Öffentliche Bibliotheken in Westdeutschland. Modernisierung der Bibliotheksorganisation von 1945 bis 1973


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Forschungsstand und Fragestellung

2 Auf dem Weg zur modernen öffentlichen Bibliothek
2.1 Ausgangslage der Bibliothekssituation in der Nachkriegszeit
2.2 Die Volksbücherei als Bildungsbücherei? Diskussionen um Bibliothekspädago- gik, Theken- und Freihandausleihe
2.3 Ländliche öffentliche Bibliotheken
2.4 Debatten um Bestand und Bibliothekskooperationen
2.5 Entwicklung der öffentlichen Bibliothek zur Informationsbibliothek

3 Institutionen und Verbände
3.1 Die Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken
3.2 Der Deutsche Büchereiverband

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Forschungsstand und Fragestellung

Von der Zerstörung durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg blieben auch die deut- schen Bibliotheken nicht verschont. Erhebliche Gebäudeschäden und eine beträchtli- che Anzahl zerstörter Bestände bildeten die Ausgangslage der Büchereien nach Ende des Krieges.

Die vorliegende Seminararbeit macht es sich zur Aufgabe, die Entwicklung der öf- fentlichen Büchereien nach 1945 in Westdeutschland aufzuzeichnen, die im Zuge des Aufbaus eines demokratischen Staatswesens in ihrer Bibliotheksorganisation moder- nisiert wurden. Die Ausführungen beschränken sich auf ebendiese Ursachen sowie den Verlauf der Modernisierung im Zeitraum bis 1973, da in diesem Jahr mit dem neuen Bibliotheksplan1 der Erneuerungsprozess der westdeutschen Bibliotheken nach dem Krieg als vorerst abgeschlossen betrachtet werden kann. Den Verbindun- gen der öffentlichen Bibliotheken zu internationalen Bibliotheksverbänden sowie den Veränderungen in der Ausbildung der Bibliothekare kann dabei keine Beachtung ge- schenkt werden. Bei der Anführung von bibliothekspolitischen Entscheidungen wird sich auf die im Kontext der Arbeit relevantesten beschränkt.

In der Forschung zur Bibliotheksgeschichte der öffentlichen Bibliotheken existie- ren kaum jüngere Werke. Der erste zusammenfassende Aufsatz zum Thema stammt von Thauer und Vodosek2 aus dem Jahr 1990, der in seiner Kürze jedoch nur die we- sentlichsten Beschlüsse und Entwicklungslinien aufzeichnen kann.

Um die Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Forderungen der Biblio- thekare im Zeitraum 1945 bis 1973 und den Beschlüssen und Vorschlägen von Ver- bänden darzustellen, orientiert sich die Seminararbeit an dem Aufsatz von Thauer/ Vodosek, betrachtet jedoch insbesondere zeitgenössische Quellen, die zum Beispiel in der bibliothekarischen Zeitschrift Bücherei und Bildung zahlreich zu finden sind.

Die folgenden Ausführungen erheben keinen Vollständigkeitsanspruch, das ist im Rahmen dieser Seminararbeit auch gar nicht möglich. Dennoch wird versucht, die damalige Situation mit den genannten Beschränkungen der Forschungsfrage umfas- send darzustellen. Hierzu scheint es sinnvoll, den Modernisierungsprozess – ausge- hend von der nach dem Zweiten Weltkrieg gegebenen Situation der deutschen Biblio- theken – in chronologischer Reihenfolge nachzuzeichnen, wobei ein Schwerpunkt auf die Debatten um Bestandsaufstellung und Bestandsqualität gelegt wird. Öffentliche Bibliotheken auf dem Land werden ebenso thematisiert wie die öffentlichen Biblio- theken in den Städten. Anhand der zeitgenössischen Quellen werden die Veränderun- gen der Auffassung von einer öffentlichen Bibliothek dargelegt und im Fazit in den Gesamtkontext eingeordnet.

