"Ohne Heimat sein heißt leiden." Zur Begrifflichkeit von Heimat und Ideologie in Joseph Roths "Kapuzinergruft"


Term Paper, 2018
20 Pages, Grade: 1,3

Excerpt

Inhalt

§1: Einleitung
§1.1. Joseph Roth. 1932

§2: Zur Heimat und Heimatlosigkeit
§2.1. Die Heimatbegrifflichkeit der Person Joseph Roth
§2.2. Die Sprache der Heimat(losigkeit)
§2.3. Die Räumlichkeit der Sprache
§2.4. Die Sprache der Kapuzinergruft
§2.5. Heimat in der Kapuzinergruft
§2.6. Das Jüdische in der Kapuzinergruft
§2.7. Heimatverlust in der Kapuzinergruft

§3: Zur Ideologie
§3.1. Ideologie und Heimat
§3.2. Das Ideologieverständnis Louis Althussers
§3.3. Die Ideologie der Sprache in der Kapuzinergruft
§3.4. Mythos in der Kapuzinergruft
§3.5. Dialektik in der Kapuzinergruft

§4: Conclusio

§5 Anhang
§5.1. Textstellen aus Joseph Roth, Die Kapuzinergruft (München: dtv, 2003)
§5.2. Literatur

„Wir sind alle Bruchstücke, weil wir die Heimat verloren haben“

§1: Einleitung

Joseph Roth gilt vielen als der personifizierte „Rhapsode Kakaniens“[1]. Sein literarisches Oeuvre ist geprägt von Heimatsuche und Patriotismus. Als k. u. k. „Chefnostalgiker“[2] schrieb Roth in der Diaspora bis zuletzt gegen „die Barbarei des Dritten Reiches“ an.[3] Er erschuf die Utopie eines mythischen Österreichs, wie es hätte sein können, und doch nie war. Dieses Essay hat zum Ziel die Begrifflichkeiten Heimat und Ideologie im Leben und literarischem Spätwerk Joseph Roths zu erörtern.

Joseph Roths erschriebene Ideologien werden anhand von Louis Althussers Aufsatz über Ideologie und ideologische Staatsapparate beleuchtet. Der Begriff Heimat, was Heimatlosigkeit für Roth bedeutet und wie dies in seinem Schaffen verortet werden kann, wird in historisch-autobiographischem Kontext betrachtet. Heimat definiert sich folgend als überwiegend emotionales und geistiges Phänomen, in diesem Fall als „eine nostalgische, aber unerfüllbare Sehnsucht.“[4] Heimatlosigkeit wird als das Fehlen von geistiger Verwurzelung bzw. Identität aufgefasst.[5] Roth verschriftlicht also einen Ort, der als bereits verloren angesehen wurde.

§1.1. Joseph Roth. 1932

„Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die österreichisch-ungarische Monarchie, zertrümmert. Ich habe es geliebt, dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbürger zugleich zu sein, ein Österreicher und ein Deutscher unter allen

österreichischen Völkern. Ich habe die Tugenden und die Vorzüge dieses Vaterlands geliebt, und ich liebe heute, da es verstorben und verloren ist, auch noch seine Fehler und Schwächen. Deren hatte es viele. Es hat sie durch seinen Tod gebüßt. Es ist fast unmittelbar aus der Operettenvorstellung in das schaurige Theater des Weltkriegs gegangen.“[6]

§2: Zur Heimat und Heimatlosigkeit

§2.1. Die Heimatbegrifflichkeit der Person Joseph Roth

Der Begriff Heimat galt für Moses Joseph Roth, 1894 im ostgalizischen Brody geboren, schon von frühster Jugend an als ausgehöhlt. Als deutschsprachiger Jude in einem überwiegend slawisch geprägten Kronland aufgewachsen, führte Roth eine doppelt marginalisierte Existenz. Durch seine klar westliche Akkulturation und deutsche Inklination stand er in stetem Zwiespalt zum multikulturellen, bäuerlichen Galizien. Hinzukommend wurde er nicht nur der nationalen, sondern auch einer emotional-familiären Identifikationsmöglichkeit beraubt. Durch die Abwesenheit eines Vaters und die Schwäche der Mutter, machten sich „Ungeborgenheit und Verlorenheit schon im Innersten Bereich der Familie breit.“[7] Emotionale Entwurzelung durch marode Familienverhältnisse und mangelnde ethnisch-regionale Verwurzelung können demnach als Ausgangspunkt für Roths konstante Identitätskrise und in weiterer Folge der Erschaffung literarischer Surrogatidentitäten gesehen werden. Sein Werk kann als fortwährender Identitätsfindungsversuch aufgefasst werden.[8]

