Der Wahnsinn. Psychischer Werdegang von Nathanael aus E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" und Emma Stein aus Sebastian Fitzeks "Das Paket"


Bachelorarbeit, 2018
37 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Wahnsinn
2.1. Definition
2.2. Psychische Störungen im Wandel der Zeit
2.3. Das psychische Trauma in Verbindung mit dem Wahnsinn

3. Schauerliteratur
3.1. Was macht die Schauerliteratur aus?
3.2. Der Psychothriller

4. Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann
4.1. Der Inhalt
4.2. Nathanaels psychischer Werdegang

5. Das Paket von Sebastian Fitzek
5.1. Der Inhalt
5.2. Exkurs: Die posttraumatische Belastungsstörung (PBTS)
5.3. Emma Steins psychischer Werdegang

6. Resümee

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der Wahnsinn einer Person kann viele Ursprünge haben. Ausgelöst durch grauenvolle Erinnerungen aus der Kindheit, Traumata aufgrund von schrecklichen Ereignissen oder sogar bereits angeborene Wahnsinnszüge, die aber erst später zum Vorschein kommen. Doch muss erst ein traumatisches Erlebnis das Leben prägen, um den Wahnsinn eines Menschen zu entfachen?

Diese Bachelorarbeit, geschrieben im Zuge des Bachelorseminars ‚Neuere deutsche Literatur: Schauerliteratur‘, behandelt die Analyse des Wahnsinns zweier Protagonisten aus dem Bereich der Schauerliteratur und des Psychothrillers. In den Vordergrund der Arbeit rückt die Psyche von Nathanael aus E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann und Emma Stein aus Sebastian Fitzeks Das Paket.

Im Laufe und vor allem am Ende der Arbeit sollen folgende Forschungsfragen beantwortet werden:

‚Wie äußert sich der Wahnsinn bei Nathanael aus Der Sandmann und Emma Stein aus Das Paket ? Welche wichtige Rolle spielt der Begriff Trauma? Ist der Wahnsinn der beiden Protagonisten selbst- oder fremdverschuldet?‘

Beginnend mit der Definition des Wahnsinns, dessen Wandel in der Zeit und die Verbindung mit einem psychischen Trauma, wird eine wichtige Grundlage für die Arbeit gegeben, da diese Begriffe im Verlauf sehr relevant sind. Weiters kommt es in Kapitel drei zu einer Begriffsdefinition der Schauerliteratur bzw. was sie ausmacht und was unter einem Psychothriller verstanden wird. In den darauffolgenden Kapiteln geht es um die beiden erwähnten Romane, deren Inhalt nähergebracht wird. Die beiden jeweiligen Unterpunkte beschäftigen sich im Anschluss mit dem Wahnsinn der Protagonisten. Vor Emma Steins Analyse wird ein kurzer Exkurs über die posttraumatische Belastungsstörung gegeben, da diese in Bezug auf die Protagonistin einen relevanten Punkt einnimmt. Im Resümee wird ein Überblick über die komplette Arbeit gegeben und die oben erwähnten Forschungsfragen werden mit Hilfe der gesammelten Informationen ausführlich beantwortet.

Zur sprachlichen Vereinfachung wird im gesamten Kapitel zwei und im Resümee die männliche Sprachform verwendet. Dies soll keinesfalls als Benachteiligung des weiblichen Geschlechts angesehen werden, sondern rein zur besseren Lesbarkeit beitragen.

