Anglizismen in der Jugendsprache

Eine empirisch-diachronische Untersuchung anhand des Jugendmagazins "BRAVO"


Term Paper (Advanced seminar), 2018
41 Pages, Grade: 1,3

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Jugend und ihre Sprache?!
2.1. Definition(en)
2.1.1. Die Jugend
2.1.2. Die Jugendsprache?!
2.1.3. Anglizismen

3. Untersuchungsgegenstand: Das Jugendmagazin „BRAVO“
3.1. Behandelte Themen
3.2. Zielgruppe

4. Empirische Untersuchung: die diachrone Verwendung von Anglizismen im Jugendmagazin „BRAVO“
4.1. „BRAVO“ 13/1967 (20. März 1967): Korpus 1 „ Geliebt und doch allein!
4.2. „BRAVO“ 03/1980 (10. Januar 1980): Korpus 2 „ Wann fängt man mit der Liebe an?
4.3. „BRAVO“ 02/2018 (03. Januar): Korpus 3 „ Dr. Sommer beantwortet deine Fragen

5. Kritische Beurteilung der Untersuchungsergebnisse und schlussfolgerndes Fazit
5.1. Quantitative Beurteilung
5.2. Qualitative Beurteilung
5.3. Allgemeine kritische Überlegungen
5.4. Fazit

6. Quellenangabe

7. Anhang

1. Einleitung

„Man kann mit Recht die Sprache eines Volks als einen Spiegel seines Nationalcharakters ansehen. […] Es ist auch natürlich, da die Sprache das allgemeine Organ der empfindenden und denkenden Kraft ist, deren Äußerungen sich durch nichts so bestimmt und deutlich offenbaren, als durch tönende Zeichen, d. i. durch die Sprache.“ (Gedike 1794: 1).

Es mag nun über 200 Jahre her sein, seit diese Worte bei einer öffentlichen Versammlung der Berlinischen Akademie der Wissenschaften am 30. Januar 1794 von Friedrich Gedike vorgetragen wurden, und doch haben sie nichts von ihrer Aktualität verloren. Sprache als Spiegel einer Gesellschaft. Gesellschaft reflektiert in Sprache. Karl Ermert wird sogar noch etwas konkreter und sagt:

„Jede Zeit, aber auch alle gesellschaftlichen Schichten und Gruppen haben ihre eigenen Kommunikationsformen […].“ (Ermert 1987: 5)

Und gewiss, man muss sich freilich nicht erst in ein Studium der Soziolinguistik stürzen, um mit eigenen Ohren einen teilweise deutlichen sprachlichen Kontrast innerhalb verschiedener sozialer Gruppen wahrzunehmen. Insbesondere die Sprache der jungen Generation, „das Rotwelsch der Jugend“ (Engelmann 1964: 6), wie es Hartmut Engelmann einst bezeichnete, scheint in nicht enden wollender Wiederkehr Gemüter aufs Neue zu reizen und Anstoß für neuerliche Debatten bezüglich eines angeblich unausweichlichen Sprach- und Sittenverfalls zu sein.

In der vorliegenden Arbeit soll es allerdings nicht primär um die Frage gehen, ob diese Anschuldigungen an Jugendsprache linguistisch gesehen gerechtfertigt wären oder nicht, sondern es soll ein für Jugendsprache charakteristisches sprachliches Mittel ins Auge gefasst werden, welches in ähnlich vehementer Weise wie die Jugendsprache selbst seit jeher Sprachpuristen und -konservatisten zu düsteren Prophezeiungen bezüglich des Fortbestands unserer deutschen Sprache veranlasst: der Anglizismus.

Wie vieles, so unterliegt auch die Sprache dem Wandel der Zeit und angesichts der (insbesondere im Bereich der Jugendsprache) anscheinend immer omnipräsenter werdenden Durchdringung anglistischer Wort- und Phrasenelemente im gesprochenen wie geschriebenen Deutsch bietet sich eine diachronische Analyse bezüglich der Verwendung anglistischer Elemente in der Jugendsprache zweifelsohne an. Zu diesem Zweck sollen drei im Abstand von mindestens 10 Jahren auseinanderliegende Ausgaben der bekanntesten und auflagenstärksten Jugendzeitschrift „BRAVO“ als Untersuchungsgegenstand dienen. Eine Begriffsklärung bzw. Definition der für diese Arbeit wichtigen Termini, sowie eine kurze Vorstellung des Untersuchungsgegenstandes soll der Analyse voran-, eine umfassende Be- und Auswertung der Untersuchungsergebnisse, sowie ein abschließendes Fazit sollen nachgestellt werden.

