Eine alte Denkmethode in neuer Gestalt. Betrachtungen zu William James' Pragmatismus am Beispiel von Religion


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,0

Michael Müller (Autor)


Leseprobe

Inhalt

Gegenstandsbestimmung und pragmatistische Grundzüge

Methodik

Wahrheitsbegriff

Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, Pragmatismus als eine wissenschaftliche Methode, wie sie von William James Anfang des 20.Jahrhunderts mitgeprägt wurde, anhand einiger prägnanter Beispiele aus dem Feld Religion und James’ Religionsbegriffs selbst vorzustellen. Wenn von Pragmatismus als wissenschaftliche Methode die Rede ist, soll damit einerseits dessen starker Praxisbezug und Rekurs auf Erfahrungen als Quelle der Erkenntnis betont, andererseits auch dessen Vorzüge und möglichen Schwächen in der Anwendung offengelegt werden. Dadurch wird gleichzeitig implizit die Frage aufgeworfen, ob, und wenn ja, inwieweit Pragmatismus in der heutigen Zeit, insbesondere für religionswissenschaftliche und religionsphilosophische Fragestellungen Gültigkeit und Relevanz für sich beanspruchen respektive sich als ein gangbarer Weg für weiterführende Anknüpfungspunkte, Perspektivwechsel und als Mittler zwischen theoretischen Problemstellungen innerhalb der Wissenschaft erweisen kann. Die Grundlage der folgenden Betrachtungen bilden James’ Werke „Die Vielfalt religiöser Erfahrung. Eine Studie über die menschliche Natur“ sowie „Pragmatismus: Ein neuer Name für eine alte Denkmethode“. Das erstgenannte Buch wird aus dem Grunde herangezogen, da es einerseits einen umfangreichen Einblick in James’ Verständnis von Pragmatismus als Methode gewährt, andererseits auch ein Zeugnis dafür darstellt, in welcher Weise er in der konkreten Anwendung auf den Gegenstand Religion, seine Methode als Werkzeug verwendet und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Das zweitgenannte Buch stellt in vielerlei Hinsicht eine Konkretisierung James’ methodischer Vorstellung, insbesondere mit Bezug auf den theoretischen Unterbau der Methode und den Wahrheitsbegriff dar. Des Weiteren wird im Laufe der Arbeit zu zeigen sein, wie James seine Methode hinsichtlich des Rationalismus und des Empirismus referenziert. Anschließend wird James’ Wahrheitsbegriff anhand des Beispiels Religion vorgestellt und einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Vorausgeschickt sei, dass beim Verfassen dieser Arbeit versucht wurde, James’ Begriffsentscheidungen und seiner Wortwahl in angemessener Weise gerecht zu werden, ohne ihnen wohlmöglich dabei ihren besonderen, oftmals lyrisch anmutenden Anklang nehmen zu wollen. Da bei James, ja wie bei allen Geistes- und Sozialwissenschaften, das geschriebene Wort und die Begrifflichkeiten eine entscheidende Rolle spielen, wird auf James’ rhetorischen Stil jeweils an den entsprechenden Stellen kurz erläuternd eingegangen.

Gegenstandsbestimmung und pragmatistische Grundzüge

Zum Begriff Pragmatismus selbst sei angemerkt, dass im allgemeinen Sprachgebrauch mit ‚pragmatisch‘, aus dem Lateinischen pragmaticus (zweckm äß ig) oder Griechischen pragma (durchgeführte Tat) stammend, meist etwas Anwendungsbezogenes, das Handeln Betonendes oder dem praktischen Nutzen Dienendes verbunden wird (vgl.: DWDS). Im Sinne William James’ bekleidet der Begriff Pragmatismus eine andere Bedeutung, obwohl diese auch den Bedeutungskern des Alltagsbegriffs, nämlich die Fokussierung auf die Praxis, in sich trägt. Aufgrund der wohlmöglich missverständlichen begrifflichen Belegung seiner Methode versuchte James „den leidigen Begriff [des Pragmatismus] später gegen den auch nicht unbedingt glücklicheren Begriff ‚Pluralismus‘ einzutauschen“ (Ernst 2014, S. 32). Nichtsdestotrotz wird der Begriff des Pragmatismus in dieser Arbeit favorisiert, da er von James selbst in seinen beiden Hauptwerken zumeist verwendet wird, wobei dazu anzumerken ist, dass der Pragmatismus einen Pluralismus anstreben respektive einen Pluralismus zur Folge haben möchte (vgl. ebd., S.71).

