Ansichten legitimer Herrschaft im 18. und 20. Jahrhundert. Jean-Jacques Rousseau und Max Weber im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Begriffsbestimmungen

III. Herrschaftslegitimation bei Jean-Jacques Rousseau

IV. Herrschaftslegitimität bei Max Weber

V. Vergleich beider Perspektiven

VI. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Herrschaft von Menschen über andere Menschen ist ein seit jeher breit behandeltes Thema in der Geschichtswissenschaft und der politischen Theorie. Als eine der wich- tigsten sozialen Ordnungen bedarf politische Herrschaft in erster Linie einer Legiti- mierung und Begründung. Die Tatsache, dass Herrschaftsverhältnisse existieren, führe Glaser zufolge stets zu der Frage, inwiefern „Herrschaftsverhältnisse als rechtmäßig gelten können.“1 Die Relevanz des Themas liegt auf der Hand: Neben der Tatsache, dass kein Mensch entscheiden kann, in welchen Staat er hineingeboren wird, erfolgt auch nach der Geburt kein Akt der Zustimmung zum jeweiligen Staat, seinen Gesetzen und seiner Macht. Im Rahmen des Seminars „Herrschaft und Repräsentation im 18. Jahrhundert“ soll im Folgenden die Herrschaftslegitimation des 18. Jahrhunderts am Beispiel von Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag untersucht werden. Die An- sicht aus dem 18. Jahrhundert wird anschließend mit der von Max Weber aus dem 20. Jahrhundert verglichen, um aufzuzeigen, wie sich die Sicht auf Herrschaftslegitima- tion im Laufe von eineinhalb Jahrhunderten verändert hat. Das 19. Jahrhundert wird hierbei bewusst ausgelassen, da aus diesem Jahrhundert stammende politische Theo- retiker primär andere politische und gesellschaftliche Phänomene als Herrschaft un- tersucht haben.

Der Forschungsstand zur Herrschaftslegitimation ist aufgrund der langen Forschungs- tradition äußerst ausgereift. Sowohl zu Rousseau, als auch zu Max Weber existieren unzählige Untersuchungen und Werke. Allerdings beziehen sich Studien bezüglich Rousseau primär auf einen rein zeitgenössischen Blickwinkel oder auf einen Vergleich der Vertragstheoretiker unter sich. Die Methode, Rousseau als Repräsentant des 18. Jahrhunderts mit der Sichtweise von Max Weber zu vergleichen, fand in der Form bisher nicht statt. Die Primärquelle, auf der die Arbeit aufbaut, ist der Gesellschafts- vertrag2 aus dem Jahre 1762. Im Zuge dessen werden Begrifflichkeiten und Thesen aus der Sekundärliteratur herangezogen, um die Analyse von Rousseaus Ansicht zu vertiefen. Zur Herrschaftslegitimität hat sich Max Weber in mehreren seiner Werke geäußert. In dieser Arbeit wird der Fokus allerdings auf die Herrschaftstypologie in „Wirtschaft und Gesellschaft“3 gelegt, da sie den geeignetsten Überblick über das Thema gibt.

Die Fragestellungen der Hausarbeit lauten folgendermaßen: Inwiefern unterscheiden sich die Vorstellungen legitimer Herrschaft bei Rousseau und Weber? Welche Veränderungen und Entwicklungen sind diesbezüglich vom 18. bis zum 20. Jahrhundert festzustellen? Die zu überprüfenden Thesen sind erstens, dass sich Rousseau und Weber in ihren Beurteilungen legitimer Herrschaft aufgrund der unterschiedlichen politischen Verhältnisse, in denen sie lebten, unterscheiden sowie zweitens, dass die rousseau’schen Ideen einen großen Einfluss auf die Ansicht von Herrschaftslegitimität zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgeübt haben.

Die Arbeit ist so aufgebaut, dass nach der Einleitung erst einmal die wichtigsten Begriffe erläutert werden - Herrschaft, Legitimation und Legitimität. Daran anschließend wird der Gesellschaftsvertrag Rousseaus hinsichtlich der Argumentation zur Herrschaftslegitimation im dritten Kapitel analysiert. Das vierte Kapitel beschäftigt sich dann mit der Herrschaftslegitimität Webers, um die beiden Ansichten danach im fünften Kapitel zu vergleichen. Im Fazit werden schließlich die Ergebnisse zusammengefasst, die Fragestellungen beantwortet sowie ein Ausblick auf weitere Forschungsmöglichkeiten und ein Aktualitätsbezug gegeben.