2. Der Wahnsinn

2.1. Definition

Laut Duden ist der Wahnsinn eine „psychische Störung, die von Wahn (und Halluzinationen) begleitet wird“[1] sowie ein „großer Unsinn, sehr unvernünftiges, unsinniges Denken, Verhalten, Handeln; grenzenlose Unvernunft“[2]. Somit kann beim Wahnsinn von einer psychischen Störung gesprochen werden, die mit weiteren psychischen Störungen wie Depressionen, Paranoia, Panikattacken, posttraumatischen Belastungsstörungen, Halluzinationen sowie Suizidgedanken einhergehen kann. In den Augen eines nicht wahnsinnigen bzw. eines psychisch gesunden, der Norm entsprechenden Menschen, ist dies sehr wohl eine plausible Erklärung für einen vom Wahn gesteuerten. Für einen Wahnkranken ist all das was er tut, jedoch keineswegs unvernünftig oder unsinnig, da er ganz klar von seinen Wahnideen überzeugt ist. Sein Ich wird von einem anderen Ich sozusagen unterdrückt bzw. ausgetauscht. Es handelt sich hierbei nicht um einen rationalen Irrtum, sondern um einen Verlust der rationalen Erkenntnisfähigkeit.[3] Der Wahn ist nicht logisch erfassbar, er ist „etwas dem Glauben Verwandtes“[4]. Weiters kann der Wahn an sich in keine Krankheitsgruppe eingeordnet werden. Eine Erklärung für das Wahngeschehen zu finden ist schwierig und es kann auch in kein konkretes wissenschaftliches Gebiet eingegliedert werden. Im Grunde ist es ein Grenzgebiet zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, denn weder die Soziologie, Theologie, Philosophie oder die Naturwissenschaften können es alleine erklären.[5] „Es ist das Irrationale, das im Wahngeschehen so leicht erkennbar (…) ist.“[6] Er soll als Phänomen angesehen werden und daher unbeeinflusst von allen Theorien bleiben. Es ist nämlich schwer, diesen trotz Betrachtung mehrerer Gesichtspunkte klar zu erklären. Ebenso kann er nicht als logische Abfolge bestimmter Gegebenheiten vorausgesagt werden.[7] In der Wahnforschung gibt es keine echten Grenzlinien zwischen Wahn und menschlichem Glaubensphänomenen.[8]

Aber wie entsteht der Wahnsinn? Ist er angeboren? Gibt es einen Auslöser? Das bereits angesprochene Irrationale, das im Wahngeschehen und auch in der Wahnentstehung eine relevante Rolle spielt, hat im Leben jedes Menschen eine große Bedeutung.[9] „Niemand leugnet die Bedeutung genetischer Anlagen für das Auftreten des Wahnes (…).“[10] Jedoch kann der Wahn auch durch die alltäglichsten Ereignisse entstehen, wie beispielsweise durch Eifersucht, Beziehungen oder Macht, die in Größenwahn umschlägt. Im ersten Moment kann nicht sofort davon ausgegangen werden, dass diese Person dem Wahn verfallen ist, allerdings kann im Verlauf erkannt werden, ob es sich um Normalität, Übertriebenheit, Einbildung oder wahnhafte Reaktion handelt.[11] Daher kann sich aus jedem alltäglichen Gefühls- bzw. Gemütszustand ein Wahn herauskristallisieren. In der Ätiologie, die sich mit Faktoren der Ursache von psychischen Störungen beschäftigt, gibt es zwei grundlegende Ansätze: die psychologischen und biologischen Ansätze. Die psychologischen Ansätze sehen die Wurzeln von psychischen Störungen in Traumata, persönlichen Erfahrungen, Konflikten und Umweltfaktoren. Biologische Ansätze gehen davon aus, dass psychische Störungen auf die ihnen zugrundeliegenden, biologischen Faktoren zurückgeführt werden können. Durch Entdeckungen wurden Zusammenhänge zwischen psychischen Störungen und Anomalien des Gehirns sowie spezifischen Genen erkennbar.[12]

Doch was sind psychische Störungen? Handelt es sich um eine Krankheit oder um abweichendes Verhalten? Heinrich Keupp gibt folgende Definition an:

Psychische Störungen sind Formen abweichenden Verhaltens, die in der bisherigen traditionellen Psychopathologie als Krankheiten bezeichnet wurden, die aber angemessener als Krankenrolle aufgefaßt (sic) werden sollten.[13]

