Postfordismus und Depression

Wie beeinflusst der Postfordismus mit neuen Anforderungen an die Arbeitswelt-Teilhabenden die Entstehung des chronischen Krankheitsbildes Depression?


Hausarbeit, 2018

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Teil I: Postfordismus
2.1. Der Begriff des Subjekts
2.2. Rückblick: Fordismus
2.3. Der postfordistische Arbeiter konfrontiert mit neuen Arbeitsmarktanforderungen

3. Teil II: Krankheitsbild Depression
3.1. Entwicklung von akuten zu hauptsächlich chronischen Krankheiten
3.2. Entwicklung der chronischen Krankheit Depression
3.3. Behandlung

4. Teil III: Postfordismus & Depression – Belastungen in der Arbeitswelt und deren Konsequenzen
4.1. Begriff der Belastung
4.2. Belastungsprofil im arbeitssoziologischen Wandel
4.3. Bewirkt Belastung Depression?

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis
6.1. Buchquellen
6.2. Internetquellen

1. Einleitung

„Sich befreien macht nervös, befreit sein depressiv. Die Angst, man selbst zu sein, versteckt sich hinter der Erschöpfung, man selbst zu sein.“[1]

Die Leistungsgesellschaft fordert das Individuum auf, mehr Initiative, mehr Eigenverantwortung und mehr Leistungswillen zu zeigen. Arbeit und Freizeit sind entgrenzt. In einem Arbeitsmarkt, der weltweiten Konkurrenzkampf führt, findet sich der einzelne Arbeiter zwischen Selbstbehauptung und Selbstverleugnung wieder. Der stressbedingte Ausbau chronischer Krankheiten erfährt Nährboden zur Expansion. Mehr als 300 Millionen Menschen sind weltweit an Depressionen erkrankt. Schon lange wurde erkannt, dass dies nicht nur genetische Gründe hat, sondern viel mehr aus den Bedingungen des Arbeitens und des Lebens resultiert.

In dieser Arbeit wird die Frage gestellt, wie der Postfordismus mit neuen Anforderungen an die Arbeitswelt-Teilhabenden die Entstehung des chronischen Krankheitsbildes Depression beeinflusst. Dafür wird zunächst eine thematisch-zeitlich Rahmung der arbeitssoziologischen Strömung Postfordismus umgesetzt. Bezug wird hier zu der vorangehenden Strömung des Fordismus hergestellt und das veränderte Anforderungsprofil der postfordistischen Arbeiterschaft herausgearbeitet. In Teil II der Forschungsarbeit wird das chronische Krankheitsbild Depression charakterisiert und die Entwicklungsstadien chronischer Krankheiten nachvollzogen und letztendlich Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Im letzten Teil werden die vorangegangenen Thematiken verknüpft und die Belastungsbegrifflichkeit vorgestellt. Abschließend eine Bewertung vollzogen, in wie weit der Postfordismus an der Entstehung von Depressionen beteiligt ist und zum Ergebnis kommen, dass das Belastungsprofil eine Tendenz zur Förderung psychischer Krankheiten darstellt, allerdings Stressresistenz individuell unterschiedlich ist und so der Einzelfall geprüft werden muss.

2. Teil I: Postfordismus

Der Postfordismus ist eine arbeitssoziologische Strömung, beginnend Ende des 20. Jahrhunderts. Der marktwirtschaftliche Konkurrenzkampf zwischen Unternehmen erreicht durch die Globalisierung eine weltweite Dimension. Offene und flexiblere Arbeitsmärkte führen im Postfordismus auch zu größerem Risiko. Durch post-tayloristische Managementkonzepte – wie empowerment und employee involvement – wird die menschliche Subjektivität gezielt zur Prozessoptimierung und Leistungssteigerung eingesetzt. Die Produktauswahl wird auch deshalb vervielfältigt. Soziologe Ulrich Beck sieht einen Fahrstuhl-Effekt eintreten: Ein entstehendes Wohlstandswachstum für alle gesellschaftlichen Schichten mit gleichbleibenden Ungleichverhältnissen zwischen und innerhalb der Schichten.[2] Die Erwerbsformen werden in Bezug auf Arbeitszeiten, Einkommen, Ausbildungswege und Berufszugänge heterogen. Die daraus resultierende Konsequenz ist, dass die Berufe immer offener werden und sich ohne geschützte und zertifizierte Berufsbezeichnung definieren. Das Berufsspektrum wird durch die Kulturberufe als neue Form von Arbeit und Leben erweitert. Es gibt bei Kulturberufen keine einheitlichen Standards oder gesetzlichen Festlegungen. „Stattdessen muss die individuelle Marktposition des Kulturberuflers immer wieder von neuem in den relevanten Netzwerken geschaffen werden.“[3] Die Beschäftigungsstruktur im Postfordismus ist durch hohe soziale Mobilität und ökonomische Dynamik gekennzeichnet.[4] Die Unternehmen – mit meist dezentralisierter Struktur – schöpfen das Humankapital der Mitarbeiter, das sich aus formalisierten und nicht-formalisierten Qualifikationspotentialen zusammensetzt, umfangreich aus. Mit der Globalisierung geht die Individualisierung einher. Selbstverwirklichung und Partizipation stellen in den abgeflachten und subjektzentrierten Hierarchiestrukturen der Unternehmen die Erwartungshaltung der Arbeiter an ihren Arbeitsplatz dar. Die Anforderungen der Betriebe und Einforderungen der Subjekte stehen im Wechselverhältnis zueinander. Daraus entstehend der Prozess der doppelten Subjektivierung. Zum einen steigt der funktionale Bedarf der Betriebe nach subjektiven Leistungen, zum anderen tragen Individuen verstärkt subjektive Ansprüche in die Erwerbsarbeit.[5] Der französische Soziologe Alain Ehrenberg beschreibt dies, wie folgt:

„In den Unternehmen weichen die disziplinarischen Modelle des Personalmanagements zugunsten von Normen, die autonomes Verhalten der Angestellten und Arbeiter fordern. Es entwickeln sich neue Formen, Autorität auszuüben und jedem Beschäftigtem Unternehmensgeist beizubringen. Verantwortung, die Fähigkeit, Projekte zu entwickeln, Motivation, Flexibilität - das ist die neue Liturgie des Managements.“[6]

2.1. Der Begriff des Subjekts

Bei der Entwicklung des Arbeitsmarktes werden die Anforderungen zunehmend subjektorientiert. Demnach ist erst einmal zu klären, was der Begriff des Subjekts bedeutet. Im antiken Verständnis des Subjektum wurde ein Träger von göttergegebenen und später gesellschaftlich-vermittelten Eigenschaften beschrieben, der versuchen muss, mit diesem „Startkapital“ umzugehen. Im Taylorismus war der Mensch aus arbeitssoziologischer Sicht, ein primär durch Lohnabhängigkeit und Herrschaft im kapitalistischen Betrieb eingeschränktes und verobjektiviertes Subjekt. Individualität stand nicht im Vordergrund, vielmehr wurden Arbeiterschaften zu Klassensubjekten zusammengefasst. Die nahe Arbeitsorientierung zeigt auch Karl Marx auf, der das menschliche Subjekt als sinnliches, praktisch tätiges und arbeitendes Wesen beschreibt.[7] Das Individuum ist das Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse. Es trägt die ökonomische Charaktermaske und kann damit als Personifikation der ökonomischen Verhältnisse typisiert werden. Im späteren Verlauf kommt es zu einer perspektivischen Öffnung der Forschung, durch die das Subjekt der Arbeit mehr in den Fokus rückt . Angetrieben durch die Zunahme von Emanzipationspotentialen und die Instrumentalisierung von Subjektivität als Produktivkraft, entwickeln sich moderne Subjekt-Verständnisse. Das Subjekt als ein reflexives Individuum, das sich selbstbestimmt auf die Welt bezieht. In der Soziologie gibt es in diesem Zusammenhang zwei gängige Verständnisweisen. Das Subjekt als gesellschaftlich beherrschtes, menschliches Aggregat sozialer Merkmale und das Subjekt als ein mit komplexen Eigenschaften versehenes, autonomes Individuum, das sich aktiv mit der Gesellschaft auseinandersetzt und diese dadurch prägt. Die beiden soziologischen Determinationen haben gemeinsam, dass Subjektivität weder als pures Resultat gesellschaftlicher Prägungen noch als – von gesellschaftlichen Einflüssen – völlig unberührte Sphäre eines autonomen Individuums anzusehen ist.[8] Nach und nach entwickelte sich das Arbeitssubjekt von einer einfachen Reproduktionseinheit zu einer aktiven Schaltstelle zwischen betrieblichen Vorgaben und individueller Leistungserbringung. Durch diese Entwicklung zeigt sich ein ambivalentes Ergebnis. Es stiegen zwar die Teilhabe- und Entfaltungsoptionen, aber auch die soziale Verwundbarkeit.[9]

