Die Auseinandersetzung mit der Sprache in Hofmannsthals "Ein Brief" und "Die Briefe des Zurückgekehrten"

Eine vergleichende Analyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Inhalt der Kurzprosawerke
2.1 Ein Brief
2.2 Die Briefe des Zurückgekehrten

3 Ein Brief und Die Briefe des Zurückgekehrten in Vergleichsanalysen nach inhaltlichen und stilistischen Merkmalen
3.1 Wahrnehmungs- und Bewusstseinserfahrungen
3.2 Ansprechen der Sprachunfähigkeit
3.3 Metaphorische und ausdrucksstarke Sprache
3.4 Folgen der Bewusstseinsveränderung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Wir haben kein anderes Gesetz als die Wahrheit, wie jeder sie empfindet.“1

Diese Aussage Hermann Bahrs, die er 1890 in seinem Essay über die moderne Literatur der Jahrhundertwende traf, schließt sich den Beobachtungen von Philosophen des 19. Jahr- hunderts an, die sich mit Wahrnehmung und Sprache beschäftigten. Bereits 1872/73 analy- sierte Nietzsche, dass den Begriffen unserer Sprachen der Bezug auf das „individualisierte

Urerlebnis“ fehle, und dass Wahrheit, die der Mensch als Wahrheit erachte, nur ein Scheinbild sei.2 Seine Theorie wurde 1901 von Fritz Mauthner fortgeführt, der der Ansicht war, Wörter könnten Stimmungen projizieren, doch keine Erkenntnis darlegen. Die Indivi- dualsprache eines Menschen bilde sein individuelles Denken ab, das wiederum die Wirk- lichkeit individuell betrachte und somit zu einer falschen Wahrheit gelange.3 Auch Ernst Mach stellte 1885 eine Wahrnehmungstheorie auf, in der er das „Ich“ nicht mehr als Ein- heit, sondern als Zusammenstellung von Wahrnehmungen und sich wandelnden Empfin- dungen darstellte.4 Vor dem Hintergrund dieser neuen sprachphilosophischen und Wahr- nehmungstheorien (und der sich immer schneller verändernden Umwelt des Individuums) erkannte Hermann Bahr, dass es an der Zeit für einen neuen Literaturstil sei, der nicht – wie es im Naturalismus noch der Fall war – die objektive Wahrnehmung thematisiere, son- dern die subjektive in den Vordergrund rücken solle.5 Die neuen Anschauungen drängten viele Literaten jedoch in eine Sprachkrise, die sich in keinem literarischen Werk so ein- dringlich niederschlägt wie in Hugo von Hofmannsthals Ein Brief von 1902, in dem die Sprache als Ausdrucksmittel kritisiert und die daraus folgende Identitäts- und Wahrneh- mungskrise dargestellt wird. 1907 folgte ein weiteres Prosawerk, das Hofmannsthal gleich- sam in Briefform verfasste: Die Briefe des Zurückgekehrten thematisieren ebenfalls Wahr- nehmungs- und Sprachproblematik.

Da in der Forschungsliteratur bisher zahlreiche Analysen des Briefs vorzufinden sind, sich dagegen deutlich weniger mit den Briefen des Zurückgekehrten auseinandergesetzt wird und bei letztgenanntem nur spärlich die Aspekte der Sprachskepsis analysiert werden, stellt sich die vorliegende Seminararbeit der Frage: Auf welche Weise thematisieren die beiden Werke Hofmannsthals die Sprach- und Wahrnehmungskrise, inwiefern kommt die- se auch stilistisch zum Ausdruck? Aufgrund des vorgesetzten Rahmens finden autobiogra- fische Bezüge und der historische Kontext zur Entstehungszeit der Texte wie auch der re- alhistorische Bezug der Erzählungen nur am Rande Beachtung; die Analyse beschränkt sich auf die werkimmanenten Darstellungsweisen einer Sprachkrise, die mit einer Wahr- nehmungskrise einhergehen, und betrachtet diese im Vergleich.

