Wie zeigt sich die Suggestion der Masse im Nationalsozialismus?


Hausarbeit, 2016
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eigenschaften der Masse
2.1. Le Bon
2.2. Freud

3. Die Masse im Nationalsozialismus
3.1. Le Bon
3.2. Freud
3.3. Canetti

4. Suggestion in der Masse des Nationalsozialismuses
4.1. Führer der Massen (Le Bon)
4.2. Suggestionsmittel und Hypnose

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Hausarbeit werde ich mich mit der Fragestellung „Wie zeigt sich die Suggestion und die Hypnose der Masse im Nationalsozialismus?“ beschäftigen. Hierbei lege ich einen besonderen Schwerpunkt auf die Konzeptionen von Le Bon und Freud.

Als Erstes stelle ich einige Eigenschaften der Masse, bezogen auf Le Bon und Freud, dar. Dabei gehe ich zunächst auf die psychologische Masse von Le Bon ein. Darauf folgend werde ich die allgemeinen Merkmale einer Massenseele darstellen und die Ursachen für massencharakteristische Eigenschaften darlegen. Außerdem gehe ich kurz auf die Suggestion in der Masse ein, welche in dem letzten Punkt genauer ausgeführt wird. Des Weiteren werde ich auf die Unterschiede bei Le Bon und Freud eingehen, die weitestgehend denselben Massebegriff vertreten. Hierbei liste ich einige Punkte von Freud auf, in denen er sich von Le Bon abwendet.

Im nächsten Punkt der Hausarbeit beschäftige ich mich mit der Masse im Nationalsozialismus, bezogen auf Le Bon, Sigmund Freud und Elias Canetti. Dabei beziehe ich mich auf die Merkmale, die für Le Bon und Freud charakteristisch für eine Masse sind und übertrage diese auf die Masse des Nationalsozialismus. Zudem werde ich auf die Zerstörungssucht, die Hetzmasse, die offene Masse und das Prinzip des Führers einer Masse bei Canetti eingehen.

Letztendlich betrachte ich die Suggestion in der Masse. Dabei beschäftige ich mich mit Hitler als Führungsperson. Zunächst beziehe ich mich auf die Theorie von Le Bon, welcher sich unter anderem auf die Gewaltenherrschaft des Führers und dem Drang, der Masse einem Herrscher zu unterstehen, bezieht. Weiterhin behandele ich das Einflößen von Glaubenssätzen durch den Führer in die Masse, welches mit Hilfe von Behauptungen, Wiederholungen und Übertragungen oder auch Ansteckungen geschieht. Nach der Darstellung Hitlers als Hypnotiseur, stelle ich weitere Mittel der Suggestion, wie unter anderem das der Propaganda, dar. Des Weiteren beschäftige ich mich mit dem Rhythmus-Gefühl bei Märschen oder anderen Veranstaltungen, sowie dem dabei entstehenden hypnotischen Zustand.

2. Eigenschaften der Masse

Im Folgenden gehe ich auf die Eigenschaften einer Masse bei Le Bon und Freud ein.

Zunächst werde ich mich mit dem Begriff der Masse bei Le Bon auseinandersetzen. Dabei beschreibe ich die psychologische Masse von Le Bon und lege die allgemeinen Merkmale einer solchen Masse, die sich in der Massenseele äußern, dar. Daraufhin zeige ich drei Ursachen auf, die nach Le Bon für die Charaktereigenschaften einer Masse sorgen. Zudem reiße ich den Begriff der Suggestion an und stelle die grundlegenden Charakterzüge einer Masse nach Le Bon vor.

Den Massenbegriff von Le Bon hat Freud zum größten Teil übernommen. In einigen Punkten vertritt er allerdings andere Ansichten. Dabei gehe Freud von keiner Rassenseele aus und halte Massen-Führer-Konfigurationen für einen wichtigen Bestehungsgrund der Masse. Schlussendlich stelle ich noch die Libidobindungen dar, die für Freud in der Massenpsychologie eine entscheidende Rolle spielen.