Joseph Roth begriff sich als Heimatloser und erschrieb eine Welt, von der er glauben wollte, dass sie ihm Heimat des Denkens und des Fühlens ist.[9] Fiktive Heimat entdeckte er erst durch das Gefühl der Fremde. Im Pariser Exil, aus dem untergehenden Universum des Ostjudentums und der Habsburger Monarchie stammend, verwandelte der Autor die untergehende österreichische Welt in eine idealisierte, viel betrauerte, verlorene Heimat. Eine erdachte

Heimat, die ihm nie Heimat war. Roth verherrlichte das galizische „Schtetl“, mythologisierte die Donaumonarchie... und wurde überzeugter Monarchist. Laut Hermann Kesten „schreibend.“[10] Der Autor entwickelt sich gen Ende seines Lebens zum Mann einer verlorenen gegangenen Welt und gab sich, vom Alkohol schwer gezeichnet, vollends diesem längst versunkenen Kosmos hin.[11]

§2.2. Die Sprache der Heimat(losigkeit)

Gemäß Telse Hartmann liegt „die Heimat von Roths Figuren im Gefühl der Heimatlosigkeit.“[12] Joseph Roths Figuren sind oftmals autobiographisch geprägt, der Autor teilt ihr leidvolles Erleben, ihre Zerrissenheit und auch die Heimatlosigkeit. Roth flüchtete sich in die Sprache der Mythomanie, um gegen das Gefühl von Verlorensein anzukämpfen. Durch Dekonstruktion und Rekonstruktion von Stereotypen und durch narrative Maskenspiele mit allerlei Fakten, setzte er den klassischen Identitätsdiskurs seiner Charaktere und seines Ichs außer Kraft.[13] Mit den Jahren kumuliert sich so ein ganzes Biotop an Heimatlosen, marginalisierten Charakteren im Rothschen Kosmos. Heimatlosigkeit wird ergo zur conditio sine qua non für seine Erzählweise. Roth und seine Surrogate definieren sich nicht über die Heimatsuche, sondern über die physische und oft geistige Heimatlosigkeit. Das Schreiben, Schaffen, Erzählen gewährt Joseph Roth Obdach. Die Sprache wird zur temporären Heimat, zu einer Zufluchtsstätte.

§2.3. Die Räumlichkeit der Sprache

Signifikant an Joseph Roths Texten ist die Symbolik des Raumes und der räumlichen Peripherie. Das Funktionieren der Sprache in Roths Werk suggeriert, dass es keine räumliche Wirklichkeit außerhalb der Sprache gibt. Bei Roth ist Sprache kein bloßes Werkzeug, sondern eine Kraft, die Wirklichkeit erst gebiert. Auf Dauer gesteht Roth seinem

Protagonisten nicht nur keine Identitäts- und Heimatfindung im plastischen Sinne des Wortes zu, sondern unterminiert diese vollständig.[14] Heimat wird bei Roth zum Gedankenkonstrukt ohne geographische Verortung und zum alleinigen semantischen, ewig unerreichtem Raumkonstrukt.[15] Die räumliche Peripherie kreiert der Autor durch die Genese von mythischen Grenzstädten des Ostens, durch die ein habsburgischer Mythos von slawisch-föderalistischer Art hervorgebracht wird. In den fernen, kleinbäuerlichen Winkeln der Kronländer, wo formerhaltende Tradition das Leben prägt, verortet Roth die wahrhaftige Identität der Monarchie (siehe Anhang 1.1.).[16] Orte wie Sipojle und Zlotogrod werden zu seelischen Refugien. Er erträumt sich seine „hybride, plurikulturelle Utopie in den Grenzregionen der Provinz“.[17] Gemäß Foucaults Konzept der Heterotopie, ist Roths Schreiben der Versuch liminale Räume zu gestalten, um Charakteren abseits der homogenen sozial-kulturellen Gesellschaft einen literarischen Raum, ein Eingedenken zu gewähren.[18]