Laut Keupp gibt es somit keine eindeutige Antwort, was psychische Störungen genau sind. Beim Krankheitsmodell beschäftigt sich die Medizin mit der Suche nach der Ursache der Krankheit, ganz auf Bedingungen, die in dem kranken Individuum liegen müssen. In jedem Land geht die Bevölkerung anders mit psychischen Störungen um. Während es in dem einen eine Abnormalität darstellt, die nicht geduldet wird, wird es in einem anderen durchschnittlich und kulturell erwartet. Beispielsweise wäre die sogenannte Ich-Störung, welche als Kernsymptom der Schizophrenie gilt, hier als psychische Störungen aufzufassen. Im Vietnam allerdings wäre sie ein völlig normales Phänomen.[14] Damals und auch in der heutigen Gesellschaft sind Menschen, die anders sind als andere, etwas Schlechtes oder gar Abnormales. Aber wer entscheidet, wer abnormal oder normal ist? Anders sein muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein, solange der Betroffene von seinen Mitmenschen nicht als etwas Minderwertiges behandelt wird.

Der Wahnsinn ist so ein komplexes Fachgebiet, in dem viele Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Erst in Kombination mit anderen psychischen Störungen, wie bereits erwähnt, wird der Wahnsinn schließlich zu dem gemacht, was in der Gesellschaft unter dem Begriff ‚wahnsinnig‘ verstanden wird. Ein Mensch, der paranoid über seine Schulter blickt, mit den Stimmen in seinem Kopf redet, unkontrolliert auf jegliche Umwelteinflüsse reagiert, da seine Welt verzerrt ist, und schlussendlich mit einer Zwangsjacke in eine Irrenanstalt abtransportiert wird oder Morde begeht, weil es das zweite Ich in Auftrag gibt und alle logischen Erklärungen unterdrückt. Nathanael und Emma Stein haben genau das auszugsweise erlebt und werden in den Kapiteln vier und fünf genauer analysiert.

2.2. Psychische Störungen im Wandel der Zeit

Psychische Störungen wurden nicht immer als Krankheitsbild wahrgenommen. In der Vergangenheit fürchteten sich die Menschen vor psychischen Störungen und brachten sie in Verbindung mit dem Bösen. Diese Angst davor sorgte dafür, dass Menschen aggressiv auf die betroffene Person zugegangen sind und dementsprechend auf die Verhaltensweisen reagierten, je nachdem ob sie ihnen seltsam vorkamen. Menschen, die in den Augen der Gesellschaft als wahnsinnig, aufgrund der psychischen Störungen, eingestuft wurden, kamen ins Gefängnis oder wurden Opfer medizinischer Behandlungsweisen. Sie wurden, wie vorhin erwähnt, mit einer Zwangsjacke abgeführt. Bereits im 14. Jahrhundert entwickelten sich drei Kategorien aufgrund von Armut, Kriminalität und psychischen Problemen. Aufgeteilt wurden die Institutionen für ‚unpassende Personen‘ in Arme, Kriminelle und psychisch Gestörte. Im Verlauf der nächsten 300 Jahre wurden psychisch kranke Personen in Krankenhäusern ans Bett gefesselt, gefoltert und sogar für die Öffentlichkeit ausgestellt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Betroffenen in den westlichen Zivilisationen sogar als „geistlose Bestien, die man nur durch Fesseln und körperliche Züchtigung bändigen konnte“[15], angesehen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam jedoch eine andere Sichtweise auf das abweichende Verhalten auf. Die Menschen begannen ihre psychisch erkrankten Mitmenschen nicht mehr als dämonisch oder besessen wahrzunehmen, sondern als krank. Dadurch wurden die einzelnen Symptome begutachtet und in Klassifikationen eingeteilt. Die Betroffenen wurden allein zum Schutz und zur Sicherheit der Gemeinschaft eingesperrt, dort aber nicht behandelt. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert war die These, dass Geisteskrankheiten aus seelischen Belastungen entstünden, in Umlauf. Um die Belastungen zu minimieren, wurden die Betroffenen in Nervenheilanstalten gebracht, wieder, wie zum Ende des 18. Jahrhunderts, nicht nur zu ihrem eigenen Schutz, sondern auch um ihnen dieses Mal eine Behandlung zu ermöglichen.[16]

