sie weiterhin Problemen ausgesetzt ist. Nicht nur die Unterdruckung pragt sie, sondem auch die Ansicht, ihre Mitglieder seien von gleicher Natur und keine Individuen:

„Rassistisch markierte Personen sind auch in den westlichen Metropolen peripher lokalisiert. Die Demographie findet ihre Entsprechung in den Mental Maps, den Landschaften im Denken der Subjekte weiher* Dominanzkulturen.“[5]

Nicht nur lokal werden die Betroffenen abgeschnitten von der AuBenwelt, sondern auch in den Kopfen der Mehrheitsgesellschaft, die ihre Belange ignoriert. Und hier kommt der Prot­agonist Chiron ins Spiel - er ist die Personifikation dieser Isolation und wird als Kind durch Gewalt und Heteronormativitat gepragt.

1.1 Isolation und erste Gewalt

Little wird von seinen Mitschulern nach der Schule gejagt und findet Schutz in einem verlas- senen Haus. Er sperrt sich ein und verschlieBt seine Ohren vor dem Larm drauBen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Little versteckt sich vor seinenMitschulern in einem verlassenen Crackhaus.[6]

Nachdem die Lage sich beruhigt hat, findet er auf dem Boden eine Spritze. Neugierig be- trachtet er sie. Indirekt verdeutlicht dies die Problematiken in der Gesellschaft, in der er lebt, und auch die zukunftige Sucht seiner Mutter Paula. Die afroamerikanische Jugend ist gepragt von Armut, Bildungsmangel, mangelnden Jobaussichten und prekaren Verhaltnissen.[6] [7] Zwar ist Chiron noch ein Kind, doch scheint klar zu sein, dass er nicht Teil der Mehrheitsgesell- schaft ist. Schonjetzt wird sein Verhalten als Mitglied einer Minderheit durch die Mittel einer unsichtbaren Macht geformt.[8] [9] Wahrend Chiron weiterhin im verlassenen Haus verbleibt, bricht der Drogendealer Juan plotzlich ein. Chiron ist verangstigt, doch Juan scheint gute Ab- sichten zu haben und wirkt um das Kind besorgt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Juanfindet den vernngstigten Little -und kummert sich vaterlich -urn ihn.[9]

Die Nahaufnahme Juans, der hereinkommende Lichtstrahl und die leichte Untersicht aus Litt­le's Perspektive symbolisieren ihn als Retter und Vaterfigur, zu der Little aufschauen wird.

Trotz der Zuflucht zu Juan und seiner Freundin Theresa, hat Little immer noch Schwierigkei- ten, unter seinen Mitschulern FuB zu fassen. Eine Szene, in der Little mit den anderen Kin- dern drauBen spielt, ist vor allem hierfur ausschlaggebend. Little resigniert und leidet unter der Dominanz der anderen. Er zieht sich zuruck. Doch sein Mitschuler Kevin folgt ihm und versucht ihm klar zu machen, dass er sich behaupten muss:

Kevin: All you gotta do? Show these niggas you ain't soft.

Little: But I ain't soft.

Kevin: I know, I know. But... don't mean nothin' if they don't know. (S chubst Little.) Come on.

You want these fools to pick on you every day? (Beide rangeln miteinander, liegen dann erschopft am Boden. Kevin steht auf. Little starrt ihn an.) See Little. I knew you wasn't soft.[10] [11] Als beide Kinder miteinander rangeln, schwenkt die Kamera hin und her und filmt detailliert ihre Korper. Was als kindliches Spielen erscheint, hat einen gewissen Unterton. Dieser ist nicht nur zweideutig in sexueller Hinsicht, sondern auch in gesellschaftlicher. Kevin will Litt­le zeigen, wie er sich behaupten kann und warum es wichtig ist zu beweisen dass er nicht soft ist. Auffallend an dieser Szene ist auBerdem, dass Chiron zum ersten Maljemandem direkt ins Gesicht schaut.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Bevor beide miteinander rangeln, bemerktLittle auf Kevins Wange eine blutige Wunde.[11]