2. Die Jugend und ihre Sprache?!

„Jugendsprache hat Hochkonjunktur […]“ (Neuland 2008: XI), so beschreibt es Eva Neuland im Vorwort einer ihrer zahlreichen Publikationen zum Thema Jugendsprache. Dass diese These keinesfalls übertrieben ist und die Thematik sich durch sämtliche Bereiche des Lebens zu ziehen scheint, lässt sich schnell und leicht mit einem Blick auf das aktuelle Mediengeschehen feststellen: der renommierte Langenscheidt-Verlag hat jüngst erneut – nunmehr zum neunten Mal – unter einem 20-köpfigen Prüfungskomitee, bestehend aus Linguisten, YouTubern und Bloggern, das Jugendwort des Jahres 2017 gekürt („ I bims “) (vgl. Spiegel-Online [1], 12.03.18); der mittlerweile dritte und letzte Teil der Jugendkomödie „ Fack Ju Göhte “, in welchem es vor jugendsprachlichen Phrasen und (Kraft-)ausdrücken nur so zu wimmeln scheint, lief vor wenigen Monaten mit einer Rekordbesucherzahl in deutschen Kinos an; und auch der öffentliche kritische Diskurs, in dessen Folge sich Jugendsprache fortwährend gegen den Vorwurf des negativen Einflusses, ja gar des Verfalls der Allgemeinsprache (vgl. Neuland 2008: 3 & 5) verteidigen muss, sprudelt nach wie vor munter vor sich hin. Die Jugend und ihre Sprache – sie ist in aller Munde (und Ohren).

2.1. Definition(en)

2.1.1. Die Jugend

Was aber ist nun eigentlich gemeint, wenn von „Jugend“ gesprochen wird, was ist „Jugendsprache“? Helmut Henne definiert „Jugend“ zunächst ganz abstrakt als „eine bestimmte Phase im Lebenslauf eines Menschen“ (Henne 1986: 201) und diese sehr allgemein gefasste Definition erscheint zunächst auch ohne weitere Schwierigkeiten für jedermann nachvollziehbar aufgrund unseres allgemeinen soziologischen Verständnisses: die Jugend folgt der Kindheit, das Erwachsen-Sein folgt der Jugend. Spätestens hier jedoch werden sich weitere Detailfragen auftun, die nach einer Antwort verlangen, unter anderem: in welcher Altersspanne verwurzelt man diese Phase der Jugend? Inwiefern unterscheidet sich diese Jugendphase von anderen Phasen im Lebenslauf des Menschen? Gibt es womöglich distinktive Merkmale, die eine Klassifikation als „jugendlich“ bzw. „der Jugend zugehörig“ ermöglichen?

Nach Friedhelm Neidhardt gibt es eine klare Abgrenzung Jugendlicher zu Kindern bzw. Erwachsenen. Er definiert Jugendliche als diejenigen, „welche mit der Pubertät die biologische Geschlechtsreife erreicht haben, ohne mit Heirat und Berufsfindung in den Besitz der allgemeinen Rechte und Pflichten gekommen zu sein, welche die verantwortliche Teilnahme an wesentlichen Grundprozessen der Gesellschaft ermöglichen und erzwingen.“ (Neidhardt 1970: 14).