2 Auf dem Weg zur modernen öffentlichen Bibliothek

2.1 Ausgangslage der Bibliothekssituation in der Nachkriegszeit

Aber auch die übrigen Landesbibliotheken haben schwersten Schaden erlitten, voran die Sächsische Landesbibliothek in Dresden. [...] Von der Landesbibliothek in Stuttgart über- stand nur der Verwaltungsflügel, notdürftig benutzbar, den Krieg; das Magazin wurde zer- stört. Ganz niedergebrannt sind die Gebäude der Landesbibliotheken in Darmstadt, Karls- ruhe und Kassel.3

In seinem mit erschütternden Zahlen versehenen Aufsatz zeigte Georg Leyh 1951 die Situation der Bibliotheksgebäude auf, erwähnte zahlreiche zerstörte Bestände und Kataloge. Doch wie es Rudolf Joerden 1946 darlegte, nahm das Interesse an Büchern keineswegs ab; das „Hereindrängen bisher nicht gekannter Massen von Büchereibe- nutzern, welche als Ausgebombte oder als Flüchtling ihres ganzen, von Generationen her ererbten Besitzes an Büchern beraubt sind“4, stellte sich vor allem in den ersten Nachkriegsjahren sogar als logistisches Problem dar.

Neben den erwähnten Gebäude- und Bestands- sowie Katalogschäden entwickel- ten sich in der Nachkriegszeit – bedingt durch die Besatzungszonen – Schwierigkeiten bei der Anschaffung von Büchern und Bibliographien sowie dem auswärtigen Leih- verkehr5 ; es kam zu einer zunehmenden und mit der Teilung Deutschlands schließ- lich notwendigen Spaltung des gesamtdeutschen Büchereisystems, eine zweite Natio- nalbibliothek mit einer Nationalbibliographie in Frankfurt entstand neben der exis- tierenden Deutschen Bücherei in Leipzig (der Gedanke dazu kam bereits 1946 auf der Hamburger Bibliothekartagung auf6 ). Aufgrund der Besatzungszonen und den schwierigen Lebensbedingungen wurde die Kommunikation unter den Bibliotheken erschwert, was zum Beispiel auch dazu führte, dass die Fachzeitschrift Zentralblatt für Bibliothekswesen nach drei Jahren Pause erst 19477 und die Fachzeitschrift Büche- rei und Bildung erst 1948 wieder periodisch publiziert werden konnten.8

Doch trotz der Hindernisse in den Nachkriegsjahren wurde zwei Jahre nach Kriegsende bereits eine Kommission für den Leihverkehr gewählt, die 1948 den Auf- bau eines regionalen Leihverkehrs besprach. Im Vordergrund stand dabei das Ansin- nen, den „Gebieten, welche durch den Krieg hinsichtlich der Bücherversorgung in Notstand geraten sind, im Rahmen des Möglichen zu Hilfe zu kommen.“9 Auch für den interzonalen Leihverkehr zwischen Ost- und Westzonen wurde ein Plan gefasst: Die Öffentliche Wissenschaftliche Bibliothek in Berlin sollte als Zentralbibliothek der Ost- zone für den Leihverkehr mit den Westzonen fungieren, für die Westzonen sollte die- se Rolle die Bibliothek in Marburg übernehmen.10

Ebenfalls 1948 fand die zweite Bibliothekarstagung der Westzonen in Hannover statt. Dort wurde an die Relevanz der Bibliotheken „für den geistigen Wideraufbau des deutschen Volkes“11 erinnert.

Auf der ersten Tagung 1946 in Hamburg war beschlossen worden, einen „Arbeits- ausschuß für den Deutschen Büchereiverband“12 zu gründen. Dieses Vorhaben fand 1949 seine Realisierung mit der Gründung des Vereins Deutscher Büchereiverband.

