Max Webers Herrschaftssoziologie und der Islamische Staat im Nahen Osten


Hausarbeit, 2017
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer und konzeptioneller Rahmen
2.1 Macht nach Max Weber
2.2 Herrschaft nach Max Weber

3 Der Islamische Staat im Nahen Osten
3.1 Staatlicher Anspruch des IS
3.2 Gewalttheologie des IS

5 Max Weber und der Islamische Staat

6 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Vor drei Jahren rief die terroristische Miliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und Irak ein „Is-lamisches Kalifat“ aus (vgl. Röhrich 2016: 45; Luizard 2017: 19). Die Idee auf einem be-stimmten Territorium ein Kalifat zu gründen ist nicht neu in der islamischen Geschichte. Je-doch unterscheidet sich der IS von anderen salafistischen Terrororganisationen insofern, das er über weite Gebiete in Syrien und dem Irak sein eigenes Verständnis eines Kalifats samt drastischer Normen auch umsetzte (vgl. Reuter 2015: 124 ff.). Zwar steht die Terrormiliz ak-tuell vor entscheidenden Niederlagen in Mossul und Al-Rakka (vgl. Focus Online 2017), be-einflusste jedoch die politische Situation im Nahen Osten entscheidend mit (vgl. Luizard 2017: 7). Die Ausrufung des Kalifats und die beobachtete Zunahme des Organisationsgrads auf den kontrollierten Gebieten bildeten aus der Perspektive des IS eine zentrale Legitimati-onsgrundlage des Gewalthandelns nach außen, gegenüber den erklärten Feinden, aber auch nach innen, gegenüber der eigenen Bevölkerung. Der selbsternannte und bereits verstorbene Kalif des Islamischen Staates - Abu Bakr al-Baghdadi - forderte die letztverbindliche Ent-scheidungsgewalt auf dem kontrollierten Territorium für sich und die Elite der Bewegung. Die Versuche, staatliche Institutionen wie Polizeistationen und Gerichte zu etablieren und mit der Unterstützung sympathisierender Experten noch bestehende Strukturen des syrischen und irakischen Staats wie Schulen, Universitäten und Krankenhäuser zu übernehmen, sind hierfür klare Hinweise (vgl. Lohlker 2016: 97 + 128 f.; Luizard 2017: 122; Röhrich 2016: 48). Die in Syrien und dem Irak durchgeführten Maßnahmen und sich herausgebildeten Organisations-strukturen wiesen außerdem eine Orientierung an Strukturen und Funktionen eines modernen Nationalstaats auf. Eine Terrormiliz die Territorien anderer Staaten kontrolliert und ein eige-nes Kalifat auf diesen ausruft sowie Merkmale eines Nationalstaates aufweist beschäftigt heu-te noch viele Soziologen und Politologen hinsichtlich dem Sachverhalt, inwiefern der Islami-sche Staat dem eigenen Anspruch eine legitime Herrschaftsordnung zu sein überhaupt gerecht werden kann (vgl. Arango 2015; Luizard 2017; Ruf 2016). Einer der größten Soziologen und Nationalökonomen der hierbei zur Betrachtung des Ganzen herangezogen werden sollte ist Max Weber, da er sich bereits im 19. und 20. Jahrhundert mit Begriffen der Herrschaftssozio-logie beschäftigte und die Soziologie sowie Politikwissenschaft mit seinen prägnanten Defini-tionen und analytischen Verfahren wesentlich beeinflusste. Seine Begriffsbildungen werden bis heute in der Soziologie und der Politikwissenschaft als Basis für weitere Forschungen verwendet und vor allem sein Konzept von Herrschaft und Macht findet heute noch Ge-brauch. Angesichts dieser Tatsachen soll folgende implizierte Forschungsfrage beantwortet werden, um aus soziologischer Perspektive mehr Aufschluss über den IS und sein Verhältnis zur Bevölkerung im Nahen Osten erhalten zu können:

Wie ist nach Max Webers Herrschafts- und Machtkonzept das Verhältnis zwischen dem Isla-mischen Staat und der Bevölkerung in den eroberten Territorien im Nahen Osten zu charakte-risieren?

Neben einem gelungenem Beitrag zur Soziologie soll die Beantwortung der Forschungsfrage ferner dazu dienen, ähnliche Phänomene in Zukunft aus der Perspektive Max Webers transpa-renter nachzuvollziehen. Zur sinnvollen Beantwortung der vorliegenden Forschungsfrage be-darf es daher einer strukturierten Vorgehensweise mit themenbasierter Literatur. Auf der Ein-leitung aufbauend, wird im zweiten Kapitel zunächst Max Webers Verständnis von Herrschaft und Macht aufgeschlüsselt, um vorerst eine Basis schaffen zu können, auf der das Anwen-dungsgebiet analytisch betrachtet werden kann. Im dritten Kapitel wird der Islamische Staat samt seiner Motive, Ziele, Vorgehensweisen und Beziehungen zur Bevölkerung beleuchtet, um im vierten Kapitel die Ergebnisse mit dem Herrschafts- und Machtkonzept Webers zu verknüpfen. Dadurch soll zu einer transparenten Beantwortung der Forschungsfrage gelangt werden. Im Schlussteil werden letztlich die Kernelemente zur Beantwortung der Forschungs-frage zusammengefasst aufgegriffen. Die Fragestellung soll somit abgerundet beantwortet werden.