Will man noch konkreter werden, so könnte man demnach also die Phase der Jugend als einen Lebensabschnitt beschreiben, welcher mit ca. 12 bis 13 Jahren anfängt (Beginn der biologischen Geschlechtsreife) und mit sozialer Reife endet, welche „vielfach mit 25 [aber] noch nicht erreicht ist“ (Henne 1986: 202). Diese Phase des Nicht-Mehr und des Noch-Nicht (nicht mehr Kind, aber noch nicht Erwachsener) beschreibt Friedrich Tenbruck als ein „Durchgangsstadium, ein Übergang, eine Vorbereitung auf die erwachsenen Rollen, eine Einführung in die Kultur.“ (Tenbruck 1965: 18). Es steht außer Frage, dass eine einheitliche bzw. zeitlich exakte Festlegung des Lebensabschnitts der Jugend alleine schon aufgrund der Vielzahl an zu berücksichtigenden individuellen Faktoren (beispielsweise zeitlich unterschiedlich stark ausgeprägte persönliche Entwicklungsstadien), allerdings auch im Hinblick auf soziale Faktoren (verschiedene Kulturen und Epochen verfügen über eine eigene, ihnen „als ‚natürlich‘ erscheinende Altersgliederung, die den dadurch festgesetzten Altersgruppen ein bestimmtes Verhalten, gewisse Leitbilder und Eigenschaften zuordnet“ (Tenbruck 1965: 58)) gar nicht möglich wäre und deshalb von einem zeitlich groben Richtwert ausgegangen werden muss (vgl. auch Baacke 1983: 41).[1] Aufgrund der Vielzahl von möglichen Differenzierungen bei einer Definitionssuche spricht etwa Franz Pöggeler sogar von einer „Jugend im Plural“ bzw. von „Jugenden“ (Pöggeler 1982: 389), was Dieter Baacke mit Hinblick auf klassen- bzw. schichtspezifischen Einteilungen (etwa in Arbeiterjugend, ländliche Jugend, Jugend der Klein- und Großstädte, etc.) sogar noch weiter differenziert (vgl. Baacke 1983: 45). Kritisch im Hinterkopf zu behalten ist darüber hinaus auch auf jeden Fall die Frage, inwiefern es mit Hinblick auf die heute vielerlei erkennbaren „Aufweichungstendenzen der Jugendphase“ (Ferchhoff 2011: 94) überhaupt gerechtfertigt ist, das in Jahren gemessene Lebensalter zur Kennzeichnung und definitorischen Bestimmung der Jugend zu Rate zu ziehen (vgl. Ferchhoff 2011: 98f.), wenn „alle bisher herangezogenen Bestimmungsmomente von Jugend […] allenfalls relative Gültigkeit [haben]“ (Baacke 1983: 45). Daraus folgernd lässt sich zweifelsohne abschließend festhalten, dass es die Jugend nicht geben kann und dass sämtliche Bemühungen, die verschiedenen „Jugenden“ „auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, […] von vorneherein zum Scheitern verurteilt [sind]“ (Farin 1997: 309; 2001: 27).

Trotz der Unmöglichkeit, eine homogene und klare Definition zu finden, so lassen sich nichtsdestotrotz gewisse distinktive Merkmale festhalten, welche die Phase der Jugend von der des Erwachsen-Seins abgrenzen (vgl. Baacke 1983: 41). Tenbruck etwa sieht die Jugend, der gängigen Definition der Soziologie folgend, als eine „Teilkultur“ (Tenbruck 1965: 55), eine gesellschaftliche Gruppe, welche sich „hinlänglich und bewußt von anderen unterscheidet“ (ebd.) und welche sich darüber hinaus durch „Eigenständigkeit, Eigenart, Selbstkontrolle und Abbau der Orientierung an der Erwachsenenwelt auszeichnet“ (Henne 1986: 202). Dieser Ausdruck der Selbstständigkeit bei gleichzeitiger allmählichen Abkehr von der Erwachsenenwelt geht einher mit für die Jugend typischen Formen des „Umgangs, Sports, Vergnügens […], [sowie auch mit ganz eigenem Verständnis für] Mode, Moral, Literatur, Musik und Sprache“ (Tenbruck 1965: 55). Henne spricht hierbei von sogenannten „Zeichen“, welche innerhalb der jugendlichen Gruppe konstant gesendet und empfangen werden, um sich sowohl intern gegenseitig mitzuteilen, darzustellen und zu erkunden, als auch extern die Exklusivität und Abgrenzung zur Erwachsenenwelt deutlichzumachen und aufrechtzuerhalten. Diese Zeichen können etwa spezifische Verhaltensweisen, Rituale, Kleidungsstile, Gestiken, Mimik und insbesondere die Sprache sein (vgl. Henne 1986: 204f.).