II. Begriffsbestimmungen

Zum Begriff der Herrschaft lassen sich äußerst viele verschiedene Definitionen finden - sowohl politik- oder sozial-, als auch geschichtswissenschaftlich. Neben der Defini- tion von Max Weber, auf die in einem späteren Kapitel eingegangen wird, gibt es viele andere moderne Definitionen. Auffällig ist dabei, dass Herrschaft stets zum Begriff der Macht abgegrenzt wird. Schlägt man beispielsweise im „Lexikon der Politik“ nach, so wird Herrschaft definiert als „asymmetrische soziale Beziehung mit stabilisierter Verhaltenserwartung, wonach die Anordnungen einer übergeordneten Instanz von de-ren Adressaten befolgt werden.“4 Herrschaft ist folglich eine Gesellschaftsordnung, in der es eine Instanz gibt, die Gesetze erlässt, sowie Adressaten, die diese befolgen.

Neben der Herrschaft sind insbesondere die Begriffe der Legitimation und Legitimität zu betrachten. Sie sind zwar eng miteinander verwoben, haben jedoch unterschiedliche Bedeutungen. Legitimität gilt als ein Zustand, in dem eine politische Ordnung (in die- sem Fall die Herrschaft) als rechtmäßig gilt. Mit Legitimation ist dagegen der Prozess gemeint, durch den wiederum Legitimität vermittelt wird.5 Nun etwas genauer zum Legitimitätsbegriff: Nach Glaser gibt es drei verschiedene Legitimitätsbegriffe aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. Als erstes wäre da der rechtswissenschaftli- che Legitimitätsbegriff zu nennen. Ihm zufolge orientiert sich die Legitimität nach der Legalität von Herrschaft. Hierbei geht es um solche Fragen wie: „Wurde Macht legal (etwa durch Wahlen) errungen? Wird sie den Gesetzen entsprechend ausgeübt?“6 Die- ser Begriff ist zu unterscheiden von demjenigen aus der Soziologie, der auf Max We- ber zurückgeführt wird. Hier bezieht sich Legitimität „auf Akzeptanz der politischen Ordnung durch die Bevölkerung.“7 Der dritte Legitimitätsbegriff kommt aus der poli- tischen Philosophie. Hierbei geht es vordergründig um normative Fragestellungen, beispielsweise: „Ist Herrschaft notwendig? Unter welchen Bedingungen sind Men- schen bereit, sich Herrschaft zu unterstellen? Kann Herrschaft […] als gerecht und gerechtfertigt angesehen werden und wie gestaltet sich das Verhältnis von Herrschen- den und Beherrschten?“8 Legitimation wird dagegen insbesondere von den Vertrags- theoretikern hinterfragt und untersucht. Sie gehen in erster Linie von Legitimation durch allgemeinen Konsens aus, wie insbesondere auch Rousseau.9 Trotz der unter- schiedlichen Bedeutungen werden Herrschaftslegitimation (Rousseau) und Herr- schaftslegitimität (Weber) in dieser Arbeit als Synonyme für legitime Herrschaft be- griffen und miteinander verglichen. Es geht bei dem Vergleich nicht um den Zustand einerseits oder den Prozess andererseits von Herrschaftsrechtfertigung. Es geht viel- mehr darum, dass beide Begriffe als unterschiedliche Formen der Betrachtung legitimer Herrschaft dienen und somit verglichen werden können.

III. Herrschaftslegitimation bei Jean-Jacques Rousseau

„Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Ketten […] Wie ging diese Um- wandlung vor sich? Ich weiß es nicht. Wodurch kann sie rechtmäßig werden? Diese Frage glaube ich lösen zu können.“10 Das Problem der Herrschaftslegitimation wird direkt zu Beginn des Gesellschaftsvertrags von Rousseau angesprochen. Die Vertrags- theorien aus der Frühen Neuzeit gehören zu den ältesten Legitimationstheorien über- haupt. Im Mittelalter wurde Gott als Souverän angesehen, der den weltlichen Herr- scher legitimiert. Die Vertragstheoretiker dagegen wollten einen Staat als Instanz im- plementieren, um Recht zu sprechen, um das Leben der Individuen zu schützen und um die Freiheit des Eigentums zu bewahren. Die Individuen stellen sich in einem sol- chen hypothetischen Vertrag freiwillig unter die Rechtsordnung, sodass aus ihnen schließlich Staatsbürger werden. Herrschende und Beherrschte werden demnach nicht- mehr strikt getrennt, da das Volk zum Souverän erklärt wird. Legitime gesellschaftli- che Ordnungen können den Vertragstheoretikern zufolge also nur auf Vereinbarung und nicht auf Macht gegründet werden.11 Solche Vertragstheorien waren bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts äußerst beliebt. Hobbes entwarf eine Vertragsthe- orie, in der der Leviathan als Souverän die gesamte Macht und das vollständige Recht über seine Herrschaftsunterworfenen innehat. Dieser Vertrag sollte jedoch zwischen den Bürgern und nicht zwischen ihnen und dem Leviathan geschlossen werden. Auch John Locke entwarf einen Vertrag. In diesem ist jedoch nicht eine Person oder ein ausgewähltes Kollektiv von Personen der Souverän, sondern das Kollektiv aller Bür- ger. Die Souveränität liegt hier also beim Volk. Der historische Kontext zeigt, dass Rousseau den Vertragsgedanken zwar nicht erfunden, jedoch stark weiterentwickelt hat. Er entwickelte den Gesellschaftsvertrag, um einen Staat zu gründen und nicht -wie beispielsweise bei Hobbes -, um die Herrschaftsgewalt an einen Herrscher zu übertragen.12

