Analyse und mögliche Entwicklungen der Telemedizin in Deutschland


Bachelorarbeit, 2015

60 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Hintergrund
1.1 Historische Entwicklung und Einordnung
1.2 Problemstellung und Zielsetzung
1.3 Gang der Untersuchung

2 Methoden
2.1 Begriffsdefinitionen und Terminologien
2.2 PESTLE-Modell
2.2.1 Modellcharakteristika
2.2.2 Szenariotechnik und Prognosemethoden
2.2.3 Anwendbarkeit für die Problemstellung

3 Ergebnisse und Diskussion
3.1 Ergebnisse der STELP-Analyse
3.1.1 Social
3.1.2 Technology
3.1.3 Economical
3.1.4 Legal
3.1.5 Political
3.2 Szenarienbeschreibung

4 Fazit und Ausblick

Anlage

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Begriffsentwicklung – von der Teleradiologie bis zum E-Health nach Burchert (2003), S. 46

Abbildung 2: Szenariotrichter nach Sprey (2003), o. S

Abbildung 3: Konratieff-Zyklen nach Nefiodow (2006), o. S

Abbildung 4: Wettbewerbsfelder im Gesundheitswesen nach Cassel (2006) S. 23

Abbildung 5: Zentrale organisatorische Beziehungen im Gesundheitswesen nach Busse/Riesberg (2004), S. 37

Abbildung 6: Stakeholder eines Betriebes nach Meffert (2000), S. 27

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Komponenten von Leitbildern der stationären Altenpflege (eigene Darstellung)

Tabelle 2: Fachgesellschaften für E-Health (eigene Darstellung)

Tabelle 3: Anwendungsfelder der Telemedizin modifiziert nach Schulz et al. (2005), S. 15

Tabelle 4: BCG-Modell (Quelle: BCG-Modell übersetzt nach Grant (2000), S. 10)

Tabelle 5: Übersicht über Ansätze und Modelle der Umweltanalyse (eigene Darstellung)

1 Hintergrund

1.1 Historische Entwicklung und Einordnung

Aus unserem Alltag und auch aus dem deutschen Gesundheitswesen sind das World Wide Web (WWW) und das Internet im Jahr 2014 nicht mehr wegzudenken. Viele moderne Informationstechnologien werden insbesondere durch die junge Generation auf der einen Seite und auch von den Versicherungen und Leistungserbringern auf der anderen Seite bereits heute mit Selbstverständlichkeit genutzt. Unter dem Oberbegriff Electronic-Health (E-Health) werden viele der elektronisch unterstützenden Aktivitäten im Gesundheitswesen zusammengefasst. So ist auch E-Health weitaus mehr als die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK), die durch das mediale Interesse weithin bekannt ist. Vielmehr ist E-Health ein äußerst breit angelegter Oberbegriff für eine Vielzahl von IT-gestützten Anwendungen im Gesundheitswesen. Die genutzten modernen Informationstechnologien basieren oft auf der Basis der Hypertext Markup Language (HTML). Ein wesentlicher Schwerpunkt bei dem Einsatz von E-Health in Deutschland liegt bei „Assistierenden Systemen“ in der Verbesserung der Versorgung insbesondere durch Anwendung bei älteren Menschen. E-Health umfasst ebenso das gesamte Online-Angebot von qualitätsgesicherten Informationen zur Gesundheit über elektronische Medien für Bürger und Patienten. 1

In der Gesundheitstelematik werden beispielsweise personenbezogene Daten von diversen Akteuren des Gesundheitswesens im Rahmen der Behandlung der Patienten ausgetauscht. Die Telemedizin als ein weiterer Unterbereich beinhaltet die Erbringung medizinischer Dienstleistungen. Hierzu zählt insbesondere die Diagnostik oder Therapie mithilfe moderner Informationstechnologie (IT). Zusätzlich zu diversen Online- Angeboten in diesem Segment existieren bereits Health Apps, die als Anwendungssoftware auf Smartphones oder Tablet-PCs zum Einsatz kommen. Mit diesen Apps können zum Beispiel entsprechende Serviceleistungen über Gesundheitsportale der Krankenversicherungen und Leistungserbringer genutzt werden. Zur Verfügung stehen bisher unter anderem eine mobile International Classification of Diseases (ICD)-Diagnoseauskunft oder ein mobiler Klinikführer.2

Die World Health Organization (WHO) hat ihre Mitgliedstaaten in ihrer E-Health esolution bereits im Jahr 2005 aufgefordert, den Einsatz von E-Health zu fördern.3 Im internationalen Vergleich liegt Deutschland trotz guter organisatorischer und technischer Voraussetzungen nur im vorderen Mittelfeld, was die Nutzung von E- Health-Systemen betrifft. Es ist nach wie vor so, dass zahlreiche einzelne Systeme im Gesundheitswesen nicht miteinander vernetzt sind und es oft sogenannte Insellösungen (Teillösungen von Subsystemen, die nicht miteinander vernetzt sind) gibt. Dies hat weniger technische (Schnittstellenprobleme) als vielmehr datenschutzrechtliche Gründe. Die vorhandenen Insellösungen sind eine Folge diverser Pilotprojekte, die von unterschiedlichen Interessensgruppen finanzierten worden waren. 4

Der rasante Zuwachs des E-Health-Marktes in den letzten Jahren und der zunehmende medizinisch-technische Fortschritt lassen aber ein weiteres Wachstum der Branche prognostizieren. In der nachfolgenden Abbildung wird neben der zeitlichen Entwicklung auch das Wachstum der Anwendungsbereiche dargestellt. 5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Begriffsentwicklung – von der Teleradiologie bis zum E-Health nach Burchert (2003), S. 46

Dabei stellen das unübersichtliche und komplizierte Zusammenwirken der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen und der Regierungen in Bund und Ländern in Deutschland eine besondere Herausforderung dar. Die Aufteilung der Zuständigkeiten

bei der Konzeptentwicklung zwischen der Selbstverwaltung und ihrer in sich heterogenen Struktur aus Verbänden der Ärzteschaft, Krankenkassen, Krankenhäuser, Apotheken, Rehabilitation etc. sowie den Ministerien ist zwar rechtlich geregelt, jedoch ist die Kooperation aufgrund der Komplexität und Intransparenz insgesamt als suboptimal zu bewerten.6