2.1.2.Die Jugendsprache?!

So schwierig sich der Begriff „Jugend“ eindeutig definieren bzw. bestimmen lässt, so schwierig verhält es sich auch beim Finden einer klaren Definition für das Konzept der Jugendsprache. Spricht Farin weiter oben davon, dass es die Jugend nicht geben kann (vgl. Farin 1997: 309; 2001: 27) und alle „undifferenziert verallgemeinernden“ Aussagen über die Jugend „irreführend“ sind (Herrmann 1987: 148), so kann und muss dies analog auch für das Konstrukt der Jugendsprache angenommen werden.

Alleine schon der Terminus „Jugendsprache“ an sich ist mit äußerster Vorsicht zu genießen, denn ganz eindimensional und selbstevident betrachtet, impliziert der Begriff eine weitgehend homogene Sprache, welche von einer bestimmten sozialen Gruppe, den Jugendlichen, benutzt und gesprochen wird, ähnlich der „Kindersprache“, die von Kindern benutzt und gesprochen wird (vgl. Neuland 2008: 55). Noch vor wenigen Jahrzehnten allerdings war dieser Tenor selbst in der Sprachwissenschaft salonfähig, als man etwa die Jugendsprache als eine Art Sondersprache, als ein „Jargon einer bestimmten Sondergruppe“ (Küpper 1961: 188, zitiert nach Schlobinski 1993: 9) verstanden hat, und welche mehrheitlich negativ vorbelastet bzw. assoziiert war (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Modell der Jugendsprache nach Henne

(Henne 1986: 215)

Dass „Jugendsprache“ also nicht mit eindimensionalen Modellen beschrieben werden kann, darauf hat Helmut Henne in den späten 1980ern bereits hingewiesen, welcher Jugendsprache als ein nicht homogenes, „spielerisches Sekundärgefüge“, sowie als ein „fortwährendes Ausweich- und Überholmanöver“ (Henne 1986: 208f.) sieht, das sowohl in „zahllose ‚Teilsprachen‘ zerfällt (S. 211), sowie mehrere strukturelle Sprechformen (z.B. Grüße/Anreden/Partnerbezeichnungen, Namen/Sprüche, Redensarten/Floskeln, hyperbolische Sprechweisen, Lautwörterkommuni-kation, Wortbildungen etc.) „favorisiert“ (S. 208) und in seiner Gesamtheit unter einem „sprachlichen Jugendton“ subsumiert werden kann (vgl. Henne 1986: 209). „[Jugendsprache] setzt die Standardsprache voraus, wandelt sie schöpferisch ab, stereotypisiert sie zugleich und pflegt spezifische Formen ihres sprachlichen Spiels.“ (ebd. S. 208). Ein charakteristisches Merkmal der Jugendsprache sei zudem die sprachliche Profilierung in der Gruppe, welche zur Identitätsbildung, Identifikation innerhalb der Gruppe, sowie zur Abgrenzung gegen eine „vorgegebene und von Erwachsenen geprägte Standardsprache“ (ebd.) diene.

Hennes Untersuchung mag zweifelsohne Anerkennung verdienen, so war es doch „die bekannteste und erste, die breit empirisch fundiert [war]“ (Schlobinski 1993: 22), allerdings sind im Lichte aktueller Forschungs- und Wissensstände ein paar kritische Worte angebracht: zum einen erscheint die Differenzierung jener vier Dimensionen eher willkürlich, ein Verhältnis der Dimensionen zueinander wird nicht deutlich (vgl. Neuland 2008: 57), zum anderen erklärt Hennes Modell der inneren Mehrsprachigkeit, welches Jugendsprache als Teil von „Gruppensprachen“ um den Kern der Standardsprache herum anlagert, nicht, in welchem Verhältnis die innere Mehrsprachigkeit bzw. die Varietäten des Deutschen zueinander stehen (vgl. Neuland 2008: 58). Henne sieht darüber hinaus die „Sprachen in der Sprache“ noch als „unterscheidbare, distinkte Größen“ (S. 59) – alleine der Titel seines in diesem Kapitel immer wieder zitierten Werks „ Die Jugend und ihre Sprache “ suggeriert eine Lesart eines spezifischen Sprach- bzw. Gruppenjargons, deren Anwender bzw. „Besitzer“ die Jugend bzw. Jugendlichen seien (vgl. Schlobinski 1993: 12).