Zur generellen Verortung James’ Pragmatismus im Wissenschaftskanon stellt Oliver Ernst, ein Doktorand der Philosophie, im Rahmen seiner Dissertation fest, dass sich drei Strömungen des Pragmatismus differenzieren lassen, wobei Charles Sanders Peirce „die Methode dieses Denkens bestimmt und ihr den Namen gegeben, James […] diese Richtung popularisiert, berühmt gemacht […] und Dewey […] aus dem Pragmatismus vor allem Konsequenzen für Erziehung und Politik gezogen [hat]“ (Ernst 2014, S. 33). Die Entstehung des Pragmatismus kann dabei zugleich als eine Art ‚interdisziplinäre Koproduktion‘ angesehen werden, wenn man bedenkt, dass Peirce als Mathematiker, James als Psychologe und Dewey als Pädagoge daran beteiligt waren (Höffe 2005, S. 250).

Bei der Frage, um was es sich beim Pragmatismus handelt, findet man in der Literatur vielfältige Standpunkte. So wird der Pragmatismus im philosophischen Nachschlagewerk von Otfried Höffe der Kategorie ‚Lebensphilosophien‘ zugerechnet. Ohne bestreiten zu wollen, dass pragmatistische Ansatzpunkte für einzelne Menschen einen gewissen Leitfaden für ihr eigenes Leben bereiten können, soll dieser im Folgenden nicht als philosophische Richtung, sondern als Methode, die bei wissenschaftlichen Fragestellungen zur Anwendung kommt, begriffen werden. Da eine Methode nur oder zumindest am Anschaulichsten in ihrer Anwendung demonstriert und sichtbar gemacht werden kann, soll zunächst gezeigt werden, wie James sie auf den Gegenstand Religion anwendet. Zur Gegenstandsbestimmung des Begriffs Religion selbst sei angemerkt, dass James’ Religionsverständnis in vielerlei Hinsicht stark an die konzeptionelle Grundvorstellung, die auch in der heutigen Zeit von den meisten Religionswissenschaftlern geteilt werden, erinnert. Deswegen überrascht es auch nicht, dass James zu seiner Zeit bereits die zukünftige Etablierung einer Religionswissenschaft postuliert hatte (vgl. James 2014, S. 428). James nimmt zwar zur Kenntnis, dass es eine Vielzahl an fest umgrenzten Religionsdefinitionen gibt, diese Vielzahl jedoch gleichzeitig ein Indiz dafür darstellen müsste, dass der Begriff Religion „nicht für ein bestimmtes Prinzip oder Wesen steht, sondern vielmehr eine Sammelbezeichnung ist“ (James 1908, S. 59). Somit stellt James gleichzeitig in Frage, ob der „Gegenstand überhaupt eine spezifische Einheit bildet“ (James 1908, S. 60). Der Fokus und damit die Frage, was unter diesem Begriff subsumiert werden soll, bleiben zunächst vollständig offen. Vielmehr lässt sich anhand dieses Beispiels verdeutlichen, was James damit meint, wenn er sich zu „einer Art von pluralistischem Monismus [bekennt]“ (James 1908, S. 8). James vertritt diesbezüglich die Auffassung, es wäre vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters abhängig, ob man nun in Etwas die Einheit oder die Vielheit sieht respektive was davon hervorgehoben werden soll (vgl. ebd.). Dadurch, dass James die Beantwortung dieser Frage vom jeweiligen Standpunkt abhängig machen lässt, wird ein Streit über mögliche Antworten obsolet. In diesem Sinne ist es auch zu verstehen, wenn James vom Pragmatismus als „Methode, um philosophische Streitigkeiten zu schlichten, die sonst endlos wären“ (James 1908, S. 27), spricht. James demonstriert anhand einiger anschaulicher Beispiele, wie er mithilfe seiner Methode theoretische Widersprüche scheinbar aufhebt, indem er nach den praktischen Folgen fragt (zum Beispiel: vgl. James 1908, S. 27).

