Inwiefern ist organisationssoziologische Literatur, die Geschlechterdifferenzierungen in Organisationen aufzeigen soll, kontraproduktiv?


Seminararbeit, 2015

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist ״Geschlecht“?

3. Inwiefern spielt das Verhältnis von Organisation und Gesellschaft eine Rolle?

4. Historischer Ursprung von ״Geschlechterdifferenzen“

5. Welche Auswirkung haben diese Differenzierungen für marginalisierte Geschlechter in Organisationen?

6. Warum ist organisationssoziologischer Literatur, die auf 10 Defizite aufmerksam machen will, aus feministischer Sicht dennoch größtenteüs kontraproduktiv?

7. Schluss

8. Bibliographie

1. Einleitung

Das Thema meiner Hausarbeit ״Inwiefern ist organisationssoziologische Literatur, die Geschlechterdifferenzierungen in Organisationen aufzeigen soll kontraproduktiv?“ setzt sich mit Literatur zum Thema Ungleichbehandlung und Differenzierung von Geschlech- tem, aufgrund von Stigmata auseinander. Im Folgenden wird anhand eines kurzen Abris­ses zum Thema der Hausarbeit hingeführt.

Es gibt verschiedene Strömungen der Frauenrechtsbewegungen, die sich für die Gleich­Stellung von Frauen und anderen marginalisierten Geschlechtern eingesetzt haben bzw. immer noch einsetzen. Bisher gab es drei Wellen des Feminismus, die erste hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts angefangen und hat bis Anfang des 20. Jahrhunderts angedau­ert. Es wurde hauptsächlich für die die rechtliche Gleichstellung von weißen Cis-Frauen mit weißen Cis-Männem gekämpft. So wurde beispielsweise das Recht auf Bildung und Erwerbstätigkeit und das Frauenwahlrecht in Deutschland im November 1918 erlangt. Die zweite Welle der Frauenbewegung ab 1960 hatte vor allem die Umsetzung der recht­liehen Schritte Richtung Gleichberechtigung im Sinn, da immer noch sehr große Miss­stände anzutreffen waren. Die Ziele waren in etwa dieselben, wie die der ersten und Er­Weiterungen, durch beispielsweise die Beendigung von Lohndiskriminierung, Partizipa­tion und Verantwortung für Frauen in der Politik, sowie das Abschaffen von geschlechts­spezifischer Arbeitsteilung und vieler weiterer Forderungen wie die Enttabuisierung von Homosexualität und eine Einführung des Eherechts. Die dritte Welle, die 1990 begann ergänzte die zweite vor allem durch eine intersektionale Perspektive und eine globale Ausweitung und die Einbeziehung von nicht-westlichen Personen, die nicht aus der up­per-middle-class stammen. Eurozentrische Geschlechterkonstruktionen, wie die binären Kategorien ״Mann“ und ״Frau“ wurden hinterfragt und eine Verbindung zur Queer- The­ory und zu LGBTQ- Bewegungen hergestellt. Diese verschiedenen Strömungen von Frauenbewegungen haben nicht zuletzt die Stellung der ״Frau“ in Organisationen hinter­fragt, nur lässt sich in den meisten kritischen Texten zu diesen Geschlechterdifferenzie­rungen eine Gemeinsamkeit vieler Texte erkennen. Die Literatur hatte in den meisten Fällen das Ziel, eine Gleichstellung von marginalisierten Geschlechtern und Cis-Männem in Organisationen herbeizuführen, nur scheint es aufgrund von der benutzten binären Wortwahl und einer fehlenden Ausführung von Geschlechtsidentität und zugewiesenem

Geschlecht so, als wäre die Reflektion immer aus der Sicht der zweiten Welle des Femi­nismus geschehen. Da in der Literatur Geschlechterkonstruktionen oder sogar Stigmata1 unreflektiert aufgegriffen und verwendet werden, war es für mich nicht möglich anhand dieser Texte, mein ursprüngliches Hausarbeitsthema ״Inwiefern reproduzieren Organisa­tionen Geschlechterdifferenzierungen?“ zu erarbeiten. Die Literatur stellt an sich schon eine Barriere und einen Teil der Reproduktion dar. Aus diesem Grund werde ich auf den folgenden Seiten erst einmal den Begriff ״Geschlecht“ skizzieren, da dieser für das Ver­ständnis der Hausarbeit grundlegend ist. Ein kurzer Einschub der den historischen Ur­sprung von Geschlechterdifferenziereungen erläutert folgt darauf. Anschließend werde ich das Zusammenspiel von Organisation und Gesellschaft, mit einem Verweis auf hilf­reiche Literatur, aufgreifen, um die Adaption des Verständnisses von Geschlecht ver­ständlich zu machen. Was die Differenzierung von Geschlechtern in Organisationen für marginalisierte Geschlechter bedeutet, werde ich im Anschluss darauf schildern. Der Frage der Hausarbeit werde ich mich anschließend widmen und beantworten. Abschlie­ßend folgt ein Resümee und ein Ausblick darauf, was in Zukunft bei der Kritik an ge­schlechterspezifischer Differenzierung in Organisationen beachtet werden sollte, damit sie effektiv ist.