2 Inhalt der Kurzprosawerke

2.1 Ein Brief

In Hofmannsthals Ein Brief 6 (auch Chandos-Brief genannt) erklärt Philipp Lord Chandos seinem Freund Francis Bacon, warum er seit einiger Zeit keine literarischen Werke mehr verfasst und begründet dies mit seiner geistigen Veränderung, die ihm seine eigenen bishe- rigen Werke fremd vorkommen lässt und ihn an aufeinander bezogenen Gedanken und zusammenhängendem Sprechen hindert. Dies erschwert ihm, mit seiner Familie und sei- nem Umfeld so zu kommunizieren, wie es für normal erachtet wird. Weiterhin empfindet Chandos die Welt und die Menschen in seiner Umgebung nicht mehr als Einheit, sondern kann sie nur noch als einzelne Teile betrachten. Seltene Lichtblicke in seinem Leben stel- len Beobachtungen dar, die sich auf kleine Tiere oder Gegenstände, wie zum Beispiel eine Gießkanne, richten und dem Protagonisten Unendlichkeit und Welterkenntnis vermitteln. Doch bekennt er selbst, dass es ihm unmöglich ist, das Gefühl bei solchen Beobachtungen in Worte auszudrücken, die seinen Empfindungen gerecht werden. Am Ende des Briefs erzählt Chandos, trotz seiner neuen Wahrnehmung im Alltagsleben zurechtzukommen, auch wenn er niemandem von seiner Veränderung berichtet hat, und weist darauf hin, nie wieder in irgendeiner Sprache literarisch schreiben zu können.

2.2 Die Briefe des Zurückgekehrten

Die Briefe des Zurückgekehrten 7 sind auf das Jahr 1901 datiert, gliedern sich in fünf Briefe, deren Adressat unbekannt bleibt, und handeln von dem Protagonisten, der nach jahrelan- gem Auslandsaufenthalt in verschiedenen Ländern wieder nach Deutschland zurückkehrt. Die Deutschen kommen ihm fremd vor und anders, als er sie in Erinnerung hatte, was er damit begründet, dass jeder Einzelne in sich keine Einheit mehr darstellt. Auch kann er ihr Wesen nicht aus ihrem Aussehen und Habitus herauslesen; seine Lebensweisheit, the who- le man must move at once, trifft auf die Deutschen, wie er sie vorfindet, nicht länger zu. Vor einer wichtigen geschäftlichen Konferenz, befindet sich der Protagonist in einem ver- änderten Zustand, er betrachtet einen Wasserkrug, der ihm mit einem Mal gespenstisch vorkommt. Ähnlich ergeht es ihm mit Droschken oder Bäumen. Sein Umhergehen in der Stadt, in der die Konferenz stattfinden soll, führt ihn zu einer Gemäldeausstellung, in der er Bilder Van Goghs betrachtet, deren Farben und transportierte Gefühle ihn wieder Herr über seinen Verstand werden lassen, sodass er auf der Konferenz einen erfolgreichen Ver- trag für sein Unternehmen aushandeln kann. Im letzten Brief versucht er, dem Adressaten des Briefs zu erläutern, was die Bilder in ihm ausgelöst haben, muss jedoch feststellen, dass die Sprache dazu ungenügend ist. Dennoch erläutert er – mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen – seine Veränderung.

3 Ein Brief und Die Briefe des Zurückgekehrten in Vergleichsanalysen nach inhaltlichen und stilistischen Merkmalen

3.1 Wahrnehmungs-und Bewusstseinserfahrungen

Ausgehend von seinem im ersten Brief erwähnten Aphorismus „the whole man must move at once“8 erlebt der nach Deutschland Zurückgekehrte eine Enttäuschung, denn die Deut- schen sind aus seiner Sicht nicht länger „aus einem Guß“ und „eins in sich selber“; „[u]nd mit ihren Reden gehts mir wie mit ihren Gesichtern. Auch da ist etwas so Prekäres, so et- was Unsicheres. Auch da ist mir immer, als könnten sie auch etwas anderes sagen, und als wäre es gleichgiltig, ob sie dies oder jenes gesagt hätten.“9 Seine Wahrnehmungs- und Sprachkrise erfolgt aus dieser Erfahrung heraus, da er das heutige Bild der Deutschen mit seinem früheren Bild von ihnen vergleicht und keine Ähnlichkeiten finden kann. Seine frühere Ansicht der Deutschen gründet sich auf die Kenntnis von Kupferstichen Dürers, die Deutschland abbilden, und seiner Lebenswelt in Österreich, wo er seine Kindheit ver- brachte: „Es war alles anders in den alten Bildern als in der Wirklichkeit vor meinen Au- gen: aber es klaffte kein Riß dazwischen.“10 Die Kritik des Zurückgekehrten an den Deut- schen führt dazu, dass er „seine eigene Identität in Frage stellt“11, wodurch es zu seiner Wahrnehmungskrise kommt.