Vom Deutschen Büchereiverband wurden 1949 Daten evaluiert, denen zufolge 77% der Gemeinden in Westdeutschland keine öffentlichen Bibliotheken hatten und auf 44 Millionen Einwohner nur etwa 3,9 Millionen Bände in öffentlichen Bibliothe- ken entfielen.13 Nichtsdestotrotz fanden im Laufe der Nachkriegszeit die öffentlichen Büchereien stärkeren Zuwachs an Benutzern als die Leihbüchereien. Letztere wurden auch gewerblicher Buchverleih genannt und erhoben eine Mietgebühr oder Pfand für die Ausleihe eines Buches.14

2.2 Die Volksbücherei als Bildungsbücherei? Diskussionen um Biblio- thekspädagogik, Theken- und Freihandausleihe

Schon in den Ausgaben von 1948/1949 entbrannte in der Zeitschrift Bücherei und Bildung eine lang währende Diskussion um die Aufgaben des Volksbibliothekars der öffentlichen Bücherei. Ebenfalls zu den vielbesprochenen Themen zählte die Frage nach der unteren Grenze des Bestands einer öffentlichen Bücherei, ferner der Disput um die Einführung der Freihandausleihe sowie die Frage nach Einheits- und Bil- dungsbücherei.15

Die Verfechter des einen Standpunkts traten für die Auffassung des Bibliothekars als Volksbildner ein, die „Volksbücherei sollte ein Erziehungsinstrument im Sinne der Erwachsenenbildung bleiben.“16 Einige Bibliothekare lehnten im Zuge dieser Meinung die Freihandausleihe für öffentliche Bibliotheken ab; andere, wie beispielsweise Hans Hugelmann, waren der Ansicht, dass sich das System der Freihandaufstellung durch- aus in die volksbildnerische Tätigkeit des Bibliothekars (die bis dato mit der Theken- ausleihe realisiert werden konnte) eingliedern ließe – nach Hugelmann mithilfe eines Systems von „unaufdringlichen Führungshilfen“17.

Auch Eduard Spranger und Werner Möhring teilten den Standpunkt zu einem Volksbibliothekar, der neben der bloßen Büchervermittlung zur Volksbildung beitra- gen und beim Individualisierungsprozess der Buchausleiher helfen solle.18 Sogar der Deutsche Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen äußerte sich in seinem Rolle der deutschen öffentlichen Bibliotheken im Wandel, S. 76–77. Vgl. auch Möhring, Werner: Vom volks- bildnerischen Bemühen des Bibliothekars. In: Die gesellschaftliche Rolle der deutschen öffentlichen Biblio- theken im Wandel, S. 78–79. Vgl. auch Ackerknecht, Erwin: Zur Frage der Freihandausleihe. In: Bücherei und Bildung 2 (1949/50), S. 272–278. Titel der Zeitschrift im Folgenden abgekürzt mit BuB.

Gutachten 1960 ähnlich und zählte Volksbibliothekare zu Volksbildnern beziehungs- weise Erwachsenenbildnern. In dem Gutachten wurde zudem eine Erweiterung der bibliothekarischen Aufgaben vorgeschlagen, die auch das Organisieren von Lese- abenden, Ausstellungen, Vorträgen und Buchstudienkreisen in öffentlichen Bibliothe- ken umfassen sollte19, was im Gegensatz zur befürworteten Büchereipädagogik ein Schritt zum modernen Begriff der öffentlichen Bibliothek und ihrer Bibliothekare darstellte.

Die Meinungsgegner der „Erziehungsbücherei“ plädierten für eine bibliothekari- sche Aufgabe der Informationskommunikation. Die Rolle des Bibliothekars als Volks- bildner schien ihnen nicht länger zeitgemäß.

Joseph Höck beispielsweise erläuterte 1946 die Aufgabe der öffentlichen Biblio- thek wie folgt: „Was die Bücherei in erste Linie zu leisten vermag, ist die Buchvermitt- lung, Bildung und Erziehung können lediglich eine wünschenswerte Folge unserer Arbeit sein, nicht aber deren Ziel.“20 Im Zuge seiner Argumentation verwies er auf das Vorbild der amerikanischen und englischen Public Libraries, deren Bibliothekare Bü- cher vermittelten und den Bibliotheksbesuchern Informationen bereitstellten, jedoch keine volksbildende Tätigkeit anstrebten. Weiterhin plädierte Höck dafür, die Volks- büchereien der gesamten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und jene nicht einer „angebliche[n] Elite“21 vorzuenthalten.