2.3. Das psychische Trauma in Verbindung mit dem Wahnsinn

Die Psychotraumatologie ist inzwischen ein etablierter Forschungsbereich in der Medizin sowie in der Psychologie. Im Vordergrund stehen die Erforschung traumatischer Ereignisse wie Kriegserlebnisse, allerdings auch sexuelle Missbrauchserfahrungen.[17] Aufgrund der Verbreitung des Konzeptes einer Traumatisierung als Ursache psychischer Störungen, hat sich in der Psychiatrie und Psychologie ein Zweig entwickelt, der sich mit der Therapie Trauma bedingter Störungen beschäftigt.[18] Doch was wird nun konkret unter einem psychischen Trauma verstanden?

Psychisches Trauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilfslosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.[19]

Bei dem obigen Zitat handelt es sich um eine sehr detailreiche und umfassende Definition darüber, was man unter einem psychischen Trauma versteht. Dieses ist insofern wichtig für den Wahnsinn und diese Arbeit, da sowohl Nathanael als auch Emma Stein ein schweres Trauma erlitten haben und ihr Wahnsinn darauf aufbaut. Ein psychisches Trauma ist somit ein Ereignis, das nicht nur dem Menschen, sondern vor allem auch dessen Psyche so sehr zugesetzt hat, dass dadurch starke psychische Schäden wie Depression, Ängste, Selbstverletzung, Schlafentzug, Nervenzusammenbrüche, Paranoia, posttraumatische Belastungsstörungen und viele weitere entstanden sind. Ausgangspunkt eines Traumas muss im Zweifelsfall kein markerschütterndes Erlebnis sein, wie Kriegserlebnisse oder eine Vergewaltigung. Es kann bereits ein Skiausflug, bei dem sich jemand ein Bein bricht, zu einem Trauma werden. Vielmehr sind es „tatsächliche, extrem stressreiche äußere Ereignisse“[20]. Damit ein Ereignis jedoch als traumatisch im Gehirn anerkannt wird, muss eine Dynamik in Gang kommen, die einen in die Enge treibt und dazu nötigt, auf besondere Weise mit dem Ereignis umzugehen.[21]

Die Qual eines Traumas ist anfangs das Erlebnis selbst. Dann besteht es jedoch darin, dass Betroffene nach dem Erlebnis entweder zu viel oder zu wenig von ihrem Trauma erleben. Sollten sie zu wenig davon erleben, so wird versucht, das alltägliche Leben wiederzugewinnen und zu halten. Seien es Einkaufserledigungen, das Schlafen, Spaziergänge oder das Arbeiten. Durch ein Trauma wäre es ihnen theoretisch unmöglich, all dies leichtfertig auszuüben. Sie versuchen, alle Erinnerungen an das Trauma zu vermeiden, die Bedeutung herunterzuspielen oder es sogar zu leugnen. Auf diese Weise kann das Gehirn ausgetrickst werden. Doch wenn zu viel von dem Trauma erlebt wird, dann ist es häufig so, als wären sie wieder zurück in ihrem traumatischen, schrecklichen Erlebnis, als würden sie es erneut erleben und sich gerade dort befinden. „Sie erleben auf sensomotorische und emotionale Weise ihr Trauma noch einmal“[22] und dies kann so real sein, dass es den Anschein erweckt, als würde das normale Alltagsleben gar nicht mehr existieren.[23] Dadurch wird aus ihnen nur noch mehr ein psychisches Wrack, das droht, immer weiter unterzugehen. Wenn davon ausgegangen wird, dass der Boden der Psyche erreicht worden ist, geht es mit einem früher noch vollkommen normalen, alltäglichen Ereignis noch tiefer in den seelischen und psychischen Abgrund. „Trauma ist in diesem Sinne eine unterbrochene Handlung, eine Kampf- oder Fluchtreaktion, die leerläuft und uns hilflos zurückläßt (sic)“[24].