Eine darauf aufbauende Wahrnehmungserfahrung beginnt mit dem Bewusstwerden des „Nicht-Lebens“12, das sich aus den Blicken des Zurückgekehrten ergibt, die an alltäglichen Gegenständen oder Bäumen hängen bleiben.13 In dieser Verfassung muss der Zurückge- kehrte an einer geschäftlichen Konferenz teilnehmen und geht, um sich abzulenken, in eine Gemäldeausstellung. Das Betrachten der Bilder Van Goghs bildet den Höhepunkt dieser Wahrnehmungserfahrung. Die Bilder stellen sich dem Zurückgekehrten als Einheit dar und bilden dadurch einen Gegensatz zu den Deutschen. Gleichzeitig sieht der Zurückgekehrte einen Kontrast zwischen „dem furchtbaren Chaos des Nichtlebens“14 und der Kunst, wel- che die Wirklichkeit der Moderne nicht länger abbilden kann.15 Seine Wahrnehmungser- fahrung beschreibt der Zurückgekehrte im vierten Brief wie folgt:

[...] wie mir diese Sprache in die Seele redete, die mir die gigantische Rechtfertigung der seltsamsten unauflösbarsten Zustände meines Innern hinwarf, mich mit eins begreifen machte, was ich in unerträgli- cher Dumpfheit zu fühlen kaum ertragen konnte – und hier gab eine unbekannte Seele von unfaßbarer Stärke mir Antwort, mit einer Welt mir Antwort!16

Im fünften Brief greift der Protagonist das Erlebnis der Bilder wieder auf und bringt dabei seine Faszination über die Farben zum Ausdruck, die „eine um der andern willen lebten [...] und [ich; M.W.] konnte in dem allem ein Herz spüren, die Seele dessen, der das ge- macht hatte[...].“17 Hier wird ersichtlich, dass das Farbenerlebnis dem Zurückgekehrten genau das zeigt, was er an den Deutschen vermisst, deren Seele in ihrem Habitus nicht zum

Vorschein kommt. Die positive Wahrnehmungserfahrung verdrängt jedoch nicht die Sprachskepsis, noch immer reicht dem Zurückgekehrten die Sprache nicht zu einer zufrie- denstellenden Beschreibung aus: „Farbe. Farbe. Mir ist das Wort jetzt armselig. Ich fürchte, ich habe mich Dir nicht erklärt, wie ich möchte.“18

Die Wahrnehmungserfahrungen des Lord Chandos sind ebenso kontrastiert wie die des Zurückgekehrten. Chandos‘ ursprüngliche Wahrnehmung der Welt bildet „eine große Ein- heit“19, sie unterscheidet nicht zwischen Individuum und Kollektiv; die mit der objektiven Weltsicht zusammenhängende „weltvereinende Sprache versagt vor der Wirklichkeit des Ich und führt zur Vereinsamung, weil sie nur das Gemeinsame sucht und das ‚Tiefste‘ der Individualität nicht sagbar macht [H. i. O.].“20

Im Gegensatz zum Zurückgekehrten, auf dessen Wahrnehmungserfahrung erst die Sprachkrise folgt, geht Chandos‘ neuer differierter Wahrnehmung seine Sprachkrise voraus, die in fehlendem Urteilsvermögen und der Unfähigkeit, alltägliche Angelegenheiten zu besprechen, sichtbar wird.21 Seine Wahrnehmungserfahrung hat er schließlich nach seiner Anordnung, in einem Keller einer seiner Höfe Rattengift ausstreuen zu lassen:

Da, wie ich im tiefen, aufgeworfenen Ackerboden Schritt reite [...], tut sich mir im Innern plötzlich die- ser Keller auf, erfüllt mit dem Todeskampf dieses Volks von Ratten. Alles war in mir: die mit dem süß- lich scharfen Geruch des Giftes angefüllte kühldumpfe Kellerluft und das Gellen der Todesschreie, die sich an modrigen Mauern brachen [...]22