Zu der moderneren Ansicht gehörte zudem die Befürwortung des Freihand- Prinzips für öffentliche Büchereien. Johannes Langfeldt – ebenfalls ein Befürworter – gab 1949 allerdings zu bedenken, dass die Freihandaufstellung der systematischen Ausbildung der Kinder in der Schule zum intelligenten Gebrauch der Bücher und Bibliotheken [bedarf]; es hängt weiter damit zusammen die Ausbildung der Le- serratgeber, die in der Freihand dem Leser ständig zur Hand gehen, und wir müssen uns klar darüber sein, daß die Freihand ein sehr schnelles Anwachsen der Besucherzahl brin- gen wird, das die Einstellung weiterer Bibliothekare bald nötig macht...22

In Bücherei und Bildung finden sich auch Erfahrungsberichte von Bibliothekaren be- züglich der Resonanz neuer Freihandbüchereien. So schilderte zum Beispiel Getrud Seydelmann aus der Bücherhalle Winterhude, dass aufgrund eines Umzugs der öf- fentlichen Bibliothek in ein anderes Gebäude die Bücherei 1946 keine Freihandaus- leihe mehr anbieten konnte (da zahlreiche Buchdiebstähle registriert wurden) und zur Thekenausleihe wechselte. Seydelmann gliederte in ihrem Bericht die Biblio- theksbenutzer in drei Gruppen: 1. die „unliterarischen, unselbständigen Stoffleser“, 2. die interessierten Leser, denen jedoch Kenntnisse fehlten, um ihre eigenen Interessen gegenüber dem Bibliothekar zu formulieren und 3. den Lesern mit genauen Vorstel- lungen bezüglich Wissensgebiet, Genre, etc.23 Ihre Beobachtungen ergaben, dass die erste Gruppe die Thekenausleihe mit der persönlichen Beratung des Bibliothekars als hilfreich und bequem empfand. Die Benutzer, die zur zweiten Gruppe gezählt werden konnten, standen der Thekenausleihe ablehnender gegenüber, wurden durch diese gehemmt, weil sie ihre Interessen gegenüber dem Bibliothekar nicht genau ausdrü- cken konnten. Die dritte Gruppe schließlich lehnte die Thekenausleihe noch entschie- dener ab, da sie sich daran gehindert sah, sich ein eigenes Bild des Bestands ihres In- teressengebietes zu machen.24 Seydelmanns Fazit lautete, dass der Bibliothekar bei der Thekenausleihe eine zentrale Rolle spielt und den Ausleiher nur perfekt bedienen könne (Bücher empfehlen, vermitteln, etc.), wenn er eine „Idealgestalt“25 sei, was je- doch auf keinen Bibliothekar zuträfe. Weiterhin sei die Thekenausleihe für das Perso- nal eine Belastung gewesen, da weitaus mehr Arbeit als bei der Freihandausleihe ent- stand. 1948 stellte sich die Bibliothek daher wieder auf Freihand um (mittlerweile war der Bestand auf 15000 Bände erweitert worden). Das Ergebnis war, dass sich die Benutzer der zweiten und dritten Gruppe merklich zufriedener mit der selbstständi- gen Suche zeigten und die Bibliothekare deutlich entlastet wurden. Gelegentlichen Fragen der Benutzer konnten die Bibliothekare sich nun wieder mit angemessener Aufmerksamkeit widmen, da die Informationstheke nicht in dem Maße wie zuvor be- ansprucht wurde. Bei fehlendem fachlichen Wissen des Bibliothekars konnten die Benutzer an das jeweilige Regal zur Selbstorientierung verwiesen werden – bei der Thekenausleihe hatte dies für die Ausleiher eine Sackgasse bedeutet. Die Gruppe eins betrachtete die Freihandaufstellung vorerst skeptisch, begrüßte jedoch die freie In- formationstheke sowie die längere Zeit, die der Bibliothekar zur Beratung erübrigen konnte. Auch die Mitglieder dieser Gruppe fanden sich in die Freihandaufstellung ein.