Gleich zu Anfang seiner Gegenstandsbeschreibung weist James darauf hin, dass er dem Umstand vorbeugen möchte, seine Untersuchung wohlmöglich einseitig sowie hinsichtlich des theoretischen Fundaments vereinfacht zu gestalten, weswegen er seine Analyse von vornherein unter die Prämisse stellt, nicht nach einem Wesen von Religion zu suchen. Vielmehr geht James davon aus, „sehr wahrscheinlich […] viele Charakterzüge, die abwechselnd gleichermaßen wichtig für eine Religion [sind]“ (James 2014, S. 59), zu finden. Zudem wendet er sich gegen die Vorstellung, religiöses Empfinden „als eine singuläre Erscheinungsform des Geistes“ (James 2014, S. 60) oder als eine abstrakte „eigenständige elementare Gemütsbewegung“ (ebd.) aufzufassen, da beispielsweise „religiöse Liebe […] nur eine besondere Form des natürlichen menschlichen Gefühls der Liebe [sei], die sich auf ein religiöses Objekt richtet“ (ebd.). Damit spricht James religiösen Gefühlen, Emotionen und Objekten ihr spezifisch Religiöses insofern ab,

dass er sie nicht als sui generis kategorisieren möchte, sondern sie vielmehr als eine mögliche Facette von vielen anderen betrachtet, die sich von Erscheinungsformen, die im Allgemeinen nicht mit Religion verbunden werden, nicht in konstitutiver Weise unterscheiden. Somit werden diejenigen Erscheinungsformen, die im Allgemeinen mit Religion assoziiert werden, dem wissenschaftlichen Zuständigkeitsbereich der allgemeinen Psychologie, der ja James angehörte, zugeordnet.

Zudem beschränkt James seine Analyse auf die sogenannte ‚persönliche Religion‘, die, im Gegensatz zur institutionellen Form, für ihn eine Erfahrung ‚aus erster Hand‘ darstellt (vgl. James 2014, S. 62 f.). An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass es James explizit um „Gefühle, Handlungen und Erfahrungen von einzelnen Menschen“ (James 2014, S. 64) geht, „die von sich selbst glauben, daß [sic] sie in einer Beziehung zum Göttlichen stehen“ (ebd.). Dass die Konzentration auf persönliche Erfahrungen und generell auf empirisches Material ein wesentliches Merkmal des Pragmatismus ist, wird sich an späterer Stelle zeigen. Zunächst sei angemerkt, dass es sich bei dieser Gegenstandsbestimmung durch James um eine Arbeitsdefinition handelt, für die er keineswegs den Anspruch erhebt, wohlmöglich das gesamte Spektrum von ‚Religion‘ abzudecken, sondern sich darüber im Klaren ist, dass er damit lediglich einen bestimmten Teil von dem abdeckt, was Religion bedeuten kann (vgl. James 2014, S. 61) . Was den Begriff Religion selbst angeht, weist James darauf hin, dass dieser auch durch ‚Gewissen‘ oder ‚Moral‘ ersetzt werden könne; dass zu dem Religionsbegriff jedoch „einige Elemente gehören, die in bloßer Moral nicht enthalten sind“ (James 2014, S. 62). Einer dieser Aspekte von ‚Religion‘, den ‚Moral‘ nicht enthält, stellt für James beispielsweise derjenige dar, dass in „einer starken und ausgebildeten Religion […] der Dienst am Höchsten niemals als Joch empfunden“ (James 2014, S. 74) wird. Was die Anwendung auf den Gegenstand Religion angeht, widmet sich James denjenigen Fällen religiöser Erfahrung, „in denen der religiöse Geist unmißverständlich [sic] und in extremer Weise in Erscheinung tritt“ (James 2014, S. 72). Zwar gesteht James ein, dass es durchaus „blassere Erscheinungsformen“ (ebd.) der religiösen Emotion und „Mischformen der hier idealisiert vorgestellten Typisierungen“ (Deuser 2011, S. 512) gibt, die in seiner Analyse aber weitgehend vernachlässigt werden. Den methodischen Schritt, sich auf persönliche Ausprägungen von Religion zu beschränken, rechtfertigt James damit, dass diese „immer noch als das Ursprünglichste angesehen werden“ (James 2014, S. 63), da „alle Gründer [Hervorh. d. Verf.] einer Kirche jedoch […] ihre Kraft ursprünglich der direkten persönlichen