Diese und weitere Wahrnehmungserfahrungen tauchen irregulär auf und betreffen alltägli- che Gegenstände oder Tiere und haben zur Folge, dass Chandos‘ „erlebende[s] und be- obachtende[s] Ich“ 23 different sind. Ähnlich wie bei dem Zurückgekehrten ist Chan- dos‘ Darstellung der Wahrnehmungserfahrung durchzogen von Zweifeln an der eigenen Ausdrucksfähigkeit, von Zweifeln daran, dass die Sprache das „innere Sehen“, welches

„frei von rationalistischen Ursächlichkeiten“24 ist, nicht wiedergeben kann.

3.2 Ansprechen der Sprachunfähigkeit

Im Chandos-Brief tritt das direkte Ansprechen der Sprachunfähigkeit und des damit ver- bundenen, veränderten Zustands des Protagonisten besonders deutlich hervor. Als „Übel“,

„Sonderbarkeit“, „Unart“ und „Krankheit meines Geistes“ 25 beschreibt Chandos seine

Sprachunfähigkeit in einer Erläuterung an seinen Freund Bacon. Sein Geist sei „in dieses

Äußerste von Kleinmut und Kraftlosigkeit zusammen[gesunken].“26 Erst nach einer weit- schweifigen Erinnerung an die literarischen Werke, die er ursprünglich geplant hatte zu verfassen, bringt Chandos es auf den Punkt: „Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden ge- kommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“27

Die Entwicklung von Chandos‘ Sprach- und Wahrnehmungskrise wird von ihm genau beschrieben und beginnt mit seinem schwindenden Urteilsvermögen und dem bedenkenlo- sen Aussprechen von Wörtern wie „Seele“. Er kann nicht mehr um sich herum mit dem

„vereinfachenden Blick der Gewohnheit“ betrachten: „Es zerfiel mir alles in Teile, die Tei- le wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen.“28 Nach seiner Schilderung über die Momente, in denen ihm aus Gegenständen und kleinen Kreaturen die Unendlichkeit offenbar wird, spricht er ebenfalls seine Unfähigkeit, dies in Worten auszu- drücken, an.29

Da der Protagonist in den Briefen des Zurückgekehrten seine Sprachkrise in existenziel- ler und nicht literarischer Form durchlebt und diese nicht als „Sprachbegriffsdiskussi- on“ wie bei Chandos abbildet30, trifft er im Gegensatz zu Chandos nur eine eindeutige Aussage, die eine Selbsterkenntnis seiner Sprachproblematik zeigt: „[...] Du siehst, ich quäle mich zurück in den Gebrauch einer Kunstsprache, die mir in zwanzig Jahren fremd genug geworden ist.“31 Ein Unterschied zwischen den Problematiken der Briefschreiber, die sich im Ansprechen ihrer Sprachunfähigkeit offenbaren, besteht darin, dass Chandos die Sprache nicht dazu genügt, seine Bewusstseinsbilder in treffenden Worten auszudrü- cken:

[...] ich könnte dann ebensowenig in vernünftigen Worten darstellen, worin diese mich und die ganze Welt durchwebende Harmonie bestanden und wie sie sich mir fühlbar gemacht habe[...] über diese Fi- gur zwingt mich ein unnennbares Etwas in einer Weise zu denken, die mir vollkommen töricht erscheint, im Augenblick, wo ich versuche sie in Worten auszudrücken.32

Der Zurückgekehrte findet sich zwar in einem ähnlichen Zwiespalt wieder:

Meine Begriffe sind mir über dem wirklichen Ansehen in diesen vier Monaten verlorengegangen, und ich weiß nicht, was an ihre Stelle getreten ist: ein zerspaltenes Gefühl von der Gegenwart, eine zerstreu- te Benommenheit, eine innere Unordnung, die nahe an Unzufriedenheit ist – und fast zum erstenmal im Leben widerfährt mirs, daß ein Gefühl von mir selbst sich mir aufdrängt.33

Doch im Gegensatz zu Chandos stellt der Zurückgekehrte „die Möglichkeit sinnhaften Sprechens niemals in Frage.“34

