Bürgerversicherung versus Kopfpauschale. Zwei Finanzierungsmodelle für das deutsche Gesundheitswesen im Vergleich


Bachelorarbeit, 2014
50 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Ausgangssituation
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung

2. Deutsches Gesundheitswesen im Uberblick
2.1 Gesetzliche Krankenversicherung
2.2 Private Krankenversicherung
2.3 Kennzahlen des deutschen Gesundheitswesens

3. Internationale Gesundheitswesen im Vergleich
3.1 Das Gesundheitswesen in England
3.1.1 Kennzahlen des englischen Gesundheitswesens
3.1.2 Qualitatdes englischen Gesundheitswesens
3.2 Das Gesundheitswesen der Schweiz
3.2.1 Kennzahlen des schweizerischen Gesundheitswesens
3.2.2 Qualitat des schweizerischen Gesundheitswesens

4. Das Modell der Burgerversicherung
4.1 Das Konzept der SPD im Wahlkampf 2005
4.2 Das Konzept der SPD im Wahlkampf 2013
4.3 Finanzierung und Versichertenkreis
4.4 Versorgungsqualitat
4.5 Kritikam Modell

5. Das Modell der Kopfpauschale
5.1 Das Konzept derCDU/CSU im Wahlkampf2005
5.2 Das Konzept der CDU/CSU im Wahlkampf 2013
5.3 Finanzierung und Versichertenkreis
5.4 Versorgungsqualitat
5.5 Kritikam Modell

6. Ergebnisse der Fragestellungen
6.1 Effizienz des deutschen Gesundheitswesens
6.2 Optimales Finanzierungsmodell
6.3 Reformansatze und aktuelle Entwicklungen

7. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
7.1 Allgemeine Zusammenfassung und kritische Anmerkungen
7.2 Stand der Forschung und Literaturkritik

Abbildung 1 Altersaufbau der Bevolkerung in Deutschland

Abbildung 2 Modell des Gesundheitsfonds „Eigenkreation“ in Anlehnung an von Troschke

Abbildung 3 Entwicklung derGesundheitsausgaben in Anlehnung an destatis..

Abbildung 4 Organisationsstruktur des englischen Gesundheitswesens in An­lehnung an Wendt

Abbildung 5 Krankenversicherungs-Kostenentwicklung der Schweiz 2013

Abbildung 6 Gesundheitsausgaben am BIP in Anlehnung an die OECD

Abbildung 7 Lebenserwartung in Anlehnung an die OECD

Abbildung 8 Krebs Inzidenz in Anlehnung an die OECD

Abbildung 9 Simulationsstudie Krankenversicherungssatze Bartsch

Abbildung 10 Entwicklung der GKV Einnahmen

1. Ausgangssituation

Ausgehend von einer alter werdenden Gesellschaft mit immer mehr Senior/innen1, und einer schleichenden Rationierung im Gesundheitswesen, wird regelma&ig in den Medien eine „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen be- furchtet. Die vorliegende Arbeit soil das deutsche Gesundheitswesen mit Blick auf die Reformvorschlage der Kopfpauschale und der Burgerversicherung ana- lysieren. Im Wahlkampf zur Bundestagswahl im Jahr 2005 standen sich zwei Modelle der Finanzierung gegenuber. Die Burgerversicherung von der Sozial- demokratischen Partei Deutschlands (SPD) und das Modell der Kopfpauschale der Christlich Demokratischen Union(CDU). In der folgenden Bachelor-Arbeit soil einleitend das deutsche Gesundheitswesen, das primar im Sozialgesetzbuch V (SGB V) geregelt ist, in seinem Aufbau und seinen Kennzahlen vorgestellt werden. AnschlieBend sollen auslandische Vergleiche herangezogen werden. Zum einen das englische Gesundheitsweisen, das steuerfinanziert ist und dem der Burgerversicherung gleicht. Und zum anderen das schweizerische Gesund­heitswesen, das die Kopfpauschale beinhaltet.

1.1 Problemstellung

Die gesetzliche Krankenversicherung, die aus dem Jahr 1883 stammt und somit die alteste staatlich gestutzte Gesundheitsversorgung darstellt, steht regelma&ig in der Kritik. Sie ist in ihrer jetzigen umlagenfinanzierten Form abhangig von der Lohn- und Beschaftigungsentwicklung in der Bundesrepublik. So ist bei einer zu erwartenden alter werdenden Gesellschaft, mit einer Erhohung des Alters- quotienten, die zukunftige Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung auf langfristige Sicht in Gefahr.