Literaturtechnisch wird bezüglich Max Webers Verständnis von Herrschaft und Macht auf eine große Bandbreite an Quellen zurückgegriffen. Unter Verwendung verschiedener Mono-grafien wie „Macht und Herrschaft“ von Peter Imbusch (Imbusch/Neuenhaus 1998), „Herr-schaft und Legitimität“ von Dr. Heino Speer (Speer 1978), „Die größten Experten der Macht“ von Sabrina Ebitsch (Ebitsch 2012) oder der Hochschulschrift „Sozialer Wandel und Macht“ von Carsten Kaven (Kaven 2006) soll eine transparente Aufklärung erzielt werden. Außerdem wird für eine realitätsnahe Erläuterung der Situation im Nahen Osten auf hochaktuelle Sam-melbänder und Monografien wie „Islamischer Staat & Co.“ von Werner Ruf (Ruf 2016), „Die Falle des Kalifats“ von Luizard (Luizard 2017) oder „Die Schwarze Macht“ von Christoph Reuter (Reuter 2015) und viele weitere Quellen zurückgegriffen.

2 Theoretischer und konzeptioneller Rahmen

Im folgenden Kapitel werden nun Max Webers Grundsätze von Herrschaft und Macht aufge-griffen. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass nicht die gesamte Spannweite seiner soziologischen Grundsätze aufgefasst wird, da nur die Standpunkte berücksichtigt werden, die mehr oder weniger zur Beantwortung der Fragestellung von Relevanz sein können. Alles an-dere würde den Rahmen der Arbeit sprengen.

2.1 Macht nach Max Weber

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht. (…) Der Begriff ‚Macht’ ist so-ziologisch amorph. Alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen.“ (Weber 1964: 38)

Macht ist aus Webers Perspektive also die Möglichkeit, innerhalb einer wie auch immer gear-teten sozialen Beziehung das eigene Streben über das eines anderen zu setzen. Die Mittel sind dabei freigestellt und können von Eigentum über Körperkraft bis hin zu gesellschaftlichem Status reichen (vgl. Ebitsch 2012: 44). Macht als die individuelle Chance für die Durchset-zung des eigenen Willens zu kämpfen und in diesem Kampf Wiederstände zu überwinden ist Weber zufolge in allen sozialen Zusammenhängen möglich, auch in scheinbar friedlichen. Was Macht ebenfalls auszeichnet ist ihre Möglichkeit, die bestehenden sozialen Ordnungen zu überschreiten – sie also beispielsweise durch den Einsatz von Gewalt außer Kraft zu set-zen. Aus der Perspektive der Soziologie ist Macht also ein Moment der Instabilität und sie bleibt innerhalb Webers Soziologie relativ unbestimmt (vgl. Imbusch/Neuenhaus 1998: 81 f.). Aus dem Halbsatz „gleichviel, worauf diese Chance beruht“ (Weber 1964: 38) lässt sich ab-leiten, dass die Chance auf etwas beruhen muss, jedoch die Art der Chance für die Definition nicht erheblich ist. Macht gilt für Weber als soziologisch amorph weil alles Mögliche jeman-den in die Lage versetzen kann, seinen Willen durchzusetzen. Diese endlose Menge an Mög-lichkeiten der Ressourcen und der Situationen lässt sich soziologisch nicht erschöpfend ein-fangen und damit konzeptuell klassifizieren (vgl. Kaven 2006: 52 ff.). Dennoch finden sich wenn z.B. in „Wirtschaft und Gesellschaft“ Max Webers geschaut wird auch Hinweise auf mögliche Quellen dieser besonderen Chance. So bezeichnet Weber zum Beispiel die Anwen- dung von Gewalt als eine grundlegende Form der Durchsetzung eines Willens und konstitutiv für das Gemeinschaftshandeln überhaupt (vgl. Kaven 2006: 52 f.):

„Gewaltsames Gemeinschaftshandeln ist selbstverständlich an sich etwas schlechthin Urwüchsiges: von der Hausgemeinschaft bis zur Partei griff von jeher jede Gemeinschaft da zur physischen Gewalt, wo sie mußte oder konnte, um die Interessen der Beteiligten zu wahren.“ (Weber 1964: 660)