Seydelmann resümierte, die Freihandausleihe ermögliche ein engeres Verhältnis des Lesers zum Buch und fördere ihn in seinem Wissen.26

Ein weiterer Erfahrungsbericht stammt von Otto Engelbert 1952, in dem er von der Umstellung der öffentlichen Bibliothek eines Hamburger Vororts auf die Frei- handausleihe berichtet. Im ersten Jahr (1950 bis 1951) der Freihandbücherei stieg die Zahl der Leser um 50% und es wurden 80% mehr Bücher ausgeliehen. 1951 bis 1952 hatte die Bibliothek 77% mehr Leser und die Zahl der Entleihungen erhöhte sich um 112%. Auch Engelberts Resümee betonte zum einen den Vorteil der nicht länger ausgelasteten Bibliothekare an der Informationstheke, zum anderen die Zu- friedenheit der Benutzer mit der selbstständigen Such- und Recherchemöglichkeit in der Freihandaufstellung.27

1952 äußerte sich schließlich auch die UNESCO-Kommission zu der Auseinander- setzung. In Deutschland braucht Büchereien. Eine Denkschrift der deutschen UNESCO- Kommission hielt sie fest, die Funktion der öffentlichen Büchereien in Stadt und Land sei einerseits Aufklärungsvermittlung durch zum Beispiel Tageszeitungen und Zeit- schriften sowie die damit einhergehende Ermöglichung zur Meinungsbildung aus un- terschiedlichen Quellen. Die Kommission prononcierte den Stellenwert der Bibliothe- ken, durch deren Bestände freie Meinungsbildung, das Informieren über Kultur und Ereignisse anderer Länder sowie Fortbildungsmöglichkeiten durch insbesondere Fachzeitschriften gegeben sein sollten.28 Das Freihandbüchereiwesen gestalte sich aufgrund von Raumenge zwar schwierig, doch die Kommission verdeutlichte, es für das sinnvollste System zu halten, da Leser dadurch selbstständig werden könnten und eine Bevormundung durch den Bibliothekar, der an der Theke Lesestoff emp- fiehlt, nahezu ausgeschlossen sei.29

Leitsätze für das Öffentliche Büchereiwesen wurden 1956 auf einer Tagung der IFLA festgelegt, welche die Freihandausleihe als Mindestanforderung für eine leichte Benutzbarkeit der Bücherei verstand.30

Trotz der Richtlinien dieser angesehenen Institutionen zogen sich die Diskussio- nen um die Freihandausleihe bis in die 1960er Jahre, obwohl die Bundesrepublik En- de des Jahres 1952 bereits über 158 Freihandbibliotheken verfügte.31 So konstatierte Werner Mevissen noch 1962, die Freihandausleihe sei die „freiheitlichste Form der Büchervermittlung“, die „primär gar keine Methode der Büchervermittlung, sondern eine Form der Bücherbereitstellung und -entnahme“32 darstelle. Der Bibliotheksplan 1969 äußerte sich entgegen der Erwartungen nicht zu empfohlenen Bestandsaufstel- lungen.33

Die Betrachtung der geschilderten Entwicklung der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland darf die amerikanischen und britischen Einflüsse der Public Libraries nicht außer Acht lassen. Die Orientierung der deutschen Bibliotheken an diesen Vor- bildern ist unter anderem Zurückzuführen auf Informations- und Kulturaustausch- programme, die im Zuge der Reeducation nach dem Krieg stattfanden. Zum einen wurden in der amerikanischen Besatzungszone U. S. Information Centers errichtet, weiterhin wurden deutsche Bibliothekare in die USA eingeladen, um Aufbau und Or- ganisation der Public Libraries kennenzulernen. 34 Auch die Amerika-Gedenk- bibliothek in Berlin, deren Bau am 20. April 1951 offiziell beschlossen worden war und deren Einweihung 1954 stattfand, stellte ein bedeutendes Vorbild für moderne öffentliche Büchereien dar. Ihr Bestand vereinte Kinder- und Jugendbücher, Schöne Literatur und Fachliteratur miteinander. Die Räumlichkeiten boten Lese- und Stu- dienplätze und Freihandaufstellung in allen Abteilungen.35 Über den Einfluss der Amerika-Gedenkbibliothek auf andere deutsche Bibliotheken sagte Margaret Cha- plan:

Man muß zugeben, daß die Gedenkbibliothek zu einer Zeit gebaut wurde, als deutsche Biblio- thekare für neue Einflüsse vielleicht empfänglicher waren als gewöhnlich – die Bibliothekare mußten von Anfang an beginnen, ein neues System aufzubauen, die bisherige Lebensform mit allem, was dazu gehörte, war zusammengebrochen und in Mißkredit geraten, und fremde Ideen verschiedenen Ursprungs kamen nach Deutschland –, aber ihr Erfolg beruht auf mehr als dem Zufall von Ort und Zeit. Das Konzept der amerikanischen Public Library kommt einem Bedürfnis entgegen, und die Amerika-Gedenkbibliothek demonstriert die Durchführbarkeit eines solchen Konzepts.36

Die Auffassung einer öffentlichen Bücherei als Informationsbibliothek, wie die Ame- rika-Gedenkbibliothek und andere Public Libraries es in den USA vorlebten, prägte das Bibliotheksverständnis vor allem der deutschen Bibliothekare, die in der Diskus- sion um die Rolle der öffentlichen Bibliothek und ihres Bibliothekars die bereits ge- schilderte moderne Ansicht vertraten. Von ihnen wurde das Bild einer Informations- bibliothek weiter ausgeführt, wie in Kapitel 2.5 nachzulesen ist.

Bereits 1949 hatte Alfred Jennewein in Bücherei und Bildung ein Büchereigesetz gefordert, das Mindestanforderungen für öffentliche Bibliotheken gesetzlich festlegen sollte.37 Doch erst das oben erwähnte Gutachten des Deutschen Ausschusses Zur Situ- ation und Aufgabe der Deutschen Erwachsenenbildung von 1960 schien einem Gesetz am nächsten zu kommen.38 Trotz der immer wieder aufkommenden Forderungen nach einem Büchereigesetz, kam bis zur Wiedervereinigung 1989 für gesamt West- deutschland keines zustande.

Das Gutachten konstatierte unter anderem, dass Bildung und Selbstbildung nicht ohne Bücher auskämen, da jedoch nicht jeder über die nötigen finanziellen Mittel zur Beschaffung von Büchern verfüge, müssten Volksbüchereien für Ausleihmöglichkei- ten sorgen. Volksbüchereien betrachtete es als Volksbildungsstätten für alle Bevölke- rungsschichten und als Ergänzung zum Schulbildungswesen.

Ein wichtiger Punkt des Gutachtens sah die Zusammenarbeit der öffentlichen Bü- chereien eines Bundeslandes vor. Öffentliche Bibliotheken hätten zudem „weder die Vollständigkeit noch die Systematik der wissenschaftlichen Bücherei anzustreben, wohl aber wird sie [die öffentliche Bibliothek; M.W.] in der Lage sein müssen, Bücher aus wissenschaftlichen Büchereien zu vermitteln.“39 Der Bestand der öffentlichen Bücherei sollte nicht auf den Nachfragen der Benutzer aufgebaut werden, Wünsche könnten zwar berücksichtigt werden, doch der Bestand solle sich an den Bildungs- vorstellungen der Leiter der öffentlichen Bibliothek orientieren. Gewisse Bücher dürften nur auf Anfrage hin zur Verfügung gestellt werden (z. B. nationalsozialistische Literatur). Das Gutachten sprach sich, was den Bestand betrifft, zudem dafür aus, dass dieser auch Unterhaltungsliteratur und teilweise Fachliteratur enthalten könne. Ein Schwerpunkt im Buchbestand sei zu empfehlen, dennoch sollten „alle geistigen Mäch- te, die für die deutsche Bildung und Kultur von Bedeutung sind, in ihren wichtigsten Äußerungen vertreten sein.“40

[...]