Beiden Briefschreibern gemein ist, dass sie immer wieder direkte Hinweise auf ihre Sprachproblematik hervorheben. Bei Chandos etwa, wenn er die „belebende[n] Augenbli- cke“ zu erklären versucht: „die Worte lassen mich wiederum im Stich.“35 Der Zurückge- kehrte findet noch häufiger Formulierungen wie „Nein, meine ungeschickte Sprache sagt Dir wieder nicht die Wahrheit meines Gefühls“ wie auch „Besser kann ich es Dir nicht sagen, so gerne ich möchte.“36

Beide Briefschreiber sprechen zudem an, die ideale Sprache – derer sie nicht mächtig sind, wie sie beide eingestehen – könnte ihre inneren Bilder und Gedanken in Worten aus- drücken, woran ihre jetzige Sprache scheitert.37

Der Ursprung der Sprachkrise liegt beim Zurückgekehrten in der Differenz von Erinne- rung bzw. Vorstellung gegenüber der Realität der Deutschen; bei Chandos entspringt die Sprachproblematik seiner Besinnung auf die eigene Individualität.

3.3 Metaphorische und ausdrucksstarke Sprache

Obwohl Chandos in seinem Brief über das Ungenügen der Sprache klagt, gelingt es ihm mittels bildreicher Sprache seine Erfahrungen zu explizieren, womit er seine Sprachkrise teilweise bereits löst, wie in der Sekundärliteratur einheitlich festgehalten wird.38 Sabine Schneider bezeichnet die Sprache des Lord Chandos als „literarisch äußerst produktive und semiotisch folgenreiche Poetologie des inneren Sehens, der endogenen Bilder des Bewußt- seins.“39

Einerseits setzt Chandos die metaphorische Sprache ein, um seine Sprachkrise zu erklä- ren: „Wie soll ich es versuchen, Ihnen diese seltsamen Qualen zu schildern, dies Empor- schnellen der Fruchtzweige über meinen ausgereckten Händen, dies Zurückweichen des murmelnden Wassers vor meinen dürstenden Lippen?“40 Andererseits helfen ihm Meta- phern und Bildlichkeit insbesondere bei der Darstellung seiner belebenden Augenblicke und Gedanken:

Und das Ganze ist eine Art fieberisches Denken, aber Denken in einem Material, das unmittelbarer, flüssiger, glühender ist als Worte. Es sind gleichfalls Wirbel, aber solche, die nicht wie die Wirbel der Sprache ins Bodenlose zu führen scheinen, sondern irgendwie in mich selber und in den tiefsten Schoß des Friedens.41

Chandos‘ Sprachkrise hat also den Effekt, dass er, um diese zu erklären, mit der Sprache Bilder erzeugt, die der Adressat seines Briefes verstehen kann.42

Den von Zweifeln an der eigenen Ausdrucksfähigkeit durchzogenen Briefen des Zu- rückgekehrten gelingt es ebenfalls, die Bewusstseinsbilder und -erfahrungen verständlich zu machen. Wie beim Chandos-Brief auch setzt die literarische Form des Briefes bereits eine Mitteilungskompetenz voraus, die das „literarische Sprachvertrauen“ des Zurückge- kehrten verdeutlicht.43 Die Briefe zeichnen sich aus durch zahlreiche bildliche, aus der realen Lebenswelt entlehnte Vergleiche (zu Menschen, Tieren, Gegenständen aus den Län- dern, in denen er zuvor war), die vor allem dann auftreten, wenn der Zurückgekehrte das, was ihn an den Deutschen stört, exemplifiziert.44 Die Bilder Van Goghs und der Eindruck, die sie auf ihn machen, beschreibt der Zurückgekehrte mit ausdrucksstarker und metapho- rischer Sprache:

Mir war zumut wie einem, der nach unangemessenem Taumel festen Boden unter den Füßen fühlt und um den ein Sturm rast, in dessen Rasen hinein er jauchzen möchte. In einem Sturm gebaren sich vor meinen Augen, gebaren sich mir zuliebe diese Bäume, mit den Wurzeln starrend in der Erde, mit den Zweigen starrend gegen die Wolken, in einem Sturm gaben diese Erdrisse, diese Täler zwischen Hügeln sich preis, noch im Wuchten der Felsblöcke war erstarrter Sturm.45

Somit stellt sich auch beim Zurückgekehrten das Resultat seiner Sprachskepsis als frucht- bar für seine Sprachverwendung heraus; auch er erzeugt sprachliche Bilder, bildhafte Ver- gleiche, die dem Adressaten seiner Briefe die Wirkung der Gemälde verständlich machen.