Die Aufgabe von E-Health ist es, die Abläufe im Gesundheitswesen zu optimieren und eine bessere Vernetzung zwischen Ärzten, Therapeuten, Krankenversicherungen, Apothekern, Versicherten bzw. Patienten und anderen Akteuren im Gesundheitswesen zu ermöglichen. Dabei sollen die elektronischen Abläufe im Gesundheitswesen die Akteure bei der medizinischen Versorgung und anderen Aufgaben im Gesundheitswesen unterstützen. Mit E-Health ist der Einsatz von elektronischer Datenerfassung, -verarbeitung, -speicherung und -übertragung im Gesundheitswesen gemeint, um die Kommunikation zu beschleunigen oder die Qualität von Informationen zu verbessern. Die einzelnen Elemente von E-Health lassen sich grundsätzlich in Information, Kommunikation, Dokumentation und Vernetzung zusammenfassen. Die Anwendungen der Teledokumentation ermöglichen einen zeit- und ortsunabhängigen Zugriff auf die Informationen der Versicherten bzw. Patienten. 7 Ferner zeigt die folgende Auflistung der Forschungsgebiete, die in die Entwicklung von E-Health einfließen, die Interdisziplinarität des Themas:

- Betriebs- und Volkswirtschaftslehre
- Kommunikations- und Medienwissenschaften
- Wissensmanagement
- Medizinische Informatik
- Public Health
- Versorgungsforschung

1.2 Problemstellung und Zielsetzung

Die vorliegende Arbeit setzt an der Problematik an, dass das Thema E-Health sehr umfassend ist und zahlreiche Akteure des Gesundheitswesens tangiert. Eine Schwierigkeit liegt darin, dass im deutschen Gesundheitswesen zahlreiche

Partialinteressen aufeinandertreffen. Die Steigerung der Qualität der Versorgung, Effizienz, Effektivität und Sicherheit sowie die Finanzierbarkeit unter Berücksichtigung der demografischen, aber auch der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung sind die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Derzeit ist das deutsche Gesundheitssystem eher durch eine Fragmentierung und durch zahlreiche Schnittstellen, die zu einer mangelnden Kommunikation einzelner Gesundheitsdienstleister führen, charakterisiert. Hier ist es notwendig, dass sich die einzelnen Akteure aufeinander zubewegen, um die organisatorischen und formellen Hindernisse gemeinsam zu überwinden.

Durch die Vereinheitlichung von Informatik-Systemen, den Ausbau des Schnittstellenmanagements sowie der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte bzw. der elektronischen Patientenakte wurden erste große Schritte für eine verlässliche Telematik-Plattform angestoßen. Die Realität ist allerdings auch, dass zahlreiche Arztpraxen (etwa 20 % der niedergelassenen Ärzte in einzelnen KV-Regionen) oder Apotheken über keinen Internetanschluss verfügen und vieles noch in Papierform dokumentiert, verwaltet und abgerechnet wird. In diesen Arztpraxen wird die EDV nur als Adressensystem eingesetzt. Die weitere Entwicklung im schnell wachsenden und dynamischen Bereich E-Health bleibt abzuwarten.8

Der Prozess der medizinischen Versorgung erkrankter oder verunfallter Patienten erstreckt sich in der Regel über mehrere zeitlich aufeinander folgende Stufen, wie z. B. die Notversorgung und die Stabilisierung der Vitalfunktionen, die diagnostische Untersuchung, die Befundung und Diagnosestellung, die therapeutische und rehabilitative Behandlung sowie die Nachsorge und Pflege. Primär wird dabei die ambulante Ebene durchlaufen. Wird die Versorgung im Krankenhaus notwendig, erfolgt ein „Sektorenwechsel“ vom ambulanten in den stationären Bereich. Im Anschluss an die stationäre Versorgung kann wieder ein Wechsel in den ambulanten Bereich erforderlich sein. Innerhalb dieser Sektoren wirken in den meisten Fällen unterschiedliche Leistungserbringer mit. Es besteht dementsprechend ein Netzwerk aus ambulanter und/oder stationärer Versorgung, in die unterschiedliche Akteure und Leistungserbringer involviert sind.9

Folglich entstehen so Ineffizienzen im deutschen Gesundheitswesen. Erst seit kurzer Zeit wird Wert auf eine sektorenübergreifende Versorgung gelegt. Das Zusammenspiel

lässt jedoch, bedingt durch Reibungsverluste an den Sektorengrenzen, noch zu wünschen übrig.10 Die Telemedizin bietet eine Möglichkeit, dies zu verbessern. Ein Ziel der Akteure, die über telemedizinische Netzwerke verfügen, ist es, über die Nutzung dieser Anwendungen und der daraus resultierenden positiven wirtschaftlichen Effekte, sich gegenseitig zu unterstützen.11

Ziele der vorliegenden Arbeit sind eine umfassende Bestandsaufnahme und Entwicklungsperspektiven von E-Health in Deutschland im Jahre 2014.

1.3 Gang der Untersuchung

Die vorliegende Arbeit besteht aus insgesamt vier Abschnitten: Der erste Abschnitt beinhaltet zunächst eine historische Entwicklung und Einordnung von E-Health in Deutschland. Darauf aufbauend werden die Problemstellung und die Zielsetzung der Arbeit als auch der Gang der Untersuchung dargelegt. Der zweite Abschnitt widmet sich den Methoden der vorliegenden Arbeit. Hierzu werden zunächst die wesentlichen Begriffsdefinitionen und Terminologien der Arbeit kurz definiert. Es folgt im zweiten Abschnitt der modelltheoretische Teil der Arbeit, in dem das PESTLE-Modell mit Modellcharakteristika, Szenario-Technik und Prognosemethoden vorgestellt wird. In Anschluss findet ein Überblick über die Anwendbarkeit für die Problemstellung des Modells statt. Der dritte Abschnitt der Arbeit beinhaltet die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit und ist nach dem in der Methodik beschriebenen Modell in die Abschnitte Political, Economical, Social und Technology gegliedert. Es folgt eine Szenarioanalyse anhand von drei möglichen Szenarien für die weitere Entwicklung von E-Health in Deutschland. Der vierte und letzte Abschnitt der Arbeit beinhaltet die Zusammenfassung der Ergebnisse und einen kurzen Ausblick.

2 Methoden

2.1 Begriffsdefinitionen und Terminologien

Im folgenden Abschnitt werden wichtige Begriffsdefinitionen und Terminologien definiert und erläutert, die für die weitere Analyse verwendet werden.