3. Schauerliteratur

3.1. Was macht die Schauerliteratur aus?

Die Schauerliteratur bzw. der Schauerroman ist ein literarisches Genre. Um ein Genre angemessen zu repräsentieren, darf auf bestimmte Merkmale nicht verzichtet werden. Diese sind demnach prägend für den Verlauf der Geschichte und machen die entsprechende Literatur zu dem, was es ist. Bei der Schauerliteratur wären dies unter anderem die Schauerelemente, die Spannung bzw. der Schauer an sich und das Unheimliche.

Schauerelemente zeigen „einen Zustand des Ungleichgewichts, der sich vom neutralen Geschehen abhebt“[25]. „Im Schauerelement sind Angstmomente punktuell wirksam.“[26] Mit Schauerrelationen breitet sich die Angst über das gesamte Werk aus. Es können auch mehrere Schauerelemente auf einmal auftreten. Hierbei dominiert dann dasjenige, das den stärksten Bestimmungsgrad hat.[27] Doch wie laufen diese Schauerelemente ab und was erzeugt den Schauer?

Der Schauer kann in verschiedene Richtungen gehen, etwa durch offensichtliche, äußerliche Elemente wie Geister oder Vampire, oder es kommen Elemente auf, die in eine viel tiefere Ebene gehen und den Schauer noch mehr offenlegen. Während Äußeres von jedem gesehen werden kann und er daher ein gesehener Teil der Erzählung ist, können Elemente der Psyche und des Inneren eines Menschen den Schauer steigern. Die Psyche ist ein Terrain, das die Atmosphäre noch schauriger macht, denn wenn nur eine Person Dinge sieht, dann ist dies sehr wohl ein großer Spannungsträger. Spannung äußert sich meist durch die Ungewissheit bzw. das plötzliche Eintreten eines Schauermoments. Der Moment einer Vorausdeutung der Spannung, bei der bereits davon ausgegangen werden kann, dass etwas passiert, kann den Schauer durch neue Elemente erneut mit Spannung aufbauen. Wenn ein Bedroher bereits ankündigt, was er tun wird, so kann die Spannung eingeengt werden, indem man dem Rezipienten offenlässt, ob er demjenigen entkommt oder nicht. In konkreten Gefahrensituationen konzentriert sich die Spannung darauf, ob oder wie eine Figur aus der bekannten Bedrohung entkommt.[28]

Ebenfalls ein wichtiges Merkmal der Schauerliteratur ist das Unheimliche, da es zum „Schreckhaften, Angst- und Grauenerregenden“[29] gehört. Eine Definition zu folgendem Begriff kann auf zwei verschiedene Arten vonstattengehen. Entweder es wird auf eine fachliche Definition bestanden und erkennt dann, dass es im Duden beispielsweise keine konkrete Bezeichnung für ‚das Unheimliche‘ gibt und es umschrieben wird mit dem einfachen Verb ‚unheimlich‘ oder dem Nomen ‚Unheimlichkeit‘[30]. Unter dem Wort ‚unheimlich‘ findet sich folgende Definition: „ein unbestimmtes Gefühl der Angst, des Grauens hervorrufend“[31]. Auf der anderen Seite könnte aber auch alles zusammengetragen werden, dass in „Personen und Dingen, Sinneseindrücken, Erlebnissen und Situationen das Gefühl des Unheimlichen in uns wachruft“[32]. In diesem Sinne würde sich ein breites Spektrum bilden, da für jede Person andere Dinge, Personen und/oder Ereignisse unheimlich sein können. Das Unheimliche ist ein Gegensatz zum Heimlichen. Somit wäre alles Neue schreckhaft, da es eben nicht vertraut ist. Allerdings ist nicht alles nicht vertraute automatisch als schreckhaft einzugliedern. Es könnte eher so beschrieben werden, dass etwas Neues eher als schreckhaft angesehen werden kann, als etwas Vertrautes, es muss aber nicht so sein.[33] „Zum Neuen und Nichtvertrauten muß (sic) erst etwas hinzukommen, was es zum Unheimlichen macht.“[34]

3.2. Der Psychothriller

Die Bezeichnung Psychothriller wird auf verschiedene Art und Weise verwendet. Es handelt sich hierbei um ein Subgenre des Thrillers, in welchem sich Charaktere mit einem Verbrechen beschäftigen und dabei Spannung erzeugt wird. Da dieser jedoch sehr vielfältig sein kann und bereits kleinste Motivänderungen eine neue Subkategorie entstehen lassen können, kann ein „Psychothriller als Ausdifferenzierung der übergeordneten Genrebezeichnung Thriller[35] verstanden werden.