§2.4. Die Sprache der Kapuzinergruft

Die Kapuzinergruft wurde 1938, inmitten einer immer faschistischer werdenden Gesellschaft veröffentlicht. Dieses Werk ist „der Raum, wo die Symbole der alten Welt vermodern“[19] und ist sowohl Abgesang auf den sterbenden Vielvölkerstaat, als auch elegisches Schriftzeugnis einer rückwärtsgewandten Utopie. Roths „Requiem auf die Monarchie“ kennzeichnet sich durch einen stark romantisierenden Habsburgertopos, nahezu bar von Kritik. Doch auch innerhalb dieser Evokation einer verklärten Vergangenheit führt Sprache signifikante emotionale, ästhetische und ethische Konnotationen mit sich. Roth lädt die für ihn leere Hülle Heimat durch seine Sprache mit Bedeutung auf.[20] Mittels Erzählen verhilft er dem Symbol

Heimat zu Begrifflichkeit (Anhang 1.2.). Somit wird die Kapuzinergruft zum hochcodierten literarischer Topos.

§2.5. Heimat in der Kapuzinergruft

Die Kapuzinergruft verschriftlicht die jüdisch-galizische und gleichzeitig Rothsche Sehnsucht nach einem Geistigen Ort gemeinsamer Werte und Normen. Der Protagonist Franz Ferdinand Trotta befindet sich stets auf der Suche nach Heimat („Ich bin nicht ein Kind dieser Zeit, es fällt mir schwer, mich nicht geradezu ihren Feind zu nennen“[21] ). Er tut es Joseph Roth gleich und findet temporäre Heimat in der Fremde, in der Sprache, der Symbolik

(siehe Anhang1.2.).[22] Der Besuch seines Vetters Joseph Branco ist Initialzündung zur Wiederentdeckung der alten slowenischen und später galizischen Welt seiner Ahnen, dem locus amoneus. "Alles fremd und fern und doch vertraut: durch den Geist der alten Monarchie".[23]

§2.6. Das Jüdische in der Kapuzinergruft

Joseph Roths Blickwinkel ist im Innersten ein jüdischer. Jüdische Nebenfiguren wie der Kutscher Manes Riesiger und sein Sohn sind als Kontrastgestalten konzipiert, an denen gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklungen dokumentiert werden. Der Tod des als Kommunist erschossenen Reisiger-Sohnes „impliziert auf subtile Art die in den Rothschen Romanen sehr häufig in jüdische Handlungsträger verlegte Verkörperung des unter allen Umständen Verlierenden“. Auch verdeutlicht Joseph Roth in seinem Werk die „positive Einstellung“ galizischer Juden (und in diesem Fall des Manes Reisiger) zu Kaiser Franz Josef. „Die galizischen Juden brachten Franz Josef -liebevoll „Efroim Jossele“ genannt- eine mit romantischen Vorstellungen angereicherte kritiklose Verehrung entgegen“, die von Roth geteilt wurde (Anhang 1.3.).[24] Der alte Monarch war für die Juden eine identitässtiftende Figur und schenkte vermeintlich Heimat. Heimat findet Franz Ferdinand Trotta nicht in der

Ehe oder Familie (wie Roth), sondern am Rande der überwiegend jüdisch besiedelten Kronländer, diesen glühenden Brutstätten der Monarchie, wo er ein Fremder, ein Heimatloser ist.

[...]


[1] Wiebke Amthor, Hans Richard Brittnacher (Hrsg.), Joseph Roth- Zur Modernität des melancholischen Blicks (Berlin: De Gruyter, 2012), 7.

[2] Richard Wagner, „War Joseph Roth vielleicht Ruthene?“, Neue Zürcher Zeitung, 3. Juni 2008, https://www.nzz.ch/war_joseph_roth_vielleicht_ruthene-1.749156 (zugegriffen am: 4. April 2018)

[3] Eva Pfister, „Böse, besoffen, aber gescheit", Deutschlandfunk, 4. Juli 2015, http://www.deutschlandfunk.de/eine-lange-nacht-ueber-joseph-roth-boese-besoffen-aber.704.de.html?dram:article_id=321824 (zugegriffen am: 4.April 2018)

[4] Wilfried von Bredow, Hans-Friedrich Foltin, Zwiespältige Zufluchten. Zur Renaissance des Heimatgefühls (Bonn: Dietz Verlag, 1981), 8.