2.1. Le Bon

Der psychologische Begriff der Masse bezeichne ein Schwinden der einzelnen Persönlichkeiten und eine Ausrichtung der Gefühle und Gedanken aller Massenindividuen in dieselbe Richtung, woraus sich eine Gemeinschaftsseele bilde. Diese Eigenschaften schreibe Le Bon einer organisierten- bzw. einer psychologischen Masse zu.[1]

Jene Masse, die nach Le Bon ein einziges Wesen bilde, unterliege „dem Gesetz der seelischen Einheit der Masse (loi de l'unité mentale des foules).“[2] Um diese Einheit zu schaffen, müssen bestimmte Reize vorliegen, die die Menschen entsprechend beeinflussen würden.

Dabei müssen sich nicht mehrere Menschen an einem Ort befinden, denn auch der Mensch als Einzelner könne, wenn in einem Augenblick mehrere Individuen durch ein bestimmtes Ereignis unter dem Einfluss von Gemütsbewegungen stünden, Kennzeichen einer psychologischen Masse aufzeigen.[3] So ist es auch möglich, dass „ein ganzes Volk ohne sichtbare Zusammenscharung unter dem Druck gewisser Einflüsse zur Masse“[4] würde.

Le Bon unterscheidet in zwei Arten von psychologischen Massen. Die Eine sei die heterogene Masse, die aus ungleichen Elementen zusammengesetzt sei. Die Andere sei die homogene Masse, welche aus ähnlichen Elementen zusammengesetzt sei, wie es bei Sekten und Kasten der Fall sein könne. Beide Arten würden gleiche, allgemeine Merkmale einer Masse aufweisen, würden sich allerdings auch in einigen Punkten unterscheiden.[5]

Die allgemeinen Merkmale werde ich im Folgenden darlegen.

Die allgemeinen Merkmale einer Masse würden sich in der Massenseele zeigen und diese baue auf eine Rassenseele auf. Dabei würden Charaktereigenschaften, die den meisten Menschen in ihrer Rassenseele inne lägen, in der Masse zusammengefügt und vergemeinschaftlicht. Somit bilde der Mensch ein neues Wesen, sobald er zum Massenindividuum würde und die Eigenschaften und die Persönlichkeit des Einzelnen in der Gemeinschaftsseele verschwämmen. Jene Eigenschaften, die den meisten Menschen innewohnen, nennt Le Bon “unbewusste Eigenschaften”. Diese würden in der Masse über die Ungleichheit und somit die Persönlichkeit der Menschen überwiegen.[6]

Durch jene „Vergemeinschaftlichung der gewöhnlichen Eigenschaften“[7] sei die Masse nicht dazu fähig intelligent zu handeln, da die Eigenschaften, die den meisten Menschen inne lägen, höchstens mittelmäßig sein können und somit von keiner sonderlichen Intelligenz zeugen würden. So passe sich der Intelligente in der Masse an und verliere somit seine Intelligenz, was zur Folge hätte, dass die Masse nicht aufgewertet würde, sondern das Individuum in der Masse abgewertet.[8]

Die Charaktereigenschaften, die die Massenindividuen aufweisen würden, haben für Le Bon drei unterschiedliche Ursachen.

Die erste Ursache zeichne sich nach Le Bon dadurch aus, dass das Massenindividuum in der Masse durch die Menge an sich „ein Gefühl unüberwindbarer Macht“[9] erhalte. Dadurch entstehe das Gefühl, den eigen Trieben nachgehen zu können, die man unter anderen Umständen unterdrücken würde, da man in der Masse als Namenloser unkenntlich agieren und somit nicht zur Verantwortung gezogen werden könne.

Als zweite Ursache bezeichnet Le Bon die geistige Übertragung. Dabei sei jedes Gefühl und jede Handlung übertragbar. Dieses Phänomen sei von hypnotischer Art und der Einzelne stelle seine persönlichen Wünsche den Gesamtwünschen unter. Jenes Phänomen sei wider die Natur des Menschen und nur als ein Massenphänomen zu beobachten.[10]

Die letzte Ursache sei die Beeinflussbarkeit der Massenindividuen, wobei die Beeinflussung durch eine oben erwähnte geistige Übertragung nur eine der Wirkungen sei. Jene Ursache hebt Le Bon als die Wichtigste der Drei hervor.[11]

Das Individuum in der Masse verhalte sich dabei wie ein Hypnotisierter. Es sei keine bewusste Persönlichkeit mehr vorhanden und das Massenindividuum nicht mehr Herr über seinen Willen. Die Gedanken und Gefühle würden durch die Masse gesteuert und beeinflusst.[12]

Unter dem Einfluss der Suggestion, welche durch die Tatsache, dass alle Individuen den gleichen Suggestionen unterstehen und daher diese Suggestionen durch Gegenseitigkeit stetig wachsen würden, seien die Massenindividuen dazu aufgelegt, dass sie sich „mit unwiderstehlichem Ungestüm auf gewisse Taten werfen“[13] würden.