Während es bei einem Thriller um Flucht, Gewalt, das Gesetz und auch Liebe sowie Voyeurismus geht, sind für den Psychothriller Motive wie Persönlichkeitsspaltungen, Gedächtnisverlust oder auch einfach der pure Wahnsinn sowie Traumata dominierend. Aber auch die Elemente aus dem Thriller sind hier vertreten, nur nicht so vorrangig wie die eben erwähnten. Im Psychothriller entwickelt sich eine Täterfigur, die aufgrund eines psychisch abweichenden Verhaltens einen Normverstoß gegenüber der Gesellschaft begeht. Für den Täter stehen eigene Interessen in der Gewaltanwendung. Weiters gibt es keine fantastischen oder übernatürlichen Elemente wie Vampire, Geister oder andere Fantasiegestalten.[36] Der Konflikt, der sich bei den Charakteren in Psychothrillern entfaltet, ist nicht etwa ein körperlicher, er kann aber ebenfalls sehr wohl eintreten. Im Vordergrund steht jedoch der Konflikt des Charakters mit sich selbst. Die Wahrnehmung ist in Psychothrillern eines der wichtigsten Elemente, da versucht wird, die Wahrheit von einer Täuschung zu unterscheiden.

Dies findet sich sowohl in Das Paket, als auch in Der Sandmann. Beide Protagonisten versuchen aus ihrem Trauma, das sie erlitten haben, die Wahrheit herauszufiltern. Dies ist keinesfalls einfach, da die Täuschung immer wieder versucht, die Oberhand zu bekommen.

4. Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann

E.T.A. Hoffmann war ein Jurist und Schriftsteller sowie ein Komponist, Kapellmeister, Musikkritiker, Zeichner und Karikaturist der Romantik. Der Sandmann ist ein Schauerroman bzw. ein Kunstmärchen der Schwarzen Romantik und wurde 1816 im ersten Stück der Nachtstücke veröffentlicht.[37]

4.1. Der Inhalt

Der Schauerroman handelt von einem Studenten namens Nathanael, der seiner Braut Clara sein Entsetzen schreibt. Er trifft auf den Optiker Coppola, der Nathanael an den Advokaten Coppelius, der an bestimmten Abenden mit dessen Vater alchemistische Experimente durchführte, aus seiner Kindheit erinnert. An diesen Abenden hat die Mutter die Kinder früh zu Bett geschickt und meinte, dass der Sandmann kommt.

Eine Amme erzählt dem damals noch kindlichen Nathanael, was es mit dem Sandmann auf sich hat:

[...]


[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/Wahnsinn. 15. 7. 2018.

[2] Ebda. (siehe Anm. 1) 15. 7. 2018.

[3] Vgl. Lenz, Hermann: Wahn-sinn. Das Irrationale im Wahngeschehen. Wien: Herder & Co., 1976. S. 125.

[4] Lenz: Wahn-sinn. S. 122.

[5] Vgl. Lenz: Wahn-sinn. S. 9-10.

[6] Lenz: Wahn-sinn. S. 11.

[7] Vgl. Lenz: Wahn-sinn. S. 177.

[8] Vgl. Lenz: Wahn-sinn. S. 163.

[9] Vgl. Lenz: Wahn-sinn. S. 11.

[10] Lenz: Wahn-sinn. S. 9.

[11] Vgl. Lenz: Wahn-sinn. S. 161.

[12] Vgl. Gerrig, Richard J.; Zimbardo, Philip G.: Psychologie. Hallbergmoos/Deutschland: Pearson. 18., aktualisierte Auflage, 2008. S. 555-556.

