Die beiden Grenadiere. Vertonung von Robert Schumann und Richard Wagner im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

17 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Entstehungshintergrund
2.1 Robert Schumann:
2.2 Richard Wagner

3. Analyse und Vergleich der Vertonungen an ausgewählten Stellen
3.1 Sechste und siebte Strophe
3.2 Marseillaise
3.3 Schlusstakte

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nachdem Richard Wagner – aller Voraussicht nach durch den Verleger Maurice Schlesinger[1] – von Schumanns Vertonung der „beiden Grenadiere“ in Erfahrung gebracht worden ist, schrieb er diesem im Dezember des Jahres 1840:

„Ich höre, daß Sie die Heineschen Grenadiere componiert haben, und daß zum Schluß die ‚Marseillaise‘ darin vorkommt. Vorigen Winter habe ich sie auch componiert, und zum Schluß auch die ‚Marseillaise‘ angebracht. Das hat etwas zu bedeuten! [...].[2]

Was genau hat es zu bedeuten hat und was veranlasste die beiden Komponisten, die Marseillaise in ihre jeweiligen Vertonungen unterzubringen? Dieser Frage soll unter anderem in der hier vorliegenden Seminararbeit nachgegangen werden.

Zweck dieser Arbeit soll es insbesondere sein, das jeweilige Textverständnis der Komponisten Robert Schumann und Richard Wagner von Heinrich Heines Ballade „Die Grenadiere“ näher zu beleuchten. Damit verbunden werde ich untersuchen, welcher musikalischen Mittel sich die Komponisten bedienten, um ihrer jeweiligen Textauslegung gerecht zu werden.

Zunächst werde ich den Entstehungshintergrund der Kompositionen erläutern. Die darauffolgende Analyse erfolgt an ausgewählten Stellen, allen voran in der 6. und 7. Strophe, der Marseillaise und den damit verknüpften Schlusstakten. Nichtsdestotrotz werde ich im Gliederungspunkt 3.2 (Marseillaise) einen Exkurs in Takte außerhalb des Marseillaiseabschnittes unternehmen.

2. Entstehungshintergrund

2.1 Robert Schumann:

Schumann ist am 8. Juni des Jahres 1810 in Zwickau, im damaligen Königreich Sachsen, zur Welt gekommen. Er war drei Jahre alt, als die Völkerschlacht bei Leipzig stattgefunden hat und war im fünften Lebensjahr, als Napoleon bei Waterloo besiegt wurde.

Bereits in seinen jungen Jahren entwickelte Schumann eine Affinitaet zu Napoleon. So beschäftigte er sich bereits 1823 (und auch 1845 ein weiteres Mal) mit der St.Helena-Literatur, den Memoiren über Napoleon, welche von dessen Kammerherren Compte Emanuel de Las Cases verfasst wurden.[3] Seine Napoleonverehrung wird insbesondere in den Briefen an seine Mutter deutlich: 1826 schreibt Schumann in einem an seine Mutter adressierten Brief, dass über seinem Schreibtisch sowohl ein Bild des Vaters, als auch von Napoleon hänge.[4] In einem weiteren Brief an seine Mutter erinnert er sie an Napoleons Todestag.[5]

Im Mai des Jahres 1828 kommt es zu einer Begegnung zwischen Heinrich Heine und Schumann in München. Bei diesem Zusammentreffen drehen sich die Gespräche hauptsächlich um die Persönlichkeit des Napoleon. Heine befand sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Napoleonverehrung und dementsprechend gab er in den Gesprächen mit Schumann einen positiven Ton vom ehemaligen Kaiser von sich.[6]

Einen Eindruck des stattgefunden Treffen lässt sich in einem Brief von Schumann an Dr. von Kurrer, einem Freund seines Vaters, wiederfinden. In diesem Schreiben bringt Schumann mit großer Leidenschaft Heines Gedanken zu Napoleon zum Ausdruck.[7] So schreibt Schumann:

Ach! Du mein Gott—wer wird denn einmal unsern europäischen Augiasstall wenigstens von dem obskuranten Pfaffen- Pabstthum reinigen? Der größte Mann aller Jahrhunderte, der herrliche Napoleon, hat es angefangen—aber er konnte es nicht vollenden. [8]

Aus diesem Brief von Schumann an Dr. von Kurrer lässt sich zudem noch die Information entnehmen, dass Schumann die von Heine verfasste Schrift „Ideen. Das Buch Le Grand“ gekannt haben muss.[9] Dass diese von großer Relevanz für die Vertonung der „beiden Grenadier“ ist, wird im weiteren Verlauf der Arbeit sichtbar (siehe 3.2 Marseillaise).