Der Versuch, Jugendsprache als Gruppensprache innerhalb einer Varietätenlinguistik zu verankern, wirft unterdessen weitere Fragen bezüglich der Anwendbarkeit und Praktikabilität dieser Vorgehensweise auf, etwa wie nun eine soziale Gruppe zu definieren ist, ob man Jugend als eine homogene Altersgruppe, oder Jugendgruppen als Subkulturen oder gar Teilmengen sozialer Schichten betrachten sollte. (vgl. Neuland 2008: 68).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Variationsspektrum Jugendsprache (Neuland 2008: 69)

Ebenso gilt es zu be-rücksichtigen, dass manche sprachlichen Auffälligkeiten nicht ausschließlich auf den jugendlichen Sprach-gebrauch beschränkt sind, sondern auch in anderen sprachlichen Gruppen benutzt werden können, sodass ein allzu restriktives strukturalistisches Varietätenmodell der Komplexität und Dy-namik des spezifischen Sprachgebrauchs gar nicht gerecht werden kann (vgl. Neuland 2008: 68f.) und stattdessen Neulands Variationsspektrum, welches die wechselseitige Vielfalt von Sprachgebrauchsweisen Jugendlicher berücksichtigt und in einem multidimensionalen Varietätenraum ansiedelt, angemessener erscheint (vgl. S. 69).

Zusammenfassend lässt sich somit also festhalten, dass

„Jugendsprache […] heute vorwiegend als ein mündlich konstituiertes, von Jugendlichen in bestimmten Situationen verwendetes Medium der Gruppenkommunikation definiert und durch die wesentlichen Merkmale der gesprochenen Sprache, der Gruppensprache und der kommunikativen Interaktion gekennzeichnet [wird].“ (Neuland 2008: 56)

Trotz der nun ausführlich dargelegten Heterogenität und sprachlichen sowie strukturellen Komplexität von Jugendsprache lassen sich nichtsdestotrotz einige grundsätzliche, typische sprachliche Merkmale in Bezug auf Jugendsprache festhalten. Ein für Jugendsprache typisches sprachliches Merkmal ist unter anderem beispielsweise der Gebrauch von Anglizismen (vgl. Schlobinski 1993: 26), deren Frequenz und Vorkommen in dieser Arbeit anhand dreier zeitlich auseinanderliegenden BRAVO-Jugendzeitschriften untersucht und welche im kommenden Unterkapitel noch kurz definiert werden sollen.

2.1.3. Anglizismen

Nach Wenliang Yang stellt der Terminus „‘Anglizismus‘ [den] Oberbegriff von Entlehnungen aus dem amerikanischen Englisch, dem britischen Englisch sowie den übrigen englischen Sprachbereichen wie Kanada, Australien, Südafrika u.a. [dar]“ (Yang 1990: 7). Ließe man diese ansonsten sehr prägnante und griffige Definition ohne weitere Bemerkung so stehen, würde man allerdings relativ schnell einer fast nicht zu bewältigenden Sisyphos-Arbeit unterliegen, denn auch Yang muss zugeben, dass die Unterscheidung zwischen britischen und amerikanischen in das Deutsche entlehnten Lexeme bzw. Lexemverbindungen in vielen Fällen nicht einwandfrei zu leisten möglich ist (vgl. ebd.) – eine Schwierigkeit, auf die Stiven im Jahre 1936 bereits hindeutet: „Wenn die Grenze zwischen amerikanischem und englischem Sprachgut in früheren Jahren oftmals schwer zu ziehen war, läßt sie sich heutzutage nur mit äußerster Schwierigkeit oder so gut wie überhaupt nicht ziehen“ (Stiven 1936: 103).[2] Pfitzners Definition ergänzt die obige noch um einen linguistisch detaillierteren Stil: er sieht Anglizismen als sprachliche Zeichen, deren „äußere Form aus englischen Morphemen bzw. einer Kombination englischer und deutscher Morpheme besteht, dessen Inhalt stets die Übernahme einer im englischen Sprachgebrauch üblichen Bedeutung voraussetzt“ (Pfitzner 1978: 13).