Le Bon stellt außerdem die Triebhaftigkeit, Erregbarkeit und Veränderlichkeit der Massen dar. Diese Eigenschaften, die jede Masse besäße, können in unterschiedlichen Massen auf unterschiedlichen Stufen liegen. So sei „der Unterschied zwischen einer lateinischen und einer angelsächsischen Masse“[14], nach Le Bon, auffallend.

2.2. Freud

Freud benutzt größtenteils dieselbe Beschreibung der Masse, die Le Bon dargelegt. Nur in einigen Punkten vertritt Freud eine andere Ansicht.

Die erste Unterscheidung von Le Bon und Freud ist die, dass Freud nicht von einer der Massenseele zugrundeliegenden Rassenseele ausgeht. Viel eher geht er davon aus, dass dem einzelnen Individuum die unbewussten Eigenschaften inne liegen würden.[15] Des Weiteren erläutert Freud, dass die Eigenschaften der Masse keine seien, die das Individuum erst in der Masse erlange, wie es Le Bon darlege, sondern dass jene Eigenschaften in jedem Individuum vorliegen und durch „das Schwinden des Gewissens oder Verantwortlichkeitsgefühl“[16] zum Vorschein kommen würden.

Außerdem spricht Freud der Masse das Potenzial zu, sich entwickeln zu können. So könne aus der Unorganisiertheit und Spontanität, die die Masse aufweise und durch welche das größte Bedrohungspotenzial der Masse entstehe, eine organisierte Masse werden. Somit spricht Freud der Masse einen emanzipatorischen Ansatz zu. obwohl die bindende Kraft der Masse in eben diesem Rückschritt der Zivilisiertheit liegen würde.[17]

In seinem Werk „Massenpsychologie und Ich-Analyse“[18] beschäftigt sich Freud mit hochorganisierten, dauerhaften und künstlichen Massen[19] und stellt dabei eine Masse-Führer-Konfiguration dar. Ein wichtiger Begriff in Freud Massenpsychologie ist der Begriff der Libido. Er zeigt zwei libidinöse Bindungen in der Masse auf. Zum einen die zwischen der Masse und dem Führer und zum anderen die zwischen den Mitgliedern einer Masse untereinander.[20] Durch diese Bindungen finde eine Gleichstellung der Massenmitglieder statt. Dies geschehe durch die gemeinsame Bindung zum Führer, sowie durch eine gemeinsame Identifizierung untereinander. Da alle Mitglieder der Masse „dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt“[21] haben, entstehe eine Gleichheitsforderung, von der nur der Führer ausgeschlossen sei. Freud bezeichnet den Menschen dabei als Hordentier, welches von einem Führer angeführt würde.

Die Identifizierung in der Masse spiele dabei eine große Rolle. Da jene Identifizierung „auf regressiven Wege zum Ersatz für eine libidinöse Objektbindung“[22] werden würde. Freud stellt die Attraktivität einer Masse in dem Erleben dieser regressiven Libidobindung dar. Diese würden in der Masse vollkommen ausgelebt werden können. Freud kommt zu dem Schluss, dass, desto mehr Spannung zwischen dem Ich und dem Über-Ich (Ich-Ideal) entstehe, desto notwendiger würden regressive Libidobindungen.

3. Die Masse im Nationalsozialismus

Im Folgenden gehe ich auf die Masse im Nationalsozialismus ein. Dabei erläutere ich jene Masse an Hand von drei Philosophen. Zudem gehe ich auf grundlegende Merkmale ein, die die jeweiligen Philosophen vertreten und jene Punkte beziehe ich daraufhin auf die nationalsozialistische Masse. Das Merkmal der Suggestion in der Masse schneide ich dabei nur kurz an, da dies in dem nächsten Hauptpunkt den Untersuchungsschwerpunkt bilden wird.

