Das Leben der Anderen. Die Funktion der Staatssicherheit im gleichnamigen Film


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

25 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der Wendebegriff

3. Filmanalyse: Das Leben der Anderen
3.1 Histoire
3.1.1 Erzählte Geschichte
3.1.2 Figurenkonstellation
3.1.3 Raumsemantik
3.2 Discours
3.2.1 Kamerahandlung
3.2.2 Montage
3.2.3 Mise-en-scène
3.2.4 Musik

4. Ergebnisparadigmen
4.1 Staatssapparat
4.2 Gesellschaft
4.3 Personen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis/Online-Quellen

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einführung

„Das Leben der Anderen“ ist ein 2006 entstandener, von dem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck geschaffener Spielfilm, der keinem speziellen Genre zuzuordnen ist. Es handelt sich dabei eher um einen Genre-Mix, um ein historisches Gesellschaftsdrama, das inhaltlich und dramaturgisch um Elemente aus Politdrama und Liebesgeschichte erweitert wurde1. Dadurch war es möglich, mehrere Zielgruppen anzusprechen, welches wohl auch zu dem enormen nationalen und internationalen Erfolg geführt hat (u.a. Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film). Doch großen Anteil am Erfolg hat die intensive und authentische Auseinandersetzung des Films mit den gesellschaftspolitischen Spannungen innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) hauptsächlich in den 1980er Jahren. Die Geschichte durchläuft dabei verschiedene Zeitphasen in Ostberlin, von 1984 angefangen über den Mauerfall 1989 bis hin zur Nachwendezeit 1991 bis 1993 (Hervorgehoben durch verschiedene Inserts im Film). Die Phase von 1984 bis 1989 zeigt auf, dass sich die DDR strukturell immer mehr auflöste, welches schließlich zu einem völligen Kollaps führte, der schließlich in den Mauerfall mündete.

Diese Arbeit befasst sich nun mit den Funktionen der Staatssicherheit in Bezug auf die Entwicklung der anderen, im Film vorkommenden Personen, hauptsächlich derjenigen in der Künstlerszene der DDR. Die Fokus liegt dabei auf einer synchronen Perspektive, das bedeutet im vorliegenden Kontext, dass von einer zeitlich aktuellen Sichtweise aus die DDR-Vergangenheit betrachtet wird. Des Weiteren soll der Wendebegriff im historischen Zusammenhang als Voraussetzung für die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten genauer durchleuchtet werden. Für die genauere Untersuchung des Films im Hinblick auf das vorliegende Thema dieser Arbeit bedarf es eines entsprechenden analytischen Beschreibungsinventars, das im weiteren Verlauf vorgestellt und angewandt wird. Genauer in die Betrachtung miteinbezogen werden im Anschluss noch verschiedene Teilaspekte wie die Gesellschaft, der Staatsapparat und die Personen in ihren Beziehungen. Ein Fazit stellt die Ergebnisse in Relation zur Thematik zusammenfassend abschließend noch einmal dar.

2. Der Wendebegriff

Wenn der Wendebegriff in Wörterbüchern nachgeschlagen wird, so lassen sich dort meist folgende Definitionen finden: „(Sport) Stelle, an der Richtung um 180 Grad geändert wird,“ „Begriff im Segeln (die Segelrichtung ändern)“ oder „einschneidende Veränderung, Wandel in der Richtung eines Geschehens oder einer Entwicklung“2.

Der Terminus „Wende“ im vorliegenden Kontext bezeichnet den gesellschaftspolitischen Umbruch in der Deutschen Demokratischen Republik im Zeitraum September 1989 (erste Montagsdemonstrationen) bis dritten Oktober 1990 (Deutsche Einheit). Erstmals sprach Egon Krenz als neuer Generalsekretär der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) auf der neunten Tagung des Zentralkomitees der Partei am 18. Oktober 1989 von einer Wende. Allerdings meinte er damit nur die Anpassung der SED-Politik an neue Verhältnisse, nicht eine Veränderung im Machtsystem des sozialistischen Staates. Noch im Verlauf der Wendezeit wurde der Begriff von allen politischen Gruppen in der DDR (und in der BRD) synonym für den gesellschaftspolitischen Wandel genutzt3.