Hinsichtlich des Terminus „Anglizismus“ gilt es nach Yang darüber hinaus drei Typen zu differenzieren (vgl. Yang 1990: 9):

- Konventionalisierte Anglizismen
- Anglizismen im Konventionalisierungsprozess
- Zitatwörter, Eigennamen und Verwandtes

Unter „konventionalisierten Anglizismen“ versteht Yang Lexeme, welche sich in Artikulationsart und/oder Orthographie zwar häufig anders als einheimische Lexeme verhalten, aber nach dem allgemeinen Sprachgefühl keine Fremdwörter mehr darstellen (z.B. Computer, Manager, Rock ‚n‘ Roll, Jeans, Sex).

„Anglizismen im Konventionalisierungsprozess“ stellen Lexeme dar, die sich noch im Prozess der Konventionalisierung befinden und somit vielfach deutlich als nicht einheimisch empfunden und kategorisiert werden. Laut Yang können Lexeme dieser Gruppe entweder mit der Zeit vollständig konventionalisiert sein, oder aber aus dem deutschen Sprachgebrauch wieder verschwinden (z.B. Underdog, Factory, Outlet-Center)

„Zitatwörter, Eigennamen und Verwandtes“ schließlich stellen Anglizismen dar, welche „nur in einer bestimmten Situation oder in Zusammenhang mit englischsprachigen Ländern gebraucht werden“ (ebd.) (etwa High School, Highway, Western, etc) (vgl. Yang 1990: 9).

Die Integration englischer Lexeme in das deutsche Spach- bzw. Grammatiksystem erfolgt mittels Ausstaffierung deutscher Morpheme, genauer, Affixe. So werden beispielsweise neue deutsche Verben gebildet, indem englische Verben, oder auch Nomen, um deutsche Präfixe, um die deutschen Infinitivsuffixe {-(e)n} bzw. {-ieren} als auch um die jeweiligen Personalendungen erweitert werden (vgl. Schlobinski 1993: 27 & Yang 1990: 162):

ab + power + (e)n

train + ieren

chill + (e)n

Adjektive werden analog dazu durch Anhängen des häufigen Adjektivsuffixes {-ig} gebildet – in attributiver Funktion kongruieren durch Anglizismen gebildete Adjektive mit dem jeweiligen Bezugsnomen in Numerus und Genus (vgl. ebd.), etwa:

ein cooler Film

die coolen Filme

eine geswitchte Äußerung

Pluralbildungen folgen i.d.R. der deutschen Systematik (z.B. der Computer – die Computer), wobei in Yangs erhobenem Korpus die meisten Anglizismen (etwa 65%) ihren ursprünglichen englischen Plural beibehalten und nur ein sehr kleiner Teil sowohl mit englischem, als auch mit deutschem Plural auftreten (vgl. Yang 1990: 160).

Die Genusbildung bei Anglizismen ist eine sehr interessante, haben doch englische Lexeme überhaupt kein grammatisches Geschlecht, erhalten allerdings beim Einzug in das Deutsche unmittelbar eines. Es ist oft schwankend und hängt oftmals allerdings sehr von grammatischen, wie semantischen Faktoren ab (vgl. Schlobinski 1993: 27).

3. Untersuchungsgegenstand: Das Jugendmagazin „BRAVO“

Die Zeitschrift „BRAVO“ ist das größte Jugendmagazin im deutschsprachigen Raum mit einer momentanen Auflage von 92.304 Exemplaren (Stand: April 2017; IVW[3] I, 04.03.18).

Sie erschien seit 1968 wöchentlich beim Bauer Media Group -Verlag (ehemals Bauer Verlagsgruppe), seit Dezember 2014 nur noch zwei-wöchentlich (Spiegel Online [2], 04.03.18). Die Erstausgabe erschien am 26. August 1956, Redaktionssitz ist in München (vgl. Wikipedia[4], 04.03.18).