[5] Louisa Robertz, Heimatlosigkeit bei Joseph Roth. Analyse autobiografischer Züge an den Beispielen "Juden auf Wanderschaft", "Hiob" und "Die Kapuzinergruft" (München: GRIN Verlag, 2015), 3.

[6] Jan Aller, Vivat Austria: Schönwiese, Kafka, Roth, Stifter: Studien zur österreichischen Literatur (Amsterdam: Rodopi, 1985), S. 85

[7] Wolfgang Müller-Funk, Joseph Roth (Wien: Sonderzahl, 2012), 28.

[8] Vilma Göte, Zur Identitätskrise- ein interkultureller Vergleich anhand von Texten Joseph Roths und Liviu Rebreanus (Miercurea Ciuc: Diacronia, 2008), 446.

[9] Mira Miladinovic Zalaznik, Johann Georg Lughofer (Hrsg), Joseph Roth: Europäisch-jüdischer Schriftsteller und österreichischer Universalist (Berlin: De Gruyter, 2011), 160.

[10] Hermann Kesten, Joseph Roth, Flucht vor dem Nichts (Brünn: Der Monat, 1953), 473-477.

[11] Michael Bienert, Von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität. Europa als Thema Joseph Roths (Milano: Studia theodisca III, 1996) 13.

[12] Eva Reichmann, Habsburger Aporien? Geisteshaltungen und Lebenskonzepte in der multinationalen Literatur der Habsburger Monarchie (Bielefeld: Aisthesis, 1998) 133-146.

[13] Frank Stern, Wien und die jüdische Erfahrung 1900-1938: Akkulturation-Antisemitismus-Zionismus (Wien: Böhlau, 2009), 390-391.

[14] Daniel Romuald Bitouh, Ästhetik der Marginalität im Werk von Joseph Roth: Ein postkolonialer Blick auf die Verschränkung von Binnen- und Außerkolonialismus (Tübingen: Narr Francke Attempto, 2016), 25-26.

[15] Andrea Lobensommer, Die Suche nach «Heimat»: Heimatkonzeptionsversuche in Prosatexten zwischen 1989 und 2001 (Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften: 2010),80-81.

[16] Verena Fendl, Joseph Roths "Die Kapuzinergruft“ (München: GRIN Verlag, 2011), 2.

[17] Moritz Csáky, Das Gedächtnis der Städte. Kulturelle Verflechtungen- Wien und die urbanen Milieus in Zentraleuropa (Wien: Böhlaum, 2010) 350.

[18] Amthor, Brittnacher: Roth, 11-12.

[19] Alfred Doppler, Die Kapuzinergruft: Österreich im Bewußtsein von Franz Ferdinand Trotta, in: Michael Kessler und Fritz Hackert (Hsg.): Joseph Roth. Interpretation. Rezeption. Kritik. (Tübingen: Stauffenburg, 1990), S. 97.

[20] Lobensommer: Heimat, 98.

[21] Joseph Roth, Die Kapuzinergruft: Roman (München: dtv, 2003), 1.

[23] Ingeborg Waldinger, „Ein aufgeladenes Pflaster“, Wiener Zeitung, 9. April 2016, https://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/811456_Ein-aufgeladenes-Pflaster.html (zugegriffen am: 5. April 2018)

[24] Margarita Pazi, Staub und Sterne. Aufsätze zur deutsch-jüdischen Literatur (Göttingen: Wallenstein 2001) 207.

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Details

Title
"Ohne Heimat sein heißt leiden." Zur Begrifflichkeit von Heimat und Ideologie in Joseph Roths "Kapuzinergruft"
College
University of Groningen  (Arts, Culture and Media)
Grade
1,3
Author
Year
2018
Pages
20
Catalog Number
V446486
ISBN (eBook)
9783668830608
ISBN (Book)
9783668830615
Language
German
Tags
ohne, heimat, begrifflichkeit, ideologie, joseph, roths, kapuzinergruft
Quote paper
Antonia Tremmel-Scheinost (Author), 2018, "Ohne Heimat sein heißt leiden." Zur Begrifflichkeit von Heimat und Ideologie in Joseph Roths "Kapuzinergruft", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446486

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