Lediglich „32 % der in Deutschland lebenden Menschen gehen einer sozialver- sicherungspflichtigen Beschaftigung nach; im Umkehrschluss bedeutet dies: 68%, und die Finanzierung derer Sozialleistungen werden zum groBten Teil von jenen 32% geschultert" (Birkner 2008:68-69). In dieser Entwicklung, die seit Jahrzehnten feststellbar ist, entsteht ein Einnahmenproblem, das vor Wirt- schaftskrisen und schlechter Lohnentwicklungen nicht gesichert ist. In Bezug auf den demografischen Wandel der trotz aktueller Einwanderungsdebatten unauf- haltbar auf die Bundesrepublik zukommt, hat das statistische Bundesamt im Jahr 2009 in seiner Bevolkerungsvorausberechnung folgende Bevolkerungsent-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Altersaufbau der Bevolkerung in Deutschland vgl. statistisches Bundesamt 2009:15

Politiker beider großer Volksparteien haben das erkannt und in ihrem wahlkampf im jahr 2005 fur ihre modelle der zukunftigen Finanzierung geworben. Beide Modelle konnen ebenso als Chance wie als Herausforderung fur das deutsche Gesundhitswesen angesehen werden.

1.2 Zielsetzung

Die Zielsetzungen dieser Bachelor-Arbeit sind:

1. Die Effizienz des deutschen Gesundheitswesen zu klaren.
2. Internationale Vergleiche herzustellen.
3. Eine theoretische Betrachtung beider Modelle.
4. Handlungsempfehlungen fur zukunftige Gesundheitsreformen anzu- sprechen

2. Deutsches Gesundheitswesen im Uberblick

Das Gesundheitswesen in der Bundesrepublik Deutschland wird von staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen getragen. Bund, Lander und Gemeinden sowie private Krankenversicherungen, gesetzliche Krankenversicherungen, Unfall- Versicherungen, Rentenversicherung sowie Arbeitgeber und private Haushalte aufgeteilt ist. Alle genannten Institutionen sind an der Finanzierung der Gesundheitsausgaben beteiligt (vgl. Lauterbach 2013:75). Die vielen Akteure im Gesundheitswesen fuhren zu Unubersichtlichkeiten, die Reformen erschweren.

Die Grundprinzipien des Gesundheitswesens in den gesetzlichen Krankenkassen entsprechen denen der Sozialversicherung im Allgemeinen:

- Solidarity
- gesetzlichgeregelte Anspruche
- Sachleistungsprinzip
- Subsidiarity
- Selbstverwaltung (vgl. von Troschke 2012:81).

Das Grundprinzip der privaten Krankenversicherungen entspricht dem Aquivalenzprinzip, auf das in Abschnitt 2.2 eingegangen wird.

Das Subsidiaritatsprinzip, von dem haufig die Rede ist, definiert Troschke als „...Hierarchisierung der Verantwortlichkeit vom Individuum uber seine Familie, die Gemeinde, soziale Unterstutzungssysteme bis schlieBlich zum Staat, der als letzte Instanz in der Not Absicherung gewahrt" (von Troschke 2012: 83).

Im deutschen Gesundheitswesen existiert im Bereich der Krankenhaus-, Arzt- und Facharztwahl Wahlfreiheit. Voraussetzung hierfur ist lediglich, dass der behandelnde Arzt Vertragsarzt der Kassenarztlichen Vereinigung ist. Die Kassenarztlichen Vereinigungen teilen sich auf Landerebene auf.

Die anfangs erwahnten Akteure werden durch den stationaren, ambulanten, rehabilitativen und den Arzneimittelsektor vervollstandigt.

Birkner, Buchner und Wasem sprechen in Anlehnung an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von den „drei zentralen Akteuren im Gesundheitswesen". Diese lassen sich in Leistungserbringer, die sich in Form von (Apotheken, Krankenhausern und Pflegeheimen) zeigen. In Verbraucher, die (Versicherungsschutz haben und Patienten) darstellen. In Leistungskaufer in Form (Versicherer und Staat) zeigen (vgl. Hurrelman 1999:129-130).