E-Health: Der Begriff E-Health steht für alle elektronischen Gesundheitsdienste und wird oft mit den Begriffen Gesundheitstelematik, E-Gesundheit, Health 2.0 synonym verwendet. Eine einheitliche Legaldefinition gibt es nicht, wobei nach herrschender Meinung E-Health als die Gesamtheit aller elektronischen Anwendungen zur medizinischen Versorgung verstanden werden kann. Hierbei werden Internetdienste wie beispielsweise das WWW oder die Electronic-Mail (E-Mail) auf der einen Seite und die Gesundheit bzw. die Medizin auf der anderen Seite miteinander verbunden.12

Elektronische Datenverarbeitung (EDV): Die Elektronische Datenverarbeitung (kurz: EDV) ist der Sammelbegriff für die Erfassung und Bearbeitung von Daten durch elektronische Maschinen oder Computer.13

Elektronische Gesundheitskarte (eGK): Mit dem GKV-GMG (Gesundheitsmodernisierungsgesetz der Gesetzlichen Krankenversicherung) wurden die Krankenkassen verpflichtet, die bisherige Krankenversichertenkarte mit dem Ziel der Verbesserung von Wirtschaftlichkeit, Qualität und Transparenz spätestens zum 1. Januar 2006 zu einer elektronischen Gesundheitskarte (eGK) zu erweitern. Ziel war die Verbesserung der Kommunikation aller an der Gesundheitsversorgung Beteiligten. Das Projekt hat sich verzögert und dauert bis heute an.14

Home Healthcare: Mit Home Healthcare werden meist Lösungen bezeichnet, die für die gesundheitsbezogene Anwendung zu Hause hergestellt werden. Hierzu zählen beispielsweise Lösungen für Schlaftherapie, Sauerstofftherapie und häusliche Patientenüberwachung.15

Krankenhausinformationssysteme (KIS): Krankenhausinformationssysteme (KIS) sind die informationsverarbeitenden Systeme der Informationstechnik zur Erfassung, Bearbeitung und Weitergabe medizinischer und administrativer Daten im

Krankenhaus.16

Praxisinformationssysteme (PIS): Praxisinformationssysteme (PIS) sind die informationsverarbeitenden Systeme der Informationstechnik zur Erfassung, Bearbeitung und Weitergabe medizinischer und administrativer Daten im ambulanten Bereich.17

Telediagnostik: Bei der bildgestützten Telediagnostik werden medizinische Bilder von mehreren, räumlich voneinander getrennten Teilnehmern (Ärzten) begutachtet und besprochen. Die Telediagnostik stellt einen Teilbereich der Telekonsultation dar.18

Teleedukation/Teleausbildung: Mit der Teleedukation werden neu geschaffene Rahmenbedingungen für das Lernen, die Ausbildung und die interaktive Diskussion verstanden, die dabei helfen, räumliche Distanzen zu überwinden (darunter zählen z.

B. angebotene Seminare im Internet (Webinare)).19

Telekonsultation: Unter Telekonsultation versteht man die interaktive Beratung zwischen Ärzten bzgl. eines Behandlungsfalles bei Überwindung räumlicher Distanzen mithilfe von entsprechenden Telekommunikationstechnologien. Dabei werden z. B. Videokonferenzen eingesetzt, die ermöglichen, dass ärztliche Kollegen auch während eines Eingriffes (z. B. einer Operation) live hinzugeschaltet werden können.20

Telematik: Telematik setzt sich aus Telekommunikation und Informatik zusammen und ist eine Technologie, welche die Bereiche Telekommunikation und Informatik verknüpft.21

Telemedizin: „Telemedizin ist die Erbringung konkreter medizinischer Dienstleistungen in Überwindung räumlicher Entfernungen durch Zuhilfenahme moderner Informations- und Kommunikationstechnologien [IuK-Technologien].“22 Zu den Technologien zählen neben den vermeintlich neuzeitlichen IuK-Techniken auch das klassische Festnetztelefon und Faxgerät.23

Telemonitoring: Im Rahmen des Telemonitorings werden Patienten in ihrem häuslichen Umfeld unter Einsatz moderner Telekommunikations- und

Informationsmittel fernbetreut. Das häusliche Umfeld wird dabei – neben dem ambulanten und stationären Sektor – als 3. Gesundheitsstandort bezeichnet.24

Teleradiologie: In der Teleradiologie werden digitale Aufnahmen und Befunde von Patienten archiviert und können zwischen unterschiedlichen Leistungserbringern kommuniziert werden. Die Teleradiologie wird dabei häufig als Quelle telemedizinischer Anwendungen bezeichnet.25

Teletherapie: Die Teletherapie wird auch virtuelle Therapie genannt und beschreibt die Beteiligung eines Arztes an der Therapie eines Patienten „aus der Ferne“. Im Rahmen dieser Beteiligung werden telemedizinische Anwendungen eingesetzt.26

2.2 PESTLE-Modell

2.2.1 Modellcharakteristika

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich methodisch mit der Umweltanalyse (engl. environmental analysis). In diesem Zusammenhang wird das Umfeld eines Landes, einer Branche oder Organisation nach verschiedenen Kriterien analysiert. Die Umweltanalyse findet im strategischen Management, bei der Marketingforschung, dem Controlling und Finanzmanagement bspw. bei Performance Measurement Ansätzen statt.

Das PESTLE-Modell (auch: STEP bzw. STEPLE-Analyse) ist ein makroökonomisches Modell zur externen Umweltanalyse. also der Makroökonomie (siehe auch die Modellübersicht in Anlage 1). Es werden insbesondere die Einflussfaktoren näher analysiert, die einen direkten Effekt auf eine bestimmte Einheit (hier: Branche) haben. Hierzu zählen die nachfolgenden Einflussbereiche.27

1. Politische Umwelt

Die politische Umwelt umfasst die politischen Akteure in der Branche und Auswirkungen auf diese. Hierzu zählen insbesondere die Gesetzgebung und die Reformintervalle, die Arbeit der Bundesregierung auf der Makroebene und der Lobbyverbände auf der Mesoebene. Zudem gibt es Effekte aus der Europäischen Union

(EU), die den Binnenmarkt tangieren können28. Darüber hinaus gibt es Beschränkungen hinsichtlich der Wettbewerbsfreiheit, die einen direkten Effekt auf die ökonomische Umwelt der Branche haben (siehe Ökonomische Umwelt).