Doch es gab auch andere, sehr häufige Bezeichnungen wie Umbruch, friedliche Revolution oder Mauerfall, daher ist eine einheitliche Definition über die Ereignisse von 1989/90 schwer zu finden und ist abhängig von verschiedenen Sichtweisen von Akteuren (Journalisten, Zeitzeugen, Politiker usw.), die in einer Art Erinnerungsdiskurs die jeweiligen Bezeichnungen (medial) aushandelten. Die us-amerikanischen Linguistiker George Lakoff und Mark Johnson sprechen über derartige Begriffsverwendungen auch von Konzeptmetaphern. Wenn nun speziell der Begriff „Wende“ im Sinne Lakoffs und Johnsons für die Ereignisse von 1989/90 herangezogen wird, so handelt es sich dabei um eine sprachliche Similarität. Es sind bereits im Gedächtnis der Menschen vorhandene, kulturell erlernte Bilder4. Dadurch können bestimmte Gegebenheiten in ihrer Komplexität reduziert und besser verstanden werden. Das Wende-Ereignis wird im heutigen Verständnis fast nur noch als ein Zeitmarker gesetzt, es werden damit weniger inhaltliche Aspekte verknüpft. Daher wird oft im historischen Diskurs von der Zeit vor, während und nach der Wende gesprochen. Der Terminus „Mauerfall“ bezeichnet des Weiteren eher ein symbolisches, historisches Event, eben für den Fall der Berliner Mauer. Im europäischen Gedächtnis ist dieser Mauerfall nicht nur zum Symbol für die Überwindung der Teilung Deutschlands, sondern auch für diejenige der Teilung des europäischen Kontinents geworden. Der Revolutionsbegriff wird schließlich häufig mit dem Attribut „friedlich“ verwendet. Damit ergeben sich verschiedene Bedeutungsaspekte, wie die des Freiheitsstrebens der DDR-Bürger, des Überwindens der SED-Diktatur, der Gewaltlosigkeit oder des Aspekts einer Massenbewegung5.

3. Filmanalyse: Das Leben der Anderen

Für die in dieser Arbeit gewählte Thematik der Funktion des Staatssicherheitsapparates auf die Entwicklung der Künstlerszene wurde als Ausgangstext der Film „Das Leben der Anderen“ gewählt. In dieser Produktion aus dem Jahr 2006 werden sehr deutlich die Repressalien durch das SED-Regime auf den Alltag bestimmter gesellschaftliche Bereiche aufgezeigt. Für die Durchsetzung spezieller Maßnahmen wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) beauftragt, das im Volksmund auch nur als „Stasi“ bezeichnet wurde. Ziel dabei war stets, gegen eventuelle Feinde der sozialistischen Ideologie vorzugehen. Dieses Szenario wird schon in der ersten Filmsequenz vorgeführt, in dem ein Mitarbeiter der Staatssicherheit einen Bürger durch ständige Befragungen zu einem Vorfall und durch Schlafentzug malträtiert.

Mit seinem Langfilmdebüt gelang Florian Henckel von Donnersmarck, der auch das Drehbuch verfasst hat, der weltweite Durchbruch. Das Geschichtsdrama wurde besonders dafür gelobt, sich ernsthaft und kritisch mit der DDR-Vergangenheit auseinanderzusetzen, da es in den Jahren vorher häufig nur Komödien zu diesem Thema gab, die quasi eine andere DDR simulierten und hauptsächlich positive Aspekte herausarbeiteten („Ostalgie“). Kritik gab es meistens darüber, dass einige historische Fakten nicht korrekt wiedergegeben wurden. So wurde zum Beispiel angezweifelt, dass ein Mitarbeiter der Staatssicherheit eine so starke Wandlung wie im Film niemals in der Realität durchlaufen hätte. Außerdem wurden systemkonforme Künstler nicht verfolgt. Weiteres Manko sei, dass die repressiven Maßnahmen durch die Stasi noch viel heftiger waren als im Film dargestellt6.

Bei der nun folgenden Filmanalyse ergeben sich viele Parallelen zu einer Textanalyse, im Speziellen können epische Werke beispielsweise auf ihre narrative Struktur, Erzählperspektiven, den Figuren oder den Leitmotiven hin untersucht werden7. Die grundsätzliche Vorgehensweise der Untersuchung ist dabei auf zwei Ebenen durchführbar, die eng aufeinander bezogen sind: Histoire und Discours8, also eine Tiefen- und eine Oberflächen-Ebene.