1 Bibliotheksplan 1973. Entwurf eines umfassenden Bibliotheksnetzes für die Bundesrepublik Deutschland. Hrsg. v. Deutscher Büchereiverband. Berlin: Deutscher Büchereiverband e. V. 1973.

2 Thauer, Wolfgang/Vodosek, Peter: Geschichte der öffentlichen Bücherei in Deutschland. 2. erw. Aufl. Wiesbaden: Harrassowitz 1990.

3 Leyh, Georg: Katastrophe und Wiederaufbau der deutschen Bibliotheken. In: Libri 1 (1951), S. 219–238,

hier S. 220.

4 Joerden, Rudolf: Die Lage im Volksbüchereiwesen. In: Die gesellschaftliche Rolle der deutschen öffentli- chen Bibliotheken im Wandel 1945-1975. Ein Lesebuch. Berlin: Deutscher Bibliotheksverband 1976, S. 22.

5 Vgl. Bibliothekartagung in Hamburg vom 22.-24. Oktober 1946. Bericht über die Verhandlungen der Vertreter der wissenschaftlichen Bibliotheken aus der Britischen Zone. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 61 (1947), S. 87–93, hier S. 89–91. Titel der Zeitschrift im Folgenden abgekürzt mit ZfB.

6 Vgl. ebd., S. 89.

7 Vgl. Vorstius, Joris: Die neuen Aufgaben unseres Fachblattes. In: ZfB 61 (1947), S. 1–3.

8 Vgl. Thauer, Wolfgang/Vodosek, Peter: Geschichte der öffentlichen Bücherei in Deutschland, S. 159.

9 Widmann, Hans: Zur Wideraufnahme des auswärtigen Leihverkehrs in den Westzonen. In: ZfB 63 (1949), S. 124–128, hier S. 125.

10 Vgl. ebd., S. 125.

11 Steinborn, Erwin: Der Bibliothekartag der Doppelzone in Hannover vom 18. bis 20. Mai 1948. Bericht über den Verlauf des Bibliothekartags. In: ZfB 62 (1948), S. 175–186, hier S. 176.

12 Kuhlmann, Hans Joachim: Vom Deutschen Büchereiverband zum Deutschen Bibliotheksverband 1949 bis 1973. In: Bibliothekspolitik in Ost und West. Geschichte und Gegenwart des Deutschen Bibliotheksverban- des. Hrsg. von Georg Ruppelt. Frankfurt: Klostermann 1998, S. 5.

13 Vgl. Wilkens, Erik/ Kock, Richard: Das öffentliche Büchereiwesen in der Bundesrepublik. Stand 1948/49. Hrsg. vom Verein Deutscher Volksbibliothekare e.V. o. O., o. J., S. 1.

14 Vgl. Vosskamp, Wilhelm: Theorie der Leihbücherei. Ihr Wesen, Ihre Geschichte, ihre Gestalt. Vorträge und Aufsätze von Richard Schmidt. Dortmund: Stiftung des Verlags für die Messe-Ausstellung 1954, S. 13.

15 Vgl. Thauer, Wolfgang/Vodosek, Peter: Geschichte der öffentlichen Bücherei in Deutschland, S. 160.

16 Ebd, S. 160–161.

17 Hugelmann, Hans: Die Volksbücherei. Wesen, Aufgabe und Organisation. In: Die gesellschaftliche Rolle der deutschen öffentlichen Bibliotheken im Wandel 1945-1975. Ein Lesebuch. Hrsg. von Tibor Süle. Berlin: Deutscher Bibliotheksverband 1976, S. 65.