2. Ökonomische Umwelt

Die ökonomische Umwelt beschreibt den Markt der Branche, was ex definitione ein Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage beinhaltet. Hierbei spielen Indikatoren wie das Wirtschaftswachstum, das am Bruttosozialprodukt (BIP) und anhand von Konratieff-Wellen (langen Wellen der Konjunktur) abgebildet werden kann, eine wichtige Rolle. Weitere Aspekte sind die Inflation, Deflation, das Zinsniveau, Wechselkurse und die Verfügbarkeit von bestimmten Ressourcen, auf die die Branche angewiesen ist. Diese werden in diesem Zusammenhang auch als „Flaschenhälse“ bezeichnet.29

3. Gesellschaftliche Umwelt

Die gesellschaftliche Umwelt umfasst die Normen und Werte einer Gesellschaft. Hierzu zählt auch der demografische und sozio-kulturelle Wandel, der sich von Generation zu Generation vollzieht. Dies impliziert ebenso eine Änderung des Lebensstils und der Bedürfnisse und Bedarfe der Bevölkerung. Weitere Aspekte, die hierbei eine Rolle spielen, sind Bildung und die Einkommensverteilung der Haushalte, die wiederum einen Effekt auf die ökonomische Analyse (im Sinne der Kaufkraft) haben.30

4. Technologische Umwelt

Die technologische Umwelt umfasst Neuerungen, Innovationen einer Branche. Im Sinne von Adam Smith durchläuft die technologische Umwelt einen Prozess der schöpferischen Zerstörung, sodass Neuerungen alte Technologien im Markt verdrängen. So hat das Automobil die Kutsche verdrängt und die CD die Kassetten. Technologie beinhaltet neben neuen Produkten auch neue Prozesse, neue Kommunikationswege.

Hierzu zählen auch Produktlebenszyklen und die Investition in Forschung und Entwicklung (F&E).31

Die Erweiterung des klassischen STEP bzw. Pest-Modell mit den Aspekt Legal (Recht) und Environment (Umwelt) führt zu den folgenden beiden Umwelt-Ebenen:32

5. Rechtliche Umwelt

Die rechtliche Umwelt des PESTLE-Modells impliziert insbesondere die gesetzgeberischen und rechtlichen Rahmenbedingen, die in einer bestimmten Branche oder für eine Einheit vorliegen. Diese setzen die „Grundregeln“ und sind eine Prämisse, die maßgeblich die Branche oder die Einheit terminieren. Die rechtliche Umwelt kann die technologische Umwelt „ausbremsen“, indem bspw. datenschutzrechtliche Aspekte dazu führen, dass eine technologische Innovation aufgrund von rechtlichen Rahmenbedingungen nicht durchgeführt werden kann. Hier spielen insbesondere auch unterschiedliche Perspektiven eine wichtige Rolle. Die rechtlichen Aspekte können in die politische Umwelt integriert werden, da Politik und Recht durch die Gesetzgebung eng miteinander verzahnt sind.

6. Ökologische Umwelt

Die ökologische Umwelt umfasst die Umwelt Effekte von und für eine(r) Branche. Hierzu zählen die Umweltbelastung bzw. -verschmutzung, die Verwendung von erneuerbaren Energien und die Nachhaltigkeit, die für die Produktion oder Erstellung von Dienstleistungen in einer Branche eine wichtige Rolle spielt. So können bspw. Technologien dazu führen, dass die Umwelt entlastet wird oder eine Umstellung der Produktionsfaktoren zu einem geringeren Verzerr von Ressourcen beiträgt, was neben der ökonomisch-getriebenen Ersparnis einen positiven Umwelteffekt nach sich zieht. Die Entwicklung der Nachhaltigkeit lässt sich bspw. in sogenannten Sustainability Reports (Nachhaltigkeitsberichten) untersuchen, wobei nach eigener Recherche fast alle DAX30-Unternehmen derartige Berichte im Jahr 2015 vorzuweisen haben.33

2.2.2 Szenariotechnik und Prognosemethoden

Die Szenarioanalyse wird als grundlegendes Untersuchungsdesign verstanden und auf Basis der Informationen der Ergebnisse der PESTLE-Analyse angewendet. Begründet ist die Anwendung der modellgestützten Szenarioanalyse in der Tatsache, dass diese gemäß Segner34 und Pillkahn35 wissenschaftliche Forschungstechnik gegenüber deren intuitiven Ansatz sowie ceteris-paribus-Untersuchungen aufgrund der Einbeziehung von sich ändernden Rahmenbedingungen in die Zukunftsanalyse überlegen ist. Dabei liegt gemäß Mietzner36 die wesentliche Stärke dieses flexiblen Prospektionsinstrumentes darin, transparentes Orientierungswissen zu generieren, das die Ableitung realistischer Zielkombinationen sowie eine aufgeschlossene Bewertung unternehmerischer Konsequenzen dessen zulässt. Zudem bildet die Szenarioanalyse im Gegensatz zu monodimensionalen Untersuchungsmethoden die Möglichkeit, verschiedene Strategiealternativen zu formulieren sowie deren individuelle Auswirkungen unvoreingenommen und zukunftsoffen abzuschätzen.37 Dies bietet die Gelegenheit, bestehende Branchen- und Geschäftslogiken infrage zu stellen und zu überprüfen, sowie, gemäß Jonda, 38 durch Erhöhung der Transparenz von verknüpften Hochkomplexsystemen die wesentlichen Kriterien zu identifizieren, welche deren zukünftige Entwicklung sowie deren Erfolg wesentlich beeinflussen. Weiterhin ist der gemeinsame Einbezug von quantitativen und qualitativen Determinanten ein wesentlicher Unterschied zur standardisierten Prognostik und Langfristplanung, welche meist auf die Extrapolation quantitativer Daten fokussiert. Konkret wird der richtungsweisende und häufig modifizierte jedoch bis heute inhaltlich nicht wesentlich weiterentwickelte Ansatz nach Ute Hélène von Reibnitz angewendet. Nach von Reibnitz eignet sich die Anwendung der Szenarioanalyse, um die Komplexität und Unsicherheit der Zukunft darzustellen. Dies geschieht durch Ausarbeitung dreier Grundtypen von Zukunftsszenarien: 39

- Das positive Extremszenario (best-case) stellt, ausgehend von einer konkreten Anspruchs- und Annahmehaltung, die inhaltlich günstigste Entwicklungsmöglichkeit dar.

- Das negative Extremszenario (worst-case) hingegen stellt den negativsten Extremzustand dar, welcher sich im theoretisch ungünstigsten Fall entwickeln kann.

- Das Trendszenario hingegen stellt die Fortschreibung bisheriger Zustände dar, d.

h. eine Verlängerung aktueller Zustände ohne wesentliche inhaltliche Veränderung. Gemäß Sprey40 bedeutet die Zukunftsforschung im Sinnbild des in der nachfolgenden Abbildung dargestellten Szenariotrichters mit sich erhöhendem Abstand zum aktuellen Geschehen (t0) eine entsprechende Zunahme an Komplexität und Unsicherheit der Zukunftsannahmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Szenariotrichter nach Sprey (2003), S. 68.