2. Was ist ״Geschlecht“?

Der Begriff ״Geschlecht“, ist bis heute sehr umkämpft, warum das so ist, hängt vor allem mit verschiedenen politischen und wissenschaftlichen Annahmen zusammen. Zunächst beginne ich mit der Definition aus dem Online-Duden, welche so lautet: ״[..] Gesamtheit der Merkmale, wonach ein Lebewesen in Bezug auf seine Funktion bei der Fortpflanzung als männlich oder weiblich zu bestimmen ist.“2 Diese Definition bezieht sich also auf die primären Geschlechtsteile, wie man der ״Funktion bei der Fortpflanzung“ entnehmen kann, außerdem geht diese Definition von einem binären Geschlechtersystem aus, in dem es Frauen und Männer gebe. Sie geht von einem ״biologischen Geschlecht“ aus, welches von Natur aus gegeben sei und zwischen männlich und weiblich differenziert wird, wa­rum diese Annahmen falsch sind und wie es zu dieser Hinterfragung kam, wird sich in den folgenden Seiten ergeben.

Da große Ungleichbehandlungen aufgrund von Geschlechtern bestehen, meist von weib­lieh gelesenen Personen, zugunsten von männlich gelesen Personen, gibt es seit einigen Jahrzehnten Frauenbewegungen mit verschiedenen Feminismus-Strömungen. Daraus lässt sich erschließen, dass Geschlecht und Politik miteinander in Verbindung stehen. Augeblich grundlegende Geschlechterdifferenzen, werden mit aller Kraft seit der Antike zugunsten von weißen3 Cis-Männem verteidigt. Frauen wurden beispielsweise, beim Kampf für das ״allgemeine Wahlrecht“ Jahrzehnte nach dessen Einführung in vielen Staaten, nicht miteinbezogen. Sie wichen also vom neuen ״Menschenbild“ ab und benő- tigten eine im 18. Jahrhundert entstandene Sonderanthropologie, die Wissensbestände waren in diesem Rahmen nicht akademisch. Nicht nur Cis-Frauen, sondem vielen ande­ren, die nicht dem Bild der Cis-männlichen Europäer entsprachen, wurden Charakteris­tika eines Menschen abgesprochen, so entstand auch die ״Rassenforschung“. Man muss erwähnen, dass ebenfalls Differenzen unter Frauen aufgrund von Sexualität, Nationalität, Ethnie, sozialem Status oder Geschlechtsidentitäten existieren. Weiblichkeit wurde bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, teilweise auch noch heutzutage, mit Reproduktion, Pri- vatheit, Natur und Emotionalität und Männlichkeit, mit in der Gesellschaft als ״höher- wertig“ angesehenen Eigenschaften wie Produktion, Öffentlichkeit, Kultur und Rationa­lität assoziiert. Aufgrund dieser Koppelung von physischen und psychischen Merkmalen und der daraus resultierenden hierarchischen Geschlechterdifferenzen, war der erste Schritt feministischer Arbeit, diese Rollenzuweisungen zu hinterfragen. Eine Vertreterin dieser Bewegung war die französische Philosophin Simone de Beauvoir, laut der die Ei­genschaften, die Frauen zugesprochen werden, nicht aus der Biologie, sondem aus der Psychoanalyse und dem historischen Materialismus resultiert. Die Zivilisation, die von Erziehung und Sitten gekennzeichnet ist, soll für das Bild der ״Frau“, das bis dato für naturwissenschaftlich begründet und detemiinistisch gegeben galt, verantwortlich sein. Weiblichkeit ist nach Beauvoir sozial konstruiert und veränderbar, das ist die Vorausset­zung für die Unterteilung von Geschlecht in das biologische ״Sex“ und das soziale ״Gen- der“. Au dem Begriff ״biologisches Geschlecht“ kann man kritisieren, dass es Kindern bei der Geburt aufgrund des Aussehens zugeteilt wird, es werden weder Chromosomen, noch die Mengenverhältnisse von Geschlechtshomionen, wie man aufgrund von ״biolo- gischen“ Argumentationen erwarten könnte, überprüft. Intersexuelle Menschen beweisen außerdem, dass nicht nur zwei Arten von Genitalien existieren, sondern auch Mischungen aus beiden oder Merkmale vom jeweils anderen Geschlechtsteil vorhanden sein können. Die Verwendung des Begriffes ist ebenfalls sehr kritisch, da er meist in transgender- feindlichen Kontexten Verwendung findet, beispielsweise als Begründung dafür, dass Transfrauen biologisch immer noch Männer seien. Die Annahme, dass es von Natur aus nur zwei Geschlechter gibt, entstand im 18. Und 19. Jahrhundert, damit wurde das ״Ein- Geschlecht-Modell“, das besagte, dass alle Geschlechtsteile dieselben sind, mit dem Un­terschied, dass das eine nach außen und das anderen nach innen gewendet sei, abgelöst. Evelyn Fox-Keller untersuchte die Metaphorik biologischen Denkens des 20. Jahrhundert und stellte, wie viele andere Studien fest, dass grundlegende Denkmodelle der Biologie der Sozialwelt und dem jeweils zeitgenössischen Alltagswissen entnommen wurde. Ge­Schlechterdifferenzen werden aus der Gesellschaft in die Wissenschaft und anschließend in die Natur transferiert. Geschlechtemiodelle, wie das der Zweigeschlechtlichkeit wurde im Zuge der Kolonialisierung verbreitet und von nicht europäischen Gesellschaften inter- nalisiert.4 So gab es im vorkolonialen Nordamerika sogenannte ״Two-Spirit People“5, die Merkmale verschiedener Geschlechter besaßen und sehr geschätzte Aufgaben beispiels­weise in der Medizin. Heteronormativität existierte dort außerdem auch nicht so ausge­prägt, wie sie es heute tut, so war es ebenfalls üblich Menschen des eigenen Geschlechts zu heiraten.