3.4 Folgen der Bewusstseinsveränderung

Während den Zurückgekehrten die Wahrnehmungserfahrung der Gemälde Van Goghs zu beruflichem Erfolg führt46, gerät Lord Chandos durch seine veränderte Wahrnehmung in Einsamkeit47, weil sie bei ihm stärker mit der Sprachkrise verknüpft ist. Beide Briefschrei- ber können durch ihre Bewusstseinsveränderung ihre Sprachkrise nicht vollständig über- winden; die Suche nach einer neuen Sprache, welche die „stummen Dinge“48 zum Aus- druck bringen könnte, bleibt. Doch wirkt der Zurückgekehrte am Ende seines letzten Briefs hoffnungsvoller als Chandos, denn er möchte sich trotz seiner Bewusstseinsveränderung nicht von den Menschen entfernen.49 Für Lord Chandos hingegen steht fest, niemals wie- der literarisch zu schreiben, und er kündigt an, sein Brief an Bacon sei der vermutlich letz- te.50 Beide Briefschreiber registrieren ihre bildhafte und verständliche Ausdrucksweise also selbst nicht bzw. sie genügt ihnen nicht für das Mitteilen ihrer inneren Bilder.

[...]


1 Bahr, Hermann: Die Moderne. In: Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Hg. v. Gotthart Wunberg unter Mitarbeit v. Johannes J. Braakenburg. Stuttgart: Reclam, 2000, S. 191.

2 Vgl. Sarah Scheibenberger: Kommentar zu Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne. In: Historischer und kritischer Kommentar zu Friedrich Nietzsches Werken. Hg. v. Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Band 1/3. Berlin/Boston: De Gruyter, 2016 (Drucktext auf S. 65–78).

3 Vgl. Mauthner, Fritz: Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd.1: Zur Sprache und zur Psychologie. Unge- kürzte Ausgabe. Frankfurt/Berlin/Wien: Ullstein, 1982.

4 Vgl. Mach, Ernst: Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Psychischen zum Physischen. Nachdr. der 9. Aufl. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1991.

5 Vgl. Bahr, Hermann: Die Moderne, S. 189–190.

6 Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief. In: Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Hg. v. Gotthart Wunberg u. M. v. Johannes J. Braakenburg. Stuttgart: Reclam, 2000, S. 431–444.

7 Hofmannsthal, Hugo von: Die Briefe des Zurückgekehrten. In: Hugo von Hofmannsthal. Gesammelte Wer- ke in Einzelausgaben. Prosa II. Hg. v. Herbert Steiner. Frankfurt: S. Fischer, 1959, S. 279–310.

8 Hofmannsthal, Hugo von: Die Briefe des Zurückgekehrten, S. 281.

9 Ebd., S. 286–290.

10 Ebd., S. 295.

11 Schneider, Sabine: „Die Briefe des Zurückgekehrten“ (1907/08). In: Hofmannsthal-Handbuch. Hg. v. Ma- thias Mayer, Julian Werlitz. Stuttgart: J. B. Metzler, 2016, S. 330.

12 Hofmannsthal, Hugo von: Die Briefe des Zurückgekehrten, S. 299.

13 Vgl. ebd.

14 Ebd., S. 303.

15 Vgl. Steiner, Uwe C.: Die Zeit der Schrift. Die Krise der Schrift und die Vergänglichkeit der Gleichnisse bei Hofmannsthal und Rilke. München: Fink Verlag, 1996, S. 309.

16 Hofmannsthal, Hugo von: Die Briefe des Zurückgekehrten, S. 304.

17 Ebd.

18 Ebd., S. 309.

19 Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief, S. 435.

20 Wittman, Lothar: Sprachthematik und dramatische Form im Werke Hofmannsthals. Stuttgart u.a.: W. Kohlhammer GmbH, 1966 (Studien zur Poetik und Geschichte der Literatur; Band 2), S. 61–62.