Das deutsche Gesundheitswesen lasst sich als komplexes sozialstaatliches Konstrukt zusammenfassen, bei dem eine groBe Anzahl an Akteuren die Hande im Spiel hat. Der Staat hat hierbei Kompetenzen abgegeben, indem er das Prinzip der Selbstverwaltung einzelnen Berufsgruppen und gesetzlichen Krankenkassen uberlieB. Diese regeln Vergutungen und eine groBe Anzahl der Rahmenbedingungen durch Kollektivverhandlungen, zum Beispiel werden in den Kollektivverhandlungen Honorarfragen geklart.

Das deutsche Gesundheitswesen ist regelma&ig von Anderungen betroffen. So spricht Lieb von gegenwartigen Umbruchen[n] im Gesundheitssystem ... ,[die] zahlreiche Herausforderungen mit sich [bringen]..." (Lieb 2010:11). In Bezug auf diese Herausforderungen existiert der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der 2004 mit dem Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung eingefuhrt wurde. Dieser setzt sich aus Vertretern der Leistungserbringer-, Empfanger- und Bezieher zusammen, wobei die Empfanger ausschlieBlich Mitsprache haben, und kein Mitstimmrecht. Die des G-BA besteht darin, uber Zugangsvariablen, Leistungen und Vergutungen im Gesundheitswesen zu entscheiden. In seinen Aufgaben wird der G-BA vom Institut fur Qualitat und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen durch Gutachten unterstutzt. Uber die medizinische Notwendigkeit von Behandlungen und uber deren Notwendigkeit fur die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) entscheidet der G-BA (vgl. SGB V §92).

2.1 Gesetzliche Krankenversicherung

Die von Bismarck eingefuhrte gesetzliche Krankenversicherung, die ihren Ur- sprung im Jahr 1883 hat, ist die alteste offentliche Krankenversicherung der Welt. Anfangs war sie nicht fur alle Arbeitnehmer. Mit einen stetig wachsenden Anstieg der Mitglieder und einer Steigerung ihrer Leistungen versichert sie mittlerweile 90% der Bevolkerung. Historisch gesehen gliedern sich die Krankenkassen in vier Bereiche: die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), der Verband der Ersatzkassen (VdEK), zu denen beispielsweise die Techniker Krankenkasse ge- hort, die Innungskrankenkassen und die Betriebskrankenkassen. Im Leistungs- umfang unterscheiden sie sich in einem Umfang von 1%. Auf Bundesebene haben sich diese Kassen im Spitzenverband der der gesetzlichen Krankenver- sicherungen organisiert. Dieser nimmt die Interessen der gesetzlichen Kranken­kassen auf Bundesebene war.

Wie in Abschnitt 2.1 beschrieben erfolgt die Finanzierung paritatisch uber Arbeit- nehmer, Arbeitgeber und bei Bedarf uber Bundeszuschusse, die uber den Gesundheitsfonds an die jeweiligen Krankenkassen verteilt werden. Die jeweiligen Krankenkassen haben als Organisationsform die der „Korperschaften des offentlichen Rechts".

Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert diese als „Verband des offentlichen Rechts, der auBerhalb der durch die Behorden dargestellten unmittelbaren Staatsverwaltung offentliche Aufgaben unter staatlicher Aufsicht und ggf. unter Einsatz hoheitlicher Mittel wahrnimmt" (vgl. GablerWirtschaftslexikon).

So nehmen die Krankenkassen offentliche Aufgaben wahr und werden uber das Bundesgesundheitsministerium und das Bundesversicherungsamt kontrolliert.

In Deutschland gibt es 134 gesetzliche Krankenkassen mit rucklaufigem Trend. Im Vergleich zu anderen Sozialversicherungstragern wie der Deutschen Renten- versicherung Oder der Agentur fur Arbeit und den Pflegekassen verfugen sie uber weitgehende Autonomie. Im Jahr 1995 existierten in der Bundesrepublik noch 960 gesetzliche Krankenkassen (vgl vdek 2014: 13)

Die Krankenkassen wahlen ihren Vorstand selbst und verwalten sich komplett selbststandig. Seitens des Staates werden ausschlieBlich die Rahmen- bedingungen geschaffen, die Organisation der Krankenkassen obliegt der Selbstorganisation.