Kevin bringt Little Toughness bei. Um in der Welt zurechtzukommen, braucht er Respekt: „Possession of respect - an indicator of male authority and manhood - is highly valued.“[12] Der Intellekt tritt in den Hintergrund. Wichtiger ist eine physische Representation von Starke und Gewalt, die lange (und bis heute) mit afroamerikanischen Mannem verbunden wurde.[13] Little's Gesellschaft ist schon fruh gepragt von solchen Faktoren:

,,The use of physical force, aggression, and violence as tools of subordination creates pro­blems within African American communities [...]. Specifically, for African American men whose power within the broader political economy remains compromised, violence against other men [...], violence against women constitutes a triad of male aggression [...]. Black wo­men certainly can be aggressive and violent, especially toward Black children^[14] [15] Little leidet nicht nur unter seinen Mitschulern, sondern auch unter der Dominanz seiner Mutter. Diese muss sich fur Manner prostituieren, um ihre Sucht zu finanzieren. Statt ihrem Kind Komfort zu geben, beschimpft sie ihn als faggot.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Paula beschimpft Little. Im Hintergrund das Rotlicht als Symbolfur ihrenAbsturz.[15]

Wahrend dieser Szene bleiben ihre Worte stumm, dennoch kann man ihre Schimpftirade an ihren Lippen ablesen. Die klassische Musik im Hintergrund unterstreicht das aufbrausende Verhaltnis zwischen Mutter und Kind. Paula wird selbst unterdruckt in einer Welt, in der sie ihren Korper verkaufen und ihre seelischen Probleme (die im Film nicht erklart werden) mit Drogen fullen muss. Dennoch misshandelt sie emotional ihr Kind. Little sucht Trost bei Juan und Theresa. Am Tisch sitzend fragt er Juan, was seine Mutter eigentlich zu ihm sagte:

Little (unschuldig): What's a faggot?

Juan (ernst): A faggot is... a word used to make gay people feel bad.

Little: Am I a faggot?

Juan (schuttelt den Kopf): No. You're not a faggot. You can be gay, but you don't have to let nobody call you a faggot.[16]

Uberraschend hierbei ist, dass Juan keine homophoben AuBerungen tatigt, sondern stets die individuelle Identitat und Wurde betont. Dies andert jedoch nichts an der Tatsache, dass auch er in einer gewissen Rolle agiert. Er schlich nicht nur mit einer Pistole an die Tur heran, als Little an dieser klopfte, sondern erklarte dem Jungen auch beim Sitzen am Tisch, dass er so sitzen sollte, um alles im Blick zu haben. Das Gesprach uber Homophobie und die Andersar- tigkeit des Kindes ist ein direkter Ubergang zu weiteren Problemen, die auf Chiron als Teena­ger zukommen werden.

2. „Chiron“

Little ist nun ein Teenager. Das Kapitel nennt sich Chiron, sein richtiger Name. Relevant fur diesen Part ist die Suche Chiron's nach Identitat in einer Welt, deren Hegemonie nicht nur durch weifi und schwarz gepragt ist, sondem auch durch weiblich und mannlich. „Rassismus und Sexismus sind in ihrer intersektionalen Verknupfung noch effektivere Instrumente zur Machtausubung als nur eine der Ideologien allein.“[17] Juan ist mittlerweile verstorben (wie, bleibt unklar), lediglich Theresa ist noch als Bezugsperson vorhanden. Worunter Chiron lei- det, ist seine angeblich fehlende Mannlichkeit. Damit wird ,,[...] eine Position im Geschlech- terverhaltnis; die Praktiken, durch die Manner und Frauen diese Position einnehmen, und die Auswirkungen dieser Praktiken auf die [...] Personlichkeit und Kultur [.. ,]“[18] bezeichnet. Die schwarze Mannlichkeit Chiron's steht im Verhaltnis zur weiBen Maskulinitat und Hegemonie, durch die sie geformt ist[19] ; aber auch im Verhaltnis der Hegemonie zwischen Heterosexualitat und Homosexualitat.[20] Diese Dinge sind gepragt von der Geschichte der Versklavung: historically, African American men were depicted primarily as bodies ruled by brute strength and natural instincts, characteristics that allegedly fostered deviant behaviors of promiscuity and violence.“[21]

Wahrend der Geschichte der USA verrichteten schwarze Manner harte Arbeit unter rauen Be- dingungen. Einzige Relevanz: ein starker und nicht allzu intelligenter Korper.[22] Das Ergebnis ist die Konstruktion der schwarzen Mannlichkeit, die der weiBen unterworfen ist und dazu fuhrt, dass die stigmatisierte Minderheit um Anerkennung und Arbeit konkurriert.[23] Die Idea- lisierung von ,,[...] thug life within Black youth, the growing misogyny within heterosexual love relationships, and the increased [...] homophobic violence [...]“[24] sind die Ergebnisse ei- nes Kampfes um verloren gegangene Mannlichkeit.