Dies geht sinnbildlich mit der in Richtung tn stattfindenden Öffnung des Szenariotrichters einher. Alle Szenarien werden durch Störereignisse in ihrer Ausprägung beeinflusst. Ziel der Szenarioanalysen ist es daher, das durch diese Störfaktoren entstehende, breite und vage Zukunftsbild durch Erarbeitung entsprechender Präventions- bzw. Korrekturmaßnahmen sowie durch analysegestützte Minimierung zu konkretisieren.

Nach Mietzner41 ist die Sinnhaftigkeit der Ausarbeitung von Trendszenarien in der Literatur umstritten. Von Reibnitz42 selbst stellt dies ebenso aufgrund der potenziellen Verführung zur Zustandsbelassung sowie mangelnden Einleitung von Korrekturmaßnahmen infrage und favorisiert die Fokussierung auf die Erarbeitung von Extremszenarien, um anschließend das Maximum möglicher Korrekturmaßnahmen diskutieren zu können.

Gemäß den Darstellungen von von Reibnitz43, Geschka44 sowie Stewens und Lechner45 gliedert sich die Anwendung der Szenarioanalyse der vorliegenden Arbeit in die nachfolgenden acht Phasen, die auf den Ergebnissen der Umfeldanalyse aus Abschnitt

3.1 basieren.

1. Problemanalyse

Im Rahmen dieser ersten Phase werden die aktuellen Herausforderungen der E- HEALTH-Branche zusammenfassend dargestellt. Zu Beginn stehen dabei die Definition des Untersuchungsraumes sowie dessen Abgrenzungen.46

2. Einflussbereiche

Im weiteren Verlauf werden die wesentlichen Einflussbereiche für die E-HEALTH- Branche identifiziert und strukturiert beschrieben, so z. B. der allgemeine Gesundheitsmarkt, medizintechnische Entwicklungen und die (finanz-)politischen Rahmenbedingungen, die sozialen Einflüsse und technologischen Effekte. 47 Die Einflussbereiche werden hinsichtlich ihrer aufeinanderwirkenden Einflussstärken bewertet. Dies unter Ergänzung vorhandener Wechselwirkungen mit anderen für den Untersuchungsgegenstand relevanten Rahmenbedingungen, um die beschriebene Systembeschreibung mit der angestrebten Szenariotechnik zu ergänzen.

3. Projektionen

Im Rahmen der Projektionen werden die zu beschreibenden Kenngrößen oder Deskriptoren quantitativer bzw. qualitativer Form mit plausibler Herleitung aus den Ergebnissen dargestellt. Dies können Ereignisse, Entwicklungen oder sonstige Indikatoren sein. Anschließend werden mono- oder multidimensionale Annahmen über die prospektive Entwicklung dieser Indikatoren getroffen. Dabei werden monodimensionale Indikatoren, die eine eindeutige Entwicklungsweise aufzeigen, als unkritische und jene mit multidimensionalen Entwicklungsmöglichkeiten als kritische Indikatoren bezeichnet. Gemäß Heineke und Schwager48 hat es sich bewährt, in Form von sinnvollen Annahmen einen hochwahrscheinlichen Entwicklungsbereich zu definieren, um eine realistische Eingrenzung und Fokussierung der Zukunftsszenarien vorzunehmen.

4. Annahmenbündelung

Ziel der Annahmenbündelung ist die Bildung alternativer und in sich widerspruchsfreier Annahmenbündel sowie die Ableitung aus den oben beschriebenen Indikatorausprägungen zu erwartender Trend- sowie sich eher außerordentlich verhaltender Extremszenarien in positiver wie negativer Ausprägung. Dazu werden die Indikatoren dahin gehend untersucht, unter welchen Bedingungen sie sich intensivieren, relativieren oder gänzlich neutralisieren. In der Regel werden wenige in sich konsistente und stabile Annahmenbündel aus der Zusammenfassung der kritischen Indikatorenausprägungen subsumiert, um deren Anzahl überschaubar halten und dennoch die Vielfalt der evolutionären Entwicklungen aufzeigen zu können.49

5. Szenario-Interpretation

Bei der Szenario-Interpretation wird eine prospektive Antizipation der Evolution dieser Annahmenbündel vorgenommen. Aus diesem Weiterentwicklungsschritt sollen die konkrete und im Gegensatz zur bisherigen Verfahrensweise weniger abstrakte Formulierung der gegenübergestellten Szenarien sowie ein Abgleich zur aktuellen Gegenwart resultieren.

6. Störfallanalyse

Im Rahmen der Störfallanalyse werden potenzielle interne sowie externe Störereignisse aufgezeigt. Dabei soll es sich um fundiert hergeleitete Störereignisse mit hoher Eintrittswahrscheinlichkeit bzw. signifikanten Auswirkungen auf die E-HEALTH- Branche handeln. Dies erfolgt mit dem Ziel, entsprechende Präventionsmaßnahmen für den Eintrittsfall zu entwickeln sowie die zuvor entwickelten Szenarien auf Stabilität zu überprüfen und ggf. sinnbildlich den Szenariotrichterradius um neue und bisher vernachlässigte Erkenntnisse zu erweitern.

7. Auswirkungsanalyse

In der sich anschließenden Auswirkungsanalyse werden die Einflüsse der erarbeiteten Szenarien auf wesentliche Parameter der E-HEALTH-Branche, wie z. B. dessen Wachstum, Akzeptanz und Substitutionspotenzial (von klassischen Therapien), beschrieben. Die Erkenntnisse dessen bieten gemäß Mietzner50 das Potenzial, aufgrund klar und fundiert herausgearbeiteter Chancen und Gefahren einen wesentlichen Anstoß für die Entwicklung entsprechender Handlungs- bzw. Korrekturmaßnahmen zugunsten des Untersuchungsgegenstandes zu geben.

8. Szenario-Transfer

Auf Basis der entwickelten Szenarien sowie der Ergebnisse deren Auswirkungsanalysen inkl. potenzieller Störereignisse erfolgt in der abschließenden achten Phase die Konzeption von Maßnahmenplanungen zur Integration derer in das strategische Planungssystem. Dies geschieht mit dem Anspruch, die grundlegenden Ziele unter Beachtung der wahrscheinlichsten sowie kritischsten Zukunftsszenarien am erfolgreichsten umzusetzen. Gemäß von Reibnitz51 resultiert die Strategie dabei nicht automatisch aus den erarbeiteten Szenarien sowie deren Auswirkungsanalyse. Diese Ergebnisse sollen vielmehr im strategischen Planungsprozess Eingang finden und dessen Entwicklung anregen. Gemäß Mietzner52 erfolgt eine Rückkopplung zum ersten Schritt der Problemanalyse. Dies in Form einer Überprüfung der gegenwärtigen Ziele und Strategien anhand der szenariobasierten erarbeiteten Leitstrategien. Durch einen solchen unmittelbaren Vergleich ist es möglich, Planungsfehler bzw. -inkonsistenzen zu identifizieren sowie abschließend konkrete Implementierungs- bzw. Korrekturmaßnahmen zu definieren.