Unabhangig von Krankheit und Alter setzen sich die Beitrage der gesetzlichen Krankenversicherung ausgehend vom Bruttolohn des Arbeitnehmers zusammen. Gedeckelt wird dies bis zur sogenannten „Beitragsbemessungsgrenze“ die im Jahr 2014 bei 48.600,-€ Jahresgehalt lag. Arbeitnehmer, die uber diesem Jahreseinkommen liegen, zahlen keine weiteren Beitrage. Die Festsetzung der Bemessungsgrenze erfolgt durch das Bundeskabinett und richtet sich nach der Lohnentwicklung der letzten zwei Jahre.

Weitere Erkennungszeichen der gesetzlichen Krankenversicherung sind die „Familienversicherung“ und der „Kontrahierungszwang“. Die gesetzlichen Krankenversicherungen mussen jeden Anwarter, der zu ihrer Krankenver­sicherung wechseln mochte, aufnehmen. Dies stellt den Kontrahierungszwang dar.

Die Familienversicherung stellt eine beitragsfreie Versicherung fur Ehepartner, die uber ein geringfugiges Einkommen verfugen, und uber Kinder, die das 18. Lebensjahr noch nicht erreicht haben dar. Unter der Voraussetzung der Schul- oder Berufsausbildung kann dieses Alter bis zum 25. Lebensjahr verlangert werden (vgl. Lauterbach 2013:109).

Die gesetzlichen Krankenversicherungen unterliegen dem Gebot der Wirtschaft- lichkeit, das im SGBV § 12 geregelt ist. Dieser Paragraph besagt, „Die Leistungen mussen ausreichend, zweckma&ig und wirtschaftlich sein; sie durfen das MaB des Notwendigen nicht uberschreiten" (SGB V:§12 Abs. 1).

Zuzahlungen fallen bei Medikamenten, Hilfsmitteln und bei Zahnersatz an. So sollen die Zuzahlungen bei 10% des Abgabenpreises liegen. Die Mindest- zuzahlung betragt jedoch 5,-€ und maximal 10,-€ pro Verschreibung. Kranken- hausaufenthalte kosten 10,-€ pro Tag bis maximal 28 Tage pro Kalenderjahr (vgl. Lauterbach 2013:110).

Mit dem eingefuhrten Wettbewerb durch die Offnung des Kassenwechsels in der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 1996 kam es dazu, dass einige Krankenkassen in wirtschaftliche Schieflagen gerieten. So kam es dazu, dass junge und gut informierte Versicherte mit einem geringen Risiko der Erkrankung zu gunstigen Krankenkassen wechselten. Urn dieser Entwicklung entgegenzu- wirken bzw. vorzubeugen wurde der Risikostrukturausgleich (RSA) eingefuhrt (vgl. Lauterbach 2013:113). Mitdem imJahr2009 erneuerten Morbi-RSAkam es zum Ausgleich unter den Bedingungen von:

- Mitversicherten Familienangehorigen
- Alter
- Geschlecht
- Erkrankungen
- Einkommen der Versicherten.

In Morbi-RSA werden Krankheiten berucksichtigt. So wurden im Rahmen ,,... der morbiditatsorientierten Weiterentwicklung [..] 80 schwerwiegende und kosten­intensive Krankheiten aufgenommen, die uber den Morbi-RSA ausgeglichen werden sollen. Zudem werden die Mitglieder der gesetzlichen Krankenver­sicherung in Morbiditatsgruppen zugeordnet. Die sich in Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand einteilen" (Lauterbach 2013:115).

In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass die Festlegung jener 80 Krank­heiten Folge politischer „Kompromisse“ ist und wie Breyer schreibt „... ohne Weiteresweitere Krankheiten berucksichtigen [konnte]“(Breyer2013:343).

Der Risikostrukturausgleich ist im § 266 SGB V verankert. In seinen Grund- prinzipien entspricht er denen der Sozialversicherungen und hat den Grund- gedanken der „Solidaritat“.

Da in der gesetzlichen Krankenversicherung Beitrage unabhangig vom gesund- heitlichen Risiko kalkuliert werden, und diese ihre Risiken individuell mit Hilfe des Morbi-RSA kalkulieren werden, findet Solidaritat ausschlieBlich im Risikopool statt (vgl. GreB 2010:6). Diese Aussage wird gestutzt von Strunck, der schreibt, mit dem Gesundheitsstrukturgesetz sind auf der Seite der Kostentrager neue Anreize gesetztworden, Mitgliederzu gewinnen und eine gegenseitige Ver- tragspolitik zu gestalten" (Strunck 2009:46).