Zunächst werde ich die nationalsozialistische Masse in Bezug auf Le Bon, daraufhin auf Freud und schlussendlich auf Canetti beziehen.

Dabei werde ich auf Le Bons dargestellte reduzierte Kritikfähigkeit, auf die Leitung der Gedanken und Gefühle in dieselbe Richtung, auf die Kollektivtäuschungen und auf das Schwinden der bewussten Persönlichkeit eingehen.

In Bezug auf Freud gehe ich auf die, von ihm dargestellten, regressiven Libidobindungen und die Masse-Führer-Konfiguration ein.

Bei Canetti gehe ich auf seine Ansicht einer Bindungsart der Masse zum Führer ein. Daraufhin lege ich einige Haupteigenschaften einer Masse nach Canetti dar, gehe dann auf die offene Masse, die Zerstörungssucht eben dieser und die Hetzmasse ein.

3.1. Le Bon

Die Vergemeinschaftlichung durch die Massenseele die Le Bon darstellt ist in der Masse des Nationalsozialismus gut erkennbar. So weisen die Massenindividuen unter anderem eine reduzierte Kritikfähigkeit auf. Außerdem werden Ungebildete und Gelehrte „in dem Augenblick, da sie zu einer Masse gehören, […] gleich unfähig zur Beobachtung.“[23]. Politische Aktivitäten, wie z.B. die Verbrechen an jüdischen Mitbürgern, liegen außerhalb des Bewusstseinsfeldes der Individuen in der Masse. Jene kritikwürdigen Ereignisse werden meist kaum subjektiv wahrgenommen, obwohl sie, objektiv betrachtet, für jeden sichtbar sind.[24]

[...]


[1] Le Bon, Gustave (1973): Psychologie der Masse, Stuttgart: Kröner. Insbes. S. 10.

[2] Vgl. ebd. S. 10.

[3] Vgl. ebd. S. 11.

[4] Le Bon, Gustave (1973): Psychologie der Masse, Stuttgart: Kröner. Insbes. S. 11.

[5] Vgl. ebd. S. 11.

[6] Vgl. ebd. S. 14.

[7] Vgl. ebd. S. 15.

[8] Vgl. ebd. S. 15.

[9] Vgl. ebd. S. 15.

[10] Le Bon, Gustave (1973): Psychologie der Masse, Stuttgart: Kröner. Insbes. S. 15.

[11] Vgl. ebd. S. 16.

[12] Vgl. ebd. S. 16.

[13] Vgl. ebd. S. 17.

[14] Vgl. ebd. S. 21.

[15] Freud, Sigmund: „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ in: der.: Gesammelte Werke, Frankfurt am Main u.a. 1940, S.73-161. S. 69.

[16] Vgl. ebd. S. 69.

[17] Widdig, Bernd (1992): Männerbünde und Massen. Zur Krise männlicher Identität in der Literatur der Moderne, Opladen: Westdt. Verlag. S. 116.

[18] Freud, Sigmund: „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ in: der.: Gesammelte Werke, Frankfurt am Main u.a. 1940, S.73-161.

[19] Vgl. ebd. S. 88.

[20] Vgl. ebd. S. 89.

[21] Vgl. ebd. S. 108.

[22] Vgl. ebd. S. 98.

[23] Le Bon, Gustave (1973): Psychologie der Masse, Stuttgart: Kröner. Insbes. S. 24.

[24] Marks, Stephan (2011): Warum folgten sie Hitler? Die Psychologie des Nationalsozialismus, 2. Auflage: Patmos. Insbes. S. 61.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wie zeigt sich die Suggestion der Masse im Nationalsozialismus?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Theorie der Massen
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V445665
ISBN (eBook)
9783668820937
ISBN (Buch)
9783668820944
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Massentheorie, Nationalsozialismus, Le Bon, Freud, Canetti, Suggestion, Philosophie
Arbeit zitieren
Katharina Weilmünster (Autor), 2016, Wie zeigt sich die Suggestion der Masse im Nationalsozialismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445665

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