2.2. Rückblick: Fordismus

Im Fordismus zwischen 1920 und 1970 war Rationalisierung die oberste Zielsetzung. Durch wissenschaftliche Betriebsführung, Standardisierung, effizientere Prozessabläufe und tayloristische Kontrollprinzipien strebten Industrieunternehmen eine Maximierung des Umsatzes an. Durch Werte wie Disziplin und Gehorsam prägt die Gesellschaft das Individuum und setzt Sanktionierung ein, wenn Vorgaben nicht eingehalten werden. Das fordistische Arbeitskollektivsubjekt hat ein niedriges Prestige und erfährt eine strukturelle Ignoranz gegenüber der eigenen Leistung.[10] Es ist vollständig ausgeschlossen aus den Planungs-, Konstruktions-, Dispositions- und Kontrollfunktionen des Arbeitsprozesses. „Die Subjektivität der Arbeiterschaft galt dem scientific management nicht als produktive Potenz, sondern letztendlich als zu eliminierende Störgröße“.[11] Die Bedeutung der Kopfarbeit ist eine andere: Bei der Segmentierung von Arbeit wird der Kopfarbeit der leitenden Arbeitskräfte ein höherer Stellenwert zugeschrieben, als der Handarbeit der Lohnarbeiterschaft. Diese Trennung der Arbeitsbereiche führt zu Problemen bei der Steuerung komplexer Fertigungsprozesse. Generell dominieren strukturell dominierte Massenarbeiter, die – laut Frederick Winslow Taylor – durch Selektion und Instruktion gezielt für ihre Funktionen ausgewählt und angelernt werden sollen.

[...]


[1] Ehrenberg, Alain: „Das erschöpfte Selbst – Depression und Gesellschaft in der Gegenwart“ (2004), Übersetzung Manuela Lenzen/ Martin Klaus, Campus Bibliothek

[2] Beck, Ulrich: „Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne“ (1986), Suhrkamp Verlag, S.122

[3] Gottschall, Karin/ Betzelt, Sigrid: „Zur Regulation neuer Arbeits- und Lebensformen. Eine erwerbssoziologische Analyse am Beispiel von Alleindienstleistern in Kulturberufen“ (2003), aus „Entgrenzung von Arbeit und Leben – Zum Wandel der Beziehung von Erwerbstätigkeit und Privatsphäre im Alltag“, Hrsg. Karin Gottschall/ G. Günter Voß, Rainer Hampp Verlag, S. 214

[4] Gotschall, Karin: Freie Mitarbeit im Journalismus (1999), Zur Entwicklung von Erwerbsformen zwischen selbstständiger und abhängiger Beschäftigung, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, S. 51

[5] Kleemann, Frank/ Matuschek, Ingo/ Voß, G. Günter: „Subjektivierung von Arbeit“ (1999), Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH, S. 58

[6] Ehrenberg, Alain: „Das erschöpfte Selbst – Depression und Gesellschaft in der Gegenwart“ (2004), Übersetzung Manuela Lenzen/ Martin Klaus, Campus Bibliothek, S. 220

[7] Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahr 1844, Marx Engels Werke, Band 40, Berlin: Dietz, S. 574ff.

[8] Böhle, Fritz/ Voß, G. Günter: „Handbuch Arbeitssoziologie“ (2010), Hrsg. Günther Wachtler, VS Verlag für Sozialwissenschaften, [der ganze Abschnitt orientiert sich an diesem Buch] S. 415-438

[9] Lohr, Karin/ Nickel, Hildegard Maria: „Subjektivierung von Arbeit – Riskante Chancen“ (2005), Münster: Westfälisches Dampfboot, S.207-239

[10] Vgl. Böhle, Fritz/ Voß, G. Günter: „Handbuch Arbeitssoziologie“ (2010), Hrsg. Günther Wachtler, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 419

[11] Kocyba, Hermann: „Der Preis der Anerkennung – Von der tayloristischen Missachtung zur strategischen Instrumentalisierung der Subjektivität der Arbeitenden“ (2000), aus „Anerkennung und Arbeit“, Holtgrewe, Ursula/ Voswinkel, Stephan/ Wagner, Gabriele (Hrsg.), UVK Universitätsverlag Konstanz, S. 127

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Details

Titel
Postfordismus und Depression
Untertitel
Wie beeinflusst der Postfordismus mit neuen Anforderungen an die Arbeitswelt-Teilhabenden die Entstehung des chronischen Krankheitsbildes Depression?
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Grundlagen der Arbeitssoziologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V434949
ISBN (eBook)
9783668763180
ISBN (Buch)
9783668763197
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Depression, Postfordismus, Gesundheitssoziologie, Arbeitskraftunternehmer, Arbeitssoziologie, Belastung, Arbeitswelt, Fordismus, chronische Krankheiten, Subjekt
Arbeit zitieren
Jan Franco (Autor), 2018, Postfordismus und Depression, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434949

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