Gemeinschaft mit dem Göttlichen [verdanken]“ (ebd.). In diesem Zusammenhang weist James darauf hin, den Begriff ‚göttlich‘ nicht zu eng zu fassen, da beispielsweise der Buddhismus keinen Gott annimmt, dieser trotzdem im Allgemeinen als Religion aufgefasst wird (vgl. James 2014, S. 64). Da ihm der Begriff ‚gottähnlich‘ wiederum zu weitläufig erscheint, schlägt er vor, dass „das Göttliche […] ausschließlich eine solche ursprüngliche Wirklichkeit bedeuten [soll], die das Individuum zu einer feierlichen und ernsthaften Antwort drängt, und nicht zu einem Fluch oder zu einem Scherz“ (James 2014, S. 71). An dieser Stelle wird exemplarisch deutlich, wie viel Interpretationsspielraum James’ Wortwahl bietet und wie problematisch sich der Umgang damit erweisen kann. Dieser Punkt, den Begriff des Göttlichen nicht zu eng zu fassen, wird von James durch ein Zitat aus der Lehre der emersonschen Religion, in der rein abstrakte Gesetze, und eben kein Gott, als oberste Instanz angenommen wird, bestärkt. James kommt zu dem Schluss, dass bestimmte Menschen von bestimmten Lehren angesprochen werden und die Art, „wie diese darauf in [ihrem] Leben reagieren, […] der Tat nicht zu unterscheiden von und in vielerlei Hinsicht identisch mit den besten christlichen Gefühlen und Reaktionen [ist]“ (James 2014, S. 66). Dabei ist es fast überflüssig zu erwähnen, dass man den historischen Kontext, in dem dieses Zitat entstanden ist, berücksichtigen und normative Setzungen James’ dementsprechend zur Kenntnis nehmen muss. Nichtsdestotrotz wird anhand dessen der pragmatistische Charakter seines Zugangs exemplarisch deutlich. Indem James nämlich nicht bei dem, was ein bestimmtes Resultat hervorruft, sondern vielmehr bei dem Resultat bzw. bei den praktischen Folgen für den Einzelnen selbst, was wiederum empirisch beobachtbar und feststellbar ist, ansetzt, bleibt die Frage, was der Auslöser für ein bestimmtes Resultat sein und wie dieses definiert werden könnte, weitgehend offen und unberührt. Dadurch ist es nicht unbedingt notwendig, den Auslöser eines Resultats exakt zu definieren. James kommt zu dem Schluss, dass es, „vom empirischen Standpunkt aus“ (ebd.), keinen Grund gäbe, eine normative oder begriffliche Abstufung beispielsweise zwischen dem Christentum oder der Religion des Emersons vorzunehmen und aufgrund dessen beide als ‚Religion‘ bezeichnet werden müssen. Auch an dieser Stelle wird deutlich, wie nahe James weit gefasster Religionsbegriff an der aktuellen wissenschaftlichen Auflassung von Religion liegt. Betrachtet man den zeitgenössischen Hintergrund in dem diese Ringvorlesung James’ stattfand, deutet sich an, welche Sprengkraft eine solche Aussage haben musste und welch wichtiger Grundstein mit Bezug auf die ‚Gleichstellung von Religionen‘ und deren non-normativen wissenschaftlichen Erforschung gelegt wurde.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Eine alte Denkmethode in neuer Gestalt. Betrachtungen zu William James' Pragmatismus am Beispiel von Religion
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V444037
ISBN (eBook)
9783668812697
ISBN (Buch)
9783668812703
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pragmatismus, William James, Religion
Arbeit zitieren
Michael Müller (Autor), 2017, Eine alte Denkmethode in neuer Gestalt. Betrachtungen zu William James' Pragmatismus am Beispiel von Religion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444037

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