18 Vgl. Spranger, Eduard: Die Rolle des Buches in den verschiedenen Lebenskreisen. In: Die gesellschaftliche

19 Vgl. Zur Situation und Aufgabe der deutschen Erwachsenenbildung. Gutachten des deutschen Ausschus- ses für das Erziehungs- und Bildungswesen. In: Die gesellschaftliche Rolle der deutschen öffentlichen Biblio- theken im Wandel, S. 91–95.

20 Höck, Joseph: Zur Neuorientierung unserer Büchereiarbeit. In: Die gesellschaftliche Rolle der deutschen öffentlichen Bibliotheken im Wandel, S. 39.

21 Ebd.

22 Langfeldt, Johannes: Zur büchereipolitischen Lage. In: Die gesellschaftliche Rolle der deutschen öffentli- chen Bibliotheken im Wandel, S. 29.

23 Vgl. Seydelmann, Gertrud: Erfahrungen mit Theke und Freihand. In: BuB 1 (1948/1949), S. 153–158.

24 Vgl. ebd., S. 153–155.

25 Vgl. ebd., S. 155.

26 Vgl. ebd., S. 155–158.

27 Vgl. Engelbert, Otto: Umstellung einer Thekenbücherei auf Freihandausleihe. In: BuB 5 (1952), S. 177–179.

28 Vgl. Deutschland braucht Büchereien. Eine Denkschrift der deutschen UNESCO-Kommission. In: Die ge- sellschaftliche Rolle der deutschen öffentlichen Bibliotheken im Wandel, S. 44–48.

29 Vgl. ebd, S. 53–55.

30 Vgl. Gelderblom, Gertrud/ Breddin, Hans Harald: Leitsätze für das öffentliche Büchereiwesen. „Standards of Public Library Service“. Ein IFLA-Memorandum. In: BuB 9 (1957), S. 138.

31 Vgl. Balser, Frolinde: Zur Entwicklungsgeschichte der Freihandbücherei. In: BuB 9 (1957), S. 156.

32 Mevissen, Werner: Bibliothekar, Bibliothek und Gemeinde. In: Die gesellschaftliche Rolle der deutschen öffentlichen Bibliotheken im Wandel 1945-1975, S. 113.

33 Vgl. Bibliotheksplan. I. Entwurf für ein umfassendes Netz allgemeiner öffentlicher Bibliotheken und Bü- chereien. Hrsg. von Deutscher Büchereiverband. Berlin: Deutscher Büchereiverband 1969.

34 Vgl. Thauer, Wolfgang/ Vodosek, Peter: Geschichte der Öffentlichen Bücherei in Deutschland, S. 160.

35 Vgl. Moser, Fritz: Die Amerika-Gedenkbibliothek Berlin. Entstehung, Gestalt und Wirken einer Öffentlichen Zentralbibliothek (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen 13). Wiesbaden: Harrassowitz 1964, S. 8–34.

36 Chaplan, Margaret: Amerikanische Ideen in den deutschen öffentlichen Bibliotheken: Drei Perioden. In: Bibliotheksdienst Beiheft 73. Hrsg. von Deutschem Büchereiverband und Arbeitsstelle für Büchereiwesen. Berlin 1972, S. 29.

37 Vgl. Jennewein, Alfred: Wir brauchen ein Büchereigesetz! In: BuB 2 (1949/50), S. 495–503.

38 Vgl. Zur Situation und Aufgabe der deutschen Erwachsenenbildung. Hrsg. von Deutscher Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen. Stuttgart: Ernst Klett 1960, S. 66–70.

39 Ebd., S. 67.

40 Ebd., S. 68.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Öffentliche Bibliotheken in Westdeutschland. Modernisierung der Bibliotheksorganisation von 1945 bis 1973
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Weltliteratur und schriftorientierte Medien)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V446051
ISBN (eBook)
9783668822573
ISBN (Buch)
9783668822580
Sprache
Deutsch
Schlagworte
öffentliche, bibliotheken, westdeutschland, modernisierung, bibliotheksorganisation
Arbeit zitieren
Melina Wendt (Autor), 2018, Öffentliche Bibliotheken in Westdeutschland. Modernisierung der Bibliotheksorganisation von 1945 bis 1973, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446051

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