21 Vgl. Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief, S. 436.

22 Ebd., S. 439.

23 Bürger, Christa: Hofmannsthal und das mimetische Erbe. In: Die Modernisierung des Ich. Studien zur Subjektkonstitution in der Vor- und Frühmoderne. Hg. v. Manfred Pfister. Passau: Rothe, 1989, S. 224.

24 Grimm, Siglinde: Sprache der Existenz. Rilke, Kafka und die Rettung des Ich im Roman der klassischen Moderne. Tübingen/Basel: Francke Verlag, 2003, S. 101–103.

25 Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief, S. 433.

26 Ebd., S. 435.

27 Ebd., S. 436.

28 Ebd., S. 437.

29 Vgl. ebd., S. 439.

30 Vgl. Göttsche, Dirk: Die Produktivität der Sprachkrise in der modernen Prosa. Frankfurt a. M.: Athenäum, 1987 (Hochschulschriften Literaturwissenschaft; Band 84), S. 104.

31 Hofmannsthal, Hugo von: Die Briefe des Zurückgekehrten, S. 280.

32 Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief, S. 441–443.

33 Hofmannsthal, Hugo von: Briefe des Zurückgekehrten, S. 279.

34 Göttsche, Dirk: Die Produktivität der Sprachkrise in der modernen Prosa, S. 104.

35 Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief, S. 438.

36 Hofmannsthal, Hugo von: Die Briefe des Zurückgekehrten, S. 282–285.

37 Vgl. ebd., S. 307 sowie Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief, S. 444 (der Zurückgekehrte bezeichnet, was sie beide mit keiner vorhandenen Sprache beschreiben können, als „innerliche wortlose Gewißheiten“; Chan- dos als „stumme Dinge“).

38 Vgl. Riedel, Wolfgang: Homo Natura. Literarische Anthropologie um 1900. Berlin, New York: de Gruyter, 1996, S. 5. Vgl. auch Göttsche, Dirk: Die Produktivität der Sprachkrise in der modernen Prosa, S. 95. Vgl. auch Fähnders, Walter: Das Wort – Destruktion und Neukonzeption zwischen Jahrhundertwende und histori- scher Avantgarde. In: Krise und Kritik der Sprache. Literatur zwischen Spätmoderne und Postmoderne. Hg. v. Reinhard Kacianka, Peter V. Zima. Tübingen/Basel: A. Francke, 2004, S. 107.

39 Schneider, Sabine: Das Leuchten der Bilder in der Sprache. Hofmannsthals medienbewußte Poetik der Evidenz. In: Hofmannsthal. Jahrbuch zur europäischen Moderne. 11/2003, S. 209.

40 Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief, S. 436.

41 Ebd., S. 443.

42 Vgl. Schwering, Gregor: ‚Sprachkrise‘ um 1900? Friedrich Nietzsche und Hugo von Hofmannsthal. In: Nietzscheforschung. Jahrbuch der Nietzsche-Gesellschaft. Berlin/Boston: De Gruyter, 2011, S. 73.

43 Vgl. Göttsche, Dirk: Die Produktivität der Sprachkrise in der modernen Prosa, S. 109.

44 Vgl. Hofmannsthal, Hugo von: Die Briefe des Zurückgekehrten, S. 291.

45 Ebd., S. 304.

46 Vgl. Hofmannsthal, Hugo von: Die Briefe des Zurückgekehrten, S. 305.

47 Vgl. Schwering, Gregor: ‚Sprachkrise‘ um 1900?, S. 72.

48 Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief, S. 444.

49 Vgl. Hofmannsthal, Hugo von: Die Briefe des Zurückgekehrten, S. 309.

50 Vgl. Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief, S. 444.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Auseinandersetzung mit der Sprache in Hofmannsthals "Ein Brief" und "Die Briefe des Zurückgekehrten"
Untertitel
Eine vergleichende Analyse
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V446052
ISBN (eBook)
9783668822634
ISBN (Buch)
9783668822641
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auseinandersetzung, sprache, hofmannsthals, brief, briefe, zurückgekehrten, eine, analyse
Arbeit zitieren
Melina Wendt (Autor), 2018, Die Auseinandersetzung mit der Sprache in Hofmannsthals "Ein Brief" und "Die Briefe des Zurückgekehrten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446052

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