Der Gesundheitsfonds, in den die Beitrage der Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Steuermittel flie&en, verteilt diesen an die Krankenkassen weiter. Die Hohe der Zuweisungen wird anhand des „RSA“ ermittelt. Abbildung zwei soil den Gesund­heitsfonds darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Model/ des Gesundheitsfonds„Eigenkreation“ in Anlehnung an von Troschke vgl. von Troschke 2012:86.

AbschlieBend sei angemerkt, dass der groBte Empfanger aus dem Morbi-RSA die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) ist. Die groBte Zahlerkasse sind die Be- triebskrankenkassen, die im Morbi-RSA 7,8 Milliarden Euro mehr einzahlten, als sie empfingen (vgl. Lauterbach 2013: 115).

2.2 Private Krankenversicherung

Momentan sind circa 10% der deutschen privat krankenversichert. In ihrem Auf- bau sind die GKV und die private Krankenversicherung (PKV) grundverschieden. Mitglied der PKV konnen diejenigen werden, die nicht der Versicherungspflicht unterzogen sind. Dies sind Beamte, Selbststandige, Freiberufler und Arbeit­nehmer, deren Einkommen ein Jahr lang uber der Versicherungspflichtgrenze die im Jahr2014 bei 53.550,-€ Jahreseinkommen liegt.

Die PKV unterscheidet zwischen Vollversicherten, die die oben genannten 10%

der Bevolkerung umfassen sowie uber eine Zusatzversicherung, von der auch GKV-Mitglieder Gebrauch machen konnen.

Die Hohe der Versicherungspramien richtet sich im Gegensatz zur GKV nach dem Alter, und der Morbiditat der Versicherten. So kalkulieren die PKV die Pramien so, dass die durchschnittlichen Pramien hoher sind, als die jeweilige Altersgruppe eigentlich bezahlen musste. So werden Altersruckstellungen auf- gebaut. Auch bei chronischen Erkrankungen und Vorerkrankungen steigt die Pramie. Die Selbstbeteiligung kann der Versicherte selbst bestimmen. Mit hoheren Selbstbeteiligungen, sinkt die Pramie da seitens der Versicherung das Risiko sinkt. Ebenso sind Ruckerstattungen moglich, die beispielsweise in An- spruch genommen werden, wenn der Versicherte keine arztlichen Oder medizinischen Leistungen in Anspruch genommen hat (vgl. Birkner2008: 88-89). Das Aquivalenzprinzip der PKV, das mit hoheren Pramien bessere „Leistungen“ impliziert, ist im Vergleich zur GKV und dessen Solidarprinzip grundverschieden. So ist es durchaus moglich, dass mehr Leistungen wie Chefarztbehandlungen, Einzelzimmer und Massagen im Vertrag hinzugekauft werden konnen. In Bezug auf die Finanzierung der PKV ist von einer groBeren „lmmunitat“ gegen eine alternde Bevolkerung durch das Kapitaldeckungsverfahren der PKV auszugehen, schreibt Wasem (vgl. Hurrelmann 2013:139-140). Dies liegt auch daran, dass die PKV im Gegensatz zur GKV nicht im Umlagenverfahren, dass von den Arbeitnehmern erarbeitete Einkommen gleich weiter in den Gesundheitsfonds umlegt. Die Abhangigkeit vom Arbeitsmarkt und der Lohnentwicklung ist in diesem Verfahren sehr groB. Im Kapitaldeckungsverfahren deckt jeder Ver­sicherte sein eigenes Risiko ab, so dass in jungen Jahren fur das Alter eine finanzielles Polster angehauft wird, das zudem, auf dem Finanzmarkt verzinst wird und so eine weitere geringfugige Wertsteigerung erlangt. Der aktuelle niedrige Zinssatz stellt hierbei eine nicht unerhebliche Gefahr dar, da die Zins- satze aktuell auf einem niedrigem Rekordniveau liegen Nachteilig zeigt sich die PKV in Bezug auf die teilweise „unkontrollierten“ Pramienerhohungen im Laufe der Jahre, da die Pramien bei Vertragsabschluss dem Status Quo des konstanten medizinischen Fortschritts entsprechen. Diese berucksichtigen jedoch nicht den in der Realitat starkeren Ausgabenzuwachs auf Grund des medizinischen Fortschritts. Dies fuhrt zu einer Erhohung der Pramien trotz einkalkulierten Alters- und Morbiditatsrisiko in den Altersruckstellungen (vgl. Breyer 2013:570).