3.1 Histoire

Die Ebene der Histoire oder die Ebene des Erzählten behandelt den Aspekt, was passiert, unabhängig von der Art und Weise der Darstellung. Es geht an dieser Stelle um die Abfolge der Ereignisse, um die Geschichte. Wichtige Elemente sind dabei die Handlung in der dargestellten Welt (Diegese), die Figuren mit ihren Werte- und Normensystemen und Beziehungsgeflechten sowie bestimmte Semantiken, also bedeutungstragende Aspekte.

3.1.1 Erzählte Geschichte

Das „Leben der Anderen“ folgt einer klassischen, epischen Drei-Akte-Struktur: Aufbruch – Initiation – Rückkehr9. Die Geschichte, der Plot, geht in der erzählten Zeit über eine Phase von etwa neun Jahren, von November 1984 bis 1993. Die Erzählzeit, also die Dauer des Films, beträgt dabei etwas über zwei Stunden.

Zentrale Figur und Held ist in diesem Film der MfS-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe). Er wird zu Beginn in seiner gewohnten Umgebung gezeigt, die eher trist ist und von alltäglichen Routinen geprägt. Er bildet den MfS-Nachwuchs an der Stasi-Hochschule Potsdam-Eiche aus und verhört des Weiteren Dissidenten im Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Private Beziehungen pflegt er keine, er ist überzeugt von der Ideologie des Staates. Er ist auch davon überzeugt, dass der Dramatiker Georg Dreyman (Sebastian Koch) ein Dissident ist und nimmt schließlich den Auftrag seines Vorgesetzten Anton Grubitz (Ulrich Tukur) an, ihn zu überwachen. Die Überwachungsaktion von Dreyman und seiner Freundin Christa-Maria-Sieland (Martina Gedeck) erhält den Decknamen „Operativer Vorgang Lazlo“ (OV Lazlo). Als er eines Tages in seiner Abhörzentrale das Musikstück „Die Sonate vom guten Menschen“ aus Dreymans Wohnung mithört und vom Freitod eines Künstlerkollegen erfährt, beginnt er sich zu wandeln (1. Akt: Aufbruch).

Wiesler lernt zunehmend die Welt der anderen, einer liberaleren Ordnung angehörenden Menschen kennen und schätzen. Im weiteren Verlauf fälscht Wiesler plötzlich seine Überwachungsberichte und unterlässt es auch, eine fingierte Ausreise des Journalisten Paul Hauser zu überprüfen. Sein Vorgesetzter Grubitz zweifelt zunehmend an Wieslers Loyalität für den Staat und gibt Wiesler eine letzte Chance, seine Treue zu beweisen. Er soll die tablettensüchtige Christa-Maria-Sieland verhören und belastende Informationen über Dreyman herausfinden (2. Akt: Initiation).

Das Verhör verlief erfolgreich, doch Wiesler schafft Beweismaterial beiseite, die den Dramatiker überführen könnten. Infolgedessen droht Grubitz seinem Untergebenen die Strafversetzung an, da der OV Lazlo nun auch im Hinblick auf Sielands Unfalltod als gescheitert gilt und beendet wird. Nach der Wende kauft Wiesler, der inzwischen nur noch Zeitungen und Werbeprospekte austrägt, ein Buch von Georg Dreyman, das den Titel „Die Sonate vom guten Menschen“ hat. An der Widmung „HGW XX/7, in Dankbarkeit“ im Buch erkennt Wiesler, dass es für ihn geschrieben wurde (3. Akt: Rückkehr).

3.1.2 Figurenkonstellation

Für die Figurenkonstellation stehen vor allem die Charakterisierungen und auch Beziehungen untereinander im Vordergrund sowie eine mögliche Einteilung in Klassen oder Gruppen. Für diese Analyse werden aber der Einfachheit halber nur die relevantesten Akteure des Films und ihre Relationen aufgezeigt (Abb. 1). Die Beziehungsgeflechte, in denen die Figuren zueinanderstehen, bilden Kontraste und Parallelen, die die jeweilige Handlung in epischen oder dramatischen Werken vorantreiben. Speziell die Konstellationen der Hauptfigur/des Protagonisten zum Gegenspieler/Antagonisten sowie Vertraute und Freunde in den Nebenfiguren sind Träger der Geschichte.