Die Position von der Soziologin Ann Oakley, dass die Sozialisation eine höhere Stellung, als die Biologie bei der Bildung von Geschlechtsidentitäten hat, ist im Grunde genommen eine gute Annahme, die in feministischen Kontexten für die Gleichstellung der Ge­schlechter kämpft, jedoch besagt diese Theorie, dass Personen nach der Geschlechtszu­Weisung bei der Geburt, diesem entsprechend in der Gesellschaft sozialisiert werden und dadurch dem von Stigmata behafteten konstruierten ״Endprodukt“ einer Frau oder eines Mannes entsprächen.

[...]


1 Was für Geschlechterstigmata reproduziert werden, wird auf den nächsten Seiten genauer erläutert.

2 Online-Duden (2016)

3 Warum die Hautfarbe eine Rolle spielt, wird im folgenden Text erläutert.

4 Werterer, Angelika (2008): Konstruktion von Geschlecht: Reprodnktionsweisen der Zweigeschlechtlichkeit, In: Be­cker, Ruth, Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Wiesbaden: VS Verlag für So­zialwissenschaften, s.122-129.

5 Jacobs, s., Thomas, w., Lang, s. (1997). Two-Spirit People, Native American Gender Identity, Sexuality and Spiri­tuality. Chicago: University of Illinois Press.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Inwiefern ist organisationssoziologische Literatur, die Geschlechterdifferenzierungen in Organisationen aufzeigen soll, kontraproduktiv?
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V438291
ISBN (eBook)
9783668798472
ISBN (Buch)
9783668798489
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Organisationssoziologie, Geschlecht, Literatur, Kritik, Sexismus, Gender, kontraproduktiv, Literaturkritik, Geschlecht und Organisation, Organisation, Organisationen, Geschlechtersoziologie, Gender Studies, Hausarbeit, Seminararbeit, Sexismus in Organisationen, Cissexismus
Arbeit zitieren
Brenda Geckil (Autor), 2015, Inwiefern ist organisationssoziologische Literatur, die Geschlechterdifferenzierungen in Organisationen aufzeigen soll, kontraproduktiv?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438291

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