2.2.3 Anwendbarkeit für die Problemstellung

Zur Untersuchung Umweltanalyse gibt es verschiedene Ansätze, Methoden und Instrumente, die in einer Tabelle in der Anlage übersichtlich dargestellt werden. Die meisten der vorgestellten Modelle und Ansätze zur Analyse der Umwelt beziehen sich auf die Analyse der Organisationsumwelt im betriebswirtschaftlichen Managementkontext. Hierzu gehören insbesondere die Branchenstrukturanalyse, die Stärken-Schwächen-Chancen-Risiken-Analyse, 3-Umwelten-Modell, Kotlers Vier- Ebenen-Modell, Stakeholder Analyse. Das Modell zur Strategischen Umwelt und die PESTLE-Analyse beziehen sich eher auf die gesamte Branche und haben diese als Ganzes und weniger die Organisation im Fokus der Betrachtung.

Hierbei wurde das 3-Umwelten-Modell dargestellt, wobei für die ferne Umwelt das PEST-Modell häufig verwendet wird.53 Da hierbei die Entwicklung von E-Health aus der „Vogelperspektive“ – also ebenso aus der volkswirtschaftlichen Perspektive – betrachtet wird, beschränkt sich die Analyse nach Abwägung der unterschiedlichen Modelle auf das erweiterte PEST-Modell – das PESTLE-Modell. Hierbei wird der Faktor „Legal“ – also die rechtlichen Aspekte – näher betrachtet, der insbesondere für das Gesundheitswesen als einen staatsnahen Bereich der mittelbaren Selbstverwaltung besonders wichtig ist. Immer kürzere Reformintervalle der letzten Jahre haben gezeigt, dass das Gesundheitswesen zum Spielball der Politik geworden ist (siehe hierzu 3.1). Der Aspekt „Environment“ bzw. Ökologie wird aus der Analyse ausgeschlossen, da der Aspekt hier nur nachrangig eine Rolle spielt. In der vorliegenden Analyse wird hierfür im Folgenden das neu adjustierte Akronym STELP54 verwendet (vgl. Abschnitt 2.2.1). Die Szenarioanalyse erfolgt für die drei Szenarien Szenariotrichter nach Sprey. Diese drei Szenarien werden nach den acht beschriebenen Phasen nach Reibnitz55, Geschka56 sowie Stewens und Lechner57 erarbeitet (vgl. Abschnitt 2.2.2).

3 Ergebnisse und Diskussion

3.1 Ergebnisse der STELP-Analyse

3.1.1 Social

Die E-Health Branche wird stark tangiert durch den sozialen bzw. gesellschaftlichen Einflussbereich, der sich insbesondere anhand des demografischen und sozioökonomischen Wandels darstellen lässt.

In diesem Zusammenhang geht die Kompressionsthese davon aus, dass der gesundheitliche Zustand der Bevölkerung durch einen verbesserten Arbeits- und Gesundheitsschutz, einen medizinisch-technischen Fortschritt sowie durch einen Anstieg der Inanspruchnahme von präventiven Leistungen verbessert wird. Laut dieser These treten gesundheitliche Probleme erst in der letzten Lebensphase auf, sodass von keinen wesentlichen Nachfragesteigerungen auszugehen ist. Die Medikalisierungsthese hingegen prognostiziert einen Anstieg der Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Diese Nachfrageerhöhung wird durch die Zunahme von Krankheitsrisiken einer immer älter werdenden Bevölkerung begründet. Insbesondere führt die höhere Lebenserwartung zu vermehrtem Auftreten chronischer Krankheiten, gerade auch im hohen Alter. Das bimodale Konzept schließlich verknüpft beide Thesen miteinander und kommt zu dem Schluss, dass von einem moderaten Anstieg der Gesundheitsnachfrage nach gerontomedizinischen und pflegerischen Dienstleistungen auszugehen ist.58

Ausgehend von einem wachsenden Wohlstand in der Gesellschaft ist ebenfalls von einem höheren Anspruchsverhalten des Versicherten auszugehen. Durch höhere Kosten für den Versicherten in Form von steigenden Sozialversicherungsbeiträgen leitet sich im Umkehrschluss ein höheres Anspruchsniveau an die medizinische Versorgung ab.59 Zudem bestimmen gesundheitsfördernde Aktivitäten zunehmend das Freizeitverhalten der deutschen Bevölkerung. Diese Änderung des Bewusstseins der Gesellschaft von der Abkehr krankheitsverhindernder Maßnahmen (Pathogenese) zu gesundheitsstärkenden Maßnahmen (Salutogenese) spiegelt sich in der zunehmenden Zahl von Sport- und Wellness-Dienstleistungen sowie des Gesundheitstourismus wider. Damit einher geht ebenfalls eine höhere Bereitschaft, für das persönliche Wohl finanziell und ggf. privat aufzukommen. 60 Dieser Trend kann am Beispiel des Medical Wellness näher verdeutlicht werden. Dabei bezeichnet der Terminus das medizinisch-therapeutisch geleitete und wissenschaftliche Bemühen um ganzheitliches körperliches, geistiges und seelisches Wohlbefinden.61

Die immer älter werdende Bevölkerung führt dazu, dass insbesondere in ländlichen Regionen E-Health-Anwendungen zur medizinischen Diagnostik (vgl. auch Abschnitt 3.1.2) eine immer größer werdende Rolle spielen. Dies zeigt sich beispielsweise besonders in Telemonitoring Systemen zur Überwachung der Vitalfunktionen einer immer älter werdenden Bevölkerung. 62 Dies spiegelt sich in der Philosophie der Branche wider und umfasst die drei Komponenten Gesellschaftsbild (Bezug des Unternehmens zur Gesellschaft und Politik), Unternehmensleitbild und Menschenbild (Unternehmenskultur und Führungsphilosophie). Die Branche beeinflusst daher maßgeblich die soziale Verantwortung und schafft über die soziale Ebene eine Prämisse für Strategien, Pläne und Ziele sowie den Führungsstil und die Führungsgrundsätze des Managements. Diese soziale Grundhaltung spiegelt sich ebenso in der Unternehmensphilosophie der E-Health-Organisationen und der Orientierung der Mitarbeiter wider. Als eindeutige Grundlage verantwortlichen Handelns erhöht die Unternehmensphilosophie – mit ihren Elementen Leitbild und Kultur – das Zusammengehörigkeitsgefühl im Unternehmen und trägt so maßgeblich zur Steigerung des Unternehmenserfolges bei. 63