Rousseau untersucht in erster Linie im Ersten Buch seines Gesellschaftsvertrags, was Herrschaft von Menschen über andere Menschen legitimiert. Hierbei geht es primär darum, dass für eine legitime Ordnung der Gesellschaft ein Konsens der Gesellschafts- mitglieder notwendig ist. Durch natürliche Begebenheiten oder Strukturen könne eine Gesellschaftsordnung ihm nach nicht begründet werden. Dafür führt er zwei Beispiele an. Erstens wäre da die Legitimation über die Familie. Die Familie, in der die Eltern Herrschaftsrechte über ihre Kinder ausüben dürfen, ist für Rousseau die einzige natür- liche Form der Gesellschaft. Allerdings lasse sich Rousseau zufolge keine Legitima- tion sozialer Ordnung über die Analogie zwischen der Beziehung Kind und Vater so- wie Untertan und Monarch herstellen. Hierfür führt er zwei Gründe an. Wenn die Un- tertanen mit Kindern gleichgestellt werden, so würde ihnen die Mündigkeit aberkannt. Da Mündigkeit für Rousseau aber eins der wichtigsten menschlichen Attribute dar- stellt, würde jener Umstand Rousseaus Menschenbild zutiefst widersprechen. Er schlussfolgert aus seiner Überlegung, dass sich keine legitime Gesellschaftsordnung aus der natürlichen Ordnung der Familie ableiten lässt.13 Auch eine Herrschaftslegiti- mation über das Recht des Stärkeren lehnt Rousseau strikt ab. Hierfür nennt er eben- falls zwei Gründe. Erstens besitzt Recht eine Bindung zur moralischen Pflicht. Recht müsse demnach zwangsläufig als legitim anerkannt werden und nicht nur aufgrund von möglicher Sanktionierung befolgt werden. Diese moralische Verpflichtung er- wächst jedoch keinesfalls aus der Stärke eines Herrschers. Zweitens sei die Durchsetz- barkeit ohne Macht und Stärke das wichtigste Attribut des Rechts. Diese Bedingung wäre jedoch unerfüllbar, wenn immerzu der Stärkste im Recht ist.14 Aus seinen Über- legungen schlussfolgert Rousseau, dass sich eine legitime Gesellschaft nicht aus der Natur ableiten lässt: „Da kein Mensch eine natürliche Gewalt über Seinesgleichen hat und da die Stärke kein Recht begründet, so bleibt nur noch die Übereinkunft als Grund- lage jeder rechtmäßigen Gewalt unter den Menschen übrig.“15

[...]


1 Glaser, Karin: Über legitime Herrschaft. Grundlagen der Legitimitätstheorie. Wiesbaden 2013, S. 35.

2 Rousseau, Jean-Jacques: Der Gesellschaftsvertrag. Leipzig 1862.

3 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie (hrsg. von Johan- nes Winckelmann). Tübingen 1976.

4 Weiß, Ulrich: ‚Herrschaft‘. In: Nohlen, Dieter (Hrsg.): Lexikon der Politik, Bd. 7: Politische Be- griffe. Berlin 2004, S. 249.

5 Vgl. Schliesky, Utz: Souveränität und Legitimität von Herrschaftsgewalt. Tübingen 2004.

6 Glaser: Über legitime Herrschaft, S. 22.

7 Ebd., S. 23.

8 Ebd., S. 25f.

9 Ebd., S. 26.

10 Rousseau: Gesellschaftsvertrag, S. 3.

11 Vgl. Kersting, Wolfgang: Die Vertragsidee des Contrat social und die Tradition des neuzeitlichen Kontraktualismus. In: Brandt, Reinhard/Herb, Karlfriedrich (Hrsg.): Jean Jacques Rousseau. Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts. Berlin 2012, S. 47-68, hier S. 47.

12 Vgl. Glaser: Über legitime Herrschaft, S. 62f.

13 Vgl. Rousseau: Gesellschaftsvertrag, S. 4f.

14 Vgl. Rousseau: Gesellschaftsvertrag, S. 6f.

15 Rousseau: Gesellschaftsvertrag, S. 7.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ansichten legitimer Herrschaft im 18. und 20. Jahrhundert. Jean-Jacques Rousseau und Max Weber im Vergleich
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Herrschaft und Repräsentation im 18. Jahrhundert
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V437640
ISBN (eBook)
9783668787858
ISBN (Buch)
9783668787865
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Legitimation, Legitimität, Politische Theorie, Ideengeschichte, Politische Geschichte
Arbeit zitieren
Max Holtschlag (Autor), 2018, Ansichten legitimer Herrschaft im 18. und 20. Jahrhundert. Jean-Jacques Rousseau und Max Weber im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437640

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