Am 12.Mai 1840 komponierte Schumann Heines „Grenadiere“. An jenem Tage wurde der Beschluss gefasst, dass Napoleons Leiche von St. Helena nach Paris überführt werden soll. Da Schumann über die Presse gut informiert war, kann angenommen werden, dass er über dieses Ereignis aufgeklärt war. Somit liegt es nahe, dass die Überführung der Leiche den Impuls zur Vertonung von Heines Ballade auslöste.[10]

Ein weiterer Anlass zur Komposition könnte Schumanns umfassende Auseinandersetzung mit der Gattung des Klavierlied im gleichen Jahr sein.[11] So vertonte er im Jahre 1840 neben den „beiden Grenadieren“ auch Texte des Liederkreises op.24 und Gedichte der Dichterliebe op.48. Bei Letzteren handelt es sich ebenfalls um Vertonungen von Gedichten des Lyrikers Heinrich Heine.

2.2 Richard Wagner

Die Vertonung durch Richard Wagner erfolgte ebenfalls im Jahre 1840, allerdings etwas früher, im Winter.[12] Wagner hielt sich in jener Zeit in Paris auf, nachdem er 1839 vor seinen Gläubigern aus Riga geflüchtet ist.[13] In Paris, dem „Mekka der Oper“, versuchte Wagner sich zum Erfolg durchzuschlagen, was ihm allerdings misslingte.[14] Nichtsdestotrotz lernt er in diesem Zeitraum zwischen 1839-1842 seine persönlichen Vorbilder E.T.A Hoffmann und Heinrich Heine kennen.[15]

Vergleichbar zu Schumann, gab es bei Wagner zwischen Herbst 1839 und Frühjahr 1840 ebenfalls eine Schaffensphase, in welcher er sich der Gattung des Klavierliedes widmete. Wagner verfolgte damit das eigentliche Ziel, einen Auftrag der Académie royale zur Komposition einer Oper zu erlangen. Mithilfe von Gesangsstücken versuchte er die Aufmerksamkeit bekannter Sänger und Sängerinnen für sich zu gewinnen. Diese sollten seine Lieder in den Salons von Paris vortragen und somit den Kompositionen Wagners etwas Werbung verschaffen.[16]

„Les deux grenadier“ ist das einzige Gesangsstück, welches während Wagners Aufenthalt in Paris gedruckt wurde. Es handelt sich hierbei um einen Privatdruck ohne der gebräuchlichen Plattennummer. Diese Erstausgabe enthält eine Widmung an Heinrich Heine. Der Musikwissenschaftler Egon Voss stellt hier die Vermutung an, dass Wagner Heine in einer Form verpflichtet war. So schließt er nicht aus, dass die Vertonung ein Dank Wagners für Heines (mutmaßliche) materielle Unterstützung sein könnte. Es kann zudem angenommen werden, dass Wagner sich auf diese Art und Weise bei Heine dafür bedanken wollte, dass dieser ihm gestattete künstlerische Elemente aus „Memoiren des Herren von Schnabelewopski“ für Wagners „Fliegenden Holländer“ zu verwenden.[17]

3. Analyse und Vergleich der Vertonungen an ausgewählten Stellen

3.1 Sechste und siebte Strophe

Mit dem Erreichen von Takt 45 (6.Strophe: Gewährˋ mir Bruder, eine Bittˋ...) bricht die Komposition für zwei Strophen bis zum Eintreten der Marseillaise aus ihrem Marschgewand heraus. Die Musik erklingt, nicht zuletzt aufgrund der harpeggienartigen Bewegung im Klavier[18], sehr viel bewegter und aufbrausender.

Betrachtet man den Klavierpart ab Takt 53, so fällt auf, dass der rhythmische Puls in Achtelnoten sich anfängt zu bewegen. Die linke Hand spielt dabei eine in Viertelnoten und in Legato notierte Linie aufwärts, welche innerhalb von jeweils zwei Takten über einen Rahmen von knapp zwei Oktaven (Vom „D“ im großen Oktavbereich zum „b“ im kleinen Oktavbereich) hinweg verläuft. Eine solche aufsteigende Bewegung steht bei Schumann neben dem Verlangen nach sehnsüchtigem Verlangen auch für ein Moment zunehmender Erregung.[19] Die rechte Hand ergänzt diese Bewegung der linken Hand im Achtelnoten-Offbeat harmonisch. Dieses zweitaktige Motiv setzt immer wieder neu ein, ab Takt 53 insgesamt viermal bis zum Ertönen der Marseillaise. Der zweite Takt jenes Motivs beinhaltet im Gesang eine Pause auf der dritten Zählzeit, wahrend das Klavier derzeit ein Crescendo macht. Diese Stelle ab Takt 53, die von Schumann mit „Schneller“ verseht wurde, wirkt durch ihren Aufbau insgesamt sehr gehetzt. Nicht zuletzt, da die zweitaktigen Motive mit einem immer wieder kehrenden Anlauf assoziiert werden können, welcher jedes Mal zum Scheitern kommt, bis dieser schließlich das vierte Mal gelingt und die Marseillaise in Takt 61 einsetzen kann. Die Musikwissenschaftlerin Sonja Gesse-Harm verknüpft hierbei das Bild eines „beschleunigten Herzschlag[es], in dem sich die Euphorie dieser aus verrückter Verzweiflung geborenen Vision [des einen Grenadiers] ausdrückt.[20]