Dieses Grundverständnis ist meist im Leitbild der E-Health Organisationen enthalten. Es soll eine Wir-Gemeinschaft erzeugen, wobei der Fokus auf den Bürger, Versicherten bzw. Patienten gelegt wird. Beispielhaft lassen sich in der nachfolgenden Tabelle wichtige soziale Komponenten einer E-Health-Organisation auflisten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Komponenten von Leitbildern der stationären Altenpflege (eigene Darstellung)

Soziale Verantwortung geht auch mit dem Forschungsauftrag der E-Health-Branche einher, der aus gesellschaftlicher Perspektive wünschenswert ist. E-Health steht heute im Mittelpunkt der Arbeit zahlreicher wissenschaftlicher oder praxisnaher Fachgesellschaften. Diese organisieren sich sowohl auf der nationalen als auch auf der internationalen Ebene (siehe Tabelle 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Fachgesellschaften für E-Health (eigene Darstellung)

International gibt es in einigen Ländern auf staatlicher Ebene Institutionen, die die notwendigen Rahmenbedingungen für die elektronische Weiterentwicklung des Gesundheitswesens definieren und gestalten. Insbesondere vergleichbar mit der deutschen „ gematik“ sind beispielsweise in den Niederlanden das „ National IT Institute for Healthcare“ (NICTIZ), in England „ Connecting for Health “ (NHS CFH) oder in Kanada das „ Canadian Institute for Health Information “ (CIHI).

Als wichtigste Projekte im deutschen Gesundheitswesen der letzten Jahre können die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und die elektronischen Heilberufsausweise (HBA) aufgeführt werden, die seit 2005 zunächst als Pilotprojekte durchgeführt wurden. Das wesentliche Ziel der eGK ist dabei die Vernetzung der unterschiedlichen Akteure (Arztpraxen, Apotheken, Krankenhäuser und Krankenkassen) um einen effizienteren Informationsfluss zu erreichen. Um diese Aufgabe zu bewältigen, ist ein komplexes Netzwerk aus IT-Systemen und Telekommunikationsdiensten notwendig. Die Systematik und die Funktionen der eGK (wie beispielsweise das elektronische Rezept und die digitale Arzneimitteldokumentation) werden im weiteren Verlauf näher betrachtet. Aus gesellschaftlicher bzw. sozialer Perspektive soll diese Technologie zu einer Verbesserung der Therapie der Patienten führen, indem Arztdaten gespeichert werden und keine redundanten Doppeluntersuchungen mehr durchgeführt werden. Auch bleiben den Patienten Versorgungsbrüche zwischen den Sektoren durch eine bessere Kommunikation erspart. Bezüglich der hier angesprochenen immer älter werdenden Bevölkerung sind neue Technologien zur Unterstützung der Behandlung, Steigerung der Compliance wie bspw. der Medikamenteneinnahme und Erleichterung des Alltages (Stichwort: Pflegerobotik) wichtige gesellschaftliche Werte. Medizinisch-technische Fortschritte bei Diagnose- und Therapiemöglichkeiten heben den Qualitätsstandard der medizinischen Versorgung und wirken sich positiv auf die Lebenserwartungen aus. Einerseits werden aus den gewonnenen Lebensjahren Kostenparameter, die den demografischen Effekt verstärken und eine Erhöhung der Kosten nach sich ziehen, andererseits können bestehende medizinische Verfahren durch neue innovative Verfahren abgelöst werden und dadurch zu Kosteneinsparungen führen.64

3.1.2 Technology

Die medizinischen Innovationen können im Allgemeinen in Prozess- und Produktinnovationen aufgeteilt werden:65

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei wird die Gesundheits-Branche als nächste große Konratieff-Welle gesehen, die als Innovation sinkende Arbeitslosenzahlen, eine starke Konjunktur und Wohlstand mit sich bringt (vgl. Abschnitt 3.1.3). Die nachfolgende Abbildung gibt einen Überblick die langen Wellen der Konjunktur nach Konratieff.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Konratieff-Zyklen nach Nefiodow (2006), o. S.

Um die Prozess- und Produktinnovationen im Bereich des E-Healths zu verstehen, wird an der Stelle ein kurzer historischer Abriss in Ergänzung zur historischen Entwicklung in Abschnitt 1.1 gegeben und darauf aufbauend eine Übersicht der Telemedizin dargestellt.

Der Begriff Telematik ist ein Kunstwort der 90er-Jahre, entstanden aus der Zusammenführung der Begriffe Telekommunikation und Informatik. Die Telematik soll allen beteiligten Akteuren Daten und Informationen zur Verfügung stellen und dabei Raum und Zeit überbrücken. Telemedizin wiederum bezieht den Begriff Telematik auf das Gesundheitswesen: Unter Telemedizin versteht man die Nutzung von Telekommunikation und Informatik für medizinische Anwendungen. Schon 1905 kam Telemedizin zum Einsatz. Eine Operation in einem Dorf erforderte Wissen, welches nicht zur Verfügung stand. Der verantwortliche Arzt telegrafierte einem weit entfernten Chirurgen den Zustand des Patienten und erhielt auf dem gleichen Wege Anweisungen. Etwa zur gleichen Zeit wurden medizinisch notwendige Behandlungen in der Antarktis durch den Einsatz des Radios unterstützt.66 Ende der 50er-Jahre wurden amerikanische und sowjetische Raumfahrer während ihrer Einsätze im All telemetrisch überwacht. Im Jahre 1959 verband eine der ersten telemedizinischen Anwendungen zwei Krankenhäuser in Montreal durch ein Koaxialkabel zur Übertragung von Röntgenbildern. Ein paar Jahre später, im Jahre 1965, wurde eine Herzoperation aus einem Hospital in Houston live per Satellit an die Medizinische Fakultät in Genf gesendet. In den 70er-Jahren wurden zahlreiche Informations- und Kommunikationstechnologien in diversen Behandlungen eingesetzt. Diese wurden unter dem Begriff der Telemedizin zusammengefasst. Tatsächlich bekam die Telemedizin erst Anfang und Mitte der 90er-Jahre richtig Aufwind. Sie wurde verstärkt in schwer zugänglichen Regionen eingesetzt, gewann an Bedeutung im Militärbereich und bei Einsätzen in der Raumfahrt, in Gefängnissen, in Katastrophenfällen und auf dem Gebiet des Home Healthcare. Heute ist sie ein Teilgebiet von E-Health.