„Seit dem 1.Januar2009 ist die PKV verpflichtet, einen Basistarif anzubieten. Der Basistarif ist mit dem Leistungsumfang der der GKV vergleichbar. Die Ver- sicherungspramie darf den durchschnittlichen Hochstbeitrag der gesetzlichen Krankenversicherung nicht ubersteigen (Lauterbach 2013:117). Dies stellt eine gewollte Angleichung von der Politik an die GKV dar. Folglich ist seitens der PKV- Verbande gegen diese „Angleichung“ der Systeme stark protestiert worden.

2.3 Kennzahlen des deutschen Gesundheitswesens

Die Einnahmen der GKV werden laut dem GKV-Schatzerkreis und dem Spitzen- verband der gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2013 circa 192 Milliarden Euro betragen. Im Gegenzug werden die Ausgaben bei circa 189 Milliarden Euro liegen (vgl. Bundesversicherungsamt).

Die hieraus resultierenden Uberschusse behalten sich die GKV als Reserven. So besteht auch die Moglichkeit seitens der Krankenkassen, bei guter finanzieller Lage, Uberschusse an Versicherte in Form von Dividenden zuruckzuzahlen. Aktuelle Beispiele sind hierfur die Techniker Krankenkasse. Mit 293 Milliarden Euro Gesamtausgaben im Jahr 2011, zeigt das deutsche Gesundheitswesen Jahr fur Jahr eine Erhohung der Ausgaben. So lagen beispielsweise im Jahr 2009 die Ausgaben der GKV bei 160 Milliarden Euro. Zwei Jahre Spater im Jahr 2011 bei 168 Milliarden Euro (vgl. Statistisches Bundesamt). Diese Entwicklung lasst sich seit 40 Jahren beobachten. So waren im Jahr 1970 die Ausgaben als Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei 6%. Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert das Bruttoinlandsprodukt als: „Ma& fur die gesamte wirtschaftliche Leistung in einer Volkswirtschaft in einer Periode“(vgl. Gabler Wirtschaftslexikon). Im Jahr 2007 lag dieser Wert bei 10,4%. Abbildung drei soil dies veranschau- lichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Entwicklung der Gesundheitsausgaben in Anlehnung an destatis vgl. destatis.

Dieser Trend hat sich gegenwartig fortgesetzt. So betrug der Wert im Jahr 2011 11,8% und somit deutlich uber dem Schnitt der OECD Staaten. Ebenso lagen die Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben der Bundesburger lagen bei 4486 US Dollar und auch deutlich uber dem OECD-Schnitt (vgl. OECD Gesundheitsdaten 2013).

So lasst sich festhalten, dass die Bundesrepublik Deutschland und deren Burger sich Gesundheit einen groBen Teil ihres erwirtschafteten Einkommens kosten lassen.

Eine Mehrheit der Bundesburger geben bei der Gesundheitsberichterstattung an, vom Jahr 2009 an mit ihrer Gesundheit zufrieden zu sein. So waren 73 % der befragten Manner und 68% der befragten Frauen mit ihrer Gesundheit zufrieden. Mit steigendem Alter sinkt die Zufriedenheit. So waren 91% der befragten Manner und 87% der befragten Frauen unter einem Alter von 29 Jahren mit ihrer Gesundheit sehr zufrieden. Bei befragten, die das Alter von 65 Jahren uber- schritten hatten, waren nur noch 52% der Manner und 46% der Frauen zufrieden (vgl. Gesundheitsberichterstattung 2009:51). Es lasst sich feststellen, dass die subjektive Gesundheit der Manner besser als die der Frauen ist.

3. Internationale Gesundheitswesen im Vergleich

Grundsatzliche herrscht in fast alien westlich Landern eine primare Absicherung im Krankheitsfall, die sich auf die Erstversorgung (Notfallversorgung) beschrankt. So waren beispielsweise 89,1% der deutschen Bevolkerung uber das offentliche Steuer- und Sozialversicherungssystem und 10,9% uber eine Private Krankenversicherung im Ernstfall versichert. Dies verhalt sich ahnlich in der Schweiz und in England, auf die in den weiteren Kapiteln Bezug genommen wird (vgl. Finkenstadt2013:10).