Held respektive Protagonist ist der Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Aktenkürzel: HGW). Er wird im Film beschrieben als ein wortkarger, emotionsloser und gnadenloser Abhörspezialist der Hauptabteilung Zwanzig/Sieben (Abkürzung: HA XX/710 ). Sein Deckname lautet dementsprechend HGW XX/7. Als ein Vetreter des Proletariats ist er von der Ideologie des DDR-Staatsapparats völlig überzeugt. Dies kommt vor allem in der Kantinenszene zum Ausdruck, als Wiesler und Grubitz sich gegenübersitzen. Wiesler möchte gemäß dem MfS-Eid „Schild und Schwert der Partei“ sein, Grubitz aber gibt deutlich zu verstehen, dass die Überwachung Dreymans und seiner Lebensgefährtin einen enormen Karriereschub bedeuten könnte. Grubitz und Wiesler sind ehemalige Studienkollegen und seit langem befreundet, doch an dieser Stelle erkennt der Hauptmann zum ersten Mal, dass eine klassenlose Gesellschaft, wie es der Sozialismus propagiert, nicht existiert. Des Weiteren erfährt der Rezipient des Films, dass Wieslers Tagesablauf öde und monoton abläuft, geprägt durch die Arbeit bei der Stasi. Offenbar hegt er auch keine privaten Beziehungen, eines Abends bestellt er sich lediglich eine Prostituierte in seine karge Plattenbau-Wohnung. Die Überwachung des Künstlerpaares Dreyman/Sieland öffnet für ihn eine völlig neue Welt. Durch die Tatsache, dass Wiesler nun das Leben von Menschen erlebt, die einer humaneren, freieren Lebensauffassung angehören, beginnt sich der Hauptmann langsam in seiner Persönlichkeit zu verändern, da er sein etwas trostloses Dasein erkennt und gerne an dem Leben der anderen Menschen teilhaben möchte. Dies zeigt sich zunächst nur an Kleinigkeiten, als er zum Beispiel heimlich Dreymans Brecht-Lyrikband aus dessen Wohnung entwendet und er die erste Strophe aus dem Gedicht „Erinnerung an die Maria A.“ in seinem Appartment liest. Im weiteren Verlauf jedoch steigert sich seine negative Haltung gegen das sozialistische Regime, dessen loyalster Vertreter er vorher war. Wiesler leistet aktiv Widerstand und gefährdet dabei sogar seine berufliche Zukunft, um das Leben des Künstlerpaares zu schützen. Er wird zum Verbündeten der beiden, ohne dass sie zu jenem Zeitpunkt davon wissen. Erst später erfährt Dreyman nach der Wende durch Einsicht in die Stasi-Akten, dass Wiesler ihm geholfen hatte.

[...]


1 Bundeszentrale für politische Bildung 2006, S.10

2 Duden 2018

3 DDR-Lexikon 2004

4 Vgl. Johnson/Lakoff 1980, S. 3

5 Vgl. Czachur 2011, S. 145ff

6 Vgl. Biermann 2006

7 Vgl. Mersiowsky 2010, S. 80

8 Hinweis: Die beiden Begriffe gehen auf die franz. Literaturwissenschaftler Gérard Genette und Tzvetan Todorov zurück. Sie lassen sich medienübergreifend anwenden.

9 Vgl. Mersiowsky 2010, S. 46

10 Hinweis: Das Ministerium für Staatssicherheit war in zahlreiche Hauptabteilungen (HA) gegliedert. Die aus zehn Divisionen bestehende Hauptabteilung XX war zuständig für die Aufdeckung, Verhinderung und Bekämpfung von „politisch-ideologischer Diversion“ und „politischer Untergrundtätigkeit“. Die Abteilung XX/7 war zuständig für die Überwachung von Kunst und Kultur.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Leben der Anderen. Die Funktion der Staatssicherheit im gleichnamigen Film
Hochschule
Universität Passau
Note
2,3
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V443143
ISBN (eBook)
9783668831520
ISBN (Buch)
9783668831537
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienwissenschaft, Film, Intermedialität, Wendefilm, Wende, Semiotik
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Das Leben der Anderen. Die Funktion der Staatssicherheit im gleichnamigen Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443143

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