Ursprünglich eine „Zeitschrift für Film und Fernsehen“ (vgl. Krüger 1985: 364), welche primär eine erwachsene Leserschaft ansprechen wollte, entwickelte sich das Magazin allerdings nach und nach gänzlich zu einer Jugendzeitschrift (ebd.), nicht zuletzt auch aufgrund der großen Bandbreite an dargebotenen Themen. Neben dem ursprünglichen Format „BRAVO“ haben sich mit der Zeit noch weitere Ableger entwickelt, darunter „BRAVO-GIRL“ und „BRAVO-SPORT“, sowie im musikalischen Bereich die „BRAVO HITS“-CD, welche in regelmäßigen Abständen seit 1992 eine Zusammenstellung aktueller Chart-Hits präsentiert (vgl. Wikipedia, 04.03.18).

3.1. Behandelte Themen

Die „BRAVO“ setzt überwiegend auf Themen, die auf eine jugendliche Zielgruppe ausgelegt sind, darunter Neuigkeiten über aktuelle, junge Stars (Prominente) aus Musik, (mittlerweile auch) sozialen Netzwerken (YouTube, Instagram, Facebook, Snapchat, etc.) oder Fernsehen, nimmt darüber hinaus allerdings auch eine aufklärerisch-erzieherische Stellung ein, insbesondere beim Thema Sexualität und Beziehungen, welches in der Rubrik „Dr. Sommer“ behandelt wird.

Die ‚aktuelle‘ „BRAVO“ (Nr. 02/2018) listet folgende inhaltliche Themenblöcke im Inhaltsverzeichnis auf:

- Stars (Umfang: 11 Themeneinheiten auf insgesamt 16 Seiten)
- Entertainment & Trends (Umfang: 5 Themeneinheiten auf insgesamt 16 Seiten)
- Dr. Sommer (Umfang: 4 Themeneinheiten auf insgesamt 6 Seiten)
- Fun (Umfang: 2 Themeneinheiten auf insgesamt 8 Seiten)
- Fitness & Body (Umfang: 1 Themeneinheit auf insgesamt 2 Seiten)
- Leben (Umfang: 5 Themeneinheiten auf insgesamt 10 Seiten)
- Wissen (Umfang: 1 Themeneinheit auf insgesamt 2 Seiten)

„BRAVO“ selbst definiert sich auf der Website des eigenen Verlags wie folgt:

Das Premium-Printobjekt mit festem Umschlag erscheint alle zwei Wochen und liefert exklusive Hintergründe und Servicethemen. Redaktionelle Kernbestandteile sind: Star-Berichterstattung, lebensnahe Rubriken wie z.B. Fitness, Wissen oder Psycho-Tests, Reportagen sowie aktuelle Trends aus den Bereichen Web, Mobile, Musik, Kino und Style. Die BRAVO Nutzer werden durch Befragungen und Konferenzen im Rahmen des Youth Inside Panels, Online-Votings und interaktiven Rubriken und Features noch stärker als bisher bei der Gestaltung des Print-Produkts eingebunden. Das Dr. Sommer-Team leistet seit Jahrzehnten kompetente Jugendberatung und genießt als wichtigste Aufklärungsmarke Deutschlands einzigartiges Vertrauen. […] (baueradvertising.de, 04.03.18)

Sowohl der inhaltliche als auch der optische Aufbau bzw. die Gestaltung des Magazins ist von großer Wichtigkeit, um die Zielgruppe bestmöglich zu erreichen. Dazu zählen u.a. ein auffällig gestaltetes Layout sowie Frontcover, heraustrennbare Wandposter von aktuellen Stars, ein großes Spektrum an Textsorten (Tagebucheinträgen, Leserbriefe, Interviews, Reportagen, etc.), sowie eine der Zielgruppe nahe Sprache, welche neben der Erleichterung des Leseverständnisses auch als Mittel der Erreichbarkeit und als Identifikation mit dem Magazin selbst fungieren soll (vgl. Ehmann: S. 75f.).