Im internationalen Vergleich lasst sich feststellen, dass die Notfallversorgung in steuerfinanzierten Systemen die Bevolkerung flachendeckender abgesichert als in beitragsfinanzierten Systemen. Dennoch sagtdiese Form derVersorgung nichts uber die Qualitat aus. So schreibt Finkenstadt „durch Rationierungs- ma&nahmen (z.B. Wartezeiten, Leistungsausschlusse oderZuzahlungen) kann sich der Zugang zum Gesundheitssystem im Landervergleich stark unterscheiden (Finkenstadt2013:12). Dies macht sich an langen Wartezeiten fur Facharzte, fur geplante Operationen und an Rationierung sonstiger medizinischer MaBnahmen bemerkbar.

Internationale Gesundheitssysteme unterscheiden sich in ihrer Finanzierung und ihrem Aufbau. So existiert zum einem steuerfinanzierte Systeme, durch den Aufbau nationaler Gesundheitsdienste faktisch zu einem Teil der Staatsverwaltung werden. Dies ist beispielsweise in England und Portugal der Fall. Aus den Hauptstadten wird die Gesundheitsversorgung vorgegeben. In Italien und Spanien hingegen gibt es regionale Gesundheitsdienste, die auf regionaler Ebene tatig sind. Dort erhalten einzelne Regionen die Kompetenzen der Gesundheitsversorgung. In Sudtirol (Italien) liegt die Kompetenz der Gesundheitsversorgung bei der Region Sudtirol. SchlieBlich gibt es die kommunalen Gesundheitsdienste, die in den skandinavischen Landern wie Norwegen, Finnland und Schweden ihre Heimat haben. In ihnen ubernehmen die Gemeinden die Kompetenzen der Gesundheitsversorgung. Die Besonderheit dieser Finanzierungsform ist, dass alle Burger einen garantierten Versicherungsschutz haben. Es existieren keine Krankenkassen, wie wir sie in Deutschland kennen.

Neben den steuerfinanzierten System existieren Gesundheitssysteme mit Sozialversicherungssystemen, die sie sich paritatisch aus den Beitragen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern solidarisch anhand des verfugbaren Einkommen der Arbeitnehmerfinanzieren. Neben der Bundesrepublik gehoren hierzu Lander wie Osterreich, Frankreich und Japan. Abgekoppelt von Einkommen, dennoch in Form einer Sozialversicherung ist die „Kopfpauschale“ zu betrachten. So bezahlen alle Arbeitnehmer unabhangig vom Einkommen einen pauschalen Beitrag in die Krankenversicherung. Finanziell schwacher gestellte Arbeitnehmer werden steuerlich bezuschusst. Die Niederlande und die Schweiz, auf die im weiteren Verlauf der Arbeit eingegangen wird gehoren zu den Landern die ein System der Kopfpauschale besitzen.

Am Rande sei erwahnt, dass die Krankenhausbettendichte, die nicht von den Gesundheitssystemen isoliert betrachtetwerden sollte, interessante Kennzahlen liefert. Lander mit Sozialversicherungssystemen weisen eine weitaus groBere Anzahl an Krankenhausbetten auf, als Lander deren Gesundheitsversorgung zentral vorgegeben wird. So stellt Deutschland die mit Abstand groBte Krankenhausbettendichte europaweit dar, unmittelbar gefolgt von weiteren Sozialversicherungssystemen wie Frankreich und Osterreich (vgl. Eurostat 2013:62).

[...]


1 Aus Grunden der Lesbarkeit wird in der weiteren Darstellung durchgangig die mannliche Form verwendet.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Bürgerversicherung versus Kopfpauschale. Zwei Finanzierungsmodelle für das deutsche Gesundheitswesen im Vergleich
Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule  (Gesundheit)
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
50
Katalognummer
V450171
ISBN (eBook)
9783668865822
ISBN (Buch)
9783668865839
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bürgerversicherung, kopfpauschale, zwei, finanzierungsmodelle, gesundheitswesen, vergleich
Arbeit zitieren
Ugur Cetinkaya (Autor), 2014, Bürgerversicherung versus Kopfpauschale. Zwei Finanzierungsmodelle für das deutsche Gesundheitswesen im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450171

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