Volker Kalisch wiederum interpretiert die musikalisch zum Ausdruck gebrachte Eile damit, dass das lyrische Ich seinen letzten Wunsch äußern möchte, bevor es unter Umständen zu spät sein könnte.[21] Man kann deshalb davon ausgehen, dass in seinem Textverständnis von Heines Ballade in Verbindung mit Schumanns Vertonung der Grenadier bereits in einem sterbenden Zustand liegt.

[...]


[1] Bermbach, Borchmeyer, Bermbach, Udo, & Borchmeyer, Dieter. Getauft auf Musik : Festschrift für Dieter Borchmeyer. Würzburg (Königshausen & Neumann) 2006

[2] Dietrich Fischer-Dieskau: Robert Schumann. Das Vokalwerk. dtv/Bärenreiter, München/Kassel 1985

[3] Bernhard Appel and Inge Hermstrüwer, eds., Robert Schumann und die Dichter. Ein Musiker als Leser (Düsseldorf: Droste, 1991), 164

[4] Susan Youeng: Maskenfreiheit and Schumann's Napoleon-Ballad. The Journal of Musicology, 2005

[5] Anneliese Schneider: Robert Schumann und Heinrich Heine. Eine historische Untersuchung anhand der Vertonungen mit Berücksichtigung einiger Probleme der Liedanalyse, Bd.I, S.89

[6] ebd., S.88

[7] ebd., S.95

[8] Susan Youeng: Maskenfreiheit and Schumann's Napoleon-Ballad. The Journal of Musicology, 2005

[9] Anneliese Schneider: Robert Schumann und Heinrich Heine. Eine historische Untersuchung anhand der Vertonungen mit Berücksichtigung einiger Probleme der Liedanalyse, Bd.I, S.88

[10] ebd., S.90

[11] Bermbach, Borchmeyer, Bermbach, Udo, & Borchmeyer, Dieter. Getauft auf Musik : Festschrift für Dieter Borchmeyer. Würzburg (Königshausen & Neumann) 2006

[12] Dietrich Fischer-Dieskau: Robert Schumann. Das Vokalwerk. dtv/Bärenreiter, München/Kassel 1985

[13] SVEN FRIEDRICH, Art. Wagner (Komponisten und Regisseure), Richard, BIOGRAPHIE, 2., in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., veröffentlicht 2016-08-26, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/13272

[14] Eckart Kröplin: Richard Wagner-Chronik. Stuttgart (Metzler) 2016.

[15] ebd.

[16] Bermbach, Borchmeyer, Bermbach, Udo, & Borchmeyer, Dieter. Getauft auf Musik : Festschrift für Dieter Borchmeyer. Würzburg (Königshausen & Neumann) 2006

[17] Bermbach, Borchmeyer, Bermbach, Udo, & Borchmeyer, Dieter. Getauft auf Musik : Festschrift für Dieter Borchmeyer. Würzburg (Königshausen & Neumann) 2006

[18] Anneliese Schneider: Robert Schumann und Heinrich Heine. Eine historische Untersuchung anhand der Vertonungen mit Berücksichtigung einiger Probleme der Liedanalyse, Bd.I

[19] ebd.

[20] Sonja Gesse-Harm: Zwischen Ironie und Sentiment. Heinrich Heine im Kunstlied des 19. Jahrhunderts, 2006 (Metzler) Stuttgart

[21] Henriette Herwig, Volker Kalisch (Hrsg.): Übergänge. Zwischen Künsten Und Kulturen, Stuttgart, 2007

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die beiden Grenadiere. Vertonung von Robert Schumann und Richard Wagner im Vergleich
Note
1,7
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V446366
ISBN (eBook)
9783668830523
ISBN (Buch)
9783668830530
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grenadier, Heinrich Heine, Schumann, Wagner, Marseillaise
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Die beiden Grenadiere. Vertonung von Robert Schumann und Richard Wagner im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446366

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