Je mehr diese physische Gewaltsamkeit zentralisiert wird, desto mehr kommt den Sachgütern ihrer Durchsetzung Bedeutung zu. An dieser Stelle unterscheidet Weber einerseits den perso-nalen Verwaltungsstab, der für die Durchsetzung des Monopols der legitimen physischen Gewaltsamkeit zuständig ist und andererseits die sachlichen Verwaltungsmittel. Um physi-sche Gewalt als Mittel zur Ausführung von Macht möglichst effektiv zu erreichen braucht der Verwaltungsstab als Befehlshaber Mitglieder die möglichst gehorsam sind. Zudem sollten sachliche Verwaltungsmittel bestehen die Kriegsbetriebsmittel, Finanzierungsmittel sowie politisch verwendbare Güter aller Art sein können (vgl. Kaven 2006: 53). Zu den Machtres-sourcen kann neben der physischen Gewaltsamkeit auch die Verfügung über eine Organisati-on, die Verfügung über ökonomische und soziale Güter (z.B. Prestige), sowie die Bereitschaft von Untergebenen an der Durchsetzung des Willens mitzuwirken, gehören. Da Macht jedoch soziologisch amorph ist und deshalb soziologisch kaum analysierbar, zieht Weber den Begriff von Herrschaft eindeutig vor (vgl. Müller 2007: 122 f.), welche im nächsten Kapitel näher erläutert werden soll.

2.2 Herrschaft nach Max Weber

„‚Herrschaft’ in ihrem allgemeinsten, auf keinen konkreten Inhalt bezogenen Begriff ist eines der wichtigsten Elemente des Gemeinschaftshandelns. Zwar zeigt nicht alles Gemeinschaftshandeln herr-schaftliche Struktur. Wohl aber spielt Herrschaft bei den meisten seiner Arten eine sehr erhebliche Rolle. (…) Ausnahmslos alle Gebiete des Gemeinschaftshandelns zeigen die tiefste Beeinflussung durch Herrschaftsgebilde.“ (Weber 1964: 691)

Hieraus wird verständlich, dass Max Weber einen großen Teil seines Hauptwerkes „Wirt-schaft und Gesellschaft“ der Herrschaftssoziologie gewidmet hat und der Begriff der Herr-schaft einen der zentralen Punkte im soziologischem System Max Webers bildet (vgl. Speer 1978: 15). Die genaue Definition für Herrschaft lautet nach Max Weber: „Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“ (Weber 1964: 38)

Herrschaft beschränkt sich also nach der Definition Webers auf ein Verhältnis der Über- und Unterordnung und enthält als Kennzeichen die Struktur von Befehl und Gehorsam, welche die Herrschaft selbst konstituiert (vgl. Speer 1978: 19). Ein „bestimmtes Minimum an Gehor-chenwollen […]“, so Max Weber, „[…] gehört zu jedem echten Herrschaftsverhältnis“ (We-ber 1964: 157). Dieses Interesse am Gehorchen legitimiert die Herrschaftsordnung, indem es ihr die beanspruchte Anerkennung verschafft. Die Art der in Anspruch genommen Legitimität kann jedoch sehr unterschiedlich sein und sie ist maßgeblich für den Typ der Herrschaftsaus-übung (vgl. Imbusch/Neuenhaus 1998: 78). Unter Rückgriff auf seine Vorstellungen von der Legitimität einer Ordnung unterscheidet Weber drei reine Typen von Herrschaft. Zum einen spricht Weber von der Traditionalen Herrschaft, welche sich im Wesentlichen darauf stützt, dass sie immer gültig war und immer noch ist. Zum anderen spricht er von der Charismatische Herrschaft als die zweite reine Herrschaftsform, welche durch die Anerkennung einer domi-nanten Führungspersönlichkeit durch Gehorchende ihre Legitimität erhält. Als dritte und letz-te reine Herrschaftsform führt Weber die Legale Herrschaft auf, welche auf der Existenz von gesetzlichen Regelungen beruht wie zum Beispiel in einer Bürokratie (vgl. Schülein/Brunner 1994: 51). Herrschaft ist ein durch das Bestehen einer solcher Ordnungen, oder einer Mi-schung dieser, ein gekennzeichneter Sonderfall von Macht und legt Regeln für den Unterwor-fenen fest. Diese kann nach Weber im Gegensatz zur Macht mit den Mitteln der Soziologie untersucht werden (vgl. Imbusch/Neuenhaus 1998: 77). Wichtig ist hierbei festzuhalten, dass die Regeln und Befehle von den Unterworfenen stets geduldet werden müssen. Die Unterwer-fung ist also nicht die Folge von Herrschaft sondern bildet ihren existenziellen Urgrund (vgl. Ebitsch 2012: 45).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Max Webers Herrschaftssoziologie und der Islamische Staat im Nahen Osten
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Sozialwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V436469
ISBN (eBook)
9783668769045
ISBN (Buch)
9783668769052
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Weber, Weber, Herrschaft, Macht, Herrschaftssoziologie, ISIS, IS, Islamischer Staat
Arbeit zitieren
Haci Yunus Erdal (Autor), 2017, Max Webers Herrschaftssoziologie und der Islamische Staat im Nahen Osten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436469

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