2.1 Maskulinitat und Femininitat

Mannlichkeit ist ein Konstrukt: „Ohne den Kontrastbegriff ,Weiblichkeit' existiert ,Mannlich- keit' nicht.“[25] Homosexualitat wird der Weiblichkeit zugeordnet und als Gefahr fur die patriar-

[...]


[1] Wollrad, Eske: Weibsein im Widerspruch. Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion.

1. Aufl. Konigstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2005. S. 32.

[2] Vgl. Pech, Ingmar: Whiteness - akademischer Hype und praxisbezogene Ratlosigkeiten? Uberlegungen fur eine Anschlussfahigkeit antirassistischer Praxen. In: Spurensicherung. Reflexion von Bildungsarbeit in der Einwanderungsgesellschaft. Hrsg. von Gabi Elverich, Annita Kalpaka u. Karin Reindlmeier. 2. Aufl.

Munster: Unrast 2009. S. 66.

[3] Vgl. Carr, Paul C.: Whiteness and White Privilege: Problematizing Race and Racism in a “Color-blind”

World and in Education. In: Rassismuskritik und Widerstandsformen. Hrsg. von Karim Fedeidooni u. Meral El. Wiesbaden: Springer Fachmedien2017. S. 874.

[4] Vgl. Ebd. S. 874.

[5] Tibberger, Martina: Critical Whiteness. Zur Psychologie hegemonialer Selbstreflexion an der Intersektion vonRassismusundGender. 1. Aufl. Wiesbaden: SpringerFachmedien2017. S. 102.

[6] Jenkins, Barry: Moonlight. DVD. USA: dcm2017. TC: 00:03:32.

[7] Vgl. Collins, Patricia Hill: Black Sexual Politics. African Americans, Gender, and the New Racism. 1. Aufl. New York/London: Routledge 2004. S. 53.

[8] Vgl. Tihberger: Critical Whiteness. S. 85.

[9] Jenkins: Moonlight. TC: 00:04:56.

[10] Jenkins: Moonlight. TC: 00:14:53-00:15:51.

[11] Ebd. TC: 00:13:58.

[12] Collins: Black SexualPolitcs. S. 190.

[13] Vgl. Ebd. S. 152.

[14] Collins: Black Sexual Politics. S. 210.

[15] Jenkins: Moonlight. TC: 00:29:30.

[16] Ebd. TC: 00:32:20-00:32:56.

[17] Tihberger: Critical Whiteness. S. 60.

[18] Connell, Raewyn: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Mannlichkeiten. 4. Aufl. Wiesbaden: SpringerFachmedien2015 (= GeschlechtundGesellschaftBd. 8). S. 124.

[19] Vgl. Ebd. S. 128.

[20] Vgl. Ebd. S. 131.

[21] Collins: BlackSexualPolitics. S. 152.

[22] Vgl. Ebd. S. 57.

[23] Vgl. Connell: Dergemachte Mann. S. 134.

[24] Collins: Black SexualPolitics. S. 211.

[25] Connell: Der gemachte Mann. S. 120.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Hegemonie und schwarze Identität im Film "Moonlight"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Einführung in die Theorien des Rassismus und Antirassismus
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V433478
ISBN (eBook)
9783668756670
ISBN (Buch)
9783668756687
Dateigröße
679 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moonlight, Filmanalyse, Rassismus, Hegemonie, Barry Jenkins, Toxic Masculinity, Maskulinität, schwarze Identität, Politikwissenschaften, Feminism, Feminismus, Intersectional, Inclusive
Arbeit zitieren
Ilyas Kilic (Autor), 2017, Hegemonie und schwarze Identität im Film "Moonlight", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433478

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