Telemedizin kann auch als eine Erbringung von medizinischen Leistungen über die Distanz definiert werden, wobei diese Leistungen nicht zwangsläufig auf eine Verbesserung des direkten Patientennutzens ausgerichtet sind, wenngleich sich in der Regel auch ein indirekter Patientennutzen ergibt. Dabei werden sogenannte Blended Healthcare Systeme (Verknüpfung reeller und virtueller Leistungen) in Zukunft ein stärkeres Gewicht bekommen. Vielleicht bieten diese Systeme auch eine Chance, einem Versorgungsnotstand in strukturschwachen Regionen entgegenzuwirken. 68 Die Telemedizin lässt sich insgesamt in drei Teilbereiche aufteilen (siehe Tabelle 3).

Erstens gibt es die sogenannte Doc2Doc-Ebene (D2D). Diese Ebene beschreibt den elektronischen Informationsaustausch zwischen medizinischen Leistungserbringern. Hierzu gehören Teleausbildung und Telekonsultation. Zweitens gibt es die Doc2Patient- Ebene (D2P), die sich auf die Arzt-Patienten-Beziehung und deren Kommunikation bezieht. In diesen Bereich gehören die Telediagnostik, das Telemonitoring und die Teletherapie. Drittens gibt es seit jüngerer Zeit zunehmend die Patient2Patient-Ebene (P2P), bei der der Einzelne (Versicherte, Patient oder gesunde Mensch) eigene Vitalparameter misst und diese entweder weiter versendet, mit anderen vergleicht oder für sich selbst dokumentiert.

[...]


1 Vgl. Burchert (2003), S. 46 ff.

2 Blankart (2009), S. 2 ff.;

3 Vgl. WHO Executive Board (2005), o. S.

4 Deutsche Gesellschaft für Telemedizin (2014), o. S.

5 Vgl. Burchert (2003), S. 46 ff.

6 Vgl. Jähn und Nagel (2004), S. 152-156.

7 Vgl. Jähn und Nagel (2004), S. 189.

8 Vgl. Jimenez (2014), S. 64-65.

9 Vgl. Burchert (2003), S. 9.

10 Vgl. Blankart (2009), S. 2 ff.; Klar und Pelikan (2009), S. 263 ff.

11 Vgl. Burchert (2003), S. 17.

12 Vgl. Prokosch (2001), S. 371-372.

13 Vgl. Trill (2009b), S. 221.

14 Vgl. BMG (2014), o.S.

15 Vgl. Medicare (2014), o.S.

16 Vgl. Prokosch (2001), S. 375.

17 Vgl. ebenda (2001), S. 376.

18 Vgl. Trill (2009b), S. 60.

19 Vgl. Moser (2013), S. 122.

20 Vgl. Trill (2009b), S. 165.

21 Vgl. Schell (2000), o.S.

22 Deutsche Gesellschaft für Telemedizin (2014), o. S.

23 Vgl. Buffon et al. (2004), S. 3.

24 Vgl. Trill (2009b), S. 240.

25 Vgl. Trill (2009b), S. 59 ff

26 Vgl. Kiefer et al. (2008), o.S.

27 Vgl. Gassner (2008), S. 117-124.

28 Vgl. Matusiewicz (2009), S. 2 ff.

29 Vgl. Rosenbaum (2010), S. 103-110.

30 Vgl. Rosenbaum (2010), S. 103-110.

31 Vgl. Gassner (2008), S. 117-124.

32 Vgl. Schallmo (2013), S. 11-15.

33 Vgl. zu Grundlagen der Sustainability Reports u. a. Haller und Ernstberger (2006), 2516-2524.

34 Vgl. Segner (1976), S. 64.

35 Vgl. Pillkahn (2008), S. 51.

36 Vgl. Mietzner (2009), S. 47.

37 Vgl. Mietzner (2009), S. 47.

38 Vgl. Jonda (2004), S. 41.

39 Vgl. Reibnitz (1991), S. 56.

40 Vgl. Sprey (2003), S. 68.

41 Vgl. Mietzner (2009), S. 47.

42 Vgl. Reibnitz (1991), S. 56.

43 Vgl. Reibnitz (1987), S. 54, Reibnitz (1992) S. 75.

44 Vgl. Geschka/Hammer (1984), S. 36.

45 Vgl. Müller-Stewens/Lechner (2003), S. 49.

46 Vgl. Reibnitz (1992), S. 75.

47 Vgl. Reibnitz (1992), S. 75.

48 Vgl. Heinecke/Schwager (1995), S. 39.

49 Vgl. Reibnitz et al. (1982), S. 57; Angermeyer-Naumann (1985), S. 28.

50 Vgl. Mietzner (2009), S. 47.

51 Vgl. Reibnitz (1988), S. 74.

52 Vgl. Mietzner (2009), S. 47.

53 Vgl. Schiele (2001), S. 10 ff.

54 Im Sinne eines Neologismus

55 Vgl. Reibnitz (1987), S. 54; Reibnitz (1992), S. 75.

56 Vgl. Geschka/Hammer (1984), S. 36.

57 Vgl. Müller-Stewens/Lechner (2003), S. 49.

58 Vgl. Haubrock/Schär (2009), S. 29.

59 Vgl. Gapp (2008), S. 40-41.

60 Vgl. Haubrock/Schär (2009), S. 29.

61 Vgl. Illing (2002), S. 10.

62 Vgl. Trill (2009a), S. 240-248.

63 Vgl. ebenda, S. 250-251.

64 Vgl. Haubrock/Schär (2009), S. 29.

65 Vgl. Wöhe (2010), S. 423

66 Deutsche Gesellschaft für Telemedizin (2014).

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Analyse und mögliche Entwicklungen der Telemedizin in Deutschland
Hochschule
Fachhochschule für die Wirtschaft Hannover
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
60
Katalognummer
V437907
ISBN (eBook)
9783668785601
ISBN (Buch)
9783668785618
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eHealth, Telemedizin, Digital health Gesundheitswesen, digital health, Gesundheitswesen, Digitalisierung, mobile health, Gesundheitssystem, eGA, eGK
Arbeit zitieren
Philipp Pierow (Autor), 2015, Analyse und mögliche Entwicklungen der Telemedizin in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437907

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