3.2. Zielgruppe

Als mittlerweile reine Jugendzeitschrift spricht die „BRAVO“ folglich Jugendliche[5] an. Eine exakte Alterseingrenzung der BRAVO-Leserschaft gibt es so direkt zwar nicht, da Eintritt und Dauer der Adoleszenz individuellen Faktoren unterliegen, allerdings gibt der Verlag für die „BRAVO“ auf seiner Website eine ungefähre Altersspanne zwischen zwölf und siebzehn Jahren an (vgl. baueradvertising.de, 04.03.2018), welche mit 32% auch die größte Altersgruppe darstellt (AGOF[6] 2015-01, 04.03.2018). Aufgrund der großen Altersspannbreite der BRAVO-Leserschaft (und damit einhergehend variablen Interessensgebiete) stehen die Redakteure vor besonderen Herausforderungen, um jede Altersgruppe ausreichend anzusprechen und zu erreichen. Dazu ist es erforderlich, sich in die jugendlichen Denk- und Verhaltensweisen systematisch hineinzuversetzen, sie aufzubauen und zu suggerieren (Ehmann 1992: 111).

4. Empirische Untersuchung: die diachrone Verwendung von Anglizismen im Jugendmagazin „BRAVO“

Um die Verwendung bzw. Frequenz von Anglizismen in einer jugendsprachlichen Domäne hinreichend untersuchen und beurteilen zu können, wurde das Magazin „BRAVO“ als prominenteste und bekannteste Jugendzeitschrift (siehe Kapitel 3) für dieses empirische Vorhaben ausgewählt. Hauptfokus soll dabei sein, ob und inwieweit sich der Gebrauch bzw. die Frequenz von Anglizismen mit Hinblick auf jugendlichen Sprachgebrauch in einer Zeitspanne von gut 50 Jahren (1967-1980-2018) unterscheidet bzw. verändert. Um eine größere Reliabilität im Hinblick auf die Untersuchungsergebnisse zu erhalten, war ursprünglich angedacht, noch eine Zeitschrift aus den 2000er Jahren miteinzubeziehen, allerdings war dies von Seiten der BRAVO-Redaktion technisch-bedingt nicht möglich, denn in deren Archiv sind gegenwärtig alle Ausgaben seit Beginn des Magazins lediglich bis in das Jahr 1986 digital zugänglich.

Für die Analyse wurden aus jeder Zeitschrift ein Textkorpus[7] aus dem inhaltlichen Bereich „Dr. Sommer“ ausgewählt und der Vergleichbarkeit wegen darauf geachtet, dass beide Textkorpora annähernd denselben Wortumfang aufwiesen (gerundet: 2000 Wörter pro Korpus).

[...]


[1] Anmerkung: Für diese Arbeit wird der Definition des Untersuchungsgegenstands „BRAVO“ gefolgt, dessen Verlag die größte Zahl der Leserschaft mit ca. 32% in einer Altersgruppe zwischen 12 und 17 Jahren einordnet (siehe Kapitel 3.2).

[2] Aus diesem Grund soll auch in dieser Arbeit auf eine explizite Unterscheidung zwischen britischen und amerikanischen Anglizismen verzichtet und im Allgemeinen von aus dem Englischen entlehnten Lexemen ausgegangen werden.

[3] Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.

[4] Die allgemeine Skepsis bezüglich Wikipedia als wissenschaftlicher Quelle ist bekannt und teilweise nachvollziehbar, allerdings erschien sie mir hier als reine faktuale Informationsquelle bezüglich des Magazins BRAVO als ausreichend.

[5] Für eine ausführliche Begriffsklärung des Terminus „Jugendliche/r“, siehe Kapitel 2.1.1

[6] Arbeitsgemeinschaft Online Forschung e.V.

[7] Die ausgewählten Textkorpora finden sich im Anschluss an diese Arbeit im Anhang (Kapitel 7).

Excerpt out of 41 pages

Details

Title
Anglizismen in der Jugendsprache
Subtitle
Eine empirisch-diachronische Untersuchung anhand des Jugendmagazins "BRAVO"
College
University of Freiburg
Grade
1,3
Author
Year
2018
Pages
41
Catalog Number
V436452
ISBN (eBook)
9783668769465
ISBN (Book)
9783668769472
File size
41819 KB
Language
German
Tags
Jugendsprache Anglizismen BRAVO Zeitschrift Jugendzeitschrift
Quote paper
Jannik Streeb (Author), 2018, Anglizismen in der Jugendsprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436452

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