[13] Keupp, Heinrich: Psychische Störung: Krankheit oder abweichendes Verhalten?. In: Psychische Störungen. Soziale Probleme 3. Hrsg. v.: Reimann, Helga; Reimann Horst. München: Wilhelm Goldmann Verlag GmbH, 1975. S. 31.

[14] Vgl. Keupp: Psychische Störungen: Krankheit oder abweichendes Verhalten?. S. 13-18.

[15] Gerrig; Zimbardo: Psychologie. S. 552.

[16] Vgl. Gerrig; Zimbardo: Psychologie. S. 552-553 und 599-600.

[17] Vgl. Maercker, Andreas; Ehlert, Ulrike (Hrsg.): Psychotraumatologie. Göttingen, Bern, Seattle, Toronto: Verlag für Psychologie, 2001. S. 239.

[18] Vgl. Leygraf, Norbert: Trauma. In: Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag. 2007-2018. Band 1, Heft 1. S. 1.

[19] Zitat von Fischer, Gurris, Pross & Riedesser, 1996. Fischer & Riedesser, 1998. In: Mauser, Wolfram, Pietzcker Carl (Hrsg.): Trauma. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2000. S. 11-12.

[20] Huber, Michaela: Trauma und die Folgen. Paderborn: Junfermann Verlag. 2. Auflage, 2005. S. 38.

[21] Vgl. Huber: Trauma und die Folgen. S. 37-38.

[22] Van der Hart, Onno: Vorwort. In: Trauma und die Folgen. von Huber, Michaela. Paderborn: Junfermann Verlag. 2. Auflage, 2005. S. 9.

[23] Vgl. Van der Hart: Vorwort. S. 9.

[24] Fischer, Gottfried: Psychoanalyse und Psychotraumatologie. S. 11-26. In: Trauma. Hrsg. v.: Mauser, Pietzcker. S. 13.

[25] Trautwein, Wolfgang: Erlesene Angst. Schauerliteratur im 18. und 19. Jahrhundert. Systematischer Aufriss, Untersuchungen zu Bürger, Maturin, Hoffmann, Poe und Maupassant. München, Wien [u.a.]: Hanser, 1980. S. 82.

[26] Trautwein: Erlesene Angst. S. 51.

[27] Vgl. Trautwein: Erlesene Angst. S. 51-52.

[28] Vgl. Trautwein: Erlesene Angst. S. 79-80.

[29] Freud, Sigmund: Das Unheimliche. E. T. A. Hoffmanns Leben und Werk in Daten und Bildern. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften V., 1919. S. 297–324. Frankfurt/Main: Insel-Verlag, 1968. S. 298.

[30] https://www.duden.de/suchen/dudenonline/Das%20Unheimliche. 22. 7. 2018.

[31] https://www.duden.de/rechtschreibung/unheimlich. 22. 7. 2018.

[32] Freud: Das Unheimliche. S. 298.

[33] Vgl. Freud: Das Unheimliche. S. 298.

[34] Freud: Das Unheimliche. S. 298.

[35] Golde, Inga: Der Blick in den Psychopathen. Struktur und Wandel im Hollywood-Psychothriller. Kiel: Ludwig, 2002. S. 19.

[36] Vgl. Golde: Der Blick in den Psychopathen. S. 15-19.

[37] Vgl. Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. Hrsg.: Kämper, Max. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG Nr. 19237, 2015. S. 53-56.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Der Wahnsinn. Psychischer Werdegang von Nathanael aus E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" und Emma Stein aus Sebastian Fitzeks "Das Paket"
Hochschule
Universität Wien
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
37
Katalognummer
V440999
ISBN (eBook)
9783668796751
ISBN (Buch)
9783668796768
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wahnsinn, fitzek, hoffmann, dersandmann, daspaket, psychischerwerdegang, psychothriller, schauerliteratur, psychischestörungen
Arbeit zitieren
Vanessa Maurer (Autor), 2018, Der Wahnsinn. Psychischer Werdegang von Nathanael aus E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" und Emma Stein aus Sebastian Fitzeks "Das Paket", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/440999

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